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DENKSCHRIFTEN 



DER 

KAISERLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHI SCH - HISTORISCHE CLASSE. 

SIEBZEHNTER BAND. 




WIEN. 

AUS DER KAISERLICH-KÖNIGLICHEN HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

1868. 



LIB "\RY 

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INHALT. 

Erste Abtheilung. 

Abhandlungen von Mitgliedern der Akademie. 

Seite 

Miklosich, Dr. Franz Bitter v., Die slavischen Monatsnamen 1 

Pfeiffer, Dr. Franz, Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II 33 

Pfizmaier, Dr. August, Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. Ein Beitrag 

zur Kenntniss der Mundart von Jedo 123 

Zweite Abtheilung. 

Abhandlungen von Nicht-Mitgliedern. 
Karnitz, F., Eeise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. Ausgeführt im Jahre 1864, 

(Mit 5 Tafeln und einer Karte.) 1 



Erste Abtheilung. 



Abhandlungen von Mitgliedern der Akademie. 



DIE 



SLAVISCHEN MONATSNAMEN. 

VON 

Dr. FKANZ Bitter von MIKLOSICH, 

WIRKLICHEM MITGLIEDE DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 
VORGELEGT IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE AM 13. FEBRUAR 1867. 



Die slavischen Monatsnamen sind schon öfters von Sprach- und Alterthumsforschern unter- 
sucht worden; es hat jedoch bisher keiner alle bei den verschiedenen slavischen Völkern 
gebräuchlichen oder ehedem gebräuchlich gewesenen Monatsnamen zu erörtern unternommen. 
Die Abhandlung, die hiemit den Fachgenossen geboten wird, verfolgt das Ziel, die slavischen 
Monatsnamen nicht nur vollständig aufzuführen, sondern auch nach dem gegenwärtigen 
Stande der Sprachforschung zu erklären. Hiebei werden sich zahlreiche Abweichungen von 
den bisherigen Erklärungen ergeben, welche vollständig und in der Regel mit den eigenen 
Worten ihrer Urheber angeführt werden. Den einzelnen Monatsnamen sind die Quellen bei- 
gefügt, in denen sie sich finden. Auch ist nicht unterlassen worden, die analogen Monats- 
namen anderer, verwandter sowohl als unverwandter, Völker beizufügen, was in einigen Fällen 
die Deutung eines Namens näher begründet, in anderen geeignet ist, einen Einblick in das 
Wesen dieser Art Namen gebung zu gestatten. 

Eine allgemeine Bemerkung muss gleich hier in dieser kurzen Einleitung gemacht 
werden: Es ist nämlich ein Irrthum, anzunehmen, dass die nationalen Monatsnamen der 
heutigen Völker ursprünglich eigentliche Monatsnamen , d. h. Abschnitte des Jahres mit astro- 
nomisch bestimmtem Anfang und Ende, gewesen seien; es ist vielmehr unschwer nachzuweisen, 
dass sie dies erst dann geworden sind, als die Völker durch das Christenthum mit den römi- 
schen Monatsnamen bekannt geworden waren. Ursprünglich bezeichnet listopad, Laubfall, 
die Zeit des Laubfalls und nicht einen astronomisch bestimmten Abschnitt des Jahres, 
einen Monat; erst als die römischen Monatsnamen bekannt geworden waren, wurde der listo- 
pad, doch meist nur in der Schrift, nach Verschiedenheit der Gegend entweder auf den October 

Denkschriften der philos.-histor. Ol. XVII. Bd. 1 



2 



Da. Franz Miklosich 



oder November fixirt: daraus erklärt sich das Schwanken der Bedeutung vieler nationalen 
Monatsnamen , das man aus einer Übertragung von einem Monat auf den anderen deuten 
wollte; daraus erklärt sich ferners das allmälige Verschwinden dieser Namen bei den meisten 
(Kulturvölkern: die zum Theil räthselhaften Namen, die vor Jahrtausenden an der Tiber 
zuerst erklangen, erklingen jetzt in allen Theilen der Erde. 

Die Vorstellungen , welche den slavischen Monatsnamen zu Grunde liegen , gehören 
entweder dem Pflanzen- oder dem Thierreiche an; oder sie beziehen sich auf die Natur- 
erscheinungen im Grossen oder auf landwirtschaftliche Verrichtungen; oder sie hangen 
mit religiösen Gebräuchen zusammen; oder sie bezeichnen die Reihenfolge der Monate. Die 
Monatsnamen zerfallen demnach in folgende sechs Gruppen: 1. Monatsnamen, die aus dem 
Pflanzenreiche ; 2. die aus dem Thierreiche stammen ; 3. die mit Naturerscheinungen im 
Grossen; 4. die mit landwirtschaftlichen Verrichtungen; 5. die mit religiösen Einrichtungen 
zusammenhangen; und 6. die von der Reihenfolge der Monate hergenommen sind. Ln einem 
Anhange werden die aus anderen Sprachen entlehnten und jene Monatsnamen angeführt, 
um deren Erklärung ich mich vergeblich bemüht habe. 



I. Monatsnamen aus dem Pflanzenreiche. 

1. Bobi». 

nsl. bobov cvet Bohnenblüthe iunius. Handschr. 1466. 
bask. baguilla Bohnenmonat. Grimm 74. 

2. Breza. 

I. asl. breztm,, brezeni, Birkenmonat, die Zeit, wo die Birke sich belaubt oder wohl richtiger, 

die Zeit, wo sie ihren Saft gibt, aprilis. Zap. 5. 219 (b)rezen-B. Pokl. 1. 21. 
nsl. brezen martius. Meg. Oberkrain (neben susec). 

klruss. berezen aprilis. Rusalka 123. 124. Perem. sco na berezich brostje puskaje sa. L'vov- 

l'anyn 1861; martius. Mjasecoslov 1853. 
cech. brezen. Mat. - Verb, falsch : quia tunc animalia ad coitum moventur. Vodnansky. 

Erben 140: asl. breza und brezds sind wurzelhaft verschieden. 
Iii berzelis (Deminutivum von berzas) maius. Nessel. 328. 

IL asl. brezokt aprilis. Ev.-Trn. Ev.-Bulg. Ev.-Mih. c. Norov. b(r)ezokt. Lam. 1. 18. 

III. asl. brezozoh,: berezozoh, Birkengrün oder wohl wahrscheinlicher Birkensaft spendend 
(klruss. zola Birkensaft) aprilis Izv. 5. 220. Cod.-Saec. XV. Izv. 6. 288. Mat. 12. 

klruss. berezozol martius. Lew. 211. berezil'. Nomis 9. 10. e betulis emittens humorem, nam 
quaedam arbores, dictae betulae, copiosum hoc mense liquorem emittunt. Kulcz. 155. 
berezozol': tecet zola iz berezy. Petr. 100. Nach Erben 139. findet sich im russ. zola für 
martius, welches Karamzin als Asche auffasst, worin ihm Rakowiecki 56, allerdings 
zweifelnd, folgt, indem er sagt: w tym czasie Slowianie z brzeziny palili popioly do higu. 
brezozon,. Makarij 3. 286; Erben 139. fasst berezozoh, als letorost' auf. 

lit. sultekis Birkensaftfliessen (sula Birkensaft; tek: teku fliesse) aprilis. Nessel. 469. 



Die SLAvrsciiEN Monatsnamkk. 



3 



lett. sulu menesis Birkensaftmonat. Stender. Bibl.-Listy 1. 74. 
'esth. mahlaku Birkensaftmonat aprilis. Grimm 71. 
film, maaliskuu martius. Grimm 70. 
tatarisch toz ai Birkenrindenmonat. 

OStjakiscll sümet de tilis Birkensplintmonat. Schiefner 190. 192. 

3. Cvetb. 

nsl. cveten. Erben 147. cveticnjak maius. Sacharo v. 

kroat. cvitanj Blütenmonat aprilis oder maius. Petr. Zoranic aus Nin (Nona) in Pjesn. 
hrv. 2. 17. 

klrilSS. cviten aprilis. L'vovl'anyn 1861. Molytv. 1861. Perem. Lew. 211. sco perve c vif je iz 

zemly dobuvaje sa. Vinok 244. floridus. Kulcz. 155. 
cech. kvöten bei den Mährern; kvöteh maius bei den Slovaken. 
pol. kwiecien. 

lett. zedu menesis Blütenmonat, nach Stender Roggenblütenmonat iunius. Grimm 70. 
nl. bloeimaend maius. Corem. 21«. 
fries. blomenmoanne. Weinh. 14. 

4. Cresnja. 

serb. örßsnjarL: öerestnart Kirschenmonat iunius. Mon.-Serb. 356. 
mm. öireseriü iunius. Bar. öiresar. Pol. 
mrum. ceresar lu. Bojadzi 136. 

it. ciliegiajo, jon. cerasiaro Kirschenjuni. Neapolit. Reimchronik bei Mm'atori 6. 711. Diez, 
Wörterbuch 669. 

5. Dabb. 

c 

cech. duben Eichenmonat, die Zeit, wo die Eiche sich belaubt aprilis; od dubu, kter^ se puci 
toho mösice. Jungmann. Erben 139. 141. Man vergleiche finn. tammikuu Eichenmonat, 
das jedoch für ianuarius steht. Grimm 70. 71. 

6. Jecbmenb. 

c 

nserb. jacmenski (mjasec) augustus. Hauptmann. Zwahr 136. 
niederl. gerstmaen September. Weinh. 13. 

bask. garagarilla iunius, iulius. Astarlo 396. garagarilla iunius. Larramendi; garilla iulius. ibid. 
Diez, Wö-rterb. 670. 

7. Klasi». 

nsl. klasen Ahrenmonat iunius. Ev.-Tirn. Jambr. Saf. 2. 322. 367. Grimm 67. 
bask. buruilla September. Grimm 74. 

8. Lipa. 

I. klrilSS. lypeö iulius Lindenmonat. Rusalka 123. Lew. 211. 6t cvitucych i vonacych o töm öasi 
lyp, kotryji pcolam dobryj pozytok, pöol'aram majetok a slabym zdorovje prynosyly; 
lypöovyj med. L'vovl'anyn 1861. 1862. mellifer, nam copiosam mellis abundantiam 
affert. Kulez. 155. 



i * 



4 



Dr. Fbanz Miklosich 



pol. lipiec, lipiec (miod), ktory przez ten czas tylko, kiedy lipa kwitnie, pszczola robi. Linde. 
HSL lipan iunius. Jambr. 

serb. lipanj iunius. Mik. Naslad.-Duh. Vuk. Kratki-Nauk. ljepanj. Mik. 

IL klruss. lypen iulius. Perem. lypec: sco lypa cvyte, najluösyj pozytok dl'a bdzöl. Vinok 244. 

okolo seho vremeny rascvitajet sa lypa, iz kotoroj pöely prjacut bilyj med, toze lypcem 

nazvany. Petr. 124. 155. 
serb. lipstak: Kad kladenci prisisu usred ljeta i lipstaka. Handschrift aus Ragusa. 
lit. lepinis menü iulius. Nessel. 357. lepös menü. ibid. lepzedis menü Lindenblütenmonat 

(zedas flos). ibid. 
lett. lepu menesis iulius. Stender. 

9. Listt. 

I. asl. listopadt, die Zeit, da das Laub abfällt, october. Zogr. Norov. Lam. 1. 17. Ma- 

karij 3. 280. etc. ttgda (octobri) listt otL dreva padajett. Krmö.-Mih. 63. 
nsl. listopad november. Stol.-Prat. Jambr. 

serb. listopad october. Naslad.-Duh. Mik. Vuk. Kratki-Nauk. november. Mik. 

klruss. lystopad november. Perem. Lew. 211. quasi folia fundens. Kulcz. 155. lystopad, lysto- 

paden, padolyst: lystje vjane, zolkne i opadaje. L'vovl'anyn 1861. 1862. lyst obl'itaje. 

Vinok 245. 

cech. listopad: od listi, kterez s stromu tohoto mäsice pada. Jungmann. Erben 139. 

pol. listopad november. Chwalcz. 1. 13. liscia z drzew listopad zrywa. Linde. 

lit. lapkristis, lapkritis october: lapas folium; krit: krintu cado. Nessel. 349. 

deutscb. louprisi, in der Schweiz. Grimm 61. 69. Weinh. 12. Laubfall, fränkisch für Herbst; 

Laubfäller, scherzhaft für Herbst. Adelung, fall-leaf in Irland in derselben Bedeutung. 

Corem. 8. 

griech. cpuMo/oo? foliorum fusor, mensis, qui folia fundit. Hes. bei Poll. 1. 231. vgl. Alciphr. 

3. 10. Plut. Symp. 8. 10. 
OStjakiscll welek-jüch-tilis der Monat der öden Bäume; öfung jokng feip Laubfallmonat, 
samojedisch wueba jiry Laubfallmonat. 

kamtschadaliscll kichteru kuleö Laubfallmonat. Schiefner 190. 191. 198. 201. 

Bei den Mandanern in Nordamerika: manna-apä-haräh -minang-gä october. Max, Prinz von 

Neuwied, Reise in Nordamerika 2. 191. 
japan. fa dsoeki für fa otsi dsoeki der Monat, da die Blätter abfallen. J. H. Donker Curtius, 

Proeve eener japansche Spraakkunst. Leyden. 1857. 93. 

II. nsl. listognoj Laubfäulniss november. Trub. Meg. october. Handschr. 1466. Marc, listov 

gnoj november. Murko. Vgl. nsl. gnilec november. Meg. 
IH. drev. leistenmön Laubmonat, Blattmonat, maius. Pfeffingen Grimm 68. 
lett. lapu menesis. Bibl.-Listy 1. 74. Grimm 70. lapa folium. Stender. 
esth. lehtku. Grimm 71. 

bask. orrilla, ostarua Blattmonat maius. Grimm 74. 

10. Murt. 

rilSS. dial. muri, gramen, maius. Pskov. (murava gramen viride, russ. dial. muravyj viridis, 
bulg. moravi, herba). 



Die slavischen Monatsnamen. 



5 



11. Roza. 

nsl. rozen cvet Rosenblüte iunius. Meg. Trub. rozni cvet. Stol. -Prat. Braobmonat. Gutsm. 

rozocvet maius. Jambr. roznik iunius. Kol. roznjak iunius bei Sacharov. Saf. 2. 

367. Man vgl. bei Murko rzen cvet Roggenblüte iulius, womit ags. rugern augustus. 

Grimm 58. stimmt, 
cech. rüzen iunius. Erben 146. 
OSerb. rozovc maius. Pfuhl. 

nserb. rozovy (mjasec) iunius. Zwahr 287. — Vgl. secale. 

12. Sviba. 

nsl. sviban (nsl. sviba cornus; svibenj. Jarn. svibovina. serb. sviba, siba; svida. Stulli. cech. 

v 

svid, svida. pol. swidwa. oserb. nserb. svid) maius. Jambr. sviben. Saf. 2. 323. 
serb. svibtnb iunius. Groin, svibanj maius. Vuk. Naslad.-Duh. Kratki-Nauk. Man vergleiclie 
das verdächtige öech. siban der Mater Verborum, das Grimm 68. mit einer Göttin Ziva 
zusammenzustellen geneigt ist. 

13. Trava. 

asl. travLnb maius Grasmonat, der Monat, wo das Gras grünt; travent. Ev. -Mih. c. 

travern,. Izv. 6. 288. Makarij 3. 288. trevtnt. Ev. - bulg. - Mih. Ev.-Trn. Norov. 
nsl. mali traven aprilis. Handschrift 1466. Trub. Meg. Ev. - Tirn. Habd. Stol. - Prat. mali 

traven, malotraven. Jambr. martius. Novi-Jez. velki traven maius. Handschrift 1466. 

Trub. Ev. -Tirn. Habd. Stol. -Prat. Jambr. aprilis. Novi-Jez. Saf. 2. 323. 367. 
kroat. travan maius. Verant. mali travan aprilis. Hung. veliki travan maius. Hung. 
serb. travanj aprilis. Vuk. Naslad.-Duh. Kratki-Nauk. travtnt. Danic. 

klruSS. traven maius. Perem. Molytv. 1861. Lew. 211. tohd'i trava najduzse roste i sinozaty 
zapuskajut sa. Vinok 244. L'vovl'anyn 1861. 1862. gramineus, quia graminibus frugum 
campi induti cernuntur. Kulcz. 155. iunius. Rusalka 123. 

ruSS. alt. travent. 

cech. traven maius ; bei den Mährern und Slovaken iunius. 

nl. grasmaend aprilis. Corem. 19. Weinh. 12. 

rum. pi"Ltariü (pratum) maius. Bar. 

tatarisch od ai Grasmonat. 

burjatisch basgin burgan hara. 

tungusisch orokto. 

In der Sprache der Kaloschen k'ani t'iss'. 

OStjakisch sir feip wo das Gras grünt. Schiefner 192. 194. 197. 204. 

14. Trtm,. 

cech. trnopuk maius. Jungmann, trn puci se. Erben 144. Dieser Name hat nie allgemeine 
Geltung erlangt. 



6 



De. Franz Miklosich 



lä. Vresi». 

asl. vreswiL September: vresent. Alex. Heidekrautmonat, der Monat, wo das Heidekraut blüht 
(vresi, nsl. res, rsje, serb. vrijes, klruss. veres, russ. veres-L, öech. vfes, pol. wrzos, 
oserb. vfos, nserb. fos erica vulgaris). Mit Unrecht denkt Grimm 68. an öech. vfeskati, 
pol. wrzasnac, indem er öech. zafi vergleichen will. 

klrilSS. veresen. Perem. vresen. Molytv. 1861. Lew. 211. od jahöd veres, kotry tohdi prystv- 
hajut i sbyrajut 6a. Vinok. 245. L'vovl'anyn 1861. ericaeus, nam deficientibus melle 
praegnantibus floribus apes silvestre mel legunt ex herba erica seu erice Plinio et 
Mathiolo seu sisara Varroni, hinc vulgo dicitur mel ericaeum i. e. mel infimum, quia non 
est tantae perfectionis, quantae mel, quod colligitur iulio. Kulcz. 155, dagegen med 
vfesovy, hnödy vice se väzi nezli jiny. Erben 153. 

pol. wrzesien, bo w tym miesiacu kwitnie wrzos. Linde. 

Öech. vfesen: svöt byl uöinön vresen pod lvovym znameniem (od 23. öervence az do 2i. 
srpna) aus einer Handschrift vom Jahre 1404. Jungm. Nach Dobrovsky's Slovanka 
1. 73. legten die Böhmen diesen Namen im vierzehnten Jahrhundert dem Juli und 
August bei. 

lett. silu menesis September: sila Heide, Heideblüte. Stender. lit. silas Heide, Heidekraut. 

16. Zelent. 

nserb. rozzelony, bei Hauptmann rosheloni, wol der grüne Monat. Erben 144; Hauptmann 

denkt an helen, Hirsch, da der Hirsch setzt, 
ir. diblin Monat des grünen Krautes. Grimm 72. 

17. Zoriti. 

russ. zornicniknb der zur Reife bringt augustus. Sacharov. Petr. 128. 

kroat. zrilivoca der das Obst zur Reife bringt. Petr. Zoranic aus Nin (Nona). Stari pjes.- 
hrv. 2. 18. 

18. Zl'bU. 

klruss. zolten der gelbe Monat, october. Perem. 1862. lyst zolt'ije. Vinok 245. pol'a i l'isy 
samov zoltov kraskov pokryly sa. L'vovl'anyn 1861. 1862. Man vgl. das Sprichwort: 
osin na strokatom koni izdyt'. Nomis 13. 

nsl. zoltopusnik maius. Sacharov. 

lit. rudugis, rudugis, rudeninis September. Grimm 70. rudenis, rudü auctumnus. Nessel. 448. 
lett. rudens menesis September. Bibl.-Listy 1. 74. october. Stender. Grimm 70: rudens röth- 
lich, Herbst. 

ir. buidhmi gelber Monat, der Monat der gelben Ähren, iulius. Grimm 72. 
OStjakisch dähan biroten feip die Zeit, wo das Gras gelb wird. Schiefner 192. 



DlK SLAVISCHEN MONATSNAMEN. 



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19. Secale. 

lit. rugpjutis augustus (rugis secale; pjutis messis, von pjauti mit der Sichel schneiden. 

Nessel. 448) Grimm 70. 
lett. rudzu menesis (rudzi secale). Grimm 70. 

ags. rugern augustus, September (rüg secale; ern messis). Grimm 58. 

and. korn-skurthar-mänuthr Roggenerntemonat, augustus. Erben 149. — Vgl. roza. 



II. Monatsnamen aus dem Thierreiche. 

20. Greti. 

TUSS. bokogrej latera calefaciens, die Zeit, wo das Vieh die Ställe verlässt, um im Freien sich 
zu wärmen (obogrevatb boka), februarius. Sacharov; bokogrij. Petr. 90. 

V 

21. CrtVB. 

asl. crLVbni iulius. Pokl. 1. 21. örbvenb Ev.-Trn. Ev. -Mih. c. Ev. - Bulg. - Mih. Lam. I. 
18. öervem. Mat. 12. Izv. 5. 219; 6. 288. Op. 1. 262. Makarij 3. 290. öervenb. 
Izv. 3. 220. 

bulg. crwenik iunius: v strede leto, v Cbrvenika. Milad. 56. 

klruss. öerven iunius. Mjasecoslov 1853. Molytv. 1861. Perem. Petr. 114. öerveö. Lew. 211. 
Petr. 114. 

TUSS. öervenb, nach Sacharov im Gouvernement Tambov. 

Öech. öervenec nach dem Passional von 1495 bei Jungmann iunius; maty öerven, öerven 
mensi, iunius. Erben 145. 152. öerven veliky iulius. Dobrovsky, Slovanka 1. 71. 
Reinsb. 369. öerven, nach dem angeführten Passional, iulius. Gegenwärtig und nach 
Dobrovsky, Slovanka 1. 71, seit einigen hundert Jahren bezeichnet öerven den iunius, 
öervenec den iulius. 

pol. czerwiec iunius. 

Die beiden Monatsnamen crbvbm> und örbvbcb sind auf verschiedene Weise gedeutet 
worden: Rakowiecki 56. 57 denkt dabei an Würmer und an die Rothe des Obstes und der 
Beeren: öervenb od czerwienienia owocow lub jagod; Leska bei Jungmann an die erstere: 
od öervenosti, ze se v nöm ovoce öervena; Erben 146. 147 bringt den Namen mit der Rothe 
der Rose (kef sipkovy) in Zusammenhang ; Parti bei Jungmann leitet örbvbni, ab od öerve- 
nosti aneb öervüv, ktefiz tohoto mösice obzvlästnö na stöpich a ovoci skody öini; Rosa bei 
Jungmann denkt an die Würmer : ze se v nich (in den Monaten Juni und Juli) nejvic öervove 
zarozuji; ebenso Grimm, der das dänische ormemaaned, madkemaaned vergleicht und dabei 
an den Brachkäfer oder dessen Made erinnert, dem jedoch das lit. kirmeliü menü iunius, 
Wurmmonat, bei Nessel. 201. entgangen ist; Dudik zieht die Nachtfeuer herbei. Mähren's allge- 
meine Geschichte 1. 391. Die letzte Erklärung 1 bedarf kaum ernstlicher Widerleg-uno-, Was 
Grimm's Deutung anlangt, so denkt derselbe nicht an Würmer im allgemeinen, die im Juni 
selten in grösserer Menge zum Vorschein kommen, sondern an den wol nur wenig beach- 



8 



Dr. Franz Miklosich 



teten Braclikäfer. Ohne mich in die Widerlegung anderer Ansichten einzulassen, will ich die 
nach meiner Ansicht wahre Bedeutung dieses Monatsnamens darlegen, die indessen schon 
vor mir aufgestellt worden ist. Dieser Monatsname hängt nämlich mit einem Insect zusammen, 
das in der Naturgeschichte coccus polonicus genannt wird. Das Insect, welches dabei in 
Frage kommt (pol. karmazynowe ziarka, czerwiec. Rzaczyriski, Hist. nat. Pol. 95) gehört neben 
dem coccus ilicis, cacti, lacca, ceriferus zu den färbestoffhaltigen Schildläusen, einer Abthei- 
lung der von Oken sogenannten Zunft der Pflanz enläuse ; den Namen coccus polonicus hat 
das Insect von dem Lande erhalten, wo es am längsten als Färbemittel angewandt wurde, 
denn gefunden und als Färbemittel gebraucht wurde es ehedem auch im südlichen Russland 
und in Sibirien und selbst in der Osthälfte Deutschlands, Böhmen nicht ausgenommen: 
(Polsky cervec, jiz ve dvanäctem stoleti znämy, take nömecky nazwan^, ze i v Nömcich od 

v 

dävna zbiran, ano i v Cechäch u Podebrad na nökterem dubi od Hajka z Häjku nalezen byl. 
Jungmann). In andern Ländern wandte man andere Schildläuse an. Es dauerte lange, bis 
man diese Insecten als Thiere erkannte: ihre Bewegungslosigkeit Hess sie als Auswüchse der 
Rinde ansehen. In den sandigen Gegenden der Ukraine sammelt man die polnische Tscher- 
wetz, coccus polonicus, dieses ist eine Art Insect in Polen, Russland, auch in Deutschland, 
um Johannis, daher sein Name Johannisblut. Die ukrainischen Kosaken von Fr. Gretzmillern 
im Archiv für Geschichte und Geographie, 1814, Februar 66. Sie wurden im Monat Juni 
gesammelt und fanden sich an den Wurzeln verschiedener Pflanzen: der Biebernell, des 
Bruchkrautes (Herniaria), des Glaskrautes (Parietaria) , des Mausöhrchens (Hieracium pilo- 
sella), ferners des Erdbeerstrauches, des Huflattichs, des Knöterichs u. s. w. , ja sogar des 
Roggens. Nachrichten über diese Thierchen haben wir erst seit der Entdeckung der Buch- 
druckerkunst. Dass sie gegenwärtig als Färbemittel seltener angewendet werden, rührt 
davon her, dass sie mit den Fortschritten der Bodencultur immer mehr abgenommen haben, 
und noch mehr davon, dass die amerikanische Cochenille so leicht beschafft werden kann. 
In Polen, welches ehedem mit diesem Insect Handel trieb, wird dasselbe nach einer Notiz bei 
Linde von Bauern noch gegenwärtig als Färbemittel gebraucht (u samych tylko poleskich 
wiesniaczek na brudnoczerwona färbe zazywany). Die Zeit, da diese Insecten gesammelt 
werden, heisst cr r LVLn r f> oder crtvbCb, was demnach dem mlat. vermellata in einer Urkunde 
von 1268 entspricht, welches bei Du Gange als tempestas erklärt wird, qua vermellum (grani 
species, coccum, vulgo vermillon) colligitur. Ich erlaube mir hier im Interesse der Sprach- 
und Alterthumsforscher einige Stellen über die Geschichte dieses Färbemittels im allgemeinen 
und des coccus polonicus im besondern anzuführen, indem ich hoffe, dass sich daraus die 
Wichtigkeit und allgemeine Verbreitung dieses Färbemittels und die Richtigkeit meiner Deu- 
tung 1 ergeben wird. 

Die Kunst, mit gewissen Schildläusen scharlachroth zu färben, war unter anderen Moses 
schon bekannt, und man kann viele Stellen beibringen, aus denen hervorgeht, dass das 
Färben bei den Alten keineswegs mit der Purpur sehn ecke allein geschah, sondern dass im 
Morgenlande, in Griechenland und vielleicht auch in Italien die Färberei mit Würmern viel 
verbreiteter war. Brandt und Ratzeburg, Medicinische Zoologie. Berlin 1833. 2. 223. Die 
Porpliyrophora Hamelii findet sich namentlich im Araxesthal; vom Ende des Julius an bis 
Anfangs September ist der Boden stellenweis wie ein Teppich von den Weibchen bedeckt, 
um welche die Männchen wie Schmetterlinge flattern. Brandt und Ratzeburg 2. 356. Ad arno- 
glossi radicem granum unum adnascitur, vulgi istic (in Sarmatia ad Russiam spectante) 



Die slavischen Monatsnamen. 



9 



Zschirbitz, voce ex kermes, ut puto, corrupta appellatum etc. Janus Cornarius ad Dioscoridem. 
Libro IV. capite 39. Inter merces, a quibus novum vectigal exigendum (1601) indicitur, 
recensetur et czyrwiec. Breynius 13. J. L. Frischius probat, iam ante mille fere annos 
coccum monasteriis in Germania nomine vermiculi, vernacula Würmlein , notum et singulis 
annis tributi loco a subditis offerri iisdem solitum fuisse. Beschreibung von allerlei Insecten in 
Deutschland. 5. 10. Vermiculus nominatur propter dissolutionem, quam in vermes facile facit 
ex natura roris madialis (maii), a quo generatur, unde et illo tantum mense colligitur, arbor 
autem vermiculum generans vulgo analis nuncupatur. Du Cange. öerveri, öerveö od öervöu, 
ovoho krasnoho öervonoho chrobaöka, kotroho v davnych öasach do krasenyja volny na vy- 
roby tkaöskyji uzyvano a kotroho izyskarijem zajmaly sa vsoblyvo starodavnyji nasyji öer- 
venskyji horody, i znaf z odty vzaly i ony i ötöyzna nasa „Cervona Rus" nazvy svoji. L'vov- 
l'anyn 1862. Vinok 144. Nach einer Notiz bei Linde mussten die polnischen Bauern diese 
Insecten für ihre Grundherren sammeln (chlopi czerwiec na dwor zbierac musieli); nach 
Oken, Allg. Naturgeschichte 5. 3. 1551, mussten dies auch die deutschen Bauern. Nach 
dieser Auseinandersetzung befremdet es, dass Erben 145. als Grund gegen die hier in Schutz 
genommene Deutung geltend macht, die Slaven hätten sich nie allgemein mit dem Sammeln 
des öervec beschäftigt (Slovane ne zabyvali se nikdy obecnö dobyvänim öervce, nybrz dostä- 
vali jej obchodem od narodü pfimorskych) , nachdem schon vor ihm Kinsky fragt: Zdaz ke 
jmenüm öerven a öervenec ne podalo pfiöiny zbirani öervce? 

Es ist nicht uninteressant, zu sehen, dass das Wort örtvb und seine Verwandten in den 
arischen Sprachen als ursprüngliches Eigenthum oder als entlehnte Worte eine rothe Farbe 
oder einen rothen Stoff bedeuten: asl. örbvb, örbVbCb, vermis, byssus, eigentlich scharlach- 
rother Stoff; öech. öervec Scharlachzeug; pol. czerwiec Scharlach; altind. krmi vermis, ferner 
die von einem Insect herrührende rothe Farbe; pers. karmil ruber; arm. karmir ruber; das 
arabische kirmiz, kermes vermiculus cocci eiusque succus expressus ist entlehnt und liegt 
dem franz. cramoisi, mlat. carmesinus, ebenso dem fz. span. carmin zu Grunde. Dem lat. 
vermis, das etymologisch dem altind. krmi identisch ist, entstammen mlat. vermiculus (schon 
im 6. Jahrh.), it. vermiglio, pg. vermelho, span. bermejo, fz. vermeil. Diez, Wörterb. 368. 

22. Izok-b. 

asL izoki. die Heuschreckenzeit (asl. izoki, cicada) iunius. Ev. - Trn. Ev. - Bulg. - Mih. 
Ev.-Mih. c. Lam. 1. 18. Op. 1. 262; 2. 2. 424. Pokl. 1. 21. Mat. 12. 21. Izv. 5. 219; 
6. 288. Norov-Saec. XIII. XIV. Makarij 3. 289. Mit dem Monatsnamen izoki stellte 
den Thiernamen izok"B zuerst Kalajdoviö zusammen. Karamzin 1. 75. Dieser Name findet 
sich auch in der verdächtigen Mater verborum. Sonderbar ist Erben's 143. Ansicht, nach 
welcher izo^ griechisch uaoaxo? (bei Henricus Stephanus uatazo?, uota6 für icdaaaXoc 
oder xptxo? -/spativo?) , uaaa^ (das bei Henricus Stephanus fehlt) genitalia feminea sein und 
als Monatsname plodici jarni pfirodu bezeichnen soll. 

23. Koza. 

nsL kozoprsk die Zeit, wo die Ziege bockt (nsl. koza se prska, prsöe, öech. koza prskä se nad 
podzim) october. Trub. Meg. Stol. - Pratka. September. Meg. kozov prsk november. 
Hand sehr. 1466. 



Denkschriften der philos.-histor. C). XVII. Bd. 



■1 



10 



Dr. Franz Miklosich 



24. Kymati. 

nsl. kimavec, der Monat, wo das Vieh, von den Bremsen belästigt, unruhig- wird (sem ter tje 
khna, pri miru ne stoji), September, kimovec. Meg. Stol.-Pratka. kimovic augustus. Trub. 

klruss. kyveri augustus, od toho, sco korii cerez velyku duchotu, speku i ovady ne pasut sa 
v den, lys holovamy kyvajut, i ovadöv obhoriajut sa. Vinok 245. L'vovl'anyn 1861. 1862. 
kezden (kedzen) , bydzen, iunius, sco tovar, rad teplycyrii veshariij, po pasvyscach 
bydzkaje sa, kzyt sa, kezd (kedz) ho napadaje. Vinok 244. L'vovl'anyn 1862. hedzeri. 
Petr. 114. 

deutsch bisemänöt, wo die Kühe bisen, d. i. wie toll auf der Weide umherjagen. Weinhold 12. 
Kimavec und kyveri stammen von derselben Wurzel: kx (ky, kva d. i. kta) movere 
caput; die Ableitung von Keim gr. x'jfAa zarodek, kli, ze toho casu jiz oseni klije bedarf 
keiner Widerlegung. Erben 153. Jenes ist eine secundäre Bildung: *kimav adj., substanti- 
viert durch tct ; dieses wird von ky durch tut abgeleitet ; kezden ist auf klruss. kezd 
(kzyty &a), pol. giez (gzic, gzik: vgl. Lexicon palaeoslovenico-graeco-latinum 786. a. s. v. 
raski.znati) oestrus, zurückzuführen; bydzen endlich hängt zusammen mit klruss. bydz- 
katy, nsl. bzikati, bzicem, oiarpdv durch den Stich oder das Gesumme der Bremsen wild 
werden, womit nhd. bissen, bisen (Bissewurm) zu vergleichen ist. 

2ö. Mleko. 

nsl. mlecen Milchmonat iunius. Jambr. 

agS. thrimilki dreimelke maius. Weinh. 12. quod tribus vicibus per diem in eo pecora mul- 

gentur. Fabricius, Menologium 138. dreymelkmaend. Corem. 21. 
burjatisch gossi hara Milchmonat. Schiefner 194. 

26. Rjuti. 

I. asl. zarev-L Anfang des Brüllens (Brunftens der Hirsche) augustus. Cod.-Saec. XV. -Izv. 

6. 288. Izv. 5. 220. Ev.-Bulg.-Mih. Ev.-Mih. c. Ev.-Bulg.-Pokl. I. 21. Ev.-Trn. Strum. 

Makarij 3. 291. 
TUSS. zarevL. Petr. 128. 

cech. zäri (zäfij, zafuj; nach Alter 106. von zaorati) September. Erben 150. toho mösice zäfije. 
Pulk, bei Jungmann, proto ze jeleni toho öasu poöinaji fiti bei Linde (zarzac). Dobrovsky, 
Slovanka 1. 72. 

IL asl. rjujnvL September. Ev. -Syn. a. Izv. 5. 219; 6. 279. Azbuk. Gram. Makarij 3. 279. 

rjujem,. Kryl.-Mat. 12. Op. 1. 262. Ev.-Bulg.-Pokl. 1. 20. rührt. Ev.-Trn. Rusalka 124. 

Ev.-Bulg.-Mih. ruenT,. Assem. Zogr. ruent. Norov. rujenb. Ev.-Mih. c. ruenL. Lam. 1. 17. 

ru(i)nb. Lam. 1. 18. 
nsl. rujan. Jambr. 

serb. rujan septernber. Naslad.-Duh. Kratki-Nauk. 

aruss. rjuiirL, revun r t September. Sacharov. 

cech. fijen aus rüjen, ehedem September, jetzt october. 

lit. rujis, rujos menü (ruja Brunftzeit des Wildes). Beitr. 1. 45. 

Karamzin dachte ursprünglich an rjumitL plorare , und erklärte rjuint durch plo- 
rans, humidus ; ihm folgte Rakowiecki; Karamzin wies jedoch auch auf rjuti hin, sah 



Die slavischen Monatsnamen 



11 



jedoch in dem Monatsnamen die Zeit, da die Winde brausen. Erben 151. Schon Dobrovsky, 
Slovanka 1. 72., hatte die richtige Deutung gefunden: der zweite Brunftmonat, wegen der 
vollen Brunft. 

Der Monat zarev hat vom Schreien brünstiger Hirsche seinen Namen. In Deutschland 
setzen die Jäger die Brunft der Hirsche in den September, wo man sie stundenweit durch den 
Wald brüllen hört. Grimm 69. Nach Brehm, Thierleben 456, fängt die Brunftzeit des Hir- 
sches mit Eintritt des Monats September an und dauert bis Mitte October. Schon gegen Ende 
des August erwachen in den stärksten Thieren die Triebe der Brunft. Sie äussern dies durch 
Schreien. Abends und Morgens ertönt der Wald von Geschrei der Brunfthirsche. Alter 107. 
hörte sie im September in Hütteldorf bei Wien brüllen. Die Ansicht von dem Zusammenhange 
des Monatsnamens zarev mit dem Gebrüll brünstiger Hirsche hat sich nicht allgemeine Geltung 
verschafft, und der Name wurde von Karamzin auch von zarnica, von Rakowiecki 57. gleich- 
falls von zarnica (od zarnici, to jest od blyskawicy) abgeleitet. Erben 151. Auch Erben 151. 
lässt diese Ableitung nicht gelten, indem es nicht wahrscheinlich sei, dass ein in der slavischen 
Welt so weit verbreiteter Monatsname von dem Brüllen und Brünften der Hirsche, worauf 
wohl nur Jäger zu achten pflegen, hergenommen sei: nelze sobe vhodnö mysliti, by tak rozsi- 
fene" jmeno, nalezajic se u Cechü, Srbü i Rusu, melo vzato byti od vöci tak velmi nepatrne, jako 
jest ffjeni a schäzeni se jelenü, o kterömz, nimo lid myslivny, malo kdo vi. Er selbst meint 
daher, zäfuj sei so viel als zazlut, maly zluty mösic, maly fijen. 152. Richtig ist allerdings, dass 
heut zu Tage, wo die Nimrode das Wild fast ausgerottet haben, ein solcher Name kaum ent- 
standen wäre; dass er jedoch ehedem, wo in den unermesslichen Waldungen sich das Wild 
ungestört vermehrte, nicht habe entstehen können, wird man nicht leicht glaublich machen. 
Für diese Ansicht spricht nicht nur die Vergleichung der Monatsnamen anderer Völker, son- 
dern auch der offenbare Zusammenhang des Wortes zarev mit der Wurzel rju (rugire), von 
welcher durch das Suffix t, rev, durch das Suffix jx rjuj abgeleitet wird : vgl. öech. riti brüllen 
und brunften. 

27. Vliki. 

cech. vlöenec, vlöi mösic der Wolfsmonat, wahrscheinlich die Ranzzeit der Wölfe, december. 

Jungmann. 
OSerb. vjelöi mäsac. Pfuhl, 
lett. vilku menesis. Stender. 

deutsch wolfmon november. Grimm 60. november, december. Weinh. 12. wolfmänöt novem- 
ber, december. Benecke-Müller; wolfsmaend. Corem. 36. Gachet 412. wolfs ianuarius. 
Gachet 412. 
bask. otsailla februarius. Grimm 74. 
esth. huntikuu februarius. Grimm 71. 

Der Monat hat wohl davon den Namen, dass in denselben die Ranzzeit der Wölfe fällt, 
welche nach Brehm, Thierleben 405, bei älteren Thieren Ende Decembers beginnt und bis 
Mitte Januars währt, während sie bei jüngeren erst Ende Januars eintritt, und bis Mitte 
Februars währt. Andere könnten zur Annahme geneigt sein, dass durch das Wort grosse 
Kälte bezeichnet werde: klruss. choc" volkiv hariaj (cholodno). Nomis 14. Zu einem ähnlichen 
Resultat gelangt Erben, allerdings auf einem Wege, den wenige mit ihm wandeln werden: 
Jako vlk jest nepfitel ölovöka, tak i zima nepritel pfirody. Z podobenstvi vznikaji bäje, a 

2» 



12 



Dr. Franz Miklosich 



z bäji vyvinuji se obfady. Tnn spüsobem jmeno vlöenec vysvetluje se jakozto mösic zimni. 
Erben 159. Andere hingegen werden vielleicht in diesem Namen einen Rest slavischer Mytho- 
logie erblicken: Na boze narodzenie mlodziez wiejska chodzi z wilczkiem mlodym lub skora 
wilcza po koledzie. Wojcicki. 

28. Canis. 

lett. sunu menesis Hundemonat, wahrscheinlich die Zeit, wo die Hündin läufisch wird. Brehm 

338. augustus. Stender. Grimm 70. 
deutsch hundemaen iulius. Holst.-Kal. 13. 
esth. mäddaku Hundstage. Grimm 71. 

OStjakisch cäbel feip die Zeit, da sich die Hunde paaren. Schiefner 191. 

29. Columba. 

lett. balozu menesis Taubenmonat, wo sich die Tauben aus den Wäldern auf die Felder 

begeben, martius. Stender. Grimm 70. 
lit. karvelinis menü (karvela f. karvelis m. Taube). Nessel. 183. Grimm 70. 

30. Cornix. 

lapp. vuoratzhmanod Krähenmonat aprilis. Grimm 71. 
OStj. warngai tilis. Schiefner 190. 
samoj. kuere ireäd. Schiefner 198. 

31. Cuculus. 

lit. geguzis; geguzinis menü Kukuksmonat aprilis (gege, geguze cuculus. Nessel. 247.) gegu- 

zinis menü maius. Ruhig- Mi elcke. 
and. gaukmänäthr. Erben 144. 

In der Sprache der Italmenen in Kamtschatka köä koaö. Schiefner 200. 

32. Monedula. 

lit. kovinis menü Dohlenmonat februarius (kova Dohle.) Nessel. 206. Grimm 70. 



III. Monatsnamen nach Naturerscheinungen im Grossen. 

33. Babino leto. 

klruss. babyne l'ito September: dl'a toho, sco baby svoji raboty pofajut, kolopni ot'ipajut etc. 

LVovl'anyn 1861. 1862. babske l'ito. Vinok 245. 
pol. babie lato, Marcinkowe lato. Die Erklärung durch die Zeit, wo die Weiber ihre Arbeiten 

verrichten, ist unwahrscheinlich; man vgl. vielmehr 
nhd. Altweibersommer, Mädchensommer, Mechtildesommer, Mariengarn, fila divae virginis, 

die im Beginn des Frühlings und im Nachsommer auf dem Gefilde fliegenden Fäden, 

bildlich schöne, heitere Herbsttage. Grimm, Wörterb. I. 275. Mythol. 744. Dagegen ist 



Die slavischen Monatsnamen. 



13 



mm. zile le babi lor die Zeit gegen Ende März, wenn der Nachwinter kommt, worüber Sulzer 2. 
1. 314. folgende wol unrichtige Bemerkung macht: Die ersten Tage des Frühlings, da die 
jungen Leute sich schon in die Luft zu gehen getrauen, die alten Weiber aber noch den 
Ofen hüten, heisst bei den Walachen die Zeit oder die Tage der alten Weiber, so wie 
die schöne Zeit im Herbste bei den Deutschen der Alteweibersommer genannt wird. 

34. Gruda. 

asl. grudbm> Schollenmonat, wo die Erde vom Frost hart, zu Schollen wird, november. Cod.- 
Saec. XIII. -Izv. 6. 64. Izv. 5. 219. grudtnb Izv. 5. 220. grudent Ev. - Bulg. - Mih. Ev.- 
Mih. c. Ev.-Trn. Izv. 6. 288. Zogr. Pokl. 1. 20. Lam. 1. 18. grudem>. Assem. Zogr. Makarij 
3. 281.Kryl.-Mat. 12. 

nsl. gruden december. Handschrift 1466. Trub. Meg. Ev.-Tirn. Habd. Jambr. Saf. 2. 321. 

324. 361. 
kroat. gruden december. Hung. 

klrilSS. hruden. Molytv. 1861. hruden quasi crustatus dictus ab humo frigore crustata; hoc 
enim mense concretis per intensum gelu crustis terra et undae operiuntur ac nive e 
nubibus superiecta alba omnia conspiciuntur. Kulcz. 156. skyba nedavno tomu vyorana 
i kosnije i pereminuje sa v hrudu. L'vovl'anyn 1861. 1862. zmerzly hrudy dorohu 
psujut. Vinok 245. 

rilSS. alt. grudent november: po grud&nu puti, be bo tigda mesjact grudi.ni,, rektse nojabrt. 
Nestor 1. 111. Grimm 69. 

cech. hruden, hruden neben leden ianuarius. Alter 98; nach Dobrovsky, Slovanka 1. 72., ehe- 
mals hrudnec, mensis intercalaris ; ve tfech letech pribyvä mösic pribytny, hruden, to 
jest trinacteho mäslce nastani. Arnos Komensky. hrudny rok. Erben 157. 

Slovak. hruden September: hnöd po zni oraci ourody pfipravuji, hrudy rozräzeji. Jungmann, 
mensis intercalaris. Bernolak. 

pol. grudzien. 

lit. grodis, grodinis december (grodas gefrorene Erdscholle; didis grods ira es ist sehr 

schlechter Weg. Nessel. 272.) 
film, routakuu Schollenmonat. Schiefner 217. 

35. Jan». 

ruth. jarec, wol der Frühlingsmonat, maius: jak ja perejdu try razy na jaf , try razy na jaf, 
misaca jaröa. Pamjatki i Obrazcy. 30. 

36. Jesenb. 

russ. osent September. Grimm 67. 

nsl. jesenik. Trub. Meg. jesensöak. Erben 154. jesenski mesenc. Meg. 

deutsch Überherbst. Germ. 9. 196. Herbstmonat. Germ. 9. 196. Herbstmaend. Corem. 38. 

37. Draga, brodt. 

klrilSS. kazydoroh, kazybröd; die Zeit, da Wege und Fähren unbrauchbar werden: po velyköj 
l'uty popuskajut morozy i ödvoloz nastupaje i dorohu psuje, a brody ödtajavsy puska- 



14 Dr. Franz Miklosich 

jut, a zyma nyby peremahaje sa. L'vovl'anyn 1861. kazydoroha. Lew. 211. Vinok 243. 
Petr. 90: vgl. das Sprichwort: na stritenie strityla sa zyma s l'itom. Mit kazydoroh sind 
der wahren Bedeutung nach verwandt die von coenum, lutum hergenommenen Monats- 
namen : 

RISS, grjaznikt october (grjazt). Sacharov. 

ags. solmonadh februarius (sol volutabruin). Weinh. 15. Corem. 13. Vgl. Gachet 387. Koth- 

monat november. Germ, 9. 197. 
fmn. lokakuu Kothmonat. Schiefner 217. 

38. Ledi,. 

ÖecL leden die Zeit des Eises, ianuarius. 
ndl. ysmaend. Corem. 11. 

39. Ljut*. 

klruss. l'utyj februarius. Perem. 1862. Molytv. 1861. Lew. 211. Nomis 8. rigidus, qui frigore 
crescenti rigescit. Kulcz. 155. dl'a l'utoji zymy. L'vovl'anyn 1861. zvyöajno okolo jordan- 
skych svjat najböl'syji morozy, Tut', velyka zyma buvaje. Vinok 242. der Herbe, der 
Wütherich. Grimm 69. l'uten. Nomis 9. pol'utyj. Petr. 90. pal'utyj martius (po ljutejemb 
meseci) nyby po l'utöm sl'idujucyj. Vinok 242. 

pol. luty. 

40. L'bgati. 

asl. Kzujek (lazujak) die Zeit des trügerischen Wetters, martius. 
bulg. lazu. Petr. 94. 

serb. ozujak, lazak. Mik. Naslad. -Duh. Vuk. Kratki-Nauk. Das Wort lazak hängt mit ltg 
lügen zusammen; von demselben Verbum stammt auch ofcujak, wie aus der Vergleichung 
von asl. kbzica mit serb. ozica neben lazica und zlica hervorgeht: li.g-juj -T>kt. Die 
Veränderlichkeit, Lügenhaftigkeit des März drückt it. marzeggiare aus. Erben 140. 
denkt, allerdings zweifelnd, an serb. zuja porca flava: mösic, ktereho se svinö prasi. 

41. Noriti. 

Öech. ünor, ounor februarius. Vgl. öech. nofiti, unoriti absumere (ten clovek jiz unoril penäz. 
Jungmann), daher entweder die Zeit, da der Schnee schmilzt, oder die Zeit, da das Eis 
birst: ze se toho mösice led nofi t. j. puka, läme. Pelcel bei Jungmann. Vgl. das Sprich- 
wort: Mattheis bricht Eis. Erben 163. denkt an altind. nära aqua und deutet ünor als 
den nassen Monat: snöhy roztavajice prskami zaplavuji zemi vodou. Alter 99. vermuthet 
Entstellung aus Hornung. 

42. Pazder t. 

klruss. pazdernyk october. Molytv. 1861. Lew. 211. 

pol. pazdziernik; pazdzierny. Sprichwort: miesiac pazdzierny marca obraz wierny. Nach 
Linde: od pazdziorow von denAgen, daher die Zeit der Flachsbereitung. Grimm 68. tych 
dnej uzyvajut gospodyni do opravy volokna, jakoz popered oknamy, po podvörjach i 
terlyci i len i konopl'i i pazdirje, a z ötty nazva pazdernyk. L'vovl'anyn 1861. 1862. paz- 



Die slavischen Monatsnamen. 



15 



dernik cannabius seu lineus dictus a cannabe et lino, pazder enim est id lignosum in lino 
et cannabe, quod abscidit ab utroque, dum in frusta contunditur. Plinius vocat cortices 
lino decussos. Kulcz. susfrna slove pazdernou a v;yterky pazdefim. Erben 155. Man ver- 
gleiche deutsch Hanffluchet d. i. Hanfbreche, october. Weinh. 13. Es ist jedoch zu 
bemerken, dass russ. pazderniki> einen kalten Wind bezeichnet, was an den deutschen 
Windmonat, november, an lit. pustis, pusöus, pusis ianuarius, februarius (putu, pusti: 
vejas puöia. Nessel. 300). Grimm 70. und an ostj. wöt tilis Windmonat. Schiefner 190. 
erinnert. 

43. Prosijati. 

asl. prosinbCb ianuarius. Ostrom. Mat. 12. Op. 1. 262. Izv. 5. 219; 6. 64. Ev. Bulg.-Pokl. 

1. 20. Apost.-Bulg. Holm. prosinecL Ev.-Mih. c. Ev.-Trn. Ev.-Bulg.-Mih. Rusalka 124. 

Cod. Saec. XV. -Izv. 6. 288. prosinecL. Assem. prosin(b)c( , L). Zogr. prosentct december. 

Grom. prosineöb ianuarius. Makarij 3. 283. 
nsl. prosinec ianuarius. Handschr. 1466. Trub. Habd. Ev.-Tirn. Jambr. Novi-Jez. prosimec. 

Trub. Meg. prosenec. Lex. Stol. - Pratka ; falsch mit Anlehnung an zima: prozimec bei 

Murko; prezimec. Saf. 2. 360. 362. 
kroat. prosinac ianuarius. Hung. Veglia. 

serb. prosinac december. Vuk. Mik. Naslad.-Duh. Kratki-Nauk. 
rilSS. prosinecL. Petr. 
cech. prosinec december. 

firm, kaimala (kaimo lux levissima). Erben 158. Grimm. 

esthn. küünlakuu Dämmerlichtmonat (künal lucidus) februarius. Grimm 71. 

Der Monat prosintcL hat seinen Namen von der Zunahme des Tageslichtes : 2e toho 
mesice deje se pfechod od nejkratsiho dne ku pfib^vajicimu dni a svätlosti. Jungmann. Eine 
ähnliche Deutung findet sich bei Rakowiecki, Prawda ruska 1. 56: od sinosci, mgly; w sty- 
czniu mgly ustawaö i niebo przesiniaö sie, to jest wyjasniac sie, poczyna. Für die Richtigkeit 
dieser Ansicht spricht der Zusammenhang von prosinbCb mit der Wurzel si mittelst des Adjec- 
tivs *sim>, das mit pro verbunden und durch das Suffix beb substantivirt prosinbCb gibt: pro 
bezeichnet einen Anfang wie im russ. provesenb für naöotok'b vesnjanoki». ProsinbCb bedeutet 
demgemäss den Anfang des Lichtes, wobei an das klruss. na novyj rok prybavylo & dna na 
zajacyj skok (sah). Petr. 87. zu denken ist. Dafür spricht ferner die Vergleichung von denselben 
oder einen ähnlichen Gedanken ausdrückenden Monatsnamen anderer Völker; hieher gehört 
1. lit. vasaris, vasarus ianuarius. Nessel. 55. Grimm 70. wol von vas splendere. Wenn lett. 
vasara aestas und pavasara ver. Stender. vasaras menesis iunius und pavasaras martius. Bibl.- 
Listy. 1. 74. bedeutet, so steht begreiflicher Weise dies unserer Erklärung von vasaris nicht 
entgegen. 2. finn. kaimala und kaimalakuu februarius von kaima das erste Tagesgrauen. 
Schiern er 216. 3. tatar. koskar sie (die Tage) nehmen zu. Schiefner 192. 4. dän. gluggmaaned, 
wenn das mit dem ersten Theile des Wortes verwandte and. gluggr acutus , perspicax so wie 
goth. glaggvus solers ursprünglich clarus bedeutet hat. Grimm in Haupt's Zeitschrift 7. 464., 
wo auch über die möglicherweise gleichdeutigen Monatsnamen nd. lauwmaend und mhd. lase- 
mänöt gehandelt wird: vgl. Grimm, Geschichte 87. Weinh. 14. Man kann geneigt sein, hiebei 
auch an das ganz anders aufgefasste mhd. brehentac und brehen splendere zu denken. Falsch 
ist die auch von Grimm 69. in Folge eines Missverständnisses (Bittwoche) gebilligte Zusammen- 



16 



Dr. Franz Miklosich 



Stellung 1. mit prositi bitten: z;e v tom mösici advent a ranni prosba o narozeni pänö jest. 
Jungmann; Bittmonat. Dobrovsk;^, Slovanka 1. 71; sco v tom casi svjata, kol'ady, novyj rök, 
scedryj veöer i ponovalnyca prypadajut, to molodez; kol'aduje, scedruje i sym jakys podarky, 
ponoval'nyky prosyt, vyprosuje. Vinok 243. LVovl'anyn 1861. 2. mit prase porcus : ze se v 
tom mösici nejvice prasat rodi a vepfü bije. Rosa. Alter 110: diese Erklärung gründet sich 
auf die falsche Form prasinec. 3. mit proso. Karamzin 1. 75. 

44. SKiitce. 

russ. solnovorofrL conversio solis, 24. december. 

Samojedisch. järij jirij Rückkehrmonat, da die Sonne zum Sommer zurückgekehrt ist. 
Schiefher 199. 

agS. menses giuli a conversione solis in auctum diei, quia unus eorum praecedit, alius sub- 
sequitur, nomina accipiunt. Beda. Grimm 56. 57. 58 (le mois de) giuli comniencait ä la 
nuit du 24 ou 25 decembre. Gachet 384. 

45. Studi,. 

I. asl. student december. Assem. Zogr. Ev. -Trn. Ev. -Mih. c. Ev. -Bulg. -Mih. Cod. -Saec. 

XV.-Izv. 6. 288. studenb. Strum. Makarij 3. 282. studenyj. Bulg.-Saec. XII. Vost.-Op. 
175. Kryl.-Mat. 12. Izv. 5. 219. Op. 1. 262. Alex, november. Vost.-Op. 176. studtnyj 
december. Izv. 5. 220; 6. 64. studenyj mesecb. Men. -Mih. nojabrt i dekabrb nazvany 
studeny. Ev.-Saec. XIV. 
bulg. studeni jtt ianuarius. Petr. 

serb. studeni november. Naslad.-Duh. Stulli. Vuk. Kratki-Nauk. 

klruss. studenb december. LVovl'anyn 1861. Perem. 1862. Lew. 211. öasto krepky morozy 
pofahnut, uze so vsim zyma. Vinok 246. studinecb december. Rusalka. 124. zvycajno 
(zovut ho) za dl'a kripkych morozöv i l'utoi studeny studeh. L'vovl'anyn 1862. 

mss. studenb december. 

II. pol. styczen der kalte Monat, ianuarius. Erben 162. zweifelt nicht an der unmöglichen 

Zusammenstellung des styczen mit einer Form stydzeh d. i. studeny mösic. Grimm schon 
68. hatte diese Ansicht aufgestellt. Andere scheinen dabei an sttyk (stykati) zu denken: 
od stykania sie roku zchodzacego z nowym. Rakowiecki 56 ; styczen est ianuarius ab 
obviando , et recte quidem, nam frigus, hoc mense altum exercens dominium, quae- 
cunque reperit obvia, cuncta vincit ac superat, paludesque lutosas, fluvios rapidos et 
stagna late patentia pontibus gelidis inductis sub iugo detinet. Kulcz. 155. Man kann 
auch auf den pol. Neujahrsgruss: bog cie stykaj! hindeuten. Am wahrscheinlichsten ist 
jedoch die Ableitung des styczen von asl. styd'bk'b, das allerdings in der hier allein 
passenden Bedeutung frigidus nicht nachgewiesen ist, das sich jedoch aus styd frigere 
eben so ergibt, wie styd'bk'b impudens aus styd erubescere: asl. würde demnach der 
Name stydTböbnb lauten. 

46. Suhl,. 

asl. suhyj der trockene Monat, etwa wo die Erde trocken wird und gepflügt werden kann: klruss. 
suchyj marec, mokryj maj , bude zyto ko by v haj. Nomis 10. martius. Ev.-Trn. Ev.- 



Die slavischen Monatsnamen. 



17 



Mih. c. Ev. Bulg. - Mih. Rusalka 123. 124. Norov - Saec. XIII. XIV. Lam. 1. 18. 

Makarij 3. 285. marttt, st ze jestL slovenbsky suchyj. Pent.-Mih. suhl,. Assem. Cod.- 

Saec. XV. Izv. 6. 288. 
nsl. susec martius. Handschrift. 1466. Trub. Meg. Ev.-Tirn. Jambr. februarius. Novi- Jez. 
kroat. susac martius Hung. 

Iii sausis december ianuarius: sausas siccus. Nessel. 457. trockener (Frost-) Monat december. 
Grimm 70. 

agS. searmonadh mensis aridus, iunius. Grimm 57. 

lüneb. sürman martius. Pfeffinger. Grimm 68. Erben 140; Dobrovsky, Slovanka 1. 74., denkt 

an surovy; derselbe Monat heisst cheudemön der böse Monat. Pfeffinger. Grimm 68. 
bask. agorilla der trockene Monat, augustus. Grimm 74. 
japanisch mina dsoeki, de waterlooze mand. Donker Curtius 93. 

47. Trasiti. 

c 

klrUSS. trusym die Zeit des Schneegestöbers, december: ne raz i sriih potrusyt v töm misacu, 

dl'a toho denekuda zovut ho trusym. L'vovl'anyn 1861. 1862. Vinok 245. 
lett. putenu menesis die Zeit des Schneegestöbers (putenis). Stender. Grimm 70. 
amss. snezem, februarius. Ev.-Polotsk. bei Sacharov; snezenb. Petr. 90. 

48. Zima. 

nsl. zimec ianuarius. Meg. 

nserb. zymski (mjasec) december. Zwahr 356. vezymski (mjasec) ianuarius. Hauptmann. 

Zwahr 356. nazymski (mjasec) der Herbstmonat (nazyma Herbst) September. Zwahr 356. 

pozymski (mjasec) der Nachwintermonat, martius. Zwahr 356. 
lüneb. seymemon november. Pfeffinger. Grimm 68. 

lett. zemas menesis ianuarius. Stender. Bibl.-Listy 1. 74. Grimm 70. sala menesis (sals gelu) 

november. Stender. Grimm 70. salnas menesis. Bibl.-Listy 1. 74. 
ndl. wintermaend ianuarius, december. Corem. 11. 36. nhd. Wintermonat november. Germ. 9. 197. 
rum. dzerariü ianuarius (dzer gelu). Bar. 

49. Zari,. 

serb. zar der heisse Monat, iulius. Erben 148. Reinsb. 368; das Wort fehlt bei Vuk. 
nsl. praznik Dörrmonat. Grimm 68. Reinsb. 368. 
bulg. goresnik-Lt iulius. Petr. 124. 

lit. degesis augustus. Nessel. 134. Grimm 70. (degti, degu ardere); silus augustus. Nessel. 518. 

(silti, silu calere). 
nhd. Kochmonat. Pilgram. 

ndl. kokmaend mois de la cuisson. Corem. 118. 

mm. kuptoriü iulius (lat. coquens). Bar. Iszer. Reinsb. 368. 

SO. Bruma. 

rum. brumariü der Reifmonat, october, november. Bar. brumtrelü october. Bar. brumariü 
mare (mare magnus) november. Iszer. Reinsb. 369. 

JJonkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. ISd. q 



18 



Dk. Franz Miklosich 



51. Hart. 

nihd. hartmänot die Zeit des Hartes (der Hart, Sclmeekruste) ianuarius. Grimm 70. 75. herti- 

mänöt december, ianuarius. Weinh. 14. 
nrhein. hardemaint ianuarius. Grimm 60. 

ndl. haerdmaend, gedeutet als mois rude ou dur von Corem. 19. 

lett. sersnu menesis Schneeharstmonat (sersna Harst über dem Schnee). Stender. Grimm 70. 
kamtschadaliscll kaclitan kulec Schneekrustenmonat. Schiefner 201. 



IV. Monatsnamen nach periodisch wiederkehrenden Verrichtungen. 

52. Kola. 

EtsL kolovoz die Zeit, da man mit Wagen fährt, augustus. Jambr. (kolovoz montis iter, orbita). 
serb. kolovoz. Naslad.-Duh. Kratki-Nauk. Vuk. (kolovoz orbita). Erben 149 erklärt kolovoz als 

das Einbringen des Getraides (ze se sväfci domti obili z pole). Tu kolovoz vozi zito, slamu, 

vino, i rujan svoj k lozi sud za rujno vino. Kanizljic. 
ndl. fahrmanat mois de navigation. Corem. 19. mlat. mensis carreii, quo carris exportari licet 

(carreium ist vectura domino debita). Ducange s. v. mensis. 
OStjakisch tawang chui tili« die Zeit, da man mit Wagen fährt. Schiefner 1 90. 

53. Kositi. 

klrilSS. kosen, sinokos die Zeit der Heumahd, iulius: od sinokosöv, kolo kotrych v sim misacy 

porajut sa. Vinok 244. Molytv. 1861. L'vovl'anyn 1862. 
bulg. senokos iunius. Petr. 114. 

mss. senozornik die Zeit, da das Heu reif wird, iulius. Nach Sacharov im Gouvernement 
Tambov. 

lüneb. seninic. Pfeffmger. Grimm 68. 

lett. senu menesis. Stender. Bibl.-Listy 1. 70. Grimm 70. 

churwälsch fenadur iulius. Diez, Wörterb. 669. Wall, fenal iunius. Reinsb. 366. 
prov. fenerec iulius. Reinsb. 366. 

afz. fenal mois, fenail mois, fenaulx iulius. Ducange s. v. mensis. 

ahd. howimänöt. 

mhd. houwot. Reinsb. 366. 

nrhein. heumaint. Grimm 60. 61. heimonat. Germ. 9. 195. 

ndl. hoimaent. nd. howimaen. fries. heimoanne. Weinh. 12. hooymaend. Corem. 28. maeymaend 

mois de la fauche, augustus. Corem. 112. Gachet 403. tirol. heuwiget. Popovic. 
lüneb. haymon augustus. Pfeffmger. Grimm 68. 
esth. heinaku iulius. Grimm 71. 
finn. heinäkuu. Grimm 70. Schiemer 217. 
CUVasisch uda oich Heumonat. 

OStjakisch püm werda tili« Heuerntemonat. Schiefner 189. 190. 



Die sla vischen Monatsnamen. 



19 



54. Mlatiti. 

nserb. mlosny (mjasec) noveniber. Hauptmann. Zwahr 210. 
nhd. Dreschmonat ianuarius. Germ. 9. 192. 

it. sard. mesi de treulas, iulius. Diez, Wörterb. 669. triulas, treulas (triulare dreschen). 
Reinsb. 362. triulas. Gio. Spano, Ortogr. 69. mesi de argiolas Tennenmonat iulius 
(areola Tenne; arzolare Korn mit Pferden ausdreschen). Reinsb. 362. 

alb. alonar, lonar die Zeit, wo das Getraide gedroschen wird, Ende Juni, Juli, August, 
von Hahn. 

estL ruhhiku Tennenmonat october. Schiefner 212. Reinsb. 362. 
CUVaiisch awyn oich Tennenmonat. Schiefner 189. 

55. Obröc. 

nsl, obrocnik october. Meg. Nach Erben 155. von obrok Viehfutter, welches in dieser Zeit 
für den Winter gesammelt werde ; richtiger von obröc Fassreif. 

56. Praha. 

nsl. prasnik Brachmonat iunius. Meg. 

OSerb. smaznik iunius Brachmonat. Grimm 68 (smaha Sonnenbräune, Brache), 
nserb. smaski (mjasec). Zwahr 337. Erben 147. (smaga Brache). 

lit. pudimo menü iunius Brachmonat. Grimm 70. Erben 147 (pudimas Brachfeld; puti, puvu 
faule. Nessel. 302.) 

lett. papues menesis iunius Brachmonat. Grimm 70. Erben 147. (papuva Brache), 
mhd. brächot iunius. Reinsb. 366. iunius, iulius. Grimm 60. 
nrhein. bracmaent. Weinh. 13. 
tirol. Brächet iunius. Popoviö. 

it. maggese, mail. maggengh, von maggio, weil in diesem Monat das Feld umgebrochen wird. 
Diez, Wörterb. 415. 

prov. geskerech Brachmonat iunius. Reinsb. 366. ghieskerec le mois de jacheres. Gachet 395. 

rhaetorom. zercladur Brachmonat iunius. Reinsb. 366, nach Diez, Wörterb. 669, Jätemonat. 

wallon. somairtras Brachmonat (somair Brache). Reinsb. 366. 

£z. somairtras, sommertras, sonmartras iunius. Corem. 24. Gachet 396. 

CUVasisch surtme oich Brachfeldmonat. Schiefner 189. 

57. Sejati. 

klrilSS. siven, der Monat der Saat, speciell der Wintersaat, September: od sivby, sco sa ozy- 

myna zasivaje. Vinok 245. 
lit. sejinis menü iunius. Grimm 70 (s£ja sementis ; sejinis ad sementem pertinens. Nessel. 459). 
lett. seju menesis maius. Stender (sejis Saat), 
ndl. saedmaend le mois de semailles. Gachet 409. 

CUVasisch agga oich Saatmonat. Schiefner 189. Hieher und nicht, wie Dobrovsky Slovanka 
1. 74. meint, zu zima gehört wol auch lüneb. pregnia seine mon. Pfeffingen 



20 



Dr. Franz Miklosich 



88. Sek : sesti. 

asl. seöem, februarius. Ev. - Mih. c. Ev. - Trn. Ev. - Bulg. - Mih. Nörov-Säec. XIII. XIV. 
Rusalka 124. Lam. 1. 18. seötirL. Cod. -Saec. XV. Izv. 6. 288 mesjaca s§öna. Vost.- 
Cod. 1419. seöem,. Assem. Makarij 3. 284. seöent mesecb. Nom. -Barb. seöko mesect. 
Nom.- Barb. 

RSl. seöen ianuarius. Jambr. secan februarius. Meg. Trub. setczann. Handschrift 1466. 

bulg. seöka februarius. Milad. 522. golem seöko ianuarius. Pokl. 1. 20. golemi seöko. Petr. 86. 

Mesecosl. - Carigr. 1857. malki seöko februarius. Pokl. 1. 20. Petr. 90. malak sScko. 

Mesecosl. - Carigr. 1857. malky seöbki,, golemi, seöbki,. Rakovski, Btlgarska starina. 

Bukurest 1865. I. 22. 

kroat. sicen februarius. Verant. Saf. 2. 322. siöanj ianuarius. Naslad. - Duh. Veglia, sjeöan 

ianuarius. Verant. 
serb. sjeöanj ianuarius. Mik. siöan. Stul. Kratki-Nauk. sijeöanj. Vuk. 
klmss. sicen. Lew. 211. Molytv. 1861. Perem. 1862. 
TUSS. seöent. Acad. Petr. 90. 
lit. sekis december. Nessel. 459. 

cech. seöen iulius, augustus in Mähren und bei den Slovaken: mesic, v n6mz se seno sece. 
Jungmann. 

Dass das öech. seöen für iulius und augustus die Zeit der Heumahd bezeichnet, 
ist klar; zweifelhaft ist jedoch die Deutung des seötnt für ianuarius und februarius. 
Dass es von der strengen Kälte hergenommen sei (v tom misacu zvycajno snihy ta ineji 
s vitrom sikut. L'vovl'anyn 1861. Vinok 242. mroz siekacy. Rakowiecki 56) ist bei der 
geringen Verbreitung des Verbum sek in dieser Bedeutung wenig wahrscheinlich. Der- 
selbe Grund darf der Zusammenstellung des seCMit mit serb. sjeöa frondes desectae pro 
pabulo hiberno (6t slova serbskoho sjeöa, vitky, suöje, kotry dajut v zymi marzyni i 
drobjatkam. Vinok 242.) entgegen gestellt werden. Wahrscheinlicher ist die Deutung des 
sectm, als der Zeit des Holzfällens : a sectione lignorum tum calefaciendis mansionibus 
tum construendis domibus inservientium, silvis enim itineribusque nivea mollitie contectis 
gravissima quaedam pondera trahis seu vehiculis hiemalibus facillime convehuntur. Kulcz. 
155. Haumonat, Fällmonat. Dobrovsky in der Slovanka 1. 71, womit Grimm 69. überein- 
stimmt und wofür nhd. Holzmonat februarius. Germ. 9. 193 anzuführen ist. Andere sehen 
im 8601.111. die Zeit, da geschlachtet wird, nach einem bulg. Sprichwort: seöko seöe, marfrL 
dere, april kozi prodava. Cank. 13. deutsch slachtmaen november; slahtmänet december. 
Weinh. 13. slaegtmaend. Corem. 44. Karamzin 75. schwankt zwischen der Erklärung des 
Namens aus der strengen Kälte und einer anderen, nach welcher sesti als caedere auf- 
gefasst wird: Slavjane öto liibudt sekli, rubili vl semt öase. 

59. Si*bp r b. 

asl. sripbrn, der Sichelmonat, die Zeit, da die Sichel schneidet, iulius. Grom. serpent 
augustus. Acad. 

nsl. srpen iulius. Meg. Ev.-Tirn. Habd. Jambr. srpan. Trub. mali srpan. Handschrift 1466. 

v 

iulius. Stol.-Prat. Jarn. Saf. 2. 321. velki srpan augustus. Handschrift 1466. Stol.-Prat. Jarn. 



Die slavischen Monatsnamen. 



21 



serb. srpanj iulius. Mik. Nasl.-Duh. Vuk. Kratki-Nauk. 

klrilSS. serperi augustus: do serpa berut sa i znut zyta. Vinok 245. Molytv. 1861. L'vovl'anyn 
1861. Perem. 1862. Lew. 211. messorius, eo, quod fruges maturae falcibus denticulatis 
demetuntur. Kulcz. 155. 

Öech. srpen, slovak. srpen augustus. 

pol. sierpieri. 

griech. -{opiziaioc, von yopTTvj für tpicq, dcpTcv^. Grimm 75. 
cuvasisch sorla oicli Sichelmonat. Schiefner 189. 

60. Vino. 

nsl. vinotok october. Sloven.-Kol. 1859. Koled.-Druzbe sv. Mohora 1862. 
bulg. grozdober September. Petr. 132. 
apol. winnik. Petr. 136. 

nserb. vinski mjasec october. Hauptmann. Zwahr 382. 
ahd. vindumemänöt october. Grimm 59. Weinh. 13. 
nhd. Weinmonat. Germ. 9. 196. 

lüneb. weiniamön october, le mois du vin (weyna). Pfeffingen Grimm 68. 
mm. viniöeriü September. Bar. 

61. Zeti. 

c 

OSerb. znenc, zenc augustus. Grimm 68. Erben 149. Pfuhl. 

nserb. znojski iulius. Hauptmann. Erben 148. 149. zniski (mjasec) iulius. Zwahr 402. 

bulg. zetvarskij'Lt. Petr. 128. 

nsl. poberuh September. Handschrift 1466. 

lit. pjumoneis , pjuves menü augustus (pjumone , pjuve Ernte ; pjauju , pjauti schneiden. 
Nessel. 303.) 

lett. labbibas menesis (labbiba Getraide). Bibl.-Listy 1. 74. 
ngr. depicrn^ iulius. Fabricius, Menologium 133. 

mhd. arnmänot augustus. Benecke-Müller 2. 57. aranmänot iulius. Weinh. 13. erne iulius, 

augustus. Benecke-Müller, woher nach Gachet 403. mois de l'aynr. 
ndl. bouwmaent Erntemonat augustus. Weinh. 13. bouwmaend. Gachet 403. 
deutsch Schnittmonat augustus. Germ. 9. 196. 
fries. arnmaend augustus. Corem. 29. 

it. neap. julo messoro Erntejuli. Neapol. -Reimchronik bei Muratori 6. 711. 724. 747 etc. 
Diez, Wörterb. 669. 

afz. mois de messons (mensis messionum. Ducange s. v. mensis). Gayn einer der Herbstmonate. 

Bartsch, Chrestom. 343. 
alb. korriku Erntemonat iunius. von Hahn 48. 
finn. elokuu. Schiefner 217. 
tatarisch orgag ai Erntemonat. 192. 



22 



Dr. Franz Miklosich 



V. Namen nach Gebräuchen und Festen. 
62. Bozistt. 

kroat. bozicni Weihnachtsraonat december. Veglia. * 

nsl. mali boziönjak ianuarius. Ev.-Tirn. (mali boziö circumcisio) magy. kis karacson; veliko- 

boziönjak december magy. nagy karacson. 
nsl. vienahtnik. Meg. 

OSerb. hodovnik december (hody Weihnachten), 
nhd. Christmonat. Germ. 9. 197. 

it. sard. nadale. G. Spano, Ortografia 70. nadale, natali. Reinsb. 364. 
magy. karacson hava. 

lüneb. trebemon, trübne mön december, le mois de noel. Pfeffinger; Grimm 68. trebe Weih- 
nachten. Gilf. 35, daher nicht mesic obötni. Erben 161., daher auch nicht zusammen- 
zustellen mit ags. blötmönadh mensis immolationum , nach Grimm 56. 57. november, 
nach Weinhold 15. december, der bei Corem. 41 den Namen offermaend führt. 

firm , jouluhuu Weihnachtsmonat. Schiefner 217. Grimm 71. 

63. Ebennaht. 

nsl. ebehtnik, wahrscheinlich der Monat der Tag- und Nachtgleiche, martius. Meg. Gutsm. 
obahtnik. Marc, ebahtnik aprilis. Meg. ebehtnica annunciatio B. V. M. 25. martii. Meg. 
Marc. Vielleicht aus ahd. mhd. ebennaht, ags. efenniht, fries. evennaht, and. iafndoegr 
(i auffiadeigra manudar mensis aequinoctii. Fabricius, Menologium 143). Man kann auch 
an ewigtag denken und sich dabei an Gachet's 448. Bemerkung erinnern : primus dies 
saeculi (20 mars) n'est pas autre chose que 1' ewigtag en question. Rappelons-nous que 
les Francs commencaient leur annee a l'equinoxe du printemps; nous ne serons plus 
surpris qu'il y ait eu entre ebenwichtag et ewigtag une sorte de confusion , puisque 
chacun de ces mots pouvait designer le premier jour de l'an, selon qu'on adoptait Tun 
on 1' autre Systeme. Die Sache ist mir nicht klar. 

64. Mbsa. 

nsl. velikomesnjak (velka mesa assumtio Mariae, Mariae Himmelfahrt 15. augusti) augustus. 

Ev.-Tirn. Habd. Jambr. Saf. 2. 321. 
kroat. velikomasnjak. Hung. 

nsl. malomesnjak (mala mesa nativitas Mariae , Mariae Geburt 8. septembris) September. 

Ev.-Tirn. Habd. Jambr. Saf. 2. 367. 
kroat. malomasnjak. Hung. 

nsl. mesnjek augustus. Novi-Jez. gospojnik augustus. Meg. 
bulg. bogorodicenskijLt augustus. Petr. 128. 

serb. gospodinstak augustus: ilijinstak zori, a gospodinstak bere. Ragusa. lijen vrse gospo- 
dinstaka. Ragusa. (dalm. gospa velika. Alter 36. gospa mala. 37). magy. nagy boldog 



Die slavischen Monatsnamen. 



23 



aszony napja magnus beatae Virginis dies; kisasszony hava. Zur Erklärung der Aus- 
drücke velka mesa, mala mesa, eigentlich magna missa, parva missa, ist an die entspre- 
chenden deutschen Ausdrücke zu erinnern: grosser Frauentag, Frauenmesse der ersten, 
sente Marien missen der eren; der kleine Frauentag, Marienmesse der leteren. Haltaus 
127—130; 133—135. ndl. klein liewe vrouw. Corem. 120. 

65. Novo leto. 

lüneb. nivaglutüf (novo leto; liuteu annus) ianuarius. Grimm 68. 

nserb. zachopny (mjasec) der Anfangsmonat (zachopis anfangen) Hauptmann. Zwahr 291. 

lett. jauna gadda menesis. Bibl.-Listy 1. 74. 

sard. cabidanni September. Gio. Spano, Ortografia 69. 

rum. karindariü ianuarius. Reinsb. 362. 

alb. geg. kalendur. 

altarm. navasard, Neujahr, Name des ersten Monats, augustus. Sitzungsber. 41. 154. vs'ov odpotv 
To vsov Ito? xod vuv M^eabai tu) irXijfrei auvofiOAoyeTrat. Ioann. Laur. Lydus, mens. 3. 14. 

66. Petikosty. 

lüneb. pancjustemon iunius, le mois de pentecöte (pancjustee). Pfeffingen Grimm 68. magy. 
pünkösd hava. 

67. Rusalija. 

nsl. risalöek (besser risalsöak, rusalsöak) Rasalien-, d. i. Pfingstmonat. Novi - Jez. risale 
asl. rusalija pentecoste. Der Name dieses Festes stammt unmittelbar aus dem griech. 
pouadAia, mittelbar aus dem lat. rosalia, das für das nachweisbare rosaria als mit pascha 
rosata, woher päques de roses, päques de fleurs, ndl. bloemenoostern , roozenoostern, 
bloeipasschen, bloifest. Corem. 22. 27. gleichbedeutend anzunehmen ist. Vgl. meine 
Abhandlung: Die Rusalien. Sitzungsberichte 46. afz. resaille mois iunius, iulius. 
Grimm 61. Reinsb. 366. roseille mois. Gachet 397., das sich in Quellen des vier- 
zehnten Jahrhunderts findet (juing, que on appelle resaille mois; juillet, qu'on dit 
resailhe mois le vendredi apres la pentecöte. Ducange s. v. mensis, Gachet 399.) wird 
als Heumonat gedeutet und resaille als mit resecare zusammenhängend angesehen: 
sachlich wird sich die Zusammenstellung von resaille mit rosalia eben so empfehlen, 
während sie sprachlich sogar den Vorzug verdienen dürfte. Dem stimmt einigermassen 
auch Gachet 397. bei: ce mot n'a aucun rapport avec la coupe des foins. II signifie 
simplement le mois des roses et repond au flamand rosenmaend. De rosenmaend, les 
Wallons ont fait reyselhe mois, puis ce dernier mot est retourne' aux Flamands, qui 
en ont fait russelmaend. 

68. Svadtba. 



aruss. svadebnyj februarius: fevralt imenuetx sa svadtbami. Chron.-Pskov. 1402. Petr. 90. 
svadebniki. Sacharov. 



24 



Dk. Franz Miklosich 



ndl. huwelykmaend ianuarius, mois du mariage: les presents faits aux dames se rattachent 
peut-etre ä l'usage de nos ancetres de se marier soit au commencement soit vers la fin 
de janvier, d'oü vient aussi ä ce mois la denomination de mois de mariage. Corem. 11. 12. 
wiwermond februarius. Weinh. 15. Auch in Frankreich war der Februar der Monat der 
Heirathen, nach dem Sprichworte fevrier l'anelier. Gachet 385. 

69. Svesta. 

nsL sveöan Lichtmessmonat februarius. Stol. -Prat. svecen. Ev.-Tirn. Habd. Jambr. Saf. 2. 

322. svecnik. Meg. 
kroat. svicniöar. Hung. : svecnica Mariae Lichtmesse. Glag. XV. Jahrh. 

nserb. sveckovny (mjasec): sVeckovna, sveckovnica Mariae Lichtmesse. Hauptmann. Zwahr 346. 
lett. svecu menesis. Bibl.-Listy 1. 74. Stender; svecu dena Mariae Lichtmesse. Stender. La 
lumiere ne devait pas s'eteindre pendant la nuit de la chandeleur. Corem. 21. 

70. Svet*. 

c 

kroat. svetacni der Monat der Feiertage, november. Veglia. 

lett. svetku menesis der Monat der Feiertage (svetki) december. Stender. Grimm 70. 
agS. häligmönadh sacrorum mensis, September. Grimm 56. 57. Corem. 30. hälegmunät in 
Norditalien. Reinsb. 363. 

71. Vtsi sveti. 

c 

v 

nsl. vsesvesöak Allerheiligenmonat, november. Ev.-Tirn. Habd. Saf. 2. 367. sesveöak. Jambr. 

october vsesvesöek. Novi-Jez. 
kroat. sisvescak november. Hung. 

nhd. Allerheiligenmonat. Germ. 9. 197. nrhein. alrehilgenmaint. Grimm 60. 

magy. mindszent hava. 

it. sard. totussantus. Reinsb. 363. 

72. Ostern. 

nserb. jatsman Ostermonat aprilis, nach Hauptmann bei Erben 141; nach Zwahr 135. jetzt 

nicht gebräuchlich (nserb. jatsy, yjatsy, lüneb. justroi Ostern). 
agS. eastormonadh bei Beda. Grimm 56. 57. Weinh. 15. Corem. 16. 
mlat. mensis paschae. Ducange s. v. mensis. 

73. Jejunium. 

lett. gavenu menesis martius. Stender (gaveni Fastenzeit). Grimm 70. 
magy. böjt elö hava februarius; böjt mäs hava martius (böjt Faste). 

74. Andreas. 

nsl. andrejsöak (andrejsöek) december. Novi-Jez. 
nrhein. sant Andreismaint. Grimm 60. Reinsb. 363. 
magy. szent Andräs hava. 



Die slavischen Monatsnamen. 25 
alb. geg. son Endreu, hi Indrt, december. von Hahn, Alb. Stud. 

it. sard. sanct Andria. G. Spano. Ortografia 70. sanctu Andria november. Reinsb. 863. 
mm. Andrea, Indre. december. Bar. Andre f. Major, lndrele. ibid. 

75. Demetrius. 

bulg. dmitrovskijtt der Monat des heil. Demetrius october. Petr. 136. 
alb. geg. mitri. 

76. Elias. 

bulg. ilinskij-Lt iulius. Petr. 124. 

serb. ilijstak. Vuk. ilijinstak. Ragusa. ilijnski. Erben 148. 

77. Georgius. 

nsl. gjurgevsöak Georgsmonat aprilis. Ev.-Tirn. 
magy. Szent-György hava. 

78. Gregorius. 

nsl. gregursöak martius. Ev.-Tirn. Jambr. Alter 101. 

79. Jacobus, 

nsl. (jakobescak) jakobescek Jakobsmonat iulius. Novi- Jez. jakopecek. ibid. sant-jakobnik. 

Meg. jakopovscak. Ev.-Tirn. Jambr. 
kroat. jakovcak. Hung. 
magy. Szent-Jakab hava. 

80. Joannes. 

nsl. ivanscak iunius. Ev.-Tirn. Jambr. ivanjsöek. Hung. ivanöek. Novi-Jez. 
kroat. ivanjski. Veglia. jivancak. Hung. 
magy. Szent-Ivan hava. 

81. Kresi.. 

nsl. kresnik die Zeit des Johannisfeuers (nsl. kr§s Jobannisfeuer , Sonnenwende. Le feu de 
St. Jean. Corem. 25. serb. krijes) iunius. kriesnik. Meg. Gutsm. krsnik. Nach einer 
Mittheilung des Herrn Prof. M. Valjavec. 

it. sard. lampadas iunius, mese in cui si fanno le lampadi e fuochi di allegria (nella notte di 
S. Giovanni Battista) G. Spano, Ortografia Sarda. Cagliari 1840. 69. 

ir. mi-na-bealtine Feuermonat. Grimm, Mythol. 590. 

82. Lucas. 

nsl. lukovsöak Lucasmonat october. Habd. Ev.-Tirn. lukovöak. Jambr. 
kroat. lukovöak. Hung. 

83. Magdalena. 

kroat. mandalenski iulius. Veglia. 

Denkschriften der philos.-Mstor. Cl. XVII. Bd. 4 



26 



Dr. Franz Miklosich 



84. Martinus. 

OSerb. mercinski mösac november. Pfuhl, 
lett. Martina menesis. 

85. Michael. 

V 

nsl. miholjscak Michaelsmonat october. Habd. Jambr. Saf. 2. 323. 367. mihaoscek, mihaoöek 

September. Novi-Jez. 
kroat. miholjski. Veglia. 
OSerb. michalski mösac. 

magy. Szent-Mihaly hava; Szent-Mihäly nyara Nachsommer, 
alb. geg. hi Mili. 
alb. tosk. se Micheli. 

86. Petrus. 

bulg. petrovskij'bt iunius. Petr. 114. 

kroat. petrovski. Veglia. — Vgl. 

klniSS. temna nöcka v petrivocku. Pis. 1. 267. 

87. Philippus. 

nsl. filipovsöak Philippsmonat maius. Ev.-Tirn. Jambr. 



VI. Monatsnamen nach der Reihenfolge der Monate. 

Bezeichnung der Monate nach ihrer Reihenfolge kommt bei den slavischen Völkern nicht 
vor und die Namen nsl. prvnik, drujnik, tretnik etc. bei Sacharov sind Erfindungen der 
Grammatiker. Bei anderen Völkern findet man allerdings von der Aufeinanderfolge der Monate 
entlehnte Namen: lat. quintilis, sextilis, September etc.; bei den Tungusen am untern Amur 
nungun bä sechster (maius), nadan bä siebenter, dzakfun bä achter, chujun bä neunter, dzuan 
bä zehnter Monat (september). Schiefner 197 ; bei den Jakuten gibt es einen vierten, fünften etc. 
bis zehnten Monat. Schiefher 200; man füge hinzu deutsch erster, ander, dritter herbstmand 
september, october, november. Grimm 60; eben so alb. tosk. vjeste (Herbst) e pare, e düte, 
e trete september, october, november, von Hahn 6. Über die hieher gehörigen Monatsnamen 
einiger tatarischer Völker: aram primus; ikindi secundus; ugjungi tertius etc. siehe Fabri- 
cius, Menologium 81. 



Die slavischen Monatsnamen. 



27 



Erster Anhang. Entlehnte Monatsnamen, 

88. Aprilis. 

asl. aprih» aprilis. 

OSerb. pril, haperleja. 

nserb. hapryl; pril. Hauptmann. 

alb. geg. priil, prili. 

89. Maius. 

nsl. majnik maius. Meg. 
kroat. maj. 

klrilSS. maj 6d maju, kotorym luhy i l'isy pokryvsy sa zelenijut, majat sa. Vinok 244. L'vo- 

vl'anyn. 1861. 
RISS. maj. 
cech. maj. 
pol. maj. 

OSerb. maj (meja Maibaum). 

nserb. majski (mjasec). Zwahr 197. 

alb. maji. 

rum. majü. 

lit. mojus. 

rüld. mai; ander maji iunius. Germania 9. 195. Von dem im Herbst zu Zeiten, namentlich bei 
kleineren Gewächsen, eintretenden Grün heisst der September klruss. hie und da auch 
majik der kleine Mai: jesöe raz (die Natur) odivaje sa bujnov satov zelenosty, a pomensyji 
roslyny odivajut sa navet cvifjem , z ötty nazyvajut denekuda toj misac majik. L'vo- 
vl'anyn. 1861. 1862. od toho, sco hdekotry zela cvytut, öasom i derevyna takoz. Vinok 245. 
Der Name ist trotz seines Vorkommens bei allen slavischen Völkern fremd, wird jedoch 
von vielen für einheimisch gehalten, weil er auch andere, mit dem Monat jedoch zusam- 
menhängende, Bedeutungen hat: nsl. maj Maibaum, umajeno drevo, ki se o kresu postavi. 
Oberkrain. ein zu irgend einem Zwecke aufgerichteter Baum oder Pfahl; um Möttling 
(Metlika) insbesondere ein auf einer Wiese oder einem Acker eingesteckter Pfahl mit 
einem Querhölzchen oberhalb, zum Zeichen, dass daselbst fremdes Vieh nicht weiden 
darf; daher zamajati: ta travnik je zamajan: man vergleiche auch majnik (das Echo) leti, 
klruss. maj, majity Sa. Erben 143. leitet maj von einer die Natur bezeichnen sollenden 
maja ab: od plodici toho öasu matky pfirody, kteräzto se znamenä jmenem maja. 

90. Martius. 

kroat. maraö. 
serb. maraö. 

klruss. marot, marec. Rusalka 123. L'vovl'anyn 1861. marot, marec bringen manche mit mor, 

pomor in Verbindung: pol. nastaje marzec, umrze nie jeden starzec. 
pol. marzec. 



28 



Dr. Franz Miklosioh 



oserb. mörc. 
lit. moröus. 
alb. tosk. marsi. 
alb. geg. mars. 

Zweiter Anhang. Unerklärte Monatsnamen. 

91. Rogi,. 

oserb. vulki rözk ianuarius, maly rözk februarius. Erben 162. Grimm 68. 

lüneb. rüsatz (asl. rozbct: vgl. büsatz deus für bozbCb; smüla pix für smola) februarius. Pfef- 
fingen Grimm 68. 

lit. ragutis: didelis ragutis ianuarius; mazas ragutis februarius. Nessel. 426. (ragas cornu). Vergl. 
klrilSS. marec s trojaka byka roh zbyvajet. Petr. 94. 

Man denkt bei diesen Namen unwillkürlich an den deutschen Hornung februarius und 
erwartet von diesem Licht: leider ist dieser Monatsname eben so räthselhaft als jene. Hornung 
bedeutet nach Grimm 59. spurius, filius adulterinus, illegitimus und muss nach dessen Ansicht 
aus irgend einer symbolischen Anwendung des Wortes Horn auf diesen Begriff fliessen, also 
cornutus aussagen. Weigand, Deutsches Wörterbuch 1. 327. Nach Corem. 15. erklärt sich der 
Monatsname Hornung aus einer Hirtensitte, de linier les cornes du betail avant de le conduire 
au päturage, pour que, dans ses joyeux ebats, il ne se fasse pas de mal. Nach Fabricius, 
Menologium 136, hat der Februar diesen Namen a cornibus, quae illo mense cervi abiiciunt. 
Vgl. Gachet 387. 

92. Velij. 

nsl. veljak februarius. Jambr. 

serb. veljaöa februarius. Nasl.-Duh. Kratki-Nauk. aveljaöa. Vuk. velijaöa. Nasl.-Duh. 

Es liegt nahe, an das serb. verbum veljati veränderlich sein zu denken, veljak, veljaöa 
als den veränderlichen Monat zu deuten und sich dabei auf die serb. Wetterregeln zu berufen: 
veljaöa velja der Februar ist veränderlich (aus einer Mittheilung des Dr. B. Bogisic) ; kad 
velje ne veljuje, mare opakuje. Vuk: allein so wie it. marzeggiare veränderlich sein. Reinsb. 
365. von marzo, ebenso stammen veljati, veljevati von dem Monatsnamen, nicht umgekehrt. 
Erben 164. erklärt veljak durch velky mösic, der grosse Monat, und zwar, wie die Verglei- 
chung mit Monatsnamen anderer Völker darthut, mit Recht, wenn wir auch nicht im Stande 
sind, den Grund der Benennung oder den Zusammenhang derselben mit der Sache nachzu- 
weisen: ostjakisch chägäf der grosse Monat; ebenso samojedisch arka jiry, in der Sprache der 
Giljäken am Amur finden wir pila örar long, in der Sprache der Bewohner der Insel Sachalin 
pila long, aleutisch tugid'igamak, in der Sprache der Kaloschen t'iss' (a)t4en; mehrere dieser 
Völker kennen auch einen kleinen Monat: ostjakisch ejängäf, in der Sprache der Giljäken am 
Amur kommt vor maöen Örar long, in der Sprache der Bewohner der Insel Sachalin maöki 
long, in der Sprache der Kaloschen t'iss' g'at. Schiefner 191. 198. 202. 204; ähnlich ist 
it. giugnettu iulius. Reinsb. 364. afz. juignet iulius. Grimm 61. und juing le grant, nach 
Ducange ob longiores dies: vgl. langdagmaend mois du long jour. Corem. 24. Gachet 398. 
Bei der Erklärung dieser Benennungen möchte auch auf folgende Namen hinzuweisen sein : 



Die slavischen Monatsnamen. 



29 



ndl. grootlente, kleinlente grosser Lenz, kleiner Lenz. Corem. 8.; ostjakisch ai ker tylis Monat 
der grossen Schneekruste. Schiefner 190. ; bulg. golemin (golemin) iannarius. Petr. 86., das 
für gol^mi (golemi) seöko gesagt wird ; endlich mensis magnus. Pilgram. 

93. HucK. 

lüneb. chendemon le mauvais mois aprilis. Pfefnnger. 

94. Leto. 

asl. letfcnt: leteni,. Assem. fol. 146. 
bulg. letenb maius. Petr. 109. 

nserb. naletny (mjasec), der Frühjahrsmonat (naleto Frühjahr) aprilis. Hauptmann. Zwahr 188. 
Erben 141. 

95. Maren. 

serb. maren: ijula (iuna). 17. marena pomri.ce sltnce. Ljet. 76. — Vgl. 
bulg. marane mi je es ist mirheiss; marenb deiib. Tichonr. 2. 389. 



Literatur. 

Die hier übergangenen, meist altt-lovenischen Quellen finden sich in meinem Lexieon palaeoslovenico - graeco latinum 

emenclatuin auctnm. Vindobonae. 1862—1865. V — XXI. aufgeführt. 

Alter, F. C, Beiträge zur praktischen Diplomatik der Slaven. Wien 1801. 98 — 110. 
Baric, Gr., Kxlendarü pentru poporulü romtnü. Brasovu (1856). 
Benecke-Müller, Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Leipzig 1863. 2. 55 — 58. 
Bergk, TL, Beiträge zur griechischen Monatskimde. Giessen 1845. 
Bibliografieeskija listy. Sanktpeterburg. 1819. 1826. 1827. 
Bojadzi, M., rpafxfjtatr/y] 'Pwfiavr/^. Wien. 1813. 

Coremans, L'annee de l'ancienne Belgique. Bruxelles. 1844. Compte-rendu des seances de la 

Commission Royale d'histoire. Extrait du tome VII. n°. 1. des Bulletins. 
Diez, Fr., Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen. Bonn 1853. 669. 415. 
Dobrovsky, J., Slovanka. Prag. 1814. 1. 70 — 75. 

Erben, K. J. , Jmena mSsicü slovanskä vübec a öeskä zvlästö in Casopis öeskeho museum. 
1849. 133. 

Ev.-Tirn. Szveti evangeliumi (pro dioecesi Zagrabiensi). Vu Gseske Ternave 1694. 
Fabricius, J. A., Menologium. Hamburgi 1712. 

Gachet, E., Recherches sur les noms de mois et les grandes fetes chretiennes. Bruxelles. 1865. 
Compte-rendu des seances de la commission Royale d'histoire. III. serie. tome VII. 
383—548. 

Germania. Herausgegeben von Fr. Pfeiffer. Stuttgart und Wien. 1856 — 1867. 
Grimm, J., Geschichte der deutschen Sprache. Leipzig. 1848. I. 71 — 113. 
Hahn, G. v., Albanesische Studien. Wien 1853. 

Haltaus, Ch. G., Jahrzeitbuch der Deutschen des Mittelalters. EMangen 1797. 



30 



Dr. Franz Miklosich 



Handschrift vom Jahre 1466 aus Lak (Löka) in Kram, Hofbibliothek in Wien Nr. 2821. Ree. 

450. Fol. 157., nsl. Monatsnamen enthaltend. 
Hauptmann, M. J. G. , Nieder -lausitzisch -wendische Grammatik. Lübben. 1761. 488. 489. 

Enthält die älteren Monatsnamen. 
Hermann, K. Fr., Monatskunde. Göttingen 1844. 
Jadranski Slavjan. V Trstu 1850. 
Kanizljic, A., Rozalja. U Beöu 1780. 

Karamzin, N., Istorija gosudarstva rossijskago. Sanktpeterburg 1818. I. Noten pag. 75 — 77. 
Kratki Nauk kerstjansko-katolicanski. U Osjeku 1861. 
Kulczyriski, J., Specimen ecclesiae ruthenicae. Parisiis 1859. 

Lamanskij, V., nekotorych slavjanskich rukopisjach etc. I. Sanktpeterburg. 1864. 
Lewicki, Jos., Grammatik der ruthenischen oder kleinrussischen Sprache in Galizien. Prze- 

mysl 1834. 211. 
L'vovl'anyn. L'vöv 1861. 1862. 

Major, P., Lexicon valachico-latino-hungarico-germanicum. Budae 1825. 
Makarij, Istorija russkoj cerkvi. Sanktpeterburg 1857. 3 voll. 
Megiser, H., Dictionarium quatuor linguarum. Graecii 1592. 
Miladinovci, D., K., BiJgarski narodni pesni. V Zagreb 1861. 
Molytvoslov. L'vöv 1861. 
Nasladjenie duhovno. U Mletci 1688. 

Nesselmann, G. H. F., Wörterbuch der littauischen Sprache. Königsberg 1851. 

Nomis, M., Ukrainsky prykazky, prislövja i take inse. Sanktpeterburg 1864. 

Novi Jezus. V Lendove 1861. 

Novo marianszko zvetje. Köszöghi 1837. 

Peremysl'anyn. PeremysT 1862. 

Pfeffinger, J. F., Vocabularium venedicum in Eccardi hist. stud. etymol. ling. germ. Han- 
noverae 1711. 274—305. 
Rakowiecki, J. B., Prawda ruska. Warszawa 1820. I. 56. 57. 

Reinsberg-Düringsfeld, O. v., Volksthümliche Benennungen von Monaten und Tagen bei den 
Romanen im Jahrbuch für romanische und englische Litteratur. 5. 361 — 392. 

Pctrusevyö, A. S. , Obscerusskyj dnevnyk im Vremenyk Instytuta stavropyhyjskoho. L'vöv 
1866. 67 — 156. 

Pjesnici hrvatski, Stari, U Zagrebu 1856. 1858. 

Rusalka dnistrovaja. U Budymi 1837. 124. 

Sacharov, J., Skazanija russkago naroda. Sanktpeterburg 1841. 1849. 

Schiefner, A. , Das dreizehnmonatliche Jahr und die Monatsnamen der sibirischen Völker, im 
Bulletin de la classc des sciences histor., philol. et politiques de l'academie de St. Peters- 
bourg. Tome XIV. 188—204. 209—218. 

Spano, G., Ortografia sarda. Cagliari 1840. 

Stender, G. F., Lettisches Lexicon. Mitau 1789. 

v 

Safafik, P. J., Geschichte der südslawischen Literatur. Prag 1864. 1865. Zweiter Band. 
Vinok Rusynam na obzynky. U Vidny 1847. 2. 240 254. 
Weinhold, K., Über die deutsche Jahrtheilung. Kiel 1862. 



Die slavischen Monatsnamen. 



31 



Index. 



andrejscak 74 

aprilb 88 

aveljaca 92 

babino leto 33 

berezen . 2 

berezozol 2 

bobov cvet 1 

bogorodicenskij-Bt ; . . 64 

bokogrej 20 

bozicnjak 62 

bozicni 62 

brezoki 2 

brezozolb 2 

brezozor-b 2 

brezbnt 2 

bydzen 24 

crtvenik 21 

cveten 3 

cvitanj 3 

czerwiee 21 

cerven 21 

cervenec 21 

cerven 21 

cresnjan. 4 

crt villi 21 

eviten 3 

dmitrovskij'bt 75 

duben 5 

ebehtnik 63 

filipovscak 87 

gjurgevseak 77 

gnilec 9 

goresniktt 49 

gospodinstak 64 

gospojnik 64 

gregurseak 78 



grjazniki 37 

grozdober 60 

gruden 34 

grudzien 34 

grudtn-b 34 

hedzen 24 

hodovnik 62 

hruden ". 34 

hruden 34 

ilijinstak 76 

ilijstak 76 

ilinskij-bt 76 

ivaujski 80 

ivanseak 80 

izok-b 22 

jaemenski 6 

jakobeseak 79 

jakoveak 79 

jarec 35 

jatsman 72 

jesenik t 36 

jesenski 36 

jesenseak 36 

kazybrod 37 

kazydoroh 37 

kedzen 24 

kezden 24 

kimavec 24 

klasen 7 

kolovoz 52 

kosen 53 

kozoprsk 23 

kozov prsk 23 

kresnik 81 

krsnik 81 

kveten 3 



kwiecien 3 

ky ven 24 

lazak 40 

lazu 40 

leden 38 

leistenmön 9 

letbni, 94 

lipan 8 

lipanj 8 

lipiee 8 

lipstak 8 

listognoj 9 

listopadb 9 

listov gnoj 9 

lukovseak 82 

luty 39 

lypec 8 

lypen 8 

lystopad 9 

lystopaden 9 

Tuten 39 

l'utyj 39 

h,zujek 40 

maj 89 

majik 89 

majnik 89 

majski 89 

malomesnjak 64 

mandalenski 83 

marac 90 

marec 90 

marenb 95 

marot 90 

marzec 90 

mesnjek 64 

merc 90 



32 



Dr. Franz Miklosich, Die sla vischen Monatsnamen. 



mercinski 84 

miholjski 85 

miholjscak 85 

michalski 85 

mlecen 25 

mlosny 54 

muri. 10 

naletny 94 

nazymski 48 

nivaglutüf 65 

obrocnik 55 

oseni, 36 

ounor 41 

ozujak 40 

padolyst . 9 

pancjustemön 66 

pazdernyk 42 

pazdziernik 4 

petrovski 86 

petrovskij'Bt 86 

poberuh 61 

pozymski 48 

prasnik 56 

praznik 49 

prezimec 43 

prosinbct 43 

prozimec 43 

revun 26 

risalscak 67 

rjujin'L 26 

rozzelony 16 

rozen cvet 11 

rozk 91 

roznik 11 

roznjak 11 

rozocvet 11 

rozovc 11 

rozovy 11 

rujan 26 

rüzen 11 

rüsatz 91 

rzen cvet 11 

fijen 26 

secen 58 



serpen 59 

secan 58 

secen 58 

secko 58 

secbk-B 58 

seci.ni> 58 

seninic 53 

senokos 53 

senozorniki, 53 

sicen 58 

sierpien 59 

sijecanj 58 

sisveseak 71 

sjecanj 58 

smaski 56 

smaznik 56 

solnovorott 44 

srpanj 59 

srpen 59 

srpen 59 

srBpbn'B 59 

studenijtt 45 

studenyj 45 

Student 45 

Student 45 

studinec 45 

styczen 45 

suhyj 46 

suh-B 46 

susac 46 

susec 46 

sürman 46 

svadebniki, 68 

svadebnyj 68 

svetacni 70 

svecan 69 

svecnik 69 

sviban 12 

svibanj 12 

svibtni, 12 

svicnicar 69 

sveckovny 69 

sicen 58 

siven 57 



travan 13 

travanj 13 

traven 13 

traven 13 

travtnb 13 

trebemon 62 

trnopuk 14 

trusym 47 

ünor 41 

velijaca 92 

velikobozicnjak 62 

velikomesnjak 64 

veljaca 92 

veljak 92 

veresen 15 

vezymski 48 

venahtnik 62 

vinotok 60 

vinski 60 

yjelci mesac 27 

vlcenee 27 

vlci mesic 27 

vresen 15 

vresbnb 15 

vresen 15 

vsesvescak 71 

winnik 60 

wrzesien 15 

zachopny 65 

zarevt 26 

zafi 26 

zejmemön 48 

zimec 48 

zornicnikt 17 

zrilivoca 17 

zymski 48 

zar 49 

zenc 61 

zetvarskij'Bt 61 

zniski 61 

znenc 61 

znojski 61 

zolten 18 

zoltopusnik 18 



33 



QUELLENMATERIAL 



zu 



ALTDEUTSCHEN BICHTUNGEN. 



Dr. FRANZ PFEIFFER 

WIRKLICHEM MITGLIEDS DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IL 



VORGELEGT IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE AM 10. JULI 3867. 



V0KW0KT. 

Diese zweite Abtheilung ist dem Wolfram von Eschenbach gewidmet und bringt neues, 
hoffentlich willkommenes Quellenmaterial zu dessen Parzival und Wilhelm. 

1. Parzival. 

Dass von keinem Werke des 13. Jahrhunderts sich so viel Handschriften erhalten, 
hat schon Lachmann (Vorrede zu Wolfram S. XV) bemerkt. Was ich hier gebe, hilft diese 
im Jahre 1833 noch nicht ganz sichere Behauptung (ich erinnere an die zahlreichen Hand- 
schriften von Rudolfs Weltchronik, vonFreidank und dem Nibelungenliede) vollauf bestätigen. 
In der That zeigt die nun nachweisbare Anzahl von ganzen Handschriften, oder Bruchstücken 
solcher, dass der Parzival einst eine Verbreitung genoss, wie kein anderes Gedicht. Folgende 
Ubersicht sämmtlicher Handschriften und Bruchstücke mag dies darthun. 

I. Handschriften. 

a) Von Lachmann benützte : 

1. (D) Die St. Galler, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., 234 Seiten 1 ) in Spalten zu 
54 Zeilen. 



!) Nicht 284 , wie bei Lachmann S. XV steht. In der Seitenzählung ist nämlich gefehlt, indem von 8. 206 statt auf 207 
irrthümlich auf S. 261 übergesprungen ward. 



Denkschriften der plnl'js.-histor. C!. XVII. Bd. 



34 



Dr. Franz Pfeiffer 



2. (d) Die Heidelberger Nr. 339, Papier, 15. Jahrhundert, Quart, Bl. 6—604, mit 
Bildern. 

3. (d) der alte, einer Handschrift gleichzuachtende Druck vom Jahre 1477, Fol., 
159 Blätter in Spalten zu 40 Zeilen. 

4. (G) Die alte Münchner, Cod. germ. 18, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., 70 Blätter 
in Spalten, von fünf Händen geschrieben, mit Bildern. 

5. (g) Münchner Cod. germ. 19, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., 107 Blätter in 
Spalten zu 40 — 46 Zeilen, mit Bildern, der Schluss (von Lachmann 555, 21 an) fehlt. 

6. (g) Münchner Cod. germ. 61, Pergament, 13. Jahrhundert, in Quart, 130 Blätter 
in Spalten, die Verse unabgesetzt. Der Anfang (Lachmann 1 — 45, 2) fehlt, von Lachmann 
nur bis 452, 30 verglichen. 

7. (g) Die Heidelberger Nr. 364, Pergament, 14. Jahrhundert, gr. Fol., Bl. 1 — 111 
in Spalten zu 56 Zeilen. 

8. (g) Hamburger Nr. 15, Papier vom Jahre 1461, Fol., 612 Seiten in Spalten zu 
meist 30 Zeilen. 

b) Von Lachmann nicht benützte : 

9. (g) Wiener Nr. 2708, Pergament, 13. Jahrhundert, in Quart, 113 Blätter in Spalten 
zu 38 Zeilen. Das Ende (von Lachmann 572, 30 ff.) fehlt. 

10. (g) Wiener Nr. 2775, Pergament, 14. Jahrhundert, Fol., 108 Blätter, bis Bl. 22 
in 3 Spalten zu 38, von da an in 2 Spalten zu 40 — 44 Zeilen. 

11. (d) Wiener Nr. 2914, Papier, 15. Jahrhundert, Fol., 536 Blätter, die Seite zu 
23—26 Zeilen. 

12. (d) Dresden, kgl. Bibliothek, Nr. 66, Papier, 15. Jahrhundert, Fol., in Spalten, mit 
Bildern. Ende fehlt, von Lachmann 807. 12 an. 

13. (g) Lassoergische zu Donaueschmgen, Nr. 70, Papier, 15. Jahrhundert, 334 
Seiten in Spalten zu 32 — 34 Zeilen. 

14. (g) Donaueschingen Nr. 97, Pergament, 14. Jahrhundert (von 1336), gr. Fol., 
Bl. 1— 115% in Spalten, schliesst mit Lachmann 733, 30. Vgl. Barack, Die Handschriften der 
fürstl. Fürstenberg. Hofbibliothek zu Donaueschingen. Tübingen 1865. S. 88 ff. 

15. (g) Schweriner, Papier, 15. Jahrhundert, Fol., schliesst mit Lachm. 803, 7., s. 
Lisch, Jahrb. 6, 169. 

II. Bruchstücke. 

d) Von Lachmann benützte : 

16. (d) Gräter — K. Köpkesche, zwei verstümmelte Pergamentdoppelblätter, 
13. Jahrhundert, in gr. Quart und 3 Spalten zu 48 Zeilen, vgl. Lachmann S. XV. 

17. (d) Spangenbergische I. , zwei Blätter, Pergament, 14. Jahrhundert, Fol. , in 
Spalten zu 44 Zeilen. 

18. (E) Münchner IL, Cod. germ. 194, ein unten beschnittenes Blatt, Pergament, 
13. Jahrhundert, Fol., in Spalten zu 60 Zeilen. 

19. (F) Grimmische L, zwei Doppelblätter, Pergament, 13. Jahrhundert, in Quart und 
Spalten zu 40 Zeilen. 

20. (g) Münchner L, einBlatt, Pergament, 14. Jahrhundert, Fol., inSpalten zu 48 Zeilen. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



35 



21. (g) Spangenbergische IL, ein Doppelblatt, Pergament, 14. Jahrhundert, in Quart 
und Spalten zu 34 Zeilen. 

22. (g) Arnsberger, ein Blatt, Pergament, 14. Jahrhundert, in Quart und Spalten zu 
34 Zeilen. 

23. (g) Grimmische IL, zwei Doppelblätter, Pergament, 14. Jahrhundert, in Quart und 
Spalten zu 30/31 Zeilen. 

24. (g) Berlinisches, ehmals in v. d. Hagens Besitz, Doppelblatt, Pergament, 15. Jahr- 
hundert, in Quart, auf jeder Seite 30 Zeilen. 

Hiezu kommen 

b) von Lachmann nicht benützte, meist erst in neuerer Zeit aufgefundene, und zwar zuerst 
die auf den nachfolgenden Bogen abgedruckten (Nr. 25 — 36): 

25. (d) Wiener L, Cod. Nr. 13070 (olim Suppl. 751), zwei Blätter, Pergament, 13. Jahr- 
hundert, kl. Fol., einspaltig, Verse unabgesetzt, zu 42 Zeilen die Seite = ungefähr 60 Verse. 

26. (g) Wiener IL, Cod. Nr. 12780, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., in Spalten zu 
49/50 Zeilen. 

27. (g) Wiener III., ebd. Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., in Spalten zu 50 Zeilen. 

28. (g) Regensburger, vier sehr verstümmelte Blätter, kl. Quart, in Spalten zu 46 
Versen. 

29. (g) Karlsruher, zwei Doppelblätter, Pergament, 13. Jahrhundert, kl. Fol., in 
Spalten zu 40 Zeilen. 

30. (g) Pfälzer, ein verstümmeltes Doppelblatt, Pergament, kl. Fol., 13. Jahrhundert, 
in Spalten zu 50 Zeilen. 

31. (g) Frankfurter, ein Doppelblatt, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., in Spalten 
zu 37 Zeilen. 

32. (g) Salzburger, ein unten beschnittenes Blatt, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., 
in Spalten zu ursprünglich 44 Zeilen. 

33. (d) Gothaer, ein Doppelblatt, Pergament, 13./14. Jahrhundert, gr. Fol., in Spalten 
zu 36 Zeilen. 

34. (g) Pfeiffersche L, zehn Blätter, Pergament, 14. Jahrhundert, gr. Fol., in Spalten 
zu 42 Zeilen. 

35. (g) Pfeiffersches IL, ein Doppelblatt, Pergament, 14. Jahrhundert, Fol., in Spalten 
zu 42 Zeilen. 

36. (d) Starnberger, auf der Münchner Bibliothek, Cod. germ. 194, Pergament, 
14. Jahrhundert, Fol., in Spalten zu 38 Zeilen. 

37. (d) Reiner (aus dem Kloster Rein in Steiermark), zwei Blätter, Pergament, 13. Jahr- 
hundert, kl. Fol., dreispaltig zu je 60 Zeilen, abgedruckt in Diemer' s Beiträgen zur älteren 
deutschen Sprache und Literatur I (Wien 1851), 100 — 120. Sie enthalten Lachmann 417, 
18 — 429, 28 und 441, 28 — 453, 20. 

38. (g) Stuttgarter, zwei Doppelblätter, Fol., in Spalten zu 40 Zeilen, im Jahre 1844 
von „Augustini Quinquogena". Basil. 1489, durch Oberstudienrath Moser abgelöst. Der 
Inhalt entspricht Lachmann 465, 1 — 480, 30. Davon Hess Karl Roth S. 467, 21 — 472, 10 
abdrucken in den Dichtungen des deutschen Mittelalters (Stadtamhof 1845) S. XXXIV — 
XXXVIII. 

5* 



36 



Dr Franz Pfeiffer 



39. (?) Zürcher, ein Doppelblatt, Pergament, 13./14. Jahrhundert, (Fol.?), in Spalten 
zu 40/47 Zeilen, enthält S. 1, 1 — 10, 7 und 28, 25 — 37, 30. Die Lesarten mitgetheilt in 
der Zeitschrift für deutsches Alterthum 7, 169 — 174. 

40. (?) Schönauer (Schönau, Kloster bei Heidelberg), ein Blatt, Pergament, 13. Jahr- 
hundert, Fol., in Spalten wahrscheinlich zu 40 Zeilen, denn was in Mone's Anzeiger 6, 50 als 
Inhalt angegeben ist (= L. 471, 19 - — 474, 9), kann sich nur auf eine Seite beziehen. Daraus 
sind a. a. O. nur je vier Anfangs- und Schlusszeilen mitgetheilt. Das Blatt befindet sich im 
kgl. Archive zu Würzburg. 

41. (?) Berliner, aus Hofimann's Bibliothek. 

42. (?) Desgleichen. 

43. (?) Lausitz er, s. Neues Lausitzer Magazin 19, vgl. darüber K. Gödeke's Mittel- 
alter S. 738. 

Also im Ganzen 43 Handschriften, 15 vollständige und 28 in Bruchstücken, als Zeugen 
solcher, erhaltene. In der That eine höchst stattliche, jedes andere Dichtwerk des deutschen 
Mittelalters weit überragende Anzahl. Dabei ist wohl möglich, dass unter den vorhandenen 
Bruchstücken meiner Aufinerksamkeit einige entgangen sind; wie es umgekehrt sein kann, 
dass von den verzeichneten das eine oder andere zu Einer Handschrift ursprünglich gehören. 
Doch mehr als ein Paar etwa dürften es kaum sein. Zur bequemern Übersicht und Einreihung 
etwa später auftauchender Bruchstücke gebe ich ein Verzeichniss nach der Vers- und Zeilenzahl. 

Zeilen Nr. 19. 29. 38. 40. 41. 
„ „ 36. 

n » 31. 

„ „ 33. 

„ 21. 22. 

n n 23. 

I v 24. 

Nachfolgende Zusammenstellung zeigt, wie sich der Inhalt sämmtlicher Bruchstücke auf 
das ganze Gedicht vertheilt. 



60 


Zeilen Nr. 


18. 


37. 


40 


50 


n 


ii 


27. 


30. 


38 


49/50 


11 


ii 


26. 




37 


48 


ii 


ii 


16. 


20. 


36 


46/47 


ii 


ii 


39. 




34 


46 


ii 


» 


28. 




30/31 


44 


n 


n 


17. 


32. 


30 


42 


ii 


ii 


25. 


34. 35. 





1, 1 - 


10, 7. Nr. 39. 


254, 


30 


— 268, 9. Nr. 27. 


7, 5- 


30, 20. Nr. 28 (unvollständig). 


277, 


9 - 


- 283, 3. Nr. 32. 


15, 13 - 


- 24, 26. Nr. 33. 


282, 


17 


— 288, 13. Nr. 17. 


28, 25 - 


- 27, 30. Nr. 39. 


316, 


25 


— 328, 4. Nr. 34. 


34, 9 — 


47, 17. Nr. 26. 


339, 


13 


— 350, 12. Nr. 34. 


160, 5 - 


- 164, 6. Nr. 23. 


417, 


19 


— 429, 28. Nr. 37. 


160, 29 


— 169, 2. Nr. 18. 


421, 


6 - 


- 429, 5. Nr. 25. 


168, 10 


— 174, 28. Nr. 27. 


442, 


1 - 


- 453, 30. Nr. 35. 


172, 7 - 


- 180, 8. Nr. 23. 


463, 


20 


— 467, 20. Nr. 38. 


188, 12 


— 189, 11. Nr. 23. 


471, 


19 


— 474, 9. Nr. 40. 


191, 14 


— 192, 12. Nr. 23. 


473, 


19 


— 478, 24. Nr. 35. 


201, 16 


— 208, 5. Nr. 27. 


478, 


11 


— 480, 30. Nr. 38. 


215, 3 - 


- 228, 11. Nr. 27. 


489, 


20 


— 495, 7. Nr. 34. 


233, 5 - 


- 238, 22. Nr. 34. 


490, 


1 - 


- 495, 7. Nr. 35. 


249, 25 


— 255, 11. Nr. 34. 


492, 


16 


— 502, 13. Nr. 36. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



37 



506, 12 


— 517, 19. Nr. 34. 


651, 


16 - 


- 657, 7. Nr. 34. 


523, 4 - 


— 532, 26. Nr. 36. 


669, 


7 — 


675, 8. Nr. 17. 


525, 19 


— 535, 16. Nr. 16 (unvollständig). 


677, 


9 — 


687, 28. Nr. 19. 


528, 23 


— 534, 10. Nr. 34. 


704, 


3 — 


714, 22. Nr. 29. 


533, 23 


— 538, 2. Nr. 30. 


720, 


11 - 


- 724, 26. Nr. 22. 


539, 27 


— 545, 12. Nr. 34. 


725, 


23 - 


- 735, 18. Nr. 31. 


544, 29 


— 554, 16. Nr. 16. 


730, 


23 - 


- 736, 2. Nr. 29. 


556, 17 


— 562, 5. Nr. 34. 


741, 


9 — 


747, 20. Nr. 20. 


574, 1 - 


- 583, 16. Nr. 16. 


753, 


25 - 


- 759, 12. Nr. 21. 


580, 13 


— 587, 6. Nr. 30. 


759, 


13 - 


- 761, 12. Nr. 24. 


•_>yo, 7 - 


— oOz, Z5. JNr. Ib. 


761, 


7 — 


7 75, 22. JNr. 22. 


634, 15 


— 645, 4. Nr. 19. 


768, 


7 — 


775, 2. Nr. 29. 


634, 22 


— 640, 11. Nr. 34. 


775, 


1 — 


776, 30. Nr. 24. 


636, 22 


— 644, 26. Nr. 25. 


818, 


18 - 


- 820, 18. Nr. 21 (unvollständig). 



2. Wilhelm. 

Nicht ganz so grosse Verbreitung wie der Parzival fand Wolfram' s unvollendeter 
Wilhelm, und die Handschriften desselben sind, mit Ausnahme der prächtigen St. Galler 
Handschrift und der alten Münchner Bruchstücke, weder so schön, noch reichen sie an Alter 
so weit hinauf: die meisten gehören erst dem 14. und 15. Jahrhundert an. Doch ist deren 
Anzahl im Ganzen immerhin eine ansehnliche. Was bis zum Jahre 1833 davon vorhanden 
oder bekannt war, hat Lachmann S. XXXIV ff. verzeichnet. Davon hat er zu seiner Ausgabe 
benützt sechs vollständige Handschriften: Die St. Galler, Heidelberger, Kasseler, Wolfen- 
büttler und zwei Wiener, und 10 grössere und kleinere Bruchstücke. Bloss erwähnt werden 
von ihm eine Kölnische (im Besitze Eberhards v. Groote) und eine Hamburger (ehemals Uffen- 
bachische) Papierhandschrift,- ausserdem zwei Bruchstücke (einBüschingisches und ein Regens- 
burger): somit im Ganzen zwanzig Nummern. 

Im Nachstehenden gebe ich ein Verzeichniss des seitdem neu Aufgetauchten, so weit es 
zu meiner Kenntniss gekommen ist. 

a) Handschriften. 

1. Riedegger, in der fürstl. Starhembergischen Bibliothek zu Efiferding Nr. I, 38, 
Pergament, 13./14. Jahrhundert, Bl. 26 — 61 e , dreispaltig zu 65 Zeilen; vgl. meine Beschrei- 
bung Germania 12, 66. 

2. Leipziger, Rathsbibliothek, Cod. germ. 109, Pergament, 14. Jahrhundert, Fol., 
Bl. 21 a — 116 b ; vgl. R. Naumann Catalogus librorum manuscriptorum , qui in bibliotheca 
senatoria civitatis Lipsiensis asservantur (Grimmae 1838. 4) S. 33. Es ist die von Haltaus in 
seinem Glossarium Germ, benützte Handschrift, die Lachmann S. XXXVI eine „nicht unbe- 
deutende" nennt. 

h) Bruchstücke. 

3. Münchner L, Cod. germ. 193, acht zur selben Handschrift gehörige Blätter, welche 
Lachmann mit J bezeichnet und von der er zwei weitere schon früher gefundene Blätter benützt 
hat. Ein genauer Abdruck folgt rückwärts unter I, 1. 



38 



Dr. Franz Pfeiffer 



4. Münchner II., Cod. germ. 193, ein sehr verstümmeltes Blatt, Pergament, 13. /14. 
Jahrhundert, Fol., zu ursprünglich 42 Zeilen. S. hinten unter I, 3. 

5. Münchner III., zwei Blätter, Pergament, 13. Jahrhundert, kl. Fol., zu 30 Zeilen die 
Spalte, mit Bildern. Sie gehören zu der Handschrift, von der die Münchner Hofbibliothek 
(Cod. germ. 193) auch zwei Blätter besitzt (s. unter I, 2), welche von Lachmann (W) benützt 
sind. Jene enthalten L. 161, 20 — 163, 26 und 210, 9 — 212, 14, und sind abgedruckt in 
K. Roth's Denkmälern S. 73—76. 

6. Würzburger, ein verstümmeltes Doppelblatt, Pergament, 13. Jahrhundert, kl. Quart, 
in Spalten zu 28 Zeilen; = L. 95, 5 — 98, 26. 114, 7 — 118, 2.'abgedruckt ebd. S. 68—73. 

7. Leipziger (Universitätsbibliothek), ein und ein halbes unten beschnittenes Doppel- 
blatt, Pergament, 14. Jahrhundert., in Quart und Spalten zu ursprünglich 40 Zeilen; 
= L. 207, 7 — 279, 24. 301, 19 — 306, 23, abgedruckt in den Altdeutschen Blättern 
2, 287—293. 

8. Melker, sechs Blätter, Pergament, 14. Jahrhundert, in Quart und Spalten zu 31/33 
Zeilen; = L. 231, 8 — 239, 15. 251, 28 — 255, 29. 280, 30 — 285, 11. 455, 28 — 464, 10. 
mitteldeutsch, abgedruckt in Diemer's Beiträgen 2, 88 - — 107. 

9. Wiener L, Cod. Vind. 12850, ein Doppelblatt, Pergament, 14. Jahrhundert, in Quart 
und Spalten zu 31 Zeilen; s. rückwärts unter H. 

10. Wiener IL, k. k. Hof bibliothek , ein Doppelblatt, Pergament, 14. Jahrhundert, in 
kl. Quart, Spalten zu 38 Zeilen; = L. 1, 1 — 6, 2. 37, 22 — 41, 16 ; Anfang und Ende mit- 
getheilt von J. M. Wagner im Anzeiger z. Kunde der deutschen Vorzeit 7, 118. 

11. Pfeiffersches, ein Blatt, Pergament, 14. Jahrhundert, grösstes Folio, in Spalten zu 
ursprünglich 62 Zeilen; s. hinten HI. 

12. Erbacher, ein verstümmeltes Blatt, Pergament, 13. Jahrhundert, Fol., in Spalten 
zu 52 Zeilen; ursprünglich = L. 250, 15 — 257, 12. Das noch Erhaltene abgedruckt in der 
Zeitschrift für deutsches Alterthum 9, 188 — 191. 

13. Ortenburg-Tambacher, ein Doppelblatt, Pergament, in Spalten zu 45 Zeilen 
= L. 452, 5 — 17. 453, 20 — 463, 12. S. Naumann's Serapeum 3, 342. 

14. Tübinger, zwei Blätter, Pergament, in Spalten zu 40/41 Zeilen, von denen unten 
je 2 — 3 weggeschnitten; sind = L. 349, 17 — 354, 26. 389, 25 — 395, 22. Die Lesarten 
von Keller mitgetheilt in Naumann's Serapeum 8, 45 ff. ■ 

15. Bergener (Kloster), zwei verstümmelte Blätter, Pergament, in Spalten zu 37/38 
Zeilen; = L. 254, 28 — 259, 29. 289, 4 — 294, 1. Von Franz Ohler mitgetheilt in Nau- 
mann's Serapeum 10, 298 ff. 

Mithin im Ganzen fünfunddreissig Handschriften, eine Zahl, welche gleichfalls kein 
anderes mittelhochdeutsches Dichtwerk erreicht. 



QuELLENMATEKIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



39 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 



A. ZUM PARZIVAL 



I. 

WIENER BRUCHSTÜCKE. 



Zwei Pergamentblätter in kl. Folio auf der k. k. Hof bibliothek , Cod. Nr. 13070 (olim 
Supl. 751), wohin sie im Jahre 1849 vom Antiquar Kuppitsch verkauft wurden. Die Verse 
sind unabgesetzt, auf jeder Seite stehen 42 Zeilen, ungefähr 60 Verse. Die Schrift ist schön 
und alt und steht darin der St. Galler Handschrift (D), mit der sie auch im Text und in der 
Orthographie in der Regel genau übereinstimmt, in keiner Weise nach. Die Initialen" sind 
durchgehends roth. 



421 ein choch. 

den chvnen Nibelvngen. 

di sich unbetwngen. 

dar hvben da man an in räch. 
10 de Sivride da vor gescach. 

her Gawan mvz mich slahen tot. 

oder ich gelere in räche not. 

des volge ich sprach Lyddamus. 

wan swaz sin 6heim Artus. 
15 hat vnt di von India. 

der mirz gsebe alse siz hant da. 

vii mirz ledechliche brsehte. 

ich liezez e daz ich vsehte. 

Nv behaldet pris des man iv giht. 
20 Segramors en bin ich niht. 

den man dvreh vehten binden mvz. 

ich erwirbe svs wol kvneges grvz. 

Sybeche nie swert er zöch. 

er was ie bi den da man vlöch. 
25 doch invse man in vlehen. 

groze gebe vn starchiv lehen. 

enpfienger von Ermenriche gnveh. 

nie swert er doch dvreh heim geslvch. 

mir wirt verscert nimmer vel. 

dvreh iveh her Kyngrimvrsel. 

422 des han ich mich gein iv bedaht. 
do sprach der kvnec Vergulaht. 



Swiget iwerr wehsei m*re. 

ez ist mir von iv beden swsere. 
5 daz ir der worte slt so vri. 

ich pin iv al ze nahe M. 

ze svs getanem gebrachte. 

ez stet mir noh iv niht rehte. 

Diz was vfem Palas. 
10 aldar sin swester chomen was. 

bi ir stvnt her Gawan. 

vn anders manech werder man. 

Der kvnec sprach zer swester sin. 

nv nim dv den gesellen din. 
15 vnt den lantgraven zv dir. 

di mir gvtes gvnnen di gen mit mir. 

vn rätet mirz wsegeste waz ich tv. 

si sprach da lege dine triwe zv. 

Nv get der kvnec an sinen rät. 
20 div kvnegin genomen hat. 

den lantgraven vn ir gast. 

daz dritte was der sorgen last. 

an alle missewende. 

nam si Gawan bi der hende. 
25 vn fvrten da si wolte wesn. 

si sprach vn wsert ir niht genesn. 

des heten scaden elliv lant. 

an der kvneginne hant. 

gie des werden Lots svn. 

daz moht er do vil gerne tvn. 



40 



Dr. Franz Pfeiffer 



423 (I)N eine kemenaten san. 

gie div frowe vnt di zwene man. 

vor den andern beleip si lsere. 

des pflagen kamersere. 
5 wan chlariv ivncfrowenlin. 

der mvse vil dort inne sin. 

Div kvnegin mit zvliten pflach. 

Gawans der ir ze kercen lach. 

dock sorgete vil div svze magt. 
10 vmbe Gawans tot wart mir gesagt. 

da was der lantgrave allez mite. 

der ensciet si ninder von dem site. 

svs waren di zwene da inne. 

bi der kvneginne. 
15 vnze daz der tack lie sinen strit. 

div nakt div quam do was ezzens zlt. 

Moraz win lvter tranck. 

brabten ivncfrowen da mitten chranch. 

vn andere gvte spise. 
20 Fasane vn parterise. 

vissce vn blancbiv wastel. 

Gawan vn Kyngrimvrsel. 

waren cbomen von grozer not. 

do ez div kvnegin gebot. 
25 si azen alsi solten. 

vnde andere dies ikt wolten. 
Div kvneginne in selbe sneit. 

daz was dvrck zvkt in beden leit. 

swaz man da kniender scenchen sack. 

ir dekeinem div kosen nestel brach. 

424 ez waren meide als von der zit. 
den man div besten iar nocb git. 
ick pin des vnervseret. 

keten si gescseret. 
5 als ein valcke sin gevidere. 

dane rede ick niht widere. 

Nv bort e sich der rat ge seiet. 

waz man des landes kerrn riet. 

di wisen het er zim genomen. 
10 an sinen rät di waren ckomen. 

ieslicker sinen willen sprach. 

als im sin bester sin veriach. 

do rieten siz an manege stat. 

der kvnec sine rede oveh hören bat. 
15 Er sprach ez wart mit mir getriten. 

ich chom dvreh aventiure geriten. 

zem forest Lsehtamris. 

ein ritter al ze hohen pris. 



in dirre wochen an mir sach. 
20 wander mich vlvglingen stach. 

hinderz ors al svnder twal. 

vnt twanch mich des daz ich den Gral. 

gelobte im zer werbn. 

solt ich nv drvmbe er sterbn. 
25 so müz ich leisten sichherheit. 

die sin haut an mir restreit. 

da ratet vmbe des ist not. 

min bester seilt war fvr den tot. 

daz ich dar vmbe bot mine hant. 

als iv mit rede ist hie bechant. 

425 Er ist manheit vnd ellens her. 
der helt gebot mir dennoch iner. 
daz ick an ar 

iure iar es vrist(e) 
5 ob ichs Grals er wrbe nikt. 

daz ich ir chome der man giht. 

der chrone ze Pelrapeyre 

ir vater hiez Tampenteyre. 

si min ouge an ... . 

10 daz ich sichher. ... ir isehe. 

er enbot ir ob si dachte an in. 

daz wrde an vroden sin gewin. 

vn er bete si er loset e. 

von dem kvnege eklamide. 
15 Do si di rede gekörten svs. 

do sprack aber Lyddamus. 

mit dirre herren vrlöbe ich nv 

spriche ouch räten si der zu. 

swes iveh dort twanch der eine man. 
20 des si hie pfant her Gawan. 

der vederslaget vf iwerm chlobn. 

bitt in iv vor vns allen lobn. 

daz er iv den Gral gewinne. 

lat in mit gvter minne. 
25 von vns hinnen riten. 

vn nach dem Grale striten. 

daz laster mohte wir niht verchlagn. 

wrder in iwerm hvs erslagn. 

vii vergebt im sine scvlde. 

dvreh iwerr swester hvlde. 

426 Er hat hie erliten groze not. 
vii mvz nv cheren in den tot. 
swaz erden hat vmbeslagn daz mer. 
sone gelack nie kvs so wol ze wer. 

5 als Mvnsalvsesce swa div stet. 



423, 13 Svs corrigiert. Es stand Da, nun durchstrichen 
und am liande nachgetragen. 



J 24, 29 dar vmbe corrigiert, es stand dafür. 
425, 3. 4, am Rande nachgetragen. 9. 10. sind am Rande 
nachgetragen , die fehlenden Iiiichstaben weggeschnitten. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. LT. 



von strite rvher wech dar get. 

an sime gemache in hinte lat. 

morgen so sage man im den rat. 

des gevolgeten alle di rät gebn. 

svs behielt her Gawan da sin lebn. 
Man pflach des heldes vnverzagt. 

des nahtes da wart mir gesagt. 

daz harte gvt was sin gemach. 

do man den mitten morgen sach. 
15 vnde man messe gesanch. 

vf dem palase wart groz gedranch. 

von pövele vnt von werder diet. 

der kvnec tet als man im riet. 

er hiez Gawanen bringen. 
20 den wolt er nihtes twingen. 

wan als ir selbe habt gehört. 

Nv seht wa in brahte dort. 

Antyconle div wol gevar. 

ir vettern svn chom mit ir dar. 
25 vnd ander gnvge des kvneges man. 

div kvnegin fvrte Gawan. 

fvr den kvnech an ir hende. 

ein scapel was ir gebende. 

ir mvnt nam den blvmen ir pris. 

vf dem scapele deheinen wis. 
427 stvnt ninder cheiniv also rot. 

swem si gvtliche ein chvssen bot. 

des mvse swenden sich der walt. 

von maneger tioste vngezalt 
5 mit lobe wir solten grvzen. l d 

di chivscen vnt di svzen. 

di kvnegin Antyconten. 

vor valscheit di vrien. 

wände si lebte in so reinen siten. 
10 das ninder was vnder riten. 

ir pris mit valscen 

15 

lvter virrech als ein valchen sehe. 

was balsem msezech stsete an ir. 

de riet ir werdechlichiv gir. 

Div svze sselden riche. 
20 sprach gezognliche. 

427, 4 vngezalt corrigiert. Es stand manech valt. 11. Der 
Schreiber irrte durch das gleiche Wort verf ührt auf Z. 15 ab. 
Wiewohl verblasst ist... ben iehe in der Zeile noch deutlich zu 
lesen ; die Worte sind roth durchstrichen tind war am obern Bande 
die Verbesserung nachgetragen , von der aber wie das Pergament 
jetzt beschnitten ist nur mehr Folg. lesbar ist; also he wart vor 
valscer trvben (iehe). 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 



brvder hie bringe ich den degn. 
destv mich selbe bsete pflegn. 
nv laz in min geniezen. 
des en sol dich nicht verdriezen. 
25 gedenche an brüderliche triwe. 
vn tv daz ane riwe. 
dir stet manlich triw baz. 
dann daz dv doltes der werlde haz. 
vn minen chvnde ich hazzen. 
den lere mich gein dir lazzen. 

428 Do sprach der werde svze man 
daz tün ich swester ob ich chan. 
dar zv gip selbe dinen rat. 

dich dvnchet daz mir missetat. 
5 habe werdecheit vnderswngen. 

von prise mich gedrvngen. 

waz tohte ich danne ze brvder dir. 

wan dienten alle chrone mir — 

der stvnde ich abe dvreh din gebo 
10 din haz wsere min hohstiv not. 

mir ist vnmsere vrode vn ere. 

niwan nach diner lere. 

Her Gawan ich wil iveh des biten 

ir chömt dvreh pris da her gerite 
15 nv tvtz dvreh priss hvlde. 

helfet mir daz mine sculde. 

min swester vf mich verchiese, 

e daz ich si Verliese. 

ich verchiuse vf iueh min hercenleii 
20 weit ir mir gebn sichherheit. 

daz ir mir werbet svnder twal. 

mit gvtem willen vmben Gral. 

Do wart div svne verendet. 

vn her Gawan gesendet 
25 an dem selbn male. 

dvreh vorscen nach dem Grale. 

Kyngrimvrsel ouch verchös. 

vfen kvnec der in da vor verlos. 

daz er im sin geleite brach. 

vor al den fvrsten daz gescach. 

429 Da ir swert waren gehangen, 
div waren in vndergangen. 
Gawans knappen an des strtts stvnt. 
daz ir decheiner was worden wnt. 

5 ein gewaldech man von (der) stat. 



636 



25 



den sedel sevf her Gawan. 
Der Tvrkoyte zv zim saz. 
Lyscois mit Gawans mvter az. 
der chlaren Sangfven. 



42 



De. Franz Pfeiffee 



mit der kvnegin Arniven. 
az div herzoginne chlar. 
sine swester bede wol gevar. 
Gawan zv zim sizzen liez. 
iewdriv tet als erse hiez. 

637 Min chvnst mir des niht halbes giht. 
ine bin solch chvchen meister niht. 
daz ich di spise chvnne sagn. 

div da mit zuht wart fvr getragn. 
5 Dem wirte vnt den frowen gar. 

dienden meide wol gevar. 

anderhalp den rittern an ir want. 

den diende manech scariant. 

Ein vorhtlich zvht si des betwanch. 
10 daz sich der knappen cheiner dranch. 

mit den ivncfrowen. 

man mvste si svnder scowen. 

si trvgen spise oder win. 

sus mvsen si mit zvhten sin. 
15 Si mohten do wol wirtscaft iehn. 

ez was in selten e gescehn. 

den frowen vnt der ritterscaft. 

Sit si Clynscors chraft. 

mit sinen listen vber want. 
20 si waren ein ander vnbechant. 

vnt besloz se doch ein borte. 

das si ze gegen worte. 

nie chomen frowen noch di man. 

Do scvf min her Gawan. 
25 daz diz volch ein ander sach. 

dar an in liebes vil gescach. 

Gawane was ouch liep gescehn. 

doch mvser togenlichen sehn. 

an di chlaren herzoginne. 

div twanch sins hercen sinne. 

638 Nv begvnde ovch strichen der tach. 
so daz sin sein vil nach gelach. 

vnt daz man dvreh di wolchen sach. 

des man der nsehte ze boten iach. 
5 manegen stern der balde giench. 

wand' er der naht herbege (so) viench. 

nach der nahte baniere. 

chom si selbe sciere. 

Manech tivriv chrone. 
10 W as gehangen scone. 

al vmbe vf den palas. 

div sciere wol bechercet was. 

vf al di tissce svnder. 

trvch man chercen dar ein wnder. 
15 Dar zv div aventivre giht. 

div herzoginne wsere so lieht. 



wsere der chercen deheiniv braht. 

da wsere doch ninder bi ir naht. 
21 Man welle im dan vnrehtes iehn. 

so habt ir selten e gesehn. 

decheinen wirt so vroden rieh. 

ez was den vroden da gelich. 
25 alsvs mit vrodehafter ger. 

di ritter dar di frowen her. 

diche an ein ander blichten. 

di von der vremde erscricten. 

werdents immer heinlicher baz. 

daz sol ich lazen ane haz. 

639 Ez en si danne gar ein vraz. 
weit ir si habent gnvch da gaz. 
man trvch di tissce gar her dan. 
Do vrägte min her Gawan. 

5 vmbe gvte videlsere. 

ob der da cheiner wsere. 

da was werder knappen vil. 

wol gelert vf seit spil. 

ir deheines chvnst was doch so ganz. 
10 sine mvsen strichen alten tanz. 

niwer tsenze was da wenech vernomen. 

der vns von Dvringen vil ist chomen. 
Nv danchtes dem wirte. 

ir vrode er si niht irte. 
15 manech frowe wol gevar. 

giengen fvr in tanzen dar. 

svs wart ir tanz gezieret. 

wol vnder parrieret. 

di ritter vnderz frowen her. 
20 gein der riwe chomen si ze wer. 

Ouch mvste man da scowen. 

ie zwisscen zwein frowen. 

einen chlaren ritter gen. 

man mohte vrode an in versten. 
25 Swelch ritter pfiach der sinne. 

daz er dienst bot nach minne. 

div bete was vrloplich. 

di sorgen arm vnt die vroden rieh. 

mit rede vertribn di stvnde. 

gein manegem svzem mvnde. 

640 Gawan vn Sangive. 
vnt div kvnegin Arnive. 
sazen stille bi des tanzes scar. 
div herzoginne wol gevar. 

5 her vmbe zv Gawane sizzen giench. 
ir hant er in di sine enpfiench. 
si sprachen sus vn so. 
ir chomens was er zv zim vro. 
sin riwe smal vn sin vrode breit. 



9b 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



43 



10 wart do svs swant im al sin leit. 

was ir vrode ame tanze groz. 

Gawan noch minre hie verdroz. 
Div kvnegin Arnive sprach. 

herre nv prvuet iwer gemach. 
15 ir soltet an disen stunden 

rwen ziwern wnden. 

hat sich div herzogin bewegn. 

daz si iwer wil mit deche pflegn. 

noch hinte gesellechliche. 
20 div ist helfe vn rätes riche. 

Gawan sprach des vräget sie. 

In iwer beder geböte ich hie. 

gar bin svs sprach div herzogin. 

er sol in miner pflege sin. 
25 Lat diz volch slafen varn. 

ich sol in hinte also bewarn. 

daz sin nie friwendinne baz gepflach. 

Floranden von Itolach 

vnt den herzogen von Gowerzin. 

lat in der ritter pflege sin. 
641 Dar nach sciere ein ende nam der tanz. 

ivncfrowen mit varwen glänz. 

sazen dort vn hie. 

di ritter sazen zwisscen sie. 
5 des vrode sich an sorgen räch. 

swer da nach werder minne sprach. 

ob er vant svziv gegenwort. 

von dem wirte wart gehört. 

man soltez trinchen fvr in tragn. 
10 daz mohten werber chlagn. 

der wirt warp mit den gesten. 

in chvnde ovch minne lesten. 

ir sizzen dvht in gar zelanch. 

sin herce ovch werdiv minne twanch. 
15 Daz trinchen gab in vrlop. 

von chleinen chercen manegen scop. 

trvgen knappen vor den rittern dan. 

do bevalch min her Gawan. 

dise zwene geste in allen. 
20 daz mvse in wol gevallen. 

Lyscois vn Florant. 

fvren slafen al zehant. 

Div herzogin was so bedaht. 

div sprach si gvnde in wol gvter naht. 
25 Do fvr ovch al der frowen scar. 

da si gemaches namen war. 

ir nigens si begvnden. 

mit zvht die si wol chvnden. 

Sangive vn Itonie. 

fvren dan als tet ovch Cvndrie. 



642 Bene vn Arnive do. 
scvfen daz ez stvnt also. 

da von der wirt gemach erleit. 

div herzogin daz niht vermeit. 
5 dane waere ir helfe nahe bi. 

Gawanen fvrten dise dri. 

mit in dau dvrch sin gemach. 

In einer kemenaten er resach. 

zwei bette svnder ligen. 
10 nv wirt iv gar von mir verswigen. 

wie div geliert waeren. 

ez n sehet andern mseren. 

Arnive zer herzoginne sprach. 

nv svlt ir scaffen gvt gemach. 
15 disem ritter den ir brahtet her. 

ob der helfe an ivch ger. 

iwerr helfe habt ir ere. 

ine sag iv nv niht mere. 

wan daz sine wnden. 
20 mit chvnst so sint gebvnden. 

er mohte nv wol wapen tragen. 

doch svlt ir sinen chvmber chlagn. 

ob ir im senftet daz ist gvt. 

leret ir in hohen mvt. 
25 des mvgen wir alle geniezen. 

nv läts ivch nicht verdriezen. 

Div kvnegin Arnive giench. 

do si ze hove vrlob enpfiench. 

Bene ein lieht vor ir trvch dan. 

di tvr besloz her Gawan. 

643 Cllvnnen si zwei nv minne stein, 
daz mag ich vnsanfte heln. 

ich sage vil lihte daz da gescach. 

wan daz man dem vnfvge ie iach. 
5 der verholniv maere machte breit. 

ez ist ovch noch den hofscen leit. 

ovch vnsaeliget er sich der mite. 

zvht si des sloz ob mime site. 
Nv fvgte div strenge minne. 
10 vnt div chlare herzoginne. 

daz Gawans vrode was verzert. 

er waere immer vnernert. 

svnder amien. 

di Phylosopfien. 
15 vn alle di ie gesazen. 

da si starche liste mazen. 

Chanchor vn Thebit 

vn Trebichet der smit. 

der Frimvtels swert ergrvp 
20 da von sich starchez wnder hvp. 

Dar zii al der arzate chvnst. 



(5* 



44 Dr. 

ob si im trvgen gvnst. 
mit temprie vz wrce chraft. 
ane wiplich gesellescaft. 
25 so mvser sine scarpfe not. 

han braht vnz an den svren tot. 
Ich wil ivz maere machen chvrz. 
er vant di rehten hirzwrz. 
div im half daz er genas, 
so daz im arges niht enwas. 
644 div wrce was bi dem Manchen brvn. 
mvterhalp der bertvn. 
Gawan svn des kvnec Lot. 
svzer senfte fvr svre not. 
5 er mit werder helfe pflach. 
helfechliche vnz an den tach. 

Sin helfe was doch so gedign. 
deiz al daz volch was verswigen. 
Sit nam er mit vroden war. 



Franz Pfeiffer 

10 al der ritter vnt der frowen gar. 

so da^ ir trvren vil nach verdarp. 

Nv vernemt ovch wi der knappe warp. 

den Gawan hete gesant. 

hin ze Lover in daz lant. 
15 ze Beems bi der Chorcha. 

der kvnec Artvs was al da. 

vnt des wip div kvnegin. 

vn maneger frowen liehter sein. 

vnt der msessenide ein flvt. 
20 nv hört wie der knappe tvt. 

Diz was eins morgens frv. 

siner botscefte greif er zv. 

div kvnegin zer kappein was. 

an ir venie si den salter las. 
25 der knappe fvr si kniete. 

er bot ir .... 



2. 

Zwei Pergamentblätter, Fol., in Spalten zu 49 — 50 Zeilen aus dem Anfang des 13. Jahr- 
hunderts, auf der k. k. Hofbibliothek, Cod. Vindob. 12780 (früher Suppl. 268). Schöne alter- 
thümliche Schrift, deren Charakter der des 12. Jahrhunderts ist. Die Verse stehen zwischen 
vertieften, mit dem Griffel gezogenen Linien, jeder erste Buchstabe ist etwas ausgerückt, Ini- 
tialen abwechselnd grün, roth und blau, nach jedem Vers in der Regel ein Punkt. 

Die Handschrift ist, wie die häufigen den für diu, dvrich und A. m. vermuthen lassen, in 
Baiern-Oesterreich geschrieben. Der Text stimmt meist zu G, zum Theil auch zu D. 



L.34. 


V 


n des wip dev burgravin l a 




U 


ier liht man vor ir drafe trüc 


10 


I 


r becher hvp dev kvnigin. 




s 


i reit och da si vant genüc. 




s 


i sprach la dir bevolhen sin. 






Dine azen och niht langer do 




V 


nsern gast dev er ist din. 




d 


er helt was truric vn vro. 




d 


ar umb ih evch beidev man. 


35 


E 


r frot sich daz man im bot. 




S 


i nam vrlop vn für dan. 




E 


re. vn twangin ein ander not. 


15 


A 


ber wider für ir gast. 




d 


az was dev strenge minne. 




d 


es herze trüc ir minnen last. 




d 


ev neiget hohe sinne. 




d 


az selb och ir von im geschach 


5 


d 


ev wirtin für an ir gemach. 




A 


ls ir öge vn ir herze iach. 




d 


ar nach vil schiere daz geschach 




d 


ie müsen mit ir pfliht han. 




M 


an bette den helde san. 


20 


M 


it zvhten sprach dev fro san. 




d 


az wart mit vlieze getan 




G 


ebietet herre swes ir gert. 




d 


o sprach der wirt zem gaste. 




d 


az schaf ih wan ir sit es wert. 


10 


N 


u sult ir slaffen vaste. 




V 


n lat mich iwer vrlop han. 




V 


n ruwet hint des wirt iv not. 




w 


irt iv hie güt gemach getan. 




V 


van er den sinen daz gebot. 


25 


d 


es frove wir vns vber al. 




S 


i solden danne keren. 




G 


vldin waren ir kerzstal. 




d 


es gastes jvncherren. 


643 


22 Vor gunst ist ein Zeichen ("). Das Fehlende guote 


15 


I 


r bette alvrnb daz sin lac. 


war wohl 


am Bande nachgetragen, ist aber jetzt weggeschnitten. 




I 


r hopt dran, wan er des pflac. 



Quellenmatertal zu altdeutschen Dichtungen. II. 



45 



d a stunden kerzen hart groz. 

d i brunnen liht den helt verdroz 

d az sus lanc was dev naht. 

20 I n braht dich en vmaht. 

d ev swarze morinne. 

d es landes kvniginne. 

E r want sich dich sara ein wit. 

d az im erkracten gar dev lit. 

25 S trit vn minne was sin ger. 

N v wnschet daz mans in gewer. 

S in herze gap von stozen schal. 

d az begunde dem reken 
s ine brüst beide erstrechen 

36 So dev sennwe tut daz armbrust. 
d a was zedraete sin gelust. 

d er herre sunder slafen lac. 

v nz er erkos den grawen tac. 

5 d ern gap dannoh niht lihten schin. 

d o wolt och da bereit sin. 

d er messe ein kapelan. 

d er sanch si got vn im san. 

M an trüc sin harnasch dar zehant. 
10 Er reit da er tjostieren vant. 

d o sazer ander stunde. 

v f ein ors daz beidev kvnde. 

H vrtlichen dringen. 

v n snellichen springen. 

15 k eric so manz wider zoch. 

S in ancher vf dem heim hoch. 

M an gein der porten füren sach 

A Ida. wip vn man veriach. 

S in gessehen nie helt so wnneklich 

20 I r got solten im sin gelich. 

M an fürt och starchev sper dabi. 

v vi er gezimiert si. 

S in ors von isen trüc ein dach. 

d az was für siege des gemach. 

d az vf ein ander decche lac. 

R inge dev nih swser wac. 

d az was ein grüner samit 

S in wapen roch sin kvrsit. 

w as och ein grünez achmardi. 

d az wart geworht ze Araby. 

37 D ar an erlevg ih niemen. 
S ine schilt riemen. 

v vaz der dar zv gehörte, 
v vas ein vnverblichen porte. 
5 M it gestein hart tivre. 
G elutert in dem tivre. 
v vas sin buchel rot golt. 



S in dienst nam der minnen solt. 

E in scherpfer strit in ringe wac. 
10 d ev kvnigin in dem venster lach. 

d a bi ir sazen frowen mere. 

N v seht dort hielt och Hvtiger. 

A 1 da im der pris geschach. 

d oer disen riter komen sach 
15 zv zim galapieren hie. 

N u daht er wenn ode wie 

k 6m dir franzoys in ditz lant. 

1<= 

H et ih den für ein mor. 
20 S o wser min bester sin ein tor. 

I doch von sprangen niht beliben. 

I r ors mit sporn si bede triben. 

v zem walap indie rabin. 

S i taten riters eilen schin. 
25 d er tiost anander si niht lvgen. 

d ie sprizen gein den lüften flugen. 

v ons stolzen Hvtigers sper 

vch valt in sins strites wer. 
H inderz ors vf daz gras. 

v il vngew°n er des was. 
38 Er reit vf in . vn tratin nider 

d es erholt er sich diche wider 

E r tet vil werlichen willen schin. 

d o staht in dem arm sin. 
5 D ev Gahmoretes lanze. 

d es iesch er fianze. 

S in meister het er uunden. 

v ver hat mich vber wnden. 

S o sprach der siglos man. 
10 d er sigehaft sprach do san. 

1 ch bin Gahmoret Anshevin. 

E r sprach min Sicherheit si din. 
D ie enphfie er vn san in in 

d es müs er vil gebrist sin 
15 v on den frowen die daz sahen. 

D orther begvnde gahen. 

v on Normandie Gatschier. 

E in ellens riche degen fier. 

d er strach tiostivre. 
20 d ie hielt och der gehvre. 

G ahmoret zer tiost bereit. 

S inem sper was daz ysen breit. 

v n der schaft veste. 

H ie werten die geste. 
25 E in ander vngelich ez wac. 

G atschier da nider lac. 

M it ors mitalle. 

v on der tioste valle. 



46 



Dr. Fbanz Pfeiffee 



v vart er betwngen Sicherheit 
E z war im liep ode leit. 
39 G ahmoret der wigant. 

S prach mir sichert iwer hant. 
d ev was mit ellenthafter wer. 
N v ritet gein der schotten her 
5 v n bitte daz vns verbern. 
M it strite ob des wellen gern, 
v n komt nach mir in die stat. 



E 

10 d 

v 
v 

V 

15 d 
E 
6 
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20 d 
S 
E 
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5 v 
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d 

10 E 

I 

F 
M 
15 1 
E 
I 
d 
d 



ndhaft daz was getan, 
ie schotten müsen striten lan. 
D o kom gevarn Kaylet 
on dem kert Gahmoret 
vad (so) er was siner mvmen sun. 
vaz wolt er im do leides tün 
er spaniol rief im nach genüc 
in struz er vfm helme trüc 
ezimiert was der man. 
az ih da von zesagn han. 
n pfelle wit vn lanc. 
az gevillde nach dem held clanc. 
ine schellen gabn gedone. 
r blum. mannes schone, 
ine varue an schon hielt den strit. 
nz an zwen di nach im wohsen sit. 
eacurs lotes kint. 
n parcifal di da niht sint. 
ie waren dannoch vngeborn. 
n wrden sit für schone erkorn. 
atschier in bi dem zom nam. 
wer wild wirt vil zam. 
az sag ich vf die trev min. 
n bestet ir den Anschevin. 
er min Sicherheit dort hat. 
v svlt ir merken minn rat. 
n darzv herre min bet. 
ch han geheizen Gahmoret. 
az ih ivch alle wende, 
az lopt ih siner hende. 
vrh mich lat iwer strebn sin. 
r tüt iv kraft an strit schin. 
D o sprach der kvnic Kaylet. 
st daz min neve Gahmoret. 
il lo roys Gandin. 
it dem laz ih min striten sin. 
at mir den zom. ihn lasiv niht 
min oge alrest ersiht. 
wer blozez hvpet. 
az min ist mir betobet, 
en heim er im her do bant. 



20 G ahmoret niht mer strites vant. 

E z was wol mitter morgen do. 

d i von der stat des waren vro. 

d ie dise tioste ersahen. 

d ie begvnden alle gahen. 
25 A n ir werlich letze. 

E r was vor in ein netze. 

S waz dar vnder kam daz was erslagn. 

E in ander, ors sus hört ih sagn. 

D ar vf saz der werde. 

d az floc vn rürte die erde. 

41 G ereht ze beiden siten. 

K vne da man solde striten. 

v erhaldn vn drsete. 

v vaz er druf tsete. 
5 d es müz ih im für eilen iehen. 

E r reit da in morin müsen seheu. 

A Ida si lagen mit ir her 

v vesterhalbn dort an dem mer. 
S in fürst Razalic da hiez. 
10 d ehin tac er nimmer verliez. 

d er riehst von Aragonc. 

S in geslseht in dar an niht betroc 

v on kvniges fruht was sin art. 

d er kert dan wart. 
15 d vrich tio stieren für die stat. 

d a tet siner kreft mat. 

d er helt von Anschowe 

d az clagt ein so swarzev früwe. 

D ev in het dar gesant. 
20 d az in da iman vber want. 

E in knappe der bot sunder bet. 

S inem herren Gahmoret. 

E in sper dem was sin Schaft ein ror. 

d a mit stach er den mor. 
25 H inderz ors vf den griez. 

N iht lenger er in lign liez. 

I n betwnge Sicherheit sin hant. 

d o was daz vrlüge gelant. 

v n im ein grozer pris geschehn. 

G ahmoret begvnd sehn. 

42 A ht vanen sweimen gein der stat 
d ie er vil bald wenden bat. 

d en kvnen sigelos man. 
d a nach gebot er im san. 
5 d az er kerte nach im in. 
d az tet er wand ez muse sin. 

Gatsier sin komen niht verbirt. 
A n dem innen wart sin wirt. 
d az sin gast was komen. vz. 
10 d az er niht isen als ein struz. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



47 



15 



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25 d 
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5 starche flinse verslant 

az machet daz ers niht vant. 

in munt begvnd limmen. 

n als ein lev brinnen. (so) 

o brach er vz. sin eigen har. 

r sprach nv sint mir minev iar 

ach grozer tvmpheit bewant. 

ie gote heten mir gesant 

inen kvnen werden gast 

st er verladen mit strites last. 

o newil ih niemer werden wert 

vaz tue mir schilt vn swert 

r mac mich schelten swer miel (so) man 

o kert er vor den sinen dan. 

ein der porte er vast rürte. 

in knappe in wider fürte. 

inen schilt inn vn vzen dran. 

al als ein dvrh stochen man. 

eworht in ysenharts lant. 

in heim fürt er an der hant. 

n ein swert daz Razalic 

vrich eilen braht in den wie. 

a was er von gescheiden. 

er kvne swarze heiden. 

in lop was virric vn wit. 

tarp er an toufen sit 

o erkenne sich vber helt bat (so) 

er maniger wnder hat gewalt. 

D o der Burgrave ditz ersach. 

o reht liep im nie geschach 

ev wapen er erkande. 

in vz der p orten er rande. 

inn gast sah er dort halden. 

en ivngen niht den alden. 

lgernde striticliche tiost 

a nam in la tili rost 

in wirt vn zoch in vast wider 

rn stach da mer dehinen nider. 

afilirost schahtelacvnt 

prac herre ir sul mir machen chvnt 

at betwngen iwer hant. 

azaligen. vnser lant. 

st kampfes sicher immer mer 

r ist ob allen moren here 

es getruwen ysenhartes man. 

ie vns den schaden hant getan. 

ich hat verendet vnser not. 

in zornic got in daz gebot. 

az si vns suchten mit ir her. 

v ist entsvmpfiert ir wer. 

r fürt in in daz was im leit. 



10 



10 



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Z 

20 E 
v 
M 



ev kvnigin im wider reit. 

inen zom nam si mit ir hant. 

i enstricte der pfintelein bant. 

er wirt in mvse lazen. 

in knappen niht vergazen. 

i encherten vast ir herren nach. 

vrich die stat man füren sach. 

r gast die kvnigin wis. 

er da behalte het den pris. 

S i erbeizt alda sis duht cit. 

wi wi getrev ir knappen sit. 

r wsent Verliesen disen man. 

m wirt an iveh gemach getan. 

emt sin ors vn füret ez hin. 

in geselle ih hie bin. 

il frowen er dort vf vant. 

ntuapent mit swarzer hant. 

vart er von der kvnigin. 

in declachen zoblin. 

n ein bette wol geheret 

aran im wart gemeret 

in heinlichev ere. 

Ida was nieman mere. 

vnefrowen giengen für. 

n stvzen nach in die tvr. 

a pflac dev kvniginne 

iner werden süzen minne. 

n Gahmoret ir herzen trvt 

ngelich was doch ir zwaier hvt. 

i brahten opfer vil ir goten. 

en von der stat was geboten, 

em kvnen Razaligie. 

o schiet von dem wlge. 

az leist er dvrh triwe. 

och was sin iamer ni T we. 

ach sinem herren Isenhart. 

o der bvrgrave des in wart. 

az er wart ein schal. 

ar chomen die fursten vber al. 

er kvniginne von zazamanc. 

n sageten im des prises danch. 

en het alda bezalt. 

e rehter tiost het er ervalt 

ier vn zweinzic riter nider. 

n zoch ir ors almeiste wider. 

a waren gevangen fursten dri. 

en reit manic riter bi. 

e hove vf den palas. 

ntslaven vn enbizen was. 

n wnneclich gefeit. 

it cleidern wol bereit. 



48 



Dr. Franz Pfeiffer 



v vas des hosten wirtes lip. 
d ev e" was maget dev ist nv wip. 
25 d ev in her vz fürt an ir hant. 
S i sprach min lip vn min lant. 
I st disem riter vnder tan. 

b ez im vient wellent lan 

D a wart gevolget Gahmoret. 
E iner hofschlichen bet. 
46 G et naher min her Razalich. 

1 r svlt kvssen min wip. 

S am tvt ir min her Gatschier. 

H vtigeren den schotten her. 
5 B at er si kvssen an ir mvnt 

d er was von siner tiost wnt. 

E r bat si alle sitzzen. 

A 1 stende er sprach mit witzen. 

I ch sih och gerne den neven min. 
10 M oht ez mit sinen hvlden sin. 

S wer in hie gevangen hat 

I chn hans vor sippe dehein rat 

I chn mvz in ledic machen. 

d ev kvniginne begvnd lachen. 
15 S i hiez bald nach im springen. 

d ort her begvnd dringen. 

d er manliche Beachvnt. 

d er was von riterscheft wunt. 

v n hetz och da vil gvt getan. 
20 G atschier der Norman. 



B raht in er was cvrteis. 

S in vater was ein franzeis. 

v n was Kayletes swester barn. 

I n wibes dienst er was gevarn. 
25 E r hiez Killiriakac. 

A Her manne schone er widerwac. 
D o in Gahmoret ersach. 

I r antlvtze sippe iach 

d ev waren an ander vil gelich. 

E r bat die kvneginne rieh. 
47 In küssen un vahen zir. 

E r sprach nv genc och her ze mir. 

d er wirt in kvst selb do. 

S i waren ze sehn an ander vro. 
5 G ahmoret sprach aber san. 

we ivnge süze man. 

v vaz sold her din kranch lip. 
S ag an gebot dir daz ein wip. 
d ie gebietent herre wenic mir. 
10 M ich hat min veter Gatschier. 
h er braht. er wseiz wol selb wie 

1 ch han im tvsent riter hie. 
v n sten im dienstlichen bi. 
z e Roins in Norm an di. 

15 k om ich zer samenvnge. 
I ch braht im held ivnge 
I ch für von tsampanie dvrh in. 



3. 



Drei Pergamentdoppelblätter (3. 4, 5. 8, 6. 7 hängen zusammen) unter derselben Nummer 
mit der vorhergehenden vereinigt, vielleicht ursprünglich zur selben Handschrift gehörig, aber 
von anderer Hand, mit kleiner zierlicher Schrift geschrieben, sonst gleichzeitig. Die ersten 
Buchstaben sind herausgerückt und die Initialen roth, grün, blau, wie dort. Dagegen stehen 
die Verse nicht zwischen Linien und schliessen mit einem Punkt und kleinem schräg darauf 
gesetzten Strich (Acutus) , also gewissermassen einem Ausrufungszeichen. Die Blätter haben 
oben, wo sie in die Falze fielen, und auch sonst hin und wieder durch den Leim und durch 
Feuchtigkeit gelitten. 

Der Text stimmt zumeist mit G. 



168, 10 D em was furrieren niht vermiten 

B eidiv innen harmin blane. 

R oc vn mandel waren lanc. 

B reit swarz vn gra. 

Z obel man der vor kos alda. 

15 D az leit an der gehivre. 



3 a 



45, 23 Wirtes corrigiert aus Wirten. 

46, Iii. 14 sind in d. Ilandsch. umgestellt. Der Schreiber ver- 
besserte den Fehler, indem er die Verse am linken Rande mit a 
und b bezeichnete. 



v nder einen gvrtel tivre. 

v vart er gefitschieret. 

v n wol geziemieret. 

M it einem tivren fvrspan. 

20 S in mvnt da bi von rote bran. 

D o kom der wirt mit triwen kraft. 

N achdem gie stolziv rittersehaft. 

E r grvzt den gast do ern gesch. (so) 

D er ritter islicher sprach. 

25 S ine gesahen nie so schonen lip. 



QuELLENMATEKIAL ZU ALTDEUTSCHEN DlCHTUNGEN. II. 



49 



M it triwen lopten si daz wip 

D iv gap der werlde solhe frvht. 

D vrich warheit vn vrab ir zvht. 

S i sprachen er wirt wol gewert. 

S wa sin dienst gnaden gert. 

169 I ni ist minne vn grvz bereit. 
M ager geniezen werdecheit. 

I eslicher im des veriach. 

v n dar nach swer in gesach. 

5 D er wirt in bi der hant gevie. 

G esellechlich er danne gie. 
IN fragt der wirt msere. 

w ehlich sin rvwe waere. 

D es nahtes bi im gewesen. 

10 H erre dane waer ih niht genesen. 

v van daz min mvter her mir riet. 

D es tages do ih von ir schiet. 

G ot mvze Ionen iv vn ir. 

H erre ir tvt gnad an mir. 

15 S vs gie der helt mit witzen kranc. 

D a man got vn dem wirt sanc. 

D er wirt zer messe in lerte. 

D az noch die sele nerte. 

pfern vn segen sich. 

20 v n gein dem tivel kerich. 

D arnach giengens vfen palas. 

A Ida der tisc gedechet was. 

D er gast ze sinem wirt saz. 

D ie spise er vngesmahet az. 

25 D er wirt sprach dvrh hofscheit 

H erre iv sol niht wesen leit. 

b ich ivch frag mere. 

w anne iwer reise were. 

3 

w ier von reit. 

170 U mbz vingerlin vn vmbz fvrspan. 
v n wie erz harnasch gvan. 

D er wirt erkande den ritter rot. 

E r svfte vn erbarmet im sin not. 

5 D en gast ers namen niht erliez. 

D en Roten ritter er in hiez. 

D o man den tisc her dan gnam. 

d a nach wort (so) wilder mvt zam. 

D er wirt sprach zem gaste sin. 

10 I r redet als ein kindelin. 

w an gesviget ir iwer mvter gar. 

v n nemet ander mser war. 

H abt ivch an minen rat. 

D er scheidet ivch von missetat. 



169, i gesach eorrigiert aus geschach. 



15 S vs hebe ih an lat ivchs gezemen. 

I rn svlt nimmer ivch vers ehernen. 

v erschamter lip waz toc der mere (so). 

D er wont in der mvze msere. 

D a im werdecheit entriset. 
20 v n in gein der helle wiset. 

M ich entriege gesiht vn schin. 

I r mvgt wol Volkes herre sin. 

I st hoch ode höhet sich iwer art. 

L at iwern willen des bewart. 
25 I vch sol erbarmen notic her. 

G ein des kvmber sit ze wer. 

M it milte vn mit gvte. 

F lizet ivch divmvte. 

D er kvmberhafte werde man. 

w ol mit schäm ringen kan 

171 D eist ein svzev arbeit. 

D em svlt ir helf sin bereit. 

v van so ir dem tvt kvmbers bvz. 

S o nahet iv gotes grvz. 
5 I m ist noch wirs danne die gent. 

N ach brote da div venster Stent. 
IR svlt bescheidenliche 

S in arm vn riche. 

v van swa der herre gar vertvt. 
10 D az ist niht herlicher mvt. 

S ammt aber er schätz sere. 

D az ist och vnere. 

G ebet rehter maze ir orden. 

I ch bin wol innen worden. 
15 D az ir rates dvrfic (so) sit. 

N v lat der vngefvge ir strit. 

I rn svlt och niht (vil fragen.) 

ch en sol ivch (niht betragen. 

• 3' 

20 R eht als iens frage ste. 

S wer ivch wil mit worten spehen. 

1 r hören vn sehen. 

E ntschen (so) vn drahen. 
D az sol ivch wizen nahen. 
25 L at die erbarme bi der frsevel sin. 
S vs tvt mir rates volge schin. 
A n swem ir strites Sicherheit. 
B ezalt eren habe iv selich leit. 
G etan div herzen kvmber wesen. 
D ie nemt vn lat in genesen. 

172 I r mvzet doch diche wapen tragen. 
S oz von iv kom daz ir getwagen. 

v ndern ogen vn anden henden sit. 



171, 17. 18. abgerieben. 



Denksohriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 



50 



Dr. Franz Pfeiffer 



D es ist nach yser ram zit. 

5 S o wert ir ininnechlieh gevar. 

D es nemen wibes 6gen war. 
V vest nisenlich vn wol genrvt. 

d az ist zer werlde prise gvt. 

L at iv liep sin div wip. 

10 D az tivret ivnges manne« lip. 

G wenket nimmer tac an in. 

D eist relit nianlicher sin. 

v velt ir in gerne liegen. 

I r mvgt ir vil betriegen. 

15 G ein werder minne valscher list. 

H at ze prise kvrze frist. 

D a wirt der slicher chlage. 

D az dvrre holz in dem hage. 

E z bristet vn krachet. 

20 D er wahter erwachet. 

v ngevert vn hamit. 

D ar gedihet manic strit. 

D az mezzet gein der minne. 

D iv werde hat sinne. 

25 G ein valsch listechlich kvnst. 

S wennir beiagt ir vngvnst. 

S o mvzet ir gvneret sin. 

v n immer dvlden schemigen pin. 

D is lere svlt ir nahen tragn. 

I ch wil iv mer von wibes orden sagn. 

173 M an vn wip sint alein. 

A lsam div sunne div hivte schein. 

v n och der mane heize tac. 

D er wederz sich gescheiden mac. 

5 S i blvnt vz einem kerne gar. 

D es nemt kvnstliche war. 

D er gast dem wirt dvrh raten neic. 

S iner mvter er gesweic. 



10 



15 



20 



A ls noch getriwem manne geschiht. 

D er wirt sprach sin ere. 

N v svlt ir lern mere. 

k hvnst an ritterlichen siten. 

v vie komet ir zv mir geriten. 

I ch han beschowet manige want. 

D a ich den schilt baz hangende vant. 

D an er iv zehalse tsete. 

E zn ist vns niht zespsete. 

v vir svln zevelde gahen. 

D a svlt ir khunst nahen. 

B ringet im sin ors vn mir daz min. 

v n ieslichem ritter daz sin. 

D ar svln och ivnchern körnen. 

D er ieslicher habe genomen. 



25 E 
D 
S 
D 

S 
v 

174 M 

N 
v 
v 

5 D 
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B 
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10 D 
G 
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15 S 
D 
v 
E 
E 

20 N 
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D 
D 
v 
D 
M 
E 



25 



in starken schaft vn bringen dar. 

er nach der niwe sigvar. 

vs kvm der fvrst vf den plan. 

a wart ritter kvnst getan. 

inem gast er zeraten gap. 

vie erz ors vf den walap. 

it sporn grvzes pine. 

ach schenclens fliegen schine. 

f den poynder solde wenchen. 

n den schaft zereht senchen. 

en schilt zer tiost fvr sich solde nemen. 

r sprach des lat ivch och gezemen. 

U Ngefüge er im svs werte. 

az dan ein svankel gerte. 

iv argen kinden brichet vel. 
o hiez komen ritter snel. 
ein im dvrh tiostieren. 

r begvnd in Condvieren, 
inen zegegen anden rinc. 
a braht der ivngelinc. 
in est (so) tiost dvrich ein schilt, 
es von in allen wart bevilt. 
n daz er hinderz ors ersvanc. 
inen starken ritter niht zechranc. 
inander tiostivre was komen. 

v het och parcifal gnomen. 
inen starken niwen schaft. 

in eilen hat ivgende vn kraft, 
er ivnge svze ane bart. 
es tvangin Gahmoretes art. 
n vngeborniv (so) manheit. 
az ros von rabin er reit, 
it vollechlicher hvrte dar. 
r nam der vier nagel war. 



201, 16 S i wurd geil. 

H itz (so) naht schvf er in mere 

D er vnlose niht zehere. 

B i ligns wart gefraget da. 
20 E r vn div kvnigin sprachen ia. 

E r lac mit seihen fvgen. 

D az nv niht wil genvgen. 

M anigiv wip der in so tvt. 

D az si dvrh arbeitlichen mvt. 
25 I r zvht svs barrierteu. 

v n sich der gein zierten. 

V or gesten sint si an kivschen siten. 

I r herzen wille hat versniten. 

S vaz mac an den gebaerden sin. 

I r frivnt si heinlichen pin. 



202 f vgten mit ir zarte. 



Quellenmaterial 



zv 



ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



D es maze sich ie bewarte. 

D er getriwe staet man. 

w ol frivndinne schonen kan. 
5 E r gedenket als iz liht ist war. 

I ch han gedient miniv iar. 

N ach Ion disem wibe. 

D iv hat minem libe. 

E r bot en (so) trost nv lige ich hie 
10 E s het mich genvget ie. 

b ich mit miner blozen hant. 

S olde rvren ir gewant. 

b ich nv gites gerte. 

v ntriwes fvre mich werte. 
15 S oldich si arbeiten. 

v nser beider laster breiten. 

v or slafe svzev msere. 

S int frowen niht vnmsere. 

S vs lac der waleise. 
20 k ranc was sin freise. 

D en man den roten ritter hiez. 

D ie kvneginne er magt liez. 

S i wände doch si wser sin wip. 

D vrich sinen minnechlichen lip. 
25 D es morgens si ir hopt bant. 

D o gap im lvt vn lant. 

D isiv magtb?eriv brvt. 

w an er was ir herzen trvt. 
g i waren mit ein ander so. 

d az si dvrh liebe waren fro. 
503 Z wen tage vn die dritten naht. 

v on im diche wart bedaht. 

v mb vahen daz sin mvter riet 

G vrnemanz im vnder schiet. 
5 M an vn wip wseren alein 

S i Vlatten *) arm vn bein. 

b ichz iv sagen mvz. 
E r vant daz nahen svz. 
D er alt vn der niwe site. 

10 v vont alda in beiden mite. 

1 n was wol vn niht zewe. 
N v höret mer wi Clamide. 
A n creflicher (so) hervart. 

M it mseren vngestrostet (so) wart. 
15 D itz begvnd im ein knappe sagn. 

D es ors zesitten was dvrihslagen. 

v or peilrapeir vf dem plan. 

I st werdiv riterschaft getan. 

S charf genvc von ritters han (so). 
20 B etwungen ist der senetschant. 



l j Oben weggeschnitten, wahr scheinlieh tt = ht. 



D es hers maister kingrun. 
v ert gein Artus dem britvm (so). 
D ie soldier lignt noh vor der stat. 
D o er danne schiet als er si bat. 
25 E r vh ir beidiv her. 

v indet peilrapeir zewer. 
D ort inne stet ein ritter zewert. 
D er anders niht wan strites gert. 
D ie soldier iehent besvnder. 
D az von der tavelrunder. 

204 D iv kvneginne hab gesant. 
I thern von kvcvmerlant. 

D es wafen kom zer tioste fvr. 

v n wart getragn nach prises kvr. 
5 D er kvnic sprach zem knappen san. 

k vndwir amvrs div wil mich han. 

v n ich ir lip vn ir lant. 

K ingrvn min seneschant. 

M ir mit wartheit (so) enbot. 
10 S i gseben die stat dvrich hvngers not. 

v n daz div kvniginne. 

M ir bot ir werde minne. 

D er knappe erwarp da niht wan haz. 

D er kvnic mit her reit fvr baz. 
15 I m kom ein ritter wider varn. 

D er och ors niht kvnde sparn. 

D er sagt div selben mere. 

C lamide wart svare. 

f rode vn ritterlicher sin. 
20 E z dvht in groz vngwin. 

D es kvniges man ein fvrste sprach. 

K ingrvnen niemen sach. 

S triten vor vnser manheit. 

N iht wan fvr sich einen er da streit. 
25 N v lat in sin ze tode erslagn. 

.... dvrh daz zwei her ve(rz)agn. 

d itz vn ienz vor der stat. 

S inen herren er trvren lazen bat. 

v vir svlnz noh baz versuchen. 

v n wellent si wer gervchen. 

205 w ir gebn in noch strites vil. 
v n bringenz vz ir froden zil. 
M an vn mage svlt ir manen. 

v n svchet diestat mit zwein vanen. 
5 wir mvgen an einer liten. 
w (ol) zeorse mit in striten. 
D ie borte svche man ze fvz 
D eswar wir tvn in Schimpfes bvz. 
D en rat gap Kalogandres. 
10 D er herzöge von Schipones. 
D er braht die bvrga?re in not. 



52 



Dr. Franz Pfeiffer 



v n narn oek au ir letze den tot. 
S am tet 6ch der grave von Narrant. 

E in fvrst vz vkerlant. 
15 v n manic wert arm man. 

D en man toten trvc her dan. 

N v höret ein ander imere. 

wie die bvrgsere 

I r letze taten govine. 
20 S i namen lange bovme. 

v n stiezen starke steken drin. 

D az gap den svchseren pin. 

M it seilen si Mengen. 

D ie ronen in redern giengen. 
25 D itz was geprvfet e. 

S it zestvraie svht Clamide. 

N ach kingrvns tschinpfentivre. 

vch was in heidenisch wild fivre. 
M et (so) der spise braht in daz lant. 
D az vzer antverc wart verbrant. 

206 E ben hoehe ir mangen. 

S waz vf redern kom gegangen. 

1 gel , katzen in den grabn. 

D az kvnde daz fivre her dan wol schabn. 
5 K ingrvn seneschant 

w as komen ze Britanie in daz lant. 

v n vant de (so) kvnic Artvs. 

I n brezilian in dem weide hvs. 

D az was geheizen kvrnvnal (so). 
10 D o warp er als in parcifal. 

Gr evangen hete dar gesant. 

f rovn Gvnwaren de la lant 

B raht er sin Sicherheit. 

D iv ivncfrowe was gemeit. 
15 D az mit triwen klagt ir not. 



V ber al daz mser da wart vernomen. 

d o was och fvr den kvnic komen. 

D er betwungen werde man. 
20 I m vn der massenie san. 

S agt er waz im e was enboten. 

k ey erschrac vn begvnde roten. 

D o sprach er bistvz kingrvn. 

A voy wie manigen britvn. 
25 H at entsvbmpfiert din haut. 

D v bist Claniides senetschant. 

w irt mir din meister nimmer holt. 

D ins ampts dv geniezen solt. 

D ie kezel sint vns vndertan. 



20G, 13 statt klagt ir not wiederholt e der Schreiber xirspriingl. 
aus der vorhergehenden Zeile was gemeit, verbesserte aber selbst 
den Fehler. 



207 



M ir hie . vn dir zebrandigan. 
H ilf mir dvrh die ne werdecheit. 
k vnwaren hvld vmb krapfen breit. 
E rn bot ir anders wandels niht. 
D ie rede lat sin waz geschit (so). 
5 Da wir daz msere liezen e. 
F vr peilrapeir kom Clamide. 
D o grozer stvrm niht wart vermiten. 
D ie innern mit den vzern striten. 
S i heten trost vn kraft. 
10 M an vant die helde werhaft. 
D a vor behabten si daz wal. 
I r landes herre parcifal. 
S treit den sinen verre vor. 
D o stvden (so) offen gar div tor. 
15 M it slegn er die arm ersvanc. 

D az swert dvrh hert heim erclanc. 
S waz er da nider ritter slvc. 
D ie fvnden arbeit genvc. 
D i kvnd man si leren. 
20 Z e der halsperge geren. 

D ie bvrgare taten räche schin. 
S i stachen si ze den slitzen in. 
P arcifal in werte daz. 
D o si drvmb erhörten sinen haz. 
25 zweinzec si lemdic viengen. 
E si von dem strite giengen. 
P arcifal wart wol gewar. 
D az Clamide mit siner schar. 
R itterschaft zen porten meit. 
w an . vn daz er ander halden meit (so). 
208 D er ivnge mvtes herte. 
k ert anz vngeverte. 
H in vmb er begvnde gahen. 
D es kvniges vanen nahen. 
5 R eht do wart Clamides solt. 



215, 3 D em sol agn. 

B it in daz er mir helfe klagn. 

5 L aster daz ich fvret dan. 

E in ivncfrowe mich lacte (so) an. 

D az man die dvrh mich zerblov. 

S o sere mich nie dinch gen . 

D er selben sage ez si mir leit, 

10 v n bringir din Sicherheit. 

S o daz dv leistes ir gebot. 

O de dv nim alhe (so) den tot. 

S ol daz geteile gelten. 

S one wil ichs niht bescheiten. 

15 S vs sprach der kvnic von Brandigan. 

■208, 3 statt gaben stand erst durchstrichen nahen. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



I ch wil die reise hinnen han. 
M it vrlobe dannen schiet. 
D ene sin hofart verriet. 
P areifal der wigant. 
20 Gr ie da er sin ors almvde vant. 
S in fvz dar nach nie gegreif. 
E r spranc drvf ane stegereif. 
D az vmb gvnde (so) zirben 
S ins Schildes schirben. 
25 D es waren die bvrgsere gemeit. 
D az vzer her sach herzeleit. 
B rat vn lide in taten we. 
M an lert den kvnic Clamide. 

D i da sin helfser waren, 
d ie toten mit den baren. 
216 F rvrat er an ir reste. 

D o rvmtenz lant die geste. 
C lamide der werde. 
R eit gein lo vier vf die erde. 
5 E nsamt niht besvnder 

G ie (so) von der tavelrvnder 
w aren die von Nazarvn (so). 
B i Artvs dem britvn. 
b ich iv niht gelogen han. 
10 v or dienazarvn der plan. 
M vsen Zeltstange wonen. 
M er dan in spehtshart si ronen. 
M it seiher massenie lac. 
D vrich hoheit den pfingstac. 
15 A rtvs mit, maniger frowen. 

vch moht man da schöwen. 
M anige banier vn schilt. 

D en svnder wapen was gezilt. 
v n manu wol geherter rinc. 
20 E z dvhten nv vil hohev dinc. 

reise lachen. 

r gemachen. 

S i sol han. 

25 H et si da (niht ir) amis. 

1 ch ht deheinen wis. 

E z (was do manic tv)mber lip. 

I ch bneht(evngern)e nv min (wip) 

I n also groz gedrenge. 

I ch vorcht vnkvnt gemenge. 

217 E tslicher hinz ir sprseche. 

D az in ir minne steche, 

v n im die sinne blande. 



216, 24 Die Schrift ist hier ganz verwischt, nur die Zügä zu 
erkennen. 



b si die not erwande. 
5 D az dient er vor vn nach. 
M ir wser mit ir dannen gach. 

I ch han gereit vmb min dinc. 
N v höret wie Artvses rinc. 
S vnder was erchennelich. 
10 f vr vz mit maniger fvr rieh. 
D iv massenie vor im az. 
M anic werder man gein valsche laz. 
n manic ivncfrowe stolz, 
az niht wan tiost was ir holz (so). 
r frivnt si gein dem viende schoz. 
art sin arbeit da groz. 
vs stvnt lihte ir gemvte. 
az si daz galt mit gvte. 
lamide der ivngelinc. 
eit enmitten in den rinc. 
erdechet ors . gewapent lip. 
os an im Artvses wip. 
inen heim sinen schilt verhowen. 
iz sahen gar die frowen. 
lsvs was er zehove komen. 
r habt e wol vernomen. 
az er des wart betwungen. 
r erbeizte . vil gedrvngen. 
art sin lip e . er sitzen vant. 
rovn gvnwaren delalant. 
o sprach er fro sit ir daz. 
er ich sol dienen ane haz. 
in teil twiget (so) mich sin not. 
ienst iv enbivt der ritter rot. 
n wil vil ganze pflihte han. 
waz iv ze laster ist getan. 
O vch hiez erz artvsen klagn. 
ch wsen ir sit dvrh in geslagn. 
ro ich bring iv Sicherheit, 
vs bot iv der mit mir streit, 
v leist icz (so) gerne swenn ir weit. 
• . .p gein tode was gesel. . . . 
f ro kvnwar de lalant. 



v 
D 

15 I 

w 
S 
D 
C 

20 R 
v 
K 
S 
D 

25 A 
I 

D 

E 
w 
f 

218 D 

D 
E 
D 

5 v 
S 

I 

f 

10 s 

N 



15 



20 



A Ida fro saz. 

D iv an den kvnic mit ir az. 

k ey vor dem tische stvnt. 

A Ida im wart daz msere kvnt. 

E r wider saz ez im ein teil. 

D es wart fro kvnwar geil. 

D och sprach er fro dirre man. 

S waz er hat gein iv getan. 

D es ist er vast vnder zogn. 

I ch wsen er ist an gelogn. 



54 



De. Franz Pfeiffer 



25 



219 



S 
d 

10 A 
A 
D 
S 
D 

15 E 
I 

D 
D 

M 

20 D 
1 

M 
K 
P 

25 v 
D 
A 
D 
S 
D 

220 D 



ch tetz dvrich hofslichen list sit. 
n wold ivch hau gebezert da mit. 
ar vmb han ich iwern haz. 
edoch wil ich iv raten daz. 
eizet entwapen disen gevangen. 
n mac hie stens belangen, 
n bat div ivncfrowe fier. 
b nemen sin harsnier. 
er man ab im strovfte div baut, 
lamide wart schier erkant. 
yngrvn sach diche. 
n in kvntliche bliche. 
D o wart an den stunden, 
in hend also gewunden, 
az si begvnden krachen, 
lsam die dvrren spachen. 
nder stvnt sin frode swant. 
en tisch stiez er von im zehant. 
inen herren er fragte msere. 
en vant er froden lsere. 
r sprach ich bin zeschanden geborn. 
ch han so werdez her verlorn, 
az mvter nie gebot ir brvst. 
em der erkande hoher flvst. 
ich enriwe niht mins hers tot. 
a engegen minne mangels not. 
est vf mich sehen (so) last, 
ir ist frode gestin hohe mvt gast, 
vndwir amvrs mich frvmt gra. 
ilatvs von poncia. 
n der arm ivdas. 
er bi einem kvsse was. 
n der trivlosen vart. 
a Jesvs verraten wart, 
wie daz ir schepfaer rasche, 
ie not ich nih (so) verspreche, 
az zeBrvbarz der frowen lip. 



5 I r minne ist leider verre. 
D em kvnige von Iserterre. 

Min lant vi daz volc ze Brandigan. 
M vzens immer iamer han. 
M ins vetern svn Mvbonagrin (so). 
10 L eit alda ze langen pin. 
N v bin kvnige (so) Artvs. 
H er geriten in din hvs. 
B etwungen von ritters hant. 

219, 25. Stall arm .ichrieh der Schreiber erst an, verbesserte 
aber den Fehler selbst. 



D 

15 D 
D 
D 
L 

M 

20 S 
D 
D 
A 

v 

25 D 
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v 
M 

221 C 
I 

B 

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5 L 
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G 

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10 D 

v 
D 
C 


15 D 

N 
w 
v 
S 

20 D 
E 
D 



25 



v weist vil wol daz in min lant. 
ir manic laster ist getan, 
es vergiz nv werder man. 
ie wil ich hie gevangen si. 
a mich selbes hazes vri. 
ich sol fro Gunware. 
cheiden von den vare. 

iv min Sicherheit enpfienc. 

o ich gevangen fvr si gienc. 
rtvses vil getriwer mvnt. 
erkos die schvlde sa zestvnt. 
o friesch wip vn man. 
az der kvnic von Brandigan. 
as geriten inden rinc. 

v dar naher clringa drinc 

il schier wart daz maere breit, 
it zvhten ieslich (so) gesellecheit. 
lamide der froden ane. 
r svlt mich Gawane. 
evelhen fro bin ichs wert, 
o weiz ich wol daz ers och gert. 
eist er dar an iwer gebot, 
r eret ivch vn der ritter rot. 
ARtvs bat siner swester svn. 
esellecheit dem kvnige tvn. 
z waer iedoch ergangen. 

wart wol enpfangen. 
on der werden massenie. 
er betwungen valsches frie. 
lamide sprach kingrvn. 

we daz ie dehein britvn. 
ich gevaugen sach ze hvs. 
och richer danne artvs. 
aar dv helf vn vrbor. 
n het doch dine ivgende vor. 

01 Artvs da von nv pris tragn. 
az key hat dvrh zorn geslagn. 
ine edele fvrstinne. 

iv mit herzen sinne. 



222 



D gen ist 

M it warheit fvr den hohsten pris. 

D ie britaneise ir lobs ris. 

w senent nv hohe gestozen han. 

A ne ir arbeit ist getan. 

D az tot her wider wart gesant. 

D er kvnic von kvcvmerlant. 

v n daz min herre im siges iach. 

D en man gein im in kämpfe sach. 

D er selbe hat betwungen mich 
G ar ane baulichen slich. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



55 



5 M an sack da fivr vz heim wsen. 
v n swert in henden vmb dra3n. 
D o iahens alle geliche. 
A rm vn riebe. 
D az key hat niissetan. 
10 H ie svln wir ditz mser lan. 
v h komens wider andie vart. 
D az kewuste (so) lant erhowen wart. 
D a crone trvc Parcifal. 
M an sack da selten froden schal. 
15 S in s weher tampvnteir. 
L iez im vf peilrapeir. 
L ihtz gesteine vn rotez golt. 
D az teilt ersa (so) daz man im holt, 
w as drich (so) sin milde. 
20 v il banier niwer Schilde, 
w art sin lant geziert, 
v n vil getvrniert. 
v on im vn von den sinen. 
E r lie diche eilen schinen. 
25 A nder marche sins landes ort. 
D er ivnge degen vnervorht. 
S in getat was vor den gesten. 
G eprvet zeder besten. 
N v sprechet von der kvnigin. 
ie mokt der immer baz gesin. 
iv ivnge svze werde, 
et den wunsck vf der erde, 
r minne stvnt mit Selker craft. 
ar ane wankes ankaft. 
i ket ir man da fvr erkant. 
rtwederz an dem andern vant. 
r was ir lip also si im. 
wen ick daz mser an mick nv nim. 
az si sick mvzen sckeiden. 
a wekset sckade in beiden, 
vck riwet mick daz svze wip. 
(r liute ir lant) dar zv ir lip. 



M anic ritter ez kort vn sack. 

b ir gebietet frowe. 

M it vrlobe ick sckowe. 

w iez vmb min mvter ste. 
20 b der wol ode we. 

S i daz ist mir vnkvnt. 

D ar wil ick ze einer kvrzen stvnt. 

v n ock dvrick aventivre zil. 

M ag ick iv gedienen vil. 
25 D az giltet iwer minne wert. 



224 





w 


223 


D 




H 




I 




G 


5 


S 




I 




I 




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D 


10 


D 









I 




D 


15 


E 



S vs het er vrlöbes gegert. 
E r was ir liep so daz mser giht. 
S ine wold im versagen nikt. 
v on allen sinen mannen. 
S ckiet er al eine dannen. 

ver rvcket koren war nv kvmt. 
Den aventivr kat vz gefrvmt. 
d er inack groziv wunder 
M erken al besvnder 
5 1 at riten Gahmoretes kint. 
S wa nv getriwe lute sint. 
D ie wunscken im heiles wan daz mvz sin. 
D az er nv lidet hohen pin. 
E tswen och frod vn ere. 
10 E in dinc mvt in sere. 

D az er von ir gescheiden was. 
D az man von wibe ie gelas. 
N och svs sagt msere. 
D iv schöner vn bezer waere. 
15 G edanche nach der kvnigin. 
B egvnden krencken im den sin. 
D en mvs er gar verlorn kan. 
w serz nikt ein kerzkaft man. 
M it gvalte den zovm daz ros. 
20 T rve vber ronen vn vber mos. 
w an ez wiste niemans kaut, 
v ns tvt div aventivre erkant. 
D az er bi dem tage reit. 
E in vogel ket sin arbeit. 
25 S old erz allez kan ervlogn. 

v ns enkabe div aventivr betrogn. 
S in reise vnnach was so groz. 
D es tages do er Ithern schoz. 
v n sit do er von Graharz. 
k om in daz lant zeBrvbarz. 
225 Vvel (so) ir nv boren wiez im geste. 
E r ko(s) des abendes an einen s(e) . 
D a h(et) ge ankert ein weidm(an). 
D em was daz wazer vndertan. 
5 D o si in riten saken. 

S i waren dem stade so naken. 
D az si wol körten swaz er sprack. 
E inen er indem sckiffe sack. 
D er ket an im alselh gvant. 
10 b im dieten (so) elliv lant. 
D az ez niht bezer mokt sin. 
G efvrriert sin kvt was pfawin. 
D en selben vischsere. 
B egvnd er fragen msere. 



225, 2. 3. Das Perg. ist durchlöchert. 



56 



De. Franz Pfeiffer 



15 D 

v 
w 
D 
E 

20 D 
I 

N 
M 
w 

25 D 
D 

S 
I 
b 

v 

226 

M 
E 
I 

5 S 
H 
I 

w 
D 

10 P 
D 
D 
D 
D 

15 S 
E 
M 
v 
S 

20 



E 

v 

25 
E 
H 
I 
D 
E 
v 
H 
S 
M 
D 



227 



az er im riet dvrih got. 

n och dvrich siner zvhte gebot. 

a er herberge moht han. 

es antwurt im der trvrig man. 

r sprach herre mirst vmbekant. 

az weder wazer noch lant. 

nner drizec milen erbowen si. 

iwan ein hvs daz lit hie nahen bi. 

it triwen ich iv rate dar. 

ar moht ir talanc andersvar. 

ort andes veldes ende. 

a kert ze der zeswen hende. 

o ir hin vf komt an den grabn. 

ch wsen da mvzet ir stille haben. 

itiv die brvke nider lazen. 

n offen die strazen. 

E R tet als im der vischsere riet. 

it vrlobe er dane schiet. 

r sprach komt ir rehte dar. 

ch nim iwer hint selbe war. 

danket als man iwer pflege, 
vtet ivch da gent vnkvnde wege. 
r mvget an der liten. 

01 misseriten. 

es war des ich iv niht gan. 
arcifal der kvp sich dan. 
o begvnd er wakerlichen drabn. 
az rehte pfat vnz an den grabn. 

was div brvke vf gezogen. 

iv brvke an veste niht betrogn. 

1 stvnt reht als si wsere gedrset. 

zn flvge ode ez hiet der wint gewset. 

it stvrm ir niht geschadet was. 

il tvrne manic palas. 

tvnden da mit wunderlicher wer. 

b si svhten elliv her. 

ine gseben fvr die selben not. 

.... zec iaren niht ein brot. 

in knappe des gervhte. 

n fragt in waz er svhte. 

de wannen sin reise wsere. 

r sprach der vischsere. 

at mich von im her gesant. 

ch han gnigen siner hant. 

vrh der herberge wan. 

r bat die brvke nider lan. 

n hiez mich zv iv riten. in 

erre ir svlt willekomen sin. 

it es der visch?ere veriach. 

an erbivt iv ere vri gemach. 

vrich in der ivch sande wider. 



10 



15 



20 



25 



228 



10 



255 



10 



S prach er. vn lie die brvke nider. 

In die bvrc der kvne reit, 
v f ein hof wit vn breit. 
M it schimpfe er niht zetretet was. 
D a stvnt al kvrz grvne gras. 
D a was bvhvrdiern vermiten. 
M it banieren selten vberitten. 
A ls der anger ze abenberc. 
S elten frolichiv werc. 
w as da gefrvmt zelanger stvnt. 
I n was wol herze iamer kvnt. 
w enic er des gein engalt. 
I n enpfiegen (so) ritter ivnge vii alt. 
v il chleiner ivncherrelin. 
S prvngen gein dem zvme sin. 
I eslichez fvr daz ander greif. 
S i habten sinen Stegreif. 
S vs mvs er von dem orse sten. 
I n baten ritter fvrbaz gen. 
S i fvrten in an sin gemach. 
H art schiere daz geschach. 
D a er mit zvhtn entwapent wart. 
D o si den ivngen ane bart. 
S ahen alsvs minnechlich. 
S i iahen er wser Speiden rieh. 
E in wazer iesch der ivnge man. 
E r tvc den ram von im san. 
v ndern ogen vn an den banden. 
A lt vn ivnge wanden. 
D az von im ein ander tach erschin. 
D o saz der minnechlich win. 
G ar vor allem tadel fri. 
M it pfelle von arabi. 
M an braht im ein mandel dar. 
D en leit an sich der wolgevar. 
M it offener snvre. 



H astu der frage ir reht getan. 

E r sprach ich hau gefraget niht. 

we daz ivch miu oge siht. 
S prach div iamerlich magt. 
D az ir fragens sit verzagt. 

1 r sähet doch selilich (so) wunder groz 
D az ivch fragens da verdroz. 

D o ir wart dem Grale bi. 

M anige frowen valsches fri. 

D ie werde Gatschiloyen. 

v n vrrepansa de schoyeu. 

v n sniden silber vn blvtic sper. 

we waz wolt ir zv mir her. 



228, 2 den corrigiert aus dem. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. IL 



57 



G vnerter lip verflvchet man. 

1 r traget den eitter wolfes zan. 

15 D o div galle inder triwe. 

A n iv beleip so niwe. 

I vch solt iwer wirt erbarmt han. 

A n dem got wunder hat getan. 

v n het gefraget siner not. 

20 I r lebet vn sit an se a lden tot. 

D o sprach er liebiv niftel min. 

T v bezern willen gein mir schin. 

I ch wandelz han ich iht getan. 

I r svlt wandels sin erlan. 

25 S prach si mir ist wol bekant. 

Z e Mvnsalvsesche an iv verswant. 

E re vn ritterlicher pris. 

I rn vindet nv dehein wis. 

d echein geinrede an mir. 

P areif al do schiet von ir. 

256 D az er fragens was so laz. 

d o er bi dem trvrigem wirte saz. 

d az rov do grozliche. 

d en helt ellensriche. 

5 d vrich klage vn dvrich den tac so heiz. 

ß egvnde netzen in der sweiz. 

d vrich den lvft von im er bant. 

D en heim vn fvrt in in der hant. 

E r entstrihte die Anteilen sin. 

10 D vrich isers ram was liht sin schin. 

E r we sla. 

E in 

pfert . . . tragen. 

15 E in frowen dier sach. • 

N ach der ze riten im geschach. 

D az pfert gein kvmber was geselt. 

M an heit im wol dvrich hut gezelt 

E Div siniv rippe gar. 

20 A ls ein harm ez was gevar. 



v ntz vf den hvf swanc im div man. 
8 in ogen tief die grvben wit. 
vch was der frowen rvnzit. 
25 v ertvalt vn vertrechet. 

D vrich hvnger diche erwechet. 
E z was dvrre als ein zvnder. 
S in gen daz was ein wunder, 
w ann ez reit ein fro wert. 
D iv selten kvnrierte pfert. 
257 3D a lac vf ein gereite. 



255, 24 — 256, 19. Durch einen Flecken vielfach undeutlich. 
Denkschriften der philos.-histor. 01. XVII. Bd. 



10 



15 



20 



25 



30 



258 



10 



15 



S mal an alle breite. 

Gr eschelle vn bogen verrert. 

Gr roz zadel dran gemeret. 

D er frovn trvren niht zegeil. 

I r svrzingel was ein seil. 

D em was si doch ze wol geborn. 

vch heten dieste vn etslich dorn. 

1 r hende so zerfvret. 

S waz mit zerren was gervret. 
D a ersach er vil der striche. 
D ar vnder lieht bliche. 
H vt wizer danne ein swan. 
S ine fvrte niht wan knoden an. 
S wa die waren des velles dach. 
I n blanker varwe er daz sach. 
D az ander leit von sunne not. 
S wiez ie kom der mvnt was rot. 
D er mvs alselhe varwe tragn. 
M an het fivr wol drvz geslagn. 
S wa man si wold an riten. 
D az was cer blozen siten. 
N ant si iemen vilan. 
D er het ir vnreht getan, 
w a (.so) si het lvcel an ir. 
D vrich iwer zvht nv gelobet mir. 
S i trvc vngedienten haz. 
w ibs gvte si nie vergaz. 
I ch sagt iv vil armvt. 
w ar zv. ditz ist als gvt. 

T) och nsem ich seihen blozen lip. 
fvr etslich wol gechleidet wip. 
D o parcifal grvz gein ir sprach. 
A n in si erkenn elich sach. 
E r was der schonst vber elliv lant. 
D avon si in schier het erkant. 
S i sprach ich han iveh e gesehen. 
D a von ist leide mir geschehen. 
D och mvz iv frovde vn ere. 
Gr ot immer gebn mere. 



20 



d es ist nv ermer min wat 
D anne do irs ivngest sähet, 
w seret ir niht genahet. 
M ir ander selben zit. 
S o het ich ere ane strit. 
D o sprach er fro wizet daz. 
G ein wem keret iwern haz. 
J ane wart von minem libe. 
I v noch deheinem wibe. 
L aster nie gemeret. 
8 o het ich mich gvneret. 



58 



Dr. Franz Pfeiffer 



S it ich den schilt von erst gvan. 

v on (so) ritters fvre mich versau. 

M ir ist ander iwer kvmber leit. 

A 1 weinende div fro reit. 
25 D az si begoz ir brvstelin. 

A ls si gedrset solden sin. 

D iv stvnden blanc hob sinwel. 

J ane wart nie dramsei also snel. 
D er si gedrset hete baz. 

S wi minnecliche div fro saz. 
259 S i mvse doch erbarmen. 

M it henden vn mit armen. 

B egvnd si sich decken. 

v or parcifal dem Recbem. 
5 D o sprach er fro nent (so) dvrich got. 

v f rehten dienst svnder spot. 

A n iwern lip min kvrsit. 

H erre wser daz ane strit. 

D az al min frode lsege dran 
10 S one torst ichz doch niht griffen an. 

w elt ir vns machen todes fri. 

S o ritet daz ich verre si. 

D och klagt ich wenic miuen tot, 

w an daz ich fvrht ir komts in not. 
15 E r sprach fro wer nami vns daz lebn. 

d az hat vns gotes kraft gegebn. 

b des gert ein ganze her. 

M an ssehe mich fvr vns ze wer. 
S i sprach es gert ein werder degn. 
20 D er hat sich strites so bewegen. 

1 wer sehse komens in arbeit. 
M irst iwer riten bi mir leit. 

I ch was etswenne sin wip.» 
N v ne moht min vertvalt lip. 
25 D es beides diern niht gesin. 
S vs tvt er gein mir zorn schin. 

D o sprach er zv der frowen san. 
w er ist hie mit iwerm man. 



D az dvht ivch liht ein missetat. 
260 w an swenn ich flihen lerne. 
S o stirb ich als gerne. 
D o sprach div bloz herzogin. 
E rn hat hie niemans wan min. 
5 D er trost ist kranc gein strits sige. 
N iwan knoden vn der rige. 
w as an der fron hemde ganz, 
w iplicher kivsche lobs kränz. 
T rvc si mit armvte. 
10 8 i pflac der waren gvte. 

»S o daz der valsch an ir versvant. 



D 
G 
D 

15 E 
I 

M 
D 

v 

20 D 

w 
D 

v 
G 

25 H 
G 

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D 
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861 S 

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w 
D 
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10 S 
G 
S 
D 
w 

15 D 
R 

S 



20 



25 



ie Anteilen er fvr sich bant. 

ein strite er wold fvren. 

en heim mit den snvren. 

r ebn ze senen rvhte. 

nnen des daz ors sich nider bvhte. 

it dem pfseride ez schrien niht vermeit. 

er vor parcifal da reit. 

n vor der blozen frowen. 

er bort vn wolde schowen. 

er bi sinem wibe rite. 

az ors warf er mit zorns site. 

ast vz dem stige. 

ein stritlichem wige. 

ielt der herzog Orilvs. 

ereit zeicer tiost alsvs. 

S it (so) rehter manlicher wer. 

on kahaviez mit einem sper. 

az waz gevarwet gnvc. 

eht als er siniv wapen trvc. 

inen beim worht Trebvchet. 

in schilt der was zedolet. 

n kayletes lande. 

eworht dem Wigande. 

ant vn bvkel hete kraft. 

e Alexandrie inder heidenschaft. 

as geworht ein pfelle gvt. 

es der fvrste hohgemroc. 

rvc kvrsit vn wapen vt. 

in deke was ze Tenroceb. 

eworht vz ringen u erte 

in stolzheit in lerte 

er iserinen deche dach. 

as ein pfelle d'es man iacb. 

az der tivr wa?re. 

ich vn doch niht swsere. 

in hosen, halsperc. hersnier. 



262 



I n der höpstat ze Anschowe. 

D isiv bloze frowe. 

T rvg im vngelichiv cleit. 

D iv da so trvric nach im reit. 

D one het sis niht bezzer stat. 

z e sessvn was geslagn sin blat. 

S in ors von Brvnbarie (so) 
D e Sevatsche Montanie. 
M it einer tiost Roys Lehelin. 
B eiagtez da der brvder sin. 
P arcifal was och bereit. 
D itz ors mit walap er reit. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



59 



15 



G 
v 

5 E 
E 
v 
A 
M 

10 M 
D 
I 

v 
D 
v 
T 
S 
T 
v 
I 
H 
A 
D 
E 

25 F 
S 

d 
K 
D 

263 B 
D 

v 
v 

5 D 
w 
M 



20 



10 



v 
P 

15 D 

w 
E 
v 
D 

20 S 
v 
D 
D 



ein Orilvs de laiander. 

f des schilde vander. 

inen dracken als er lebte. 

in ander dracke strebte. 

f sinem heim gebvnden. 

n den selben stvnden. 

anic gvldin tracke kleine. 

it manigem edelm steine. 

ie mvsen wol geheret sin. 

r ogen waren rvbin. 

f der deche vn an dem kvrsit. 

a wart gnomen der poyndier wit. 

on den helden vnverzagt. 

vederthalp wart wider sagt 

i waren doch ledic ir triwe 

rvnzvn stark al niwe. 

on in wseten gein den lvften. 

ch wold mich des gvften. 

et ich ein seile (so) tiost gesehen. 

ls mir ditz niser hat veriehen. 

a wart von rabine geriten. 

in selich tiost niht vermiten. 

rowen Jeschvten mvnt veriach. 

choner tiost sie nie gesach. 

D iv hielt da want ir hende. 

iv fröden eilende. 

vnd (so) tvederm ritter schaden. 

iv ors in sweize mvsen baden. 

rises si bede gerten. 

ie bliche von den swerten. 

n fivr daz von den helnien spranc. 

n manic ellenthafter svanc. 

ie begvnden verre glesten. 

an da waren strites die besten. 

it hvrt an ander komen. 

. ge zeschaden oder ze fromen 

en kvnen helden mseren. 

. ie wi. . . c.div ors in wahren. 

a si bede vfe sazen. 

er sporn si niht vergazen. 

n ir swert lieht gemal. 

ris gedient hie parcifal. 

az er sich alsvs wern kan. 

ol hvndert drachen vn eins man. 

in drache wart verseret. 

n sin wunden gemeret. 

er vf Orilvs helme lac. 

o dvrich lvtich daz der tac. 

ollechlich dvrich in schein. 

rab wart geslagn manic edel stein. 

itz ergie ze ors vn niht zefvz. 



25 



264 



10 



15 



20 



25 



265 



10 



f rön Jeschvten war der grvz. 
M it swerts siegen al da beiagt. 
v on helden handen vnverzagt. 

Mit hvrte si diche zein ander flvgn. 
d az die ringe vor den knien zerstvbn. 
S wie si waeren iserin. 
R vht irs si taten strites schin. 
I ch wil iv sagn des einen zorn. 
D az sin wip wol geborn. 
D a vor was gnozogt. 
E r was doch ir rehter vogt. 
o daz si schermes wart an in. 
r wände ir wiplicher sin. 



S 
E 

w ser gein im verkeret. 
v n daz si gvneret. 
H et ir kvsche vn ir pris. 
M it einem anderm amis. 
D es laster nam er pflihte. 
D.och ergienc sin gerillte, 
v ber si daz grozer not. 
N ie wip erleit an den tot. 
v n ane alle ir schvlde. 
E r moht ir sin hvlde. 
v ersagn swenner wolde. 
N iemen daz wenden sohle. 
b man des wibes het gvalt. 
arcifal der degen balt. 



rilvs hvlde gerte. 



ron Jeschvten mit dem swerte. 
D es hört ich ie gern biten. 
E z kom da gar von smeikes siten. 
M ich dvnket si habn bede reht. 
D er beidiv krvmb vn sieht. 

G eschvfe kvnne er scheiden. 
S o wender daz in beiden. 

D 

. i tvn 

D a ergie div scharpfe herte. 

I etveder vast werte. 

S inen pris vor dem ander. 

rilvs de laiander. 

S treit nach sim gelertem site. 

1 ch wsen ie man so vil gestrite. 
E r het kvnst vn kraft. 

DES ward er diche sighaft. 
A n maniger stat swiez da ergienc. 
D vrich den trost er zv im vienc. 
D en ivngen starken parcifal. 
D er begreif och in svnder tval. 
v n zvht in vz dem satel sin. 
A ls ein garb h?eberin. 



8* 



60 



Dk. Franz Pfeiffer 



15 v ast ern vndern arm swanc. 

M it im er von dem ors spranc. 

v n drvht iu vber ein roneu. 

D a mvse tsvmpfentivre wonen. 

D er seiher not niht was geweilt. 
20 D a garnst daz sich hat verseilt. 

D isiv fro von dinem zorn. 

D v bist nv der verlorn. 

D vne lazest si din hvld hau. 

D az en wirt so schier niht getan. 
25 S prach der herzöge Orilvs. 

I chn bin doch niht betwungen svs. 
P arcifal der werde degen. 

D rvht in an sich daz blvtes regen. 

S pranc dvrich die barbiere. 

D o war (so) der fvrst schiere. 
266 Gr etwungen swes man an in warp. 

E r tet als der vngerne starp. 

E r sprach ze parcifale san. 

we kvne starc man. 

5 w a gedient ich dise not. 
D az ich vor sol lign tot. 

1 ch laze dich vil gern lebn. 

S prach parcifal ob dv wild gebn. 

D irre frowen din hvlde. 
10 I chn tvn sin niht ir schvlde. 

I st gein mir zegrozlich. 

S i was werdekeite rieh. 

D ie hat si gekrenket. 

v n mich in not gesenchet. 
15 I ch leist anders swestv gerst. 

b dv mich des lebns werst. 

D az het ich etwenne von got. 

N v ist din hant des worden bot. 

8 d 

20 



I n zwein landen kröne. 
T reit gewaltechliche. 
M in brvder der ist riebe. 
25 D er nim dir svederz dv wellest. 
D az dv mich tot niht vellest. 
I ch bin im lip er loeset mich. 



A ls ich gedinge wider dich. 
D arzv nim ich min herzentvm. 
v on dir. din prislicher rvm. 

267 H at an mir werdekeit bezalt. 
N v erla mich kvner degen balt. 
S vne gein disem wibe. 

Gr ebivt minem libe. 
5 A nders swaz din ere sin. 

Gr ein der gvnerten herzogin. 

M ag ich gepflegen svne niht. 

S waz halt anders mir geschit (so). 

P arcifal der hohgemvt. 
10 S prach lvte. noch lant. noh varnde gvt. 

D er deheinz mach gehelfen dir. 

D vne tvst des Sicherheit gein mir. 

D az dv gein britanie varst. 

v ri die reise niht langer sparst. 
15 G ein einer meide di blov dvrich mich. 

E in man gein dem ist min gerich. 

A n ir bet niht verkorn. 

D v solt der meide wol geborn. 

S ichern vn min dienst sagn. 
20 O de dv wirst alhie erslagn. 

S ag Artvs vn dem wib sin. 

B eiden von mir den dienst min. 

D az si min dienst so letzen. 

vn die magt der siege ergetzen. 
25 D a zv wil ich beschowen. 

I n dinen hvlden dise frowen. 
Mit svne ane vare. 

de dv mvst eine bare. 
T ot hinnen riten. 

w il dv michs widerstriten. 

268 M erke div wor.l.t vn wis der werke ein wer. 
D es gib mir diu Sicherheit her. 

D o sprach der herzöge Orilvs. 
z em kvnige parcifal alsvs. 
5 M ac niemen da fvr niht gegebn. 
.S o leist ichz wan ich wil noch lebn. 
D vrich forhte von ir man. 
f rö Jeschvte wolgetan. 

1 r Scheidens gar verzagte. 



IL 

EEGrENSßUKGrEE BRUCHSTÜCK. 

Neun Pergamentstreifen, einst als Hafte eines gebundenen Buches verwendet, im Besitz 
des Herrn Hauptmanns C. W. Neumann in Regensburg. Sie bilden zusammen vier, leider 
sehr verstümmelte Blätter in Spalten zu 46 Zeilen = Bl. 2 — 5 einer Handschrift in kl. Quart, 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



61 



voraus gieng Ein Blatt mit 184 Zeilen, den Anfang des Gedichtes enthaltend. Verhältnismässig 
am besten ist noch das erste und letzte Blatt erhalten , vom erstem fehlt das obere Stück der 
Spalte bc mit je 12 Zeilen, vom letztern der grössere untere Theil der Spalte bc; vom zweiten 
und dritten Blatt ist je die Hälfte der Spalten ad und auch oben ein Stück weggeschnitten. 
Mehr oder weniger Noth gelitten, durch Leim, Feuchtigkeit und Reibung, haben alle Blätter. 
Ich gebe hier, mit Ausnahme der zerschnittenen Spalten, was sich noch mit voller Sicherheit 
lesen lässt. 

Die Schrift ist eine der schönsten und zierlichsten, die ich aus mittelhochdeutscher Zeit 
kenne, eine wahre Perlschrift. Sie gehört in den Anfang des 13. Jahrhunderts und ist leicht 
noch älter, jedesfalls sorgfältiger als die Münchner Handschrift (Gr), mit der ihr Text übrigens 
sonst stimmt. Der Abkürzungen sind nur sehr wenige, sie beschränken sich auf vn und " (in 
sprach) • die z haben häufig noch die Form t. Die Initialen sind abwechselnd roth und blau, 
mit leichten, oft über die ganze Länge der Spalte sich erstreckenden Verzierungen. Der 
Inhalt aller vier Blätter entsprach Lachmanns Text 7, 5 — 31, 20. 



7, 5 D az vns beide ein mvter trvc. 
E r hat wenech vn ich gnvc. 
D az sol im teilen so min haut. 
D az des min sselde iht si pfant. 

V or dem der git vn nimt. 

10 V f reht in beider der gezimt. 
D o die fvrsten riehe. 

V ernamen alle geliche. 

D az ir herre tri v wen pflac. 

E z was in ein vil lieber tac. 
15 I eslicher im besvnder neic. 

G ahmvret niht langer sweic. 

D er volge als im sin herze iach. 

Z em chvnige er gvtlichen sprach. 

H erre vn brvder min. 
20 V voldich ingesinde sin. 

I v wer ode deheines man. 

S o het ich min gemach getan. 

D arnach prvfet minen pns. 



25 N v ratet als ez gezie"t .... 
D a grifet lieblichen zv. 
N iht wan harnasch ich hau. 
H et ich dar inne me getan. 

rech lop mir brsehte. 

E tswa man min gedaBhte. 
8 C\ ahinvret sprach aber san 
IX Sehcehn knappen ich han. 
Sehse der von yser sint. 
D arzv gebt mir vier kint. 
5 An gvter zvht von hoher art. 
V or den wirt meiner niht gespart. 
D es ie beiagen mac min hant. 
I ch wil cheren in div laut. 



10 



15 



20 



10 

20 



25 



11 



I ch han ovch e ein teil gevarn. 
O b mich gelvche wil bewarn. 
S o erwirbe ich gvtes wibes grvz. 
O b ich danach dienen mvz. 

V n ob ich des wirdech bin. 
S o ratet mir min bester sin. 

D az ichs mit rehten triwen pflege. 
Gr ot wise mich der sselden wege. 

V vir fvren gesellecliche. 
D annoch het i v wer riebe. 

V nser vater Gaudin 

V il manigen chvmberlichen pin. 



D v bist ovch Gaudins chint. 
I st got an siner helfe Mint. 

de ist er dran betovbet. 
D az er mir niht gelovbet. 

S ol ich nv ni v wen chvmber haben. 
M ins hercen kraft han ich begraben. 

V n die svzze miner ovgen. 

V vil er mich fvrbaz rovben. 

V ii ist doch ein rihtsere. 
S o livget mir daz msere. 

D az man von siner helfe sagt. 
S it er an mir svs ist verzagt. 

Do sprach der ivnge Anshevin. 
Got tröste tvch frowe des vater min. 
Den svln wir beidiv gerne clagen. 

1 v mac niemen von mir gesagen. 
D eheiniv clsegelichiv leit. 

I ch var dvreh mine werdecheit. 
N ach riterschaft in fremdiv laut. 
F rowe ez ist mir svs gewant. 



62 



De. Franz Pfeiffer 



D o sprach div chvneginne. 
10 S it dv nach hoher minne. 

V vendest dienst vn mvt. 
L ieber svn la dir min gvt. 

V f die vart niht versmahen. 
H eizze von mir enpfahen. 

15 D inen chamersere. 

V ier sovmschrin swsere. 

D ar inne ligent pfelle breit. 
G anze die man nie versneit. 

V n manech tivr samit. 

20 S vzzer man la mich die zit. 

Gr ehoren wenne dv wider chvmst. 

A n minen frevden dv mir frvmst. 

(F)rowe desn weiz ich niht. 

(I)n welhem lande man mich siht. 
25 (V)van swar ich von iv chere. 

(I)r habt nach riters ere. 

(I) T wer werdecheit an mir getan. 

(O)vch hat mich der chvnech lan. 

A ls im min dienst danchen sol. 

I ch getri v we iv des vil wol. 
12 D az ir in deste werder hat. 

S wie halt mir min dinc ergat. 

Als vns div aventvre sagt, 
do het der helt vnverzagt. 
5 enpfangen dvrch liebe kraft. 

V n dvrch wiplich geselleschaft. 
C leinodes tvsent marche wert. 

S wa noch ein ivde pfandes gert. 

E r mohtz der fvr enpfahen. 
10 E zn dorft im versmahen. 

D ar sande im ein sin frivndin. 

A n sinem dien c gewin. 

D er wibe minne vn ir grvz. 

D och wart im selten chvmbers bvz. 
15 V rlovp nam der wigant. 

M vter brvder noch des lant. 

S in ovge niemer mer erchos. 

D ar an doch maneger vil verlos. 

D er sich het an im erchant. 
20 E daz er wsere dan gewant. 

M it deheiner siahte gvnstes zil. 

D en wart von im gedanchet vil. 

E s dvhte in mere denne gnvc. 

D vrch sine zvht er nie gewuc. 
25 D az siz tseten vmbe reht. 

S in mvt was ebener denne sieht. 

S wer selbe sagt wie wert er si. 

D a ist lihte ein vngelovbe bi. 

E z so besezzen iehn. 



V n ovch die heten gesehn. 
13 S iniv werch da er fremde wa3re. 
S o gelovbte man daz msere. 

&ahmvret der site pflac. 
den rehtiv maze widerwac. 
5 vn ander schanze deheine. 

S in rvmen daz was deine. 

G roze lidenlichen leit. 

D er in gar vermeit. 



25 K aylet von Hoscvrast. 

V il mangen zornigen gast. 
D ie brahten alle in diz lant. 

20 D er schotten chvnech fridebrant. 

V n siner genozze viere. 
M it manigem soldiere. 

D ort westerthalben an dem mer. 
D a lit ysenhartes her. 
25 M it fliezzenden ovgen. 
ffenlichen noch tovgen. 
G esach si niemer mer dehein man. 
S ine mvsen iamers wunder han. 

in gvsse warp. 

S it ander tiost ir herre starp. 

Der gast zer wirtinne. 
sprach mit riters sinne. 
Sagt mir ob irs rvchet. 
vrch waz man ivch so svchet. 
ornlichen mit gewalt. 
r habt vil manigen . . . .balt. 
ich mvt daz sie sint verladen 
it viende hazze nach ir schaden, 
az sage ich herre sit irs gert. 
ir diente ein riter der was wert, 
in lip was tvgende ein bernde ris. 
er helt was chvne vn wis. 
er tri v we ein reht beclibeniv frvht. 
in zvht was fvr alle zvht. 
r was noch chivscher denne ein wip. 
recheit vn eilen trvc sin lip. 
o ne gewühs an riter milter hant. 



26 



D 
5 Z 
I 
M 
M 
D 

10 M 
S 
D 
D 

S 

15 E 
F 

S 
V 

I 

20 D 
E 
N 
S 
E 

25 M 
M 



or im nie vber elliv lant. 

chn weiz waz nach vns svl geschehn. 

es lazen ander lvte iehn. 

r was gein falscher fvre ein ror. 

ach swarzer farwe als ich ein mor. 

in vater hiez Tankanis. 

in chvnech der het ovch hohen pris. 

in frivnt der hiez ysenhart. 

in wipheit was vnbewart. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



63 



D o ich sin dienst nach niinne enpfienc. 

D eiz im nach frevden niht ergienc. 

D es mvz ich temer iauier tragen. 

S i wsent daz ich in schvife erslagen. 
27 TT erratens ich doch Ivtzel chan 
V Swie mich sin zihen sine man. 
Er was mir lieber denne in 

A ne gezivc ich des niht bin. 
5 M it dem ichz sol bewahren noch 

D ie rehten warheit wizzen doch. 

M ine gote vn die sine. 

E r gap mir manige pine. 

N v hat min schamende wipheit 
10 S in Ion erlenget vn min leit. 

D em beide erwarp min magtvm. 

A n riterschefte manigen rvm. 

I ch versvcht in ob er chvnde sin. 

E in frivnt daz wart vil balde schin. 
15 E r gap dvrch mich sin harnasch. 
* E n wech 



28 V n rehtiv iamers lere. 
20 S i sagt im fvrbaz mere. 

D o svchte mich von vber mer, 



D er schotten chvnech mit sinem her 
D er was sins oheimes svn. 
S ine mohten mir niht mer getvn. 
25 L eides . denne mir was geschehn. 
A n Isenhart ich mvz es iehn. 
D iv frowe ersivfte diche. 
D vrch die zacher maniger bliche. 
S i schamde gastlichen sach. 
A n Gahmvreten do veriach. 

29 J r ovgen dem hercen san. 

30 S prach er wolde gerne sehn 

V va riterschaft da wsere geschehn. 
H er ab mit dem helde reit. 

M anech riter vil gemeit. 
H ie der wise dort der tvmbe. 
10 S i fvrten in alvnibe. 
F vr sehzehn porten. 

V n beschieden im mit werten. 

D az der necheiniv wsere verspart. 
S it wart gerochen Isenhart. 
15 An vns mit zorne naht vn tac. 

V nser strit vil nach geliche wac. 



III. 

KARLSRUHER BRUCHSTÜCK. 

Zwei Pergamentdoppelblättei', kl. Folio, in Spalten zu 40 Zeilen, aus der ersten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts, im Besitz des Herrn Archiv dir ector F. J. Mone in Karlsruhe. Vom 
zweiten Blatt ist ein Theil des äussern Randes weggeschnitten, daher auf Bl. 2 b zu Ende, 
Bl. 2° zu Anfang der Zeilen einige Buchstaben fehlen. Die Initialen sind durchaus roth. 

Das erste Doppelblatt bildete das innere (Bl. 4. 5), das zweite das äussere (Bl. 1. 8) 
zweier auf einander folgender Lagen: zwischen dem 2. und 3. Blatte fehlen 480 Zeilen = 
drei Blätter, zwischen dem 3. und 4. 960 Zeilen = sechs Blätter, und die beiden Doppel- 
blätter gehörten zur 17. und 18. Lage der ganzen Handschrift. Der Text stimmt ziemlich 
genau mit der Münchner Handschrift (G). 



1. 2. 

704 Den andern dvrch des Schildes rant. 
Daz die sprizen von der hant. 
5 Vf dvrch den lvft sich wunden. 
Mit der tyost si bede kvnden. 
Vn svs mit anderm strite. 
Vf des angers wite. 



Wart daz tov zerfvret. 
10 Vn die heim gervret. 

Mit scharpfen eken die wol sniten. 

Vnverzaegelich si bede striten. 

Da wart der anger getrette. 

An maniger stat daz tov gewette. 
15 Des riwent mich die . blvm rot. 



64 



Dr. Fra~nz Pfeiffer 



Vn mer die helde die da not. 

Dolten ane zageheit. 

Wem wser daz liep ode leit. 

Dem si niht beten getan. 
20 Do bereitte ovch sich Gawan 

Gein sines kampfes sorgen. 

Ez was wol mitter morgen. 

E man friesche daz nisere. 

Daz da vermisset wsere. 
25 Parcifals des kvnen. 

Ob erz welle svnen. 

Dem gebaret er vngelich. 

Er streit so msenlich. 

Mit dem der ovch strites pflac. 

Nv was ovch vf hohe der tach. 

705 Gawane ein bischof messe sanch. 
Von stvrie wart da groz gedranch. 
Kitter vn frowen. 

Man moht da zeorse schowen. 
5 An Aßtvses ringe. 

E daz man da gesinge. 

Der kvnich ARtvs selbe stvnt. 

Da die pfaffen daz ampt tvnt. 

Do der bendiz wart getan. 
10 Do wappent sich her Gawan. 

Man sach dar tragn dem stoltzen. 

Sine iserine koltzen. 

An wol geschienen beinen. 

Da begvnden frowen weinen. 
15 Daz her zogt vz vber al. 

Da si mit swerten horten schal. 

Vn fivr vz helmen springen. 

Vn siege mit kreften dringen. 

Der kvnich Gramoflantz pflac site. 
20 Im versmahte sere daz er strite. 

Mit einem man do dvht in nv. 

Daz sehsse griffen strites zv. 

Ez was doch parcifal alein. 

Der gein im werlichen schein. 
25 Er het in vnderwiset. 

Einer zvhte die man priset. 

Ern genam sit nimmer mere 

Mit rede an sich die ere. 

Daz er zwein mannen hete strit. 

Wan einer ims ze vil git. 

706 TV az her was zebeder site. 
JJ Vf den grvnen anger wite. 

Jetweder halp siniv zil. 
Si prvften ditz nitspil. 
5 Den kvnen Wiganden. 
Div ors waren gestanden. 



Do striten svs die werden. 

Zefvze vf der erden. 

Einen herten strit scharff erkant. 
10 Div swert hohe vz der hant. 

Würfen diche die rechen. 

Si wandelten die eken. 

Svs enphie der kvnich Gramoflantz. 

Svren zins fvr sinen krantz. 
15 Siner frivndinne kvnne. 

Leit ovch bi im swache wunne. 

Svs enkalt der werde parcifal. 

Itonyen der lieht gemal. 

Der er geniezen solde. 
20 Ob reht zerehte wolde. 

Nach prise die vil gevarnen. 

Mit strite mvsen arnen. 

Einer streit fvr frivndes not. 

Dem andern minne daz gebot. 
25 Daz er was minne vndertan. 

Do kom vch min her Gawan. 

Do ez vil nach alsvs was kom. 

Daz den sick het genom. 

Der stolze kvne waleis. 

Brandlidelin von pvntvrteis. 
707 TT nde Gernovt vö Riviers. 

V vn afynamvs de de (so) Cleviers. 
Mit blozen hovpten dise dri. 

Riten dem strite nahen bi. 
5 ARtvs vn Gawan. 

Riten anderhalp vf den plan. 

Zv den kämpf mvden zwein. 

Die wurden des en ein. 

Si wolden scheiden den strit. 
10 Scheidens dvhte rehte zit. 

Gramoflantz der so sprach. 

Daz er dem siges iach. 

Den man gein im het gesehn. 

Des mvse ovch mere Ivte iehn. 
15 Do sprach des kvnich lotes svn. 

Her kvnich ich wil iv hivt tvn. 

Als ir mir gester tatet. 

Do ir mich rouens batet. 

Nv rviwet hivt des wirt iv not. 
20 Swer iv disen strit gebot. 

Der hat iv swache kraft erkant. 

Gein miner werlichen hant. 

Ich bestvnde ivch nv wol eine. 

Nv vehtet ab* ir wan mit zwein. 
25 Ich wilz morgen wagen eine. 

Got ez zerehte erscheine. 

Der kvnich reit da gein den sinen. 



Quellenmaterial 



zu 



ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



Er tet ovch fyantze schinen. 
Daz er des morgens gein Gawan. 
Dvrch striten kome vf den plan. 

708 A Rtvs zeparcifale sprach. 

Neve sit d . . svs geschach. 

Daz dv des kampfes baete. 

Vn msenlichen tsete. 
5 Vn Gawan dirz versagte. 

Daz din mvnt do sere klagte. 

Nv hastv den kämpf doch gestriten 

Gein im der sin da het erbiten. 

E (so) wser im leit ode liep. 
10 Do ersliche dvn als ein diep. 

Wir heten anders dine hant 

Ditse kampfes wol erwant. 

Nvne darf Gawan des zvrnen niht. 

Swaz man dir prises drvmbe giht. 
15 Gawan sprach mim ist niht leit. 

Mins neven hohiv werdecheit. 

Mirst morgen dannoch alzefrv. 

Sol ich kampfes griffen zv. 

Wolt michs der kvnich erlazen. 
20 Des isehe ich im ze mazen. 

Des her reit in mit maniger schar. 

Man sach da frowen wol gevar. 

Vn manigen gezimierten man. 

Daz nie dehein her mer gewan. 
25 Solher zimierde wunder. 

Die von der tavelrvnder. 

Vn div msessenie der Herzogin. 

Ir wappenroche gaben schin. 

Mit pfelle von cynadvnt. 

Vn braht von pelypimvnt. 

709 T ieht waren ir kovertivre. 
J-* Parcifal der gehivre. 

Wart in beiden hern gepriset so. 

Sine frivnt des mohten wesen fro. 
5 Si iahen in Gramoflanzes her. 

Daz ze dehein* zit so wol zewer. 

Nie kome ritter dehein. 

Den div svnne ie vber schein. 

Swiez zebeden tagn da waer getan. 
10 Den pris mvser aleine han 

Dannoch si sin erkanden niht. 

Dem ieslich mvnt des prises giht. 

Gramoflantze si rieten. 

Er mohte wol enbieten. 
15 ARtvse daz er naeme war. 

Daz dehein man vz siner schar 



708, 2 d ( ) ein Loch. 
Denkschriften der philos-histor. Cl. XVII. Bd. 



Gein in koeme dvrch vehten. 

Daz er im sande den rehten. 

Gawan des kvnich Lotes svn. 
20 Mit im wolt er dem (so) kämpf tvn. 

Die boten würden dan gesant. 

Zwei wisiv kint höfsch erkant. 

Der kvnich sprach nv svlt ir spehn. 

Weiher da (so) prises weit iehn. 
25 Vnder al den claren frowen. 

Ir svlt ovch svnder schowen. 

Bi welher Bene sitze. 

Nemt daz in iwer witze. 

In weihen gebserden disiv si. 

Won ir frovde ode trovren bi. 
'10 T\ az svlt ir prvfen tovgen. 

Ir seht wol an ir ovgen. 

Ob sie nach frivnden kvmber hat. 

Seht daz ir des iht lat. 
5 Benen miner frivndin. 

Gebt den brief vn daz vingerlin. 

Div weiz wol ez fvrbaz sol. 

Werbet gefvge so tvt ir wol. 

Nv was ez ander halp so kom. 
10 Itonye het alda vernom. 

Daz ir brvder vn der liebst man. 

Den magt inz herze ie gewan. 

Mit ein ander vehten sohlen. 

Vn des niht lazen wolden. 
15 Do brast ir iamer dvrch die schem. 

Swen ir kvmbers nv gezem. 

Der tvt ez ane minen rat. 

Sit siz vngedient hat. 

Baidiv ir mvter vn ir an. 
20 Die magt fvrten si svnder dan. 

In ein klein gezelt sidin. 

ARnyue weiz ir disen pin 

Si strafet si vmbe ir miss . . . 

Des enwas et do dehein ande . . . 
25 Si veriach al da vnuerhol. 

Daz si in lange het „ versto . . 

Do sprach div magt wert er ... 

Sol mir nv mins brvder . . . 

Mins herzen verch vers . . . 

Daz moht er gerne mide. 

711 A Rnyue zeinem ivncher 

Sprach, nv sage dem sv . . . 

Daz er mich balde gesprec . . 

Vn daz al eine zeche. 
5 Der knappe ze ARtvs e gab . . 

ARniue des gedahte. 

Si wolt in lazen hoeren. 



66 



Dr. Franz Pfeiffer 



Ob er moht zestören. 

Nach wem der claren Yton. . 
10 Was so herzenlichen we. 

Des kvnieh Gramoflanzes .... 

Nach ÄRtvse kom sint. 

Die erbeizten vf dem ve . . . 

Vor dem kleinen gezerde. (so) 
15 Einer Benen sitzen sach. 

Bi der div ze ÄRtvse spr. . . 

Giht des div herzogin f. . . 

Ob min brvder min a . . . 

Sieht dvrch ir losen rat. 
20 Des moht ir iehn fvr mis . . . 

Ir svlt in min geniezen 1. . . 

Waz hat der kvnieh im ge . . . 

Treit min brvder sinne. 

Er weiz vnser zweier mi — 
25 So lvtter ane valscheit. 

Hat er triwe ez wirt im . . . 

Sol mir sin hant erwerb . . 

Nach dem kvnige ein ster . . . 

Herre daz si iv geklagt 

Sprach, ze ÄRtvse div svze .... 
712 ~KT v denchet ob ir min oe . . . . 
-*-' Dvrch triwe scheidet d . . . . 

wisem mvnde. 

n der selben stvnde. 

5 v niftel min. 

vgent so hoher minne schin 

vz dir werden svr. 

swester Svrdamvr. 

Kriechen Lamprivre. 

10 gt gehivre. 

pf moht ich wol scheiden. 

an in beiden. 

rze vn daz sin gasamt (.so) sint. 

ntz Gyrotes kint. 

15 so msenlichen siten. 

ampf wirt gestriten. 

ste div minne din. 

dinen liebten schin. 

ie ze debeiner stvnt. 

20 roten svzen nivnt. 

s ist niht geschehn. 

en einander vngesehn. 

er mir dvrch liebe kraft. 

reht geselleschaft. 

25 odes vil gesant. 

oveh von miner hant. 

waren liebe gehörte. 

den zwiuel störte. 



ist an mir stsete. 

es herzen rsete. 

713 ande wol frov Bene. 

knappen zwene. 

s Gramoflantzes kint. 

Rtvse kom sint. 

5 solde niem sten. 

izet fvrder gen. 

vz den snvren. 

frowen rvren. 

nade vmbe ir trvt. 

10 vmt schier vber lvt. 

her vz wart gesant. 

inz in ir hant. 

Stiez den brief vn daz vingerlin. 2 

Si heten oveh den hohen pin. 
15 Von ir frowen wol vernomen. 

Vn iahen des si wseren komen. 

Vn wolden ARtvsen gesprechen. 

Ob si daz rvhte zechen. 

Si sprach stet verre dort hin dan. 
20 Vnz ich iveh z\ mir gens man. 

Frovn Benen von der svzen magt. 

In dem gezelt wart gesagt. 

Daz Gramoflantzes boten da. 

Wseren vn fragten wa. 
25 ÄRtvs der kvnieh wsere. 

Daz dvht mich vngebsere. 

Ob ich zeigte in an daz gesprreche. 

Seht danne waz ich rasche. 

An miner frowen ob si sie. 

Sebent alsvs weinende hie. 

714 A rtvs sprach sint ez die knabn. 

Diech an den rinc sach nach mir drabn. 

Daz sint von hoher art zwei kint. 

Waz ob si so gefvge sint. 
5 Gar bewart vor missetat. 

Daz si wol gent an disen rat. 

Eintweder phligt der sinne. 

Daz er sins herren minne. 

An miner nifteln wol siht. 
10 Ben sprach desn weizich niht. 

Herre magez mit hvlden sin. 

Der kvnieh hat ditz vingerlin. 

Da her gesant vn disen brief. 

Do ich nv fvrz pavilvn lief. 
15 Der kinde einz gap in mir. 

Frowe seht den nemt ir. 

Do wart der brief vil gekust. 

Si drvht in nahen an ir brvst. 

Do sprach si nv seht hie an 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



67 



20 Ob mich der kvnich minne man. 
Artvs den brief nam in die hant. 
Dar an er geschriben vant. 



730 Gawan vn die gesellen sin. 
ARniue div kvnegin. 

25 Vn der werde Parcifal. 

Vn div Herzogin Liehtgemal. 

Sayue vn Kvndrie. 

Namen vrlovp Itonye. 

Beleip bi ARtvse da. 

Nvne darf mich niem fragen wa. 

731 choner hochgezit ergie. 

^ Gynover in ir pflege enphie. 
Itonyen vn ir amis. 

Den werden kvnich der manigen pris. 
5 An ritterschefte diche erranch. 

Des in Itonye minne twanch. 

Ze herberge do maniger reit. 

Den hohiv minne lerte leit. 

Des abendes vmbe ir ezen. 
10 Mvge wir wol mser vergezen. 

Swer da werder minne phlach. 

Der wuscht et naht fvr den tach. 

Der kvnich Gramoflantz enbot. 

Des twanch in hochferte not. 
15 Ze Roys Sabyns den sinen. 

Si sohlen sich des pinen. 

Daz si abe brachen bi dem mer. 

Vn vor tags kom mit sinem her. 

Vn daz sin Marschaich nfeme. 
20 Stat div her wol gezseme. 

Mir selben prvfet hohiv dinch. 

leslichem fvrsten svnder rinch. 

Des wart dvrch hochfart erdaht. 

Die boten fvren. do was ez naht. 
25 Man sach da manigen trovrigen lip 

Den daz gelerten (so) heten wip. 

An swem sin dienst verswindet. 

Daz er Ions niht vindet. 

Dem mvz gein sorgen wesen gaeh. 

Dane reiche wibe helfe nach. 

732 "VTv daht aber PaRcifal. 

-L' An sin wip die lieht gemal. 
Vn an ir kvsche (so) svze 
Ob er dehein ander grvze. 
5 Daz er dienst nach minne biete. 
Vn sich vnstsete niete. 
Solh minne wirt von im gespart. 



3* 



Groz triwe het im so bewart. 

Sin msenlich herze vn sinen lip. 
10 Ezn wart fvr war nie and* wip. 

Gewaltich siner minne. 

Niwan div kvneginne. 

Kondwir Amvrs. 

Div geflorierte beaflvrs. 
15 Do daht er sit ich minnen kan. 

Wie hat div minne an mir getan. 

Nv bin ich doch vz minne erborn. 

Wie han ich minne alsvs verlorn. 

Mvz ich nach dem Gral ringen. 
20 Doch sol mich imm' twingen. 

Ir kvschlicher vmbe vanch. 

Von der ich schiet des ist zelanch. 

Sol ich mit den ovgen frovde sehn. 

Vn mvz mirz herze iamers iehn. 
25 Div werch Stent vngeliche. 

Hohes mvtes riche. 

Wirt niem solher phlihte. 

Gelvche mich berihte. 

Was mirz wsegeste drvmbe si. 

Im lach sin harnasch nahen bi. 
733 T\ o daht er sit ich mangel han. 

Daz den sseldehaften wider tan. 

Ist. ich mein die minne. 

Div maniges trovrigen sinne. 
5 Mit frovden helfe ergeilet. 

Sit ich der bin verteilet. 

Ich rvche nv waz mir geschiht. 

Got wil miner frovden niht. 

Div mich twinget minne gir. 
10 Stvnde vnser minne min vn ir. 

Daz scheiden dar zv horte. 

So daz vns zwiuel störte. 

Ich moht ze anderre minne kom. 

Nv hat ir minne mir benomen. 
15 Ander minne T " anderfrovden trost. 

Ich bi trovrens vnerlost. 

Gelvke mvze frovde wem. 

Die endehafter frovde gern. 

Got gebe frovde al disen scharn. 
20 Ich wil vz disen frovden varn. 

Er greif hin da sin harnasch lach. 

Des er e diche aleine pflach. 

Daz er sich balde wappent drin. 

Er wil nv werben niwen pin. 
25 Do der frovden flvchtich man. 

Het al sin harnasch an. 

Er sateltz ors mit siner hant. 

Schilt vn sper bereit er vant. 



68 



Dr. Franz Pfeiffer 



Man horte sine reise des morgens klagn 
Do er danne schiet do begvndez tagn. 

734 TT ü lvte des hat verdrozen. 

■ Den daz mser was verslozen. 
Gnvge kvndenz nie evarn (so). 
Nvne wil ichz niht leng f sparn. 
5 Ihn tv ez kvnt mit reht f sage. 
Wan ich in dem mvnde trage. 
Wie der svze vn der gehivre. 
Daz sloz dirre aventivre. 

A) nfortas wart wol gesvnt. 
10 V)ns tvt div aventivre kvnt. 

Wie von Pelrapeyre div kvnegin. 
I)r kvschen wiplichen sin. 

B) ehielt vnz an ir Ions stat. 
D)az si in hohe sselde trat. 

15 Parcifal daz wirbet. 

Ob min kvnst niht verdirbet. 

Pjch sage alrest sin arbeit. 

S)waz sin hant ie gestreit. 

D)az was mit kinden her getan. 
20 M)oht ich ditse msers wandel han. 

Ih wolt in vngerne wagen. 

D)es kvnde ovch mich betragen. 

Nv bevilhe ich sinem gelvke. 

Sin herze der salden stvcke. 
25 Daz div frevil bi der kvsche lach. 

Wand er nie zageheit gepflach. 

Daz mvz im vestenvnge gebn. 

Daz er behaltet nv sin lebn. 

Sit ez sich hat an den gezogt. 

In bestet ob allem strit ein vogt. 

735 TT f siner vnverzagten reise. 

* Der selbe kvrteise. 

Was ein hseidenischer man. 

Der tovfes kvnde nie gewan. 
5 Parcifal reit balde. 

Gein einem grvnem walde. 

Vf einer liebten waste. 

Gein einem richem gaste. 

Ez ist wunder ob ich armer man. 
10 Dise richeit iv gesagn kan. 

Die der beiden fvr zimier trvch. 

Sag ich des mere danne genvch. 

Dannoch mag ich wol mer iv sagn. 

Wil ich siner richeit niht verdagn. 
15 Swaz dient ÄRtvses hant. 

Brytanie vn engillant. 

Die vergvlten niht die steine. 



734, 1. Grosser über sechs Zeilen herabreichender Initial. 



Die mit edelm arde reine. 

Lagen vf des heldes wappen roch. 
20 Die waren tivr ane al getroch. 

Kvbyne Calcydone. 

Waren da ze swachem lone. 

Der wappen roch gap blanchen schin. 

In dem berge ze Agramentin. 
25 Die wurme Salamander. 

In worhten zein ander. 

In dem heizen fivre. 

Die waren stein tivre. 

Lagen drvffe tvnchel vn lieht. 

Ir art mag ich genenen nieht. 
736 ö in gir stvnt nach minne. 
^ vn nach prises gewinne. 



768 Sine mohten sigs niht erholn. 
Si mvsen tschvmpfentivr doln. 
Von mir vn von den minen. 

10 Ich han in manigen pinen. 

Beiagt mit ritterlicher tat. 

Daz min nv genade hat. 

Div kvneginne Secvndille. 

Swes div gert deist min wille. 
15 Si hat gesetzet mir min lebn. 

Si hiez mich miltechlichen gebn. 

Vn gvt ritter an mich nemen. 

Des solt mich dvrch si gezemen. 

Daz ist also ergangen. 
20 Mit schilte bevangen. 

Ez ist ze ingesinde mir benant. 

manich ritter wert erkant. 

Da engein ir minne ist min Ion. 

Ich trage ein Ezydemon. 
25 Vfem schilte als si mir gebot. 

Swa ich sit kom in not. 

Zehant so ich an si dahte. 

Ir minne mir helfe brahte. 

Div was mir bezer strites wer. 

Danne min got Ivppiter. 

769 A Rtvs sprach von dem vater din 

Gahmvreten dem neven min. 
Ist ez din vollechlicher art. 
In wibs dienst din verriv vart. 
5 Ich wil dich dienst wizen lan. 
Daz selten grözerz ist getan. 
Vf erde deheinem wibe. 
Ir minnechlichem libe. 
Ich mein die herzoginne. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. IL 



69 



10 Div hie sitzet nach ir minne 

Ist waldes vil verswendet. 

Ir minne hat gephendet. 

An frovden manigen ritter gvt. 

Vn in (so) erwendet hohen mvt. 
15 Er sagt ir vrlivgen gar. 

Vn ovch von der Clynshors schar. 

Die sazen in allen siten. 4 b 

Vn von den zwein striten. 

Die Parcifal sin brvder streit. 
• 20 Ze Tschoflantz vfem anger breit. 

Vn swaz er anders het ervarn. 

Da er den lip niht kvnde sparn. 

Er sol daz selbe raachen kvnt. 

Er svchet einen hohen fvnt. 
25 Nach dem Grale wirbet er. 

Von iv bedensant ist daz min ger. 

Nv sagt mir lvte vn lant. 

Div (so) mit strite sin bekant. 

Der heiden sprach ich nenne sie. 

Die mir die ritter fvrent hie. 

770 T\ er kvnich papyrvs tragediente. 

Vn Grave behantis von kalomydiente. 
Der Herzoge farye lastis von Alke. 
Vn der kvnich Lyddamvs von Agippg. 

771 Ich het ein dinch fVr schände. 
Man iach in manigem lande. 

Daz dehein bezer ritter mohte sin. 

Danne Gahmuret Anshevin. 
5 Der ie ors vber schrite. 

Ez was min wille vn ovch min site. 

Daz ichn svehte vnz ihn fvnde. 

Sit gewan ich strites kvnde. 

Von minen zwein landen her. 
10 Fvrt ich kreftich vf daz mer. 

Gein ritterschefte het ich mvt. 

Swelh lant was werlich vn gvt. 

Daz twanch ich miner hende. 

Vnz verre inz eilende. 
15 Da werten mich ir minne. 

Zwo riche kvneginne. 

Polympie vli Clavditte. 

Secvndille ist nv div dritte. 

Ich han dvrch wip vil getan. 
20 Hivt alrest ich kvnde han. 

Daz min vater Gahmvret ist tot. 

Min brvder sage ovch sine not. 

Do sprach der werde Parcifal. 4° 

Sit ich schiet von dem Gral. 
25 So hat min hant mit strite. 

In gedrenge vn an der wite. 



Vil ritterschefte erzeiget. 
Etslich pris geneiget. 
Der des vil vngewent was ie. 
Ein teil ich der benne (so) hie. 

772 TT on Lyrivoyn Tschirniel. 

* Vn von Avendroyn sin brvd f Myradel. 
Vn Grave falerostas. 
Ditz ergie da tvrniern was. 
Die wile ich nach dem Grale reit. 
Solde ich gar nennen daz ich streit. 
Daz wseren vnkvndiv zil. 
Dvrch not ich mvz verswigen vil. 
Swaz mir kvnt ist getan. 
Die wenich lue genennet han. 

773 Der heiden was von herzen fro. 
Daz sins brvder dinch also. 
Stvnt. daz sin hant erstreit. 

So manige höh werdecheit. 
5 Des danchet er im sere. 

Er het es selbe ovch ere. 

Innen des hiez tragn Gawan. 

Als ez vnwizende wser getan. 

Des heidens zimierde in den rinch. 
10 Si prvftenz da fvr groziv dinch. 

Ritter vn fro wen. 

Begvnden alle schowen. 

Den wappenroch, den schilt, daz cvrsit. 

Der heim was zenge noch zewit. 
15 Si pristen algemeine. 

Die tivren edeln steine. 

Die dran verwieret lagen. 

Niem darf mich fragen. 

Von ir arde wie si waBren. 
20 Die Hellten vn die swseren. 

Ivch het baz bescheiden des. 

Eraclys. ode Hercvles. 

Vn der krieche Alexander. 4 d 

Vn dannoch ein ander. 
25 Der wise Pictagoras. 

Der ein astronomirre was. 

Vn svs wise ane strit. 

Niem sit Adames zit. 

Moht im geliehen sin getragn. 

Der kvnde baz von steinen sagn. 
774 T\ ie frowen rvnden da swelh wip. 
Da mit zierte sinen lip. 

Het der gein ir gewenchet. 

50 wer sin pris verkrenchet. 
5 Etslich was im doch so holt. 

51 het s ; nen dienst wol gedolt. 
Ich wsen dvrch siniv fremdiv mal. 



70 



Du. Franz Pfeiffer 



Gramoflantz. ÄRtvs. vn parcifal. 

Vn der wirt Gawan. 
10 Die vier giengen svnder dan. 

Den frowen wart bescheiden. 

In ir pflege der riche beiden. 

ArIvs warp eine hochzit. 

Daz div des morgens ane strit. 
15 Vf dem velde ergienge. 

Daz man da mit enphienge. 

Sinen neven feyrefyz. 

An den gewerp legt iwem fliz. 

Vn iwer beste witze. 
20 Daz er mit vns besitze. 



Ob der Tavelrvnder. 

Si loptenz alle besvnder. 

Si wurbenz wserz im niht leit. 

Do lopt in gesellecheit. 
25 Feyrefiz der riche. 

Daz volch fvr al geliche 

Do man geschancte an sin gemach. 

Maniges frode alda geschach. 

Des morgens ob ich so sprechen mach. 

do erschein d f svze msere tach. 
775 TTTpandragvns svn. 

V ARtvsen sach man alsvs tvn. 



IV. 

PFÄLZER BRUCHSTÜCK. 



Ein Pergamentdoppelblatt, Folio, in Spalten zu 50 Zeilen, aus der ersten Hälfte des 
13. Jahrhunderts. Ich erhielt dasselbe bei einem Besuche, den ich im Herbst 1840 von 
Heidelberg aus nach Grünstadt in der Rheinpfalz machte, durch Massmann, dem es von einem 
Geistlichen aus der Umgebung auf kurze Zeit zur Benützung mitgetheilt wurde. Dieser war, 
wie ich erst unlängst herausgebracht, Joh. Georg Lehmann, weil. Pfarrer zu Weissenheim am 
Berg, nun zu Nussdorf in der Rheinpfalz, der in seinem Buche Geschichtliche Gemälde 
aus dem Rheinkreise Bayerns" I (Heidelberg 1832), S. 115 des Bruchstückes erwähnt. Er 
fand dasselbe als Umschlag eines Gültenbuches des ehemaligen Klosters Höningen (vom 
Jahre 1439) verwendet. Ich nahm mir damals, so weit das der Zustand des vielfach abge- 
riebenen Blattes ohne Anwendung chemischer Hilfsmittel erlaubte, Abschrift und diese lasse 
ich hier abdrucken. Der Text stimmt zur Familie G. 



1. 

5.33 E z si wip ode man. 

V on den ich gance volge han. 
25 S wa liep gein liebe erhvbe. 

L vter ane trvbe. 
D az minne ir herce slvze. 
D er entwederz der verdrvze. 
M it minnen von der wanche ie floch. 
D iv minne ist ob den andern vil hoch. 
534 Q wie gerne ich in nseme dan. 

O Doch mac min herre Gawan. 
D er minne des niht entwenehen. 
S ine welle im frode krenchen. 
5 V vaz hilfet danne min vnderslac. 
S waz ich da von gesprechen mac. 
W ert sol ich niht minne wem. 

V van den mvz minne helfen nern. 



G awan dvrch minne arbeit enpfie. 
10 S in frowe reit . ce fvze er gie. 

O rgelvse vri der helt halt. 

D ie komen in einen grozen walt. 

D annoch mvser gens wonen. 

E r zoch daz pfarit zv einer ronen. 
15 S in schilt der e dar vfe lac. 

D es er dvrch schiltes ampt pflac. 

N am er ce halse vf daz pfarit er saz. 

E z trvch in kvmber fvr baz. 

A nderhalp vnz in erböwen lant. 
20 E ine bvrch er mit den ovgen vant. 

S in herce vnd div ovgen iahen. 

D az si erkanden noch gesahen. 

D eheine bvrc nie der gelich. 

S i was alvmbe ritterlich. 
25 Tvrne vn palas. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



71 



M anigez vf der bvrge was. 
D ar zv mvser schowen. 
I n den venstern manige fröwen. 
D er was vierhundert ode mer. 

V ier vnder in von arde her. 

535 TT on passashen vngeverte groz. 

V Gie an ein wazer daz da floz. 
S chif raehe snel vn breit. 
D ar engegen er vn div frowe reit. 
5 A n dem vrvar ein anger lac. 
D ar vfe man vil tioste ptiae. 

V ber daz wazer stvnt daz kastei. 
G awan der degn snel. 

S ach einen ritter nach im varn. 
10 D er schilt noch sper niht kvnde spani. 
rgilvse div riche. 
S prach hochvertecliche. 

b mirs iwer mvnt vergibt. l k 
S o briche ich miner triwe niht. 

15 I ch hets iv e so vil gesagt. 
D az ir vil lasters hie beiagt. 
N v wert iveh ob ir kvnnet wern. 

1 vch enmach anders niht ernern. 
D er dort kvmt . iveh sol sin hant 

20 G evellen . ob iv ist cetrant. 
I ender iwer nider cleit, 

L at iv dvreh d 

D ie ob iv sitzen 

V vaz ob die 

25 D es schifes 

K om dvreh Orgilvsen ger 

V on dem lande in daz schife si cherte. 
D az Gawanen trvren lerte. 

D iv riche wol geborne. 
S prach wider vz mit zorne. 

536 T Rn chomt niht da her in. 
-L Ir mvzet pfant dort vze sin. 

E r sprach ir trvreclichen nach. 
F rowe wie ist iv von mir so gach. 
5 S ol ich iveh iemer mer gesehn. 

S i sprach iv mac der pris geschn (so) 
I ch stsete iv selhes noch an mich. 
I ch wsene daz sere lenget sich. 
D iv frowe schiet von im alsus. 
10 H ie kom Lishoys Gwellius. 
S agt ich iv nv daz der slvge. 
M t (so) der rede ich iveh betrvge. 
E r gäbet aber anders sere. 
D as es daz orse het ere. 
15 V van daz er zeiget snelheit. 

V ber den grvnen anger breit. 



D o dahte min her Gawan. 

V vie sol ich beiten disse man. 

V vederz mac daz waeger sin. 
20 (C)e fvze ode vf dem pfeerdelin. 

(V v) il er volleclichen an mich varn. 
(D)az er der poynder niht kan sparn. 



nider riten. 

ors da biten. 

25 daz rvnzit. 

. v strit. 

. d ce fvz. 

. o wrde ir grvz. 

D iv strites hat gewert. 

30 I ch gib im strit ob er des gert. 
537 "VT V ^ z was vnwendec. 
-LN Der komen 

beite. 

er sich bereite. 



5 (D)o satzer die glavin. 

(V)orn vf des satels vilceltn. 
(D)es Gawan vor het erdaht. 
(D)es was ir beider tiost braht. 



der sper cebrach. 

10 ligen sach 

man. 



15 gens 



(S)i bede strites gerten. 

(D)ie schilte waren vnvermiten. 

(D)ie wrden also vorsniten. 

(I) r beleip in lvcel vor der hant. 
20 (V)van der schilt ist iemer strites pfant. 

(M)an sach da blicke vnd helmes fivr. 

(I) r mvgts im iehn fvr aventivr. 

(V)ven got den sie dan lat tragn. 

(D)er mvz vil brises e beiagn. 
25 S vs rvrten si mit strite 

(Vf) des angers wlte. 

E s waren mvde zwene smide. 

b si halt heten starcher lide. 

V on also manigem grozen slage 

S vs rvngen si nach prises beiage. 
538 TT ver solt si drvmbe prisen. 
V Daz die vnwisen. 



2. 

580 S waz ich krefte ode sinne hau. 2 1 
D ie hat iwer dienstman. 



72 



Dß. Franz Pfeiffer 



15 G 
S 
S 
V 
N 

20 E 
D 
E 

S 
S 

25 S 
D 
E 
D 
V 
A 

581 

E 
D 

5 A 
V 
G 
D 
A 

10 G 
D 
D 

S 
B 

15 S 
D 
F 
D 

S 

20 D 
D 
E 
D 
T 

25 E 
M 
V 
I 
I 
D 

582 

N 
V 

5 D 



ar von iwem schvlden 

i sprach herre iwem hvlden. 

vi wir vns alle nahen. 

n des mit triwen gahen. 

v volgt mir vn redet niht vil. 

ine würce ich iv gebn wil. 

a von ir slafet daz ist iv gvt. 

zens . trinchens . deheinen mvt. 

vlt ir habn vor der naht. 

o kvmt iv wider iwer maht. 

o trite ich iv mit spise zv. 

az ir wol beitet vnze frv. 

ine würce si leit in sinen mvnt. 

slief er an der selben stvnt. 
vol si sin mit deche pflac. 

ls er vberslief den tac. 

Der eren rieh . vn lasters arm. 
Lac al sanfte vnd im was warm, 
tswenne in doch in slafe fros. 
az er heschet vn nos. 
llez von der selben (so) kraft, 
on frowen groz geselleschaft. 
iengen vz . die andern in. 
ie trvgen Hellten werden schin. 
rnive div alte, 
ebot mit ir gewalte, 
az ir deheiniv riefe, 
ie wile der helt sliefe. 

1 bat oveh (den palas) 
esliezen . swaz da riter was. 
ariande . bvrgsere. 

er deheiner disiv msere. 

riesche vor dem andern tage. 

o kom den frowen niwiv clage. 

vs slief der helt vnz an die naht. 

iv kvneginne was so bedaht. 

ie würce si im vz dem mvnde nam. 

r erwachte . trinchens in gezam. 

o hiez dar tragn div wise. 

rinchen . vn gvte spise. 

r rihte sich vf vn saz. 

it gvten froden er az. 

il manic frowe vor im stvnt. 

m enwart nie werder dienst kvnt. 

r dienst mit zvhten wart getan. 

o prvfte min her Gawan. 

Dise . vn aber iene. 
Er was et in der alten sene. 
ach Orgilvsen der claren 
van im in sinen iaren. 
ehein wip so nahen nie gegienc. 



E 

D 
C 

10 D 
F 
I 

S 
G 

15 
A 
V 
H 

S 

20 V 
D 
D 
D 
V 

25 V 
I 

D 
D 
D 

G 

583 

I 

N 

5 H 
G 
S 
S 
V 

10 
D 
V 
D 
D 

15 D 
V 
K 
D 
I 

20 T 
D 
D 
G 
A 

25 L 
V 



tswa da er minne enpfienc. 
de da im minne was versagt, 
o sprach der helt vnverzagt. 
e siner meisterinne. 
er alten kvneginne. 
rowe ez chrenchet mir mine zvht. 
r mvgt mirs iehen fvr vngenvht. 
vln dise frowen vor mir sten. 
ebietet in daz si sitzen gen. 
de heizet si mit mir ezen. 
lhie wirt niht vergezen. 
on ir deheiner vnz an mich, 
erre si mohten schämen sich, 
olden si iv niht dienen vil. 
van ir sit vnser froden zil. 
och herre swaz ir gebietet in 
az svln si leisten habe wir sin. 
ie edeln mit der hohen art. 
varen ir zvht des bewart, 
van siz mit willen taten, 
r svze mvnde in baten, 
a stens vnz er gseze. 
az ir deheiniv saeze. 
o daz geschach si giengen wider, 
awan sich leite slafen nider. 

Swer im nv rüwe nseme 
ob rüwens in gezaeme. 

ch wsen 

ach der 

et er sich garbeitet. 
ehohet vn gebreitet, 
inen pris mit grozer not. 
waz der werde Lanzilot. 
f der brvke swsere erleit. 
de sit mit Melianze gestrelt. 
az was gein dirre not ein niht. 
n des man Karin giht. 
em werden kvnige riche. 
er also ritterliche, 
en levn vor dem palas. 
varf da er ce nantis was. 
arl daz mezzer holde, 
a von er kvmber dolde. 
n der marmelinen svl. 
rvge dise pfile ein mvl. 
er w?er ce vil geladen mite, 
ie Gawan dvreh ellens site. 
ein sinem verhe snvrren liez. 
ls in sin manlich eilen hiez. 
ygois prillivs de fvrt. 
n erec de shoy de la kvrt. 



QuELLENMATEKIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. IL 



73 



E rstreit aber Mvbonagrin. 
I twederz gab so hoben pin. 
N och do der stolce ywan. 
S inen gvz niht wolde lan. 

584 TT f der aventivre stein. 

V Svln dise kvmber sin alein. 
G awans kvmber slvge fvr. 

V ver iemen vngemaches kvr. 
5 V velhen kvmber meine ich nv. 

bs ivch dvhte niht cefrv. 

S o woldich in iv benemen gar. 

rgillvs div kom aldar. 

1 n Gawans hercen gedanc. 
10 D er ie was zageheite kranc. 

V ri gein der waren allen (so) stauch. 

V vie kom daz sich da verbarch. 
S o lanc wip in so kvrce stat. 

E z was iedoch ein engez pfat. 

D a so lanc wip inne saz. 
20 Der mit triwen niht vergaz. 

S in dienstlichez wachen. 

Niemen sol es lachen. 

D az alsvs werlichen man. 

E in wip enschvmpfieren chan. 
25 W ohra woch was sol daz sin. 

D a tvt frv (so) minne ir zvrnen schin. 

A n dem der pris hat beiagt. 

V verlieh vn vnverzagt. 

H at si den helt svs wunden (so) 
G ein den siechen fvnden. 

585 S olte gwaltes si verdriezen. 
E r moht iedoch gniezen. 

D az si ane sinen danc. 

V vol gesvnden twanc. 

5 T1 Rov minne weit ir pris beiagn. 
JL Mvgt ir iv doch lazen sagn. 
I v ist ane ere dirre strit. 

V van Gawan lebt ie sine cit. 
A ls iwer hvlde im gebot. 

10 A ls tet sin vater lot. 
M vterhalp sin geslsehte. 

iv gar cerehte. 

her von Mazadan. 

ce fermorgan. 

15 D er delashoy fvrte. 

D en iwer kraft do rvrte. 
M aladans nach kom. 



584 V. 15—18 fehlen = Gg. 



D a von so dicke ist kom. 

D az ir deheiner niht enliez. 
20 I ther von Kaheviez. 

I wer insigel trvc. 

S wa man vor wiben sin gewuc. 

D a man nande sinen namen. 

D esn wolt sich ir deheiniv schämen. 
25 D er minne si ir krefte iach. 

N v prvfet div frowe div in sach. 

D er waren div waren maere kom. 

A ls ir wol e habt vernom. 

N v tvt oveh Gawan den tot. 

A ls sinem neven linot. 

586 D en iwer kraft dar zv twanc. 
D az der ivnge svze ranc. 

N ach werder annen. 

V on Ganadic florien. 

5 TV iv selbe kvneginne in zoch. 

JJ Sins vater lant von kinde er floch. 
C e Britanie was er gast. 
F lorine lvt mit minne last. 
D az si in iagt fvr daz lant. 
10 I n ir dienst man in vant. 
T ot als ir wol habt vernom. 
Gawans kvnne ist diche kom. 

V on minne in hercebseriv ser. 
I ch nenne iv siner mage mer. 

15 Den oveh von minne ist worden we. 

V vie betwanc der blvtvarwe sne. 
D es werden Parcifals lip. 

D vreh die kvneginne sin wip. 

G aloes vn Gahmvreten. 
20 D ie habt ir beide getreten. 

D az ir si gäbet an den re. 

D iv werde Itonie. 

L eit oveh nach Eoys Gramoflanz. 

M it triwen stsete minne ganz. 
25 D az was Gawans swester clar. 

F rowe minne ir teilet iwer var. 

S ardomor de nach Alexander. 

D ie eine vn die ander. 

S waz Gawan kvnnes ie gewan. 

F rowe Minne die wolt ir niht erlan. 

587 S ine mvsen dienst gein iv tragn. 

V velt ir nv pris an im beiagn. 

I r moht kraft gein kreften gebn. 
U nd liezet Gawanen lebn. 
5 Q ich mit sinen wunden. 

Uvn wundet die gesvnden. 



Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 



10 



74 



Dr. Franz Pfeiffer 



V. 

FRANKFURTER BRUCHSTÜCK. 



Pergamentdoppelblatt, das innerste einer Lage, aus dem 13. Jahrhundert, in Folio, zwei- 
spaltig - , die Spalte zu 37 Zeilen. Die Anfangsbuchstaben der Verse sind sämmtlich gross und 
stehen zwischen zwei senkrechten Linien etwas hinausgerückt. Die Initialen der Abschnitte 
sind durchwegs roth und nehmen der Länge nach den Raum von zwei und drei Zeilen ein. 
Eine Eigentümlichkeit der Handschrift ist, dass bei längern Reimzeilen das letzte Wort auf 
den leeren Raum kürzerer Zeilen, oft weit entfernt, mittelst Verweisungszeichen (§) geschrie- 
ben ist. Vom ersten Blatte ist der äussere Rand weggeschnitten, daher von Spalte l b die 
letzten, von Spalte 1° die ersten Buchstaben fehlen. Die Abkürzungen, die des Ungewöhn- 
lichen nichts bieten, sind im Abdruck aufgelöst. Das z zeigt die beiden altert hümlichen 
Formen $ und * , die Handschrift gehört also eher der ersten als der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts an. Im Allgemeinen stimmt der Text mit der Recension Gr. 

Die Mittheilung dieses Bruchstücks verdanke ich meinem Freunde Herrn Archivar 
Dr. Franz Roth in Frankfurt a. M. 



735 G ramoflanz saz stille. 

D az was Artus wille. 
25 V n ander die gesellen sin. 

D a gaben frowen liebten schin. 

D az die riter wenich bi in bedroz. 

I r chvrzewile was so groz. 

S ie moht ein man gerne doln. 

D er nach f'revde sorgen wolt erholn. 
726 F ür die kvneginne man trvch. 

D az trinchen trvnchen sie gnvch. 

D ie riter vn die frowen gar. 

S ie vürden deste baz gevar. 
5 M an trvch trinchen hin in. 

A rtus vn Biandlidelin. 

D er schenche gie her wider dan. 

A rtus sin rede alsus hvp an. 

DER kvnich sprach nv lat sis also tvn. 
Daz der kvnich iwer swester svn. 
M iner swester svn mir het erslagen. 

V n wolde er danne minne tragen. 
G ein siner swester der maget. 

D iv im ir chvmber ovch dort chlaget. 
15 D a wir sie liezzen sitzen. 
F üre sie danne mit witzen. 
S ie vurde im niemer drvmbe holt. 

V n tseilte im seihen hazzes solt. 

D az ez den kvnich moht bedriezen. 
20 W olt er ir iht geniezzen. 

S wa haz die minne vnder vert. 



D em st&ten hercen ez frevde wert. 

D o sprach der kvnich vz Pvntvrteis. 

Z e ARTus dem Britaneis. 
25 H erre sie sint vnser swester kint. 

D ie gein ein ander in hazze sint. 

W ir schvln den haz vnder sten. 

D a nemach niht anders an ergen. 

W an dez sie ein ander minnen. 

M it hercen vn mit sinn 
727 I wer niftel Itonie. 

S ol minem neven geh 

D az er den kämpf dv 

S i daz er ir minne ge 
5 S o wirt für war der 

G ar mit stritlichen si 

V n helfe ovch dem neve 

H vlde da ze der herz 



10 



ARtus sprach daz wil ich 
Gawan miner sweste 



I st wol so gewaltich 



D az sie im vnd mir. ' 
D vrch ir zvht die schv 
S o schseidet ir dise hal 

15 I ch tvn sprach Brandli 
S ie giengen bede wid 
D o saz der kvnich von 
V n Gynouer div was 
A nderhalbe saz Parcif 

20 D er was ovch so lieht g 



QuELLENMATEKIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



75 



728 



E z newart nie riter 






kvneginne. 


A rtus der kvnich hyp 






vor ir gen dar in. 


G ein sinem neven Gaw 




D 


ie chuste Brandliclelin. 


D em was ze wizzen ge 


15 





rgulüse in ovch mit chusse enpfienc. 


D er kvnich Gramofia 




G 


Ramoflanz dvrch svne giench. 


D o wart ovch schier vor 




V 


n vf gnade gein ir dar. 


A Rtus erbseizet vor dem g 




I 


r dicker mvnt rot gevar. 


G ein dem spränge er vf 




D 


en chvnich durch svne chvste. 


S ie trve-en daz zesam 


20 


D 


es sie doch wenich Ivste. 


D az div herzogin sprach 




S 


ie dahte an Cydegastes tot. 


V n aber anders niht de 




D 


a dewanch sie wiplichiv not. 


W an ob Gawan ir amis 




D 


annoch in ir riwe. 


W olt den kämpf dvrch 




W elt ir des geht fvr triwe. 


S o wolt sie der svne w 


25 


G 


awan vn Gramoflanz. 


S o vurde div svne von 




M 


it chusse ir svne machten ganz. 



V n der kvnich wolde 

vf ir sweher Lot. 

daz dan enbot. 

wise hofsehe man. 

10 e braht dan. 

er kvnich Gramoflanz 

vmbe sinen chranz 

hazzes pflsege. 

von Norwffige. 

15 e als in der svnne sne. 

claren Itonie. 

hen äne haz. 

ach die wile er bi ir saz. 

et er volge iach. 

20 an do chomen sach. 

chen livten. 

iv niht gar bedivten. 

nam vn wanne sie wseren gebom. 

urch liep leit verchorn. 

25 div fiere. 

erde soldiere. 

div Clinshors schar. 

eil sie warens niht gar. 

n mit Gawan chomen. 

zeit was genomen 

729 de von dem hvte. 

div gvte. 

ii kvndrie. 

n Artus gebeten e . 

5 e svne tseidinch. 

z prvue fvr elseiniv dinch.. 

zze swaz er welle. 

Gawans geselle. 

e herzoginne lieht erkant. 

10 avilvn an siner hant. 

ch dvrch zvht der sinne. 



ARtus gap Itonie. 



Gramoflanz ze rehter e. 
D a het er vil gedienet nach. 
B ene was fro do daz geschach. 

730 D en ovch ir minne lerte pin. 
D en herzogen von Gowerzin. 

L yshois wart kvndrie gegeben. 

A ne frevde stvnt sin leben. 
5 V nze er ir werden minne enpfant. 

D em tvrkoyten florant. 

A rtus Sayven zewibe bot. 

D ie het da vor der kvnich Lot. 

D er fvrste ovch sie vil gerne nam. 
10 D iv gäbe minne wol gezam. 

A rtus was fro wen milte. 

S elher gäbe in niht bevilte. 

D es was mit rate da vor erdaht. 

D o disiv rede wart vol braht. 
15 D o sprach div herzoginne. 

D az Gawan het ir minne. 

M it prise gediente so hohe erchant. 

D az er ir libes vn vber ir lant. 

V on rehte herre waire. 
20 D iv rede dvhte swsere. 

I r soldiere die manich sper. 
ß rächen dvrch ir minne ger. 
p awan vn die gesellen sin. 
Arnive div kvnegin. 
25 V n der werde Parcifal. 

V n div herzoginne lieht gemal. 
S ayve vn kvndrie. 

N amen vrlovp Itonie. 

B elfeip bi Artvs da. 

N v bedarf mich nieman fragen wa. 

731 S choner hochzit ergiench. 

G ynover in ir pflege enpfiench. 

10« 



76 



Dr. Franz Pfeiffer 



D 



I touie vnd ir Amis. 
D en werden kvnich der manigen pris. 
5 A n riterschefte er die erraneh. 
D er in Itonie minne dewanch. 
C e herbergen do maniger reit. 
D en hohiv minne lerte leit. 
D es abendes vmbe ir ezzen. 
10 I\r vge wir ma?re wol vergezzen. 
S wer da werder minne pflach. 
D er vimschet et naht fvr den tach. 
er kvnicb Gramoflanz enbot. 
des dewancb in bofferte not. 
15 Z e Roy Sabyns den sinen. 
S ie solden sieb des pinen. 
D az sie abe brauchen bi dem mer. 

V n vor tages ebomen mit sinem ber. 

V n daz sin marscbalcb name 
20 S tat. div ber wol gez&me. 

M ir spen selben (so) prvfet bobiv dineb. 
I eslicben fvrsten svnder rineb. 
D es wart dvreb hoebfart erdaht. 
D ie boten fvren da was naht. 
25 M an sach da manigen trvrigen lip. 
D en daz gelerteu (so) beten wip 

V on swem sin dienst verswindet. 
D az er lones nibt vindet. 

D em nivz gein sorgen wesen gach. 
D an rseiche wip helfe nach. 
732 ~\T V daht aber Parcifal. 

-L* An sin wip die lieht gemal. 

V n an ir kivsche svzze. 

b er dehein ander grvzze. 
5 D az er dienste nach minne biete. 

V n sich vnstsete niete. 

S elich minne wirt von mir gespar(t). 

G roz triwe het in so bewart. 

S in manlich herce vn sinen lip. 
10 E z newart fvr war nie ander wip. 

G ewaltich siner minne. 

N iewan div kvneginne. 

G vndwir Amvrs. 

Div geflorierte Bea flvrs. 
15 D o daht er sit ich minnen chan. 

W ie hat div minne an mir getan. 

N v bin ich doch vz minne erchorn. 

W ie han ich minne svs verlorn. 

M vz ich nach dem Gral ringen. 
20 D och sol mich ferner dewingen. 

C hvsselicher vmbe vanch. 

V on der ich schiet des ist zelanch. 
S ol ich mit den ovgen frevde sehen. 



V n mvz mirs herce iamers iehen. 
25 D iv werch Stent vngeliche. 

H ohes mvtes riche. 

W irt niemen selher pflihte. 

G elveke mich berihte. 

W az mirs wsegest drvmbe si. 

I m lach sin harnasch nahen bi. 
733 Tjo daht er sit ich mangel han. 

-'-'Daz den sa?ldehaften vntlertan. 

I st. ich marine die minne. 

D iv maniges trovrigen sinne. 
5 M it frevde helfe ergseilet. 

S it ich der bin verteilet. 

I chn räche nv was mir geschiht. 

G ot wil miner frevde nibt. 

D iv mich dewinget minne gir. 
10 S tvnde nv vnser minne min vn ir. 

D az schänden da zv horte. 

S o daz vns zewiuel störte. 

I ch moht wol ze ander minne chomen. 

N v hat ir minne mir benomen. 
15 A nder minne vi aller frevden trost. 

I ch bin trvrens vnerlost. 

G elveke nrvzze frevde wem. 

D ie enthafter freude gern. 

G ot gebe frevde al disen scharn. 
20 I ch wil vz disen frevden varn. 

E r greif hin da sin harnasch lach. 

D es er dicke aleine pflach. 

D az er sich balde wappent drin. 

E r wil nv werben niwen pin. 
25 D o der frevdenflvhtich man. 

H et aisin harnasch an. 

E r satelt ors mit siner haut. 

S chilt vn sper bereit er vant. 

M an horte sin rseise des morgens chlagen. 

D o er dan schiet do begvnde ez tagen. 
734 ~V7" il livte des hat bedrozzen. 

■ Den daz msere was verslozzen. 

G envge chvndens nie ervarn. 
, N vn wil ich daz niht lenger sparn. 
5 I chn tv ez iv chvnt mit rehter sage. 

W an ich in dem mvnde trage. 

D az sloz dirre aventivre. 

W ie der svzze vn der gehivre. 

A nfortas wart wol gesvnt. 
10 V ns tvt div aventivre chvnt. 

W ie von Pelrapeyre div kvnegin. 

I r chivschen wiplichen sin. 

B ehielt vnze an ir lones stat. 

D az sie in hohe srelde trat. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



77 



15 P arcifal daz wirb et. 

b min chvnst niht verdirbet. 

1 ch sage iv alrerst sin arbeit. 
S waz sin bant ie gestreit. 

D az was mit kinden ber getan. 
20 M oht ich ditze maeres wandel han. 

I ch wolde in vngerne wägen. 

D es chvnde ovch mich betragen. 

N v bepfilhe ich sin gelvcke. 

S in herce der sadden stvcke. 
25 D o div ubel bi der kivsche lach. 

W an ez nie zagheit gepflach. 

D az mvz im vestenvnge geben. 

D az er behalte nv sin leben. 

S 1t ez sich an den hat gezogt. 

I n bestet ob allem strite ein vogt 
35 V f siner vnverzagten rseise. 



D er selbe cvrteise. 

W as ein hseidenischer man. 

D er tovffe er chvnde nie gewan. 
5 ~Q arcifal reit balde. 

-L Gein einem grozzem walde. 

V f einer übten waste. 

G ein einem riehen gaste. 

E z ist vünder ob ich armer man. 
10 D ise richeit iv gesagen chan. 

D ie der beiden fvr zimler trvch. 

S age ich des mer danne gnveh. 

D annoch mag ich iv mer wol sagen. 

W il ich siner richeit niht gedagen. 
15 S waz diente Artvs hant. 

B ritanie vn Engellant. 

D ie vergvlten niht die steine. 

D ie mit edelem arde reine. 



VI. 

SALZBUBGEB BEÜCHSTÜCK. 

Ein unten (um je zwei Zeilen) beschnittenes Pergamentblatt, in Folio und Spalten zu 
ursprünglich 44 Zeilen, um die Mitte des 13. Jahrhunderts sehr hübsch, aber nicht besonders 
sorgfältig geschrieben, im Besitze des Herrn Dr. Zillner in Salzburg, der es mir im August 
des Jahres 1865 freundlich zur Benützung mitgetheilt hat. Das wohlerhaltene Blatt ward 
am 1. Juli 1864 von Herrn Controleur Ladensteiner, schon abgelöst, im dortigen Stadt- 
archiv gefunden. Die z zeigen meist die alte Form 5; der Text stimmt im Allgemeinen mit Gr. 



277 Wan daz, ih iz wil lengen. 
10 die begunden sih nennen. 

E dienst mit zvhte wart gedolt. ) , n 

\(so) 

frowen lescuten wart gedolt. > 1 
Vf ir pferide da si saz. 

artus der chvnige niht vergaz,. 
15 Vn ovh div chvnegin sin wip. 

sine enpfiengen iesevten lip. 
Von frowen manic chvs geschach. 

Artvs zeiesevten sprah. 
Iwern vater den chvnic von karnant. 
20 lange han ich den irchant. 
Daz ich den chvmb ( clagete. 

sit man mir ix, erste sagete. 
Ovh sit ir selbe so wol getan. 

es iveh frivnt irlaz,en han. 
25 Wan iwer minneclich* plich. 

behielt den pris zekandiz,. 
Dvrch iwer schone mere. 

beleip iv d f sparwere. 



Iwer hant er danne reit. 

swie mir von Orylles leit. 
278 Geschehe ich engan iv trvrens niht. 

vn getvn immer swaz, mir geschiht. 
Mir ist liep daz ir die hvlde habt. 

vn daz, ir froliche wat (so) 
5 Traget nah iwer großen not. 

herre daz, vergelt iv got. 
Dar an ir höhet immer bris. 

frowe ieschvte vn ir amis. 
Frowe kvrneware dalalant. 
10 danne fvrte al zehant. 

Ein halb andes chvniges rinc. 

vber eines prvnne vrsprinc. 
stvnt ir pavelvn vf dem plan. 

als iz, oben ein trake insinen chlan. 
15 Hat des ganzen halben opfels teil. 

der traken zvgen vier wine seil. 
Rehte alsam er lebend da flvge. 

vn da^ pavelvn gein den lvften zvge. 



78 



Dr. Franz Pfeiffer 



Da bi irchande oryllvs. 
20 wan siniv wafen waren svs. 

Im bieten ere vn gemach. 

vber al div meseenie sprach. 
Des roten ritters eilen. 

nimt in pris gesellen. 
25 Des iahen si ane rovnen. 

key bat kyngrvnen. 
Oryllen dienen an siner stat. 

er chvnde e>j wol den er sin bat. 

279 Wan er het es vil getan. 

vor clamyde zebrandigan. 
KEy dvrh da^ sin dienen liez,. 

vnselde indes fvrsten swest* hiez,. 
5 Zesere alvnen mit einem stabe. 

dvrh zvht entweih* dienst abe. 
Ovh was div schvlde niht v'chorn. 

von der meide wol geworn (so). 
Doch schvf er dar spise genvc. 
10 kyngrvn ez, fvr Oryllen trvc. 
Ez sneit ir brvder sin spise. 

frowe kvrneware div wise. 
M( . )t ir blanchen linden hant. 

frowe ieschvte vor karnant. 
15 Mit wiplichen zvhten az. 

der chvnic Artus niht vergaz,. 
Er enchome da div zwei sazen. 

vnde lieplichen az,en. 
Do sprach er ge ezet ir vbel hie. 
20 daz, enwart doch min wille nie. 
Ir engesaz,et nie vber wirtes brot. 

der ez, iv mit bez,zern willen bot. 
So gar ane wanches vare. 

min frowe kvrneware. 
25 Ir svlt iwers brvder hie wol plegen (so). 

gvte naht geb ev der gotes segen. 
Artvs fvr slafen do. 

Oryllen wart gebettet so. 
Da er siner frowen pflac. 

gesellechich (so) vnz, an den tac. 

280 "WElt ir nv hören wie artus. 

ze karidol vz, sinem hvs. 
Vn ovh von sinem lande schiet 
als im div maessenie riet. 



Ditz,e maere gibt naht vn tac. 

so daz, er svchens plach (so) 
Den man den er den riter rot. 



279, 13 an der eingeklammerten Stelle üt ein Loch. 



nante. vii im solhe ere bot. 
Daz, er in schiet von chvmb 1 groz,. 
10 des tages do er Ietheren schoz. 
Vn clamyde vn kyngrvn. 

ovh sande gein dem britvn. 
In sinen hof besvnder (so). 
vber die tavervnder. 
15 Wolde er in dvrh gisellecheit. 

laden dvrh dasj er nah im reit. 
Also becheidenliche. 

beidiv arme vn riebe. 
Die schiltes ampt an want. 
20 die lobten Artvses hant. 
Swa si sehen ritterschaft. 

daz. si dvrh ir gelvbdes chraft. 
Dehein tiost teten. 

ez enwer ob si in es beten. 
25 Daz. er si liez.e striten. 

er sprach wir mvz,en riten. 
In manic lant daz ritters tat. 
vns wol zegegin strite stat. 

281 Vf gerichiv (so) sper wir mvx,en sehen 

weit ir danne fvr ernand* schehen. 
Als verh rvden meisters hant (so) 

abe ge^vchet ir bant. 
5 Dar zv han ich niht willen. 

ich sol den schal stillen. 
Ich hilf iv swa es niht rat mac sin. 

des wart an da^ eilen min. 
Ditz,e gelubde habt ir wol v'nom. 
10 weit ir nv hören wars choni. 
Parcifal der waleys 

von snewe was ein niwe leis. 
Des nahtes vaste vf in gesnit. 

i^ enwas iedoch niht snewes zit. 
15 Ist ez als ich iz v'nomen han. 

artus der meibaere man. 
Swaz, man ie von dem gesprah. 

^e einem (so) pfmkesten da^ geschah. 

20 Dasj msere ist hie vaste vnd'sniten. 

ez parriret sih mit snewes siten. 
Sine valchenasre von karidol. 

riten des abendes bi dem blim^ol. 
Dvrh beizen da si schaden chvrn. 
25 ir besten valkhen si verlvrn. 
Der gahte von in balde. 

vn stvnt die naht zewalde. 
Von vb'chrvpf da$ geschach. 

da^ im von dem lvdcr gah (so). 

282 Die naht er bi parcifale stvnt. 



Ql'ELLENMATERIAL zu altd 



kutschen Dichtungen. II. 



79 



da in beden was der walt vnchvnt. 
Vn da si bede harte vros. 

do parcifal den tach irchos. 
5 Im was versnit sines pfades pan. 

vil vngevertes reit er dan. 
Vber ronen vn vber stein. 

der tach ie hoher schein. 
Ovh begvnde luhten sih d f walt. 
10 wan dasj ein rone was gewalt (so). 
Vf einen plan zv dem er steich. ~ 

da wol tvsent kense (so) lagen. 
Da wart ein michel pagen. 

Mit hvrte flvch do vnder die. 
15 Der valke vn slüc ir eine hie. 
So daz, si im khvme enbrast. 

vnder des gevallen ronen ast. 



An ir hohen slvgen (so) wart ir we. 
20 vz, ir wnden vf den sne. 
Vielen dri blvfes zehsere rot. 

die parcifal fvgeten not. 
Von sinen triwen dax, geschach. 

do er di blvtes zehere sach. 
25 Vf den sne der was al wiz. 

do dahte er w ! hat sinen fliz. 
Gewant an dise varwe clar. 

kvndwiramvrs ia mac fvr war. 
Disiv varwe dir geliehen. 

mich wil got frevden riehen. 
383 Sit ich dir hie gelichez, vant. 

ge eret si div gotes hant. 
Vnde aldiv creatvre sin. 



vn. 

GOTHAEK BRUCHSTÜCK. 



Ein Pergamentdoppelblatt, das innerste des ersten Quaternio, im grösten Folio, in 
Spalten zu 36 Zeilen, von denen je die erste des Reimpaares herausgerückt ist, mit grosser 
kräftiger Schrift. Die Handschrift stimmt in den Zügen, der Grösse und der Einrichtung 
genau mit dem von K. Regel in der Zeitschrift für deutsches Alterthum 11, 490 ff. mit- 
getheilten Bruchstück eines Gedichtes von „Gawan" (vgl. auch R. Köhler in der Germania 
5, 491 ff.). Sie rührt von demselben* Schreiber her. Regel setzt die Schrift ins 14. Jahrhundert, 
ich glaube aber, dass sie noch dem 13. angehört. 

Das Bruchstück ist von Werth, weil es zur Recension D stimmt und, was bei den Par- 
zivalhandschriften so selten ist (s. Lachmanns Vorrede zu Wolfram S. XIX), mitteldeutsche 
Sprachformen aufweist. Der Schreiber war ein Thüringer, seine Heimat in der Nähe der 
sächsischen Sprachgrenze. Auffallend ist das Vorkommen des iu im bestimmten Artikel diu 
und in dventiure u. s. w., es zeugt dies für das höhere Alter der Handschrift, denn im 14. Jahr- 
hundert gibt es im Mitteldeutschen kein iu mehr: im Artikel ist es zu i, ie (dt, die), in den 
Adjectivendungen zu e, im Inlaut zu ü geworden. 

Das Bruchstück fand ich bei einem Besuche im August 1861 auf der herzogl. Bibliothek 
in Gotha, wo es die Nummer Cod. membr. 1. nr. 130 trägt. Herr Prof. Dr. Karl Regel hatte 
die Güte, später eine genaue Abschrift für mich zu besorgen. 



15, 3 Als mir de auentivre giet. 

Ich ne han nv mer gezuges niet. 
15 Div saget sin manliche kraft. 

Behielt den pris in heidenscaft. 
Zv marroch vnde zv persya. 

Sin hant bezalte onch anderswa. 



Nach 282, 11 fehlt eine Zeile. 



Zv damasche vnde zv halap. 
20 Vnde swa man ritterscefte gap. 
Zv arabye vnde zv araby. 

Daz her was iegen strites vry. 
Vür ieslichem eynem man. 
Dissen ruft her da gewan. 
25 Sines hertzen gir nach prise greif. 
Ir aller tat vür ym zv sleif. 



80 



Dr. Franz Pfeiffer 



Vnde was vil nach vnt rächtet. 

Sus was ie der berichtet. 
Der gegen ym zivsterens phlaeh. 
Man iach yni des zv baidach. 
16 Sin eilen st'ebete svnder wanc. 

Von dan vür her gegen zazamanc. 
In daz kvnincriche. 
Die klageten algeliche. 
5 Ysenharten der den lip. 

Zv eyner ziost vürlos vmme eyn wip. 
Des dwanc in belekane. 

Div suze valsches ane. 
Daz sie ym ir mynne nie gebot. 
10 Des lach her nach ir mynne tot. 
Den rächen syne mage. 

Offenliche vnde ander läge. 
Die vrouwen dwngen sie mit here. 
Die was mit ellenthafter were. 
15 Do gamvret quam in ir lant. 
Daz von seotten vridebrant. 
Mit schiffes here vür brante. 

E daz her dannen wante. 
Nv höret wie vnser ritter vare. 
20 Daz mere warf in mit storme dare. 
So daz her kvme genas. 

Gegen der kvningynne palas. 
Quam her gesigelet in die habe. 
Da wart her vil gescouwet abe. 
25 Da sach her vz an daz velt. 

Da was geslagen manich zeit. 
AI vmme die stat wen gegen dem mere. 

Da lagen zwey kreftige here. 
Da hiez her vragen der mere. 
Wes Div burch were. 
17, 3 Sie taten synen boten kvnt. 
Iz were patelamvnt. 
5 Daz wart innichlichen enboten. 
Se manten in bi iren goten. 
Daz her in hülfe des were in not. 

Sie ne rvngen nicht wan vmme den tot. 
Do der ivnge anzevyn 
10 Vür nam ir kvmberlichen pyn. 
Her bot sin dienest vmme gut. 

Also noch vil dicke eyn ritter tut. 
Oder daz sie ym sageten vmme waz. 
her solte dolen der viende haz. 
15 Do sprach vz cynem mvnde 

D'e sieche vnde der gesvnde. 
Daz ym were al gemeyne. 



1. 2. fehlen auch Dd. 



Ir golt vnde ir gesteyne. 
Des svlte her alles herre wesen. 
20 Vn her mvchte wol by (in ge)nesen. 
Doch dorfte her weinich (solde)s. 

Von arabi des goldes. 
Hete her manigen knollen bracht. 

livte dinster so div nacht. 
25 Waren alle die von zazamanc. 

By den duchte yn die wile lanc. 
Do hiez her herberge nemen. 

Des mvchte ouch se vil wol gezemen. 
Daz se ym de besten gaben. 

Die vrouwen betten sich erhaben. 

18 Zv den vensteren vnde sagen dar. 

Sie namen des vil gute war. 
Vmme de knaben vnde syn harnas. 

We daz gefayteret was. 
5 Doch trüch der helt milte. 

of eynem hermynen schilte. 
Ich ne weiz wie manigen zabel balc. 

Der kvningynne marschalc 
Het iz vür eynen anker groz 
10 zv sehene in wenich dar vür droz. 
Do mvsen syn ougen ien. 

Daz her hete gesen. 
Disen ritter oder synen schin 

Daz mvse zv alesandrye syn. 
15 Do der baruch da(r) vüre lach. 

Synen pris dar nieman wider wach, 
hie tut diz mere v kvnt. 

Aventivre von patelamvnt. (roth) 
Svs vür des mvtes riche. 

In div stat behageliche. 
Zen sovmere hiez her vazzen. 
20 Die zogeten hin die gazzen. 
Da riten zwenzich knaben nach. 

Sin dobel man dort vür im sach 
Garzune. koche, vnde ir knaben. 

heten sich hin vüre gehaben. 
25 Stoltz was sin gesynde. 

Zwelf wol geborner kynde. 
Do binden nach den knaben riten 

An guter zucht mit suzen siten. 
Eteslicher was eyn Sarrazin. 

Dar nach mvsen ouch getrecket sin. 

19 Achte ros mit zindale. 

Vür decket al zv male. 
Daz nvnde synen satel trüch. 
Eynen schilt des ich e g-evüch. 
5 Den vürte eyn knabe gemeit. 
Dar bi nach dem selben reit 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



81 



Eyn busvnre der man noch bedarf. 

Eyn taraburre slüch vnde warf. 
Hohe synen tambur. 
10 den herren nam vil vntur. 
Da ne riten floyterre bi. 

Vnde guter videlere dri. 
Den was allen nicht zv gach. 

Selbe reit her hinden nach. 
15 Vnde sin marnere. 

Der uuise vnde der mere. 
Swaz da was volkes ynne. 

More vnde morynne. 
Was beide wip vnde man. 
20 Der herre scouwen began. 
Manigen schilt zv brochen. 

Vnde mit speren durch stochen. 
Der was da vil gehangen vür. 

An die wende, vnde an die tür. 
25 Si heten iamer vnde guft. 

In die vinster gigen der luft. 
Was gebettet manigem wunden man. 

Swenner dan arzat gewan. 
Das her doch nicht mvchte genesen. 

Der was bi vienden gewesen. 
20 Sus warp ie der vngerne vloch. 

Vil rosse man yme wider zoch. 
Durch stochen vnde vür houwen. 2' 

Manige tvnkele vrouwen. 
5 Lach her beidenthalben syn. 

Nach rabens varwe was ir scyn. 
Sin wirt in mynnichliche vntfienc. 

Daz im nach vreuden sit ergienc. 
Daz was ein eilen s richer man. 
10 Mit siner hant hete her ouch getan. 
Manigen stich vnde slach. 

Wante her eyner phorten phlach. 
Bi dem her ouch manigen ritter vant. 

Die ir hende hiengen in die bant. 
15 Vn den ir houbete waren vür bvnden. 

Die heten sulhe wunden. 
Daz se doch taten ritterscaft. 

Wante in nicht war an ir kraft. 
Der buregraue von der stat. 
20 Synen gast do mynnichliche bat. 
Daz her nicht vür bere. 

AI daz sin wille were. 
Vber sin güt vnde synen lip. 

her vürte in da her vant sin wip. 
25 De gamvreten kvste. 

Des in weynich doch gelüste. 
Dar nach vür her inbizen san. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 



Do diz was alsus getan. 
Der marseale vür von in zv hant. 
Da her die kvningynne vant. 

21 Vnde iesch vil groz ein boten brot. 

Do sprach her vrouwe vnser not 
Ist mit vreuden ergangen. 

Den wir hie haben vntfangen. 
5 Daz ist eyn ritter so getan. 

Daz wir zv vliehene (so) ymmer han. 
Vnseren goten die in vns brachten. 

Daz sie des ie gedachten. 
Nv sage mir of die truwe dyn. 2 b 
10 Wer der ritter mvge syn. 
Vrouwe iz ist eyn degen her. 

Des baruches soldier. 
Eyn anzevin von hoher art. 

Avoy. wie weynich wirt gespart. 
15 Sin lip swa man in leizet ane. 

Wie rechte her dar vnde dane. 
Vntwichet vnde keret. 

Die viende her scaden leret. 
Ich sach in striten schone. 
20 Da die von babylone. 
Alexandrye losen solten. 

Vnde do se dannen wolten. 
Den baruch triben mit gewalt. 

Waz ir dar nyder wart gevalt. 
25 An der schvmfertivre (so). 

Da begienc der gehivre* 
Mit syme libe sulhe tat. 

Sie ne heten vliehens decheynen rat. 
Dar zv hört ich in nennen. 

Man solte wol ir kennen. 

22 Daz her den pris vber manich lant. 

hete aleyne zv syner hant. 
Nv sich ot wenne oder we (so). 

vn vüge daz her mich spreche hie. 
5 Wante wir han vride al dissen tac. 

Da von der helt wol riten mac. 
Her of zv mir oder sol ich dar. 

her ist anders der (so) wir gevar. 
O we ne tete yn daz nicht we. 
1 Daz hette ich gerne ervunden e. 
Ob mir iz die myne rieten. 

Ich solte im ere bieten. 
Gerüchet her myr nahen. 

wie sol ich in vntphahen. 
15 Ist her mir dar zv wol geborn. 2 C 

Daz myn kus nicht si vürlorn. 
Vrouwe her ist von kvninges kvnne irkant. 

Des sy myn lip genennet phant. 

Ii 



82 



Dk. Fkanz Pfeiffeb 



Vrouwe ich wil uweren vursten sagen. 
20 Daz sie riche kleider tragen. 
Vnde daz se vür v biten. 

vnz daz wir zv v riten. 
Vnde saget iz ovch uwern vrouwen gar. 
Swenich nv hin nider var. 
25 So bringe ich v den werden gast. 
Dem suzer minne nie gebrast. 
Harte vveynich des vür tarp. 

vil behendelichen warp. 
Der marscalc syner vrouwen bete. 
Balde wart do gamvrete. 
23 Riche kleider da getragen. 

De tete her an sus horte ich sagen. 
Die harte tivre weren. 
Anker die sweren. 
5 Von arabischeine gölte. 

Waren dar offe als er wolte 
Do saz der mynnen geltes Ion. 

of eyn ros daz eyn babylon 
Kegen ym durch ziusteren reit. 
10 Den stach her dar af iz was dem leit. 
Ob sin wirt icht mit ym vare. 

her. vnde syne ritter gare. 
Die warens ynnichliche vro. 
vnde riten mit eyn ander do. 
15 Sie irbeizten vür dem palas. 
Da manich ritter offe was. 
Die mvsen wol gekleidet sin. 

Syne kinder liefen vür vm yn. 
Ie zwei ein ander an der hant. 
20 Ir herre manige vrouwen vant. 
Gekleidet wnnichliche. 
Der kvninginnen riche. 



Ir ougen suchten hoen pin. 

Do sie gesach den anzevin. 
25 De' was so mynnichlicher vare. 

Daz her vntsloz ir hertze gare. 
Iz were ir liep oder leit. 

Daz besloz da vür ir wipheit. 
Ein weynich sie do kegen im trat. 

Irn gast sie sich küssen bat. 

24 Sie nam in selben bi der hant. 

kegen den vienden an die want. 
Sazen sie an die venster wit. 

of eynen kolter gesteppet samit. 
5 Dar vnder eyn weichez bette lac. 

Ist icht lechteres den der tac. 
Dem gelichete nicht die kvningin. 

Sie hete wiplichen sin 
Vnde was ouch anders ritterlich. 
10 Der touwegen rosen vngelich. 
Nach swartzer varwe was ir sein. 

Ir kröne eyn liechter robin. 
Ir houbet man dar durch sach. 

Die wertin zv dem gaste sprach. 
15 Daz ir liep were sin komen. 

herre ich han von v vür nomen. 
Vil ritterlicher wirdicheit. 

Durch uwer zucht lat v nicht leit. 
Ob ich v mynen kvmber klage 
20 Den ich so nahe myme hertzen trage. 
Min helfe vch vrouwe nicht irret. 

Swaz v war oder wirret. 
Swa daz wenden kan myn hant. 

Die sie zv dieneste dar gewaut. 

25 Ich bin nicht wen eyn man. 

Swer v tüt oder hat getan. 



VIII. 

PFEIFFEKS BRUCHSTÜCKE. 
1. 

Zehn Pergamentblätter, gr. Folio, in Spalten zu 42 Zeilen, aus der ersten Hälfte des 
14. Jahrhunderts, in meinem Besitz. Die Schrift in eine kräftige, nicht schöne, aber deutliche 
Minuskel. Je der erste Buchstabe der ersten Reimzeile ist, zwischen senkrechten Linien, etwas 
herausgerückt. Die gemalten Initialen der Abschnitte sind abwechselnd roth und blau. Bl. 1 
und 2, 3 und 6, 4 und 5, 9 und 10 hängen zusammen, d. h. sind Doppelblätter. Bl. 1 bildete 
das 42. Blatt der Handschrift und mit Bl. 2 das zweite Doppelblatt (Bl. 2 und 7) der fünften 
Lage. Von Bl. 1. 5 und 6 ist je die äussere Hälfte weggeschnitten, daher von jedem nur mehr 
die erste und vierte Spalte vorhanden. Bl. 4 und 5 sind oben beschnitten, und auf jeder Spalte 
derselben fehlen sechs Zeilen. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



83 



Die Handschrift ist in Baiern geschrieben, wahrscheinlich schon zu Anfang des 14. Jahr- 
hunderts. Darauf deuten die öfter noch erhaltenen ü (z. B. üf), ou für ou und u\ iu in diu 
250, 25. 26. 252, 4. 12; iu 251, 1 : c in lanc, twanc 233, 21. 234, 8. 9.; ferner Abkürzungen 
wie sceld'n, kund'n 234, 1. 238, 21 und öfter. Eine jüngere Hand, gegen Ende des Jahrhun- 
derts, hat dann die ganze Handschrift durchcorrigiert und jene altern Formen in die jüngern 
verändert: w, ou, in au, iu in eu, ew, ei (für den Diphthongen) in ai, auslautendes c in k, b 
in p, eben so die angelehnte gekürzte Negationspartikel n (in ichn, dem) ausgekratzt u. s. w. 
Auf diese Correcturen ist im Abdruck überall keine Rücksicht genommen , sondern das 
Ursprüngliche gesetzt. Ferner habe ich die Abkürzungen durchwegs aufgelöst, und ist niemals 
abgekürzt, sondern ausgeschrieben: und oder unde. Der Text gehört zur Recension G. 

Ich habe die Blätter vor mehrern Jahren vom Antiquar Fidelis Butsch in Augsburg 
käuflich erworben ; woher sie stammen, konnte ich von ihm nicht erfahren. Als Buchdecken 
und Umschläge haben sie nie gedient, sondern sind, einige ausgeschnittene Initialen abge- 
rechnet, durchaus wohl erhalten. 



Zwei weitere Doppelblätter dieser Handschrift befinden sich auf der Münchner Bibliothek 
Cod. Germ. 194 (früher: Fragm. Mss. e, 20), wohin sie 1843 vom dortigen Antiquar Stöger 
jun. geschenkt wurden. Nach dessen Aussage sind sie „von einem Incunabel aus Steiermark 
abgelöst". Wie bei meinen Blättern Bl. 1. 5. 6., so ist auch hier von Bl. 3 und 4 je die äussere 
Hälfte abgeschnitten. Bl. 2. 3 bilden das innere, Bl. 1. 4 das äussere Doppelblatt einer Lage. 
Die Blätter enthalten auf 12 vollständigen Spalten 504 Zeilen, die sich auf folgende Weise 
vertheilen: Bl. 1 = 489, 20 — 495, 7. Bl. 2 = 506 — 512, 1. Bl. 3 a = 512, 2 — 513, 13, 
Bl. 3 d = 516, 8 — 517, 19. Bl. 4 a = 528, 23 — 530, 4. Bl. 4 d = 532, 29 — 534, 10. Da 
diese Blätter einer öffentlichen Anstalt angehören, genügt es, wenn ich die Lesarten mittheile; 
ich füge sie betreffenden Ortes ein. 



233 d i nigen alle viere 

di zwo satzten schiere 
f ur den wirt di stollen 
da wart gedint mit vollen 
i stunden samt an einer schar 



10 



15 



20 



S 



vnd waren alle wol gevar 



d en vieren was geleich ir wat 

seh' wa sich nicht versovmet hat 
a nder vrowen vierstund zwo 

di waren da geschaffet zvo 
v ier trugen kerzen groz 

di andern vier nicht verdroz 
S i trugen einen teuren stein 

da tags di sunne liht durch schein 
d a für was sein nam erkant 

ez was ein granat iok(a)nt 
b eidev lanc vnde breit 

durch di liht in duune sneit 



S wer yn ze einem tische maz 

dar ab der wirt durch reicheit az 
25 S i giengen vil recht 

für den wirt alle «ht 
g egen neigen si ir houbt wegten 

vier di taveln legten 
o vf helfenbein weiz als ein sne 

stollen di da komen e 
234 M it zuhten si künden wider gen 

zv den ersten vieren sten 
a n den aht vrowen was 

rokke grvner dann ein gras 
5 v on azagouch sameit 

gesniten wol lanc vnde weit 
d a enreiten (so) si zesamne twanc 

gurtel teure smal vnde laue 
d i aht iunevrowen klug 
10 isleichev ob ir hare trug 
e in klein blumen schapel 

der graf y wan von navel 

n* 



84 Dr. 

v nd gemis von keyle 
ez was vber rnanig lneile 
15 z e dinst ir tochter dar geuomen 

man sach di zwo furstinne koinen 



237 (b)ot eins graven sun darnach 

dem was zegen l ) für si gach 
(s)wa der taveln deheinev stunt 

da tet man vier knappen kunt 
15 (d) az si dinstes nicht vergezzen 

den di dar ob ssezen 
(z)wen knieten vnd sniten 

di andern zwen nicht vermiten 
(d)i trugen trinken vnd ezzen dar 
20 vnd nsemen ir mit dinste war 
(h)oret mer von reicheit sagn 

vier karratschen musten tragen 
(m) anic tewer goltfaz 

ikleichem ritte r der da saz 
25 (m)an zoch si ze vier wenden 

fier ritter mit ir henden 
(m)ans ouf di taveln setzen sach 

ikleichem ginc ein Schreiber nach 
(d s ) sich darzv arweitte 

vnd si wider ouf berreitte 

238 S o da gedint wsere 

nv höret ander msere 
(h)vndert knappen man gebot 

di namen in weize twehln prot 
5 M it zühten vor dem grale 

si gingen all zemale 
v nd teilten für di taveln sich 

man seite mir daz sag ouch ich 
o vf ewer ikleiches eit 
10 daz vor dem gral was b erreit 
S ol ich des yeman triegen 

so muzet ier mit mir liegen 
w an swa nach iener bot di hant 

daz er daz b erreit vant 
15 S peis warm speis kalt 

speis newe vnd da zv alt 
d az zam vnd daz wilde 

ez enwurd ny dehein bilde 
b eginnet maniger sprechen 
20 der wil sich vbel rechen 

w an der gral was der sselden fruht 

der werld süze ein selic gnuht 



1 ) gen steht auf einer Rasur. 



?RANZ PFEIFFEB 

2. 

249 w an di man an ir leibe sach 2 a 
parzifal sie gruzte vnde sprach 

n v wizzet vrowe mir ist leit 

ewer senleichev arbeit 
B edurfet ir meins dinstes icht 
in ewerm dinst man mich siht 

250 S i dankt im ovz iamers siten 
vnd vragt yn wann er quem gerriten 

S i sprach ez ist wider zseme 
daz yman an sich meine 
5 S ein reis in disem waste 
vnkundem gaste 
M ac hye wol grozzer schad geschehn 

ich hanz gehört vnd gesehn 
T) az hy vil leut den leip verluren - 
10 vnd werleichen ende kuren 
k ert hinnen ob ir weit genesen 

sagt e wa seit ir heint gewesen 
d ar ist ein meil oder mer 

daz ich gesach nie burk so her 
15 M it allerslahte reicheit 

in kurzer zeit ich dannen reit 
S i sprach der euch getrewet icht 

den sult ir gerne trigen nicht 
I r tragt doch eins gastes schilt 
20 evch rnoht des waldes han bevilt 
v on erbowem lande her gerriten 

inner dreizic meilen wart ny Versniten 
z v deheinem bowe holtz noch stein 
nuwan ein burc stet alein 
25 d iv ist erden Wunsches reich 
swer div suchet fleizikleich 
1 eider dern vindet ir nicht 

vil leut nianz doch werben siht 
e z muz vnwizzende geschehn 
Swer di burk sol gesehen 

251 I ch warn herre di ist iv vmbekant 
munsalvashe ist si genant 

d er bürge wirt ist roian 
der desalvashe was sein an 
5 d az braht der alt tyturel 

an seinen sun rois frimutel 
h iez der werd weigant 2 b 

vil manigen preis erwarp sein haut 
D er lag an einer tyost tot 
10 als im di minne dar gebot 
d er selb lie vier werdev kint 

bei reicheit drev mit iamer sint 
d er vierd der hat aremut 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



85 



durch got für sunde er daz tut 
15 d er ist geheizen trefrizzent 
anfortas sein bruder lent 
d ern mac gerreiten noch gegen 

noch geligen noch gesten 
d er ist ouf mvnsalvashe wirt 
20 vngenad yn nicht verbirt 

S i sprach herre wert ir komen dar 

zv der iaeme^deichen schar 
s o waer dem wirt worden rat 
vil kumbers den er lange hat 
25 d er waleis zder magde sprach 
grozzev wunder ich da sach 
v nd manic vrowen wol getan 

bei der stimme bekant si den man 
S i sprach dv bist ez parzifal 
nv sag an ssehe dv den gral 

252 v nd den wirt iamers ere (so) 

la hören libev mere 

b wendic si sin freis 
wol dich der sselden reis 

5 w an swaz di luft hant beslagen 
dar ob mustv hohe tragen 
d ir dint zam vnd wilt 

gen reichn ist dir wünsch gezilt 
(P) arzifal der weigant 
10 sprach, wa von habt ir mich erkant 
(s) i sprach da bin ichz div magt 

div dir e kvmber hat geklagt 
v nd div dir sagte deinen namen 

dv endorft dich nicht der sippe schämen 
15 d az dein muter ist mein müme 
weipleicher keusche ein blüme 

1 st si geloutert ane tow 

got Ion dir daz dich do so row 
M ein vreunt der mir zer tyost lag tot 2 C 
20 Ich han yn hie nu prüfe not 
d i mir hat got an im gegeben 

daz er nicht lenger solde leben 
e r pflag msenleicher gute 

sein sterben mich do müte 
25 o uch han ich seit von tag ze tage 

furbaz erkennet newe klage 
o we war kom dein roter munt 

bistuz sigvne di mir kunt 
t et. wer ich was an allen var 

dein reidellseht lancbrounez har 

253 d es ist dein houpt bloz getan 



) Der Initial (ein blaues P) ist ausgeschnitten. 



zu de forst 1 ) in brezzilian 
s ach ich dich doch vil minnikleich 

wie dv wserest iamers reich 
5 d v hast verlorn varbe vnd kraft 

deiner herten geselleschaft 
v erdruzze mich sol' 2 ) ich si habn 

wir sulln den toten man begraben 
ID o nazten ougen ir di wat 
10 ouch was vrown luneten rat 
n inder da bei ir gewesen 

div riet ir vrowen lat genesen 
d isen man. der den ewern sluc 

er mag ergetzen euch genuc 
15 S igvne gerte ergetzens nicht 

als weip di man bei wanken siht 
M anigev der ich wil gedagen 

höret mer von sigvnen trewen sagen 
S i sprach sol mich iht gevrowen 
20 daz tat ein dinc ob in sein dowen 
1 ezzet den vil trourigen man 

schied dv helfleiche dan 
S o ist dein leip wol preises wert 

dv fürest ouch vmb dich sein swer(t) 
25 h astv geleret des swertes segen 

dv maht an angest swerte3 pflegen 
S ein ekke ligent im recht 

von edelm gesiecht 
w orht ez trebukeres hant 

ein brunne stet bei karnant 
254 d arnach der kunic heizet zac 2 d 

daz swevt, bestet ganz einen slac 
a n dem andern ez zervellet gar 

wiltuz darme bringen dar 
5 e z wirt gantz von des wazzers trau 

dv must des vrspringes han 
v nderm velse e ez beschine der tac 

der selbe brunne heizet lac 
S int div stukke nicht verzeret 
10 swer si reht zeinander keret 
S o si der brunne machet naz 

gantz vnd sterker baz 
w irt im faltz vnd ekke sein 

vnd verlisent nicht div mal ir schein 
15 d az swert bedorf wol Segens wort 

ich furht di habestv lazzen dort 
h atz aber dein munt gelernt 

so wachsent vnd bernt 
I mmer sselden kraft bei dir 

x ) zu de forst von anderer Hand und Dinte auf einer 
Rasur. 

3 ) t vom Oorrector übergeschrieben. 



86 



Dr. Franz Pfeiffer 



20 liber neve geloube mir 

S o mvz gar dienen deiner hant 

Swaz dein leip da Wunders vant 
o uch mahtv tragen schone 
Immer saelden kröne 
25 h och ob den werden 

den wünsch vf der erden 
h astv gewaltikleiche 
niman ist so reiche 
d er gen dir kost muge han 
hastu frag ir recht getan 
255 E r sprach ichn han gevraget nicht 
owe daz euch mein ouge siht 
S prach div iamerbserev magt 
seit ir vragens seit verzagt 
5 I r sähet sulch wunder groz 

daz euch vragens do verdroz 
d o ir wäret dem grale bei 

manic vrowen valschez frei 
d i werden garshiloien 
10 vnd repanse de schoien 

v nd sniten silber vnd blutic sper 
owe waz wolt ir zv mir her 

3. 4. 

316 g vnerter leip ir parzifal 

ir saht doch für euch tragen den gral 
v nd sneidend silber vnd blutig sper 

ir vreuden letze ir trourens wer 
w ser ze munsalvatse iv fragen mit 

in heidenschaft zetabrunit 

317 d i stat hat erden Wunsches solt 

hie het iv fragen mer erholt 
J ens landes kvnegein 
ferefiz anschwein 
5 M it rehter ritterschaft erwarp 

an dem diu manheit nicht verdarp 
d iv ewer beder vater truc 

ewer bruder wunders pflügt genuc 
(d) er ist beide swarz vnd blanc 
10 der kvniginne sun von zazaraanc 
n v denke ich aber an gahmureten 

des herze falsches was erieten 
v on anschowe ewer vater hiez 
der iv ander erbe liez 
15 (d) ann als ir habt erworben 
an preis ir seit vertorben 
Het ewer muter ie missetan 

so sold ichz gern da für han 
I rn moht ir sun nicht gesein 



20 nein si lerte ir trewen pein 
g eloubt von ir guter msere 

vnd daz ewer vater wsere 
M senleicher trewen weise 

vnd witvenk hoher preise 
25 E r kund wol mit schalle 

groz herze vnd kleine galle 
d ar über was sein prust ein dach 

er was rausch *) vnd vench vach 
S ein msenleichez eilen 

kund den preis wol gestellen 

318 n v ist ewer preis ze falsche komen 

owe daz ye wart vernomen 
v on mir herzelauden barn 

an preis sus hat missevarn 
d i magt lert mit trewe 
10 al klagende herze rewe 
w ider für den kunic si kerte 

ir mser si da gemerte 
S i sprach ist hie dehein ritter wert 

des eilen preis hab gegert 
15 v nd da zu hoher minne 

ich weiz wol vier kuniginne 
v nd vier hundert iuncvrowen 

di man gerne mohte schowen 
v f tschahteil marveile di sint 
20 all aventeur ist ein wint 

w ann di man da betzalen mac 

werder minne hoch beiac 
a Heine hab ich der reise pein 

ich wil doch heinte druflfe sein. 
25 D iv maget trouric nicht gemeit 

an urloup von dem ringe reit 
a 1 weinunde si dikke wider sach 

nu höret wi si zeiungest sprach 
e y munsalvashe iamers zil 

we daz dich niman trösten wil 

319 k undrie lazurziere 

di vnsvze vnd doch fiere 
d en waleis si beswert hat 

nv waz half yn kunes herzen rat 
5 v nd warev zvht gen manheit 

vnd dannoch mer im was berreit 
s chara ob allen seinen siten 

den rechten falsch het er venniten 
w an schäm geit preis zelone 
10 vnd ist doch der sei kröne 

S cham ist ob siten ein g'ubet v'p 

cunware daz erst weinen hup 



J ) au auf radierter Stella. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



87 



d 

15 v 

g 
k 

20 



25 S 
w 
T 

320 S 
h 

5 e 



10 



20 



15 w 

S 



M 

S 



25 D 
d 

S 

321 I 



az parzifaln den degen balt 

kundrie lazurziere alsus beschalt 

nib also wunderleich geschaf 

herzen iamer ougen saf 

ap inaniger werden vrowen 

man must hie weinen schowen 

undrie was ir trourens wer 

si reit enwec nu reit dort her 

in ritter der truc hohen mut 

als sein harnasch was so gvt 

on fuze untz an des houptes dach 

daz manz für groze kost iach. 

ein zimierde was reich 

gewapent ritterleiche 

as sein ors und sein leip 

da vand er magt man vnde weip 

rouric an dem ringe hie 

da reit er zv nv höret wie 

ein mut stund hoch doch iamers vol 

die bede schantz ich nennen sol 

ochfart riet sein manheit 

iamer lert yn herzenleit 

r reit ovzzen zv dem ringe 

ob man yn da icht dringe 

il knappen spranc dar naher san 

do enpfingen si den werden mau 

ein schilt was vmbekant 

den heim er nicht von im bant 

er vreuden eilende 

truc des swert in seiner hende 

erdekket mit der scheiden 

do vragt er nach yn beiden 

o ist artus vnd gawan 

iuncherren zeigten im di san 

us ginc er durch den rinc weit 

teure was sein kurseit 

it lihtem pfelle wol gevar 

für den wirt des ringes schar 

tund er vnd sprach alsus 

got halde den kunic artus 

nd da zu vrowen vnd man 

Swaz ich der hie ersehen han. 

en beut ich dinstleichen gruz 

wan einen tut mein dinst buz 

em wirt mein dinst niemer schein 

ich wil bei seinem hazze sein 

waz hazzes er geleisten mac 

mein haz im beutet hazzes slac 

ch sol doch nennen wer der sei 

ach ich arm man vnd owy 

az er mein herze ie svs versneit 



mein trewe ist von im al ze breit 
5 d az ist mein herre gawan 
der dikke preis hat getan 
v nd hohe werdikeit bezalt 

vnpreis sein het alda gewalt 
d o yn sein gir dazu vertruc 
10 in dem gruze er meinen herren sluc 
e in kus den iudas teilte 
im solhen willen veilte 
e z tut manic tousent herzen we 
e daz streng mortleicher re 
15 an meinem herren ist getan 
lougent des her gawan 
S o antwurt vf kampfes slac 

von hevte vbern vierzigisten tac 
v or dem kunic von anscalun 
20 inder houptstat zetschanfenzun 
I ch lad in kampfleiche dar 
. gen mir ze komen vf kampfes var 
k an sein leip des nicht verzagen 
ern welle da Schildes ampt tragen. 
25 Do man ich yn dannoch mere 
bei des helmes ere 
v nd durch ritters ordenleichez leben 

dem sint zwei reichev vrbot gegeb(en) 
R echtev schäm vnd werde trew 
gebent preis alt vnd newe 
322 h er gawan sol sich nicht verschemen 
ob er gesellikeit wil nemen 

b der tavelrunder 

div dort stet besunder 
5 I r recht waer gebrochen san 

sseze drob ein treweloser man 

1 chn bin her nicht durch schelten komen 
geloubt ez seit irz habt vernomen 

I ch forder kämpf für schelten 
10 der nicht wan tot sol gelten 
o der leben nach eren 

wen ez wil di saelde leren 
d er kunic sweic vnd was vnfro 
doch antwurt er der rede so 
15 h erre er ist meiner swester svn 
wsere gawan tot ich wolde tun 



h at euch anders yman leit 

getan, son machet nicht so breit 
25 S ein laster ane schulde 

wand gewinnet er ewer hulde 

S o daz sein leip vnschuldic ist 
ir habt an dirre kurzen vrist 

v on im geseit daz ewern preis 



88 



De. Franz Pfeiffer 



krenket. sint di levte weis 
323 b eakurs der stolze man 

des bruder was her gawan 
d er stund vf vnd sprach zehant 
herre ich sol da wesen pfant 
5 S war gawan ist der kämpf gelegt 
sein velschen mich vnsamfte regt 
w elt irz nicht erlazzen yn 

habt euch an mich sein pfant ich bin 
I ch sol zekampfe für yn sten 
10 ezn mac mit red nicht ergen 
d az hoher preis geneiget sei 

der gawane ledikleich ist bei 
e r kerte alda sein bruder saz 
fuzvallens er da nicht vergaz 
15 e r bat yn sus nv höret wie 
gedenke bruder daz dv ie 
M ir hülfe rechter werdikeit 

la mich für dein arweit 
e in kampfleichez geisel wesen 
20 ob ich an kämpfe sull genesen 
d es hastv immer ere 

er bat in furbaz mere 
d urch bruderleichen ritters preis 
her gawan sprach ich bin so weis 
25 (D) *) az ich dich bruder nicht gewer 
(d)einer bruderleichen ger 
(i) chn weiz warumb ich streiten sol 
doch tut mir streiten nicht so wol 

4' 

324 I chn hau ouch nicht zesprechen dar 
stark kune wol gevar 
G etrewe vnd reiche 

hat er di vollikleiche 
e r mac wol borgen dester baz 
10 ichn trag gen im deheinen haz 
e r was mein herre vnd mein mac 

durch den ich hebe disen bac 
v nser vaeter bruder hiezzen 
die nichtes einander liezen 
15 So hoher man gekronet wart 
nie. ichn het im vollen art 
k ampfes rede zebieten 

mit räche gen im nieten 
I ch bin ein fürst vz aschalun 
20 der lantgrave von tsehaufenzvn 
v nd heiz kyngrimursel 

ist her gawan lobes snel 
e rn mac sich anders nicht entsagen 



] ) Der Initial (ein rothes D) ist ausgeschnitten. 



er muze den kämpf da gen mir tragen 
25 o uch gib ich im frid vber al daz laut 
nuwan von mein eines hant. 
Mit trewen ich fride geheize 

ouzerhalp des kampfes kreize 
g ot hut al der ich lazze hie 
wan eins er weiz wol selbe wie 
325 S us schiet der wol gelopte man 
von dem plimizols plan 
d o kyngrimursel wart genant 
gotweiz do wart er schier erkant 
5 w erden wirdigen preis 

het an im der furste weis 
s i iahen daz her gawan 

des kampfes sorge muste han 
v on seiner waren warheit 
10 des fursten der da von im reit 



17 v on kundrien ouch man innen wart 
parzifals namen vnd sein art 
d az in gebar ein kuncgein 
20 vnd wi di erwarp der anschwein 
M aniger sprach wi wol ich weiz 

daz er si vor kanvoleiz 
g edinte hurtikleiche 

mit manigem poynder reiche 
25 v nd daz sein eilen unverzagt 
erwarp di sseldeberen magt 
A nflise di gelierte 

ouch gahmureten lerte 
d a von der helt wart kurteis 
nv sol sich iesleich briteneis 
326 h ie vrewen daz vns der helt ist komen 
da preis mit warheit ist vernomen 
a n im vnd ouch an gahmuret 
rechtev werdikeit wol sein gewet 
5 a rtus het bei dem tage 

was komen freud vnd klage 
e in sulch geparrieret leben 

was den helden da gegeben 
S i stvnden vf vber al 
10 da was trouren ane zal 
S i gingen mit einander san 
da der waleis vnd gawan 
b ei einander stunden 
si trostens als si kvnden 
15 c lamide den wol geborn 

douhte er het mer verlorn 
d an yinan der da mohte sein 

vnd daz zescharf wser sein pein 
e r sprach zeparzifale 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



89 



20 wart ir bei dem grale 

S o wil ich sprechen ane spot 
in heidenschaft tribabilot 

M icli schied von vreuden ewer hant 
hie ist vrow cunware delalant 

327 o uch wil div edel furstein 

so gar zv ewerm gebot sein 
d az ir niman dinen lat 

swie vil si dinstes geldes hat 
5 S i mohte ydoch belangen 

daz ich bin ir gevangen 
a lso lange hie gewesen 

ob ich an vreuden sull genesen 
S o helfet mir daz si ere sich 
10 so daz ir minne ergeze mich 
e in teil des ich von iv verlos 

do mich der vreuden zil verkos 
I ch hetz behalten wol wann ir 

nv helfet dirre magde mir 
15 d az tun ich sprach der waleis 

ist si her wol kurteis 
I ch ergeze euch gerne si ist doch mein 

mit der ir weit bei sorgen sein 
I ch mein div treit den beakurs 
20 kondwirnamurs 

v on lanfuse div heidnin 

artvs vnd daz weip sin 
v nd cunware delalant 

vnd vrow iescute von karnant 
25 d i gingen da durch trösten zv 

waz weit ir daz man mer nv tv 
Q vnwaren si gaben clamide 

dem was nach ir minne we 
S einen leip gap er ir zelone 

vnd ir houpt ein kröne 

328 d az ez di von lanfusen sach 

div heidnin zv waleis spra(ch) 
k vndrie nant vns einen man 
des ich euch wol ze bruder gan 

5. 6. 

nv was ouch von . . . komen *) 
339 d esn weiz ich nicht wi mangen tac 

gawan der manheit pflac 
15 S us reit der wäre degen balt 

seine rehte strazze vz einee walt 
M it seinem gezoge durch einen grünt 

do wart im vf dem buhel kunt 
e in dinc daz äugest lerte 



20 vnd sein manheit merte 

d o sach der helt für vnbetrogen 

nach maniger banier zogen 
v il grozer fure nicht zekranc 1 ) 
do daht er mir ist der weg zelanc 
25 f luhtic wider gen walde 
do hiez er gurten balde 
e inem orse daz im orilus 

gap daz was genennet sus 
M it den kurzen oren kringvket 
er enpfingez an allerslahte bet 
340 E z was von munsalvashe komen 
vnd het lehelein genomen 
z ebrunbange bei dem se 
einem ritter tet sein tyost we 
5 d en er tot der hinder stach 
des sider trefrizent veriach 
g awan dahte swer verzagt 

so daz er fluchet e man iagt 
d ast seinem preis gar ze frv 
10 ich sol hin naher stapfen tzv 

S waz mir davon nu mac geschehen 
ir hat mich des merer teil gesehen 
d es sol doch gvt rat werden 
do erbeizt er vf di erden 
15 R echt als er habt einen stal 
di rotte waren ane zal 
d i da mit kumpanie riten 

er sach vil kleider wol gesniten 



344 



1 ) Die Zeile ist halb ahgeschnitfen. 
Denkschriften der philos.-histor. CI. XVII. Bd. 



343 h erre sus heizet der vor euch vert 
20 dem doch sein reise ist vnerwert 
R oys poydekumunz 

vnd der castor de lon( )runtz 
d a vert ein vnbescheiden leip 
dem minne nie gebot dehein weip 
25 e r treit der vnfuege krantz 
vnd heizet meliahkantz 
e z wser weip oder magt 

waz er da minne hat beiagt 
d i nam er gar in noten 

man sold yn drumbe toten 
E r ist poydekomunzez svn 

vnd wil ouch ritterschaft hy tvn 
d er pfliget der ellens reiche 

dicke vnvertzsegleiche 
w az touc sein msenleicher site 
ein swein mvter lief ir mite 
I r verhelein daz wert ouch si 



!) r vom Corrector übergeschrieben. 



12 



90 



Dr. Franz Pfeiffer 



lehn horte man gepreisen ny 
w as sein eilen ane fuge 
10 des volgent ouch noch genüge 
h erre nv höret ein wunder 

lat iv daz sagen besunder 
g roz her nach iv da füret 

den sein unfuge ruret 
15 d er kunic melianz von liz 

hohvertikleichen zornes fliz 
h at er gefrvmet gar ane not 

vnrehtev minne im daz gebot 
d er knappe in seiner zuht veriach 
20 herre ich sagz iv wann ich sach 
d es kuniges melianzes vater 

in todes leger vor sich bater 
d i fursten seins landes 

vnerloset pfandes 
25 S tunt sein ellenthaftez leben 

daz must sich dem tod ergeben 
I n der selben rewe 

bevalch er vf di trewe 
M elianden den klaren 

allen den di da waren 
345 E rkos im einen sunder dan 

der fürst was sein hohster man 
g en trewe wol bewaret 

aller falscheit erlseret 
5 d en bat er zihen seinen svn 

er sprach dv maht an im nv tvn 
d einer trewen hantfeste 

seit in daz er di geste 
v nd di heimleichn habe wert 
10 wen ez der kumberhafte gert 
d em bit in teilen sein habe 

sus wart bevolhen da der knabe 
d o leiste der furste lybaut 

al daz sein herre der kunic gschav(t) 
15 an dem todes leger gen im warp 

hart lutzl des verdarp 
e ndehaft ez wart geleistet sider 

der fürst furt den knappen wider 
d er het daheim libev kint 
20 als sie im noch billeich sint 
e in tohter der des nicht gebrach 

wan daz man des ir zeite iach 
S i waer wol amye 

si heizet oblye 
25 I r swester heizet obilot 

oblye frumt vns dise not 
e ins tages gedech ez an di stat 

daz si der iunge kunic bat 



6» 



n ach seinem dinst ir minne 
sie verflucht im sein sinne. 
346 Vnd vragt yn wes er wände 
warumb er sich sinnes ande 
S i sprach hinz im waeret ir so alt 
daz vnder schilde wseren bezalt 
5 I n werdikleichen stunden 

mit heim vf houpt gebunden 

349 S vs hat der zorn sich für genomen 

bede kvnige wellent komen 
f vi* bearotshe da man muz 

mit arweit dinen weibe gruz 
5 M an muz vil sper da brechen 

beide hurten vnd stechen 
B earoshe ist so ze wer 

ob wir heten zweinzic her 
I sleichz grozer dann wir han 
10 wir müstenz vnzerfuret lan 

M ein reis ist daz hinder her verholn 

disn schilt han ich dan verstoln 

vz von andern kinden 

ob mein herre mohte vinden 
15 e in tyost durch seinen ersten schilt 
mit hurtes poynder dar gezilt 
d er knappe hinder sich do sach 

sein herre für im balde nach 
d rev ors vnd zwei weizzev sper 
20 gahten vast mit im her 

1 ch wsen sein gir yman trüge 
ern wolde gerne ze for flüge 

d i erstn tyost da han beiagt 

als mir div avnteure (so) sagt 
5 d er knappe sprach zv gawan 

herre lat mich evern vrloup han 
d er kerte seinem herren zv 

was weit ir daz gawan nu tv 
e rn bessehe waz disev mser sein 

doch lert yn zweifei strengen pein 

350 E r daht sol ich streiten sehen 

vnd sol des nicht von mir geschehen 
S o ist mein preis erloschen gar 

kvm aber ich durch streiten dar 
5 v nd wirt ich da geletzet 

mit warheit ist entsetzet 
a Her mein werdikleicher preis 

ichn tvn ez nicht deheinen weis 
I ch sol e leisten meinen kämpf 
10 sein not sich in einander klampf 
g en seiner kampfes verte 

was beliben al ze herte 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



91 



[MÜNCHNER BLÄTTER] 

489, 30. muoz fehlt. 

490, 1. di andern. — 2. von blu e te. — 3. körnenden. — 4. 5. di. — 4. lerent. — 
5. hohen. — 8. zder. — 9. di z. di ich. hie fehlt. — 14. a. des spers. — 15. So manz. — 18. aber 
deh. — 19. von dem. — 21. sneident. — 22. vermeidend — 24. wirtes. — 25. der des g. — 
27. ditzes. — 29. der von. — 30. daz. 

491, 1. Eren m. — 3. der leint. — 4. seufteb. — 6. Brumbange = D. — 7. man in. — 

11. pei seinem. — 21. gankert = D. — 28. abndes. 

492, 1. sengestl. — 7. iene h. da zv in. — 9. wagent — iens — D. — 15. abendes. — 
20. ze v. — 21. daz sper. — 28. daz vf 1. — 30. sper] der. 

493, 2. di wunden. — 4. also g. — 5. alrest an der = D. — 15. zdem. — 17. wirte. — 
19. sein suln. — 22. so hoher. — 24. keuschh. — 25. etsleicher st. — 28. h. noch zorn. 

494, 3. schanz. — 4. enpfahent vnd gewent. — 5. si nement. — 7. w. aber inder. — 
9. daz fehlt. — 10. von des grals. — 11. di mu e zzen sein. — 12. hu e tt. — 13. den man. — 
14. offenleiche g. m. di m. — 21. t. in legte inz. — 28. sterben. 

495, 2. verholn di. — 7. swer aber dem gral dinstes sich h. b. — 

506, 17. vntz daz daz bl. — 20. gawanen = D. sach. — 21. des danket. — 22. hetez e. — 
25. wsere = D. — 29. nahen = D. — 30. sultz. 

507, 1. Ich wände n. daz ez quseme. — 8. ditz. — 10. Gawanen = D. — 14. ich inder 
= D. — 16. vragt. — 19. da erget. — 23. w. wunde segen. — 24. mannes. — 

508, 1. In. — 2. trennelen. der b. — 7. sulhe. — 11. veigen bäume. — 12. ol. — 
14. al fehlt. — 15. do sach. niderth. — 17. vz dem. — 19. claren. — 21. weibe. — 23. so 
fehlt. — 25. geschicket == DG. — 27. di av. — 30. spansenbe. 

509, 7. mer fehlt. — 10. daz ist er w. — 14. enpfhahet ez. — 15. ein isl. — 18. hieze. — 

510, 3. mohtez. — 4. zv semftorem. — 7. ewern. — 8. wan. — 12. Ions = D. — 
18. des fehlt. — 21. swiz. — 27. mich fehlt. — 30. dannoch. 

511, 5. sprechet. — 8. seit ir. — 10. dannoch. — 12. minne mag. — 16. gehöret. — 
17. ir vns. — 18. muzet ir. — 19. mugt. — 21. ez ist. — 23. einen b. — 24. pferdes. — 
25. seht ir vnd höret. — 30. losetz — nach euchz g. 

512, 6. gedaht. — 10. daz. — 15. irz vr. — 20. vorne. — 27. vbern. — 28. saher. — 

513, 4. wand. — 11. den ez. — 12. trugenh. 

516, 10. lieht g. — 17. gawane = D. — 18. zornekl. — 19. michs = D. — 21. danne. 
— 26. n. vf. — 27. gr. si vz. — 

517, 1. Der — 3. zder. — 9. sih ich. — 13. di er da w. w. — 

528, 24. aber. — 27. oder leiteh. — 

529, 2. twirchet. — 4. drumme s. — 5. scheide. — 8. da. der iuncvrowen geschach. — 

12. doch mu c z er drumbe. — 13. iuncvrowen. — 17. doch fehlt. — 19. do. — 22. do nahet 
24. doch sach m. — 29. einen. 

530, 3. waene. 

12 * 



92 



Dr. Franz Pfeiffer 



533, 2. solchen. — 3. durchelt. — 5. bereitet. — 8. deu e hte. — 10. da zv. ze alt. — 
12. dem. — 14. danne. si dem a. brache t. — 16. twederhalp. — 18. siten. — 20. sol irz. — 
27. da twederz. 

534, 1. gerne. — 2. sonemak. — 3. der minne nicht. — 4. im. — 8. wand in. 



7. 

539 w olt er sus zv meinem gebot sten 7 

gesunt liz ich in hin gen 
M it rede warp erz an in so 
daz wart nicht gar geleistet do 

540 D och liz er vf den weigant 

ane gesicherte hant 
I tweder vf di blumen saz 

gawan seins kvmbers nicht vergaz 
5 d az sein pfert was so kranc 

den weisen lert sein gedanc 
d az er daz ors mit sporn rite 

vntz er versuchte seinen site 
d az was gewapent wol für streit 
10 pfelle vnd sameit 

w as sein ander koverteure 

seit erz erwarp mit aventeure 
w arumbe solt erz reiten nicht 

seit ez zereiten im geschürt 
15 er saz drouf do für ez so 

seiner weiten Sprunge er was fro 
d o sprach er bistuz kringvliet 

daz vrians mit valscher bet 
e r weiz wol wi an mir erwarp 
20 da von idoch sein preis verdarp 
w er hat dich gewapent sider 

ob duz bist got hat dich wider 
M ir schone gesendet 

der dicke kumber wendet 
25 e r erbeizte drabe ein march er vant 

des grals wapen was gebrant 
e in türteltaub an seinen buc 

lehelein zder tioste sluc 
d rouf den von prienlaiors 

orilus wart ditze ors 

541 d er gap ez gawane 

vf dem plimizols plane 
Hie kom sein trouric gute 

wider in hohgemute 
5 w and daz in twanc ein rewe 

vnd ein dinstbernde trewe 
d i er nach seiner vrowen truc 

div im smsehe bot genuc 
n ach der in iagte sein gedanc 



10 inner des der stoltz lisklois spranc 
d a er ligen sach sein swert 

daz gawan der degent (so) wert 
M it streite vz seiner hende brach 

manic vrowe in aber streiten sach 
15 d i scheide waren so gedigen 

Itweder lie di seinen ligen 
v nd gahten sus zv streite 

itweder kom bezeite 
M it herzenleicher mannes wer 
20 ob in saz vrowen ein her 
z den venstern vf dem palas 

vnd sahen den kämpf der vor in was 
d o hub sich erst newer zorn 

itweder was so hoch geborn 
25 d az sein preis vnsamfte erleit 

ob in der ander wider streit 
h elm vnd swerte di liten not 

di waren ir schilt für den tot 
S wer der helden streiten sach 

ich wsen erz in für kumber iach 
542 Li iskois gwellius 

der iunge suze warp alsus 
v recheit vnd ellenthaftev tat 

was seins hohen herzen rat 
5er frumt manigen snellen swanc 

dicke er von gawane spranc 
v nd aber wider sere vf in 

gawan truc stsetikleichen sin 
e r dahte ergriffe ich dich zv mir 
10 ich sol vil wol gelonen dir 
M an sach da veures blicke 

vnd swert vf werfen dicke 
z e ellenthaften henden 

si begunden einander wenden 
15 n eben für vnd hinder sich 

ane not was ir grich 
S i mohtenz ane streiten lan 

do begreif in mein her gawan 
v nd warf in vnder sich mit kraft 
20 mit halsen sulch geselleschaft 

M v'zze mich vermeiden 7 C 

ichn moht ir nicht erleiden 
g awan iesch Sicherheit 

der was als vmberreit 



QuELLENMATERIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



93 



25 1 iskois der da vnden lac 

sara do er von erste Streites pflac 
e r sprach dv soumest dich ane not 

für Sicherheit gib ich den tot 
1 az enden dein werde hant 

swaz mir ie preises wart bekant 

543 V or got ich bin vervlüchet 

meins preises er nicht mer rüchet 
d urch orgelusen minne 

der edeln herzoginne 
5 m üst mir manic werd man 

seinen preis zemeinen handen lan 
d v maht vil preises erwerben 

ob dv mich kanst ersterben 
d o dahte des kvniges lotes svn 
10 deswar ichn sol also nicht tvn 
S o verlure ich preises hulde 

erslug ich ane schulde 
d isen kunen helt vnverzagt 

in hat ir minne vf mich geiagt 
15 d er minne mich da twinget 

vnd mir vil kvmbers bringet 
w and lazze ich in durch si genesen 

ob mein teil an ir sol wesen 
d azu mag er nicht erwenden 
20 wil mirz gelucke senden 

w and het si vnsern streit gesehen 

ich wsene si must ouch mir des iehen 
d az ich minne dienen kan 

do sprach mein her gawan 
25 I ch wil durch di herzogein 

dich beim leben lassen sein 
g rozzer müde si nicht vergazzen 

er liz yn vf si sazen 
v on einander verre 

do kom des Schiffes herre 

544 V on dem wazzer vf daz lant 

er ginc vnd truc vf seiner hant 
e in mouzer sprinzellein al gra 
ez was sein reht leben da 
5 S wer tiostierte vf dem plan 
daz er daz orse solde han 
y enes der da lsege 

vnd der des siges pflsege 
d es hende sold er neigen 
10 vnd seinen preis nicht versweigen 
S us zinset man im blümen velt 
ez was sein beste hüben gelt 
o der ob sein mouzer sprincellein 
ein galander lerte pein 
15 v on anders nichte gie sein pfluc 



daz douht in urbor genuc 
e r was geborn von ritters art 

mit guten zuhten wol bewart 
e r gie zv gawane 
20 den zins von dem plane 
y esch er zuhtikleiche 

gawan der ellens reiche 
S prach herre ich wart nie koufnian 

ir mugt mich zolles wol erlan 
25 d es schiffes herre wider sprach 

herre so manic vrowe sach 
d az euch der preis hy ist geschehen 

ir sult mir meins rehtes iehen 
h erre tut mir reht erkant 

ze rehter tiost hat ewer hant 
545 Mir ditze ors erworben 

mit preis alvnverdorben 
w and ewer hant in nider stach 

dem aldiv werlt preises iach 
5 M it warheit vntz an disen tac 

ewer preis seinhalp der gotes slac 
I m vreude hat empfuret 

groz sadde hat gerruret 
g awan sprach er stach mich nider 
10 des erholt ich mich sider 

S eit man euch tiost verzinsen sol 

er mac euch zins geleisten wol 
h erre dort stet ein runzeit 

daz erwarp an mir sein streit 

8. 

556 S o muz ich doch ir kumber klagen 

sprach gawan wirt ir sult mir sagen 
w arumb ist euch mein vragen leit 
20 herre durch ewer manheit 
k unnet ir vragen nicht verberen 

so weit ir leiht furbaz geren 
d az lert euch herzen swsere 

vnd macht vns vreuden lsere 
25 M ich vnd alle mein kint 

di euch ze dinst geboren sint 
g awan sprach ir sult mirz sagen 

weit aber ir michz gar verdagen 
d az ewer msere mich vergat 

ich freisch doch wol wiz da stat 

557 D er wirt sprach mit trewen 

herre so muz mich rewen 
d az euch des vragens nicht bevilt 
ich wil euch leihen einen schilt 
5 n v wapent euch vf einen streit 
in terre marveile ir seit 



94 



Dk. Franz Pfeiffer 



h erre ezn wart versuchet ni 

zer marveile ist hi 
T schahtel marveile ist div not 
10 ewer leben daz wil in den tot 
I st euch aventeure bekant 

swaz ie gestreit ewer hant 
d az was noch gar ein kindes spil 

nu nahet euch rewebsere zil 
15 g awan sprach mir waere leit 

ob mein gemach an arbeit 
v on disen vrowen hinnen rite 

ichn versucht e baz ir site 
i ch han ouch e von in vernomen 
20 seit ich nu so nahen bin komen 
M ich sol des nicht betragen 

ich wellez durch si wagen 
d er wirt mit trewen klagte 

seinem gast er sagte 
25 a Her kumber ist ein nicht 

wand dem ze leiden geschiht 
d ise aventeure 

ist scharff vnd vngehewre 
f urbar an allez liegen 

herre ich kan nicht triegen 
558 g awan der preis erkande 

an di vorht er sich nicht wände 
e r sprach herre nu gebet mir rat 

ob iv gebiet ritters tat 
5 S ol ich leisten ruchetz got 

ewern rat vnd ewer gebot 
w il ich immer gerne han 

herr mir ez wsere missetan 
S old ich sus hinnen scheiden 
10 di liben vnd di leiden 

h eten mich für einen zagen 

alrest der wirt begunde klagen 
w and im so leide nie geschach 

hin ze seinem gast er sprach 
15 Ob daz got erzeige 

daz ir nicht seit veige 

so werdet ir herre ditz landes 

swaz vrowen hie stet pfandes 
d i groz wunder her ertwanc 
20 noch ni ritters preis erranc 
M anic sariant edel ritterschaft 

ob div erloset ewer kraft 
S o seit ir preises gelieret 

vnd hat euch gar wol geret 



557, 28. 29. avf geschabter Stelle von der gpäterh Hand. 
588, 8 herr mir] rr und m von der spätem Hand. 



25 I r mugt mit vreuden herre sein 
vber mangen lihten schein 
v rowen von mangen landen 
wer yehe euch des zeschanden 

b ir scheidet hin alsus 
seit lishois gwellius 

559 e uch seinen preis hy lazzen hat 
der manige ritterleiche tat 
g efrumt hat der suze 

von reht ich in alsus gruze 
5 M it eilen ist sein ritterschaft 

so manige tugent di gotes kraft 

1 n mannes herze ny gestiz 
an Ithern von kahewiez 

d er ithern vor nantis sluc 
10 mein schef in gester vber truc 
e r hat mir fumf ors gegeben 

got in mit vreuden laze leben 
d i kunige vnd herzogen riten 

swaz er hat ab in erstriten 
15 d az wart zepelrapeire gesagt 

ir Sicherheit hat er beiagt 
S ein schilt treit maniger tiost mal 

er reit hie vorsehen vmben gral 
g awan sprach war ist er komen 



20 



sagt her wirt hat er vernomen 



d o er so nahen was hie bei 

waz dise aventeure sei 
h erre ern hat ez nicht ervarn 

ich kvnd mich des wol bewarn 
25 d az ichz im zv gewuge 

vnfuge ich danne trüge 
h et ir vragens nicht gedaht 

nimmer wseret irz innen braht 
v on mir waz hie maere ist 

mit vorhten stark ein strenger list 
>60 w elt ir nicht erwinden 

mir vnd meinen kinden 
g eschach so rechte leide ny 

ob ir den leip verlieset hy 
5 S olt aber ir den preis behalten 

vnd ditz landes walten 

het mein armut ende 
ich getrowez ewer hende 

1 höh mich mit reicheit 
10 mit vreuden lip ane leit 

M ag hie ewer preis erwerben 

sult ir nicht ersterben 
N v wapent euch gen kumber groz 



8 



S 



559, 23 nich'. t vom Corrector. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



95 



dannoch saz gawan albloz 
15 er sprach bringet mir mein harnasch her. 
der bet was der wirt sein wer 
v on fuze vf wappent in do gar 

di suze magt wol gevar 
d er wirt nach dem orse ginc 
20 ein schilt an seiner wende hinc 
d er dicke vnd herte was 

davon doch gawan genas 
S chilt vnd ors im wurden braht 
der wirt was also bedaht 
25 d az er wider für in stunt 

er sprach herre ich tun euch kvnt 
w y ir sult gebaren 

gen ewers werkes varen 
M einen schilt sult ir tragen 

der ist durch stochen noch durch slagen 

561 "Wand ich streite selten 

wes moht er danne enkelten 
so ir vf di burc hin komet 
ein dinc euch danne zvm orse vromet 
5 e in kramsere sitzet vor dem tor 
dem lat ditze ors dervor 
k aufifet vmbe in rucht waz 

der behelt euch daz ors dester baz 

b ir im versetzet 

10 werdet aber ir nicht geletzet 
S o mugt irz ors gerne han 

do sprach mein her gawan 
s ol ich nicht ze ors reiten in 

nein herre alder vrowen schin 
15 i st vor ir verborgen 

so nahet ez den sorgen 
d en palas vindet ir eine 

weder groz noch kleine 
v indet ir nicht daz da lebe 
20 so walt ez di gotes gebe 
a ls ir in di kemnaten get 

da let marveile stet 
d az bette vnd di stellen sein 

von marroch der mahmumelein 
25 d es krön vnd al sein reicheit 

wser daz der gegen geleit 
d amit ez wsere vergolten nicht 

dar an zeleiden ie geschürt 
S waz got an euch wil meinen 

nach vreude ez muz erscheinen 

562 D enket herre ob ir seit wert 

disen schilt vnd ewer swert 

1 at nindert von euch komen 

561, 7 ruch'. t vom Corrector. 



So ir wsenet daz ende habe genomen 
5 E wer kvmber grozleich 

9. 

634 daz der turkoite florant 9* 
v nd der herzöge von goverzin 

von mir gekusset Sölden sin 
25 M ein svne wirt in doch nimmer ganz 

di gein dem kvnic gramoflanz 
M it stsete ir hazzen kvnnen tragen 

meiner muter sult ir daz verdagen 
v nd meiner swester kvndrie 

des bat gawan Itonie 

635 H erre ir batt mich alsus 

daz ich enpfahen solde ir kvs 
o uch ist verkoren an meine raunt 

des ist mein herze vngesunt 
5 w irt vns zwein immer vreud erkant 

di helfe stet an ewer hant 
f vr war der kvnic meinen leip 

minnet für alle weip 
d es wil ich in genizzen lan 
10 ich bin im holt für alle man 
g ot lere mich helfe vnde rat 

so daz ir vns bi vreuden lat 
d o sprach er vrowe nv lert mich wie 

er hat iueh dort ir hat in hie 
15 v nd seit doch vnderscheiden 

moht ich nv wol iv beiden 
m it trewen solhen rat gegeben 

des ewer werdiklichez leben 
g enuzze ich woldez werben 
20 desn liz ich nicht verterben 
S i sprach ir sult gewaltic sein 

des werden kvniges vnde mein 
e wer helfe vnd der gotes segen 

muzze unser tzweyer minne pflegen 
25 S o daz ich eilende 

seinen kvmber wende 
S eit all sein vreude ligt an mir 

swenne ich vntrewe enbir 
S o ist immer meins herzen ger 

daz ich in immer minne wer 

636 G awan hört an dem vr owelein 

daz si bi minne wolde sein 
d arzv was ouch nicht zelaz 



daz sol ich lazzen ane haz 9 d 
639 E zn sei danne gar ein vraz 

weit ir si habnt gnuc da gaz 
m an truc di tische gar her dan 



96 Dr. 

do vragt mein her gawan 
5 v mbe gvte videlaere 

ob der da deheiner wsere 
d o was da der werden knappen vil 

wol gelert vf seitenspil 
I r deheines kunst was so gantz 
10 er mvst streichen alten tantz 

n ewer tsenz was da wenic vernomen 
der vns von duringen vil ist komen 
n v dankem (so) dem wirte 
ir vreuden er sy nicht irte 
15 M anic vrowe wol gevar 
ginc für in zetanze dar 
S us wart der tantz gezieret 

wol vnder parriret 
d i ritter vnder daz vrowen her 
20 gen der rewe komen si ze wer 
o ueh moht man da schowen 

zwischen zwein vrowen 
e inen claren ritter gen 

man moht vreud an in versten 
25 S welch ritter pflac der sinne 
daz er dinst bot nach minne 
d i bet was vrloupleich 

di sorgen arm vnd vreuden reich 
M it rede vertriben ire stunde 
gen manigem snzem munde 
(540 Q awan vnd seyve 

vnd di kvniginne arnive 
S azzen stille bi des tanzes schar 
di herzoginne wol gevar 
5 h er vmbe zv gawane sitzen ginc 
ir hant er in di seine enpfinc 
s i sprachen sus vnd so 

ir komens was er zvzim vro 
S ein rewe smal sein vreude breit 
10 wart do sus verswant im sein leit 
w as ir vreude an tanze groz. 

10. 

561 vrowe gen dem herzen min 1<> : 
M uz ich balde keren 

werbet sein dinc nach ewern eren 
z v einem kamrsere si sprach 
20 schaffe disem knappen gvt gemach 
S ein ors soltv schowen 

sei daz mit sporn verhowen 
g ib im daz beste daz hy veile sei 
wone im ander kvmber bei 
25 e z si pfantlose oder kleit 

des sol er allez sein berreit 



nz Pfeiffer 

S i sprach nv sage gawan 

im sei mein dinst vndertan 
v rloup ich dir zdem kvnige nim 

deinem herren sag ouch dinst von im 

652 N v war P ^ er kvnic seine vart 

ouch wart der tavlrunder art 
d es tages da vol reket 

ez het im vreude erweket 
5 d az der werde gawan 

dannoch sein lebn solde han 
d es waren si inne worden 

der tavlrunder orden 
w art da begangen ane haz 
10 der kvnic ob der tavlrunder az 
v nd di da sitzen solten 

di preis mit arweite holten 
a 11 di tavlrundsere 

genüzzen dirre msere 
15 n v lat den knappen wider komen 

von dem di botschaft sei vernomen 
d er hup sich dan ze rehter zeit 

der kuniginne kamra3re im geit 
p fantlose ors vnd ander kleit 
20 der knappe dan mit vreuden reit 
w and er da ze artvse rewarp 

da von sein herren sorge erstarp 
e r kom wider in solhem tagen 

des ich furwar nicht kan sagen 
25 v f tschahtel marveile 

arnive wart div geile 
w and ir der portnsere enbot 

der knappe wa?r mit des orses not 10 b 
b ald wider gestrichen 

gen dem si kom geslichen 

653 A Ida er in verlazzen wart 

vnd vragt in vmb sein vart 
w ar nach ouz wsere gerriten 

der knappe sprach daz wirt vermiten 
5 v rowe ich getar euch nicht gesagen 

ich muz ez durch meinen eit verdagen 
o uch wser ez meinem herren leit 

brsech ich mit mseren raeinen eit 
d es douht ich in der tvmbe 
10 vrowe vragt in selben drumbe 

S i spilt ez mit vrage de manigen ort 

der knappe sprach ot dise wort 
v rowe ir soumet mich ane not 

ich leiste daz mir der eit gebot 
15 e r gie da er seinen herren vant 

der turkoyte florant 
v nd der herzöge von gawerzin 



QuelijEnmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



97 



vnd von lagrois di herzogin 
d a saz mit grozzer vrowen schar 
20 der knappe ginc ouch zvzin dar 
v f stund her gawan 

er nam den knappen sunder dan 
e r hiz in willekomen sein 

er sprach nu sage geselle mein 
25 e intweder vreude oder not 

oder swaz man mir von hove enbot 
f vnde dv den kvnic da 

der knappe sprach herre ia 
I ch vant den kvnic vnd sein weip 

vnd da zv mangen werden leip 

654 S i enbietent euch dinst vnd ir komen 

ewer botschaft wart von in vernomen 
a lso werdikleiche 

daz arme vnd reiche 
5 S ich vreuten wand ich tet in kvnt 

daz ir noch wseret wol gesunt 
I ch vant da hers ein wunder 

ouch wart di tavlrunder 
b esezzet durch ewer botschaft 
10 ob ritters preis gewan ie kraft 1 
I ch meine an langer werdikeit 

di sint euch alle da berreit 
15 er sagt im ouch wi daz geschach 

daz er di kvniginne gesprach 
v nd waz im di mit trewen riet 

er sagt im ouch von all der diet 
v on rittern vnd von vrowen 
20 daz er di mohte schowen 
z e tschofflanz vor der zeit 

e wurde seins kämpfe s streit 
g awans sorge gar verswant 

nicht wann vreude er inme herzen vant 
a Her seiner sorgen er do vergaz 

er ginc hin wider vnde saz 
v nd was mit vreuden da ze hvs 

vnz daz der kvnic artus 

655 M it her in seiner helfe reit 

nv höret lip vnde leit 
G awan was zallen zeiten fro 
eins morgens fugten siz also 
5 d az vf dem reichen palas 

manic ritter vnd vrowe was 
I n ein venster gen dem pflvm 
kos er im sunder einen rvm 
d a er vnd arnive saz 
10 di vromder mser nicht vergaz 



g awan sprach zer kvnigin 

owe libe vrowe min 
w olt ez euch nicht betragen 
daz ich euch muze vragen 
15 a lsus getaner mpere 

div iv verswigen waere 
w and daz ich von ewer helfe gebe 

alsus mit werden vreuden lebe 
g etruc mein herce ie marines sin 
20 den het di edel herzogin 
M it ir gewalt beslozzen 

nv han ich ewer genozzen 
d az mir gesemft ist di not 

minne vnd wunden wser ich tot 
25 w and daz ewer helflicher trost 

mich vz banden hat erlost 10" 
v on ewern schulden han ich den leip 

nv sagt mir sseldehaftez weip 
v mb wunder daz hie was vnde ist 
durch waz so strenklichen Ii st 
656 d er weise clinsor het erkorn 

wan ir tet ich het den leip verlorn 
D iv herzenleichev weise 
mit so weiplichem preise 
5 k om iugent anz alder nie 

sprach herre seine wunder hie 
S int da engegen cleinev wunderlein 

gen den starken wundern sein 
d i er hat in manigen landen 
10 swer vns des giht zeschanden 

d ern wirbet nicht dann sunde da mit 

herre ich sag euch seinen sit 
d er ist maniger dit worden sour 
sein lant heizzet terralabour 
15 v on des nach komen ist er geborn 
der ouch vil wunders hat erkorn 
v on napels virgilius 

kinshor (so) des neve warpalsus 
k aps ist sein houptstat 
20 er treit an preise so hohez pfat 
a n preise was er umbetrogen 
von clinshor dem herzogen 
S prachen weip vnde man 
vnz er schaden sus gewan 
25 S ecilie het ein kvnic wert 
der waz geheizen ibert 
I bilis hiz sein weip 



654, 13. 14 fehlen = Gag. — 25 26 fehlen = Dgd. 
Denkschriften der philos -histor. Cl. XVIT. Bd. 



656, 2 ir tet ich het steht von der spätem Hand auf geschab- 
ter Stelle. 

13 



98 



Dr. Franz Pfeiffer 



di truc den minnikleichen leip 
d er ye von brüsten wart genomen 
inder dinst was er komen 
657 v ntz siz mit minnen londe 

daruniber der kvnic in honde 



S ol ich iv seine tovgen sagen 
dez muz ich ewern urloup tragen 
5 d och sint div selben msere 
mir ze sagen vngebsere 
d urch waz er kom in zoubers site 



2. 

Ein Pergamentdoppelblatt, Folio, in Spalten zu ursprünglich 42 Zeilen, aus der zweiten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts, in meinem Besitz. Das Blatt, in einer lateinischen Handschrift 
kirchenrechtlichen Inhalts als Vorsetzblatt verwendet, wurde im August des Jahres 1865 
bei einem Trödler in Salzburg gefunden, und käuflich von mir erworben. Der untere Rand, 
mit 8 — 9 Zeilen, ist weggeschnitten, die äussere Ecke des ersten Blattes (Spalte bc) abge- 
rissen. Der Text gehört zur Recension G. 



473 D az er nit vragt dez wirtez schaden 1 
20 er waz mit chunier so geladen 

E z wart nie erchant so hoher pein 

da vor kom roys Lehelein 
C ze prupanie an den se geriten 

durch tiost het sein da gepiten 
25 L ibeals der werde helt 

dez tot mit tiost wart erweit 
E r waz geborn von prinlacors 

Lehelein dez heldez ors 
D annen zoch mit seiner hant 

da wart der reraup bechant 

474 H erre seit irs Lehelein 

so stet in dem stalle mein 
D en orsen ein ors gleich geuar 

die da horent in dez gralez schar 
5 A n dem satel ein turteltaub stet 

daz ors von muntschaluasch get 
D ey wappen Gab im Anfortas 

do er der vreud herre waz 
I r schilte sint vor alter so 
10 Titurel si prachte do 

A n seinen sun roy frimutel 

dar vnder verlos der degen snel 

V on einer tiost seinen leip 
der minnte sein selbez weip 

15 D az nie von minne mere 

weip wart geminnet so sere 
I ch inain mit rechten trewen 
sein sit sült ir newen 

V nd minnet von herzen ewer koncn 
20 seine sit sult ir wonen 

E wer varb im treit geleich mal 



herre durch ewer l b 

475 S ult ir in nemen 

mein vater hiez 
E r waz von art ein 

herre ich pins nit lehelein 
5 G enam ich ie den reraup 

so waz ich an wiczen taup 
E z ist idoch von mir geschehen 

der selben sund muz ich iehen 
I kern von Cucumerlant 
10 den sluc mein sundigev hant 
I ch legt in toten auf daz gras 

vnd nam waz an im waz 

we werlt wie tustu so 

sprach der wirt der wart des mers vnvro 
15 Du geist den leuten herczen ser 
vnd rewebers chumers mer 
D anne der vreude wie stet de 

sus endet sich dez iamers don 
D o sprach er lieber swester sun 
20 waz ratez moclr* ich dir nu 
D u hast dein aigen verch erslag 

wildu für got die schulde 
S eit daz ir bede wart ein plüt 
ob got recht gerichte tüt 
25 S o gilt im dein aigen leben 
waz wiltu im da ze gelte g 

1 ehern von Cahauis 

der reehten werdichait genis 
D ez du werlt waz gerainet 
het got an im erschainet 

476 M iswend waz sein rewe 

er walsam ob der trewe 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



99 



11 gefrumtest solhe not 

swester lac auch nach dir tot 
land dein muter 
neina herre guter 
15 W az sagt ir nu sprach Parzifal 

wür ich dan herre vher den gral 
D er mocht mich ergeczen nicht 
dez mers mir ewer munt gicht 
B in ich ewerr swester chint 
20 so tut alz die mit trewen sint 
V nd sagt mir sunder wanchez uar 

sint diese mser beide war 
D o sprach aber der gut man 
ich pins nit der da trigen chan 
25 D einer muter daz ir trewe erwarb 

da du von ir schiede zehant si starb 
D u wsert daz tier daz si sluc 

vnd der trache der von ir da vluc 
E z wider für ir in slaffe gar 
e daz dev suzze dich gepar 
477 M einer geswistreit zway noch sint 
mein swester Scosion ein chint 
G epar der frucht lac si tot 
der herzöge kiot 
5 V on Katelangen waz ir man 

der wolt auch seit nit vreud han 
S igun dez selben tochterlein 

beualch man der muter dein 
. . . .fran tot mich smerczen 
10 mus in meinem herzen 

. . . .weipleich hercz waz so gut 

ein art für vncheüsch plut 
magt mein swester pfligt noch 



22 dem ist laider vreud verre 1 
W an daz er hat gedingen 
in süll sein chumer pringen 
25 Z u dem endlosen gemache 
mit wunderleicher sache 
I st ez im chomen an rewes zil 
als ich div neue chunden wil 
P fligestu dann trewe 

so erparmt dich sein rewe 
478 D och frimuntel den leip verloz 

mein vater man nach im do chos 
S einen eltisten sun ze chunge dar 
vber den gral vnd dez gralez schar 
5 D az waz mein prüder anfortas 

der chron vnd reicheit wirdic waz 
D annoch wir wenc waren 

do mein prüder gein den iaren 



C hom für der granesprunge zeit 
10 mit solcher iugent hat minne ir streit 
S o twinget si ir vreunt so sere 

man mag ir ez iehen ze vnere 
W elichs grales herre minne gert 

anders dann dev schrift wert 
15 D er muz dez chomen in arbeit 

vnd in seuftpaer herczelait 
M ein herre vnd der prüder mein 

chos im ein freundein 
D es in dauchte mit gutem sit 
20 wer dev waz daz sey da mit 
I n ir dinst er sich zoch 

so daz dev zagheit in vloch 
D ez wart von seiner claren hant 

durchel manc schiltes rant 



490 D a half not für die ander not 2 a 

da wart daz sper plutic rot 
E tleich stern chomen in dem tage 
die dev diet lerten iamers clage 
5 D ie so hoch ob ein ander Stent 
vnd vngeleich wider gent 

V nd dez manen widerchere 

sit hat auch zu der wunden sere 
D ise zeit di ich hie benennet han 
10 so muz der chunch rewe han (so) 
S o tut dem chunge frost so we 

sein fleisch wirt chelter dan der sne 
S eit man daz gelüppe hais 

an dem sper eisen wais 
15 D ie zeit mans auf die wunden leit 

dez frost ez auz dem leib treit 
A lvmb daz sper glazvar alz ein eis 

daz mocht aber chain weis 

V on dem sper nieman pringen dan 
20 wan Trebuchet der weis man 

D er worcht zwei messer di ez sniten 

auze silber diu ez nit vermiten * 
D en list tet im ein segen chunt 

der an dez chungez stunt 
25 M anger ist der gerne gicht 

Aspende daz holcz prinne nit 
S o dises glases drauf it spranch 

fewrez lochen da naher swanc 
A spende da von verpran 

waz wunders dicz geluppe chan 

491 E r mac gereiten noch gigen 

der chunch geligen noch gesten 
E r laint ane siezen 

mit sus geparen wiezen 



100 



Dr. Franz Pfeiffer 



13 Da vou chom vns ein niere 

ez wer ein vischere 
15 D az niere must leide 
salinen lompride 
H et er doch luczel veile 

der traurig vnd nit der gaile 
P arcifal sprach alzehant 
20 auf dem se den chunc ich vant 
Gr eanchert auf dem wage 

ich wand durch vischens läge 

der durch ander churczweile 
ich het mange meile 

25 D ez tages dar gestrichen 

pailrapir ich waz entwichen 

R echt vmb den mitten morgen 
dez abendez pflac ich sorgen 

W a dev herwerg mochte sein 
der beriet mich der oheim mein 

492 D u ritt ein engstleiche vart 

sprach der wirt die wart sint bewart 

1 gleiche so besezzen ist 

mit rotten selten iemans list 
5 I m hilfet gein der raise 

er chert ie gein der vraise 
W enn ein her da zu in rait 

si namen niemans sicherhait 
S i wagten ir leben gein iens leben 
10 daz ist für sünd in da gigeben 
N u chom ich ane streiten 

an den selben zeiten 
G eriten da der chunch waz 
sprach parcifal den palas 
15 S ach ich dez abencz iamers vol 

wart dem chunge nie so we 
25 W an do sein komen zaigte sus 

der stern Saturnus 
D e'r mit grozem vroste waz chomen 

drauf legen mag vns nit gefromen 
A lz man ez drauf ligen sach 

daz sper man in die wunden stach 

493 S aturnus laufet so hoch enpar 

daz ez dew wunde wesse var 
E der ander vrost chom her nach 

den sne waz ninder so gach 
5 E r viel aller erst an der andern nacht 

in der sümerleichen macht 
D o man dez chüngez vrost sus werte 

die diet ez vreude herte 
D o sprach der cheüsch Treuiczent 



9b 



10 si enpfingen iamers soldiment 
D az sper in vreud enpfurte 

daz ir herczen verch sus rurte 
D o macht ir iamers trewe 
dez taufes 1er al newe 
15 P arcifal zu dem wirte sprach 

fumf vnd zwainczik maid ich sach 
D ie uor dem chünge stunden 

vnd wol mit züchten chunden 
D er wirt sprach ez sullen meid pflegen 
20 dez hat sich gein im bewegen 
D ez gralez dem si da dienten vür 

der gral ist mit hoher chür 
S o sullen sein ritter hüten 
mit cheuschleichen guten 
25 D er hohen sterne chomendev zeit 
der diet alda grozen iamer geit 



494, 5 



10 



15 



20 



25 



495 



S i enpfahent chlaine chindel dar 

von hoher art vnd wol geuar 
W irt in der herre loz ein lant 

erchennet si da dev gotez hant 
S o daz dev diet eins hern gert 

von dez Gralez schar ist si gewert 
D es müzen auch si mit züchten pflegen 

sein hütet alda der gotez segen 
G ott schaffet verholn dann die man 

die meid offen leichen dan 
D u solt dez sein vil gewiz 

daz der chunch Castis 
H erzenlande gerte 

der man in schon werte 
D ein muter gab man im ze chonen 

er solt aber nit ir minne wonen 
D er tot in leit in daz grab 

da vor er deiner muter gab 
W aleis vnd nergals 

kanfoleis vnd kirinals 
D az ir mit seid wart gegeben 

der chunch nit lenger solt leben 
D az waz auf seiner raise wider 

der chunch leit sich sterben uider 
D o truc si cron vber zwai lant 

do erwarp si Gamuretez hant 
S us geit man von dem gral dan 

offenleich die maid verholn die man 
D urch frucht zedinst wider dar 

ob ir chint dez gral es schar 
M it dinst sullen meren 

daz chan si got wol leren 
W er sich dinst dem gral hat bewegen. 



Queluenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



101 



IX. 

STARNBERGER BRUCHSTÜCKE. 



Zwei Pergamentdoppelblätter, aus dem 14. Jahrhundert, Fol., in Spalten zu 38 Zeilen, 
auf der k. Hof- und Staatsbibliothek zu München (Cod. Germ. 194, früher Fragm. Mss. 
e, 16). Dieselben wurden von einem Aktenband in der Registratur des k. Landgerichts 
Starnberg (Briefsprotokolle des Jahres 1633) abgelöst und 1859 an die Bibliothek übergeben. 
Nur das erste dieser Blätter, welche die beiden äussern Doppelblätter eines Quaternio 
bildeten, ist vollständig erhalten, von dem zweiten und dritten sind oben je 10 Zeilen, von 
dem dritten und vierten je ein Drittel des äussern Randes (Spalte bc) weggeschnitten; ausser- 
dem sind sie durch Wurmfrass vielfach beschädigt. Das ganz oder theilweise Erhaltene ent- 
spricht Lachmann: Bl. 1 = 492, 16 - 497, 17. Bl. 2 = 497, 28 — 502, 19. Bl. 3 = 523, 
4 — 527, 15. Bl. 527, 26 — 532, 27. Je die erste Zeile eines Reimpaars, zwischen senk- 
rechten Linien, ist herausgerückt und der erste grosse Buchstabe roth durchstrichen. Die 
Initialen sind abwechselnd roth und blau. »Die Sprache zeigt die Formen der baierischen 
Mundart in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Handschrift beruht auf einer guten 
alten Vorlage, was die um diese Zeit sonst nicht leicht mehr vorkommenden Inclinationen 
und Kürzungen deutlich erkennen lassen; z.B. 493, 7. man schüniges. 494, 10. vons. 497, 
12. aufs. 500, 19. nams. 28. dirs. 526, 19. ims u. s. w. Der Text stimmt im Wesentlichen 
mit D. Wegen ihres jungen Alters gebe ich als Probe bloss die erste Spalte vollständig, von 
den übrigen die Lesarten. 



492 wie tet in iamev da so wol 

E in chnab alda zu der tür ein spranch 

da von der palas iamers chlanch. 
D er trug in seinen henden 
20 einen schalt zu den vir wenden 
D ar inn ein sper plütig rot 

dez chom die diet in iamers not. 
D er wi e rt sprach seint noch .ee 

wart dem chvnig nye so we 
25 W ann da sein chomen zaigte süs 

der stern Saturnvs 
D er chan mit grozzem vrost chomen 

der auf legen mocht vns nit gefromen 
A ls mans . e . dar auf ligen sach 

daz sper man in di e wündn stach. 

493 S atvrnvs lauft so hoch enbar 

daz ez div wündn wesse var 
.E.der ander frost chsem her nach 
dem ist nindert als gach 



5 E r vi e l alverst an d' andern nacht 
in der sümerlichn macht 
D o inanschvniges frost sust werte 

di° dyet ez frawdn herte 
D o sprach der chajvsch Trefrezzent 
10 si enphiengen iamer soldiment 
D az sper in frawd enphürte 

daz ir hertzn verich süst rürte 
D o macht ir iamers trwe 
dez rufet 1er al newe 
15 P artzival zu dem wi e rt sprach 

fünf vn zwaintzig mayd ich da sach 
D i vor den chünig stunden 

vn wol mit züchen chünden 
D er wi e rt sprach ez sullen mayd pflegen 
20 dez hat sich got gein im bewegen 
D ez grals dem si da dienten für 

der gral ist mit hocher chür 
S o svlln sein ritter hütten. 



102 



Dr. Franz Pfeiffer 



LESARTEN. 

25. chomdiv. — 30. sprechen da. 

494, 2. wol macht. — 3. schantz. — 7. hernlos. — 8. erchennet. — 10. von 5 gr. — 

12. hütt. — 13. schaffet v. in dann d. m. — 14. ofmlich g. man mayde dan = D. — 15. sein 
dez. — 20. ab ( . niht fehlt. — 28. legt sich sterben. 

495, 2. offhlich div mayde verholn di e m. — 10. ein. — 12. herrn in herrnlosiv. — 

13. bot. — 14. mynn. — 15. riet, flsetig. — 16. werden fehlt. — 18. hertznlichn. — 21. 
seltn. — 23. hertzn. — 24. strites. — 25. mynn. — 26. den. — 27. also. — 28. haidn. — 
29. warn, geleiche. — 30. div dauchtn m. 1. reiche. 

496, 1. ich. — 2. tailn. — 3. Evropie. — 6. Gavrivn. — 8. perge. ze femorgan. — 
10. perg. — 14. sw. m. tyostyrn s. — 15. Roas. — 17. windischiv. — 21. durch frivl avs 
durch a. — 24. sechn. — 25. Absatz. — 29. div ich f. — 30. tyostirn. 

497, 1. kein Absatz. — meins. — 6. fehlt von. — 9. sevt. — 11. purcgraf. — 12. aufs. — 
13. chnabn. — 29. schönes. — 

498, 3. vngestabtn. — 5. ich ims. — 6. frseudn. — 9. chebsen. — 11. wurchn avs 
einem st. — 16. d f . — 20. fuor fehlt. Roas. — 21. den fehlt. — 22. mont. da fehlt. — 

499, 8. ist daz. — 10. landes. — 13. Ythern = D. — 17. wildu = D. — 18. solt du im 
= D. darvmb. — 21. du fehlt. — 24. von dem. — 28. et fehlt, umb = D. — 30. rewe. 

500, 1. als. — 15. w. dv daz gr. — also. — 18. dein s. — 19. nams. — 26. was et 
ir. — 27. Absatz. — 28. dirs. — 29. want. soltz. — 30. vn dar z. m. 

501, 5. bi den. — 6. suln fehlt = D. — 7. kolter. — 8. et fehlt, in e. pacht. — 24. al- 
rest = D. — 25. schermes. — 28. doch. 

502, 1. pettrisen — D. — 2. vn in. — 4. wildu = D. vnd vnrecht wirdichlichn v. — 
9. der g. s. — 12. ze pf. — 13. erde. — 

523, 8. wurt. — 9. must. — 15. wser. dann. — 16. ez want. — 17. vnder. — 20. ratet. — 
29. dunkcht. — 30. nent. 

524, 1. ohne Absatz. — 22. dir dez. — 29. wolt ez. — 30. hief. ich fehlt. 

526, 2. [rewejbsere. — 28. ir laster liezz wesen 26. alliv. 1. — 

527, 4. wser. — 5. dann richtset. — 6. g. ere. — 15. Absatz. — 19. ims vn den p. — 
24. mant. 

528, 1. ohne Absatz. — 5. vnd. — 13. ze dinst. ers. — 15. sin w. (so). — 17. Absatz. — 
27. wser. — 

529, 1. ohne Absatz, fraw. — Spalte 4 bc verschnitten. 

531, 26. augn. — 

532, 3. gebn = D. — 9. mit frseudn etswenn. — 10. rechtiv. — 11. div str. — 13. also 
tut des herrn amors ger = D. — 20. üit fehlt. — 24. mynne. — 26. d. st. mynn z. — 



QuEUJONMATEIiIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. IL 



103 



B. ZUM WILHELM. 

i: 

MÜNCHNEE BRUCHSTÜCKE. 
1. 

Zehn Pergamentblätter in Octav auf der k. Hof- und Staatsbibliothek zu München, wo 
sie nun mit den übrigen dort vorhandenen Bruchstücken zu Willehalm (die frühere Bezeich- 
nung war: Fragm. e. 11 — 14) unter der Nummer Cod. germ. 193 vereinigt sind. Bl. 1 
und 2, 3 und 6, 4 und 5, 7 und 10, 8 und 9 hängen zusammen, sind also Doppelblätter, und 
zwar 4. 5 das innerste, 3. 6 das äusserste einer Lage und zwischen Bl. 8. 9 fehlt ein Doppel- 
blatt. Vollständig erhalten sind bloss Bl. 7 — 10. Hier zählt jede Seite 34 Zeilen, und, da die 
Verse unabgesetzt sind, schwankt ihre Zahl zwischen 60 bis 69. Die übrigen oben verschnit- 
tenen Blätter zählten wohl eben so viele Zeilen, aber, da hier die Schrift eine grössere ist, 
weniger Verse: Bl. 1. 2. z. B. auf der Seite nur 50 — 54. Der Inhalt vertheilt sich auf fol- 
gende Weise: 

Bl. l a , oben beschnitten, noch 27 Zeilen = Lachmann 79, 25 — 81, 17. 



l b 

X 1 11 


ii 


»5 




n 




n 


82, 1- 


-83, 23. 


9* 

w i n 


ii 


ii 


ii 


n 




n 


103, 19 


— 105, 16. 


2 b , „ 


ii 


n 


ii 


ii 




n 


106, 1 - 


- 107, 24. 


° > n 


n 


ii 


22 


ii 




ii 


152, 27 


— 154, 5. 


Ob 

° i ii 


ii 


' n 


ii 


ii 




ii 


154, 20 


— 155, 29. 


* 1 11 


ii 


n 


27 


ii 




11 


159, 28 


— 161, 18. 


4 b 

^ i ii 


n 


n 


ii 


ii 




n 


161, 26 


— 163, 12. 




ii 


n 


n 


ii 




n 


163, 20 


— 165, 7. 


° i ii 


n 


n 


ii 


ii 




ii 


165, 15 


— 166, 29. 


6 a 


ii 


n 


21 


ii 




n 


167, 20 


— 168, 26. 


6 b 

u i ii 


n 


n 


ii 


ii 




n 


169, 17 


— 170, 25. 


7 et 8 


vollständig 










n 


315, 22 


— 324, 15. 


9 et 10 


ii 










n 


333, 11 


— 341, 21. 



Von diesen Blättern hat Lachmann nur 4. 5. benützt, nach einer Abschrift Beneckes, und 
dieselben mit J bezeichnet (s. Wolfram, Vorwort S. XXXIV); die übrigen sind erst später 
zum Vorschein gekommen. 

Von allen bisher bekannt gewordenen Handschriften der Wolframischen Gedichte ist 
diese leicht die älteste. In den vorliegenden Bruchstücken lassen sich sowohl nach Schrift 
als Orthographie drei verschiedene Hände unterscheiden. Die Schriftzüge und Schreibweise 
auf Bl. 1 — 6 sind noch sehr alterthümlich und rühren jedesfalls von Schreibern her, welche 
ihre Kunst noch im 12. Jahrhundert erlernt haben, während die dritte Hand auf Bl. 7 — 10 
schon mehr den Schriftcharakter aus dem Anfang des 13. zeigt. Die erste Hand kennt für z 
nur die Formen t, bei der zweiten wechselt ^ mits, bei der dritten herrscht z vor und nur 



104 



Dr. Franz Pfeiffer 



zuweilen erscheint noch ^. In der, schon von Lachmann bemerkten, häufigen Anwendung des 
Circumflexes stehen sich alle drei gleich. Wie schon erwähnt, sind die Verse nicht abgesetzt, 
auch die Absätze fangen nicht mit neuer Zeile an, sondern es sollten dieselben durch grös- 
sere farbige Initialen (wie in Lassbergs Nibelungenhandschrift) ausgezeichnet werden, für 
welche der Raum zwar freigelassen, aber nicht ausgefüllt ist. Mit der Reissfeder gezogene 
Linien zwischen den Zeilen sind nicht sichtbar. Das Pergament ist nicht geglättet, daher zum 
Theil, namentlich Bl. 3 — 6, sehr weich anzufühlen. 

In Betreff der Orthographie, auf den von der dritten Hand herrührenden Blättern 7 — 10 
will ich hier ein paar bemerkenswerthe Erscheinungen anführen. Erstens die Aspiration des 
k vor t: nicht 316, 29. 317, 18. 25. 318, 3. und öfter; sieht 322, 15; zuckt, züchte 317, 18. 
319, 3, was in oberdeutschen Handschriften dieses Alters nicht leicht vorkommt. Auffallender 
noch ist das häufige eu für tu: deu — diu 317, 5. eu = iu 336, 7. ewer = iwer 320, 13. 
334, 23. 338, 5. 340, 15. heute 335, 16. Es bestätigt dies meine in Forschung und Kritik II, 
66 f. ausgesprochene Ansicht, nämlich, dass in der baierischen Volksmundart der Beginn 
jener bekannten, vom Mittelhochdeutschen abweichenden Lautveränderungen in weit frühere 
Zeit zurückreicht, als auf Grund der bisher gemachten Beobachtungen angenommen wurde. 



79 gegeben. 

25 do der Marcgraue siniv wort. 

vernam das er so groiten hört, 
vur sin verscharr^ leben bot. 
er dahte an Vivians tot. 
wie der gerochen wrde. 
vn daz sin iamers bürde. 

80 ein teil gisenftet wäre, 
den kunich uragte er msere. 
daz er im seite vmbe sin art. 
uon welheni lande sin uberuart. 

5 vf sinen scaden waere getan. 

er sprach ich bin ein Persan. 

mit chrone ich alda der vursten phlaeh. 

un mit chraft unz an disen tach. 

nv ist div swacheit worden min. 
10 sy brvders tohter daz ich diu. 

mit scaden ie sus vil enkalt. 

Akabel un Tybalt. 

ir ligit uor mir bede erslagen. 

iwern tot man niemmer solte chlagen. 
15 (D)eR kunich niwan der warheit iach. 

Der Margraue mit zorne sprach. 

dv garnest alle min herce sere. 

un daz din brüder TeRRemere. 

minen besten mäc irtotet hat. 
20 un daz din helflicher rat 

dabi so uollechlih was. 

ob allez gebirge Kavkesas. 

diner haut zi gebenc zeme. 

daz golt ich gar niht neme. 



25 dv ne gvltes mine mäge. 

mit des todes wage. 

ARofel sprach mach ieman han. 

dar umbe du mich halben man. 

alsvs verhöwen lazzest leben. 

des wirt dir uil vur mich gigeben. 
81 Nv sih dort stet Volatin. 

daz ors da mit div sculde min. 

gegin dir wäre vergolten gar. 

ich nam durch min triuwe war. 
5 zehen kunige mines bruder kint. 

di hie mit grozzer fvre sint. 

durch die vur ieh uon Persia. 

ist in minem riebe alda. 

iht des dv gerst vur minen tot. 
10 daz nim un la mich leben mit not. 

war vmbe solt ich ez lange sagen. 

Arofei wart erslagen. 

swaz harnasch vnt zymierde uant. 

an im des Marcgrauen hant 
15 daz wart vil gar abe im gezogen. 

vn daz hopt sin vor unbetrogen. 

balde an im geswenchet. 



S2 wart not. 

swie chundechliche rede er bot. 
div zymierde gab chostbarn schin. 
ARofels ors hiez Volatin. 
dar vf saz er alzehant. 
bediv swert er umbebanf. 
Arofels seilt er da zu nam. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



105 



der kunige wol zevüren gezani. 

Puzzat sin ors was sere wunt. 
10 den zom er dar abe zoch ander stunt. 

daz er sich hungers werte. 

mit ime ez dannoh cherte. 

swar sin herre von ime reit. 

di selben slä ez niht vermeit. 
15 (S)vs reit der vnverzagte. 

so daz in uieman iagte. 

vnz er Oranigen sach. 

üf dem palas sin lichtez tach. 

des wart sin urode erhöhet. 
20 div e. was gar givlohet. 

vnze sinem herzen hin zetal. 

von Pvsinen hört er schal. 

un sach uon Rotte manigen stop. 

TerremeR het vrlop. 
25 siner tohter svn e gigeben. 

daz er Kyburge ir leben. 

vf Oranyse nseme. 

nv seht wie daz gizaame. 

uon Griffanye Pondyvs. 

daz er siner mvmen sus. 
83 der sippe wolde Ionen. 

billicher solter scönen. 

ir vn aller wibe. 

zischerme Kyburge libe. 
5 chom gilet der kunic Tessereiz. 

uvr war ich nah an den wiben weiz. 

swelh Riter al solhen site. 

der Tesserez wonte mite. 

daz der mohte ir minne han. 
10 des wibes herce treit der man. 

so gebint div wip hohen mvt. 

swaz ieman werdicheit tvt. 

in ir handen stet div sal. 

werde minne ist hoch an prvuens zal. 
15 die phade un di strazze gar. 

verdecchet waren mit [manejger schaR. 

swaz der gegin Oranyse lach. 

der Margraue einer kunste phlach. 

daz sin mvnt wol heidensch sprach. 
20 sin seilt was heidensch den man da sach. 

sin ors was heidensch daz er reit. 

alsvs och siniv wappenlichiv chleit. 

gevüret vz der beiden lant. 
103 . . 

francoyser chomen. 

20 oder daz ich han den tot genomen. 

ob noch grozzer wäre ir maht. 

der tach het ende vn was do naht. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl XVII. Bd. 



der Marcgrave erbeiz, 
gahes pitit manseiz 
25 daz trvgen ivncfrowen dap. 
sin harnasch lach bi ime gar. 
snelle eR was gewappet dar in. 
mit al der zymierde sin. 
unlange er danne vurbaz giench. 
vnz in div kuneginne vmbe viench. 

104 Kyburch sprach herre Markys. 
la dinen irwelten hohen pris. 
an mir nv wesen Staate. 

daz dv durch mannes rsete. 
5 niht wenchest an mir armen. 

vnt la mich dich erbarmen. 

gidenche an din werdicheit. 

ich weiz wol daz dir wsere be reit 

in francrich manich wip. 
10 so daz si ir ere vn ir lip. 

mit minne an dich wante. 

ob denne din gvte irkante. 

waz ich durh dich han erbten. 

der werche wrde an mich gebiten. 
15 ob di clare franzoy sinne. 

dir nah dienest bietent minne. 

daz si dich wellent ergezzen min. 

so gidenche an die triwe din. 

vn ob dir ieman gebe untrost. 
20 daz ich niemmer werde erlost. 

daen la uon dir riten. 

uvr den turren striten. 

vn bidenche waz ich durch dich liez- 

daz man mich ze ARabie hiez. 
25 aller der fursten vrowe. 

dennoch was ich in der seowe. 

daz man mir clarheit iach. 

urivnt un vint swer mich sach. 

du mohtes mich nol wol (so) liden. 

vnt sol uns chumber miden. 

105 er gab des fianze. 
daz div iamers lanze. 
sin herze iemmer twnge. 
unz im so wol gelunge. 

5 daz er si da erloste, 
mit manlichem tröste, 
un lobt ir dennoh uvr baz. 
daz er durch liebe noch durch haz. 
niemmer niht verzerte. 
10 von spise div in nerte. 
niwan wazzer vn brot. 



104, 8 reit aus leit gebessert. 



14 



106 



Dr. Franz Pfeiffer 



e . daz er ir bechanten nöt. 
mit swertes st. .te erwante. 
alsvs in uon ir sante. 
Kybvrch div kunegin. 
. . . .wart gezogen volatin 

106 (D)az heR uor Oranise phlach. 
chomens unz an den vunften tach. 
dennoch uvren si allez daR. 

vil manige vluhtigiv sca«. 
5 den herren un magen tot waren belegen. 

die mvsen alle iamers phlegen. 

si iahen Apollo un TeRvigant. 

un Mahntet weren gescant. 

an ir gotlichem prise. 
10 TerrameR der wise. 

diche vragt mare. 

wie ez da ergangen wa3re. 

daz inmohte er eine niht gar ersehen. 

waz da vvnders wsere giscehen. 
15 an den hohen riehen werden. 

uon vehten vf der erden. 

wart nie so scadehafter strit. 

sit her uon anegenges ctt. 

Arofei von Persia. 
20 in maniger zunge sprach alda. 

wart bechlaget daz tet och Pessereiz. 

Pynel un Pavfameiz. 

un der milte Nevppatris. 

Eskelabon der maniges pris. 
25 bezalt durch der wibe lone. 

von Poctanye der kunich Talimon. 

wart mit den anderen och verchlaget. 

Tvrpivn der unverzagen (so). 

der kunich von Falturnye. 

des tot der heidenscefte tet we. 

107 (D) o si den schaden erwischten, 
un mit der warheit mischten. 

dfiier un zweinzch kunegen di da tot. 

waren belegen. TerRemers not. 
5 phlach deheiner vire. 

Amazvr un EskeÜRe. 

unde erameral vngezalt. 

der lach so uil da tot gevalt. 

daz ez ane brieven gar beleip. 
10 div ulvst div TeRRemer treip. 

in so herzebsere chlage. 

des wsere erstorben lihte ein zage. 

do sprach er trvrecblichen. 

swer gibt daz ich si riche. 
15 der hat mich uurehte irchant. 



swie al der heiden lant. 
mit dienest ste ze minem gebot, 
ich mach der Christenheit got. 
allerste nv grozzez wnders iehen. 
20 solh wnder ist an mir geschehen, 
daz ein hant . .riter mich 
hat nach entworht durch den gerich. 

daz n vngeloben räch 

den man uon minen chinden .... 

152 

irret. 

mohte samfter wesen tot. 
dem marhgraven zorn gebot, 
daz er dennoch sin swester schalt, 
div eteswa unschulde enkalt. 

153 (D)i e minne veile hant div wip. 
Romischer kvneginne lip. 

wart dicke also benennet. 

die namen het ich bechennet. 
5 ob ich die wolde vor iv sagen. 

nv mvz ich si dvreh zvht uerclagen. 

er schalt si et mere denne genveh. 

ob er ie manheit getrvch. 

ode ob er ie gedähte. 
10 daz er sin dienst brähte. 

dvreh herzen giR in wibe gebot. 

ob er frode ode not. 

ie enphie dvrh wibes minne. 

sinem mannelichem sinne. 
15 was doch div chvsche zvht betrogen. 

ezne wart nie ritter baz gezogen. 

vn ane ualsch so kvrtoys. 

er iach Tyebalt der aRaboys. 

wsere ir ritter manegen tach. 
20 dem werden kvnege och si wol mach. 

bieten ere mit minnen lone. 

er hat si diche schone. 

mit armen vmbeuangen. 

daz ist noch mere ergangen. 
25 ir manne ze smsehe denne dvreh sie. 

Tyebalde ich Kybvrge ie. 

hete enphveret wan daz ich räch. 

daz vnserm kunege ie geschach. 

swaz TyeBALT hie geborget hat. 

KybvRch daz minnen gelt mir lät. 

154 (D)o chom des kuneges tohter. 
Adezze do nemohter. 

sine zvht nierner brechen. 



152, 1 andere Hand, neben ■£ häufig z. 

153, 20 si aus SO gebessert. 



QuELLENMATEBIAL ZU ALTDEUTSCHEN DICHTUNGEN. II. 



107 



swa$ er zornes chunde sprechen. 
5 der wart gar dvrch si ueswigen. 

3 b 

ein wnden. 

ir chvsche hant han gebvnden. 

da dax, vngenant waere bi. 

belibe div niht uor schaden fri. 
25 div mvse enkelten wnders. 

einen gurtel braht uon Lvnders. 

wol geworht lanch vn sraal. 

daz, drum tet vf die erde [v]al. 

div rincke ein Rvbin tivre. 

da mit was div gehivre. 
155 umbeuangen an der chrenche. 

noch baz, denne ich gedenche. 

lät si getuppiert sin. 

si gap so minnechlichen schin. 
5 des lihte ein frode sicher man. 

wider hohen mvt gewan. 

ir brvst ze nider noch ze hoch. 

der werlde vngeschaft si flöch. 

ir lip was wnsch des gerdent. 
10 vn ein trost des frode werdent. 

swem ir mvnt ein grvz, erb 6t. 

der bräht solh sselde vnz. an den tot. 

von der meide chom ein glast. 

daz. der heinlicüe vn der gast. 
15 mit gelicher volge iahen. 

dax. si nie gesahen. 

dehein maget so wol geuar. 

gein ir spranh snellichlichen dar. 

ir oheim BvbE von komaEzi. 
20 vnd dennoch ander fvrsten dri. 

die machten rvm der clären. 

alle die da wären. 

begunden gemeinlichen iehen. 

daz. dem groz, sselde wsere geschehen. 
25 swen da erreichte ir ogen blickhes swanch. 

dem wart dar nach sin trvren chranch. 

an mandel in ir röche gie. 

div maget. do si mit zvht enphie 

ir oheim do daz. ge 

4* 

so ergib ich mich an allen strit. 

geuangenlich an dinen rät. 

din gebot den slvzzel hat. 
160 (I)emenshaet div aide. 

nach diner mvter balde. 

sprach si ze Alyzen der maget. 



155, 18. sp u enh. 



wirt nv niht uon ir geschlaget. 
5 div dvrren herzentuere sere. 

die dvrch Tvcbalden TesEEMEEE. 

an dinem geslehte hat getan. 

ir sol getruwen niemer man. 

gench mit ir Bv°be von Komarzi. 
10 vn Scheeins von PaNtau 

saget ir bescheidenlichen dort. 

den unuerzerten iamers hört. 

der vf ir geslehte liget. 

ob daz, ir herze ringe wiget. 
15 so ist ir wiplich ere. 

zergangen iemer mere. 

AIvze mit vrlobe dan. 

fvr. mit ir die zwene man. 

Bvbe vn EscheeIns. 
20 mit richem solde wil ich zins. 

uon minem frien übe geben. 

wa^ toch mir doch min altez leben. 

div furstinne sprach so iRmeNscHAET. 

ze OransHe ein vart. 
25 ich von miner choste tvn. 

dir ze helfe lieber svn. 

min hört ist vngervret. 

des wirt nv uil zefvret. 

chan ieraen golt enphäheu. 

swem da^ niht wil uersmähen. 
161 (D) en teile dvrch dich uil liebe^ kint. 

swa^ ahzehen mer rint. 

pysande mvgen geziehen. 

ich newil dir niht enphliehen. 
5 da$ harnasch mvz an minen lip. 

ich bin starch wol als ein wip. 

da^ ich bi dir wäppeu trage. 

der eil enthafte niht der zage 

mach mich bi dir schöwen. 
10 ich wil mit swerten howen. 

frowe sprach der markys. 

Sit iwer hilfe vn iwer pris. 

so uollechlichen rät mir git. 

nv dvnchet mich des gein iv zit. 
15 da^ ir höret minen rät. 

ich weiz, wol da^ ir triwe hat. 

sendet mir minen uater dar. 

der chan wol hers nemen . . . 

4" 



160, 27. ursprünglich stand min hört vn min gervrct, die 
Correctur ist von etwas jüngerer Hand. 

161, 8. es stand erst ein Z. , ein ist durchstrichen und von 
andrer Hand übergeschrieben. 

14* 



108 



Dr. Franz Pfeiffer 



26 derni richem solde. 

schoniv ors vn wappen lieht, 
svn ich wil dich triegen nieht. 
ich antvrte dir des genvch. 
mer denne ich dir des noch ie gew°ch. 

162 ("W)elt ir nv hören wie ez noch geste. 
vmbe den zorn den ir höret e. 
wer den ze svne brähte. 
wie dem marchgrauen nähte. 

5 helfe vn hoher mvt. 

vn wie ir lip vn ir gvt. 

vn ir gunst mit herzen sinne. 

div Romische kvneginne. 

mit triwen ergab an sin gebot. 
10 des was och Kyburge not. 

ob dem marchgrauen wol gelanch. 

den minne vn iarmer (so) dwanch. 

waz, phandes het er läzzen dort. 

nv prvfet och den grozzen mort 
15 da vf AutschaNS geschach. 

dar zv der grozze ungemach. 

da KYBURch inne beleip. 

div in näch helfe von ir treip. 

Kyburch was sin liebestez phant. 
20 näch ir im sin frode swant. 

vngedultechlichen mvse er leben. 

ein esse im niemen vber geben. 

chvnde. an so gewändem zil. 

div flvst der mäge dwanch in uil. 
25 noch mer div not der KyburcIi phlach. 

mitten in sinem herzen lach. 

gruntueste sorgen fundamint. 

er mohte erbarmen die halt sint. 

des wären geloben äne. 

ivden. beiden, publicäne. 

163 (M)ich mvt och noch sin chvmber. 
dvnche ich iemen deste tvmber. 
di smsehe lide ich gerne, 
swenne ich nv rede gelerne. 

5 so sol ich in bereden bäz,. 

war vmbe er siner zvhte uergaz,. 
do div kvneginne so brogte. 
daz, er si dar vmbe zogte. 
des dwanch in minne vn ander not. 
10 vn mäge. vn manne tot. 

(A)lyze was nv wider chomen. 

do het ir mvter wol 





162, 14. es stand erst hört. 23. es stand erst spil , über 
punktiertes sp ist ein Z gesetzt. 



20 niht enwolde. 

den rigel danne entsliezzen. 

ia moht ich niht geniezzen. 

des kuneges noch der fursten sin. 

dar zv des werden uater min. 
25 tohter hvte daz. mir din fride. 

niene uerscherte mine Ilde. 

ALyze sprach mir stet hie bi. 

EscheRins vn Bvbe uon Komarzi. 

di hant dort svne enphangen. 

der zorn ist gar zergangen. 

164 (S)i lie die maget wol geuar. 
darin, div saget ir rehte gaR. 
den grozzen iamer EscheRiNs. 
wie mit töde gäben zins. 

5 vf Autschans ir mäge. 

vn do der kunich so träge. 

den marchgräuen hivte enphiench. 

do er durch chlage für in giench. 

frowe des enkvltet iR. 
10 owe sprach si het er miR. 

daz, höbet min hin abe geslagen. 

so enbedorft ich ni. niht henger chlagen 

daz, wsere ein chvrzlicher tot. 

ic. mvz die berhaften nöt. 
15 vn div w°cher der sorgen. 

den äbent vn den morgen» 

beide tach vn naht. 

ob mir ie triwe wart gesläht. 

tragen näch minem chunne. 
20 swer mir nv gvtes gunne. 

der wnsche et daz. ich sterbe. 

e daz. iamer mir erwerbe. 

also herzebseriv leit 

daz. der vnsin die wipheit. 
25 an mir iht entere. 

han ich uon TeRReneRe. 

die höhen flvst vf AutschaNS. 

ei beas amis Viuians. 

wie uil noch ungesippe wip. 

dinen geflorierten lip. 

165 Schvln chlagen dvrch die minne. 
phlach min brvder sinne. 

der was uergezzen ander zit. 
dv dv vnder dem schilte gsebe strit. 
5 der was noch diner ivgende ein last, 
mir sol näch dinem tode. gast, 
iemer sin der ho 



163, 26. niene, so steht, Denecke las falsch nieht. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



109 



167 ') 

20 mrich von NaitiboN. 

waz was erblvet vz diner frvht. 

chivsche. milte. manheit. zvht. 

mir ist zefrv misselvngen. 

an dem clären ivngen. 
25 den div kvneginne Kydvrch mir nam. 

vn in irzoch als ir daz. zam. 

div svzze uon sinem bliche. 

noch manegem wibe diche. 

sol fvgen chlagebsere not. 

et wie getorst dich der tot. 

168 ie gerveren Viuianz. 

vn daz erleit min herz,e ganz. 

brvder markys trvrech man. 

ich sol dich trösten ob ich chan. 
5 darnach als ez mir dar vmbe stät. 

nv gelobe daz, miR nähen gät. 

div svre flvst uon vnser art. 

wa nv von Päue iRmsHARt. 

gedenche ob dv mich hast getragen. 
10 hilf mir ditze leit mit triwen chlagen. 

abe r sprach div kvnegin. 

mine brvder die hie sin. 

nv gedenchet daz, wir sin ein lip. 

ir heizzet man. ich bin ein wip. 
15 da ist niht vnderscheiden. 

niht wan eiu werch vns beiden. 

tragen wir triwe vnder brvst. 

so chlagen vnser gemeine flvst. 

HeimRicHs vn wir zwei 
20 sprach Irmshart uon PavM. 

min svne hie ode swa si sint. 

ir sit min frowe vn ouch min chint. 

wir loben des got vn sagen im danch. 

daz, iuch nv äne ualschen chranch. 
25 erbarmet vnser fliesen. 

alerst nv svln wir chiesen. 

ob irz, der fvrsten frowe . . . 

169 



15 in Romischen riche si. 

den chvnde Bvbe uon KomaRzi. 

der Romischen kuneginne solt. 

vnde denche ob si dir wseren holt. 

vnser mage die wir hän uerlörn. 
20 was nünem brvder hivte zörn. 

daz. ich in so swache enphte. 

wislich erz, doch ane uie. 

daz, ich daz leben brähte dan. 

ich sol den kvnic vn 
25 helfe vngenäde bitten. 

sint die mit ellenthaften siten. 

daz. riebet vnser ungemach. 

si gie her vz. da gein ir sprach. 

der marchgräue WiLLeHALM. 

trvrich was siner stimme galm. 
166 (N)v mvzze senften iwem zorn. 

der andern chrvce het den dorn. 

vf sinem höbet ze einer chröne. 

weit ir näch sinem löne. 
5 mit deheinem dienste ringen. 

ir svlt di riwe bringen. 

für in an dem vrteilleichem tage. 

daz ir nach den sit in chlage. 

di wären vn iv uerchsippe sint. 
10 iwer brvder vn iwer swester kint. 

drizehen uon iwer art. 

die mir TeRRemeRS vberuart. 

nam. er uant vns doch niht äne wer. 

svnder storye vn svnder heR. 
15 vn mir uon svnder lande chömen. 

ieslich hat mir die benomen. 

der riche hohe TeRRenÖRe. 

nv tvt gein siner z,eswen chere. 

der AdämeN worhte. 
20 iwer chvnne daz. vnerforhte. 

gotes unuerz,agtiv hantgetät. 

die mir Tcrrejicr ertötet hät. 

die ergebt an gotes bsermde gröz.. 

vn mänte in daz, er dvreh vns göz. 
25 vf die erde vz, sinen wnden blvt. 

ob er nv helflichen tvt. 

so erbarme ich sine gotheit. 

frowe ez sol och iv wesen leit 

daz, ich bin trvrens erlöst. 

165, 24. ist von jüngerer Hand auf einer leeren Stelle nach- 
getragen, darauf ein ursprüngliches grosses und vom Schreiber 
übersprungenes Loch. 25. un ist ausgestrichen und von der 
jüngern Hand licher darüber geschrieben. 

166, 6. vor riwe ein t ausgekratzt. 16. ieslich und die sind 
durchstrichen, über ersterem von jüngerer Hand der helfte. 



17 iwer ere. 

so daz, ir TeRReaiÖRe. 

ze Oranhc leger wendet. 
20 vn daz, riche erschendet. 

166, 29 bin von jüngerer Hand gestrichen, zwischen trurens 
und erlöst ist-, bin vn darübergeschrieben. 

168, 15. niht ist durch über- und untergesetzte Punkte 

getilgt. 

i) Auf dem äussern und untern Bande dieser Seite sind 
von anderer Hand nachgetragen Y. 15—17: han ich armez wip 
verlorn helde di von mir erborn waren vn ich von in. 



110 



Dr. Franz Pfeiffer 



da$ igh der starchen stange miu. 
nv zedem dritten mal vergaß, 
frowe ir uart mit tvmben siten. 
sprach der kvnich weit ir der helfe biten. 
der an iv hat entert mich, 
het er ba^ enthalden sich. 
25 da$ gediente ich mohte ich dienest hän. 
er ist iwer brvder vn ist min man. 
waz mohte iv daz zestatten chömen. 
er hat mir ere ein teil benömen. 
da$ mvz nv sin stet vf sprach er. 
ich berate mich vmbe iwer geR. 
170 (V)f stvnt div sere chlagende. 
da uon was si beiagende. 
da$ si in ir brvder helfe erwarp. 
des Sit vf AutscHANs erstarp. 
5 manech werder Sarrazin, 
alsvs sprach div kunegin. 
swa^ ich hie fursten mäge hän. 
die gelich ich dem armen man. 
der graue vn der barvn. 
10 ob halt ein s wacher gar^vn. 

uon minem geslaehte wsere erborn. 
den hete div sippe uiht uerlorn. 
swer mir dit^e leit hilfet tragen, 
der sol mir billich armvt chlagen. 
15 (d)en verteg(ic)h also (m)it habe. 

(da)$ er nicht (da)rf wen(ch)en dar abe. 
da$ si den fremeden och benant. 
e$ si ritter ode sariant. 
turcopel. ode swer ^e strite icht tvge. 
20 ob ditze msere iht verre fluge. 
ez warp mit chraft helfe grö^. 
des div sivzze Kyrurch wol genö$. 
do sprach Bbrnhart uon Brvbant. 
ob ich herrliche hant. 
mit gä 



'11^ dern boten ich dich wer. 7 a 

der vns die stange bringet her. 
25 ein wol geriten sardiant. 

nach der stange wart gesant. 

er rseit hinz Oranges wider. 

da div stange was geleget nider. 

ein tweder karratsch ode wägen. 

nach dem her hie stange mvse tragen. 
.'{16 (H)eimrich vnt siniv chint. 

vnt ovch die andern fvrsten sint. 

170, 13. vor tragen ist rechen durch Punkte getilgt. 
15. 16. sind am äussern Bande von anderer Hand nachgetragen 
und durch Beschneiden des Blattes verslümmelt. 



chomen an ein schone stät. 

da man$ her sich legen bät. 
5 wol geherberget wart daz velt. 

premervn vnt ander gezelt. 

ekkube tri eisten vnt Tvlänt. 

man vil da vf geslagen vant. 

e da$ her sich gar geleget nider. 
10 rennwart chom sin stange wider. 

mit der nachhvte. 

des was im wol zemvte. 

alda lagen si die naht. 

des morgens gern der heiden maht. 
15 sich daz her begvnde vnbören. 

man moht da w°nder hören. 

von businen vnt von andrem schalle. 

nv wolt si aber alle. 

Rennwart vmbegähen. 
20 die verren vnt die nähen. 

dort ein storie div ander hie. 

er wolde brvven dise vnt die. 

Schilde vnt ir banier baz. 

vnz er der stange sin vergaz,. 
25 die herberge w°rden ange^vnt. 

do si so verre fvren do wart chvnt. 

mit zorn dem ivngen sardiant. 

da^ div stange wer in siner hant. 

nicht dannen was gevolget mit. 

in sinem herzen w°hs vnsit. 
31' (S) chämt er sich gester sere. 

ez wart ^wiernt mere. 

er sprach nv hat mir tumpheit. 

aber gefvget herceleit. 
5 deu scheidet sich selten von mir. 

swer dem grimmigen veder spil die gir. 

verhabet da^ han ich doch gesehen. 

man mvz im danach blvcheit iehen. 

ich han min selbes gir verhabet. 
10 wider vf die strazze wart gedrabet. 

snelheit er zeigten siniv bein. 

der knappe hvp sich dan al ein. 

ein ors von solhsem kolopei^. 

mvse reren sinen swei5j. 
15 daz im gevolget solde hän. 

so gah was im wider dän. 

er tivch harnasch ob al den liden. 

sin zvcht daz chunde nicht gefriden. 

sin manheit het großen zorn. 
20 ze gesellen fvr hohen nvvt erehörn. 

er sprach waz w°ndeis mach ditz sin. 



317, 17 zwischen al und den steht sin durchstrichet 



• Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



111 



daz. mir div | werdicheit ir haz. 7 
25 nicht anders mach erzeigen, 
ich wen daz svln die veigen. 
bringen wider des todes zil. 
waz ob mich versuchen wil. 
der aller w°nder hat gewalt. 
ob min manheit sie balt. 

318 (I)ch liez dvrch zvht vnt ovch dvrch schem. 
daz ich ze disem vnt ovch zedem. 

nicht sprach min wider cheren. 

daz sol min laster meren. 
5 si w«nent ich si entrönnen. 

ich han mich des versvnnen. 

wirt min herre dort bestanden. 

der grozzen hovpt schänden. 

svln min mage enphlihte han. 
10 ez. honet manigen edeln män. 

di sint erborn vz. miner art. 

man wenet daz min wider vart. 

si dvrch zagheit erdaht. 

da mit der chvs wser versmaht. 
15 den mir gap siner swester chint. 

bi der in strite beidiv sint. 

min herze vnt des hercen wille. 

swige ich des lasters stille. 

ez wirt doch an mich gesaget. 
20 nv chom der ivnge vnverzägt 

da die hvtten von lovbe. 

von röre vnt von schovbe. 

waren verbrvnnen vnt begvnden brinnen. 

er chvnde sich nicht versinnen. 
25 wa sin starchiv stange lach. 

vil vmbeswseiffes er do phlach. 

besenget was sin stange. 

daz sovmet in hart lange 

vn^ er sie verloschen vant. 

si was swarz als ein bränt. 

319 (N)vn rvchet was sie e wseher. 
si ist nv vester vnt zeher. 

er zvchte si vz dem fiwer. 
vnt lief gein aventiüre. 
5 der marcgrave was so nahen chömen. 
vf einen berch het er genomen. 
siner hselffer vil dvrch schöwen. 
an den halden vnt an den owen. 
hiez er stille haben sin her. 
10 zwischen dem gebirge vnt dem mer. 
bi Larkant lach Terremer. 
der chreftich von arde her. 

317, 30. balt aus bezalt gebessert, daher auch sie = si. 

318, 25. vil aus wil gebessert. 



vnd von siner hohen werdicheit. 

vf alitschanz dem velde breit 
15 sin chraft man moht erchennen. 

solt ich si svnder nennen. 

die mit großer zer da lägen. 

vnt sunder ringe phlägen. 

livte vnt lant mit namen zil. 
20 so het ich arbeitte vil. 

so beherberget was daz velt. 

nicht wan mer vnt gefeit. 

sahen die des namen wären. 

des begvnde zwiveln etlich schär. 
25 die vil genendichliche. 

e diche infranchriche. 

bezalt 6 " bris mit vngemach. 

der marcgrave ze in allen sprach. 

frivnde | herce unt viende chraft. 8" 

nv prvue iglich geselleschaft. 
320 (D)ie hie dvrch got sin vnt dvrch mich. 

ieglich man bedenche sich. 

wa$ er mit strite welle tvn. 

dort lit der chanabevs svn. 
5 terremer der riche. 

also gewaltichliche 

daz^ wir fvr war da vinden strit. 

nv mvz ich fragen des ist zit. 

wer vehtens welle ernenden. 
10 got sol iv allen senden. 

in iwer herze solhen mvt. 

da$ ir iv selben rehte tvt. 

ze ewer deheinem han ich da^ ervorht 

doch w°urde daz gotis her e 

15 hvbe vnser deheiner hie die flvht. 

islich man dvrich sin zvht. 

Sprech als erz; in dem herben weisj. 

als vns nv manich pvnei^. 

ze gegen strite dringet. 
20 swenne dan sin her^e twinget. 

wider hinder sich vnt nicht her fvr. 

der habet hie ba^ ander tvr. 

daz, er wider chere. 

danne er die flvht dort mere. 
25 islich fvrste sin man. 

sprach swem got der seiden gän. 

daz, er mir ritters vrtfeil. 

vmbe daz. endelose heil. 

noch hivte wirb et wol den wärt. 

siner her chomenden värt. 



319, 17. zer ist in her gebessert. 

320, 14. ist von anderer Hand zwischengeschriehen. 



112 



Dr. Franz Pfeiffer 



321 (L)vis der römische chrone trvch. 

het fvrsten dar genvch. 

mit grozzer riter schapht gesaut. 

di w°rden almeistich da geschant. 
5 etliche namen in ir mvt. 

do si der heiden solich flvt. 

dort vor in ligen sähen. 

si wolten wider gäben. 

gein den landen zefranchriche. 
1Ü sich berieten svmeliche. 

vnt nämen vrlovp zevarn wider. 

daz gerov sie mit schäm sider. 

swaz, ze Oranges vf dem paläs 

bet gein in ergangen was. 
15 michels mere man si hie bät. 

sie namen vrlovp an der stat 

vnt iahen bi ir ziten. 

intvrnoy vnt in striten. 

mohten si da hefme behalten pris. 
20 sin wolden niemmens tserkis. 

da sin dehein wile. 

daz, iemen sin phile. 

in si da dorfte stechen. 

si begvnden wider trechen. 
25 schamlich wider wenden. 

div chrvce solden sehenden. 

div an si wären gemaehet. 

ich dinge daz, ir icht lachet. 

als ir nv freischet wie ez, in erget. 

alda si Kennwart bestet. 
322 der maBiilieh vH vnverzägt. 

vnt der manigen pris beiagt. 

nv meine ich abir der markys. 

sprach den endlosen pris. 
5 nv werbent die beliben. 

die sint die vnvertriben. 

von der dvrchslagen zeswen | hant. 

div fvr div heilichen bant. 

an dem ervee sin blvt dvreh vns vergoß. 
10 die selben hant noch nie bedroz. 

(S) werz mit einvaltem dienst erholt. 

sin taeil den endlosen solt. 

die beliben sint zeder selde erweit. 

swer die schal vor hin dan schelt. 
15 der sieht alrerst den eherne. 

noch hivte schuln wier lerne. 

wie div gotes zeswe vns lones gibt. 

dehein sterne ist so lieht. 

ern fvrbe sich etswenne. 
20 nun rvchet lat sin waz denne. 

sint vns die harslihtser entriten. 



8" 



sint div wip da hseime mit rehten siten. 
si ertseilnt in drvmbe alsolchen haz,. 
daz, in stvnde hie beliben bäz. 
25 wir mvgen hie sunde bvzzen. 
vnt doch werben wibe grvzzen. 
vater vnt bruder nv nenite war. 
vnd prvuen wie manich schär, 
wir wellen haben mit der zäl. 
daz, ste nv ander wisen wäl. 

323 (D)eR römischen kuneginne solt. 
wart nv mit prise da geholt. 

vnt die von pavie Irmdiscart. 

het erchovfet vf die vart. 
5 dern weder von den heiden. 

dvreh flveht wolde scheiden. 

siner swester siner mvter her. 

bi dem markis beliben zewer. 

die da vor diche ernanten. 
10 vnt manigen stvrm erchänten. 

scharten sich zefvnf schäm. 

inne des die flvhtigen wären gevarn. 

in die enge zepititbvnt. 

wider satz,e wart in da kvnt. 
15 inne des si zogten her. 

manger slaht wart ir ger. 

etlicher wolt sehen wip. 

so wolt der ander sinen lip. 

aeisiern mit maniger säche. 
20 nach dem grozzen vngemache. 

daz, er vnsanfte was gelegen. 

da fvr der ander wolt phlegen. 

ventvse an sich setzen. 

vnt arbeit sich ergetzen. 
25 der sprach daz nie so gvt gezelt. 

chome vf wisen noch vf velt. 

er nseme ein chemenäten. 

da für wol beraten. 

mit semften phluiniten. 

toren solden striten. 

324 mit so manigen sarrazinen. 
wir suln vz, disen pinen. 

da wir gemach vinden groz,. 

ia sint der Sarrazin ee geschoz,. 
5 gelvppet sam der nätern piz,. 

si wellent daz, dehein pilwiz.. 

sie da schiezze dvreh div chnie. 

Rennwart sach llvchtich sie. 

dem was mit zorn gein in gäch. 
10 e da^ er ze ir deh einem icht sprach. 

ir lagen wol fvnf vnt virzich tot. 

sine mohten von der grozzen not. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



113 



nicht entwichen an der enge, 
ez. dvchte si harte lenge. 
15 e si gewannen chvn 

333 dv solt die flvhtigen haben dir 
ein der kuniginne soldier. 

het sich verstoln dvrch sinen pris. 

vz. der schar von dem markis. 
15 des man im sit fvr eilen iach. 

einen wartman er halden sach. 

vz. der beiden her aldar geriten. 

da wart thiostiern nicht vermiten. 

in het da niemen mer gesehen. 
20 da mvse ein solich tyost geschehen. 

des der fronz.ois vnt der Sarrazin. 

bede gepriset mvsen sin. 

der häiiden sinen pvneiz.. 

so ser nam vz. dem kalopseiz. 
25 daz, sin thiöst wart mit chrache hei. 

der fronzois reit sein ors snel. 

daz, er mit sporn so sere treip. 

dem Sarrazin sin sper beleip. 

dvrch den arme e dvrich den schilt. 

mit hvrtte vnz. vf die brvst gezilt. 

334 der fronzios fvrt des beiden sper. 
in sinem schilte wider he~r. 
(D)es sarraz.ines chere. 

was wider gein terremere. 
5 da die dri nagel sint bechant. 

ein sper dvrich sinen schilt man vant. 

svs sol der wartman wider chomen. 

schiere daz. mer wart vernomen. 

an terremers ringe. 
10 daz. die cherlinge. 

mit scharn riten gein alitschanz,. 

thesereiz, vnt vivianz.. 

gerochen w°rden ze beder sit. 

nv nahet ez, der vrteillichen vit. 
15 daz man mit swerten mvz. beiagen. 

swer signvnft dannen sol tragen. 

der wartman mit zorne sprach. 

do er Terremern sitzen sach. 

swaz. chvmbers iwerm her geschiht. 
20 daz. weit ir haben doch fvr nicht. 

ir liget vn erwärmet (so). 

daz ir noch hivte erärnet. 

nv sseht waz ewer chvnft des tv. 

die franzoiser ritent zv. 
25 ir mohtes ivch vor wol han bedaht. 

hinte was div dritte naht. 

fronzoiser hardiern. 

vns wol chvnde pvngiern. 

Denkschriften der phil.-histor. Cl. XVII. Bd. 



9* 



iemmer swa div enge was. 
die selben rieften Tandernäs. 

335 (D)a verlvst ir livte vnt habe, 
ich wart alda gestochen abe. 
bi dem man schine. 

min thiost ovch lerte pine. 
5 einen riter der mich valte nider 

daz, selbe tet ich im hin wider. 

swa iemn chvmber dvrich ivch neme. 

daz. ahtet ir als ein chleiniv brem. 

vil vf einen großen owür. 
10 Killams der chvne pvnivr. 

fvret vz, der fronzoiser lant. 

manige thiostivre nach prise erchant. 

ich bins der Thaschtelivr von cler. 

gein der fron^oiser her. 
15 han ich sein | lifstvnt gestriten. 

da^ wirt ovch heute nicht vermiten. 

tiebalt ist der herre min. 

der sol noch hivte der erste sin. 

an die riter ob irs erlovbet im. 
20 daz. selbe vrloup ich von iv nim. 

terremer zedem wartman sprach. 

helt mir ist leit din vngemach. 

din cursit ist blvtes naz,. 

man sol dvrich rehte dich haben baz. 
25 denne einen der dise thiost verlach 

der diner hoher mvt do phlach. 

dv bringest wartmannes mal. 

nv sage mir helt an svnder twäl. 

der fronz.oiser gelegenheit. 

ob si entrvnnen daz wer mit leit. 

336 (N)v gelovbet mir sprach thaschelivr. 
willehalmes her dvi'ich aventiure. 
noch hivte wagent manigen lip. 

daz. arabel mins herren wip. 
5 ie von brvsten wart genomen. 

daz, mach vns wol ze vnstaten chomen. 

ir seht si schiere zv ev varn. 

mit sehs geflorieiten scharn. 

da chomen die gerade minne. 
10 nach prises gewinne. 

daz, beweinet etsliches amie. 

ieslicher schar chrie. 

han ich sunder gehört. 

da des riches van haldet dort. 
15 die rvftent alle Rennwart. 

daz, gehört ich uie me vf ir värt, 

fronzoiser wellent ez, wagen. 



335,19. im über durchstrichenes mir gesetzt. 

15 



Iii Dr. Fr, 

iwern mannen vnt iwern inägen. 

vut von friendeu den gestern 
20 wil hivte zeschaden glesten. 

des sternuz. des lnargraven vanen. 

nv solt ir ehnierseiz, nianen. 

vierteilen kunige mit sunder her. 

braht er mit im vber mer. 
25 der w°rden im siben alhie erslagen. 

wil der toten kunige her nv cblagen. 

genendich ir herren tot. 

des chomen die fronzoiser in not. 

wir hau hie volches dannoch mser. 

in dem selben herze ser. 

337 (T)erremer der riche. 
sinem rehte sprach geliche. 
bistvz. von cleR der Thaschtelivr. 
der so manige aventivr. 

5 mit spern hat versuchet. 

swes danne din wille gervchet. 

an mich mit leben vnt mit gebe. 

des wart vf mich die wile ich lebe. 

dar zv hast dv der wibe Ion. 
10 vnt in manigen landen eilen dön. 

da man sprichet din werdicheit. 

div ist bediv hohe vnt breit. 

sage mir sprach der von TenabRi. 

wsere dv fronzoysernso nahen bi. 
15 daz. dv ir chrie horist svnder. 

chvmt Lois dar vnder. 

des hovpt romische chröne treget 

des wirt al min maht erweget. 1U' 

dv gihest da chom des riches vän. 
20 billich ich gein des chvnfte man. 

riche vnt arme swen ich mach. 

vns ist erschinen des geltes tach. 

daz. wir pinels tot. 

sculn cblagen mit der getovften not. 
25 thesersei^ vn Noppatris. 

die zwene kunige manigen pris. 

heten vnt der brüder min. 

aroffel des nrvz, ich sin. 

an frevde ich gereche sie. 

ich bit ivch alle dise vnt die. 

338 (F)vrsten vz. der kunige her. 

die dvrch vnsern got alhie ze wer. 
vnt dvrich div wip den lip verlvrn. 
die vf alitschans den tot erchCrn. 
5 ewer dehcinen des betrage, 
rechet hcrrem (so) vnt mage. 
ir habet alle wol vernomen. 
der scüldehaften sju chomen. 



s T z Pfeiffer 

in miner ivgent chvnde ich den lip. 
10 wol zimiern dvrich div wip. 

daz. erteil ich noch den ivngen. 

do mir erste die grän sprvngen. 

mich nam div minne in ir gebot. 

noch serre denne dehein min got. 
15 dvrich die got vnt durich die minne. 

nach prises gewinne. 

scvln wir noch hivte werben. 

also daz, vor vns sterben. 

Rois romsere. 
20 da ich billicher waire. 

herre ir bort michs lange chlagen. 

min hovpte scvlt romische chrone tragen. 
25 vf romisch chrone sprach ich svs. 

der edel Pompeijvs. 

von des gesiebte bin ich erbörn. 

ich han die vordervnge nicht verlorn. 

der wart von romischer chrone vertriben. 

ze vnrehte ist manich kunich beliben. 
339 da sit vf minem erbe. 

ich warne ez. noch manigen sterbe. 

(F)vr Terremer was geboten. 

bi al der heidenseheft goten. 
5 vnt ovch bi sin selbes chraft. 

maniger witen geselleschaft. 

kunige von manigen landen. 

die sprachen ovch von den schänden. 

die der heilige Tervigant. 
10 vnt Machmet het erchant. 

vnt ir werder got apolle. 

si sprachen ovch von dem z.olle. 

den si dem tode mvsen geben. 

si iahen in wiere vnnier daz. leben. 
15 sin gersechen e den schaden baz.. 

an disem rate maniger saz.. 

eskelier vnt Emmeräle. 

amma^vr al ze male. 

vnt die hohsten kunige vber al daz. her. 
20 etslicher vber daz, | fvnfte mer. 10 b 

mit maniger rotte dar was chomen. 

beten marncr von den icht genomen. 

daz, ahte ich nicht für w°nder. 

da sazzen ovch besvnder. 
25 vi) fvrsten die da heten verlorn. 

ir herren dvrch daz, wart geswörn. 

ein hervart vf die Christenheit. 

si wolden rechen herceleit. 



338, 23. 24. fehlen — l. 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



115 



vnt al ir goten fvgen pris. 

Oranshe vnt Paris. 
340 sie zerfvren solden. 

darnach sie fvrbaz; wolden. 

(V)f die Christenheit dvrich räche. 

terremer den stvl daz, äche. 
5 wolde besitzen, vnt danne ze röme värn. 

siner got pris also bewärn. 

die iesvs helffe wolden leben. 

da$ die dem tode w*ren ergeben. 

svs wolte er romische chröne. 
10 vor sinen goten schone. 

vnt von den (so) heidenscheft tragen. 

do der wartman svs begvnde sagen. 

div hervart wart wendich. 

terremer was genendich. 
15 er sprach ewer aller helfe ich ger. 

der Charls svn da gefn vns her. 

ritet sit daz, des riches van. 

von den kristen ist gebvnden an. 

si bringent ir rehten hovpt man. 
20 des vater mir vil hat getan. 

nemet alle mines gebotes wär. 

ich wil haben liehen schär. 

der islichiv baz, gerottlert si. 

danne der gröbsten schar dri. 
25 die min veter Baligän. 



in stvrme gein charl mohte hän. 

swie vil mir hers si tot gevalt. 

ich han noch hers vngex,alt. 

daz, iz, nremen wol geprvven mach. 

swem herre ode mach hie tot belach. 
341 ode svs sin liebe geselle. 

der rech ez, ob er welle. 

(D)a nach als in sin eilen man. 

neve Halzebler nv sol clin vfm. 
5 luvte zemersten an die ritter sin. 

ich getrowe wol der manheit din. 

die fvrsten zedir der vnder nim. 

Pinels her von assim. 

den mir cator sande. 
10 werdichliche vz sinem lande. 

ern het chindes nicht wan in. 

Pinels ich immer iamerch bin. 

der vater ist min (so) dem siin erslagen. 

ich meine so ser beginnet er chlagen. 
J 5 ich schaffe oveh zv dem vanen din. 

die von Oraste gentesln. 

die der svzze Noppatris. 

braht. die hant manigen pris. 

erstriten mit rorinen spern. 
20 die beginnent oveh hvte thiost gern. 

ir herren herce trvch ein wip. 

dvreh die verlose er 



2. 

Zwei schon von Lachmann benutzte und w bezeichnete Blätter (s. Wolfram S. XXXVII). 
Das Format ist nicht Quart, sondern Folio, und was das Alter anbelangt, worüber Lachmann 
sich nicht geäussert , so gehören sie noch dem 13. Jahrhundert an. Die Schriftzüge zeigen 
den starken kräftigen Charakter, wie ihn um diese Zeit die thüringischen Handschriften an 
sich tragen. Dass sie wirklich dort geschrieben ist, lehrt überdies die Orthographie, die den 
mitteldeutschen Ursprung nicht verläugnet. Dies ist auch der Grund, warum ich den Inhalt 
des ersten Blattes hier mittheile. 



388 zv eynem hufen er den slük. 
da bleip der heidenscaft genük. 
tot vor rennewartes hant. 

er warp nicht anders vmbe pfant. 
25 berchtram was im sippe nicht, 
rennewarten men anders gicht. 
vor sinen scar genozen. 
Mit starken siegen grozen. 
Franzoyser wurden nicht gespart. 
Se begünden rufen rennewart. 

389 Se wolten uristen gerne ir leben. 



1" daz herzeychen was in gegeben, 

do sich der markis scarte. 
vn des riches vanen bewarte. 
5 franzoyser wart da kvrnber kvnt. 
weren se über pytipunt. 
Mit gemache heym geuaren 
So.ne waren se mit so grozen scaren. 
So vngeuochlichen nicht getret. 
10 da wart echmereyz beret. 

vn der kvninc tybalt von kler. 
von des stolzen iosuweyzes her. 

15 * 



116 



Dr. Franz Pfeiffer 



der solt iz billichen tun. 

Josuweyzes basen tochter sün. 
15 was der süze kvninc eebruereyz. 

sines rieben magen puneyz. 

was im da zv staten komen. 

da wart gegeben vn genomen. 

. .nres bürte als eyn wölken ris. 
20 nv kom von raabs poyduwis. 

der rnanlich vn der bokgemüt. 

der vürte manigen ritter güt. 

Men höret von sime eilen iehen. 

bi vienden wart er nie gesehen. 
25 er nesehiede dan gepriset. 

Manich thyost hat in gewiset. 

dat sin vülle hant wart lere. 

zv eynem forestere. 

kvr ich vngerne sine hant. 

sit der walt von im so verswant. 
390 Men tut von siner thioste kvnt. 

der swarze walt vn virgunt. 



Müsen da von ode ligen. 

daz ligen solt ich han verswigen. 
5 beginnet itslicher sprechen. 

wenet er selbe brechen. 

den walt eyn ander man. 

vn habe er uerre hin dan. 

der kvninc poyduwiz von raabs. 
10 Wider stapfes noch draabs. 

kom geuaren in den strit. 

er vür rechte so men da git 

den orsen wunden mit den sporn. 

Im was uffe terramere zorn. 
15 daz er in nach siben scaren. 

alrest geyn ritterscaft hiez varen. 

Ich vüre so manegen werden man. 
vz andren kvninrichen (so). 
20 Daz ich billiche. 

Solte den bühurt han irhaben. 



3. 

Ein verstümmeltes Pergamentblatt, 13. /14. Jahrhundert, Folio, in Spalten zu ursprüng- 
lich 42 Zeilen, Cod. germ. 193 (früher Fragm. Mss. e, 14). Es besteht aus drei der Länge 
nach durchschnittenen Streifen, die als Buchfalze verwendet wurden, von denen zwei die Breite 
von drei, der dritte kaum die Eines Fingers hat. Ganz vollständig ist keine Spalte erhalten, 
oben sind sechs Zeilen und zwischen den beiden grossem Streifen ein kleinerer weggeschnitten. 
Das Erhaltene (435, 10 — 436, 15. 436, 22 — 437, 26. 438, 2 — 439, 7. 439, 13 — 440, 18.) 
hat ausserdem durch Leim und Reiben gelitten. Ich gebe daher nur die erste, noch am besten 
aussehende Spalte. Der Text stimmt zu keiner der bekannten Handschriften. Dass er in 
Thüringen geschrieben, ist aus Sprachformen, wie 435, 15 he?' = er. 436, 4. hoen; 4. 7. kein 
= gein\ 6. 9. men] 11. vlun = vluhen ersichtlich. 



435 

10 Svs wrden die da waren 

verdrveket von deme tovfe 

so der edele vorlovfe 

der siner grvze nicht verzaget 

vn vngesvnt doch nach ia . . . 
15 swenne her geswimmet dvreh. 

dannoch manich kobervng 

an der Ritterscaft der sarraz . . 

daz tet wol vf der verte sein 

Fabors vn kanlyvn 
20 vn Emi'z thiebaldes svn 

daz si wol kobern konden. 

Swa sie bekvmmert vnden 



Beide ir mage vn ir man 
Den hvlfen sie also dan 
25 Des ir ritterscaft hatte ere 
Dannoch hardierten sere 
Die getovften zv mit kalopei 
Mochte ir hvrten goteweiz 
Vf den wnden orsen sin getan 
So were da phandes me Verlan 
436 Do entweich der riebe adm. . . 

Des enwas do dehein a 

Vf sime orse brahane 
kein der hoen montane 
5 kerte sines heres gnvc 
Des men da sit vil erslvc 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 



117 



Etsliche kein des meres stad . • 
AI gewapen hien zvm bade 
Mengen vursten men keren s . . . 
10 Des han qwesten nie ges . . . 
Eteliche vlvn in daz mvr 



Manich siden zeltsnvr 
wart vf der sla enzwei get . . . 
Da wart man vn ors gew. . . 
15 In dem wazzer larkant 



II. 

WIENER BRUCHSTÜCK. 

Ein Pergamentdoppelblatt in Quart und Spalten zu 31 Zeilen, 13/14. Jahrhundert, auf der 
k. k. Hofbibliothek, Cod. Vindob. 12850 (früher Suppl. 270). Kräftige deutliche Schrift. 
Die ersten Buchstaben stehen zwischen senkrechten, die Verse zwischen wagrechten, mit 
Dinte gezogenen Linien. Die Initialen sind roth. Von Bl. l bc ist der Länge nach ein Streifen 
mit fast der Hälfte der Schrift weggeschnitten. 

Die Heimat der Handschrift ist, wie die Orthographie deutlich zeigt, Mitteldeutschland. 
Der Text stimmt mit den Handschriften l. o. p. 



260 D ancketen der kunigin 

D az sie irs vater rat vber gienc 
v n von magen noch von sune intfienc 
5 D ikein ir sunder vrbot 

S ie iahen sie hette den hosten got 
v n die werdicliche minne 
M it getruwelichem sinne 
A n den marcgrauen gekeret 

10 v n ir wipheit gemeret 

D o sprach bernart von brubant 
M inen sun man bi den vienden vant 
D en phallenzgrauen menlich 
D ie andern sibene ir ieglich 

15 V on arde mine mage sint 

D er achte ist vor war min kint. 
D er neheiner ist mir so trat 
I ch enlieze sennen von siner hut 
S niden. e daz thyebalt 

20 G yburge vns neme mit gewalt 

der sie ab uns irkovfte 

v n des prises vns bestroufte 

1 ch höre wol vrouwe sprach der wirt 
v wer blic die heiden nicht verbirt 

25 I r sit in an den ougen noch 
S ie muzen mir des iehen doch 
w az sie mine mage hant 
A n uch han ich wol vur die phant 
S ie suln aber andern bürgen nemen 
O b sie strites kan gezemen 

261 D er wirt claite sere 

D az der ritter was nicht mere 



10 



v 
E 
b 
I 

M 
S 
I 

v 
S 

s 

a 
h 

15 D 
w 
G 
T 
h 
h 
w 
M 
D 
v 

V 

M 

A 

I 

w 

h 

262 I 
D 
I 



20 



25 



z dem her kume .... 
r sprach uf dem p . . . . 
an ich ir ettewa .... 
r muget wol mi . . . . 
iner mage tot des 1 . . . 
ulche heimsture .... 
z ist manic min vber g . 
f minen schaden da . . 

oldez thyebalt ha 

ulch hervart we 

ne terrameres g 

et is im geholfen .... 
o sprach er vater m . . . 

ie du die vursten 

ebut hie als zu i ... . 
uez durch den g. . . . 
eiz din ammech. . . . 
ie uffe dienen hu ... . 
az ich truchtsezen o . . . 
arschalc vn käme .... 
a sie den heiden sc. . . 
n nicht den vanen i. . . 
nz sich ir reinez bl . . . . 
in verlust ist ane m . . . 
n manigem herzen . . . 
ch clage als ich zi . . . . 
and ich han ir ma .... 

eiz die dine grife 

ch bedachtez e wol . . . 

ie mine nu tun d 

r bekennet nu wol. . . . 



118 



Dr. Fkanz Pfeiffer 



nit züchten so sin brot 

5 sine solden leben 

schone han gegeben 

che vur getragen 

da von nicht me sagen 

ir da heime sin 

10 ab e die ist wol min 

uch mir min vrvwe gan 

h zwiuel nie gewan 

ch sie gerne 

che todyerne 

15 vn araby 

iden legen vri 

dienste weren benant 

ich alle in uwer hant 

durch dise armut 

20 wers suns gut 

1 kum irwerten 

irz virzerten 

n die den irz gebt 

uwerme geböte lebt 

25 bruder uwer kinde 

ingesinde 

h Verluste ruwic sin 

....... .helfe ist worden schin 

zu uch virsach 

urm oransche brach. 

2ß3 prach der grise man 

ich mac oder kan 

istes von mir gewert 

mines rates gert 

5 A lle mine mage vn mine kint 
M it truwen zu uwerm geböte sint 
D ie kunigin er sitzen bat 
E r iach sie solde die selbe stat 
h aben vn die vrouwelin 

10 L at mich hüte wirt hie sin 

I ch kume her wider zuzuch dran 
M it urloube gienc er dan 
I n siner hant was ein stap 
D az sitzen er mit truwen gap 

15 D em hingen kunige von tandarnas 
E ine site uf dem palas 
D ie gein der kunigin über stunt 
E r tet dem schetis e kunt 
E r sold dem kunige sitzen bi 

20 v n buue von cumaroy 
v n bernart von brubant 
D ie viere heten eine want 
D ie vursten uz vrancriche 
E r do satzte ritterliche 



l d 



25 D ie der romisch kunic sante dar 
E r bat ir schone nemen war 
v n hiez ir werde ritter phlegen 
E r wünschte daz der gotes segen 
D ie spise in lieze wol gezemen 
E r bat siez willecliche nemen 

264 w az wurde alda von in verzert 
D az, heten vrvwen hende irwert 
G ein starker viende uberlast 
M anic vngetoufter gast 
5 D ie hau ir zorn hie nicht gespart 



272 I n diweders riche irwarp 

N ie muter sit so clare vrucht 
E r hat kuschliche zucht 

21 M in herze gicht ettewes uf in 
D arumme ich dicke truric bin 
S it hüte morgen daz ichn sach 
M ir sol vroude oder vngemach 

25 v il schiere von siner kunft gesehen 
I ch muz im antlizes ien 
A ls ieclich min gesiechte hat 
M in herze mich des nicht irlat 
I chn si im holt ichn weiz vmme waz 
S o treit er lichte gein mir haz. 

273 Rennewart der iunge sariant 
G ienc da er sinen herren*vant 

v il schiere dem marcgrauen kunt 
was daz sin vrunt vor im stunt 
5 D em bot er minneclichen gruz 

E r sprach durch zucht ich werben muz 
G enc zu houe vor die wirtin 
v n vor den der so blanken schin 
D ort hat sie sin dienstes wert 
10 Nu sich wie lobelich er gert 
E r ist mir nicht vmmere 
D er selbe muzere 

E r irvluge den chranch wurf ichen dar 

E r ist deme gelich gevar 
15 H erre sprach rennewart 

M in dienst blibet im vngespart 

v n allen dies geruchen 

D ies gutliche virsuchen 

S us gienc der ellens riche 
20 v or die kunigin gezogentlicke 

h eimrich rief an den wirt 

w az ob diu gast nicht virbirt 

E rn biete vns sinen zorn 

D en habe wir ane schult irkorn 
25 I ch dol vor dich waz er dir tut. 



Ol, 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. II. 119 



S ine vnbescheidelichen mut 
S us sprach des landes herre 
E r was mit mir der erre 
h ute morgen da her in 
E r kan wol vrunt vn vient sin 

274 Die tauel was kurtz vn breit 
h eimrich bat durch gesellekeit 
v fen teppec an der tauein ort 
R ennewarten sitzen dort 

5 B i der kuniginne nahen 

D az enkonde ir nicht versmahen 

D er knappe saz mit züchten dar 

h eimrich nam siner siten war 
11 D ie kuniginne nicht virdroz 

D az tischlachen gein sime schoz 

M it guten willen ructe 

R ennewart sich nigens bucte 
15 S wie die kunigin ob im saz 

S in houbt was vil hoher baz 

D az muste von siner groze sin 

S ie vn er ir beider schin 

S ich konde alsus virmeren 
20 A ls ob sie beide weren 

v f ein ingesigel gedruct 

v n gahes da von gezuct 2 C 

I z vnderschiet niwan sin grau 

I ch wolde wer sie nu her dan 
25 M an kur den man vor daz wip 

S o gelich was ir beider lip 

M it mete. mit wine. mit claret 

D urch des alclen heimliches bet 

w art sin gephlogen so zu stunt 

B az dan im vor ie were kunt 

275 Er irschoub also der wangen want 
M it spise dier da vor im vant 

D az iz dan nicht dorfte snien 

I z en heten zehen bien 

v zme napfe nicht so uil gesogen 

M ichn haben die drucke sin betrogen. 

S ie beide wenic azen 

D ie inz da heten gelazen 



273, 26 vom zweiten n-Strich fehlt ein Stück, so dass es 
leicht ein r sein kann. 

274, 9. 10 fehlen wie lop. 
274, 13. 14 fehlen wie I. 



v f den tauein gestanden 
10 S ie waren in sorgen banden 

G estrickt mercket wie daz si 

I r geberden was doch vroude bi 

v il knappen quamen gegangen 

D ie wolden sine Stangen 
15 h an geruct vn hin getragen 

S ien mochte ein starker wagen 

D arunder mochte irkrachen 

R ennewart begonde lachen 

E r sprach zu in ir spottet min 
20 w an lat ir sulchez schimpfen sin 

D az ir mit miner Stangen tut 

der ich irzurne etliches mut 

1 r wolt sie heben als uwern toten 2 d 
I ch swer uch bi dem zweiboten 

25 D er do wont in galicia 

J acob heizent sie in da 

w olt ir nicht lazen sulchez spil 

I s wirt etlichem gar zu vil 

I ch ezze dise spise 

B az dan ein deine zise 
276 M ochtich vor uwerme schimpfe 

h ut uch vor vngelimpfe. 

REiinewarte was zur spise gach 

I aendorfte nieman nigen nach 
5 D es er von tauein sente 

S iropel mit picmente 

C laret vn moraz 

D ie starken wine geviel im baz 

D an in der kuchen daz wazer 
10 D ie spise vngesmehet azer 

D och larten vngewonheit 

D az starke trinken in vberstreit 

S ine kusche zucht vn lart in zorn 

D en edeln hohen wolgeborn 
15 v il knappen der iungen 

S ich mit der Stangen drangen 

v ntz sie si nider valten 

v n den palas irschalten 

R ennewart spranc von der tauein dar 
20 D ie knappen intwichen im so gar 

D az er ir wenic bie im vant 

E r nam daz drum in eine hant 

E in knappe was geslichen 



120 



Dr. Franz Pfeiffer 



III. 

PFEIFFEKS BEUCHSTÜCK. 

Ein Pergainentblatt, grösstes Folio (12 Wiener Zoll breit und ungefähr 14" hoch), in 
Spalten zu ursprünglich 62 Zeilen, in meinem Besitz. Ich fand das Blatt, als Actenumschlag 
verwendet, im Herbst 1865 zu Salzburg. Es ist unten beschnitten und fehlen auf jeder Spalte 
11 Verse. Die äussere Seite, Spalte c d, ist zum Theil abgerieben, und sonst auch die Schrift 
durch Schmutz und Nässe verdorben, so dass nicht mehr Alles mit voller Sicherheit zu lesen 
ist. Die Initialen sind durchaus roth. Abkürzungen fehlen gänzlich. 



92 S was ich hasse ie gewan 

W an ich gen dir nicht zorn chan 
N u geben paide an ander trost 
W ir sein doch traurens vuerlost 

93 T\ Es wortes Kyburch ser erschrache 
JJ Si gedacht ob ich in fragen mache 

D er rehten maer van Alitschancz 
b er selb vnd Finiancz 
5 D as veld behalten mit gewalt 
G egen dem kunich Tybalt 

der wie es ergangen waer 
A 1 wainent si fragt der maer 
W a ist der chlar Finiancz 

10 M ile vnd Gwigrimancz 

A we dein ains chomendev vart 
W a ist Witschart vnd Gerhart 
D ie geprüder van Blaui 

V nd dein geslacht aus Gommarzi 
15 Sampson vnd Lozzerancz 

V nd Hues van Melancz 

V nd der pfalczgraf Berhtram 
D er selb deinen vanen nam 

V nd Hunas von Sanctes 
20 D em du nie gewanctes 

D haines dienstes noch er dir 
H err vnd freunt nu sage mir 
W a ist Kautiers vnd Gandin 

V nd der blanch Kabilin 

25 D er Margraf begunde chlagen 

E r sprach ich chan dir nicht gesagen 
W an ir iegleichs sunder not 
B enamen Finianczes tot 

1 n mein selbes schozz geschach 
D er tot sein iunges hercz prach. 

94 "M" Ir hat dein vater Terramer 
JIJ. Gefrümt manigev herezen ser 

V nd tut noch e ers lazze 
M ein flust ist ane mnzze 



5 D o es Kyburch alsüst het vernomen 
D as ir vater waer chomen 
A uf Alitschancz her vber mer 
S i sprach all christenleichev wer 
M ag im nicht wider reiten 
10 S ein helf ist so weiten 

V an Orient vncz an Pozidant 
D a zü allev Indiaischen laut 

V an Orkeiz her vncz an Marroch 
D a zü den weiten strich dannoch 

15 V an gritfange vncz an Kangulat 
D ie höchsten er mit im hie hat 
S ein man vnd all mein chunie 

D as sul wir niht so gahes geben 
S i mügen wol schaden erwerben 
E das wir van in sterben 
95 f\ Ransche ist so veste 

U Es gemüt noch all di geste 
M anleich sprach das weib 
A ls ob si manleichen leib 
5 V nd mannes hercz trüge 
E r was wol so gefüge 
D az er sei nahen zu im geviench 
E in chus do freuntleich ergiench 

V nverzagtleich er sprach 
10 N och senft bort vngemach 

W er macht auch haben den gewin 

A ls ich van dir geraten pin 

A n hoher minne tail 

M ein leben waer drumb vail 

15 V nd alles daz er ie gewan 

G üten trost ich vor mir h an 

M ochstu behalten disev stat 

M anich fürst den ich noch nie pat 

D urch mich reiten in diez lant 

20 M it swerten los ich deinev pfant 

S waz si dir mit besezze tünt 



Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. LT. 



121 



M einer mage trew ist mir wol chunt 
D a zu der Komisch chünich auch hat 
M ein swester der mich nu niht lat 

25 M ein alter vater van Naribon 
S ol dir mit dienst geben Ion 
S was er vnd allev seinev chint 
V an deinem preis geert sint 
N v sag auf dein weibhait 
I st dir mein dar reiten lait 

96 der lieb mein hie beleiben 
S war mich dein rat wil treiben 
D ar wil ich ehern vncz in den tot 
D ein minn ie dienst mir pot 
5 S eit mich enpfiench dein güte 
N o chom daz her mit flute 
D er künich van Marroch Akerein 
D a chom mit maniger störie sein 
T erramer der vogt van Bald ach 

10 G ewappent gen Oransche pflach 
G ahens was er möhte 
S waz alles des heres tohte 
P aidev ze orss vnd ze fuzzen 
F ür Oransch chomen müssen 

15 S olich was der Panier zu vart 

A 1s alle die paum in dem spehshart 
M it zendal warn behangen 
S i wurden niht enphangen 



97 



10 



15 



V il stain man vnd weip 
A uf dev wer trüg ir iegleiches leib 
si maist mohten erdinsen 
Si wolten daz leben verzinsen 



s 



20 



T erramer do selb niht vermait 
Z e var vmb oransch er rait 
S einer tohter schaden er speht 
D o daz here gar verscheht 
Iesleich storie mit ir chraft 
D as si dhain Ritterschaft 
A n zinne noch an porten 
W erder sahen noch horten 
D ie man ze orss solt tün 
F abors Terrameres sün 
G ab iesleichen Chünige stat 
A ls in sein vater ligen pat 
T erramer vnd Tybalt 
S ich schon legten mit gewalt 
F ur dev porten gen dem palas 
D a Chyburch selb auf was 
Z wen chunig reich erchant 
P ohereiz vnd Gorsant 
A n der andern Seiten lagen 

Denkschriften der phil.-histor. Cl. XVII. Bd. 



D ie weiter ringe phlagen 

I n dem loischierte 

M anich fürst der zimierte 
25 M it reicher chost seinen leib 

I ch waen da haim durch dev weib 

D ie zwai Seiten sint gelegen 

W ev sol der dritten porten pflegen 

D ev aus gie gen dem planz 

D er künich van griffanz 
98 "TT 11 ^ ^ er Kunich Margot van Pozzidant 
V Vnd der hürnein Gorhant 

D ie pflagen der dritten porten 

Z ü der Vierden Seiten horten 
5 F abors vnd Tesereis 

M orgwancz vnd Pazigeweis 

K yburgen drei prüder vnd ain ir sun 

S i mohten s vngern tün 

Die iüngen künige hochgemüt 
10 W ie div fümft seitt sei behüt 

D er pflag der künich Holzebier 

N och mer ist benennet mir 

A myse vnd Gordweis 

V nd der Kunich Matribuleiz 
15 V nd losweis der reiche 

D er lag wol dem geleiche 

D as Matusales sein vater 

D i pesten aus den posen iater 

S o den distel aus der sat 



A ls si Tybolt durch pat 

99 f\ Ransch wart umb legen 

U Als ein wochen langer regen 
N iht wan Ritter güzze nider 
W ir haben selten gefraischt sider 
5 D az so manich chospaer gezelt 
F ür dhain stat vber al daz velt 
S o reichlich würde auf ges lagen 
D urch sein gemach vnd durch ir chlagen 
K yburch den Margrauen dan 

10 F urt den streit munden (so) man 
D a daz ausser her verzabelt was 

V nd das inner wol genas 

S o daz nieman sturemc (so) pot 

V nd das gestillet was dev not 
15 In ein chemenaten giench 

K yburch dev es sust an viench 
M it ir ameise. 

D a entwappent in dev weise 
S i schaut in den stunden 
20 Ob er het dbain wunden 

D er si von pfeilen etleich vant 

16 



122 



Dr. Franz Pfeiffer. Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen. DI. 



D ev Kuuiginne mit ir Manchen hant 

G elazurte Tictam 

A 1 bla mit nam 

25 V nd so bone Stent geplüt 

V nd die plumen sint auch 

b der pfeil da waer beliben 
D a mit er wurd her aus getriben 
S i want si so das anfortas 
M it pezzern willen nie genas 

100 TT Nd enpfiench in an neit 

V Ob da Schimpfes waer zeit 
W az sol ich da von sprechen no 
W an ob si wolten greiffen zü 
5 Ze peder seite in freihait 

D a engegen niht ze lange strait 



W an er was ir vnd si was sein 
I ch greiff auch pilleich an das mein 
S i vielen sanft an allen haz 
10 V an palmat auf ein Matraz 

A 1 senft waz auch der Künigein 

R echt als ein lindes gaenselein 

A n dem angriffe linde 

M it Terramers chinde 

W art leiht ein schimpfen da bezalt 

S wie zornich er vnd Tybalt 

D ort auzz in ietwederr waer 

I ch waen da nindert swaer 

D en Margrauen schoz noch slach 

D a nach dev Kuniginne pflach. 



NACHTRAG. 

Zu den im Vorwort verzeichneten Bruchstücken des Wilhelm kommt noch ein weiteres: 
das vom Antiquar Stargardt zu Berlin im J. 1857 (s. Catalog Nr. XXXI) zum Verkauf aus- 
geboten wurde. Dasselbe (Pergament, 13. Jahrh., Quart, in Spalten zu 34 Zeilen) besteht 
aus zwei ganzen Blättern und zwei Streifen und umfasst nach Lachmann 55, 15 — 60, 2. 78, 
7—82, 22. 92, 30—93, 3. 94, 4—7. 110, 27—111, 2. 112, 1—6. 113, 5—10. 114, 9—14. 
Mit dem von Lachmann bezeichneten Münchner Bruchstück hat das Stargardt 'sehe nur die 
Zeilenzahl, sonst aber nichts weiter gemein: jenes zeigt hochdeutsche Sprachformen und 
hübsche zierliche Schrift, dieses ist mit breiten starken Zügen in Mitteldeutschland ge- 
schrieben; letzteres erhellt aus dem kleinen Facsimile, das St. seinem Cataloge beigefügt hat. 



110, 27 Vn der sele vnledec gebende 
Vor uwerm got teruagant 
D f uch uon toren hat erkant 

III Do terramer recht ersach 

Daz keines Sturmes vngemach 



112 , 2 Ir enwas nicht vor was d 1 tot 

(I)ch enhabc d'zal nicjjt v'nvmen 
Wie maniges tages er w f komen 
Zu Orlens d f markys vnv'zeit 
Sin herb'gen ist mir geseit 



DER ALMANACH 

DER 

KLEINBAMBUSFARBIGEN SCHALEN 

EIN 

BEITRAG ZUR KENNTNLSS DER MUNDART VON JEDO. 

VON 

Dr. AUGUST PFIZMAIER, 

WIRKLICHEM MITGLIEDE I)ER K. AKADEMIE DER WISSENSCHAKTEN. 
VORGELEGT IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCH - HISTORISCHEN CLASSE AM 2. OCTOBER 1867. 



Tj nter den japanischen Literaturwerken sind diejenigen , von denen man glauben sollte, 
dass sie in allgemein verständlicher Sprache geschrieben sind, auffallender Weise für das 
Verständniss die schwierigsten. Was den Grund dieser Erscheinung betrifft , so ist derselbe 
bei Werken erzählenden Inhalts hauptsächlich in der so häufig angewendeten Gesprächsform, 
in welcher ganz eigenthümliche grammaticalische Formen, eine Menge neuer Wörter und nicht 
selten Anspielungen auf unbekannte Dinge sich bemerkbar machen, zu suchen. Vieles ist über- 
dies auf Rechnung der Mundart zu setzen, welche nicht allein nach Gegenden, sondern auch 
nach dem Stande des Sprechenden verschieden ist und wobei als Regel gelten kann , dass die 
Sprache der in Büchern redend vorgeführten Personen von dem gelehrten Forscher des Ja- 
panischen um so schwerer verstanden wird, je niedriger die Lebensstellung, in der diese sich 
befinden. 

In der vorliegenden Abhandlung werden durch Erklärung der Sprache des Werkes 
^- Jl^ p ^ffi Sasa-iro-no tsio-ku-kojomi-de „Der Almanach der kleinbambus- 

farbigen Schalen" sehr reichhaltige Beiträge zur Kenntniss sowohl der Mundart von Jedo 
als der Ausdrucksweisen der Volksclassen von Japan geliefert. 

Das genannte Werk ist, wie als gewiss anzunehmen, in einer Sprache geschrieben, 
welche in Japan allgemein verständlich ist. Dasselbe ist durchwegs , selbst in Bezug auf 
Wörter chinesischen Ursprungs , in Sylbenschrift Fira-ka-na geschrieben und finden sich die 
chinesischen Zeichen nur in den Fällen , in welchen die Sylbenschrift zur Verdeutlichung des 
Ausdrucks nicht hinreichend schien. 

Wie alle ähnlichen Werke, enthält auch dieses Kojomi 1 ) sehr viele Wörter, welche in 
den Wörterbüchern, namentlich in dem lithographirten Zio-gen-zi-ko , fehlen. Von denselben 

') So lautet der laufende Titel des Buches. 

16* 



124 



Dr. A. Pfizmaier 



wurde eine kleine Anzahl in dem Wörterbuche des Fürsten von Nakats und in dem Compen- 
dimn Faja-biki aufgefunden , bei der Mehrzahl jedoch musste die Bedeutung nach dem öfteren 
Vorkommen, der Analogie der Zusammensetzungen und den Regeln der Laut Veränderung 
erst bestimmt werden. 

In dieser Hinsicht boten besonders die Wörter chinesischen Ursprungs und die hybriden 
Ausdrücke manche Schwierigkeiten, indem bei dem Umstände, dass in dem Buche überall 
nur Sylbenschrift angewendet wird, die zu Grunde liegenden chinesischen Zeichen errathen 
werden mussten, was bei der bekannten Vieldeutigkeit der Laute derselben nicht immer leicht 
war und bisweilen selbst die Möglichkeit des Irrthums nicht ausschloss. 

Dagegen konnte das Wesen der grammatischen Formen, so abweichend sie waren, über- 
all genau angegeben und entsprechend erläutert werden. 

Ein weiteres Hinderniss für das Auffassen des Sinnes bildet der lange überaus künstliche 
Periodenbau, der in allen japanischen Büchern, die nicht etwa chinesisch 'geschrieben sind, 
auffällig hervortritt. Nicht allein , dass das Sondern und Uberblicken eines Satzes gewöhnlich 
Mühe und Nachdenken kostet, ist es oft schwer, sogar unmöglich, einen solchen Satz in 
einer fremden Sprache wiederzugeben, wenn er nicht, wie es häufig in dieser Arbeit gesche- 
hen, in mehrere Sätze getheilt wird. 

In Rücksicht auf die zuletzt erwähnte Eigenthümlichkeit möge nebenbei bemerkt werden, 
dass es in Japan mehrbändige Werke gibt, welche von Anfang bis zu Ende aus einer einzigen 
Periode bestehen und aus dem Grunde zu einem solchen Umfange anwachsen, weil sich zwi- 
schen den einzelnen, übrigens sehr zahlreichen Gliedern des Satzes eingeschaltetes Gespräch 
befindet. 

Zu dem Zwecke der Beleuchtung der japanischen Mundarten wurde der erste Theil des 
genannten Kojomi sprachlich untersucht, der Inhalt erklärt und alles in grammatischer und 
lexicalischer Hinsicht Neue angemerkt. Der angeführte Text unterscheidet sich von demjeni- 
gen des japanischen Buches dadurch t dass in ihm, um nicht den Druck unnöthiger Weise zu 
verzögern, die Fira-ka-7ia-Schi-ift in Kata-ka-na verwandelt wurde. Die wenig zahlreichen 
chinesischen Zeichen wurden jedoch sämmtlich beibehalten. 

Die etwas dunkeln Angaben über den Titel des Buches bestehen wesentlich in Folgen- 
dem : An den Text der Lieder des Hauses Katsu-ma schliesst sich als Anhang ein alter Alma- 
nach (mukasi-gojomi), in welchem unter anderem der Name Wo-san' s, der Frau des in der Er- 
zählung vorkommenden I-siün, wieder zu Ehren gebracht wird. In dem Jahre der Erscheinung 
des Buches wird der dritte und fünfte (san-go) grosse Monat mit der Aussprache ko-man 
(das kleine Zehntausend) belegt. San-go-beje und Ko-man sind handelnde Personen der Erzäh- 
lung, und das Buch selbst enthält dreissig Doppelblätter, was die Zahl der Tage eines Monats. 
Aus diesem Grunde findet sich auf dem Titel der Ausdruck kojomi-de (Almanachhand), der in 
dem laufenden Titel einfach kojomi (Almanach) heisst. 

Ausserdem bildet Sasa (das kleine Bambusrohr) einen Theil des vollständigen Namens 
Sasa-no san-go-beje. Tsio-ku (Trinkschale) hingegen kommt in dem Buche nur ein einziges 
Mal vor, und wird sonst immer durch saka-dzuki (Weinbecher) ersetzt. 



Der Almanach der kleinhamisusfarbigen schaden. 



125 



Tsudzuite de-mased-maseo kib-gen-no fib-ban-fib-ban mib-nitsi-wa fajb gozari-masu-to ju-i- 
ga fama-de-no siba-i-no utsi-dasi-tai-ko-no woto-ni nami-no woto doro-doro wosi-te nin-gu-tsure 
ato-wa fisso-to fib-si-gi-ni tsionto tomure-ba ten kara-kara fijori. 

Die Entscheidungen in dem Schauspiele, das in Fortsetzungen erscheinen wird, erfolgen 
bereits morgen. 

Bei diesen Worten dämpfte der Ton der beim Austritt geschlagenen Trommel von Ju-i- 
ga fama rollend der Welle Ton, und als die letzte Menschengruppe vor der verborgenen 
Klapper der Nachtwachen vorläufig stehen blieb, war der Himmel heiter und freundlich. 

7* de ist die Wurzel von /u- ^ dzuru „hervorgehen", welches seinerseits die Abkürzung 
von /!"" ^ idzuru. 

*f ^ -3 mased, das Futurum von /«- X "=? masuru, welches in der gewöhnlichen 
Sprache als Hülfszeitwort gebraucht wird und als die Abkürzung von /«- X J ^ ma-irasuru 
(chin. tsin) „darreichen" betrachtet werden muss. Im Präsens wird /l- X -3 masuru sonst 
zu X "3 masu abgekürzt, welches letztere auch der Wurzel i/ masi zu Grunde liegt. 
Bemerkenswerth ist die Wiederholung dieses Wortes, wodurch die mehrmalige Handlung be- 
zeichnet wird. 

yj ^ ^ kib-gen (chin. kuang-yen), wörtlich: die wahnsinnige Rede, bezeichnet 
das Schauspiel. 

js- J$ ^ t fib-ban (chin. ping-pan) die „Entscheidung", bezieht sich auf die Handlung 
des Schauspiels. 

4^ i/ siba-i (chin. tschi-kiü) die „Schaubühne", wörtlich: das Weilen der Pflanze der 
Unsterblichen (chin. tschi). Übrigens wird das chin. tschi mit der japanischen Aussprache 
J$ £/ siba, das sonst auch „Reisig, Brennholz" bedeutet, als ein nur in Japan übliches 
Zeichen betrachtet. 

|* 7 s 2 t fisso-to steht für |- 7 t fiso-to, das mit dem sonst gebräuchlichen 7 f 
fiso-ka „heimlich" zu vergleichen ist. 

^ \/ *} ^ t fio-si-gi (chin. tschö), die „Klapper der Nachtwachen". Das Wort, sonst 
auch ^ i/ *J -\ feö-si-gi geschrieben, ist nach seiner Zusammensetzung so viel als jy ~\ 
fed-si (chin. pe-tse) „Takt" mit nachfolgendem ^ ki „Holz". 

|' js- 3 4- tsionto, eines der vielen Adverbien der gewöhnlichen Sprache, welches 
dasselbe wie \" *} J teo-do (chin. tiao-tu) „vorläufig" auszudrücken scheint. 

r.» t f 7 -»■ ./ r f- ^ a I- % 3 

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126 



De. A. Pfizmaier 



l- t * -7 f T T * i 3 7 5 1 t * | _ 

; . * * » 

Matsuri-no woto sore-ka-to kike-ba koma-geta-ni ziari-dzi-wo funde fidari-dzuma ko-man- 
wa atbta ko modori-site mosi gen-go-beje-san sakki-ni kara mi-kake-tare-do de-ban-no kiaku-siü- 
ga wotsi-bte tsiotto fadzusu fi-ma-mo nasi kokoro-de moja-kuja womote ita, sa-a issio-ni juki- 
jan-seo-to. 

Als man den dumpfen Ton des Opferns undeutlich vernahm, sprach, indess sie mit kleinem 
Holzschuh den Kiesboden trat und rückwärts der Staub zurückflog, die Verlobte Ko-man: 

Herr Gen-go-beje ! Obgleich ich vom Anfang an umgeblickt hatte, gönnte ich mir nicht 
Zeit , bis die Gäste dieses Abends , die in Gemeinschaft aufgebrochen, sich gänzlich zerstreut 
haben würden, und ich habe im Herzen traurig nachgedacht. Wohlan, wir werden uns in die 
Behausung begeben. 

/u- 3. ^ \- woto-sajuru „das Verwirrtsein des Tones". 

|* "fä \S 7 sore-ka-to, wörtlich: es fragt sich, ob es dieses ist, so viel als undeutlich, 
kaum vernehmbar. 

p ge-ta (chin. hia-tä) „ein Holzschuh", p ^ -z o koma-ge-ta, „ein kleiner Holzschuh". 

f-' l) ziari-dzi, „der Kiesboden". Das den ersten Theil dieser Verbindung bildende 

|) zs' ziari ist blos in der Form l| zari „kleine Steine" vorgekommen und übrigens 
dessen Ableitung auch ungewiss. 

^? \j ij p~" f fidari-dzuma, wörtlich: „die Gattin der Linken", eine Verlobte. 

p 7 p 7 atbta, die Zusammenziehung von p p \- ~f ato-wota, was auf den 
Fusspuren nachgejagt hat. 

3 ko (chin. Jen), eigentlich „Schminke", dann auch für „Pulver" und „Staub" gebraucht. 

/!-■' Y ^ modoru (chin. Ii), entgegengesetzt sein. X ij \* ^ modori-su, sich entgegen- 
setzen, eine rückgängige Bewegung machen. Gebräuchlich sind die Ausdrücke j- )j y t 
modori-mitsi „der entgegengesetzte Weg, der Rückweg", 7" ij \" ^ modori-bune „das 
zurückkehrende Schiff". 

jy t mosi, eine Partikel des Zurufes. 

^ ^ san, den Eigennamen nachgesetzt, entspricht dem Worte „Herr", auch „Frau", 
„Fräulein" und bezeichnet einen geringeren Grad von Hochachtung als *f- sama, von dem 
es die Abkürzung zu sein scheint. 

^ ^ sakki ist eine veränderte Schreibweise für 4= ^ saki „früher". 

/l - h~ L mi-kakeru „die Blicke auf einen Gegenstand heften". 

Y do steht sehr häufig für £ y domo „obgleich". 

2- )<? j* de-ban „der hervortretende Abend". ^- ban (chin. wan) „der Abend". 
p J j- ^ wotsi-b (chin. lö-hö) „zusammen abfallen", wie Blätter. 
X ;N fadzusu (chin. wai) „lösen, losmachen". 

^ y 7 ^ t moja-kuja, ungefähr von derselben Bedeutung wie ^ ^ t moja-moja 
„düster, verschlossen" bezeichnet Traurigkeit und Tiefsinn. 

/u~ 4^ 2>w „weilen" in dem Ausdrucke p 4^ J" ^ /$" wom ote i-ta „ich habe nach- 
gedacht" gibt dem Verbum den Sinn des Imperfectums. 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



127 



y sa-a, eine Interjection wie „wohlan!" 

3 v' 22 'f «s««b (chin. ?/z-so) „der nämliche Ort, die gemeinschaftliche Wohnung". 

*f ^ ^ ^ ^ 3. juki-jan-sed hat im allgemeinen denselben Sinn wie das einfache 
a. ^'w&y, „ich werde gehen". Es bezeichnet jedoch mit Bestimmtheit die kurze einmalige 
Handlung, wobei -2- ^ jan so viel als ^ ja/ra/ (chin. i) „innehalten" und ^ ^ seö das 
Futurum von X sunt „thun". 



A~ * / 3 l i fl n f 1 -3 T ' S ^ 2 , N 

^ ^7 / ^ r - r; ^ ? 7 

* * ^ 7 * fr « * 9 f "^Jl i 7 + * t 



Toru-te-wo farai gen-go-beje ko-goje-ni natte kore ko-man are-are asoko-ni gozaru-no-wa 
kan-db uketa woja-dzi-sama fu-dai-fu-sama-ni tsigai-wa nai, dö iü wake-de kama-kura-je itsu- 
goro wo-kudari-nasareta-to toware-mo senu, kono mi-no fu-si-dara joso-nagara wori-ja koko-de 
wo-kawo-wo wogande iru kaino-to. 

Indem er ihre Hand strich, sprach Gen-go-beje leise: Ko-man, derjenige, der sich dort 
unter den Leuten befindet, ist kein anderer als Herr Fu-dai-fu, der Vater, dessen Ungnade 
ich mir zugezogen habe. Es ist keine Frage, dass er in der bewussten Angelegenheit einmal 
nach Kama-kiwa gekommen ist. So lange sein Zustand der Unempfänglichkeit andauert, ver- 
ehre ich hier sein Angesicht. 

j /i- |* toru-te, wörtlich „die nehmende Hand" ist so viel als J~ te „Hand", dessen 
Mehrdeutigkeit bei dem Gebrauche der Sylbenschrift somit vermieden wird. 

3. V N ^ ko-goje, wörtlich: „der kleine Laut", bezeichnet das Flüstern. J" ^ natte ist 
von /i- j~ naru (chin. ming) „ertönen", nicht von /1- j- naru (chin. tsching) „werden" gebil- 
det. Man sagt /u- j~ z o ko-e-naru „das Ertönen des Lautes". 

\y zs kore, eine Partikel des Zurufes, weniger Ehrfurcht ausdrückend als £/ \ mosi, 
welches die Abkürzung von 7 *j ^ mosi (chin. schin) „das Melden" zu sein scheint. 

\S J are, „jener" als alleinstehendes Pronomen, während ) J ano (chin. pi) vor einem 
Substantivum gesetzt wird. Auf ähnliche Weise sagt man \S zj kore, SS -fl kare, \S 7 
sore „dieser", wenn diese Pronomina allein stehen, und j o kono, ) ^1 kano , ) y sono 
vor einem Substantivum. Die Verdoppelung ^ \S ~J are-are bedeutet: jene Leute. 

3 7 7 as °k° „dort", y ist die Abkürzung von ; y ano „jener", das dem Worte 3 7 
soko, ebenfalls „dort" in Nichtbeachtung des dem letzteren zu Grunde liegenden \- ; 7 
xi -3 sono tokoro „dieser Ort" vorgesetzt wurde. 

b~ pt ^ kan-db-ukeru „sich die Ungnade des Vaters oder des Gebieters 

zuziehen'*. *j t£ 2- ^1 kan-db (chin. khan-thang) heisst in Japan die hier erwähnte Ungnade. 

p ^ Y do-iü „was Jemandem gesagt wird". Von *f y* dö (chin. thung), im Sinne 
von „gemeinschaftlich". 

n /1- $f j~ nasaruru, ein Ehrenzeitwort, ist das Passivum von X j~ nasu „thun". 



128 



De. A. Pfizmaier 



X ^ ^ \S )S \ toware-mo senu, wörtlich: „es wird auch nicht gefragt", von dem zu 
Grunde liegenden a- X iS ;x |' toioare-suru „gefragt werden". 

i. ) n &gwo ?m, ein Ehrenpronomen der dritten Person, von der wörtlichen Bedeu- 
tung: dieser Leib. 

7 tf f y fu-si-dara „Betäubung, Unempfindlichkeit, Unempfänglichkeit". Aus i/ J 
fu-si (chin. fung-thse) „das Aussehen eines vom Schlage Getroffenen", £~ da, so viel als die 
Relativpartikel 4-~ dzia, und der Pluralpartikel 7 ra zusammengesetzt. 

7 jf j~ 7 3 jo-so-nagara (chin. tsö-yü-so) „während etwas äusserlich ist". 

^ l) ^ wori-ja ist so viel als ix" ^* wore „ich" mit Anhängung der Interjunction ^ ja. 

/u- zrw „weilen", bezeichnet auch im Präsens die längere Dauer. 

/ 'fl hai-no vertritt die Stelle einer Endpartikel, die eigentlich J j~ ^ kai-nb 
(chin. kiai-nä) „alles aufgenommen" geschrieben werden sollte. 



t % i- >r y * * 5 

ij P 9 9 * * ; 



7 

* ^ ft * « 7 * 7 ^ * - 7 * ^ 

|. ' f 7 f , £ t» fi * A f ' 

^ ; j, , ^ a H / ) ^ 



7 

a -Ja 



* 7 



fi ? t X 7 



Me-wo siba-datake-ba ko-man-wa bikkwi sonnara anata-ga wo-toto-sama dai-fu-sama-de 
gozan-su-ka, jeje kore wo-kawo-ga mi-tai-ni-mo atari fotori-no akasi-wa kurasi, mosi watasi-ja 
ko-man-de gozari-nasu, dö-zo nusi-no kan-db-wo jurusi-te jome-to tatta fito-koto wossijatte 
kudasari-mase- to. 

Dabei nickte er mit den Augen, und Ko-man sprach erschrocken : 

Also ist es euer Vater, der Herr Dai-fu? Ach, indem ich dieses Angesicht sehen will, ist 
das Tageslicht mir zur Seite Dunkelheit. Hört! Ich bin Ko-man. Möget ihr dem Geliebten 
wieder eure Gnade zuwenden und dies Einzige bewerkstelligen, dass ich als Braut aner- 
kannt bin. 

9 » Jfj* %/ siba-dataku, wörtlich : „häutig schlagen" , in Bezug auf die Augen : „nicken" . 

J j- J sonnara steht für 7 f *} f sb-nara-ba „wenn es so ist", und bei 
letzterem ist *J f so wieder die Zusammenziehung von ^ ^ ^ sa-jb (chin. tso-yang) „auf 
diese Weise". sa „so" ist übrigens, obgleich es in der Wörterschrift durch tso (links) aus- 
gedrückt wird, kein Wort chinesischen Ursprungs, und dasselbe findet sich auch in der reinen 
Schriftsprache in Sätzen wie 7 J - f sa-ni-wa arazi „es verhält sich nicht so". 

n |- toto (chin. ye) „Vater" bezeichnet etwas grössere Ehrfurcht als das gewöhnliche 
>> ^- tsitsi. 

X ^ gozan-su ist die Zusammenziehung von X |) 3 * gozari-su „sein", wobei 

X su das abgekürzte /u- X suru „thun". 

* Z jeje, eine die Verwunderung ausdrückende Interjection. 



Der Almanach der kleinbambtjsfarbigfn Schalen. 



129 



^ p. V wcttasi-ja ist so viel als ix ^ ßl ^ watakusi „ich" mit der angehängten 
Partikel ^ ja. 

yj Y dö-zo ist *J Y dö (chin. thung) „gemeinschaftlich" mit der Expletivparti- 
kel zo. 

i/ nusi „Gebieter" ist ein Ausdruck, mit welchem Frauen den Geliebten oder den 
Mann bezeichnen. 

X /l- =l f *J ■> -fi kan-db-wo jurusu, wörtlich: „von der Ungnade ablassen". 

J" 22 ^ vf^? ^5" wossijatte hat dieselbe Bedeutung wie das einfache jr i/ säe „thuend". 
Es ist zusammengesetzt aus der Ehrenpartikel wo, aus i/ si, Wurzel von /i- X suru „thun" 
und /i- ^ jaru „schicken" als Hülfszeitwort. Das eingeschaltete tsu dient zur Schärfung 
der ersten Sylbe und der Verdoppelung des 1/ si. 

^ )J $C 9 kudasari-mase ist der Imperativ des mit dem indifferenten Hülfs- 
zeitworte X ^ masu verbundenen Ehrenzeitwortes n /u- *f 9 kudasaruru, das eigent- 
lich das Passivum von X Jt" 9 kudasu (chin. klang) „herablassen", wobei aber die abge- 
kürzte Form /l- ^ Jt" kudasaru zu Grunde liegt. Durch das Passivum wird, so wie durch 
das Transitivum , die Ehrfurcht ausgedrückt. Übrigens ist das ungekürzte Ehrenzeitwort, 
dessen Wurzel \S ^ kudasare lautet, ebenfalls gebräuchlich. Eine Eigentümlichkeit 

der Construction ist, dass demselben immer das Participium auf J~ te vorhergehen muss. 

7 7 >. f =) ^ ' ^ + *, L 3 



3 



=>• { ■ * f r * 9- ' t t f 7 ; 

Kake-joru ko-man-ga kutsi-je te-wo ate kore-wa si-tari looja-dzi-sama-wa ittet-na wo-umare- 
Uuki u-kat-na koto-de-wa wo-kiki-ire-nasarete-wa kudasarenu , damatte jb-su-wo mite i-jare- 
sita-ga koko-ra-wo uro-uro-to nani-wo site gozaru jara-to. 

Er legte Ko-man , die sich zudrängte, die Hand auf den Mund: Indem man dies thut, 
hört es der Vater bei seinem lebhaften und durchdringenden Geiste nicht als etwas Passen- 
des an. Lasst uns schweigend sehen, wie es sich gestaltet, und aus den Umständen vorsich- 
tig Nutzen ziehen. 

3 >r 'fl kake-joru, wörtlich: „anhängen" und „auf eine Sache sich stützen". 
)J p i/ si-tari, die Wurzel von a- £ %/ si-taru „gethan werden, geschehen", welches 
letztere aus /<- ~f J %/ si-te aru zusammengezogen worden. 

j >p /f ittet (chin. yi-tsche), „rasch und durchdringend". Das angehängte j~ na ist 
so viel als /i- j~ naru „seiend" das seinerseits die Zusammenziehung von /l- 7 - ni aru. 

^ ?3 \S -z umare-tsuki ist eine andere Form von ^ p \y h. mumare-tsuki 
(chin. seng-tsche) „der angeborne Stoff, die Gemüthsbeschaffenheit, der Charakter". 

rj u-kat ist wahrscheinlich der Laut der dem Ausdrucke f J )J ~J ari-ai 
(chin. yeu-hö) „passend" zu Grunde liegenden Wörterschrift. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 17 



130 



De. A. Pfizmaier 



> zu- /f \ ^ kiki-iruru, durch das Gehör eingehen machen, anhören. Als Ehren- 
zeitwort liegt hier das ungekürzte \ /l- ^ *7 kudasaruru zu Grunde. Diesem geht noch 
s /u- & j- nasaruru als zweites Ehrenzeitwort im Participium und mit der angehängten 
bestimmenden Partikel ^ wa voran. 

*1 ^ josu (chin. yang-tse) „die Art und Weise", 
zu X 1/^ -f ijare-suru ist das Passivum von /l- ^ /f yarw „verweilen", wobei die 
Anhängung des Hülfszeitwortes /t- ^ zu bemerken. 

^ t) ?7 uro-uro „rollend (von dem Blicke), vorsichtig, ängstlich". 

- jr nani „etwas", hier in Bezug auf eine Sache, die nicht ausgedrückt wird. Der 
wörtliche Sinn des Satzes ist: Indem man diese Dinge, die ausgesprochen worden, ängstlich 
betrachtet, ist irgend etwas zu thun. 

7 ^ jara, eine Endpartikel, wird zwar in der Wörterschrift durch den Ausruf ^ ja (chin. 
tsai), verbunden mit y ra (chin. lan) „überblicken" ausgedrückt und lautet desshalb auch 
7 ^ jara n i i st a ^ er em einfaches Wort japanischen Ursprungs, das von /i- ^ jaru 
„senden" abgeleitet ist. 

finita . i^; ; 

Jü-mo fiso-fiso fu-dai-fu-wa siba-i-no maje-wo juki-tsu modori-tsu: a-a korija dö-de-mo 
sirenu sbna fi-jonna koto-de womowanu fima irifajb ratsi-ga ake-tai mono-dzia-to. 

Indem er dies sprach, schritt Fu-dai-fu an der Vorderseite der Schaubühne leise hin 
und zurück: Ach in dieser, wie es schien, mir unbekannten, geheimniss vollen Sache komme 
ich unerwarteter Weise zu einem Lichtpunkt, und ich will schnell die Laufbahn eröffnen. 

^ 7 t fiso-fiso ist ungefähr dasselbe wie - -fi y t fisoka-ni „heimlich". 

^ ]) zj kori-ja ist, ähnlich dem obigen ^ )J ^ wori-ja „ich", die Zusammensetzung 
von \y. zs kore „dieser" mit der Endpartikel ^ ja. 

J* Y do-de, die Beziehung zu dem Subjecte ausdrückend, ist das Wort ^ Y dd 
(chin. thung) „gemeinschaftlich" mit der Locativpartikel J* de. 

j~ *f ^ sb-na ist die Zusammenziehung von /i- j~ ^ sa-jb-naru „dergestalt". 

j~ ^ 3 t fi-jonna ist so viel als ^ 3 f fi-jo (chin. jn-gao) „geheimnissvoll" mit 
angehängtem f na, d. i. /i- f naru „seiend". 

~z t fi ma (chin. ki) bedeutet eigentlich eine Lücke, einen Zwischenraum. 

j- y ratsi (chin. liue) „eine Reitbahn". 

Die zusammengesetzte Endpartikel ^ "f' J t mono-dzia entspricht dem chin. witsche 
„die Sache, welche". 

; >r ^ i f f J 4 <fc 3 l f \ 
o ? y & o f 7 \~ ? v h ] ) 

, ^ 7 £ l ^ ^ \ ^ ^ * 



Der Ai,manaoh der kleinbambusfarbigen Schalen. 



131 



* )) : 7 f «f * * \ v f 

Fitori-goto-site tatazumu tokoro-je gan-siohu kajete fitori-no wotoko tsib-tsin sagete atsi- 
kotsi-to wonazi-tokoro-wo uro-uro-me fu-dai-fu-wa koje-wo koke : kore-kore sono jb-ni sagasassi- 
jaru-wa mosi nan-zo tori-wotosi-mono-de-mo sita-to iü jb-na koto nara kottsi-ni kokoro-atari 
koko-je gozare-to. 

Als er, so mit sich selbst sprechend, auf- und niederging- , hielt ein einzelner Mann, die 
Farbe des Angesichts wechselnd, die Laterne nieder und betrachtete hier und dort die 
nämliche Stelle mit hastigen Blicken. Fu-dai-fu erhob seine Stimme: Ihr, die ihr so suchet, 
wenn es der Fall sein sollte , dass ihr , wie man sagt , etwas verloren habet , so mag bei mir 
die Aufmerksamkeit hierauf gerichtet sein. 

3 %/ - jf gan-sioku (chin. yen-si), „die Farbe des Angesichts, die Züge". 

^ j. ^ j tsib-tsin ist so viel als ^ *J j- ted-tsin (chin. ti-tmg\ „eine Laterne". 

/u- 2> ^ t> *] uro-uromuru „etwas mit rollenden , hastigen Blicken betrachten". 

\y zj kore-kore, die Wiederholung von \y o kore „dieser", eine Interjection, 
deren man sich zum Anrufen bedient. 

- *1 J 7 sono Jb-ni „auf diese Weise". ^ jb (chin. yang) „die Weise". 

/u- ^ %/ Z> ^ sagasassi-jaru ist seiner Bedeutung nach so viel als das einfache 

X -fi sagasu ., suchen" und steht in der Form des Transitraums , wodurch ein geringerer 
Grad von Ehrfurcht ausgedrückt wird, mit dem angehängten Hilfszeitworte /i- ^ jaru 
„schicken". Das eingeschaltete ^ tsu ist orthographisch und dient zur Schärfung der Sylbe. 

^ I' ^ ') \* töri-wotosu , wörtlich : „was man erfasst, fällen lassen", d. i. „einen Ge- 
genstand verlieren". 

j- rj *P n ^ iü-jo-na „von der Art, wie man sagt". 

y j~ nara steht statt y j~ nara-ba „wann es ist". 

kottsi, gewöhnlich Jcotsi geschrieben, ist ein Pronomen der ersten 

Person , das ursprünglich so viel als j- d ko-tsi, dieser Boden. 



)\ 3 



h s f \s ^ — jy 7" o *0 



y 

s 



^ ' s \ 7 f ^ $ * * v ; 



7 7 j* f s r \- *• ^ ' V 

Jobi-kakerare kano wotoko-wa uresi-geni : Wossijaru towori tasika, koko-ra-de fana- 
gami-bukuro-wo tori-iootosi , kin-su-wa ko-ban-de san-rib-to koma-gane-ga itsu-tsu mu-tsu sore- 
wa wadzuka-na koto nare-do naki-ni-w a na-kere-ba naranu , kaki-mono sore-juje tsia-ja-kara 
tatsi-kajeri-to. 

. ■ 17 * 



132 



Dr. A. Pfizmaier 



Der Mann, der angerufen worden, erwiederte freudig: Dieses ist wirklich der Fall. Ich 
habe in dieser Gregend die Brieftasche verloren. Das Gold betrug auf der Goldwage drei 
Tael, und dabei in kleinen Geldstücken fünf bis sechs. Es ist dies zwar etwas Geringfügi- 
ges, allein es muss sich darin befinden. Indem ich der Schriften wegen aus dem Theehause 
sofort zurückkehrte — 

s / u 7 'r fj "tf 3 jobi-kakeraruru „angerufen werden". 

— \S \S *f urest-geni, so viel als $ \y *j uresi-ku „freudig". 

1) 7* |- towori (chin. thung) bedeutet ursprünglich den Durchweg, dann die Art 
und Weise. 

X -> f kin-su (chin. kin-tse) „Stücke Goldes". 

■> zi ko-ban (chin. siao-puan) „die kleine Unterscheidung", d. i. die Goldwage. 
=£- jf -3 -D koma-gane, wörtlich: „kleines Metall". 
^ ^ j- tsia-ja „ein Theehaus". 

3 I ? T ^ i | t f f f / t 

Fan-bun ki-ite fu-dai-fu-ga wo-wo josi-josi sore-wa wore-ga firbte woi-ta, nen-no tame-ni 
kami-ire-no mo-jb-wo aramaai iü-ta-ga joi. 

Zur Hälfte ihn hörend, sprach Fu-dai-fu: 0! es ist gut, es ist gut! dies habe ich selbst 
aufgelesen. Möget ihr der Erinnerung willen die Gestalt der Brieftasche in Kürze beschreiben. 
y 7 t ßrb, so viel als ^ a t firö „auflesen". 

^- rj- nen (chin. nien) „die Erinnerung". 

\S <i L ^ kami-ire , wörtlich: „ein Papierbehältniss" , d. i. Brieftasche. 

t mo-jb (chin. mu-yang) „die Gestalt einer Sache". 
i/ x2 7 7 aramasi (chin. ta-liö) „in Kürze". 

4 3 p. 7 ^ iü-ta-ga joi „saget", eine besondere Imperativform, deren wörtliche 
Bedeutung: Es ist gut, dass gesagt wird. 



-3 



i^ae. womote-wa sei-fi-ni ura-wa ko-faku kane-ire-wa siü-su-no rib-men kana-mono-wa 
kari-ni ina-bo fanare me-nuki-ni siaku-do-no ura-za-wo tsukete-mo gatsumi-no ke-bori-ga bib-ma- 
de gozari-masu. 

. Ja, Die Aussenseite ist von Körnerleder, die innere Seite ist Bernstein, das Geldbehält- 

niss zwei Flächen von Atlas, die Metallzierathen sind nachgeahmte Reisähren und wo sie sich 
bei der Schliesse der Trennung an den kupfernen inwendigen Sitz legen, sind auch Zwischen- 
räume von Achsennägeln mit Grabstichelwerk von Schilfblumen. 



Der Almanach deb kleinbambusfabbigen Schalen. 



133 



t ^ ^ sei-fi (chin. tsing-pi) „Kochenhaut". 
\S ^ ^. ^ kane-ire, „ein Geldbehältniss". 
X =l £/ siü-su (chin. jü-tse) „Atlas". 

^ y ^ )) rib-men (chin. liang-mien) „beide Flächen". 

7 *y ura-za (chin. li-tso) „der innere Sitz". 
J, 5? jf gatsumi (chin. lioang-'pu) „ Schilf blumen". ' 

-3 ^ Iff bib-ma, von ^ ^ tf^ „6/o" , sonst ^ beö (chin. ^"ao) „die zur Verzie- 
rung dienenden Achsennägel" , und -q ma „Zwischenraum". 

\ % P j? 2 f t. ji 7 *! i h h *:f *? 

* * v ^ t ^ . * £ 



-3 - 



U-u sore-ni tsigai-wa-nai, sikasi koko-wa to-tsiü-no koto, ki-sama-no tsia-ja-je do-do-site 
aratamete kajesi-te sin-zeo, are-ni iru-no-wa wo-tsure sbna-ga sore-mo issio-ni tsugi-no ma- 
made-to. 

— ! es ist davon nicht verschieden. Jedoch wir befinden uns hier auf dem Wege. Ich 
werde euch zu eurem Theehause begleiten, und es euch nochmals zurückgeben und überrei- 
chen. Derjenige, der dort weilt, er wird gewissermassen als Begleiter in der gemeinschaft- 
lichen Behausung bis zu dem anstossenden Zimmer — 

s ^ u-u, eine besondere Interjection. 

i/ -fi i/ sikasi, „indem es so ist, indessen, jedoch". Aus £/ sika „so" und si, Wur- 
zel von /u- X sunt „thun", das auch für „sein" gebraucht wird. 

\ to-tsiü (chin. thu-tschung) „in der Mitte des Weges". 

-q y ^ ki-sama (chin. kuei-yang) wörtlich: „die vornehme Weise", ein ehrendes Pro- 
nomen der zweiten Person. 

^ y do-do (chin. thung-tao) „der nämliche Weg", mit 7, mru verbunden: „sich 
auf dem Wege zu Jemanden gesellen". 

/«- i> p_ 7 J aratamuru „erneuern". 

/u- £/ sin-zu7'u (chin. tsin) „überreichen". 

- 1/ y are-ni „dort, an jenem Orte". 
\y tsure „ein Gefährte, ein Begleiter". 

V A- £ \ -3 J IS ^ jl $ f f j? 

- V „ f/ |. J y 7 J ^ f 7 3 i 



134 



Dr. A. Pfizmaier 



Wa-ga ko-ni ko-jo-to joso-nagara sirasu koto-ba-wo unadzuku futari kudan-no wotoko-wa 
ki-mo tsukazu: fa-a sore-wa ari-gatai, tsia-ja-wa are mukb-no utsi niö-bb-mo sazo an-zite matsi- 
kanete wori-mased tsitto-mo fajaku go-issio-ni si-ta-ga asoko-ni gozaru wo-kata-wa watakasi-no 
too-tsure-de-wa. 

Indem er seinem Sohne durch Zeichen andeutete, dass er kommen solle, nickten beide 
zu seinen Worten. Der erwähnte Mann sprach, ohne aufzuathmen : dieses ist hochschätz- 
bar! Das Theehaus ist dort inwendig gegenüber. Mein Weib wird, wenn sie etwa nachsehen 
sollte, nicht warten können. Ich bin ein wenig schneller dort, wo ihr eure Behausung habt. 
Dass ihr mein Begleiter seid — 

V waga ist eigentlich das Possessivum der ersten Person, wird aber auch, wie an 
dieser Stelle, für das Possessivum der dritten gebraucht, was seinen Grund darin hat, dass 
man, nach dem Muster des chinesischen ngo, diesem Worte in gewissen Verbindungen die Be- 
deutung „selbst, eigen" beilegt. 

3 o ko-jo ist der Imperativ von /l- kuric „kommen": 

!) P- ? ^ *f ^~ *l unadzuku futari, dem Sinne nach : „die zunickten, d.i. beistimmten, 
waren Beide". 

; ^ kudanno „vorbenannt" ist die Abkürzung von / )J t£ kudari-no. Die 

ursprüngliche japanische Bedeutung von ij kudari (chin. kien) ist „herabsteigende 

Reihenfolge". 

y fa-a, eine gewisse Interjection. 

rj vj 3 niö-bb (chin. niü-fang) „ein Weib". 

/u- j^f y an-zuru (chin. ngan) „untersuchen, nachsehen". 

zu- -^3 kanuru, der Wurzel des Verbums angehängt, hat die Bedeutung „nicht 
können". 

|* jf- tsitto ist so viel als |- tsito „ein wenig". 
p ^ 100-kata (chin. yii-fang) wörtlich: ..die erhabene Seite", ist ein ehrenvolles Pro- 
nomen der zweiten Person. 

h 7 f v ä \ r 9 ^ 

Ija tsure-dzia rb ma-a doko-made-mo tsure-ni-site tsurete gozara-ga wore-je-no rei-to. 

— Die Begleitung muss sein. Fürwahr, bis wohin immer ich als Begleiter mich anschliesse, 
es ist rar mich eine Ehre. 

^ /f ija, eine Interjection, welche mit dem gleichlautenden ^ 4 ija „nein" nicht zu 
verwechseln ist. 

ff 7 rb ist eine Partikel, welche bisweilen der Wurzel des Verbums angehängt wird 
und eine Art Imperativ ausdrückt. Dieselbe,' auch J ran und a ro lautend, scheint 
ursprünglich so viel als *J 7 y arb, das Futurum von /i- J aru „vorhanden sein", in der 
Schriftsprache ^- 7 y aran. Hier steht zwischen dieser Partikel und der Wurzel noch 
^ 4-' dzia, die dem chin. tsche „welches" entsprechende Partikel der Volkssprache. 

y -3 ma-a, eine Interjection der Versicherung. 



Der Ai-manach der kleinbambusfarbig en Schalen. 



135 



z\ Y doko „wo" ist die Zusammenziehung von u z\ \- ) \" dono dokoro, „wel- 
cher Ort". 



* 7 P f * * j 7 



A * \ s ? - y } 

=fe 4 7 =E ^ 4 t y> =E • * a 

Jü-no-wa ga-ten-jidcane-domo tada uresi-sa-ni hi-mo dahu-daku sa-jb nara to-mo kaku-mo 
ma-a go-an-nai itasi-maseo-to. 

Obgleich Jener diese Worte nicht verstand, erwiederte er mit Freuden und mit zustim- 
mender Miene: Wenn es so ist, werde ich jedenfalls euer Wegweiser sein. 

>■ Y -f? ga-ten ist so viel als f p jf gatten (chin. hö-tien) „verstehen". ^ juku 
„gehen" ersetzt hier das Hilfszeitwort /<-- X suru. 

^ V \y *l uresi-sa „die Freude". 

^. ^ t£ daku-daku, die Wiederholung von ^ cZa&w (chin. wo), „zustimmen". 
vj ^ ^- sa-yb, „auf solche Weise". Das Wort ist hier ungekürzt. 

^ ^7 ^3 t |~ to-mo kaku-mo „jedenfalls", nach seiner wörtlichen Bedeutung: dieses 
auch, so auch. |- to ist so viel als [ to (chin. thang) „dieses". 

zj> y an-nai (chin. ngan-nei) „das Führen auf dem Wege". Die ursprüngliche Be- 

deutung des zu Grunde liegenden chinesischen Ausdrucks ist: innerhalb der Vermuthung. 



/u- 



% t t „ 3 " r * ^ ^ i 

f 9 t t t z / 7 ,s f ix 

Utsi-tsure-noboru tsia-ja-no fasi-go ato-ni tsudzuite gen-go-beje ko-man-mo tomo-ni mi-wo 
fisome tsugi-no fito-ma-ni ukagai-iru. 

Hinter der Treppe des Theehauses, zu welchem man in Gesellschaft emporstieg, ver- 
steckten sich, unmittelbar folgend, Gen-go-beje und Ko-man zugleich und blickten spähend in 
das anstossende Zimmer. 

4 *] utsi „schlagend" dient zur Verstärkung des Verbums. 

£/ ;\ fasi-go (chin. ti-tse) „Treppe", aus %/ ^ fast, welches für sich allein „Treppe" 
bedeutet, und =>* go, wörtlich „Sohn" zusammengesetzt. 

a- i> 7 t fisomuru „verbergen". 

■5 \- t fito-ma (chin. yi-kien) „ein einzelnes Zimmer", wörtlich: ein Zwischenraum. 
¥ t f X ^ f 1 * ^ * 1 X ? 7 * 

Saki-no wotoko-wa fu-dai-fu-wo zib-za-ni susumete mi-wo feri-kudari: watakusi-wa kib-zi- 
ja i-siun te-dai mo-feje-to mbsu mono go-zon-zi-mo gozari-masu-ka. 



136 



Dr. A. Pfizmaier 



Der frühere Mann führte Fu-dai-fu zu dem oberen Sitze und sprach mit Unterwürfigkeit: 
Wisset ihr, dass ich mich mit Namen Mo-feje, Stellvertreter des Ausstellers I-siun, nenne? 
^ yj ^ zio-za (chin. schang-tso) „der obere Sitz", 
/u- y \ ^ susumeru „vorschreiten machen", auch „anregen". 

*7 ^ ^ kib-zi (chin. king-sse), wörtlich: „der Vorgesetzte der Ausstellung", d. i. Ver- 
fertiger von zierlichen Schriften und Zierathen auf Papier. Das angehängte ^ ja „Haus" be- 
zeichnet das Gewerbe. 

/i- ^ ^ zon-zuru (chin. tsiln), eigentlich „meinen", wird gewöhnlich für „wissen" 
gebraucht. 

( ^ f* * f v f > ? * p. 1 [ \ ^k 3 s \- * 



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Siü-zin-wa moto kib-to-no mono ziü-ka-nen i-zen-jori kono kama-kura-ni mi-se-wo idasi i- 
siün koto-mo tada ima-de-wa go-td-tsi-ni dziü-kio-itasi sore-ni tsuki watakusi-mo kio-kio-nen 
kudari bettaku-wo kamaje-masi-te kib-zi zai-ku wo-de-iri-no ja-siki-kara feo-gu-ni maitta fumi- 
gire tan-zaku sono utsi-ni gozari-masure-ba mosi sore-ga de-masenu-to ato-ato-no to-sei-no sarna- 
tage mösu wake-mo nai tokoro. 

Der Herr des Hauses ist ein Eingeborner der Hauptstadt, und er hat seit zehn Jahren 
hier in Kama-kura einen Laden eröffnet. I-siun selbst hat erst jetzt in diesem eurem Lande 
seinen Aufenthalt genommen. In Folge dessen bin auch ich vor zwei Jahren hierher gereist 
und habe ein besonderes Haus gegründet. Da die Werke der Aussteller sich unter den Bruch- 
stücken von Schriften und den kurzen Schreibheften befanden, die aus dem zum Ein- und 
Austritte bestimmten Saale als Bilderschmuck hereingekommen waren, so lässt sich, wenn dies 
nicht ausgeht, kein Hinderniss für ein endliches Fortkommen erkennen. 

\- to-tsi ist so viel als j- £ tb-td (chin. tha?ig-ti), „dieses Land", 
g ^ vj =l dziü-kio (chin. tscliü-khiü) so viel als /u- ^ L X sumi-iru „wohnen und 
verweilen". 

3. kamqjuru (chin. keu), eigentlich „umzäunen", wird auch als Hilfszeitwort 

in der Bedeutung „errichten, besorgen" gebraucht. 

^ /f mi-ku (chin. si-kung) „ein Werk, Kunstwerk". Das ^ sa ist hier der Zusammen- 
setzung willen zu za erweicht worden. 

f ^ ^ ja-siki (chin. ü-fu), wörtlich: „die Ausbreitung des Hauses", ein Saal. 

9 " *7 fod-ffu (chin. piao-kiü) wörtlich: „die äussere Vorrichtung", aufgehängte Bil- 
der, welche zur Ausschmückung dienen. 

\S Or L 7 fumir-gire ,das Bruchstück einer Schrift". 



Det. Almanacjt der kleinbambvsearbigen Schalen. 



137 



*7 p. tan-zaku (chin. tuan-tsi), wörtlich: „ein kurzes Schreibheft", eine zur Zierde 

dienende Inschrift in Versen. 

T % Z> *l T ^ 1 % f t %/ % ° 
^ ^ 3 T % F f v a t ^ JS $ * ' 

H $ S vp ^ f % t < 7> f /fr ^ 

^ m ^ ^ ^ M / y ^ i- ^ 



JTore wo-tama wore-ga \ootosi-ta fana-gami-ire-wo anata-sama-ga wo-firoi-asobasi wo-ka- 
jed-n asarete kudasareö-to lüossijatte go-issio-ni jo, wo-rei mdsi-te kure-to. 

Wo-tama, es hat diesem Herrn gefallen, die Brieftasche, welche ich verloren hatte, von 
dem Boden aufzuheben, und er wird geruhen, sie zurückzugeben, wobei es gut ist, wenn er es 
in der Behausung thut. Bezeige ihm deine Hochachtung. 

\y 4 L f" ;n fana-gami-ire, gleichbedeutend mit o ^ 7" L / f ^ fana-gami- 
bukuro „Brieftasche". 

^ il" & 3~ 7 anata-sama, wörtlich: „die Weise jener Seite", ein Ehrenpronomen der 
zweiten Person, hier auf die dritte Person bezogen. 

Z 7 7 asobasu, als Transitivum von 7" 7 7 aÄ0 ^ „sich belustigen" an sich 
von ehrenvoller Bedeutung, wird in einigen Fällen als Ehrenzeitwort gebraucht. 

\y 9 kure, als defectives Hilfszeitwort im Imperativ gebräuchlich, hat ursprünglich die 
Bedeutung „ aufwinden " . 

9 £ * f .4 v -r > i 1- i- '9 A * -4 

^ i- * i s *> ^ ; 1- t * - y l 



f j * £ - f r> I- 1 ^ - ij 



-3 



Ki-ite wo-tama-mo je-siaku-site ano towori-no fito-go mi-juje sio-sen mo aru-mai-ga nai-to 
iü-te-wa irarenu-to ton-to nusi-wa fan-kitsigai set-nai toki-no kami-danomi mottai-nai-to siri- 
nagara watakusi-mo kono ni-kai-de wo-ßaku-do itasi-te wori-masi-ta, fon-ni anata-wa inötsi-no 
wqja, nan-to wo-rei-wo mdsb-jara. 

Als Wo-tama dies hörte, gesellte sie sich hinzu und erklärte : Indem er nicht dabei blieb, 
dass ein solcher Mann uns voraussichtlich nicht fehlen werde, war mein Mann thörichter Weise 
halb wahnsinnig, und obgleich wissend, dass unzeitiges Beten zu den Göttern etwas Unstatt- 
haftes ist, habe ich es in diesem Stockwerk hundertmal gethan. Ihr seid eigentlich der Vater 
des Lebens, wie soll ich euch meine Hochachtung bezeigen? 

$ ^ 1/ z. je-siaku (chin. hoei-schi) „in Gesellschaft erklären". 

Denkschriften der nhilos.-histor. Cl. XVII. Bd. 18 



138 



Dk. A. Pfizhaier 



3* |- t ßto-go, so viel als das einfache |* t fito „Mensch". a w go (chin. yü) ist hier 
die Ehrenpartikel von der Bedeutung „erhaben". Man sagt auf ähnliche Weise auch X 2> 
3* y musu-me-go „die Tochter", ^ - y ani-go „die ältere Schwester" und anderes. 

^ ^ 3 ^/ sio-sen (chin. so-tsiuen) „was vorbereitet ist, oder ermessen wird". 

rj \ mö drückt die Gemeinschaft mit dem Subjecte aus, und scheint ursprünglich das 
chin. mung „erhalten, erlangen" zu sein. 

|- ^- |- ton-to (chin. tun) „stumpfsinnig , thöricht" , in adverbialer Bedeutung. 
^ fem (chin. puan) „die Hälfte". 

•f f" ^ set-nai (chin. wu-tse) „ohne Einschränkung, regellos". 

^ ; -fl kami-danomi „die Zuversicht zu den Göttern, das Beten zu den Göttern". 

y\ b ^ \ mottai (chin. we-ti) „die Begründung, die Wirklichkeit einer Sache". 

-f -^3 - ni-kai (chin. ni-kiai) „zwei Treppen der Theil des Hauses über dem Erd- 
geschoss. 

^ ^ t wo-fiaku „hundert", hier mit der Ehrenpartikel, weil von den Göttern die 
Rede ist. 

^ _x ^f> fon-ni (chin. pen) „ursprünglich, eigentlich" , in adverbialer Bedeutung. 
X \ mosu, so viel als X *J ^ mosu „einem Höheren melden". 

£ * 7 7 f itk ^ * 9 ; ? f ^ t 
b 7 7 * f » * ^ * ^ 7 *t ' f 7 

l 7 Y *? ^ *f ~\ & y t 9 Z> ^ { 
7 ß f 7 >J * J *? , f - £ 

Nan-no-nan-no wore-ga me-ni kakatta-ga jappari sottsi-no kami-no ri-sib kajesi-te simaje-ba 
kono fb-mo kokoro-gakari-ga nbte an-do sa-a aratamete mirare-jo-to. 

— Um zur Sache zu kommen , da ich, was mir in die Augen gefallen , das noch immer 
dort in dem Papier befindliche Baargeld zurückgebe, möget ihr. ohne Sorge sein und ruhig 
es noch einmal ansehen. 

^ ; jr nan-no-nan-no ist die Wiederholung von - j~ nani „etwas". 
)J )^ Z> ^ jappari „noch immer". 

j- V 7 sottsi „dort", auch j- 7 sotsi geschrieben, ist die Zusammenziehung von 
^- ; 7 sono tsi „jener Boden". 

*7 ^ jy )J ri-sib (chin. Ii- seng) , „der Nutzen lebendig", d. i. ein Geldbetrag, 
ein Capital. 

J -2 %/ simb, ein ziemlich selten gebrauchtes Hilfszeitwort, das so viel als J -2 X 
sumb „ringen" zu bedeuten scheint. 

*f >\ ) d kono fo (chin. tse-fang) „diese Seite" , sonst ein Pronomen der ersten Per- 
son, hier jedoch für die zweite gebraucht. 

Y — ~f an-do (chin. ngan-tu) „ruhig". 

y ^ sa-a, eine gewisse Interjection. 

3 \S 7 L mirare-jo, der Imperativ in der ehrenden Form des Passivums statt 3 ^ 
mi-jo „ sielie ! " 



DEtt AlmANACH DER KLEINBAMBUSEARBIGEN SCHALEN. 



139 



? *? 4 9 a fi ^ 4 } 7* H 1 

v r \ y . z> ? f f i t * a T 

Mo-feje-ni watasi-te fu-dai-fu-wa kokoro-jo-geni utsi-warai fon-ni kottsi-no iü koto-bakari 
ano zio-tsiü-ga go-nai-fb fu-si-gi-na koto-de ai-masi-ta mi-uketa tokoro-ga kami-no kakari fü- 
zoku-to i-i do-jara tö-tsi-no umare-de-wa nasa sona-to. 

Als er es Mo-feje übergab, lächelte Fu-dai-fu freundlich und fuhr fort: Was ich eigentlich 
sagen wollte, jene „hohe innere Seite" unter den Frauen ist zu einer seltsamen Sache gelangt. 
Die Verehrung der Götter, die ich zu sehen bekommen, scheint mir, was die Sitte betrifft, 
nicht aus diesem Lande zu stammen. 

j- 3 -£/ zio-tsiu (chin. niU-tsohung) , „inmitten der Frauen" , eine ehrende Bezeichnung 
der Frauen. 

vf /f jr nai-fb (chin. nei-fang) „die innere Seite", eine ehrende Bezeichnung 
der Gattin. 

^ y j u-s i-gi (chin. pü-sse-i) , wörtlich: „eine unvermuthete Weise", etwas Sonder- 
bares oder Wunderbares. 

hr L mi-ukeru „zu sehen bekommen". 

a zi \- tokoro (chin. so), eigentlich „Ort", entspricht dem Accusativ des relativen 
Pronomens. 

|) N 'ft ) L ^ kami-no kakari, auch )J s L ^ kamt-kakari, wörtlich: „das 
Anhängen an die Götter" , d. i. das Flehen zu den Göttern. In der alten Sprache jf X> ^1 
/u- x |) N kamu-gakari-suru. 

7 ^ yj Y do-jara ist die auf das Subject bezügliche Partikel do (chin. thung) , ver- 
bunden mit der Endpartikel ja-ra (chin. tsai-lan). 

^ j~ nasa „das Nichtvorhandensein", ist das aus dem Verbum ^ j~ nai regelmässig 
gebildete Substantivum. 



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* * f X v A 1 ft f r f f ' V l 



Jü-ni wo-tama-ga te-wo tsukaje: watakusi-mo kib-to-no mono, siü-zin i-siun-ga go-td-tsi- 
je kudasare-masi-ta sono ato-de nusi-no tokoro-je jomette kite mada fan-nen-mo tatsu-ja tatazu 

18* 



140 



Dr. A. Ppizmaiek 



wore-mo kore-kara kama-kura-je kudatte ije-wo motsu-to iüte watakusi fitori hib-to-ni nokosare 
kono goro jb-jb mukai-ga kite wotsi-tsutta-wa si-go-nitsi i-zen. 

Indem jener dies sprach, stellte Wo-tama die Hände auf den Boden und erwiederte: 
Audi ich bin in der Hauptstadt geboren. Nachdem der Gebieter I-siun in dieses euer Land 
p-ezosen, wurde ich an meinen Mann vermalt. Es mochte noch kein halbes Jahr nach meiner 
Ankunft sein, als auch er von dort nach Kama-kura zog und, indem ich das Haus bewahren 
sollte, wurde ich allein in der Hauptstadt zurückgelassen. Gegenwärtig bin ich ihm erst ent- 
gegen gereist und dass ich mich mit ihm niedergelassen habe, geschah vor vier oder fünf Tagen. 

/t- -\ 'fl 22 f J" te-wo tsukajeru „die Hände zum Zeichen der Hochachtung auf den 
Boden stellen", /i- "\ -fl 22 tsukajeru, dessen Synonymum ~\ \ sasajeru, hat hier 
ursprünglich die Bedeutung: „stützen". 

j~ 22 y 3 jomette ist die Zusammenziehung von J~ 22 ^ y 3 jome-itte, das Parti- 
cipium von ^ y 3 jome-iru „vermält werden". 

mada soviel als: J£~ 3 4 imada, dem gewöhnlich, wenn es mit dem Negativüm 
verbunden wird, die Bedeutung: „noch nicht" zukommt. 

22 £ tatsu hat hier die Bedeutung: „sich erheben, von einem Orte aufbrechen". 

\y wore, sonst das Pronomen der ersten Person, steht hier für dasjenige der dritten, 
indem es dialektisch so viel als: \y wäre, gleich diesem letzteren ursprünglich „selbst 
eigen" zu bedeuten scheint. 

{ *J jo-jb, „kaum", vielleicht dasselbe wie: ( ^ 3 jö-jö (chin. yao-yung) „noth- 
dürftig". 

/u- 22 j- /J" wotsi-tsuru, die Abkürzung von: n /u- 22 j- wotsi-tsururu, wörtlich: 
„herabfallend sich anschliessen", d. i. gemeinschaftlich sich niederlassen. 



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Fon-dana-je saje-ma-iri-masene-ba i-siun- sama-wa donna wo-fito-ka kan-zin-no danna-ni 
saje-wo-tsikadzuki-ni-mo naranu utsi sita-dzi-ga suki-na siba-i-no fib-ban-jare sore-to nusi-wo su- 
sume keo ken-but-no womo-sirosa-mo fijon-na koto-de kiö-ga same to-waku-sita-mo go-sih-zin-je 
fajb itte wo-me-ni kakaranu sono batsi-de gozari-maseo-to. 

Da ich mit meinem Gebieter nicht zusammentreffe, bewog ich, während zwischen mir 
und Herrn I-siun, einem wohl schwachsinnigen Manne, als eigensten Gebieter durchaus keine 
Annäherung stattgefunden, meinen Mann zum Besuche der Vorstellung auf der lieblichen 
Schaubühne des niederen Bodens. Heute bin ich bei der Schönheit des Schauspiels , durch 
ein ungewöhnliches Ereigniss aufgeschreckt , in Bestürzung gerathen , und dies wird die Strafe 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



141 



dafür sein , dass ich nicht schnell bei dem Gebieter des Hauses eingetreten und vor ihm er- 
schienen bin. 

.i- pf> fori (ehm. pen) „in Zusammensetzungen „ursprünglich, eigen", mit Bezug auf das 
Subject. 

j- £f dana, „Herr, Gebieter", ein Wort, das auch j~ ^- £ tanna und j~ ^- Jf* danna 
geschrieben wird und durch Lautveränderung aus / |- tono „Gebieter" entstanden zu 
sein scheint. 

j~ ^ Y donna (chin. tun) „schwachsinnig" , als Adjectivum. 
jx- jl kan-zin (chin. kan-sin) „Leber und Herz". 

sita-dzi „der niedriger gelegene Boden". 
sy ^ jare als Partikel ist die Wurzel des Passivums des Hilfszeitwortes /u- ^ j aru 
„schicken". 

^ ^* "jf *1 3 t kib-ga same (chin. hing-kiö) „das Aufstehen und Erwachen", in dem- 
selben Sinne auch durch ^ ^ ^ kib-same und als Verbum durch 2> *] 3 f 
kiö-samuru ausgedrückt. Die eingeschaltete Partikel jf ga hat keinen Einfluss auf die Bedeu- 
tung, und das Wort ist, gleich dem oben vorgekommenen /«- ^ jf t ^ i> mukai-ga kiru 
statt >^ \ t 2> mukai-kiru „entgegenkommen", so zu betrachten, als ob diese Partikel 
gar nicht vorhanden wäre. 

->7 7 \- to-waku (chin. tang-huö) „im Begriffe sein, in Bestürzung zu gerathen". 

j- batsi (chin. fä) „eine kleine Strafe". 

* V )j f J f X ^ X f • 7 ^ *f V >f ? 

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Fariasi-no aida-ni fana-gami-ire mo-feje-wa aratame-wosi-itadaki: ija-md sb-i-wa gozari- 
masenu, ware-ware dd-si-no firoi te nara wo-rei-no si-jb-mo gozari-maseö-ga nani-wo mösu-mo 
wo-bu-ke-sama go-sin-set-wo sassi-masi-te kono ma-ma wo-morai-mdsi-masu kore-wa watakusi 
tokoro-gaki bu-sitsuke-nagara age-woki-masu, sb-wd-na go-jo-ga ara-ba nan-nari-to go-jen-rio- 
naku wossijari-tsukete kudasari-mase-to. 

Während sie dieses sprach, erhob Mo-feje die Brieftasche wieder über das Haupt: 0, es 
ist kein Unterschied. Wenn wir die weite Hand der gleichen Gedanken wären, würde es ein 
Mittel geben , euch unsere Hochachtung zu bezeigen. Indem ich etwas sage und untersuche, 
worauf der Herr Krieger grossen Werth legt , möchte ich in der Zwischenzeit von euch fol- 
gendes erbitten. Ich verehre euch, obgleich dies nicht artig ist, meine örtlichen Schriften. 
Wenn ihr davon einen passenden Gebrauch machen könnt, so möget ihr, was es auch sei, 
geruhen, sie euch ohne Schüchternheit anzueignen. 



142 



Dr. A. Pfizmaier 



*7 t ^ 'f ija-md ist zusammengesetzt aus der einen Zuruf ausdrückenden Interjection 
^ /f a/a und *^ t mo, das so viel als jy ^ mos*' „melden, bitten". 
^ rf ^ sb-i (chin. siang-wei) „von einander verschieden sein". 
i/ y] Y dd-si (cliin. thung-tschi) „die nämliche Absicht, die nämlichen Gedanken". 
7 j~ nara steht abgekürzt für J$ y j~ nara-ba. 
*] si-jb, wörtlich: „die Weise der Handlung". 

^ jf u zj [ tokoro-gaki „örtliche Schriften", die für gewisse Orte bestimmten zier- 
lichen Schriften. 

*J 3 jo (chin. yung) „der Gebrauch"'. 

3 l) ■> 2. jen-rio (chin. yuen-lm) „fernes Bedenken, Schüchternheit". 

* t A f > 1 V * V| */ ^ 

-r M f / £ ^ -\ ^ f j- ^ 

Fusi-wogame-ba utsi-unadzuki : sono koto-ba-ni amajete icore-ga tanomi-tai koto-ga aru- 
ga nan-to ki-ite-wa kuri-jaru-mat-ka. 

Als er sich bei diesen Worten zu Boden warf, sprach jener mit dem Haupte nickend: 
Würde es euch nicht unangenehm sein zu hören, dass es etwas gibt, um das ich, stolz auf 
dieses Wort, euch bitten wollte? 

^ )j ^ kuri-jaru, von /i- ^ kuru „winden, drehen" mit dem Hilfszeitworte 
/»- ^ jaru „schicken", hat ungefähr den Sinn von X> jy kurusimu „beschwerlich, 

lästig sein". 

ij ^ )) v j) f Y f A * ? j ^ 7 ■ 

Sore-wa kajette kotsi-ra-kara negai-masi-tai-wori-ni saiwai dono jb-na koto nari-to wossi- 
jari-tsuk ete kudasari-masi. 

— Indem wir im Gegentheil unsererseits eben darum bitten wollten, ist es ein Glück. 
Was für eine Sache es auch sei, möget ihr geruhen, es durch die That euch anzueignen. 

j~ ^ -v Y dono jb-na „von welcher Art" , als Adjectivum. 

Der Ausgang auf die Wurzel -3 masi, lässt erkennen, dass der Satz unvollendet ist 
und durch die nachfolgende Erwiderung unterbrochen wird. 

% 4 f .; i i 1 7 * f .7* ? f * 

* * -< 7 ; L >* 1 L Z F*l ™ 1 * 



Der Almanach der kleinbambusparbigen Schalen. 



143 



Wo-wo kata-zike-nai-to koje-wo fisome : moto wore-wa kiü-koku-no mono, tai-dai-iio ka-tsiü- 
nite katzu-ma fu-dai-fu-to iü samurai, nio-bb-wa toku-ni mi-makari fon-no Uuje-ni-mo fasira- 
ni-mo gen-go-beje-to iü segare itsi-nin. 

— 0, ich danke euch ! — Seine Stimme dämpfend, fuhr er fort : Ich bin eigentlich ein Ein- 
geborner der neun Reiche, ein Angestellter in dem Hause des grossen Inneren, Namens 
Katsu-ma Fu-dai-fu. Mein Weib ist frühzeitig gestorben und mir blieb ein einziger Sohn, Na- 
mens Oen-go-beje. 

s f wo-wo, eine gewisse Interjection. 

-f j~ >r p. -fi kata-zike-nai ist der gewöhnliche Ausdruck für „ich danke". In der 
Wörterschrift wird diesem Worte jö „beschämt" oder kung „ehrfurchsvoll" zu Grunde gelegt, 
über die eigentliche japanische Abstammung wurden jedoch keine Andeutungen vorgefunden 
und lässt sich hierüber nichts Gewisses bestimmen. >r i/ sike steht auch für \- /f >r \/ 
sike-iio, „Rohseide", wörtlich: ausgebreitete Seide. Der in Rede stehende Ausdruck könnte 
daher nach den japanischen Lauten bedeuten: „es gibt keine Seite Ausgebreitetes*, d. i. kein 
halbes Stück Rohseide. 

/u- i> 7 f ßsomuru „verheimlichen, dämpfen". 

n *f ^ kiü-koku (chin. kieu-kuö) „die neun Reiche" wird hier für *J i/ *J ^ kiü- 
siü (chin. kieu-tscheu) „die neun Landstriche", das der Name einer bekannten grossen Insel, 
gebraucht. 

^ /f b tai-dai chin. (ta-nei) „das grosse Innere". 

^ ka-tsiü (chin. kia-tschung) „in dem Hause". 
- ^ \ toku-ni hat eigentlich die Bedeutung : „schnell". 

/l- -3 J. mi-makaru „sterben, verscheiden bedeutet wörtlich: mit dem Leibe sich 
zurückziehen. 

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r , f. . i ; . f 7 . . * ¥ i f jr 4 * . > 

Woja-no sukume-ka sirane-domo wakai-ni ni-awazu wotonasi-ku bu-gei-wa moto-jori fito- 
nami-ni-wa gaku-mon-mo suki mo-zi-mo kaki appare jagate katsu-ma-no ije-wo fiki-wokosu-beki 
ki-rib-mono-to jorokonde i-ta. 

Obgleich er den Zwang von Seite des Vaters nicht kannte, hatte er keine Ähnlichkeit 
mit einem Knaben. Als er erwachsen war, wurde mit der Kriegskunst der Anfang gemacht. 
Wie es gemeiniglich der Fall ist, liebte er auch das Lernen und schrieb Schriftzeichen, und 
ich freute mich über den talentvollen Mann, der offenbar das Haus Katsu-ma bald emporbrin- 
gen konnte. 

/i- 2> X. sukumuru „einzwängen, zurück- oder in Schranken halten". 
| 3 h ^ moto-jori (chin. yuen-lai) „der erste Anfang". 

L j~ |* t fito-nami „insgemein, gemeiniglich", wörtlich: die Reihen der Menschen. 
\S )^ J appare „merklich, augenscheinlich". Dieses Wort wird in der Wörterschrift 
durch die Zeichen von ihien-tsing „die Klarheit des Himmels" ausgedrückt, dem gemäss es, 



1U 



De. A. Pfizmaier 



wenn eine solche Ableitung überhaupt richtig ist, die Abkürzung von |/ ^ ^ J ama-fare 
sein würde. 

• * ±\l ****** 

L T tf * f =. \ * *l v \ ? 7 *l o 

Kai-mo naku kono kama-kura-je zai-ban-tsiu ko-man-to jara iü gei-ko-ni nazimi tsutome- 
mo wokotari kin-gin-wo tsukai-fatasi-te siuppon do-zen nikkui jatsu-me natsu futa-tsu-to womoje- 
do ima-de-wa siu-zin-no kin-ziü waga ko nanara-mo waga mama-ni naranu-ga are-ga si-awase- 
to natte sore-jori naga-no kan-db. 

Unglücklicher Weise machte er Bekanntschaft mit einer hier in Kama-kura unter zehn- 
tausend anderen sich befindenden Künstlerin, Namens Ko-man, vernachlässigte den Dienst, 
vergeudete alles Gold und Silber und obgleich er glaubt, dass die entlaufene und mir ver- 
hasste Dirne eine Matsu-futa-tsu so ist jetzt der Umstand eingetreten, dass der Vertraute 
des Gebieters des Hauses, während er mein Sohn ist, nicht mehr nach meinem Willen handelt. 
Daher meine bleibende Ungnade. 

f~ t -fl kai-naku (wörtlich: ohne Perlmuschel) „ohne Ehre, heillos". An dieser Stelle 
wurde die Partikel ^ rao eingeschaltet. 

*J -f )^ ^ ^ zai-ban-tsiü (chin. tsai-wan-tschung) „in der Mitte von Zehntausend 
befindlich". 

zi ^ Y gei-ko (chin. i-tse) „eine Künstlerin". Von /f y gei (chin. i) „die schönen 
Künste" . 

& ^ kin-gin (chin. kin-gin) „Gold und Silber". • 

^ p. ^ t 'ft ^ tsukai-fatasu „alles vergeuden", zusammengesetzt aus tsukb (chin. fang) 

„loslassen, verschleudern", und X p. )S fatasa „zu Ende bringen", Transitivum von ^ ~J~ 

;u- fateru (chin. ko) „zu Ende gehen", d. i. sterben. 

> ^ Y do-zen (chin. thung-jen) „auf dieselbe Weise". 

/f 9 ^? - nikkui ist so viel als -f $ - nikui „verhasst, verabscheuungswürdig". 

^ 2? ^ jatsu-me ist eigentlich das Wort ^? ^ jatsu (chin. nu) „Sclave" mit der die 
Verachtung ausdrückenden Partikel y nie. 

a. ^ \ kin-zik (chin. kin-si), auch durch J a- •£/ ^ f kin-zijü und ^- ^ 

kin-ziü ausgedrückt, „ein Vertrauter". 

^ ^ J si-awase (chin. sse-hö) „das Zusammentreffen der Umstände". 

V 9 *j ^ p. x |* * * ^ fr f * 
; / / f t 7 7 I— ^ 3 - ^ 



1 ) Dies ist offenbar der mit Absicht nicht richtig wiedeigegebene Name der Künstlerin Fnta-tsu gusi-no ko-maisu. 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



145 



1$ V p )* V 7 > f 7 $L % 

ix * h 9 t T *1 ^ 7 ) r 

Sikaru-ni kio-nen kuni-moto-nite tono-no mi-tatsi-je tb-zoku-ga sinobi-konde wo-ije-no takara 
tei-ka kib-no wo-gura-no siki-si-wo ubai-totte jukuje sirezu. 

Indessen drang voriges Jahr in dem Reiche daheim ein Räuber heimlich in den Palast 
des Gebieters und raubte den Schatz des Hauses, ein aus Wo-gura stammendes Farbenpapier 
des Tei-ka-kib, ohne dass man weiss, wohin er sich begeben hat. 

- /i- ^1 \/ sikaru-ni, die Zusammensetzung von - /u- ~J ^1 sika-aru-ni „indem es 
so ist oder war". 

h t - kuni-moto „der ursprüngliche Wohnort in dem Reiche". 
9 *f */* & to-zoku (chin. thao-sü) „ein Räuber", auch „Dieb". 
ho ) i/ sinobi-komu „heimlich eindringen". 

*/* ^ t" "f T tei-ka-kib (chin. ting-kia-king) „der das Haus einrichtende Minister". 
7 ^" f ivo-gura (chin. siao-tsang), ein Ort des Reiches Mi-kawa. 

\/ \ i/ siki-si (chin. se-schi) „ein Farbenpapier", d. i. eine öffentliche Schuldver- 
schreibung. 

/u- |« t ubai-toru „durch Raub wegnehmen". 

~\ 9 a. juku-je, sonst auch z 9 juku-je geschrieben, „der Ort, an welchen man 
sich beim Fortgehen begibt". -\ fe (chin. pien) hat hier die Bedeutung „Seite, Gegend". 



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*b v * ^ - >r > t v < •* J * ■ ne ; 



TFa^a adzukari-to iü-ni-wa arane-do sono sen-gi-wo si-idasu-beki jaku-gi-wo fita-sura negai- 
uke womote-muki-wa rb-nin-site kono kama-kura-je kudari-si-wa gen-go-beje-ni i-sai-no wake-wo 
tsuge-sirasete kano takara-wo gen-go-beje-ni tadzune-idasase sore-wö ko-ni kan-db-wo jurusi-te 
futa-tabi katsu-ma-no ka-toku-wo segare- nijari-tai sita-gokoro. 

Obgleich sich nicht sagen lässt, dass dies eine mich angehende Sache ist, erhielt ich 
durch vieles Bitten ein Amt, bei welchem ich mich mit der bezüglichen Untersuchung befassen 
konnte. Anscheinend ein Mann ohne Amt, begab ich mich hierher nach Kama-kura, theilte 
Gen-go-beje die Umstände genau mit und Hess jenen Schatz durch Gen-go-beje aufsuchen. In- 
dem ich ihm dies zum Verdienst rechne, ist es meine weitere Absicht, ihm wieder die Gnade 
zuzuwenden und zum zweiten Male meinen Sohn mit der Aufsicht über das Haus Katsu-ma zu 
betrauen. 

!) ^ *f 7 adzukari (chin. yü) „das Betreffen, das Angehen". 

Denkschriften der puilos.-hlstor. Cl. XVII. Bd. J9 



Uli 



Dr. A. Pfizmaier 



^ ^ ^ sen-gi (chin. tsien-i) „in allem Rath halten, untersuchen". 

7 X p. t fita-sura (chin. <Äaz) „gründlich, vollständig". Von ungewisser Ableitung, 
möglicherweise von t /-fa „trocken" und 7 X wo statt 7 X sura-ba, dem Con- 
ditionalis von /«- ^ swt-m „reiben ". 

tu- )jr *f t ^- negai-ukeru „durch Bitten erhalten". 

=)= 2> J \ womote-muki „der Oberfläche zugekehrt, blos äusserlich, zum Scheine", 
/f /f £-«z« (chin. wei-si) „genau, ausführlich". 

/L- X 7 V *jr ?2 tsuge-sirasuru „melden und zur Kenntniss bringen". 

X *f ^ & *f p. tadzune-idasasuru „aufsuchen lassen" . 
*j -3 kö (chin. &w??<7) „das Verdienst, eine verdienstliche Handlung". Der Satz f \y J 
- *J o sore-wo ko-ni enthält eine Ellipse. 

9 \- -p ka-toku (chin. kia-tu) „der Aufseher des Hauses". 

13 s a* p sita-gokoro (chin. hia-siu) „die letzte, die fernere Absicht". 



h- 



7 , ^-f^^;^;^7 , ^/V^7 

Ked-mo koko-ra-de mi-kake-tare-do bu-si-ga ittan kan-db-sita segare-ni koto-ba-wo kawasi 
te-wa kore kono katana-no te-maje-ga sumanu-dzia-ni jotte are-je-ioa iwanu ki-sama-ni fanasu 
wo kiki-totte kanarazu sen-gi-wo wokotaru-na. 

Obgleich ich heute in dieser Gegend auf ihn die Augen geworfen habe, habe ich, ein- 
gedenk des Wortes, dass wenn ein Krieger einmal mit dem bei ihm in Ungnade stehenden 
Sohne ein Wort gewechselt hat, hierdurch die Geschäfte dieses Schwertes kein Ende nehmen, 
es ihm nicht gesagt, und er wird, indem er das, was ich zu euch spreche, anhört, gewiss die 
Untersuchung nicht vernachlässigen. 

p. V 4 ittan (chin. yi-tan) „eines Morgens, einmal". 

X ^ "fa kawasu (chin. ti) „wechseln, austauschen", das Transitivinn von /t- ;>■ -fl 
kawaru. 

Auf te-maje „was vor der Hand ist, die Geschäfte". 

/i- ' \- \ 4= kiki-toru „durch das Gehör aufnehmen, anhören". 



Kano tb-zoku-ga tori-iootose-si bgi-ni kaki-si sitsi-gon-rit kana-zawa fakkei-no koto-wo tsu- 
dzuri-si-wa to-goku-no mono-to iü sio-ko. 

Dass in den aus sieben Wörtern bestehenden Versen, welche auf den von diesem Räuber 
verlorenen Fächer geschrieben sind, der Gegenstand der acht Schatten von Kana-zawa ausgebes- 
sert, wird, ist ein Beweis, dass man es mit einem Eingebornen dieses Reiches zu thun hat. 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



147 



]j 3* i/ sitsi-gon-rit (chin. tsi-yen-liü\ das Sylbenmass von sieben Wörtern. 
4 >r V ^ fakkei (chin. pä-king), „die acht Schatten", ein unbekannter Gegenstand. 
9 3* *J \- tö-goku so viel als $ 3 * p. tb-goku (chin. thang-kuö) „dieses Reich". 



:* *i <$ \t m J ^ t 

^ ^ 2> ^ 7 V' ^ 1 1/ j =£ 7 



Kiü-koku-wa moto-jori kei-si nani-wa amaneku sagasi-motome-sika-do katsu-te sirenu-wa 
kano tb-zoku wonore-ga ko-kib-je motsi-kajeri sitsi-ire-sita-ka tada-si mata uri-farbta-ka nan-ni- 
mo se-jo, fito-no iri-komu kama-kura-ni asi-wo todomete sen-gi-wo si-tara sirenu-koto-wa jo-mo 
aru-mai. 

Von den neun Reichen angefangen , wurde in der Metropolis , in Nani-wa überall nach- 
geforscht, da man aber auf keine Weise etwas erfuhr, so mag es wohl der Fall sein, dass jener 
Räuber mit dem Gegenstande in seine Heimath zurückgekehrt ist und ihn verpfändet oder 
auch verkauft hat. Wenn man in Kama-kura, wo die Menschen eintreten, verweilen und Unter- 
suchungen anstellen wollte, würde die Sache durchaus nicht unbekannt bleiben. 

1/ /f >r kei-si (chin. king-sse) „die Metropolis". 

J~ 2? katsu-te (chin. sching-scheu), wörtlich: „die überwindende Hand, " mit dem Nega- 
tiv um so viel als: „auf keine Weise". 

/i- -\ ^- ^ motsi-kajeru „mit etwas zurückkehren". 

j- i/ sitsi (chin. tschi) „ein Pfand".* /l- x. \y 4 j- f sitsi-ire-suru, „verpfänden". 
%/ V tada-si „es ist nur". %/ si ist die Wurzel von /u- X. suru. 
y y )\ )j ?7 uri-farb „verkaufen". J 7 ,s färb hat die Bedeutung „fegen". 
-3 /u- j ^ 3 jo-mo aru-mai, wörtlich: „es wird in der Welt nicht vorkommen". 

r i i j % f r p f j f f * * . f s ■ *■ it 

* * ) l i * J* > * . 7 i ? \ U> 7 7 



Kono fu-dai-fu-mo joi tosi-site arui-wa doku-sio-no si-nan-wo si arui-ioa bai-riü-ken-to iü 
je-mo sirenu na-wo tsui-te tai-fei-ki gun-sio-no ko-dan fito-wo atsumete jo-ioatari-to misuru-mo 
siki-si sen-gi-no te-gakari kiki-idasb tarne futa-tsu-ni-wa fu-sio-zon-mono-no gen-go-beje-ga fiotto- 
site sono utsi-ni kuru-koto-mo arö-ka-to ari-jb-wa matte i-ta. 

Auch ich, mir dies gut zu Nutzen machend, versammelte, indem ich entweder für das 
Lesen der Bücher Fingerzeige gab, oder mir den Namen Bei-riu-ken und auch unbekannte 

19* 



148 



Dr. A. Pfizmaier 



Namen beilegte, die Menschen der Gespräche über das Kriegsbuch Tai-fei-ki, beobachtete sie 
hinsichtlich ihres Lebenswandels und wartete thatsächlich, ob nicht, um die Kunstgriffe der 
Untersuchung der Farbenpapiere zu hören, an zweiter Stelle der ungeliebte Mensch Gen-go-beje 
zufällig unterdessen kommen werde. 

i/ \- tosi (chin. Ii) „scharf", das Präsens des adjectiven Zeitworts, wird wie das ent- 
sprechende Zeichen der Wörterschrift auch für „Nutzen" gebraucht, was jedenfalls ein Sini- 
cismus ist. 

j~ %/ si-nan (chin. tsclii-nan) „mit dem Finger nach Süden zeigen, unterrichten, 
belehren". 

3 i/ -i- fy" gun-sio (chin. kiün-schu), „ein Buch des Kriegsheeres". 
)) £ V 3 jo-watari „das Übersetzen des Zeitalters, der Lebenswandel", 
ij n J~ te-gakari, wörtlich: „das Hängen der Hand", ein Kunstgriff. 
X Jt" 4 s ^ kiki-idasu, wörtlich: „heraushören". 

^ 3 *) fu-sio-zon (chin. jpü-so-tsün) „woran man nicht denkt, ungeliebt". 

^ ij y ari-jb „die Art des Vorhandenseins, das Thatsächliche " . 

I- £ 7 ■ t" ■ ? f v t ^ y jt )j % f 7 * 
iK* \f ****** * \ 

Keo-to iü keö wore-ga me-ni kakaru-koto-wa kakari-nagara kan-db uketa sono wokori-no 
ko-man-to issio-ni tsure-datte-wa nawo-sara koto-ba-ga kake-nikui, sore-motte faja kajere-to. 

Eben heute, während es sich ereignete, dass mir eine Sache in die Augen fiel, brach er, 
dem meine Ungnade zu Theil geworden, in Gesellschaft jener fieberartigen Ko-man nach der 
Behausung auf, und dadurch ist es mir noch mehr zuwider, an ihn Worte zu richten. Somit 
dürfte ich bald zurückkehren. 

y >r 7 4 \" 1 *T keo-to iü ked, wörtlich: „heute, was man heute nennt". 

/«- n -fl - y me-nikakaru „vor die Augen gehängt sein, in die Augen fallen, erscheinen", 
jj zi wokori „das Wechselfieber" / ]j 3 wokori-no bezeichnet eine Eigenschaft, 
der gemäss etwas gleich dem Wechselfieber lästig ist. 

29 tt" \S 29 tsure-datsu „in Gesellschaft mit Jemanden sich erheben oder weggehen". 

/ zu =t v a » * j- 3 ; 4 y |> f x i >? 

J > % y \ JU.r> 4 t '*> 
h * * I i* t r ^ 7" 9 ^ 2 pt f j $ 

Kudan-no bgi-wo kara-kami-no suki-ma-jori nage- idasi f ata- to tate-kiri koje-urumi: 
namazi-i ima kan-dd-no wabi-date-site koko-je deru-to sitsi-si-jd made jen kiru-zo naki-goje 
kikasete tosi-woi-ta woja-ni mono-wo womowasuru fu-sio-zon-mono fu-kb-mono-to. 



Der Almanach dee keeinbambusfarbigen Schalen. 



149 



Er warf den erwähnten Fächer aus einer Hülle von chinesischem Papier, schlug ihn 
rasch auf und fuhr mit bewegter Stimme fort: Es ist schmerzlich! Jetzt breche ich durch das 
Feststellen des Schwures der väterlichen Ungnade das Verhältniss ab, so dass ich selbst, indem 
ich hieherkomme, dafür ein Unterpfand gebe. Man hörte mich laut weinen, und der ungeliebte 
Mensch, der pflichtvergessene Mensch, der dem bejahrten Vater Sorge bereitet — 

s ^ X suki-ma (chin. teu-kien) „ein hindurchgehender Zwischenraum, ein Durchzug". 

/l " t T P> tate-kiru „aufstellend schneiden", d. i. mit Kraft oder Gewandtheit aufstellen 

2> /i" 3. zj koje-urumu „das Bewegtsein der Stimme". 

/ Jf Tf? 7 wabi-date „das Anrufen und Aufstellen", a- y" 7 waburu (chin. tö) „die 
Zuflucht nehmen, anrufen, beten". 

2- m Jen (chin. yuen) „das Verhältniss, die Beziehungen der Freundschaft". 
2 a* f j~ naki-goje „der Laut des Weinens", 
/i' X f hikasuru „hören lassen". 
P- ^ % t/ [ tosi-woi-ta „bejahrt". 

X )S \ ^ ) \ mono-wo womoioasuru „über Dinge nachdenken lassen, Sorge 
bereiten". 

*j -fl y fu-kb (chin. pü-hiao) „die Pflicht des Sohnes nicht erfüllend". 

^ y ^ n ; s t ^ f *> v ji i/ a- ^ 
^ f J 7 ^ M ^ ^ " ^ 4 

I ? . *■ l '* \t 5 f% - \ f f f { y 

Ma-bara-ni nokoru fa-ioo kami-sime namida-wo kakusi-te gokkuri-to nomu ju-ni-musete 
seki-iru-wo wo-tama-wa ki-no doku se-na nade-sasuri kai-fd-sure-ba mo-feje-wa kijoro-kijoro 
wakatta jb-de soko-zumi-senu kawo-wo agete soba-je suri-jori. 

Hier presste er die in weiten Zwischenräumen noch übrigen Zähne zusammen und als 
er die Thränen verbarg und von den heissen Tropfen, die er hinabtrank, schluchzte und 
hustete, streichelte ihm Wo-tama den Rücken und nahm ihn in Schutz, während Mo-feje auf- 
geregt und mit Entschlossenheit das nicht zu Boden gesenkte Angesicht erhob und sich an 
seine Seite drängte. 

^ 2> L kami-simuru „beissend zusammendrücken". 

\- ]) 9 .iP 3* gokkuri-to ein Wort , das mit /i- V ^ kuguru „ einweichen , untert au- 
hen" verwandt zu sein und das Trinken von Flüssigkeiten zu bezeichnen scheint. 
=>- ju, eigentlich „heisses Wasser". 

9 Y ) \ ki-no doku (chin. ki-iü) wörtlich: „das Grift der Seele", d. i. Leid, Betrübniss. 
In der Wörterschrift werden diesem Worte gewöhnlich die Zeichen siao-tsclü (das Aufhören 
des Lachens) zu Grunde gelegt, die übrigens auch durch die ebenfalls gebräuchlichen Laute 
v' *J ^ seö-si wiedergegeben werden. 

j~ ^ se-na, sonst ji j- ^ se-naka „der Rücken". 
*1 )s 4 kai-fb (chin. kiai-pao) „unterstützen und bewahren". 
i. 11 7 soko-zumi „das Weilen auf dem Boden". 
3 1) X suri-joru „reibend sich anlehnen". 



150 



Dr. A. Pfizmaier 



* i - * l f * f ? * >) 7 * * | 7 ^ 



Sore-wa nani-jori wo-jasui go-jo, sassoku sono gen-go-beje-sama-no wo-taku-wo do-ka 
sagasi-idasi wo-koto-dzuke-wo-mo itasi-maseo-si mata siö-bai-gara-no koto sono siki-si-no 
ari-sio-tote-mo sire-mai mono-de-mo gozari-masenu-ga nan-bo kan-dö nasareta tote gen-dai wo-ai- 
asobasi-nagara tada fito-koto-no wo-koto-ba-ioo-mo wo-kake-nasarenu-to mösi-masuru-ica ika-ni 
wo-bu-ke-sama-dzia-to iüte anmari wo-kata sugi-masuru-to. 

— Hier lässt sich von irgend einer Seite ein Gebrauch machen, wobei ihr beruhigt sein 
könnet. Ich werde schleunigst die Wohnung dieses Herrn Oen-go-beje für euch durchsuchen 
und sobald ich mich hiermit befasst habe, wird auch die Sache der Theilnehmer an dem Handel, 
je nach dem Orte, wo dieses Farbenpapier sich befindet, nicht unbekannt bleiben. Indem 
ich ihm sage, dass ihr, Aveil ihr ihm irgendwie die väterliche Gnade entzogen, ungeachtet 
eures gegenwärtigen Zusammentreffens, nicht in einer einzigen Angelegenheit das Wort an 
ihn richtet, habe ich den Auftrag von euch, dem Herrn Krieger, und ihr werdet zum Uber- 
flusse, wenn ich vorübergehe — 

X p. i & ^ sagasi-idasu „durchsuchen". 

>r |- o koto-dzuke „das Befassen mit einer Sache". 

7 -fi * )^ *J i/ sio-bai-gara (chin. scliang-mai-thang) „die Genossen eines Kauf- 
handels". 

ft\ f~ nan-bo, so viel als das einfache - j~ nani „was", kann die Zusammenziehung 
von \ - j~ nani-mo „sein". 

)J -i- y anmari, so viel als )J y amari „überflüssig". 

tl -fi wo-kata „die erhabene Seite, ein Ehrenpronomen der zweiten Person". 

* 1* 7 > x . * 1 TN ß . t fi : ) f £ ^ "4 
Z % f ~v 7 \ } % \ * V tf =? 

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- ,x A 7 7 & A f> ^ : * ■ ? ^ ^ 
!) A M l; # X i, t -f >' y r'9'7 

Jü-wo todomete fu-dai-fu-wa fito-ma-no utsi-wo sasi-nozoki: nasake-nai-no-ga woja-no 
nasake mu-ri-ni konata-no tsure-no jd-ni i-i-kuromete segare-me-mo tonari-za-siki-je tsurete leite 



Der Almanach dee kleinbambuseaebigen Schalen. 



151 



ima iüta-no-wa konata-je tanomi-to are-ni kikasuru futa-mitsi-wo toku-sin-site kajetta sö-na go- 
nai-fb ikai wo-se-wa-ni nari-masi-ta. 

Fu-dai-fu unterbrach ihn in seiner Rede und rief, indem er in ein Zimmer hinausblickte : 
Da bei einem Lieblosen die Liebe des Vaters nicht in der Ordnung ist, habe ich, dich ver- 
schwärzend, so gesprochen, als ob du von meiner Seite ein Begleiter wärest, und der unwür- 
dige Sohn begleitete mich zu der benachbarten Sitzhalle. Jetzt hat die, wie es scheint, zurück- 
gekehrte Frau des Hauses, indem sie die zwei Wege bemerkt, aufweichen ich das, was 
ich gesagt habe, nach dieser Seite eine Bitte, dort zu Ohren bringe, irgend etwas zu thun 
bekommen. 

p_ j~ zj konata, die Zusammenziehung von p -fl J zj kono kata „diese Seite". 

/u- }> n t -f i-i-kuromuru „durch Worte verschwärzen". 

j- L p. 7 futa-mitsi (chin. ni-tao) „ein Doppelweg". 

'f 'ft 4 ist so viel als /u- j~ -fi /f ika-naru „irgendein". 

7 ^ se-ioa (chin. schi-nie) „eine Beschäftigung des Zeitalters, ein Geschäft". 

j jf jl ^ i - 7 J - 7 A- "\ t rj y » f 

l * m 7 1 ' ? r $ 1 2 * ■ * f l f ■ * 4 " 

} { x > 1 7 t L 9 * ✓ x | I- ^ 7 7 ^ 

Nan-no wo-rei-wakotsi-ra-kara semete do-zo go-siü fito-tsu-to kajeru-wo todomuru ni-kai-no 
futari gen-go-beje-wa ko-man-wo tsure sugo-sugo idzuru kado-no kutsi-akari-ni terasi-te kudan- 
no bgi mijaru wori-kara mawasi-kata ja-suke-ga uro-uro tatsi-modori. 

— Die Artigkeit erfordert es, dass von unserer Seite wenigstens euch ein Ehrenwein — 

Indem er mit diesen Worten zurückkehrte, hielten ihm die beiden Personen des Stock- 
werkes auf. In dem Augenblicke, wo bei dem Lichte der Lampe des Thores , durch welches 
Gen-go-beje in Gesellschaft Ko-maris leise austrat, der erwähnte Fächer sichtbar wurde, trat 
Mawasi-kata Ja-suke ihnen hastig entgegen. 

~f ^ semete „wenigstens", von /»- 2> ^ semuru „fordern, zur Rede stellen" ab- 
geleitet. 

a, go-siü (chin. yu-tsieu) „der erhabene Wein, der Ehrentrank", 

l) -fi y j- kutsi-akari „das Licht, die Lampe an einem Eingange". 
a- ^ t mijaru „zu sehen sein, sichtbar sein". 

p. 'fi >s ~z mawasi-kata, wörtlich: „die drehende Gestalt", scheint eigentlich einen 
Stand, denjenigen eines Gehilfen des Bilderverfertigers , zu bezeichnen. 

f* -T M \ t ^ { > ? * >" „ 

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j r ss v ^ & F t >■• f y * 



152 



Dr. A. Pfizmaier 



Ko-man-san watasi-wa ippen tadzune-masi-ta gen-go-beje-sama nani-wo ukkari sono bgi 
dore-dore wo-mise-nasare-masi nan-da-ka sappari-zi-wa jomenu-ga wo-wo kono kaki-te-wa sitte 
iru, sore ko-man-san-ni i-ted-ba-no asi-da-wo fai-te kubi-tsu take ano sasa-no san-go-beje-ni 
tsui-te aruku tai-ko-i-sia tai-fuku kosi-an-ga te-ni tsigai-no nai-wa kono in-de wobo ete iru, sore- 
ioo nan-de medzurasi-sb-ni-to. 

— Fräulein Ko-man, Herr Gen-go-beje, den ich überall gesucht habe, zeigte mir mit Hast 
Verschiedenes auf seinem Fächer, wobei einige verschlossene Zeichen nicht zu lesen waren. 
Wohlan, ich kenne denjenigen, der dieses geschrieben. Dass es von keiner andern Hand als 
derjenigen des marktschreierischen Arztes Tai-fuku kosi-an, der im Gefolge jenes Sasa-no 
San-go-beje, desselben, der bei Fräulein Ko-man den Schuh des Platzes der Silberaprikosen 
trat und an dem Halse Bambus trug, umherwandelt, habe ich an diesem Siegel bemerkt. 
Indem ich dieses, wie es scheint, etwas Schätzbares — 

)j -fl ukkari (chin. Jiiü-ki), in der Wörterschrift „leere Luft", d. i. „krampfhaft, 

aufgeregt, hastig". 

^ \y y } dore-dore (chin. ho-ho) die Wiederholung von „etwas", Mehreres, Verschiedenes. 
-^3 £f j~ nan-da-ka, so viel als -fl ^ ^ - j~ nani-dzia-ka „es dürfte irgend 
etwas sein". 

|) )^ 22 ^" sappari-zi (chin. tschang-tse) „verdeckte Zeichen", d. i. unerklärbare 

Wörter. 

yj T /f i-ted-ba (chin. yin-heng-tschang) „der Platz der Silberaprikosen". 
^ v' 'i ^ 4 p. tai-ko-i-sia (chin. thai-ku-i-tsche) „ein Arzt der grossen Trommel, ein 
Marktschreier". 

/f in (chin. yin) „ein Siegel". 

t =>» j f ~ v p, f -« a f f f } * *i t 
)J t % 4 v => a- S> * Jfe 7 * 7 ? "r> 7 



Ki-i-te fü-to gen-go-beje maju-wo fisomete tatsi-agari: sonnara kono sio-wa san-go-beje-ni 
tsui-te aruku tai-ko-i-sia kosi-an-to iü jatsu-ni, fai tsigai-wa gozari-masenu. 

Als er dies hörte, zog Gen-go-beje mit einem Ausrufe die Augenbrauen zusammen und 
erhob sich sofort. 

— Also ist diese Schrift von derjenigen eines Kerles, der sich den Marktschreier Kosi-an 
nennt und der im Gefolge San-go-beje's umherwandelt — 

— Ja, sie ist nicht verschieden. 

*J y fü, als Interjection ein Ausruf des Staunens. 
3 sio (chin. schu) „die Schrift". 
22 jatsu (chin. nu) eigentlich „ein Sclave". 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



153 



] ' ■ A * ! w * 7 ■ 4 A ^ x ? ; 

^ f J I * f 7 * 2! 1 [ j 7 , A 

5 f j 1 f ( f Y ^ \~ > L $ a * 

Tsitsi-no tama-mono sono jo-wo sarazu te-gakari je-ta-mo kami-no megumi-to mi-kajeru 
ni-kai-ni woja fii-dai-fu nani-wo udzi-udzi mada jukanu-ka , ko-man-wo-dzia utsi-tsure-datsi-te 
kqjeri-keri. 

— Ich habe einen Anhaltspunkt erlangt, dem zu Folge der Geist des Vaters aus der 
Welt nicht scheidet, und die Gnade der Götter — 

In dem Stockwerke, nach welchem er zurückblickte, rief der Vater Fu-dai-fu: Was 
schwätzest du da und gehst noch nicht? 

Jener gesellte sich zu Ko-man als Begleiter und kehrte heim. 

J ^ -3 tama-mono , so viel als /f %/ £ tama-si-i oder -3 ^ tama „der Geist, 
die Seele". 

^ j-' udzi-udzi, so viel als ^ SJV uzi-uzi „lärmend, geräuschvoll, schwätzend". 
Die Partikel )j >r keri, die in der Wörterschrift durch lai „kommen" erklärt wird, 
bezeichnet immer das Ende eines Abschnittes. 



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t f f I- f ( A A >) V t*^ £ 3 

Buppo-to-zen tsiri-usenu matsu-ba-ga jatsu-no wo-mei-kö sin-zia-to uioa-ki koki-mazete 
fana-mo josi-no-no kami-zai-ku nori-no tsikara-ni kajeri-zaki kasumi-wa kiri-to tatsi - kawari 
sora ura-ura-to ko-faru tsuki ma-iri ge-ko-wo mato-ni-süe jb-kiii fuki-ja tsu-dzi-fd-ka aru-ga 
naka-ni-mo. 

Die Auslegung der erhabenen Namensverleilmng des Thaies des Fichtenplatzes, wo das 
Gesetz Buddha's in allmählichem Fortschreiten nach Osten nicht verloren geht , erregt mit 
dem göttlichen Altare die schwimmende Luft, und die Blumen, der göttliche Bilderschmuck 
von Josi-no, erblühen durch die Kraft der Vorschrift von Neuem. Die Dünste verwandeln sich 
aufsteigend in Nebel, bei der stillen Tiefe des Himmels kommt der Mond des kleinen Früh- 
lings, macht den Weg der Heimkehr zur Zielscheibe, während an den Stellen der Durchgänge 
Bogen von Weidenbaum, Pfeile von Musspflanze vorhanden sind. 

*J \- 7 ^> 7 n buppo-to-zen (chin. fö-fä-thung-tsien) „das Gesetz Buddha's 
dringt allmählich nach Osten". 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. 20 



154 



Dr. A. Pfizmaier 



/L " ^ *1 ') 7 teü'i-usei'u „sich zerstreuen und verloren gehen 1 '. 

j? ~3 matsu-ba-ga jatsu „das Thal des Ficlitenplatzes". 

o -f ^ wo-mei-kö (chin. yü-ming-kiang) „die Auslegung der erhabenen Nauiens. 
verleihung" , ein Fest zu Ehren des buddhistischen Heiligen Nitsi-ren. Dasselbe fallt auf den 
dreizehnten Tag des zehnten Monats des Jahres. 

^ SJV >■ i/ sin-zia (chin. schin-sche) „der göttliche Altar". 

^ ^ *y uwa-ki (chin. feu-ki) „die schwimmende Luft". 

/u- -3 ^ i3 koki-mazeru „zusammenfassen und umrühren 1 '. 

) i/ 3 josi-no (chin. fang-ye) „das glückliche Feld", eine Gegend in Jamato. 

=}= )j "\ kajeri-zaki „das nochmalige Blühen". 

/u- ;n -jg ^. ^ tatsi-kawaru „sofort verändert oder verwandelt sein". 

zi *jr ge-kö, so viel als ^ ^ </e-Ä:ö (chin. hia-hiang) „nach unten gekehrt" d. i. 
die Abreise. Diesem Worte werden auch die Zeichen von n ^ K-ro (chin. kuei-lu) „der 
Weg, auf welchem man heimkehrt" zu Grunde gelegt. 

*7 ^ ^ jo-kiü (chin. yang-kiung) „ein Bogen von dem Holze des Weidenbaumes". 

^ ^ J7 fuki-ja, Pfeile von der Pflanze ^ ^ /wfe' (chin. kuan-tung) „die Musspflanze". 

rj )\, 4-* tsu-dzi-fb (chin. thung-ti-fang) „die Gegend des Bodens des Verkehrs". 

7 ^ t < ; 7 * * l "' ? A 7 Jf = 

t r , * . j i- 7 r t „ Jft 7 . /■ 

f f >g> v(5 ff f -i 

Kono goro na-dai-no nin-giö-mawasi ten-suke-ga uttari mbtari iki-sei fari-age sa-a kore- 
kara-ga jü-gi-ri-to iza-je-mon-no tsukai-wake josi-da-ja-no dan fazimari-fazimari, jai musu-me 
n an-de siami-sen fiki-woranu-to. 

Um diese Zeit rief der stellvertretende Puppendreher Ten-sake, indem er, bald klopfend^ 
bald tanzend, die bewegende Feder aufspannte: In der jetzt folgenden Weise zu binden ist es 
die Gesandtschaft Iza-je-mon's. Das Ereigniss des Hauses von Josi-da beginnt — es beginnt — 
Tochter! du spielst ja nichts auf der Laute! 

/f ^ f <f iki-sei , wörtlich: „die Kraft des Athems oder des Lebens", die bewegende 
Feder der Puppe. 

/u- >7" y )J >\ fari-aguru „spannend erheben". 

ij £ y 3- jü-gi-ri (chin. ke-i-li) „die Weise zu binden". 

^- t£ dan (chin. tuan) „ein Abschnitt, das Ereigniss eines Abschnittes". 

.i- ^ \. ^ %/ sia-mi-sen , so viel als ^ L ^" sa-mi-sen (chin. san-wei-tsien) „eine 
Laute ". 

* jrAy * * - 7 l 3 f >* >) 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



155 



Furi-kajere-ba loo-kaja-ga nikkori toto-san ma-a jasunda-ga joifai-na, ima tsib-do fito-no 
to-daje loo-maje-wa sonna-ni aku-se-ku-to fi-mo-ziü-wa gozan-senu-ka-to iwarete futto kokoro- 
dzuki: Fon-ni wori-ja ben-tb-mo mada-de atta dore fito iki-jarb-ka-to. 

Als er sich rasch zurückwandte, sprach Wo-kaja lächelnd: Vater, möget ihr euch Ruhe 
gönnen. Jetzt ist alles menschenleer, und ist es nicht den ganzen Tag, dass für euch eine 
so schlechte Festzeit ist? 

Bei dieser Anrede fuhr er plötzlich fort: Eigentlich hatte ich noch zu leben. Wie möchte 
ich wohl in Einem Athem so fort? 

/i^ ^ -fi )J p furi-kqjeru „zurückbeben". 

)J -j 2P — nikkori, so viel als ^ zi - niko-niko (chin. hoan-ni) „lächelnd". 

/f 3 jf Jt" X ^ jasunda-ga joi „wenn man geruht ihat, ist es gut", eine Umschrei- 
bung des Imperativs anstatt y X t jasume „ruhe". 

y rj ^ j- tsio-do, so viel als Y *1 T te^-do (chin. ted-tu) „gleichmässig, völlig". 

rc [ to-daje „das Abgeschnitten sein, das Unterbrochen sein der Thüren", d. i. der 
menschlichen Wohnungen. 

-\ -3 wo-maje (chin. yü-tsien) „die erhabene Gegenwart" , ein Ehrenpronomen der 
zweiten Person. 

^ j- ^ 7 sonna-ni, so viel als - f ^ f sb-na-ni „auf diese Weise , so". 

9 ^ 9 y aku-se-ku „ein schlechter Festtag". ^ ^ se-ku ist so viel als $ 22 ^ sekku 
(chin. tsie-kung) „ein Festtag". 

yj ^ t ß-mo-ziü, dasselbe Wort, das gewöhnlich durch X ^ ^ t ß-me-mosu 
(chin. tsin-je) „den ganzen Tag" ausgedrückt wird. 

\ ^ J futto „plötzlich". 

b -^r ben-tb , (chin. pien-thang) „eine tragbare Küche , die Kost". 

/u , ^ ^ /f |* fc- ßto-iki-jaru, wörtlich,: „Einen Athem entsenden, etwas in Einem 
fort thun". 

M Y f t ' y *} l fi * f * f V f *t f f 

Utsi-kutsuroge-ba katawara-no tsia-ja-no sib-gi-ni jasurb samurai kasa-no utsi-jori sasi-no- 
zokifa-a ki-sama-tatsi-wa looja-ko sbna-ga joi musu-me-wo motsi-nagara sono jb-na koto sezu- 
to db-de-mo uki-jo-ioa raku-raku-to sugosareo-no-ni sui-kiö-to womo-wa fon-no ta-nin rib-ken 
nan-zo jb-su-ga arb-no-to. 

20* 



156 



Dr. A. Pfizmaier 



Als er sich jetzt beruhigte, sprach ein vor einer Bank des zur Seite befindlichen Thee- 
hauses auf- und niedergehender Angestellter, indem er unter seinem Sonnenschirm hervor- 
blickte: Ihr, o Wertheste, scheint Vater und Kind zu sein. Wenn man, im Besitze einer 
schönen Tochter , es für Wahnsinn der Trunkenheit hält , dass man sich in einer Lage be- 
findet, in der man dergleichen Dinge nicht thut, und dass man dabei durch die vergängliche 
Welt in lauter Freude wandeln wird, von welcher Art werden dann die eigentlichen Erwä- 
gungen anderer Menschen sein? 

T* *1 ^-f/e, wörtlich: „auf dem Wege". 
[ ( 7 raku-raka-to , (chin. lö-lö-yü) „in lauter Freude". 

\ /u- ^- 3 VV X sugasaruru „überschritten werden-', von X 3 * X sugojsu „überschrei- 
ten", das auch durch X ^" X sugasu ausgedrückt wird. 

^- >T *J )) rtb-ken, (chin. liao-kien) „die Erwägung". 

* ^ t t f .z> ; * v 1 1 9 t> T 1 J* \- 

H * * f T f - ? ^ 

=. f & * ^ ^ I* ^ Ä > f ^ f 7 f |? ^ 

Towarete ten-suke me-wo siba-dataki fai komm wo-ta-fuku-de gozari-masu-ga te-kake-ni 
wokose wore-ga kakote se-wa-site jarb-to iü fito-no nai-de-mo na-kere-do watakusi-mo fu-tsi-kata- 
bo-wo sasi-ta age-ku fitori musu-me-wo sudzi-nai fito-no naqusami-mono-ni suru-ga mu-nen-sa 
itsi-gb totte-mo samurai-no nio-bb nara-ba ima-do-mo jaru ki-sita-ga i-zen-wa to-mo kaku-mo 
ima-de-wa kot-ziki dd-zen-no wonna-wo nan-de samurai-ga nio-bb-ni morai-mased-to. 

Bei dieser Frage nickte Ten-suke mit den Augen und erwiederte : Ja , es fehlt zwar 
nicht an Menschen, welche sagen, ich möge es handgreiflich machen, dass es für sie 
ein so grosses Grlück sei, während ich, um sie einen Kreis ziehend, mein Geschäft 
aufgeben würde, allein auch ich halte mich an die auf die Stange der Seite des Unterhalts 
deutende Eingangsstrophe : „Die zehn Löffel voll Unbesonnenheit, die einzige Tochter zur 
Trösterin eines unordentlichen Menschen zu machen", und würde sie, wenn sie das Weib 
eines Angestellten Avird, jetzt sogleich schicken. Für jetzt, bevor sie eingezogen, ist sie 
jedenfalls eine Bettlerin, und ein solches Weib, wie sollte sie ein Angestellter zum Weibe 
bekommen? 

x ßt J^ V siba-dataku, wörtlich: „häufig schlagen". 
j~ ^ o konna ist muthmasslich so viel als /i- j~ *J kb-naru „was sich zuträgt" 
mit Zugrundelegung von ^ kb (chin. hang) „gehen, handeln". 
i/ j~ f'' X sudzi-nasi „ohne Streifen", d. i. unordentlich. 



Der Almanach dee kleinbambusfabbigen Schalen. 



157 



1 ^ • * < . * ^ * * ( r * t , j . , i 

jy *J v y # v v ^ t 1 \ 4 Jt * ^ / [ y 2> 
7 % v * X- f ^ ss ¥ 7 > f t * f f 1 3 * 

;^r;f ^rw ^ t ^ 9 * ^ ^ * ^ ^ 

Fanasu waki-kara musu-me wo-kaja toto-san mö joi fai-na , josi-nai koto-wo wo-toi-nasare 
naga-mono-gatari-wa tosi-jori-no kuse-dzia-to womöte wo-bu-ke-sama kan-nin-nasarete kudasari- 
mase, watasi-ga tsi-isai toki made-wa mada toto-san-mo mame-mame-siü asoko koko-kara kakaje- 
tai-to iü loo-kata-mo attare-do zi-kun-to jara-ni-wa tsukajenu-to mö ittet-na umare-tsuki kb-site 
iru-ga ki-raku-de joi-to ko-domo tarasi-no nin-gib-mawasi dö-jara kb-jara ujezu kozojezu woja- 
ko kurasi-te wori-masu-to. 

Als er dies gesprochen, erwiederte die Tochter Wo-kaja von der Seite: Vater, lasset 
dies gut sein. Indem er nach unbegründeten Dingen fragte, möge der Herr Krieger beden- 
ken, dass langes Erzählen eine Gewohnheit alter Leute ist, und sich herablassen, Geduld zu 
zu haben. Ich habe zwar bis zu meiner Kindheit noch den Vater und ein Hausweib gehabt, 
welches, wie man sagt, gleich einem Kiemenfuss hier und dort sich anhängen wollte, indem 
ich jedoch einem eigenen Gebieter nicht diente, wobei es bei meinem einsichtsvollen Charakter 
gut war, beim Einzüge in die Niederlassung so zu handeln, verbringen jetzt, bei einem sol- 
chen Zusammenhalten der Kinder und des nährenden Puppendrehers, Vater und Kind, ohne 
zu hungern und zu frieren, ihre Tage. 

^ kuse (chin. pi) „die Gewohnheit". 

yj £/ ^ y mame-mame-siü „das Insekt der Bohnen" , sonst auch is }> -3 
mame-mame-musi und i/ }> ( ^ -3 mai-mai-musi genannt, „ein Kiemenfuss oder Einauge". 
~\ * 'fi kakajeru „umschliessen, festhalten". 
y 7 zi-kun (chin. tse-kiün) „der eigene Gebieter", 
zu- x 'fi kb-suru „auf eine gewisse Weise etwas thun". *J -ft kb ist die Zusammen- 
ziehung von *] ^ ka-jb „diese Weise". 

V 7 pL tarasi, so viel als j- 7 p. tara-tsi (chin. tschui-jeu) „der Familienvater" , in 
der Wörterschrift durch „die herniederlassende Brust" ausgedrückt. 

X 7 kurasu, wörtlich: „verfinstern", die Nächte oder das Leben verbringen. 

J* J \ 9 *? * 7 t *T t t Ij f t - f 

J ^ * l B \ f» t \ 1 i l v > "* f 9 f - 
h * >r ; * * £ ß * t } 9 X j > * 



5* 



158 



De. A. Pfizmaier 



Kiku-ni kudan-na samurai utsi-unadzui-te tsikaku jori: ki-rib-to i-i ri-fatto i-i joi-musu- 
me-go-wo motareta na a-a kore nan-zo-to womote-mo wore-mo ima-de-wa rb-nin-mono taku- 
waje-no jo-kei-mo nai, semete kore-wa kokoro-bakari-to. 

Als dies der obige Angestellte hörte, nickte er mit dem Haupte, trat näher und sprach: 
Ein ausgezeichnetes Wort! Ein verständiges Wort! Ihr besitzet eine gute Tochter, und 
hierauf ist auch etwas zu halten.. Ich bin jetzt ein Mann ohne Dienst und besitze keinen er- 
sparten Überfluss. Es sei wenigstens dieses von Herzen. 

i *i ? f- p * z k * * m r >* * * 

5 * J * * ff s * % lf>* * . 

I* ^ t f # ^ 9 A * 7 I- ^ ^ 7 " s 

Kami-ni tsutsuhde itsi-bu-ban sasi-idase-ba ten-suke-wa te-ni tori-agete bikkuri-si san-sen 
ni-sen-wo koko-je nagete kudasare-ba ima-de-wa sore-ga inotsi-dzuna juje itadaki-masu do-site 
kore-ga-to. 

Als er hierauf anderthalb Mas Goldes, in ein Papier gewickelt, hinreichte, erhob es 
Ten-suke in der Hand und rief erschrocken: Wenn ihr drei Mas, zwei Mas Kupfer hierher- 
geworfen hättet, so würde ich es für jetzt als ein Lebensseil auf dem Haupte tragen. Aber 
dieses hier — 

j v j- 'f itsi-bu „ein Mas" , oder der vierte Theil eines Tael in Gold. 
^ \. ^> ^ issen „ein Mas" oder der vierte Theil eines Tael in Kupfer. 
•)r >rf j- ) ^ inotsi-dzuna, wörtlich: „das Seil des Lebensloses". 

^ t J ^ ; |. ; ; y ^ f 

zf j £ 5? *f \S f ^ f a ^ p 

Sasi-modosu-wo samurai-wa wosi-todome : ija sono kawari mu-sin-ga aru , ano iza-je-mon- 
no nin-gib-to nan-to iü kawo-no kakureru kuroi dzu-kin-ioo tsitto-no aida wore-ni kasi-te-wa 
kure-mai-ka-to. 

Hiermit wollte er es zurückgeben, jedoch der Angestellte wehrte es ihm: Nein, zum 
Tausche dafür gibt es etwas Sinnloses. Würde es euch nicht zuwider sein, wenn ihr diese 
Puppe Iza-je-mon's und — wie es heisst es doch? — das schwarze Kopftuch, mit welchem 
das Gesicht verdeckt wird, mir für eine kurze Zeit borgtet? 

/i- \S *7 kureru, sonst „winden, drehen", steht hier für /f {/ /l- kurusi-i 
„lästig sein". 

U H H H f H t 

& f f % i * - f *• ■ ^ £ 7 1 » . * 



Der Almanach der kleinbambtjsfarbigen Schalen. 



159 



Ki-ite ijo-ijo akire-fate sori-ja kore-wo itadalci-masure-ba kottsi-ni son-wa na-kere-doino 
ma-a nan-ni nasare-masa-to. 

Als jener dies hörte, gerieth er vor Staunen ganz ausser sich. 

— Es ist zwar, als ich dies auf dem Haupte trug, für mich kein Schaden gewesen, 
was aber macht ihr damit? 

7" >s \S ^ 7 akire-fateru (chin. wang-ko), vor Schrecken oder Staunen ganz 
ausser sich sein. 

^ ij 7 sori-ja, so viel als das einfache \y 7 sore „dieses", 
.i- y son, (chin. sün) „der Schaden". 

* 1 1 ^ * Y * f 1? t j $ $ f * h 
£ * $ *j fy v >: ^ ? ,u ^ jt l * * y 

l X-T ? > t A * * ff -f 

To-ioo wo-kaja-ga fittotte wo-tsure-sama-ka nazimi-no nio-tsiü-to iü jo-na wo-kata-ga koko- 
ra-no tsia-ja-ni ki-te gozaru-kara kawo-ioo kakusi-te anata-sama-ga nin-gib-mawasi-ni natte 
juki dotto warai-wo toru siü-kb-to iii jb-na koto-de arb , wo-kasi-mosi-te wo-maje-mo keo-wa 
iasunda-ga joi fai-na-to. 

Bei dieser Frage zog ihn Wo-kaja zu sich. 

— Weil Jemand, wie eine geliebte Dame, vielleicht in seiner Begleitung zu einem Thee- 
hause in dieser Gegend gekommen, wird es sich etwa um ein Entgegeneilen handeln, wobei 
der Herr, sein Gesicht verhüllend, als Puppendreher verkleidet einhergeht und laut über ihn 
gelacht wird. Möget ihr es ihm leihen und heute ruhen. 

|' 22 t" ßttoru, ist die Zusammenziehung von /u- |* f f fiki-toru „ziehend er- 
greifen oder halten". 

|* ^> Y dotto, (chin. Illing) „lärmend", von Stimmen, „laut". 
\ f t 7 V ■ warai-wo toru „Lachen erregen". 

* r> % \ > f i $ ? > * ' 9 *t f * f 

J ✓ ' ji !) ' > 2> ' • % £ f > * *7 f 7 3 * * 

* ■ * ? 7 1 ^ ; m ; 7 %i * T 9 



TFösyemrefe fata-to te-wo utsi: wo-wo sb-dzia rb-rb , sa-jb-nara koko-wa simbte are ano 
mori-no atsi-ra-no saka-ja-de wo-kajeri-wo matsi-maseo-to kano nin-gib-wo samurai-ni watasi-te 
soko-ra tori-katadzuke wo-kaja-wo fiki-tsure-tatsi-sari-keri. 



160 



Dr. A. Pfizmaier 



Somit belehrt, schlug- jener in die Hände und rief: Wohlan! dies ist eine Dienstentlas- 
sung. Ich werde also dieses thun und in dem Weinhause jenseits jenes Waldes die Zurück- 
kunft des Herrn abwarten. — Er übergab die Puppe dem Angestellten, nahm mehrere Gegen- 
stände auf die Schulter und entfernte sich in Begleitung Wo-kaja's. 

*1 7 rb-rb (chin. lao-lang) „die Dienstentlassung eines Angestellten". 

7 zj 7 soko-ra (chin. hi-teng) „mehrere Gegenstände". z> 7 so&o ist hier gleichbedeu- 
dend mit *7 ^ iku. Auf ähnliche Weise sagt man auch ^ o 7 soko-bahu statt $ /f 
$ iku-baku „wie viel". 



itA^ ^. Ifl 

✓ * * * 7 )J r * ^ ' % ' J ^ * ^ K t* 

Kusa-na-ja-no firoi za-siki-ni i-nagare-si fito-mure-wa kib-zi-ja i-siün san-go-beje rei-no 
ko-man-uoo izanai-te matzu-ba-ga jatsu-no modori-mitsi go-ki-gen tori-dori tai-fuku kosi-an z s ia- 
go-suke daru-fatsi-bai-riü nando amasare-mono-ga utsi-kakomi nomu-jara mb-jara wake-mo 
nasi san-go-beje-ioa i-siün-ni mukai kosi-an-ga tori-motsi-de futo wo-tsikadzuki-ni makari-nari, 
fi-goto-no jb-ni go-siukkwai to-kaku wo-kokoro-jasu-date-de nani-ka faja sit-rei-gatsi-to. 

Bei einer in der weiten Halle des Hauses Kusa-na sich umhertreibenden Schaar hatten 
der Aussteller I-siun und San-go-beje die Künstlerin Ko-man herbeigeholt, während Tai-fuku 
kosi-an, Zia-go-suke, Daru-fatsi, Bai-riu und noch mehrere Andere, die auf dem Rückwege 
von dem Thale des Fichtenplatzes sich eingeschmeichelt hatten, einen Kreis bildeten und 
trinkend und tanzend von ihren Geschäften feierten. Da wandte sich San-go-beje zu I-siun mit 
den Worten: Mit der grossen Annäherung Kosi-aris bei der Unterhaltung hat es ein Ende. 
Bei euren täglichen Klagen wird er, indem er um jeden Preis eurem Herzen Ruhe verschafft, 
wohl bald die Achtung verlieren. 

^ j~ 9 kusa-na-ja (chin. tsao-ming-uö) „das Haus des Namens der Pflanzen", 
x /l- jf j- 4^ i-nagaruru (chin. kiü-lieu) „weilen und herumziehen", 
f \_y rei (chin. ling) „die Musik, der Tanz". 

.2- ^ ki-gen (chin. ki-hien) „der künstliche Argwohn", /u- |* ^ .2- ^ ki-gen-wo 
toru „den Argwohn benehmen, sich einschmeicheln". 

s /u- ^ -5 y amasaruru „überflüssig gemacht werden". ; t \y ^ ^2 J amasare- 
mono „noch Andere". 



Der Almanach dee kxeinbambusfaebigen Schalen. 



161 



2> zj j- *) utsi-kakomu „umzingeln, einen Kreis bilden". 
1) -fl -3 makari (chin. pi) „das Auflassen, das Enden". 
- *7 ^ ) |* t ß-goto-no jb-ni „in täglicher Weise". 

/{ V b P 3- siükkuai (cliin. schö-hoai) „aussagen, was man in dem Busen birgt, 
sich beklagen, verwünschen". 

j j^T ^ a > ^ kokoro-jasu-date „das Aufstellen des Beruhigtseins im Herzen". 

^ katsi (chin. sching) „das Überwinden", j- j? |/^ v' sit-rei-gatsi (chin. seAz- 
i-sching) „ das Vorherrschen der Unartigkeit". 

Jü-wo todomete a-a wo-katai-katai so mi-tsu jubi-de-wa kajette mei-faku na-a kosi-an. 
Jener unterbrach ihn. 

— dies ist für euch schwer, sehr schwer. So mit drei Fingern — es ist im Gegentheil 
klar. — Nun, Kosi-an 1 ? 

f -\ y f f ;* s? * £ ^ * M *J f 

✓ =» T >f .9 f f f 7 ✓ 7 7 ! * f ^ I 9 

M^f^? »^j 7 ^ / 9 I ( 



8a~jb sa-jb i-siün-sama-wa sappari-to utsi-sabaketa koto-ga wo-suki sore-dzia-kara anata- 
no kore-kore ko-man-wo keö-wa go-tsi-sb-ni tsurete wo-ide-nasaru sui-fb ija so ije-ba ano ko-wa 
doko-je mata kö-dzi-ga kure-ka-to. 

— So ist es, so ist es. Herr I-siun hat eine Sache, von der man mit Mühe zu überzeugen 
gewesen, durchdrungen, deswegen haben diese Herren heute Ko-man ihm zu Ehren begleitet, 
und da man den Zeitpunkt, an welchem er ausgeht, genannt hat, wohin mögen sich da noch 
die Pfade dieses Kindes winden? 

*J f tsi-sb (chin. tschi-tseu) „einherjagen und laufen", für „Ehrenbezeigung" und 
„Aufwartung" gebräuchlich. 

^ ;n ^ X sui-fb scheint für pf> /f X. sui-fo (chin. tui-pu) „aufschlagend schreiten" 
auf die Tage und Monate angewendet, gesetzt zu sein. 

4 ; r| ^ " / ) ^ ^ ! 

Mi-kajeru jen-ni mawasi-kata ja-suke-ga kosi-wo utsi-kakete womaje-wa ma-a woboje-no 
wand, ima tsib-do fu-ro-ga aita-to. 

Denkschriften der philos.-lustor. Ol. XVII. Bd. 21 



162 



Du. A. Pfizmaier 



In der Halle, zu welcher er zurückblickte, setzte sich die drehende Gestalt Ja-suke und 
rief: Ihr habet ein schlechtes Gedächtniss. Jetzt ist die Badestube gänzlich geöffnet. 

^- zc jen (chin. yuen), so viel als ^ %/ jj-* za-siki, „eine Halle, ein Saal". 

>j- ^3 lj yj ^ i/o kosi-wo utsi-kakeru, wörtlich: „die Hüfte anhängen", d. i. auf 
einem erhöhten Gegenstande mit herabhängenden Beinen sitzen. 

^ y aku „geöffnet sein". 

-f p t * ¥ 1 t ° i 1 V pr f => * v * 

? > f 1 ■ t f l >h { * y *> K : 7 * 
1 ? j jr , J 7 - * * ? r * 



Wotto ajamari-ajamari, sika-mo ano ko-no ko-sode-wo wore-ga koko-ni ban-wo säe i-nagara 
ija madawasureta koto-ga aru-wa sono sia-mi-sen-no ura-je nan-zo kai-te kure-ro-to ko-man-san- 
ga lanonda-no-mo tsui sore-nari, sate seki-gaki-wo fazime-masu sokka-tatsi-mo nan-zo tsuide-ni 
wo-tanomi-nasare kai-te ageo-tö. 

— Ja, es ist ein Irrthum! Jedoch während ich das kleine Armelkleid dieses Kindes be- 
wache, finde ich, dass ich noch etwas vergessen habe. Es ist dieses, dass Fräulein Ko-man 
mich gebeten hat, etwas auf den Rücken ihrer Laute zu schreiben. Wohlan, ich beginne die 
eingeschlossene Schrift. Möget ihr, o Herren, etwas durch eine Einleitung begehren und ich 
werde es in der Schrift anbringen. 

|* 12 % wotto „ja", eine Partikel der Zustimmung. 

/u- ^ 3 J5- ban-wo saru so viel als /u- X ban-suru „bewachen", ban 

(chin. fan) „die Wache". In diesem Satze wird, wie dies öfters geschieht, eine doppelte Setzung 
der Accusativpartikel =f wo beobachtet. 

7 jf j~ Ijr i-nagara (chin. tsö-khiii) „während man verweilt". 

/f 5? tsui, so viel als - /f tsui-ni (chin. tschung) „endlich". 

^ ^ ^ seki-gaki, eine eingeschlossene Schrift, von ^ ^ seki „ein Engpass". 

^ ^ 7 sokka (chin. tsö-hia), wörtlich: „unter den Füssen", ein Ehrenpronomen der 
zweiten Person. 

1 f i- 4i 1 * r ^ 1 ; ;> 2 * * 

} , * X T jt T 3 1 Z f r, 7 
I f P- l ~ j 1 7 ^ y ^ 

1 * 7s * * 5 -f t äf ^ 7 3 f* 

Jü-ni za-tsiü-ga koje-wo soroje wo-seo-ni bgi-wo jogosarete mai-do wo-ira-wa nan-gi-wo 
suru-ni ko-man-wa tonda sui-kiö-mono. 

Hier vereinigte sich die ganze Halle zu dem Rufe: Indem du durch ein Kebsweib den 
Fächer verunreinigst und jedesmal im Alter in Gefahr bist, ist Ko-man entflogen, dem Wahn- 
sinn der Trunkenheit verfallen. 



Der Aemanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 163 

*J ^ ^ za-tsiü (chin. tso-tscliung) „die Mitte, das Innere der Halle". 
*) ^. seo, sonst p ^ seo (chin. tsie) geschrieben, „ein Kebsweib", 
/u- f ^ woiru „altern". 

; U ^ ff f ^^f^l 

Äbre sä sd-&a tsio-ku-ni su-bekarazu, sio-kua-do-de jatte mised, ko-itsu siü-niku-ga tsuke-ba 
joi-ga-to. 

— Ist dieses so ? Es bedarf nicht der Trinkschalen. Ich werde es auf dem Wege der 
Fichtenblüthen absenden und zeigen. Wenn dieser Wein und Fleisch hinzugibt, ist es gut. 
sa, eine Interjection. 
-fi *J so-ka „ist es so?" 

7 -fl -NC X su-bekarazu „man soll nicht thun, es ist nicht nothwendig". 
*1 7 y 7 *y 3 sio-kua-dd (chin. sung-hoa-tao) „der Weg der Fichtenblüthen". 
.2? >f o ko-itsu (chin. thse-nu), aus 51 ^ / d kono jatsu „dieser Sclave" zusammen- 
gezogen, ein die Verachtung ausdrückendes Pronomen demonstrativum. 
- 3. siü-niku (chin. thsieu-jeu) „Wein und Fleisch". 

* X J jf ? * ? * r I' 

Fitori tsubujaku kosi-an-ga me-wo usiro-kara fusa-ida-wa sa-a dare-da atete mi-na-to. 
Die Person, welche diese Worte für sich flüsterte, verdeckte die Augen Kosi-an' s von rück- 
wärts, indem sie sprach: Errathet, wer es ist, ohne zu sehen. 

£t~ \^ £T dare-da, so viel als ^ f-' W p. tare-dzia „wer es ist". 
/' — ~j~ ~^ ateru „treffen", hier so viel als „errathen". 
j~ t mi-na, das Negativum des Imperativs. 



3 ^ 



^7- 



Kukkut ward zia-go-suke daru-fatsi kosi-an sukosi kangqjete jubi-ga fosd-te jawaraka-de 
nekki-no aru-wa ima ju-agari jappari kore-wa ko-man-san-da, sore mi-tamqje gu-ro-ga i-an-ga 
teki-tsiü teki-tsiü, iza bappai-wo ken-zi-jo-to. 

Zia-go-suke, Daru-fatsi und Kosi-an lachten laut. Die Letztere forschte ein wenig und 
sprach: Die Finger dünn und weich, haben das heisse Fieber. Dies ist immerhin das Fräulein 
Ko-man, die jetzt aus dem Bade gestiegen. Sehet, ich habe es errathen! Wohlan, schenkt ihr 
den Straf becher ein! 

21* 



164 



De. A. Pfizmaier 



-i- y ^ i-an (chin. i-ngan) „in Gedanken vermuthen". 

y ^ J~ teki-tsiü (chin. ü-tschung) „das Treffen des Zieles". 

2- >r ken-zu (chin. Men) „einschenken". 

3 jo steht hier für die Imperativpartikel 3 jo. 

* * 7 Jf ? ^ 7 * % ^ * 9 4 t f 
? f ) ü * * t *f 2 \ * ^ v 

V T l * o f ^ 7" 7 ^ fr f v 
-f * 5" I' ^ t Ä > =•* 7 ? 

Saai-tsuket-u sakadzuki-wo ko-man-wa ßrari-to san-go-beje-ga soba-je fadzusi-te mi-muki-mo 
sezu : ja-suke-doti watasi-ga ki-gaje-no sita-gi bakari soko-kara tsiotto dasi-te kunna a-a kore-de- 
mo mada atsui-to. 

Ko-man Hess den aufgedrungenen Becher hastig nach der Seite San-go-beje's los und 
sprach, ohne hinzublicken: Herr Ja-suke, ziehet das Unterkleid, welches ich gewechselt habe, 
von unten auf einmal heraus, ohne es zu drehen. O, auch so ist mir noch heiss ! 

y don ist die Umbildung von j~ ^- danna „Herr" und bezeichnet einen weit 
geringeren Grad von Achtung als das letztere. 

^\ jf ^ ki-gaje „das Wechseln der Kleidung". 

j~ ^- kunna ist die Zusammenziehung von j~ /i- kuru-na „drehe nicht". 
J* \/ -3 kore-de „hiermit", d. i. mit dieser Kleidung. 

^ 3 f 7 f 1 7 m y- ° - t i) i ^ 13 

I" T 3 L n 2> M ^ 4 V T 2 i/'* 3 fr > * 

Jukata fo-utte wobi guru-guru sasa-no-ga fiza-ni bettari-to jori-kakare-ba bai-zb-ga ija 
mosi danna san-go-beje-sama kono goro made-wa tsun-tsun-to jotte-mo tsukanu ko-man-san-ga 
si-go-nitsi saki-kara fita-fita-to idzu-mo-de musubu kami-na-dzuki furi-mi furazu-mi sadame- 
naki tokoro-ga uki-jo-de jappari joi-ka-to. 

Als sie mit diesen Worten das Badekleid wegwarf und der Gürtel im Umwenden getrennt 
an dem Knie Sasa-nos hängen blieb, sprach Bai-zb: Hört Gebieter, Herr San-go-beje , dass das 
Fräulein Ko-man, welches bis zu dieser Zeit mit Beharrlichkeit sich nicht näherte, seit vier 
oder fünf Tagen, indem sie die reichlich zum Vorschein kommenden Unterkleider knüpft, in 
dem götterlosen Monate zitternden Leibes und nicht zitternden Leibes ohne Entschliessung, 
ist dies in der vergänglichen Welt noch immer gut? 

^7 ^f> fo-uru oder /u- J ^> föru , gleichbedeutend mit A- y J~ nageru (chin. teu) 
„wegwerfen". 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



165 



^ /u- ^7" guru-guru, so viel als ^ /u- ^ kuru-huru und lj /«- >) kururi „rollend, 
drehend " . 

|) ^? 2? bettari, (chin. wei-pie) „getrennt, gesondert". 

i/ *J ^ wöot, von X ^ l wö.sM „melden" abgeleitet, eine Interjection wie: 
hört doch! 

|« ^ p tsun-tsun-to , die Zusammenziehung von dem sonst auch vorkommenden 

|> ( /i- ^? tsuru-tsuru-to „in fortlaufender Reihe, ununterbrochen". 

^ ^ /f idzu-mo, muthmasslich so viel als t /<- ^ /f idzuru-mo die „hervorkom- 
menden Unterkleider". 

^ »o* j~ \^ -fi kami-na-dzuki (chin. wu-schin-yue) „der götterlose Monat, der zehnte 
Monat des Jahres". 

f_ lj ^7 furi-mi „zitternden Leibes". 




TJkasi-kakure-ba san-go-beje sa-a te-maje-tatsi-no iü-towori mate-ba kan-ro-no fi-jori-ga ka- 
watte momidzi-no teri-no do-ban-ni nure-kakattaru sasa-no-fa-mo mada awoi iro gotosi, kore ko- 
man-ki-si-mo-zin-je dai-guan-kake sono nitsi-gen-no sumanu utsi wobi-fimo toi-te-wa nerarenu-to 
iü-mo do-jara itsi-nitsi nogare-no jb-ni kikojete mada mi-ren-da sonnara ijo-ijo gen-go-beje-wo 
mi-atari si-dai-ni kireru ki-ka-to. 

Als er so fortfahren wollte , sprach San-go-beje : Als ich auf das , wovon ihr , o Herren, 
sprechet, wartete, veränderte sich das heitere Wetter des süssen Thaues und die von den Ge- 
fährten des Glanzes des Maulbeerfeigenbaumes eben befeuchteten Blätter des Bambusfeldes 
scheinen noch von grüner Farbe zu sein. Ko-man! Wir haben in einer Weise, dass uns kein 
einziger Tag entkommt, gehört, dass ihr vor dem Gotte , dessen Mutter die Tochter eines 
Dämons , ein Gelübde gethan , dass, wenn ihr vor dem festgesetzten Tage das Band des Gür- 
tels löset, nicht geläutert sein sollet, und ihr seid noch ungeläutert. Wird es also, wenn ihr 
Gen-go-beje zu sehen bekommt, um so mehr nach der Ordnung gebrochen werden? 

Z. "fr *7 ukasu, das Transitivum von n ukaruru „sich herumtreiben". 

~\ ~J~ te-maje „vor der Hand" , ein Ehrenpronomen der zweiten Person. 
; n sasa-no (chin. schi-je) „ das Feld der kleinen Bambusstauden " , hier ein Theil 
des eigenen Namens. 



166 



Dr. A. Pfizmaier 



V T $ dai-guan (chin. ta-yuen) „ein grosser "Wunsch, ein Gelübde". 
^ -yj J- X ) *]T "4" - / 7 sowo nitsi-gen-no sumana utsi, wörtlich: „so lange 
die Grenze des Tages nicht feststeht". 

\S L mi-fen (chin. wei-lien) „noch nicht geläutert". 
y( tt iy si-dai (chin. ihse-U) „die Anordnung und Reihenfolge". 

In -fl ^ /i- i/ ^ kireru ki-ka „wird es gebrochen werden?" ist ^ ki die Wurzel von 
zu- ^7 äwm „kommen". 



* * * t r i t - 



I-i-kakete konata-wo mi-kajeri ija i-siün-dono-no te-maje-mo fadzi-zu men-boku si-dai-mo 
gozaranu-lo. 

So anhebend, blickte er nach seiner nächsten Umgebung zurück. 

— In Gegenwart des Herrn 1-siun schäme ich mich nicht, die Ehre ist auch nicht an 
der Ordnung. 

£ j~ zj konata, wörtlich: „diese Seite", hier, in der nächsten Umgebung. 
y 7 jf\ y men-boku (chin. mien-mö) , „Angesicht und Auge" , d. i. die Ehre. 



^ ; J t J ^ H n u 



-3 
9 



ögi-wo kawo-ni utsi-wowoje-ba kosi-an-ga tori-tsukuroi: ija-ija idzuku tote-mo iro-no se-kai 
wo-san-sama tote utsukusi-i wo-kami-san-ga ari-nagara sb-d-ni foka-wo wo-kasegi nasaru uwa- 
sa , keo-mo sore kami-gata-mono-no jjb-ni mijeru tsi-isai ki-na tosi-ma ato-ni nari saki-ni nari 
kono kusa-na-ja-je fa-itta-ga i-siün-sama-no wo-me-ni tomari wo-te-dai tsuge-je-mon-ga watasi- 
ga itsi-ban-zet-ni kake-jb-su-wo mite ma-iri-maseö-to. 

Hierbei hielt er den Fächer vor das Angesicht, und Kosi-an, die Sache weiter ausschinük- 
kend, sprach: 0, in welchem Lande es immer sei, es ist die Welt der Farbe. Während 
Frau Wb-san, die schöne Gebieterin des Hauses, vorhanden ist, heisst es, dass Herr I-siun 
auf geeignete Weise noch anderwärts Geschäfte betreibt. Auch heute ist die wie eine Bewoh- 



Der Almanach dee kleinbambusfaebigen Schalen. 



167 



nerin des fürstlichen Hofes erscheinende jugendliche Tosi-ma, sowohl später als früher, in 
dieses Haus Kusa-na eingetreten und vor den Augen des Herrn I-siun stehen geblieben. Sein 
Stellvertreter Tsuge-je-mon sagt: Ich werde sehen, wie es sich in der ersten Zeit verhält und 
werde in die Versammlung kommen. 

7 a 9 ') \ tori-tsukuro (chin. tsiü-schen) „ausschmücken". 
^ ^ ^ wo-hami-san „die Gebieterin des Hauses". 

^7" ^ kasegu (chin. hing, auch hö-ki) , „ein Geschäft betreiben". 

p. L ^ kami-gata „ein fürstlicher Palast". 

f~ ^ 4 ^" 4 tsi-isai ki-na „von jugendlichem Geiste". 

_p iz^ 4- 4 itsi-ban-zet (chin. yi-fan-tsie) , der erste Abschnitt der Zeit. 

h 9 J * f ^ i * ^ t ^ 

f* f A =t ^ 3> f jy , 

A ^ t / 7" M ^ 7 i i 

^4re-are awo za-siki-ni iru sore wonna-ga kotsi-ra-wo mui-ta jama-to-ja-wo tsubu-no siro-mo- 
no i-siün-sama-ga wo-majoi-nasaru-mo mu-ri-de-wa nai-to. 

Die ihr dort in der Halle weilt, das Weib hat uns geschält, und es nicht mit Unrecht, 
dass Herr I-siun sich irrt und das Haus der Bergthüre für weisse Körner hält. 

^ |- ^ ^ jama-to-ja (chin. san-hu-uö) „das Haus der Bergthüre". 

) \ v siro-mono „der weisse Gegenstand, Reis, Esswaaren". 

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Nose-kakere-ba sasu-ga-ni i-siun ki-no doku-gawo: kosi-an-ga wake-mo nai, tada ki-rei- 
na-to. 

Als er dieses vorbrachte , erwiederte endlich I-siun mit bekümmerter Miene : Es ist nicht 
die Sache Kosi-an's, es ist nur ein zierliches — 

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t 4 f 9 t 7 T T 2 , 

Jü-ta-no-wo tsuge-je-mon-ga de-kasi-date nani-wo a-itsu i-i-woru-jara, ko-man-san nan-zo- 
itsi-dan kiki-tai-to. 

Das hier Gesagte als etwas Vollendetes gelten lassend, sprach Tsuje-je-mon: Jene sagen 
eben etwas. Fräulein Koman, wir wollen irgend ein Stück hören. 

f {/ -p f* de-kasi-date „das Aufstellen des Vollendeten" , mit Zugrundelegung von 
X -fl f* de-kasu „vollenden" , welches seinerseits das Transitivum von /«- *7 J* de-kuru 
„hervorkommen, vollendet sein". 

5? /f y a-itsu „er, jener", die Zusammenziehung von ^? ^ j J ano jatsu (chin. 
jpi-nu) „jener Knecht". 



168 



Dr. A. Pfizmaier 



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Fanasi-wo tsirasu kua-rin-dd sasi-tsuheru sono tokoro-je fana fiko-fiko-to tsuge-je-mon : 
umai-wa umai-wa ano tosi-ma-wa me-kiki-no towori-ni kami-gata-mono tei-siü-ga kono kama- 
kura-je kasegi-ni kita ato-ote si-go-nitsi saki-ni kudatta tokoro-ga kano tei-siü-ga ton-si-no ato 
attsi-wa tsib-do ai-ta kutsi motsi-kakeru-to ija-to-ioa iwanu sa-a danna-sama ma-a tsiatto go- 
zari-masi-to. 

Indem er somit das Gespräch verflüchtigte und auf dem Quittenwege anlegte , sprach 
Tsuge-je-mon, die Nase rümpfend: Es ist köstlich! Jene Tosi-ma ist auf scharfsichtige Weise 
der Wirthin aus einem fürstlichen Palaste, die hierher nach Kama-kura des Erwerbes willen 
gekommen war, nachgesetzt, und nachdem vor vier oder fünf Tagen, als sie ankam, jene 
Wirthin plötzlich gestorben, lässt sich nicht sagen, ob man an jenem Orte durchwegs reinen 
Mund halten wird oder nicht. Wohlan! Herr Gebieter, ich bin sogleich da. 

yj y v ^~ ij *7 9 kua-rin-dd (chin. hoa-liü-tao) „der Weg der Quittenbäume". 

( 3 t fiko-fiko , auch in dem Ausdrucke a vx ( o f ßko-ßko-ugoku gebraucht, 
bezeichnet die Bewegung. 

7 fil I* 7 ato-6 „nachjagen, nachfolgen". 

^ ~J attsi, so viel als ^- J atsi „dort, die jenseitige Gegend". 

T 9 p. -i 7 ai-ta kutsi „der geöffnete , der leere Mund". 

|. vp ^» j. tsiatto „allsogleich". 

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1 - * 5 - * * j ' £ * ' *i ? 1 

1 7 ; ^ ;s ; 3 =E * ; ; f» h 5: 

Mu-ri-ni i-siün-ga te-wo totte izanai-juke-ba nokori-no mono sore-mo kore-mo tonari-no 
motsi-tsuki kotsi-to-ra-no kutsi-je-wa fa-iranu kazari-mono-de-mo mite ko-ka-to. 

' Hiermit ergriff er ohne Umstände die Hand I-siuns und führte ihn fort. Die Zurückblei- 
benden sprachen: Hier wie dort kommen die gestossenen Kuchen der Nachbarschaft nicht in 
unseren Mund. Sollen wir sie nur als Gegenstände des Schmuckes betrachten? 
^7 =l f j- j^r* /f izanai-juku „fortführen und gehen". 
\ ^ ^ \ motsi-tsuki (ehm. ping-tad) „ein zerstossener Kuchen". 



Der Almanach dek kleinbambusfarbigen Schalen. 



169 



In y \- ^ -d kotsi-to-ra „uns angehörend, das unsere'* ist die Pluralpartikel 7 ra der 
Relativpartikel |- to nachgesetzt worden. 

■ft *J zj kö-ka ist das Futurum /i- kuru „kommen" mit der Fragepartikel ka. 



1 . * * * - L - ^ ^ 

r 7 * 7 & ' * >; 



Zia-go-suke daru-fatsi bai-zb kosi-an ja-suke-mo tomo-ni ide-juki-nu ato-wa ko-man-to san- 
go-beje nani-ka-wa sirazu fiso-fiso-to mono-gatarb womote-no kata nin-gib-mawasi-no sode-goi-ga. 

Zia-go-suke , Daru-fatsi, Bai-zb, Kosi-an und Ja-suke waren mit einander fortgegangen. 
Als hierauf Ko-man und San-go-beje, die nicht wussten, was es gebe, heimlich sprechen woll- 
ten, stand vor ihnen ein puppen drehender Absammler und rief: 

p. ^ ) T ^ % womote-no kata „die Seite des Angesichts". 

t a* j* 7 sode-goi (chin. sieu-khi) „mit dem Ärmel bittend, ein Mensch, der öffentlich 
Geschenke einsammelt". 

5 ;:^ uri >) 1 4 ; 5 f- ^ 

t;^ l'tv;t ^ f f f 
( f f M ; , p ? ^ p -f 

.STore &owo tei-de-mo fudzi-ja-no i-za-je-mon samurai kiaku-no jeri-wo tsuki tottsui-tari fit- 
tsui-tari fumare-tari kerare-tari-suru, man-zai gei-sei toku-waka-ni ko-man-zai nara faru wo- 
dzia to-wori-ja towori-ja-to. 

Habt Acht! In dieser Stellung hat sich der Angestellte I-za-je-mon aus dem Hause Fudzi 
an den Kragen des Gastes geheftet. Er hat sich an ihm festgehalten, er hat ihn gezerrt, er ist 
auf ihn getreten und hat ihm Fusstritte gegeben. Die Kraft der Künste von zehntausend 
Jahren sind bei Toku-waka die kleinen zehntausend Jahre. Ich spanne! Ihr Herren, versteht! 
versteht ! 

~T tei (chin. ti), eigentlich „der Leib" „auch die Art und Weise". 
9 ^ f kiaku (chin. he) „ein Gast". 

^ 22 22 |~ tottsui ist die Zusammenziehung von ^ 22 )J \- tori-tsuki „sich fest- 
halten". 

■i 22 22 t fittsui ist die Zusammen ziehung von ^ 22 ^ t fiki-tsuki „zerren, 
anzerren". 

-f ^ ^" gei-sei hat die muthmassliche Bedeutung: „die Kraft der schönen Künste" 
(chin. i-schi). 

Denkschriften der philos.-lnstor. Cl. XVII. Bd. 22 



170 



Dr. A. Pfizmaier 



-jg ^ \- toku-waka (chin. te-jö"), „die Tugend jung" ist sonst der Name eines 

Hauses. 

*Y ^ % wo-dzia, aus der Ehrenpartikel wo, mit dem Relativum ^ ^ dzia (chin. 
tsche) zusammengesetzt, dient zur Bezeichnung von Personen, deren Name unbekannt ist. 

i ^ * 3 ^ * * f * 

I-i-kere-ba san-go-bei mutto-gawo e-je jakamasi-i kot-ziki-me wäre koso fajaku towore- 
towore. 

San-go-beje erwiederte mit verdriesslicher Miene: Ei, du lärmender Bettler, ich verstehe 
dich nur zu schnell! 

/f -sj bei ist die Abkürzung von z be-je, dessen ursprüngliche Bedeutung „die Leib- 
wache der Krieger" (chin. ping-wei). 

*\> \- i> mutto-gawo „mit verdriesslicher Miene". |~ 22 J> mutto scheint für 22 
b uttb (chin. yö-thao) „verschlossen, düster" gesetzt zu sein. Man sagt auch: i/ \- 22 i> 
/u- 4^ J" mutto-sitte iru „ verdriesslich sein". 

4 \> V ¥ V 4 f> -4 
* 7 7 4 

*■ ) 4 i ?H 



Ija mare-sai gei-sei-no wake-wo iwanu sono utsi-wa metta-ni-wa toworu-mai-to. 

— Nein, so lange ich die Kraft der Kunst von zehntausend Jahren nicht sage, wird man 
es schlechterdings nicht verstehen. 

- p. 22 y metta-ni, ein die Verneinung mit Nachdruck bezeichnendes "Wort wie 
„schlechterdings", von dem zu Grunde liegenden b 22 £ metta (chin. mie-thai), dem in der 
Wörterschrift die Bedeutung „Grösse der Vernichtung" zukommt. 

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Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



171 



Fib-si-ni kakatte sita tsudzumi ippono fasira-ni inotsi-mo wosimazu, ni-fon-no fasira-ni 
nise-no kata-me, san-bono fasira-ni san-zan ku-do, si-fon-no fasira-ni si-kai nami utawanu ba- 
kari-no futari-ga naka sore-wo joku-ni me-ga kurete, go-fon-no fasira-ni go-zib-wo wasure, rop- 
pono fasira-wa roku-roku-ni mi-zib-mo sirenu kiaku-wo fikkomi, sitsi-fono fasira-ni sitsi-mai-gi- 
sib a-a wore-ga ki-mama-ni naru nara-ba, fappono fasira-ni san-ziaku takaku, kiü-fon-no fasira- 
ni kurusimi-zini-wo mi-nu-ga kujasi-i kutsi- wosi-i-to. 

Indem er den Takt einhielt und die Zunge als Trommel gebrauchte, fuhr er fort: Auf 
dem ersten Balken schont er auch nicht sein Leben. Auf dem zweiten Balken ist das falsche 
eine Auge. Auf dem dritten Balken ist der sprühende Ofen. Auf dem vierten Balken ist er 
zwischen zwei Menschen, von denen „die Wellen der vier Meere" nicht gesungen wird, und 
indem er dieses im Stande ist, wird sein Auge verdunkelt. Auf dem fünften Balken vergisst er 
die fünf beständigen Tugenden. Auf dem sechsten Balken sind ihm einfach die drei Arten der 
Nachgiebigkeit unbekannt und er zerrt den Gast an sich. Auf dem siebenten Balken sind sie- 
ben Bitten an die Götter. 0, wenn dies nach meinem Wunsche geschähe. Auf dem achten 
Balken ist die Bergälster hoch. Auf dem neunten Balken sieht er nicht den Tod in Bedräng- 
niss, und er ist bekümmert, er ist rasend. 

f *7 ^ ^ fib-si, so viel als %/ ~\ feo-si (chin. pe-tse) „der Takt". 

/ ^> 22 -f ippono steht für / ^- ^> /f ippon-no „ein Stamm", das hier als ein 
Wort für Zählungen gebraucht wird. 

^ - ni-se „falsch, unecht", eigentlich die Wurzel von /t- X -=■ ni-suru „nachmachen". 
Dem Worte liegt - ni (chin. sse) „ähnlich sein" zu Grunde. 

) ft\ ^ san-bono steht für f ^ ^- san-fon-no „der dritte Stamm". 

^j. .2- ^ san-zan (chin. san-san) „zerstreut", der Zustand der Zerstreuung oder Ver- 
flüchtigung. 

/f -fl jy si-kai (chin. sse-hai) „die vier Meere". 

^7 3 joku (chin. khe oder neng) „vermögen, im Stande sein". Ein Wort von ungewisser 
Ableitung, vielleicht so viel als das in der Wörterschrift vorkommende 3 joku (chin. ye), 
„niederdrücken". 

J ^t> s y v roppono, so viel als ) ^> t) roku-fon-no „der sechste Stamm". 
2> 22 t fikkomu steht für X> o f t ßki-komu „hereinziehen, an sich ziehen oder 
zerren". 

*) ^ i/ ^ gi-sib, so viel als *) ^ i/ f ki-sib (chin. klii-tsing) „eine Bitte an die Göt- 
ter stellen". 

4 V ^ 9 kujasi-i (chin. hoei-fu) „reuig, sorgenvoll". 



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172 



De. A. Pfizmaier 



Tsukai-mo narenu nin-gib-wo ko-man-je ate-buri san-go-beje sore-to satotte tobi-kakari ja- 
niwa-ni dzu-kin kanaguri-sute sate koso wari-ja gen-go- beje i-siü-ga aru-nara dziki-dziki-ni 
kono san-go-beje-ni-wa nukasi-worazu kakure-sinonde looku-bib-mono-to. 

Mit der Gliederung nicht vertraut, schwang er die Puppe gegen Ko-man. San-go-beje, 
der dies bemerkte, sprang hinzu, hob und schleuderte das Kopftuch in weite Ferne, wobei er 
rief: So ist dies für mich von Seite Gen-go-bejes blos eine Belustigung. Da er auf geradem 
Wege mich, San-go-beje, nicht betrügen kann, birgt sich und versteckt sich der Feigling. 

/u- 7" 7 J ate-buru „in einer Richtung schwingen". 

A- > [ tobi-kakaru „im Fluge zusetzen" oder „hinzufliegen und sich anhängen". 

)\ =. ^ ja-niwa, wörtlich: „die Halle der Pfeile", ein Ausdruck, durch welchen ein grosser 
Zwischenraum bezeichnet wird. 

/l- X |) y 7 " j~ 'fi kanaguri-sutsuru „emporheben und wegwerfen". 

^ ^ ^ dziki-dziki (chin. tschi-tscM) „ganz gerade, geraden Weges". 

X 'ft nukasu „täuschen, betrügen", das Transitivuni von a- -jl ^ nukaru „schlüpfrig, 
klebrig sein". f %/ -fi nukasi-woru „eben oder längere Zeit betrügen" • 

7" ) & \y *7 "fi kaktire-sinobu „sich verbergen und hinterlistiger Weise sich verstecken 
oder nachstellen", 

*] ^ ~t? y 7 oku-bib (chin. yi-ping) „Feigherzigkeit". 



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Fiki-josuru te-wo farai-noke wonore-ra gotoki-wo go-nin ziü-nin mono-no kazu-to-wa 100- 
mowane-do tai-mo-wo kakajeta-kara-da sore-dzia-ni jotte jo-so-nagara ko-man-ni urami-wo i-i-ni 
kita sikasi kb araware-tara nige-mo senu kakure-mö senu ai-te-ni narb-tn. 

Er schüttelte die Hand, mit der jener ihn anzog, ab. — Bei eures Gleichen beachte ich, 
was die Zahl betrifft, nicht fünf Menschen, nicht zehn Menschen, allein ich halte mich an den 
Namen, mit welchem ich eine grosse Hoffnung erfasst habe, und ausserdem bin ich gekom- 
men, um Ko-man meinen Unwillen durch Worte auszudrücken. Da es übrigens auf diese Weise 
offenbar geworden, so ergreife ich nicht die Flucht, ich verberge mich nicht, ich werde mit dir 
handgemein werden. 

/«- X 3 f t fiki-josuru „an sich ziehen, anziehen". 

/l- ) t 7 > s farai-nokuru „abschütteln". 

\/ ) wonore (chin. hi) „selbst", hier als Pronomen der zweiten Person gebraucht. 
vj ^ /f tai-mö (chin. tai-wang) „eine grosse Hoffnung". 

kb, so viel als ^ f) ka-jb (chin. ko-yang) „auf diese Weise". 
^~ ^ ^ y - nige-mo senu „nicht die Flucht ergreifen", von 1^ X *jr - nige-suru 
„fliehen" mit der nach der Wurzel eingeschalteten Partikel ^ mo. 



Der Almanach der kxeinbambusearbigen Schalen- 



173 



^ ^ f > ^ ■/* ^ f 

Dokkari-to siri-utsi-sujure-ba san-go-beje wo-wo womo-siroi sono iki-no ne-wo-to. 

Als er sich mit diesen Worten fest niedersetzte, rief San-go-beje: O dies ist merkwürdig! 
die Wurzel dieses Muthes — 

|) \" dokkari (chin. tschang-hiü) , ein Adverbium, sonst mit /u- ^ X. suwaru 

„festsitzen" verbunden, bezeichnet die Unbeweglichkeit. 

/u- =l x ^- 'J iy siri-utsi-sujuru „sich fest niedersetzen", wörtlich : den Hintertheil 
auflegen. 

/f a £/■ /f ^ womoi-siroi 'bedeutet eigentlich: „weiss von Angesicht", wird aber in 
dem Sinne von „schön, fröhlich, merkwürdig", gebraucht. 

L ^ 4 f Jt 7 & * i ji 1 fL 

-2 7 J -\ - Z 3 vi 7 

i y f» I % w 9 V i 7" f "- 

Tatsi-kakaru-wo ko-man-wa nakaje watte iri kore gen-go-beje-san watasi-ni koso urami-mo 
are, wo-maje nani-mo sasa-no-san-ni i-i-bun-wa gozan-su-mai, kore mi-ja si-jan-se-to. 

Als er mit diesen Worten losbrach, trat Ko-man trennend dazwischen. 

— Herr Gen-go-beje ! nur über mich möget ihr unwillig sein. Es wird nicht der Fall sein, 
dass ihr dem Herrn Sasa-no etwas zu sagen habet. Sehet einmal! 

/l- /f j~ 22 V watte iru „trennend eintreten". 

>- 7" t i-i-bun „der Theil des Sagens". ^- 7" 6zm (chin. /ew) „der Theil". 

^ ^ ^ ^ mi-ja si-jan-se, eine verstärkte Form des Imperativs statt 3 L mt-jo 
„siehe". Auf die Wurzel l mi „sehen" folgt die Ausrufungspartikel ^ j a i hierauf i/ st, die 
Wurzel von /i- X «pm „thun", ^- ^ jan, die Abkürzung von 2> ^ jamu (chin. ?) „auf- 
hören" und ^ se, der Imperativ des eben genannten Verbums. 

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^ £ ^ ^ / / £ * ^ ji * ^ 1 v 

^ . * % 5 f t 1? 7 ^ ^ t y * 

Sasi-dasu sia-mi-sen gen-go-beje kitto me-wo tsuke: ukare-me-no ukarete ariku tabi-ja-kata 
sumi-tsuki-gataki mono-ni-zo ari-keru, sia-mi-sen-ni kai-ta ko-ka-wo wore-ni mi-seta te-maje-no 
kokoro-wa. 

Mit diesen Worten reichte sie die Laute hin. Gen-go-beje heftete fest die Augen darauf 
und las: „Der Gasthof, zu welchem das herumschweifende Weib herumschweifend wandelt, 



171 



De. A. Pfizmaier 



ist etwas, wo man nicht wohnen und dem man sich nicht nähern kann". Was habt ihr für 
eine Absicht, dass ihr mir das auf die Laute geschriebene alte Lied gezeigt habt? 

\- ^ kitto „genau, scharf", die Zusammenziehung von |~ l) ^ kiri-to und von /i- ^ 
kiru „schneiden" abgeleitet. 

£ -fl ^ "£? ßl tabi-ja-kata, ein grosses Gebäude zur Einkehr für Reisende. 
i/ ß j? ^ 5> IX sumi-tsuki-gatasi „wo das Wohnen und das Nahen schwer oder un- 
möglich ist". 

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Je/e sore woboje-no warui, gei-ko-mo onazi ukare - dzuma ukarete ariku itadzura-kara 
wo-maje-ni-wa ai-so-ga tsuki-te san-go-beje-san-ni nori-kajeta-ga sumi-tsuki-gataki mono-ni-zo 
ari-keru gei-ko-no narai-de gozan-suru. 

— Ei, hier habt ihr ein schlechtes Gedächtniss. Die herumschweifende Gattin, die so 
viel als eine Künstlerin, wandelt herumschweifend und hat sich aus Leichtsinn euch, indem 
sie sich verliebte, genähert und indem sie wieder zu Herrn San-go-beje gefahren ist, ist sie 
etwas, bei dem man nicht wohnen und dem man sich nicht nähern kann. Dies ist jbei Künst- 
lerinnen etwas Gewöhnliches. 

■zz \y -fi *J ukare-dzuma „eine herumschweifende Gattin". 
7 yf itadzura „Müssiggang, Leichtsinn". 

7 /f ~J ai-so, so viel als ^ /f y ai-so (chin. ngai-siang) „die Gedanken aus Liebe 
auf etwas richten". 

zu- ~\ -fl )J / nori-kajeru (chin. scliing-ti) „den Weg, den man in einem Wagen oder 
einer Sänfte zurücklegt, wechseln". 

t 7 j~ narai „die Gewohnheit". Das Wort >i- X > -fy* 3 * gozan-suru „sein" wird 
gleich /i- gozaru mit der Partikel j* de construirt, wenn eine Eigenschaft bezeichnet 

werden soll. 

f H ^ - * 5 i H M 

Sori-ja-a te-maje fon-sib-de. 

■ — Dies ist aber eure ursprüngliche Neigung — 

y )) 7 sori-ja-a steht statt \y 7 sore „dieses" mit der Interjection J ^ ja-a. 
*j ^ i/ ^t> fon-sib (chin. pen-tsing) „die ursprüngliche Leidenschaft oder Neigung". 

r * - ? 

TFo-wo ku-do. 

— Ei, ein feuriger Ofen — 

; r z 1* » T w 7 

Sore-de-wa kanete-no. 

— Hierdurch wird das vorläufige — 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 175 



Fate-nanni-mo iwasi-jan-su-na watasi-wa fito-de-wa gozan-senu tsihu-sib-ni kamawazu-to- 
mo fcijo doko-zo-je jukasi-jan-se-to. 

— Möget ihr in der That gar nichts sagen. Ich bin kein Mensch, und damit ihr euch mit 
keinem Thiere befasset, geht schnell wohin immer es sei. 

=. 2- f" nanni, so viel als — j~ nani (chin. ho) „was, etwas". 

j~ X ^ jy ^ <{ iwasi-jan-su-na, eine verstärkte Form des negativen Imperativs 
anstatt j~ p ^ iü-na „sage nicht". In dem zu Grunde liegenden Positiv X ^ ^ 
iioasi-jan-su, dasselbe was sonst p <j iü „sagen", ist i/ ^ ^ iwasi das als Ehrenzeitwort 
gebrauchte Transitivum von p ^ iü, ^- ^ jan so viel als x> ^ jamu „aufhören", und X 
su die Abkürzung von /l- X suru „thun". 

p kamb (chin. keu) „umfassen, etwas besorgen, sich befassen". 

^ ^~ jy -fl n- jukasi-jan-se, eine verstärkte Form des Imperativs, so viel als das 
einfache >r ^ juke „gehe", von dem Transitivum wie bei dem obigen X i/ ,s -f 

iwasi-jan-su „sagen" abgeleitet. 

V X z> T f K ^ - v' 

K * X * 7 ^ { * '\ Y 

7 Z> ± T \ T*^ 1 

* ; \- \- ^ f T ^ 

Sia-mi-sen totte tsume-biki-ni: ta-to-je sekarete fodo-furu tote-mo jen-to zi-set-no suje-wo 
matsu-to. 

Sie ergriff die Laute und rührte die Saiten. 

— „Weil ich, durch einen Anderen abgeschlossen, eine Weile verbringe, warte ich für 
das Verhältniss auf das Ende der Zeit". 

^ "£ s y 22 tsume-biki „das Rühren der Saiten" wörtlich: das Ziehen mit den Nägeln. 
|- £ ta-to „mit einem Anderen, was einen Anderen betrifft". £ ta (chin. ta) „ein Ande- 
rer". Hierzu die Relativpartikel |- to (chin. yu). 

/u- p Y j> fodo-furu „eine Weile verbringen". 

^. J" \- tote-mo (chin. tschung) „weil". 

^- :e jen (chin. yuen) „das Verhältniss der Freundschaft". 

\ t t . Ü :h X» kl * T ■ * f * ' » 



176 



Dr. A. Pfizmaiek 



Ko-uta utbte mi-muhi-mo sezu gen-go-beje-wa akire-fate bb-zen-to site iru tokoro-je tatsi- 
modottaru maioasi-no ja-suke ko-man-san-wa i-i rib-ken konna ja-rb-ni tsunnagatte-wa watasi- 
ra-made kutsi-ga firu, neje danna. 

Indem sie dieses kleine Lied sang und ihn nicht anblickte, gerieth Gen-go-beje vor 
Staunen ausser sich, als der drehende Ja-suke, sofort zurückgekehrt, sprach: Das Fräulein 
Ko-man hat es sich überlegt und sagt, wenn sie sich mit einem solchen Weichling verbindet, 
so würde selbst uns der Mund vertrocknen — ah! der Gebieter! 
\ v t p. tatsi-modoru „flugs zurückkehren". 

j~ -s- rr konna, so viel als j~ *J ^ -fi ka-jb-na, „ein solcher". 

zu- jf j- _p tsunagaru „verknüpft, verbunden werden". 

\y 7 N *) ü~ u sore. 

— Ei, der bin ich. 

h ji * - > % f * t . > * j* ^ ^xf r 

Nage-jaru ko-ban-no fikari : wototo-i koi-to. 
Er warf den Glanz der Goldwage hin. 

— Bruder komm! 

/l- ^ y j- nage-jaru „von sich werfen, wegwerfen", /t- ^ jaru hat die Bedeutung : 
senden. 

zj ko-ban, (chin. siao-puan) „die Goldwage". „Der Glanz der Goldwage" ist 

das Gold. 

!) f Y p. t X. ^ 7 ? * 1* * f 

7 'Ii* 3 f * i- + > ;> T i 

Gen-go-beje-ga kubi-sudzi tsukande j a-suke-wa womote-je tsuki-idasi-te to-wo pissi-jari mata 
sakadzuki-wo aratamete ato-wa zazameki-watari-keri. 

Ja-suke fasste Gen-go-beje mit der Hand an dem Halse, drängte ihn heftig in die Vor- 
halle hinaus und versicherte sich der Thüre. Er gab ihm überdies einen neuen Becher und 
ging hierauf geräuschvoll hinüber. 

4 a X, y 7 kubi-sudzi, wörtlich: „der Faden des Halses", ist so viel als das einfache 
T£f >7 kubi „Hals". 

~J~ t womote „die Vorhalle, der Vorsaal". 

X ßt' 4 f tsuki-idasu (chin. thü-tschü) „plötzlich und mit Heftigkeit hinausdrängen". 

/l- ^ jy \£ pissi-jaru „geheimnissvoll machen, sich versichern". ^ \£ pissi ist 
so viel als t ß-si, die Wurzel von /i- X t fi-suru (chin. pi) „geheim halten". Das Hilfs- 
zeitwort a- ^ jaru hat die Bedeutung: „schicken". 

y 7 y V v zazameku, (chin. pa-ng) „poltern, ein Geräusch wie rollende Steine hervor- 
bringen". 



Dek Almanach der klejnb ambusfaub igen Schalen. 



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Sake-ni midarete fito-ma-no wonna sa-a ano wo-fito-ni iü-ta-towori kotsi-no fito-wa si-nasi- 
an-su ko-kib-wo fanarete tajori-wa nasi mada watasi-mo looi-kutsi-ta tosi-to iü-de-mo gozan-sene- 
ba do-ka mi-no wosamari-wo kangajezu-wa naru-mai-kere-do fon-no to-za-no fito fana-gokoro wo- 
naburi-nasareta sono ato-de-to. 

Vom Weine aufgeregt, sprach in einem Zimmer ein Weib: Was ich jenem Menschen 
gesagt habe, dieser Mensch ist daran gewöhnt. Von meinem Geburtsorte getrennt, bin ich 
ohne Stütze, und da sich noch nicht sagen lässt, dass ich mich in den Jahren befinde, in wel- 
chen man gealtert und verwelkt ist, so wird es zwar nicht anders sein können, als dass ich 
auf den ordentlichen Zustand meiner Person ein Augenmerk habe, allein nachdem auch der 
flatterhafte Sinn des Mannes meines gegenwärtigen Wohnsitzes zum Besten gehabt — 

|- f wo- fito, ein Mensch von dem man mit Achtung spricht, was durch die Ehren- 
partikel bezeichnet wird. 

X ^ \/ j~ i/ si-nasi-jan-su, so viel als das einfache \ a- j~ £/ si-naruru, von 
dem es das ehrende Transitivum mit eingeschaltetem ^- ^ jan „aufhören" und angehängtem 
X su „thun". \ /l- j~ i/ si-naruru „sich gewöhnen" ist seinerseits aus jy si, der Wurzel 
von /i- X. suru „thun" und \ /t~ j~ naruru (chin. schün) „mit etwas vertraut sein, sich ge- 
wöhnen" zusammengesetzt. 

| 3 tajori (chin. pien) „Hilfsmittel, Stütze", aus p ta, so viel als J te „Hand" und 
1) 3 jori „sich stützend" zusammengesetzt. 

^- y 7 t woi-kutsiru „altern und verfaulen", d. i. verwelken. 

/<- -3 ^ f wosamaru „geordnet, in einem ordentlichen Zustande sein". 

[ td-za, so viel als -fy* *j p tb-za (chin. tang-tso) „der gegenwärtige Wohnsitz, 
gegenwärtig". 

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D«nkichrifien der philo». -hisior. Cl. XVII. Bd. 25 



178 



Dr. A. Pfizmaier 



Jori-soje-ba i-siün-wa fatto mu-tsiü-ni natte toro-toro-me nan-no nan-no mottai-nai un-to 
saje-iüte kurere-ba nio-bb-wa mi kudari fan-nisi-no umi-je sarari-sarari tosi-kosi-no mame-no ka- 
zu-ga kasanatte bin-no simo tsume-tai kokoro-no nai-wo tori-je-ni tosi-jori-de-mo sin-bb-wo site 
kurere-ba ked-kara sugu-ni. 

Als sie sich zu ihm gesellte, wurde I-siun nach und nach träumerisch, und er sprach mit 
leuchtenden Augen: Als ich mich gewissermassen über das unerträgliche Schicksal beklagte, 
stieg ein Weib in Person hernieder und als ich in der Uberzeugung, dass, indess im Hinüber- 
gehen zu dem halben westlichen Meere die wahre Zahl des Uberschreitens der Jahre sich ver- 
doppelt, ich nicht die Absicht habe, den Reiffrost der Schläfe zu drücken, noch als bejahrter 
Mann neue Sitten annahm, ist gerade seit heute — 

P y )) 3 jori-so „sich anschliessen und gesellen". 

\- )S fatto (chin. po), „durchsickernd, nach und nach". 

*f j- i> mu-tsiü (chin. meng-tschung) „im Traume". /»- j~ - ^ ^ 2> mu-tsiü-ni naru 
„in den Zustand des Träumens gerathen". 

y ^ -o |- toro-toro-me „ein leuchtendes Auge". ^ t> |- toro-toro (chin. thien-thien) 
„der Glanz des Feuers". 

rj U n (chin. yün) „der Umlauf, das Schicksal". 

y zf -\ ^- saje-iü „etwas durchaus oder mit Entschiedenheit sagen u . 

/u- \y kureru, so viel als v a- 9 kururu „drehen, winden", hier als Hifszeitwort 
gebraucht. 

^ lj 7 f sarari-sarari „fortgehend, scheidend". 
jy -3 %/ \ tosi-kosi „das Überschreiten der Jahre". 

tf? bin (chin. pin) „das Haar an den Schläfen". 
^ )) [ tori-je „die Reinheit, die Klarheit, die Überzeugung". 

vi j$ 2- %/ sin-bb, so viel als ? ft* ^- \/ sin-bd, (chin. sin-fa) „eine neue Art, eine 
neue Sitte". 

I- ? -f A t 7" % 7 

f* 1 f t 5 r -t 

Ai, wo-naburi-te saje-nai ara-ba-to. 

— Ei , wenn es durchaus nicht der Fall ist , dass ihr mich zum Besten habt. 
^ jr -\ ^ saje-nai „es ist durchaus nicht". 

; 9 7 i f ° ^ 7 I- 

Toke-kakaru soba-ni-wa tsuge-je-mon: sen-siü-ban-zei tsi-fako-no tama-no sakadzuki-wo jo- 
i-ga tera naka-udo-wa joi-no fodo-to. 

Als sie mit diesen Worten zerschmelzen wollte, sprach zu ihrer Seite Tsuge-je-mon: 
Den Becher der Edelsteine der tausend Kisten der tausend Herbste, der zehntausend Jahre 
reicht in dem Tempel der Leichtigkeit der Vermittler für eine Nacht. 

/l- s >r \- toke-kakaru „im Begriffe sein sich aufzulösen". 



Der Almanach der kjleinbambusfarbigfn Schalen. 



179 



n >^ j- tsi-fako „tausend Kisten". 

Y "t 3 f" naha-udo (chin. tschung-jin) „ein Vermittler". Y *7 udo , auch Y 7 fudo 
geschrieben, ist das veränderte J* t fito „Mensch". 

Jf * V j * ■ rfc t * l St 

- t * i- r r * J- J .'. - { « 

f ^ £ o V V V ] ) jf t , 

h '7 : 9 * t' 5 fc ' jr 

Tsugi-no ma-ni tatsi-juku jeri-gami fitori wotoko kai-tsukande tsuki-modosi ma-wotoko mi- 
tsuketa ugoki-ja-a-garu-na-to. 

Hier ergriff ihn ein Mann , der in dem anstossenden Zimmer sich erhoben hatte , beim 
Halskragen und zog ihn heftig zurück. 

— Ich habe den Buhler entdeckt ! Denke nicht daran , dich zu rühren. 
*7 =l ^. £ tatsi-juku „sich erheben und gehen". 

I jf l] i jeri-gami, so viel als das einfache )J n: jeri „der Kragen des Kleides", 
mit Hinzufügung von jl kami, oben. 

X Y ^ \ ^ tsuki-modosu „mit Heftigkeit zurückziehen". 

a- jf 7 ^ f a* *f ugoki-ja-a-garu „sich rühren wollen", mit der eingeschalteten 
Partikel J ^ ja-a und Anhängung des ein Begehren ausdrückenden Wortes /i- jf garu. 

v v l ± y f ? * 4 

\y -fc* v V - r - = 

\ v ß y * . j- z ^ 

Ki-ite i-siün-wa jei-mo same na-mu-san sonnara tsutsu-motase tsugeje-mon zen-tai ware-ga 
■ ma-a warui-to. 

Als er dies hörte, erwachte I-siun aus der Trunkenheit. 

— Herr Na-mu! also Hess ich die Röhre erlangen. — Tsuge-je-monm dem ganzen Wesen 
— ich bin fürwahr schlecht! 

y ^" =t t 2. jei-mo same „das Erwachen aus der Trunkenheit", so viel als Z 
jei-zame mit Einschaltung der Partikel ^ wo. 

i» ^" na-mu-san „Herr Na-mu! 11 eine gewöhnliche Anrufung des Gottes Na-mu. 
X p. ^ motasuru, das Transitivum von ^? ^ raoto „halten, erlangen". 



^ .*...$,••> * zt '"ijt.tr 9 : > 

Nige-ziri-sure-ba kudan-no wotoko warui dan-de-wa gozari-masenu , dai-zi-no wo-ije-wo 
si-fai-suru womo-te-dai-no mi-wo motte juku-je-mo sirenu wonna-wo toraje-sosonokasi-te danna- 
je fadzi-wo kakasuru-mo no-ga doko-ni arb-to. 

23* 



180 



Dr. A. Pfizmaier 



Als er hiermit fliehend den Rücken kehrte, sprach der oben erwähnte Mann : Es ist 
keine schlechte Sache. Indem ich als der euer angesehenes Haus miteinrichtende Stellvertre- 
ter ein Weib , von dem man nicht wusste , wohin es gegangen , erfasste und zurechtführte, 
wo würde hier das Feld sein , auf dem ich den Gebieter mit Schande bedecken könnte ? 
X l) y - nige-ziri-suru „fliehend den Rücken kehren". 

^ dan, (chin. tuan) „eine Sache". 

^ > s i/ si-fai (chin. tschi-pei) „an der Eintheilung oder Einrichtung theilnehmen". 

/f £f T ^ /5" womo-te-dai „ein Stellvertreter" , so viel als das einfache /f $T T te ~^ a h 
mit Vorsetzung von ^ womo „Angesicht". 

-\ 3. juku-je (chin. schi-fang) „die Gegend, in welche man sich begeben hat". 

X ^ ) N 7 sosonokasu (chin. siün) „zurechtführen". 

X n -fl f ^ fadzi-wo kakasuru „bewirken, dass Jemandem Schande anhängt", 
/u- x v 'fi kakasuru ist das Transitivum von a- n -^3 kakaru „angehängt sein". 

a i) r ? f f h f 

') * . l* * l f * > ■ T 7 

1f ^ P ^ ? ^ , 7 

Jii-wa dö-jara ki-ita koje-to kowa-gowa nagara tsuge-je-mon kawo-wo motagete bikkuri-si 
ja-a wari-ja mo-feje. 

Bei diesen Worten, die vernehmlich und mit starker Stimme gesprochen wurden, erhob 
Tsuge-je-mon das Angesicht und rief erschrocken: So habe ich Mo-feje — 
^ >\ o kowa-gowa (chin. khiang-khiang) „stark". 

/u tf* ^ motaguru (chin. tat) „erheben". Ist die Zusammenziehung von ~J j- ^ 

^" motsi-aguru, wobei j- \ motsi „ergreifen" zur Verstärkung der Bedeutung dient. 

Fon-ni sore-ni-to. 

— Der bin ich eigentlich. 

f > t ( i i 

>^ 7 >> h * J ^ t p X * 

,u f i f s 7 - f 11 

I-siün-mo gib-ten tsuge-je-mon-wa nige-mo jararezu a-a jume-ni nare-nare-to tsi-isaku uatte 
furuje-iru. 

I-siun staunte und Tsuge-je-mon war nicht fähig zu entfliehen. 

— ich werde träumen! 

Mit diesen Worten kauerte er zusammen und zitterte. 

^ T *f ^ gib-ten (chin. yang-tim) „zum Himmel emporblicken, staunen". 
n A- 7 ^ t jr - nige-mo jararuru „die Flucht nicht bewerkstelligen", \ a- 7 ^ 
jararuru ist das Passivum des als Hilfszeitwort gebrauchten a- ^ Jarw „senden". 
j~ 9 ^ ^ tsi-isaku naru „klein (von Gestalt) werden". 
A- a. A- 7 furujurUf so viel als das einfache 7 7 /wrö „zittern-. 



ÜEE AlMANACH DER KLEINBAMBUSFARBIGEN SCHALEN. 



181 



f x -z> * t f f % 9 f * \- ■ f 

Kano wonna-wa sito-jaka-ni watakusi-wa tama-to mdsi-te kore-ni woru mo-feje-no nio-bb 
sen-datte go-to-tsi-je kudari-masi-te mada wo-me-ni kakaranu koso saiwai nare danna-sama-no 
kono goro-no wo-mi-motsi-ga joku nai fodo-ni jo-so-nagara wo-tsuki-mosi-te jb-su-wo mi-i-to 
nusi-no sasi-dzu-to. 

Jenes Weib sprach gefasst: Ich heisse Tama und bin das Weib des hier weilenden Mo- 
feje. Ich bin früher in diesem eurem Lande angekommen, und da ich euch noch nicht vor 
den Augen erschienen war, sollte ich das Glück haben. Weil das Benehmen des Herrn Ge- 
bieters um diese Zeit nicht gut ist, ertheilte mir mein Mann die Weisung, dass ich mich 
irgendwie ihm nähern und die Verhältnisse beobachten möge. 

JT ^? J? -^ ^ sen-datte „früher", wörtlich: früher erstanden, eine Verbindung von 
sen (chin. sien) „früher" und ^> £ tatsu „erstehen", 
t L m/'-motsi (chin. schin-tschi) „die Haltung des Leibes, das Benehmen", 
f i. mi-i, veränderte Form des Imperativs statt 3 rni-jo „siehe!" 

> > i i j ? % n \ > t * / f; % i f 3 4 

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f tf % > : , * * J J i M * < .. t ^ 

r> y h f \ % z. ^ 1 J | # « ^ f =>* u' 

Jü-ni mo-fcje koto-ba-wo tsugi tada ima are-ga mdsu towori fi-goro tadasi-i no-umare-ga 
utte kawatta go-fb-tö sore-dzia-ni jotte wo-san-wo waza-to wo-tsikadzuki-ni-mo agezu-ni wo-ki 
itsn-tote-mo go-ju-san-no wori-ni-wa are-wo wo-ato-kara tsuke-sasete watakusi-mo mije-gakure- 
ni wo-tomo-wo itasi jb-su-wo mire-ba kore-ni woraruru tsiü-gi mu-ni-no te-dai-wo fazime-je-si- 
renu jatsu-ga sosori-tate warui koto-no ari-take-wo wo-susume-mosu-ga H-ni masi-tsunori-to. 

Mo-feje setzte ihre Rede fort. 

— Wie sie eben jetzt gesagt, hat sich seine eine Zeitlang unverdorbene Gemüthsart 
gänzlich geändert. Da er seiner Meldung zufolge Wo-san absichtlich seines Umgangs nicht 
würdigt, so hiess ich jene nachträglich, wenn einmal sein Geist sich erheitert haben würde, 
vorstellen, und als ich, vor den Blicken verborgen, ihr Gesellschaft leistete und die Verhält- 



182 



Dr. A. Pfizmaier 



nisse beobachtete, stellte mich, den hier weilenden treuen und nicht doppelherzigen Stellver- 
treter, ein Wicht, den man anfänglich nicht erkennen konnte, durch Schwätzen bloss und er- 
muntert zu augenfällig schlechten Dingen , was täglich ärger wird. 
\S umare „die Geburt, die angeborne Gemüthsart". 

7~ 02 *7 M ^ e ? so viel a ls x p. *J utata (chin. tschuen), sich umdrehend wie ein 
Rad, durchaus. 

*7 I" ^ ;N fb-td, sonst auch 7 & JS fb-tb (chin. pao-tä) „erwiedern, antworten". 
^- ^- =l ju-san (chin. yeu-san) „auf den Bergen lustwandeln, sich zerstreuen, sich 
erheitern. 

- )J f wori-ni „zur Zeit", von a- f woru „weilen" abgeleitet. 

N >^ y 7 j? L mije-gakururu „sich vor den Blicken verbergen", wörtlich: indem 
man gesehen wird , sich verbergen. 

- }> mu-ni (chin. wu-ni) „ohne Zweideutigkeit, ohne Doppelherzigkeit". 
\ /u- t/ ic je-siruru „erkannt werden können". 

/u- j~ Jz lj \ 7 sosori-tateru „durch Schwätzen hinstellen", /t- \ 7 sosoru (chin. 
tschen) „unaufhörlich reden". Statt )J ^ 7 sosori wird sonst das auch in einigen Zusammen- 
setzungen vorkommende t> 7 sozoro gebraucht. 

^" £ !) 7 afi-take „die vorhandene Länge oder Höhe". 

■ -' f 1 v 7 1 2 ^ / ) v \? ' 

I-i-kakeru-wo utsi-kesu tsuge-je-mon kore-kore mo-feje fito-wa tomo are nan-no wore-ga 
warui-koto-wo danna-sama-je. 

Als er so fortfahren wollte, unterbrach ihn Tsuge-je-mon. 

— In diesen Dingen mag Mofeje mit Leuten verschworen sein. Welche schlechte Dinge 
sollte ich dem Herrn Gebieter — 

X b~ 4 utsi-kesu „auslöschen", mit Nachdruck. 

1 t*i \ 7 f * r 7 J 4 ^ 

* z ? i * ? i * 

* 7 1 7 ^ ^ «r * * f > ^ * 

3 > * , * f y 7 1 ^ I -\ 

Jeje jakamasi-i tsuri-mono-to-ka nan-to-ka iüte mukasi-wa atta sb-nare-do mizu sirazu-no 
wonna-wo koma-dzuke ta-to-je go-ke-dzia-to sono wonna-ga iüte-mo koto-ba-wa sid-ko-ni naranu 
sore-wo danna-ni tori-motsu-ga warui koto-de-wa aru-mai-ka-to. 

— 0. es wurde schon längst gesagt, dass ihr so etwas wie ein lärmender zudringlicher 
Mensch seid. Gleichwohl habt ihr ein Weib, das ihr weder gesehen habt noch kanntet, 
kleinlich vorgeführt. Ist dies und die Worte, dieses Weib habe gesagt, sie sei die Witwe 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



183 



eines Andern, nicht ein Beweis, und wird es keine schlechte Sache sein, dass ihr sie für den 
Gebieter in Empfang- nähmet? 

) t )J tsuri-mono „ein wie an einen Haken gehängter Gegenstand". 

>T %p* 3 koma-dzuke „das kleinliche Anbringen oder Nahebringen". 

Y 4 t f v p. ^ j) <t > ■ f P M ' * <? 



; * ; ^ ? * r * ✓ * * * . f ■ * 

Dzukkari-ije-ba wo-tama-mo soba-jori joi ka-gen-na uso tüte miseta-no-wa go-i-ken-wo si- 
jd tarne ke-rib watasi-ga wo-utsi-no fito-no nio-bb nari-ja koso jo-kere warui mono-de go-rb-zi- 
mase kane-to koronda sono uje-de wo-naga-fatto itasi-masu wo-me-ni kakatta koto-wa na-kere- 
do wo-san-sama-no wo-kokoro-dzukai wo-sassi-mdsi-te wo-itawasi-i na-a mo-feje-dono- 

Als er dies mit Festigkeit gesprochen, stellte sich Wo-tama ihm zur Seite. 

— Dass ich Unwahrheit mit guter Zuthat und Verminderung sagte und dies in schiefer 
Richtung darstellte, geschah, weil ich von eurem Rathe für mich Gebrauch machen wollte 
und den Auftrag entlehnte. Als das Weib des Mannes des Inneren werde ich nur gut gethan 
haben, und mit dem schlechten Menschen möget ihr Mitleid haben. Ich bin schwerlich 
gestrauchelt und habe überdies eure beständige Vorschrift zur Geltung gebracht. Obgleich 
ich sie noch nicht von Angesicht gesehen habe, errieth ich die Denkungsart der Frau Wo- 
san , und war ihretwegen bemüht — nun , Herr Mo-feje — 

l) ^ 2? *f dzukkari, so viel als )J jl Y dokkari „unbeweglich, fest". 

A- 3 7 soba-joru „sich an die Seite lehnen". 

^- y~ ka-gen (chin. kia-hien) „Zugabe und Abnahme". 

/L " vj y 3* go-rb-zuru (chin. yü-lao) „Mitleid haben". 

|" 3" -\l kane-to „schwer, schwerlich". 

£ -fi p \ zj kokoro-dzukai „die Bethätigung des Herzens, die Denkungsart". 

X. s 2 sassuru (chin. tschä) „untersuchen, auf etwas rathen". 

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* ) f f £J 9 ^ * 

Warui mono-ka nan-zo-no jb-ni amari-to ije-ba ato-saki-nasi akirete mono-gaiware-masenu-to. 

— Da es heisst, dass an schlechten Menschen auf irgend welche Weise Uberfluss ist, staune 
ich, dass weder etwas nachgefolgt noch vorhergegangen , und es wurde mir nichts gesagt. 



184 



Dr. A. Pfizmaier 



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Mo-feje fü-fu-ga kawaru-gawaru namida-ni ma-koto arawasi-te fadzi-simure-ba jb-jb-ni 
i-siun-wa me-no same-taru gotoku mi-utsi-ni fija-ase womote-mo agezu nanni-mo iwanu ajamatta 
kore-kara kitto tsussimb kore-dzia-dzia-to. 

Als Mo-feje und sein Weib abwechselnd durch Thränen ihre Aufrichtigkeit bekundeten 
und ihn beschämten, schien 1-siun allmählich erwacht zu sein und während an seinem Leibe 
kalter Schweiss ausbrach, sprach er, ohne das Angesicht zu erheben: Indem ich nichts 
sagte, habe ich gefehlt. Ich werde von nun an sehr aufmerksam sein, dies werde ich. 

^ a- ; s 'fi kawaru-gawaru (chin. tai-tai) „abwechselnd". 

a- i> \/ j-' > s f adzi-simuru „beschämen" , das Transitivum von t^- js fadzuru 
„sich schämen". 

( ^ i~' ^ 3 kore-dzia-dzia, ein Ausdruck wie: „ja dieses" 

v v - V i ~ 2 ^ f 
1 -\ / *f f f A 9 7 

Te-wo awase dö-zo mo-feje ki-gen-wo nawosi ippai nonde kajetle kure-to. 
Hierbei legte er die Hände zusammen. 

— Ich werde das gute Einverständniss mit Mo-feje erneuern. Möget ihr nochmals einen 
Becher trinken. 

X f j~ f f ki-gen-wo nawosu „ den Widerwillen des Triebwerkes verbessern, 

oder wiederherstellen, das gute Einvernehmen erneuern". 

j P ? ^ f> i 1 f ¥ > * 7 ; 
h * ■ t 7 7 ? \ * f T p -9 

Koto-ba-no utsi-ni tai-faku kosi-an ted-si sakadzuki motte ide ano jb-ni zen-pi-wo kui-te qo- 
zarassi-jaru-ni an-do-site sa-a-sa-a ikkon mo-feje-dono-to. 

Während er dieses sprach, erschien Tai-faku Kosi-an mit einem Weinkessel und 
einem Weinbecher. 

— Indem man somit etwas Weniges gegessen hat , pflege man der Ruhe. Wohlan , ich 
biete euch einen Becher an , Herr Mo-feje ! 

1/^17 ted-si (chin. tiao-tse) ein „Weinkessel", ein kleiner Kessel mit einer Handhabe 
und einer Rinne. 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 1S5 

\? 2- jg* zen-pi, (chin. tschen-mi) „allmählich sich zur Seite herabn eigen". 

i/ 7 -fy* 3* gozarassi-jaru , so viel als das einfache t ■4* ^* gozaru „sein" 
in der Ehrenbedeutung, mit angehängtem /t- ^ ^arw „schicken", und in der Form des Tran- 
sitivums , wobei das 2? tsu in 2? 7 a* gozarassi zum Behufe der Schärfung der Sylbe 
eingeschaltet wurde. 

js- :3 5? /f (chin. yi-hien) „eine Ehrengabe" , auf den dargereichten Wein 

bezogen. 

Susumuru kawo-wo dziro-dziro mi-jari wonazi-ana-no kosi-an-rb. E. 

Jener blickte demjenigen , der ihm das Anerbieten machte , fest in das Angesicht. 

— Herr Kosi-an aus der nämlichen Höhle? 

— Ja. 

( a j-' dziro-dziro j ein die Festigkeit des Anblickens bezeichnendes Wort von unge- 
wisser Ableitung. 

A- ^ L mi-jaru, so viel als das einfache /u- ^ ?mrw „sehen", mit dem Hilfszeitwort 
/u- ^ jaru, „schicken" verbunden. 

rj y ro (chin. lang) „ein Leibwächter", ein zur Bildung von Namen gebrauchtes Wort, 
das hier wohl in der ehrenden Bedeutung von „Herr" zu Grunde liegt. 

Z e, eine Interjection, die Bejahung ausdrückend. 

Konata-no fai-zai sa-dzi ka-gen-de danna-no bib-ki-wa ijo-ijo tsunotta juru-juru wo-rei-wa 
i-i-mased. 

— Bei uns ist die Gabe der Arznei das verringerte Mass eines Löffels. Da die Krankheit 
des Gebieters immer mehr überhand genommen hat, werde ich sagen, was langsam ihm 
gebührt. 

/f /f ^ fai-zai (chin. pei-tsi) „die Gabe einer Arznei''. 

4-'~ ^ sa-dzi so viel als sa-zi (chin. tschha-schi) „ein Theelöffel " . 

4 \S wo-rei „die Artigkeit", hier „das Gebührende", mit der Ehrenpartikel wo. 

* * * * r y z, l L<- 

" * l ■& * ^ ^ ^ & T 

sorao wo-rei-wa san-fun-rei ni-fun rei-de-mo dai-zi-nai karui, wo-tanomi-mosi-masu. 

— O bei dem ihm Gebührenden sind drei Theile Gebührendes, zwei Theile Gebührendes 
nicht von Bedeutung, sie sind leicht, und ich ersuche ihn darum. 

^ / y ^- ^ san-fun-rei (chin. san-fen-li), wörtlich: „drei Theile Artigkeit". 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. lid. 24 



186 



Dr. A. Pfizmaier 



% ) - \ 9 ^ ;l!> ix 



Koso-koso nigere-ba mo-feje niko-niko sikasi danna-no wo-kokoro-zasi ippai-wa itadakb-ga 
to-ja kb-iü utsi md sio-ja-goro kore-kare-wa jo-fodo-no mitsi-nori md wo-kajeri-nasare-masi. 

Hiermit enteilte er ohne weiteres und Mo-feje sprach lächelnd: Gleichwohl werde ich, 
was die Absicht des Gebieters , einen Becher voll auf dem Haupte tragen. Doch während wir 
dieses und jenes sprechen, ist der Anfang der Nacht, und ihr werdet desswegen in der Nacht 
auf der Strecke Weges zurückkehren. 

( 7 ° koso-koso , die Wiederholung von 7 13 koso „nur", ein Ausdruck wie: 
ohne weiteres. 

^ \- to-ja „dieses", aus |- to (chin. tso) in der Wörterschrift „links", und der Inter- 
jection ^ ja zusammengesetzt. 

p /f *f -^3 kb-iü „auf jene Weise sagen". *J jl kb, die Zusammenziehung von *J ^ 
ka-jb, ist gleichbedeutend mit *7 kaku „so". 

x3 3* ^? 3 i7 sio-ja-goro (chin. tschu-j e-pi) „die Zeit der beginnenden Nacht". 

l) 7 4 L mitsi-nori „die Richtschnur des Weges", eine Strecke Weges, eine Meile. 

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Dzia-ga mata massia me-ra-ga wodatenu-jb wore-ga kawari-ni wo-tama-ioa ima-kara i- 
siiin-sama-ni wo-tsuki-mösi saki-je modotte wo-san-sama-ni wo-tsikadzuki-ni natte i-i sore rei-no 
gei-ko-no ko-man-ni sai-zen bte aramasi-wa fanasi-mo ki-ita-ga mada tsiotto iwane-ba naranu 
koto-mo ari ato-kara wore-wa wottsukb-to. 

— So ist es. Ferner errichten die Keime keinen letzten Altar. An meiner Stelle wird Wo- 
tama von nun an sicli dem Herrn I-siun anschliessen , früher heimkehren und nachdem sie 
sich der Frau Wo-san genähert — Was ich sagen wollte: Ich bin vordem mit der Künstlerin 
Ko-man zusammengetroffen und habe sie in Kürze sprechen gehört. Ich habe ihr nothwendig 
noch etwas zu sagen, und dann werde ich mich euch anschliessen. 

jf ^ j-' dzia-ga „so ist es" , eine Verbindung der Relativpartikel ^ dzia (chin. 
tache) mit der Partikel jf ga. 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



187 



,u j tjC wodateru „errichten", so viel als /i- J tjT 3 jodateru, das Transitivum 
von p;" 3 jo-datsu „sich aufrichten". Das vorgesetzte 3 jo steht für 3 /f oder ^ /f 
ya (chin. m) „mehr". 

r/ ^ j-Q (chin. hat hier die Bedeutung „Weise". 

-\ f saki-je „früher, im voraus". 

\S 7 4 i-i sore » an dieses!" Ein Ausdruck, ungefähr wie: was ich sagen wollte. 
9 2? 2? /}" wottsuku, die Zusammenziehung von ^ _p ^ wosi-tsuku „sich an- 
schliessen", in verstärkter Bedeutung. 

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Iü-no-wo siwo-ni i-siiin-wa za-wo tatsi son-nara wore-wa saki-je modorb wo-tama-ni-mo 
kago-wo i-i-tsuke sugu-ni niwa-je mawasi-te kure-to. 

Bei diesen Worten erhob sich I-siun freundlich von dem Sitze. 

— Also ich werde zuerst heimkehren. Bestellt für Wo-tama eine Sänfte und heisst sie ge- 
rade sich zu der Vorhalle wenden. 

- A> V siwo-ni (chin. wen) „warm, freundlich". Mit Zugrundelegung des Wortes ^> %/ 
siwo, Salz. 

■fy* za (chin. tso) „ein Sitz". Das Wort, in Verbindung mit dem nachfolgenden ^ p 
tatsi, wird hier zierlicher Weise mit der Accus astivpartikel f wo construirt. 
Yj. t 4 i-i-tsukeru „einen mündlichen Aufrag geben". 



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Isogasi-tatsure-ba tsuge-je-mon fai mosi-tsuke-maseo-to siri-kosobajuki wori-ni sai-wai fata- 
raki-buri-ni tatsi-sawagi utsi-tsure-datsi-te ide-juki-keri. 

Als er in Eile aufbrach , erwiederte Tsuge-je-mon : Ja , ich werde den Auftrag geben. 

In seiner Ungeduld zum Glück geschäftig und aufgeregt, erhob er sich als Begleiter und 
ging hinaus. 

/u- )y 2? *} ^ mdsi-tsukeru „einen Auftrag geben". 

1/ • =l )S 7 zi kosobajusi (chin. yang) „jucken" , ein verbales Adjectivum. Es steht 
hier wörtlich: „zur Zeit des Juckens der Rückseite", wodurch die Ungeduld bezeichnet wird. 
') 7" f 7 P- }S fataraki-buri „das Aussehen der Arbeit, die Geschäftigkeit". 
9* y f sawagu, (chin. sao) „aufgeregt sein". 

24* 



188 



Dk. A. Pfizmaier 



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Madzu kore-de an-do-sita dore ijppai ki-wo tsukete sono ikiwoi-de kajerb-ka-to mo-feje-ioa 
sakadzuki ßki-ukete te-ziaku-de gutto ni-san-bai nomu-to sono mama battari-to kokete ta-wai-wa 
nakari-keri. 

— Vorerst bin ich hiermit zufriedengestellt. Werde ich, indem ich mir etwas Mühe gebe, 
mit diesem Ansehen zurückkehren? 

Als Mo-feje mit diesen Worten den Weinbecher in Empfang nahm, und während er, nach 
einander einschenkend, zwei bis drei Becher trank, stürzte er plötzlich zu Boden und war 
ohne Besinnung. 

/f j< <{ ipjpai „ein Becher voll". Dient auch zur Bezeichnung der Menge bei ab- 
stracten Gegenständen. 

/u- >r 22 f ^ ki-wo tsukeru „die Luft, d. i. den Geist anschliessend Mühe verwenden. 

7 u- )y yj ± t fiki-ukeru „etwas in Empfang nehmen, indem man es an sich zieht". 

9 J~ te-ziaku (chin. scheu-tschö) „mit der Hand einschenken". 

|- ^> ty" gutto, so viel als |- ij gururi-to, im Kreise herum, nach einander. 

/f }<t jz- - ni-san-bai „zwei bis drei Becher" steht für >f ^ ^- - ni-san-fai. 

\ ') P >K battari-to (chin. wei-pö), „im Umdrehen", ein Wort, durch welches die 
Plötzlichkeit des Fallens bezeichnet wird. 

/f V ta-wai, scheint eine veränderte Form von ^ )s ^ tai-fai (chin. ti-pei) 
„die Theilnehmung des Leibes" zu sein. 



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Füo-ma-no utsi-jori kosi-an-ga si-sumasi-gawo-ni tatsi-idete ai-dzu-no siwabuki kiki-iottc 
koso-koso atsumaru zia-go-suke daru-fatsi bai-zb-mo ko-goje-ni nari siü-bi joku ki-jatsu-me-wa. 

Sofort trat Kosi-an aus einem Zimmer mit triumphirender Miene und, als sie das verab- 
redete Husten hörten, versammelten sich ohne weiteres Zia-go-suke , Daru-fatsi und Bai-zb. 
Der letztere sprach mit leiser Stimme: Die Sache ist gut ausgefallen, der Schändliche — 

^> j? V ' ~3 Z. iS si-sumasi-gawo „das Angesicht der Vollendung einer That, eine 
triumphirende Miene". 

/f J ai-dzu (chin. siang-thu) „ein gemeinschaftlicher Plan, eine Verabredung". 

/t- j- n ^ kiki-toru, „hören, etwas durch das Gehör aufnehmen". 



I^EE ALMANACH DER KLEINBAMBUSFAItlilGEN SCHALEN. 



189 



=l siü-bi, (chin. scheu-wti) „das Haupt und der Schweif, der Anfang- und das 
Ende, eine Sache". 

^? ^ f ki-jatsu, eine veränderte Form von '^f 3 ko-itsu, ursprünglich „dieser 
Sclave" , ein die Verachtung ausdrückendes Pronomen der dritten Person. 

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Wo-wo kono koü-an-ga fi-fb-no kusuri saka-dzuki-je nutte nomase-tare-ba fan-toki amari- 
wa si-nin-mo db-zen. 

— O, da ich Kosi-an, mit einem geheimen Arzneimittel den Becher bestrichen hatte, und 
ihn trinken Hess, so ist er über eine halbe Stunde ein Todter und zugleich — 

y ,s t ß-fo, steht hier für ^ f fi-fb (chin. jpi-fang) „ein geheimes Arzneimittel". 
)J X y 7 / 7 ;N t fi-fb-no kusuri „eine Arznei, die ein geheimes Mittel ist". In der 
Schreibweise ~) ^ f ^-/ö (chin. fei-fä) hat das Wort eigentlich die Bedeutung: „eine un- 
richtige Weise". 

f h ;N fan-toki (chin. puan-schi) „eine halbe (japanische) Stunde". 

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7;a de-kita de-kita to-kaku zia-ma-na-wa kono mo-feje nan-bo fu-dan-wa te-gowai jatsu-de- 
mo kb-site simaje-ba kottsi-no mono kono zia-go-suke-ga-to. 

— 0, es ist gelungen ! Es ist gelungen! Wenn um jeden Preis der Teuflische, dieser Mo- 
feje so ununterbrochen, und wenn ein handfester Mensch auch dies zu Stande gebracht, 
ist einer von den Unsrigen, dieser Zia-go-suke — 

^~ "3 ^ Sx' zia-ma-na „teuflisch", von ^ zia-ma (chin. sie-mo) „ein Dämon 
des Unrechts". 

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190 



Dk. A. Pfizmaier 



Tatst- joru-wo daru-fatsi-ga wosi-todome metta-na tokoro-de si-goto-wo suru-to ato-no tsu- 
nami-ga kottsi-no fatake ija sono fatake-de womoi-dasi-ta fito sirenu fatake naka-je sobiki-idasu 
sono si-an-wa ja-suke-ni i-sai-wo nomi-komase koko-no tsia-ja-je-wa ko-man-ga jed-te kajerujb- 
ni mise-kakete ano jo-tsu-de-je sarai-komi. 

Als er sich mit diesen Worten erhob , hielt ihn Daru-fatsi zurück. 

— An dem verderblichen Orte sind die nachfolgenden grossen Wellen, um die Arbeit zu 
verrichten. Unser Garten — o dieser Garten ist mir eingefallen — in den Garten, der den Leute 
unbekannt ist, schleppen wir ihn hinaus. Bei diesem Plane mache man Ja-suke die Einzeln- 
heiten begreiflich und indem wir thun als ob Ko-man aus diesem Theehause im trunkenen 
Zustande zurückkehrte , werfen wir jenen in diese Vierhändige. 

p. C\ y metta (chin. mie-tai) „das Verderben". 

X £T t ^ 3f womoi-dasu „auf etwas denken, in das Gedächtniss kommen". 

7 %/ si-an (chin. sse-ngan) „das Nachdenken, die Überlegung", 
/f /f i-sai (chin. wei-si) „genau, umständlich". 

/«- X ~3 ^ L ) nomi-komasuru, ursprünglich: „hinabschlucken machen", auch so viel 
als begreiflich machen. 

J* ^ b jo-tsu-de „vierhändig", d. i. eine vierhändige Sänfte. 

i> Z2 t 7 sarai-komu „wie mit einem Rechen hineinwerfen". 



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£7-w josi-josi-to bai-zb kosi-an ko-man-ga sai-zen nugi-woki-si uwa-gi-wo mo-feje-ni utsi- 
kabuse jo-tsu-de-no kago-je wosi-komi fesi-komi ja-suke ja- suke-to. 

— , es ist gut ! es ist gut ! 

Bai-zb und Kosi-an hüllten Mo-feje in das Uberkleid, welches Ko-man zuvor abgelegt 
hatte, und schoben ihn und zwängten ihn in die vierhändige Sänfte. 

— Ja-suke! Ja-suke! 

9 % ^ 7" nugi-woku „ausziehen und niederlegen". 

/u- ^ 7" -^ 2j yj utsi-kabuseru „umhüllen", mit Nachdruck. 

> 3 jyj" wosi-komu „hineindrängen". 

2> o ■£/ -\ fesi-komu „hineinzwängen, indem man den Gegenstand niederdrückt". 



Jobi-idasi, na, kb-kb-to. 

Mit diesen Worten rief er ihn heraus. 

— Wohlan! So , so. 

( *J -fi kb-kb, die Wiederholung von ^ -fl ka-jb „auf diese Weise". 



Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. 



191 



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Mimi-ni kutsi ja-suke-wa fowo-fowo utsi-unadzuki wotto josi-josi nomi-konda-ga kago-no 
mono-ni sirasete-wa ato-no kutsi-ga jakamasi-i jotte takatte kadzugi-dasi ta-goje-gawa-no fuka- 
mi-je donburi jei-taworete unu-ga de-ni nomeri-konda-ni site simaje-ba ato fara-jamenu zib-fun- 
bet sa-a teki-paki-to jarakasb-to. 

Mit diesen Worten hielt er ihm den Mund vor das Ohr. Ja-suke lächelte und machte die 
Miene der Zustimmung 1 . 

— Ja, es ist gut! Es ist gut! Ich habe es begriffen. Wenn man es den Leuten der 
Sänfte bekannt macht, so wird man später überlaut davon reden. Wenn wir alles in allem 
ihn auf den Schultern hinaustragen und es so bewerkstelligen, als ob er in der Trunkenheit 
in die Tiefe des Ta-goje-gawa gestürzt und von dem Wirbel verschlungen worden wäre, so 
wird dies sehr ersichtlicher Weise keine Nachwehen verursachen. Wohlan! ich werde ihn im 
Ernste befördern. 

x % N A> fowo-fowo , so viel als 2> 3. * ^f> fowo-jemu „lächeln". 

*jf "J" ^ ^ *J utsi-unadzuku „mit dem Kopfe nicken, einwilligen", ein verstärkter 
Ausdruck. 

2> 3 L / nomi-komu, ursprünglich : „verschlucken", dann auch so viel als „begreifen". 

^i/'S'ft^^^jtyl \ y ato-no kutsi-ga jakamasi-i, wörtlich: „der nachfol- 
gende Mund ist lärmend" d. i. man wird später überlaut davon reden. 

J" 22 ^ p. ~J~ 3 jotte takatte „gestützt und in Menge versammelt, alles in allem". 
7I " P- tokaru (chin. tsi) „in Menge wie die Vögel auf den Bäumen versammelt sein". 

X 2? "t 3 katsugi-dasu „auf den Schultern hinaustragen". fy" 2P katsugu steht 

hierfür sj kadzuku (chin. tan) „auf den Schultern tragen", welches letztere eigentlich 
die Abkürzung von £ -^3 kata-dzuku. 

)\ jf ic 3* ta-goje-gawa, bedeutet nach seinen Lauten: „der Fluss des Düngens der 
Felder". 

L -fl p fuka-mi (chin. schin-schui) „ein tiefes Wasser, die Tiefe eines Flusses". Ist die 
Abkürzung von *f L 7 fuka-midzu „Tiefwasser". 

)J 7" y donburi (chin. tsing) bezeichnet eigentlich den Laut, der durch den Fall 
eines in einen Brunnen geworfenen Gegenstandes entsteht. 

s /u ~ 7* P- t jei-taworuru „betrunken niederfallen". 

y~ *j unu, so viel als 3" une (chin. yung) „das Wirbeln des Wassers". ~J~ ^ *f 
unu-ga de „das Hervortreten des Wirbels". 



192 Dk. A. Pfizmaier, Der Almanach der kleine ambttsfakb igen Schalen. 

X> o )) y ) nomeri-komu „verschlungen werden, hinabgeschlungen werden". Aus 
/u- y / nomer u „getrunken werden" und h- -3 komu „eingehen" zusammengesetzt. 

^ y 7 a |' ^ ato fara-jameru „Nachwehen verursachen", wörtlich: nachträglich 
Bauchschmerzen verursachen. 

^- 7 ^ ^ zib-fun-bet (chin. schang-fen-pie) „die höchste Unterscheidung, 
die grösste Deutlichkeit". 

|- £ ^\ ^ T teki-paki-to (chin. #-pe) „ in Wirklichkeit , im Ernste". 

X "fa 7 jarak-asu „schicken, befördern", von der Bedeutung des einfachen /i- ^ 
jarw „schicken". 

t * * 'M ^ A 

Go-nin-de kago-wo tsiü-ni tsuri tobu-lca gotoku-ni fasa-juki-keri. 

Die fünf Menschen hängten die Sänfte in den Lüften an und gingen , als ob sie flögen, 
schnellen Laufes dahin. 

=. *f y tsiü-ni „in der Mitte, im Leeren, in den Lüften", mit Zugrundelegung von 
4 tsiü (chin. tschung) „Mitte". 
^7 =l a fase-juku „in schnellem Laufe enteilen". 



Zweite Äbtheilung, 



Abhandlungen von Nicht-Mitgliedern der Akademie. 

Mit 5 Tafeln und 1 Karte. 



REISE 

IN 

SÜD-SERBIEN UND NORD-BULGARIEN. 

AUSGEFÜHRT IM JAHRE 1864 

VON 

F. KANITZ. 

VORGELEGT IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CIASSE AM 18. JÄNNER 1R66. 



EINLEITUNG. 

Blicken wir nach den, Österreich nahe gelegenen Ländern des türkischen Staates, so 
sehen wir, dass sich auch dieser nicht länger der grossen Bewegung verschliessen kann, 
welche mit der Legung der ersten Schiene in Europa begann. Französische und englische 
Ingenieure beschäftigten sich in letzterer Zeit lebhaft von Constantinopel her mit den Studien 
für eine Eisenbahnlinie, welche die bisherige, unserer aufPräcision und Schnelligkeit beruhen- 
den internationalen Handelsbewegung nicht mehr entsprechende primitive Verkehrsweise auf 
einem der wichtigsten Verbindungswege zwischen dem Occident und Orient beseitigen soll. 
Zunächst bestimmt, dem Handel Englands und Frankreichs neue Märkte zu eröffnen, den 
Capitalien dieser Länder eine lohnende Verwerthung zu sichern und ihrem politischen Ein- 
flüsse neue Gebiete zu unterwerfen, ist dieser projectirte Schienenweg aber auch für Mittel- 
Europa von höchster Bedeutung; denn mit der Vollendung der grossen Schienenstrassen 
Belgrad-Salonik , Belgrad-Constantinopel und der später nothwendig hinzutretenden Seiten- 
linien, dürfte für des Sultans Reich eine neue Aera anbrechen, deren Tragweite für dieses wie 
für das übrige Europa heute wohl geahnt, aber nicht ermessen werden kann. 

So viel lässt sich jedoch schon gegenwärtig mit Sicherheit behaupten, dass erst mit dem 
Momente , in welchem die durch Pest- und Grenzcordone bisher isolirte Türkei durch Eisen- 
strassen abendländischen Einflüssen zugänglicher, die trotz aller Tractate bis heute vergebens 
erstrebte Emancipation der christlichen Unterthanen der Pforte eine "Wahrheit werden wird. 
Zehn Millionen von Natur herrlich begabter Menschen und eines der gesegnetsten Länder 
unseres Erdtheiles werden aber sodann diesem zugleich so gut wie neu gewonnen sein. 

Bedarf es hier erst des Näheren auszuführen, in welch' hervorragender Weise Osterreich 
an diesem bevorstehenden Umschwung der Dinge in einem Nachbarstaate interessirt erscheint, 
mit dem es durch Meere, Flüsse und vor allem durch viele seiner Völkerstämme eng ver- 



Dci, kscliriften der phil.-histor. Cl. XVII. Bd. Abhandl. von Niehtmitgliedern. 



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9 



F. Iva nitz 



bunden ist? Wenn icli hier erwähne, dass im Jahre 1864 die Waarendurchfuhr aus dem Aus- 
lande über die österreichische Zollgrenze nach der Türkei 30*5 Percent unseres gesammten 
Transitoverkehres , im Werthe von 123 Millionen Gulden, und die Ausfuhr österreichischer 
Erzeugnisse nach der Türkei 1 6 - 4 Percent unserer gesammten inländischen Ausfuhrwerthe, in der 
Summe von 351 Millionen Gulden, worunter allein Webe- und Wirk waaren mit 16 - 8 Millionen, 
Hüttenproducte und Metallwaaren mit 10*8 Millionen Gulden, ihren Markt in der Türkei fan- 
den, so wird hieraus genügend erhellen, dass die Türkei, jenes industrielose, an Naturpro ducten 
überreiche Land vor den Thoren Österreichs, schon durch seine geographische Lage bestimmt 
sei, diesem die ihm fehlenden Colonien zu ersetzen. 

Wie sehr würden jedoch die vorangeführten Verkehrswerthe bei genauerer Kenntnis? 
unserer Nachbarländer sich gesteigert haben, um wie viel höher wäre auch die Consumsfähig- 
keit ihrer Bewohner, wenn Osterreich seinen grossen Einfluss auf die Pforte benützt hätte, 
sie zur Hebung des intellectuellen und materiellen Wohles der Rajah durch Schulen und, wie 
dies in letzterer Zeit in Bosnien mit glücklichem Erfolge geschah, zu Strassenbauten , Fluss- 
regulirungen u. s. w. anzueifern. 

Schwere Versäumnisse fallen in dieser Richtung unserem alten Regime und uns selbst 
zur Last. Andererseits muss jedoch rühmend anerkannt werden, dass zuletzt in unseren mass- 
gebenden' Kreisen bezüglich der Türkei in vielfacher Beziehung eine gegen früher veränderte 
Anschauung platzgegriffen hat. So beginnt man gegenwärtig Unternehmungen zu würdigen, 
welche es sich zum Zwecke setzen, ein helleres Licht auf das geographische und ethnographi- 
sche Dunkel an unseren nächsten Grenzen zu werfen, und während Ami Boue unter Metter- 
nich^ türkenfreundlichem System glücklich sein musste, an Stelle der erbetenen Unterstützung, 
überhaupt nicht in seinen folgenreichen Entdeckungsreisen in der Türkei gehindert zu werden, 
wurde es Consul v. Hahn und Prof. Peters durch die Liberalität der kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaften in den letzten Jahren ermöglicht, neue Reisen in Albanien und in der 
Dobrudscha zu unternehmen, deren reiche Resultate in den Schriften der Akademie ihre Ver- 
öffentlichung fanden. Einer weiteren bedeutsamen Sanctionirung der auf die Erforschung des 
illyrischen Dreiecks gerichteten Bestrebungen, lieh aber die hier mit innigstem Danke aner- 
kannte Munificenz Ausdruck, mit welcher Se. Majestät der Kaiser im Jahre 1864 meine 
Forschungsreise in den Balkangegenden huldvollst zu unterstützen geruhte. 

Während die Länder jenseits der Save bisher nur von Russen, Engländern und Franzosen 
zu wissenschaftlichen Zwecken durchzogen wurden, widmet nunmehr auch Osterreich seiner 
lange vergessenen Aufgabe die verdiente Aufmerksamkeit, ein Moment, das in seiner Bedeutung 
an unseren Grenzen bereits vielfach gewürdigt zu werden beginnt. 

Die Publicationen unserer ersten wissenschaftlichen Institute brachten in den letzten 
Jahren eine Reihe, die europäische Türkei betreffende Arbeiten auf linguistischem, archäolo- 
gischem, geographischem und ethnographischem Gebiete, geeignet, manche Lücken derselben 
theilweise oder ganz zu schliessen. Nichts destoweniger gibt es in der Geschichte der an 
unseren Grenzen nach politischer Selbstständigkeit ringenden, mit österreichischen Volks- 
stämmen innig verwandten Nationen noch viele Perioden aufzuhellen. Hart vor unseren Thoren 
liegen ferner reiche, dicht bevölkerte Territorien, die auf unseren neuesten Karten nicht viel 
besser als die zuletzt bekannt gewordenen Gebiete der Nilquellen eingetragen sind. Man kennt 
nun die grosse geographische Ausbeute, welche dem Consul v. Hahn auf seiner letzten Reise 
(1863) in Albanien zu machen gegönnt war. Aber auch das weite Gebiet, umschrieben von 



Keise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



3 



der bulgarischen Morava, dem Timok und der Donau, obwohl von unserer grössten Wasser- 
strasse begrenzt, bietet bezüglich seiner bisherigen kartographischen Darstellung die spre- 
chendsten Belege für die früher ausgesprochene Behauptung. Politisch wie militärisch von gleich 
hoher Bedeutsamkeit, besitzt dieser Theil der Türkei eine vielversprechende Zukunft, da er 
den voraussichtlichen Vereinigungspunkt der Eisenbahnlinien Belgrad-Salonik und Belgrad- 
Constantinopel, die schon unter Rom und Byzanz hochberühmte Capitale Nis in sich schliesst. 
Desshalb wählte ich diese heutige Gouvernementsstadt im Sommer 1864 zum Ausgangspunkte 
einer eingehenden Forschungsreise in die am Fusse des Balkans liegenden Gebiete. Die Römer 
zeigten sich in ihrem bewunderungswürdigen Strassennetze, durch richtige Auffassung der von 
der natürlichen Terrainformation vorgezeichneten Verkehrszüge , als vollendete Meister. Hatten 
auch die Griechen schon einzelne Strassenzüge an der unteren Donau angelegt , so war es 
doch erst Rom vorbehalten, sie in dem grossartigsten Massstabe fortzuführen, sie in ein allen 
Anforderungen des Verkehrs und der Strategie entsprechendes Netz zu vereinigen. Das Studium 
der alten Strassen ist desshalb auch von unberechenbarem Nutzen bei der Anlage neuer Ver- 
kehrslinien in diesen Ländern. So legten auch, den alten Traditionen und örtlichen physika- 
lisch-geographischen Verhältnissen entsprechend, Ami Boue und Hahn das Schlussglied der 
grossen Dampfverbindungsstrasse zwischen der Nordsee und dem Mittelmeere, ihre projectirte 
Eisenbahnlinie von Belgrad nach Salonik , in die natürliche Thalrinne entlang der Morava 
(Margus) und des Wardar (Axius) , welche die Römer schon mit einer grossen Heerstrasse 
durchschnitten hatten. Voraussichtlich wird aber auch die Linie Belgrad-Constantinopel der 
grossen Römerstrasse folgen und dieselben Hauptorte berühren und zu neuer Entfaltung brin- 
gen, welche ihre Bedeutung seit deren Begründung, später unter byzantinisch -bulgarisch- 
serbisch-türkischer Herrschaft bis auf unsere Tage , trotz alles Wechsels, nicht ganz verlieren 
konnten. 

An der Hand der Geschichte die alten Strassen aufsuchend und verfolgend, welche Rom 
zur Sicherung seiner Herrschaft einst gebaut hatte, wurden meine mühevollen Kreuz- und 
Querzüge durch eine reiche geographisch-archäologische Ausbeute vielfach belohnt. Ich 
befand mich auf einem Terrain, auf dem seit 150 Jahren beinahe jede örtliche wissenschaft- 
liche Forschung geruht hatte. Alte Irrthümer waren selbst in die Werke und Karten neuerer 
Reisenden , welche diese Gegenden nur von der grossen Heerstrasse aus beschrieben hatten, 
übergegangen. Beinahe auf jeder eingeschlagenen Route war ich so glücklich, neue, zum 
Theil ganz ungeahnte, folgenwichtige Entdeckungen zu machen. 

Aus der zahlreichen Menge von erlangten Resultaten in archäologischer Rich- 
tung sei hier nur im Allgemeinen gedacht: der ersten Auffindung der bisher vergebens 
gesuchten Reste der Geburtsstadt Constantins des Grossen, des alten Nai s su s, dann der 
Feststellung mehrerer Mansionen (Timacwn majus, T. mi?ius 1 Conbustica, etc.) der grossen 
directen römischen Verbindungsstrasse zwischen der bulgarischen Morava, dem Timokgebiete 
und der Donau , ein Verbindungsweg, welcher unter veränderten politischen Verhältnissen 
seine alte Wichtigkeit in Zukunft höchst wahrscheinlich wieder erlangen dürfte ; ferner der 
Entdeckung zahlreicher Castelle, Thürme, Bäder, Gräber , sowie anderer monumentaler Reste 
und Inschriftsteine zu: Vidin, Aröer, Lom, Kula, Flortin, Belogradöik, Rakovica, 
Knjazevac, Gamzigrad, Banja, Nis, Ak-Palanka, Pirot und an weiteren Orten. 
Unter den Inschriften befinden sich zwei, welche zum erstenmale von Ratiaria, der berühmten 
Hauptstadt Mösiens monumentales Zeugniss geben. Die Aufnahme von Grundrissen, Ansichten 

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4 



F. Kanitz 



und Copien aller dieser Funde sind bestimmt, an die seit Graf Marsigli, d'Anville, Engel 
und Mann er t ruhenden historisch-archäologischen Arbeiten in diesem Theile der Balkanländer 
wieder anzuknüpfen, viel Irriges zu berichtigen, und manche interessante, aus mangelnden 
örtlichen Untersuchungen ruhende Frage ihrer Entscheidung näher zu bringen. Andererseits 
wird die bisher wenig gepflegte Kunstgeschichte des Mittelalters der durchreisten Gebiete, 
durch die Aufnahme mehrerer bisher ungekannter bulgarisch-serbischer Schlösser zu Vidin, 
Pirot, Kurvingrad, Banja, Svrljig und byzantinischer Kirchenbauten zu Vratar- 
nica, Suvodol, Kamenica, S veti-Arandj el eine erwünschte Bereicherung erhalten. 

Aus den geographischen, mit Hilfe des Compasses und von Peilungen combinirten 
Resultaten dieser Forschungsreise sei hier kurz erwähnt: Die Hinwegräumung des riesigen, 
nicht existirenden Gebirgsstockes Crni Vrh der Kiep ert'schen Karte, die Eintragung des von 
mir zum erstenmale näher bestimmten Chodza-Balkans (Stara-Planina) und seiner Ausläufer, 
das ist des, Serbien von Bulgarien trennenden Gebirgszuges, welcher die bisher beinahe ganz 
ungekannten Quellengebiete der Flüsse: Timok, Lom, Arcer, Vitbol und Skomlja enthält, dann 
die richtigere Einzeichnung der noch benützten alten Wege und der wichtigen jüngst vollen- 
deten neuen Heerstrassen über den Sveti Nikolja-Balkanpass zur Verbindung des Nisaer Eja- 
lets mit der Donau und mit dem Becken von Sofia; ferner die Ausmerzung des nicht existiren- 
den, in die Donau sich ergiessen sollenden Flusses Smorden unserer Karten und der nicht 
vorhandenen Städte: Isnebol, Pirsnik und Drinovac im Lomgebiete. Diese Veränderungen 
und die Eintragung zahlreicher bisher ungekannter Berge, Wasserläufe und Orte, so wie die 
Befreiung des beinahe 30 Quadratmeilen umfassenden, reich cultivirten Gebietes um Vidin von 
5000 Fuss hohen Gebirgen, welche in einer jüngsten kartographischen Darstellung von 
Herrn Oberst v. Scheda dessen Stelle einnehmen, werden diesem Theile der Karte der euro- 
päischen Türkei voraussichtlich eine ganz neue Gestalt verleihen. Meine Studien über die seit 
zwei Jahrhunderten erschienenen vorzüglichsten italienisch - französisch - deutschen Karten - 
quellen werden überdies eingehend die Frage zu beantworten suchen, wie jene räthselhaften 
Gebirge, Flüsse und Städte in unsere heutigen Karten gelangt sind, und die Profile der vor- 
züglichsten Bergketten der von mir durchzogenen Gebiete, sollen, neben deren Hauptbestim- 
mung, ein anschauliches Bild der örtlichen Terraingestaltung zu geben, zugleich die Vor- 
studien zur Tracirung des auch von österreichischer Seite ins Auge gefassten Schienenweges 
von Belgrad nach Constantinopel, an dem höchst wichtigen Punkte seiner Vereinigung mit 
jenem nach Salonik, erleichtern. 

Auf den Wunsch meines verehrten Freundes Herrn Prof. Kiepert in Berlin übergab ich 
demselben die gewonnenen kartographischen Materialien in allgemeinen Umrissen zur Correc- 
tion seiner zu neuer Ausgabe vorbereiteten Karte der europäischen Türkei. Meine Detailkarte 
Süd-Serbiens und Nord-Bulgariens , die aufgenommenen Bergprofile , sowie die erwähnten 
archäologisch-geographischen Studien über das Lom-, Skomlja-, Aröer-, Vitbol- und bulgarische 
Timokgebiet, gedenke ich aber, nach deren Vervollständigung durch neue Reisen, zu publiciren. 

Schon die hier veröffentlichten archäologischen und kartographischen Resultate werden 
aber, obwohl mit schwachen Hilfsmitteln ausgeführt, in jedem Falle überzeugend dafür spre- 
chen, wie viel noch auf geschichtlichem und geographischem Gebiete an unseren nächsten 
Grenzen zu thun sei, so werthvolle Beiträge die Archäologie und Kartographie der Türkei seit 
der primitiven, historisch aber höchst interessanten Arbeit Coronelli's, des „Cosmografo della 
Serenissima Republica di Venetia" (1688), bis auf die Neuzeit zu verzeichnen hatte. 



Heise in Süd-Sekbien und Nokd-bulgarien. 



5 



Bezüglich der angewendeten Orthographie habe ich die im Lande bei dem Grund- 
stocke der Bevölkerung übliche Aussprache der Orts-, Berg- und Flussnamen nach Möglich- 
keit wiederzugeben gesucht. Nichts hat so sehr den Wahn in Europa verstärkt, dass die Türkei 
grossentheils von Türken bewohnt sei, als die bisherige türkische Nomenclatur unserer Karten 
— ein Fehler, den selbst der hochverdiente Barth auf seiner Reise im Jahre 1862 durch 
einen Theil Bulgariens, verführt durch seine türkische Begleitung, auch bei solchen Orten 
beging, welche niemals eine türkische Bevölkerung besassen. 



I. Ton Alexinac nach Nis, Kurvingrad und Gradiste. 

Das grosse Pfahlthor des serbischen Grenzzauns , 2 Stunden im Süden von Alexinac, 
hatte sich ohne besondere Förmlichkeiten geöffnet, das türkische, nur wenige Schritte davon 
entfernte knarrte bald darauf in seinen verrosteten Angeln und ich befand mich auf bulgari- 
schem Boden. Uber die sanften Ausläufer der Höhen, von welchen mehrere Bäche, deren 
bedeutendster die Topolnica, herabkommen, waren wir von Alexinac bis an die bulgarisch- 
türkische Grenze gelangt. Auf dem linken Ufer der bulgarischen Morava begleitete uns der 
steilaufsteigende Jastrebac , dessen Rücken hier die serbisch -bulgarische Grenze bildet. 
Dichter Buchen- und Eichenwald bedeckt seine höheren Glimmerschiefer-Partien , verwildertes, 
durch Ziegenheerden niedergeführtes Eichengestrüpp, das angeschwemmte Vorland von fettem 
Thon an seinem Fusse. Da wo Kiepert 1 ) aber den Jastrebac noch als ein weit reichendes 
Massengebirge verzeichnet, sieht man eine wagerechte Ebene von mehrstündiger Ausdehnung. 
Sie scheint einst den Boden eines See's gebildet zu haben, der nach allen Anzeichen die dar- 
danische Ebene vor dem Durchbruche des Defil6's bei Stalac bedekte« Die weite Fläche findet 
ihre etwas höher gelegene terrassenförmige Fortsetzung auf dem rechten Ufer der Morava. Sie 
hat nahezu die Form eines Dreieckes, als dessen südöstlich gelegene Spitze der Engpass bei 
Mahmud- Pascha- Han an der Strasse nach Sofia, und als dessen Basis die weite Linie von 
den Ausläufern des Jastrebac bis zu den Höhen der Topolnica sich darstellen. Die Vorhöhen 
der von Banja bis nach Kurvingrad an der bulgarischen Morava streichenden, im Süden auf- 
tretenden, schön profilirten Bergkette, mit ihren nackten, hellgrauen Kuppen, genannt Suva 
Planina (5800'); dann die serbischen Höhen des Knjazevacer Kreises, als Ausläufer des 
Chodza- Balkans (Stara - Planina) , deren einige sich zu bedeutender Höhe, wie der Ples bis 
annäherungsweise 2500' am rechten Nisavaufer erheben, bilden die beiden anderen Seiten 
des Dreieckes. 

Vergleicht man die Benennungen der orographischen Contouren , mit welchen ich das 
Dreieck von Nis umzogen habe, mit der bezüglichen Schilderung Ami Boue's 2 ) und der 
grossentheils auf dieser basirenden kartographischen Darstellung Kiepert's, so wird es auf- 
fallen, dass ich der „Stara -Planina" nicht wie Boue und Kiepert als eines Theiles der 
„Suva- Planina" gedacht habe, sondern diesen Namen einzig als bulgarische Bezeichnung, 
jener von den Türken „Chodza-Balkan" genannten Bergkette beilegte, deren hohe Kämme die 

Kiepert, General-Karte der europäischen Türkei (4 Blätter) Berlin, Reimer 1853. 
2 ) Ami Boue, La Turquie d'Europe. Paris 1840. Bd. I, S. 147. 



6 



F. Kanitz 



natürliche Wasserscheide für die der Donau und Morava zuströmenden Flüsse bilden. Den 
späteren Ausführungen bleibt es vorbehalten, die grossen Irrthümer nachzuweisen, welche 
durch diese Verwechslung , so wie durch die ganz unrichtige Gliederung der eigentlichen 
„Stara- Planina" in Kiepert's Karte entstanden sind. 

Die Strasse von Alexinac nach Nis hält südöstliche Richtung ein. — Wie beinahe die 
ganze Route von Belgrad nach Constantinopel, wurde sie schon von den Römern benützt. 
Noch existiren an dieser alten römischen Heerstrasse viele Städte, die, abgesehen von ihren 
oft ansehnlichen Überresten aus der Zeit ihrer Begründung, noch heute selbst ihre ursprüng- 
lichen Namen und zum Theil auch ihre alte Bedeutung- bewahrt haben. 

Die Lage einiger römischer Niederlassungen in Serbien, von welchen im Verlaufe hier 
eingehender die Sprache sein soll, ist bisher nicht genügend begründet worden. Ihre Feststel- 
lung beruhte mehr auf Vermuthungen als auf archäologischen Untersuchungen. Es gilt dies eben 
sowohl von vielen Annahmen Mann er t's, d'Anville's, Boue's und Forbig er 's, als von 
deren Nachfolgern. Ich hoffe dies an mehreren Orten nachzuweisen. Es wird jedoch noch 
fortgesetzter archäologischer Forschungen im Balkangebiete bedürfen, bevor es möglich 
werden dürfte, die Trace der meisten römischen Strassenzüge aus dem Innern nach dem 
grossen Donaulimes und deren zahlreiche Mansionen mit vollkommener Sicherheit festzustellen. 

Nachdem wir die Furth der durch Regengüsse stark angeschwellten Topolnica passirt 
hatten, näherte sich unsere Route dem Rinnsale der Nisava. Beide Flüsse fallen, die Topolnica 
südwestlich, die Nisava nordwestlich, bei dem befestigten serbischen Grenzorte Supovac in 
die bulgarische Morava, deren Fall bis zu ihrer Vereinigung mit dem serbischen Arme 
bei Stalac 97' beträgt. 

Die Nisava entspringt den mässigen Höhen, welche die Ebenen von Pirot und Sofia 
scheiden, nahe bei dem Orte Dragoman, nimmt ihre Richtung zuerst westwärts, vereinigt 
sich bei Kabotina mit dem Dragoilbache, später mit dem Sukavaflüsschen, wendet sich dann 
nach NW. , fliesst durch ein ziemlich offenes Thal bis Pirot, von dort nach Aufnahme der 
Bokludza-R. mehr eingeengt bis Bela-Palanka (türk. Ak-Palanka), tritt dort in ein weites 
Thal, welches sich bei Tamjanica abermals verengt, um hinter Gradiste, aus dem steilen Defile 
heraustretend, die Niser Ebene zu durchschneiden. Anfangs ganz unansehnlich, gewinnt die 
Nisava durch die genannten und andere während ihres Laufes einmündende Seitenbäche und 
Flüsschen, namentlich durch die hinter Caribrod eintretende Sukava, durch die Pirot durch- 
fliessende Bokludza-rjeka und das Mokraflüsschen Bela-Palanka's, bei letzterem Orte bereits 
eine Breite von 8 — 10°, welche sich durch Aufnahme weiterer Zuflüsse während ihres zwei- 
stündigen Laufes von Nis bis zu ihrem Mündungspunkte Lalince, zur grössten Breite von etwa 
60 erweitert. Das Flussbett der Nisava ist sandig, nicht sehr tief und selbst bei hohem 
Wasserstande oberhalb Nis's durch eine Furth passirbar. Es liegt 435' über der Meereshöhe. 

Schon in dem altbulgarischen Nieder-Mähren gab die Nisava der ganzen Umgebung Nis's 
ihren Namen; Kinn am os kennt die Landschaft (1153) unter der Bezeichnung Nikava 1 ). 

Der fruchtbare Boden , welchen beide Flüsse mit vielen kleineren Wasseradern durch- 
ziehen, ist auffallend schlecht bebaut, ja auf dem linken Moravaufer auf weiten Strecken mitPaliu- 
rus-Stachelhecken bedeckt. Die ackerbauende Rajah flieht die unmittelbare Umgebung grosser 
Städte. Sie fürchtet bei einiger Wohlhabenheit den Druck und die Habgier der türkischen 



') Safari k, Slavischc Alterthüroer. II. Bd. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



7 



Gewalten herauszufordern und glaubt ihren Besitz in zu grosser Nähe derselben am wenigsten 
gesichert. Ich sah blos ein einziges Dorf und einen grossen Han unmittelbar an der Heer- 
strasse nach Nis. 

Der schwarze Humusboden, stark aufgeweicht von einem Gewitterregen, legte sich in die 
Radspeichen unseres Wagens und erschwerte unsere Passage durch die fortgesetzten Nie- 
derungen und Sümpfe, welche Nis und sein Weichbild mit gefährlichen Fiebermiasmen erfüllen. 
Leicht wäre ein grosser Theil dieser stehenden Fiebertümpel durch Cultivirung des Bodens 
zu beseitigen. 

Wir näherten uns der Festung. Dicht unter ihren Aussenwerken passirten wir glücklich 
den Schmutz ihrer nördlichen Vorstadt. Bald darauf rollte unser Wagen über die Nisava- 
brücke und unsere Rippen fanden Gelegenheit, sich auf dem elenden Pflaster der langen, bretter- 
gedeckten, finsteren Bazarstrasse zu erproben. Einige schieflinige Gassen folgten und verlän- 
gerten unsere Qualen, bis wir den christlichen Stadttheil erreichten, wo das Pflaster etwas 
erträglicher sich gestaltete. 

Nis liegt im südöstlichen Winkel der schon früher geschilderten grossen Dreiecksebene. 
Von den nahen Höhen gesehen, gewähren seine Veste, die neue fünfkuppelige Cathedralkirche,, 
die 1000 türkischen und 1500 christlichen Häuser, in welchen die etwa 13.000 Seelen starke 
Bevölkerung wohnt, seine zahlreichen Moscheen mit ihren hohen weissen Minareten, durch- 
flössen von der breiten Nisava und umrahmt von köstlichem Grün, einen viel versprechenden 
Anblick. Im Innern aber trägt auch Nis den Stempel aller türkischen Städte mit ihren wenigen 
Vorzügen und zahllosen Schattenseiten. 

Zu den ersteren rechne ich ganz besonders die den westeuropäischen Städten oft man- 
gelnden, zahlreichen, gutgehaltenen Gärten, die eine prächtige grüne Scheidewand von Haus 
zu Haus bilden; ferner den grossen Wassercomfort der zahlreichen Brunnen , und die vielen 
auch dem Ärmsten leicht zugänglichen Bäder. Zu den, dem Fremden schon in der ersten 
Stunde seines Aufenthaltes sich fühlbar machenden Ubelständen zählen: der Mangel an Gast- 
höfen, Miethwagen und Strassenbeleuchtung, das entsetzlich schlechte Pflaster, der furchtbare, 
oft Eckel erregende Schmutz der Strassen und die monotonen, das Auge beleidigenden schief- 
winkeligen Mauern und verkommenen Häuserfronten in den türkischen Stadttheilen. 

Vergebens versuchte Mithad-Pascha, der letzte höchst intelligente und eben so energi- 
sche Gouverneur von Nis, den gerügten Mängeln hier und da mit besserem Willen als Erfolg 
abzuhelfen. Einzelne Baulichkeiten, wie die grosse neue Kaserne, das Isle-hane (Handwerker- 
schule), das Gefängniss, die neue Hauptwache, die Thorwachen an den Stadtlinien, so wie der 
wirklich hübsche neue Stadttheil für die Belgrader Emigration vom Jahre 1862, konnten, so 
sehr sie auch für die hohe Intelligenz Mithad's sprechen, im Ganzen doch nur wenig die geschil- 
derte Physiognomie der bulgarischen Hauptstadt verändern. 

Die Festung dürfte — abgesehen von der zierlichen Nisavabrücke — die einzige, in geo- 
metrisch bestimmbaren Linien sich bewegende Figur Nis's sein, und auch sie verdankt zum Theil 
ihre heutige regelmässigere Aussengestalt der österreichischen Occupation im Jahre 1737 1 ). 
Nur wenig höher gelegen als die auf dem linken Nisavaufer sich ausdehnende Stadt, ist die Festung 
mit einer stark bastionirten Mauer (6 Bastionen, verbunden mit ungleichen Courtinen), mit 



3 ) Schmettau, Graf, Memoires secrets. — Versuch einer Lebensbeschreibung des FM. Grafen v. Seckendorff meist 
aus ungedruckten Nachrichten bearbeitet. 1742. 



8 



F. Kanitz 



Gräben ohne Ravelins und einem bedeckten minirten Weg umgeben. Die Mauern der Escarpe 
und Contreescarpe sind von Quadersteinen aufgeführt und befinden sich in gutem Zustande. 
Erstere haben eine Höhe von etwa 30', letztere von 20'. Die Brustwehr ist mit Flechtwerk 
bekleidet. Der Wall ist an manchen Stellen so schmal, dass hinter den Kanonen nur sehr 
geringer Raum bleibt. Die Festung hat fünf Thore, welche nach den Strassen, auf welche sie 
führen, benannt sind. Der Haupteingang, das „Stambul-Thor", befindet sich an der Nisava- 
seite, durch die nette, nur wenige Schritte entfernte Brücke mit der grossen Bazarstrasse am 
linken Ufer correspondirend. Sein grosses Portal, im maurischen Style, führt unmittelbar auf 
den Hauptplatz der Citadelle. Auch das „Belgraderthor" ist in sehr hübschem, monumentalen 
Style gehalten, phantastische Thierbilder en relief geben demselben einen eigenthümlichen 
Reiz. Die schönen Verhältnisse dieser beiden Eingänge sind auch dem Vidiner- und Sofia- 
Thor eigen, welche jedoch weniger reich decorirt sind. Die Nisava und ein kleiner befestigter 
Brückenkopf vor dem Stambul-Thor auf der Wasserseite, hohe Wälle, starke Palissadenzäune, 
tiefe, leicht unter Wasser zusetzende Gräben und zahlreiche, selten ganz austrocknende Sümpfe 
auf der Landseite, bilden die unmittelbarste Hauptwehr der Festung. Ihre Vertheidigungsfähig- 
keit wird durch das von dem österreichischen Commandanten Doxat im Jahre 1737 ausgeführte 
Werk um die Belgrader Vorstadt 1 ), mehrere kleine auf dieser Seite weit vorgeschobene Reduits 
für je drei Geschütze, ein kaum in seinen Linien erhaltenes, zum Schutze der Nisavabrücke 
bestimmtes Hornwerk (tete de pont), und die alttürkischen, die linkseitige Stadt umgebenden, 
sehr vernachlässigten Erdwerke von schwachen Profilen wenig gesteigert. Der Wall zählt etwa 
120 Geschütze, einzelne Bastionen deren zwölf. Die Kanonen schwersten Kalibers sind gröss- 
tentheils österreichischen Ursprungs — wahrscheinlich im Jahre 1737 zurückgelassen — und 
mit sehr reichen Emblemen geziert. 

Im Rayon der Citadelle befindet sich eine kleine türkische Niederlassung, Häuser von 
Beamten, Officieren und Handwerkern, mehrere Kasernen, eine Telegraphen Station, eine 
Schule, Moscheen, ein kleines Spital, ein Uhrthurm mit sehr hübschen phantastischen Thier- 
gestalten en relief und einem Observatorium, ferner Proviantbäckereien, das Arsenal, das 
Serail des Paschas mit den verschiedenen Kanzleien der Provincial- und Stadtverwaltung, 
endlich die Gefängnisse. Alle diese Baulichkeiten sind zum Theile Holzbauten und auch jene 
streng militärischen Charakters nur selten bombenfest gebaut. Bei einer ernsten Beschiessung 
des Platzes müssten die Bewohner wohl bald in den niederen Kasematten Schutz suchen. 

In Begleitung des Hekimbaschi Romuli, eines sehr gefälligen italienischen Militärarztes, 
besichtigte ich zum erstenmale im Jahre 1860 die fortificatorischen und sonstigen Sehenswürdig- 
keiten der Festung. Aufmerksam betrachtete ich das Mauerwerk der Wälle, die Steinverklei- 
dungen an Häusern und Moscheen; doch nirgends vermochte ich, ausser römischen Ziegeln 
und einzelnen antiken Fragmenten, Reste des alten römischen Naissus zu entdecken. Ver- 
gebens spähte ich nach Rudimenten der berühmten Stätte, die Byzanz seinen ersten Kaiser, 
den grossen Mann gegeben hatte, der das römische Reich durch einen klaffenden, bis heute 
offenen Riss spaltend, das oströmische Kaiserthum begründete. 

Zu jener Zeit und schon einige Jahrhunderte zuvor war Naissus bekanntlich der Knoten- 
punkt, in dem das dardanisch-macedonische Strassennetz zusammenlief. Hier vereinten sich 
die Strassen, die vom adriatischen Meere, von Dyrrachium und Scodra, aus dem Süden von 



J ) Relation, im k. Kriegsarchiv zu AVien. 



Reise in Süd-Serbien und Nokd-Bulgarien. 







Thessalonice und Constantinopolis über Stobi und Sertica, durch die dardanische Hochebene 
an den Ister führten. Bei Naissus schlug Claudius IL die Gothen (268) in einem glänzen- 
den Siege und rettete hier das bedrängte Rom vor dem sicheren Untergange. Viele andere 
Grossthaten und Erinnerungen knüpfen sich an den, später in den byzantinischen Annalen 
Nisus genannten Namen dieser Stadt. 

Trotz dieser stolzen Vergangenheit waren in dem heutigen Nis nirgends Substructionen 
oder monumentale Steine bekannt geworden, welche auf die Befestigungen jenes alten Naissus, 
auf die Plätze, Tempel, Paläste und Villen hätten deuten können, mit denen Constantin 
und Justin ian sie einst umgeben und geziert hatten. Der römische Votivstein, welchen 
S ch weigger 1 ) auf seiner Reise nach Constantinopel (1577) hier gefunden hatte, ein anderer 
Grabstein (Taf. I, Fig. 1) und das antike Säulencapitäl im Bauhofe der neuen Cathedrale, von 
Hahn in seiner Reise von Belgrad nach Salonik bereits erwähnt 2 ), die antiken Steingesimse 
vor dem Portale der Hunkiar-Dschamie und an anderen Stellen der Festung, waren doch viel 
zu unbedeutende Fragmente, als dass sie dem nach der einstigen Stelle des alten Naissus 
suchenden Forscher genügen konnten. Und selbst ein Theil dieser geringen monumentalen 
Reste soll, wie man mir mittheilte, nicht im Weichbilde Nis's, sondern in dem Dorfe 
Gradiste jenseits der Morava gefunden worden sein. Wo wäre also die einstige Stätte von 
Naissus zu suchen? Steht die Citadelle selbst auf der Stelle der römischen Befestigungen? 
oder sind die antiken Reste in den Substructionen der Bastionen, Moscheen u. s. w. 
verschwunden ? 

Ich war bei meinem erstmaligen Besuche Bulgariens (1860) in einem Augenblicke fieber- 
hafter Aufregung der türkischen und bulgarischen Bevölkerung nach der Hauptstadt des türki- 
schen Ejalets Nis gekommen. Massendeputationen der ländlichen Bevölkerung in ihren maleri- 
schen, originellen Trachten erfüllten die Strassen und Hane der Stadt, um sich bei dem 
Grossvezier über erlittene Bedrückungen zu beklagen. Türkische Beamte: Mudire, griechi- 
sche Bischöfe, Defterdare (Steuereinnehmer), Tschor- und Chodschabaschen (Gemeindevor- 
stände) und viele Glieder der Medschlisse waren dahin berufen worden , um sich wegen allzu 
grosser Bedrückung der Rajah zu verantworten. Die grösste Vorsicht für einen jeden nicht 
mit genügenden Empfehlungen ausgestatteten Fremden, war bei dem Abgange eines europäi- 
schen Consuls zu Nis in jenem Momente dringend geboten. Ich konnte nichts für die Lösung 
der berührten, für die Alterthums- und Geschichtsforschung hochinteressanten Fragen unter- 
nehmen. So wenig wie meine Vorgänger wagte ich es damals, das sehr leicht zu erre- 
gende Misstrauen der Türken durch Forschungen in einer Richtung heraufzubeschwören, die 
jedenfalls mit der gründlichen Untersuchung der Festungswerke selbst hätten beginnen müssen. 
Dies wäre aber bereits mehr als genügend gewesen, um — ich erinnerte mich an meine 
Abenteuer zu Zvornik an der bosnischen Grenze — für einen verkappten russischen oder 
serbischen Ingenieur gehalten zu werden und sich den grössten Unannehmlichkeiten, wenn 
nicht Gefahren auszusetzen. Denn wer anderer als ein „inschenir" könnte sich für Festungs- 
werke und derlei Bauten interessiren? raisonnirt der für Alterthumsforschung wenig empfäng- 
liche Türke. 



) Salomon Schweigger, Reise aus Deutschland nach Constantinopel und Jerusalem. Nürnberg 1613. 
: ) v. Hahn und Zach, Reise von Belgrad nach Salonik. Denkschriften der phil.-hist. Classe der kais. Akademie der 
Wissenschatten, XI. Band, S. 14. 1861. 



Denkschriften der phil.-histor. C'l. XVII. Bd. Abhandl. von Nichtmitgliedern. 



b 



10 



F. Kanitz 



Erst bei einem zweiten Besuche Nis's, während meiner grösseren Forschungsreise im 
Jahre 1864, war es mir durch, allen Widerstand besiegende mächtige Empfehlungen gegönnt, 
in eingehenderer Weise den Resten des alten Naissus nachzuforschen. Meine archäologischen 
Arbeiten, bei welchen mir meine örtlichen Terrainstudien sehr zu Statten kamen, waren von 
dem besten Erfolge begleitet. Es glückte mir nach vielen mühevollen Kreuz- und Querzügen, 
zahlreiche, an und für sich interessante antike Fragmente innerhalb der Ringmauern Nis's, und 
ausser denselben die ersten monumentalen Reste der Geburts- und Lieblingsstadt Constan- 
tin's des Grossen zu entdecken. 

Ich begann meine Ausflüge zur Erforschung des alten Naissus in südwestlicher Richtung 
mit der Fahrt nach Kurvingrad, das nach meinen Beobachtungen 1 / i Meile südlicher als auf 
Kiepert's Karte fällt. Die Strasse dahin ist in der unmittelbaren Nähe Nis's bei schlechtem 
Wetter beinahe grundlos. Erst nachdem man die Sümpfe in der Nähe der grossen Beklemeh, 
des Wachhauses am äusseren Stadtwalle, und später die Höhen übersetzt hat, an deren nord- 
östliche Seite sich die neue, von Mithad Pascha erbaute grosse „Jeni Küschla" (Kaserne) 
lehnt, wird dieselbe, von Maliste (bei Kiepert Maloschitj) in der Ebene beinahe streng südlieh 
fortlaufend, practikabler und bleibt es bis zur neuen Steinbrücke über die Morava, welche 
in der Richtung nach Leskovac führt. 

Nach der grossen serbischen Karte von Milenkovic (1850), dürfte man in Kurvingrad 
eine ziemlich bedeutende Stadt mit Befestigungen auf beiden Ufern der Toplica hart an deren 
Einmündung in die Morava vermuthen. In Wahrheit bedeutet Kurvingrad das Gemäuer eines 
mittelalterlichen Schlosses, auf einem der nordwestlichsten Ausläufer, welche die Suva Planina 
gegen die Morava und Niser Ebene vorschiebt, gelegen, dessen einstige Bedeutung als 
Schlüsselp unkt der hier vorüberziehenden Strasse von Nis in das Gebiet von Leskovac unver- 
kennbar ist. 

Hart an dieser Strasse, dort wo dieselbe das Rinnsal der Morava bei dem Dorfe Klisura 
erreicht, befindet sich eine isolirt stehende bulgarische Herberge, „Kurvihan" genannt. Von 
dieser führt ein Fusspfad über Wiesengrund und Steingerölle hinan zur alten Burg. Noch vor 
30 Jahren waren nebst den quadratischen Umfassungsmauern das Hauptportale erhalten, das 
im Pendentif ein mit zwei Figuren geziertes Relief zeigte. Ein römischer Inschriftstein in den 
Mauern, - in welchem schon Hase eine zufällig in das Gemäuer aufgenommene Votivtafel er- 
kannte 1 ), gab Anlass den Bau den Römern zuzuschreiben, während Sprachforscher, verführt 
durch die Ähnlichkeit des Namens Kurvin mit jenem des mächtigen Ungarkönigs Mathias 
Korvinus, diesen als den Erbauer der Burg bezeichnen wollten. 

Fällt die erstere Annahme schon nach der ersten Betrachtung des Grundrisses von Kur- 
vingrad und seiner Bautechnik, so schwindet die zweite im Hinblicke auf die durch neuere 
Forschungen historisch festgestellte Thatsache, dass sich die Herrschaft Ungarns über Serbien 
factisch niemals, und selbst unter Mathias nicht, bis zum Einflüsse der Toplica in die Morava 
dauernd erstreckt hatte. Kur vingrad 2 ) , das wohl schon lange in Ruinen liegen mag, da die 
Geschichte der letzten Jahrhunderte desselben gar nicht erwähnt, gehört, nach einer eingehen- 
den Untersuchung seiner erhaltenen Reste zu urtheilen, jedenfalls jener Reihe von Feudal- 



1) Boue, La Turquie d'Europe. II. 367. 

2 ) Dieses Kurvingrad an der bulg. Morava ist mit dem Corvingrad und Corvin-Cule des Grafen Marsigli am rechten 
serbischen Donauufer unterhalb Kladova, nicht zu verwechseln. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Budgarien. 



11 



bauten und wahrscheinlich auch der gleichen Zeitperiode an, welcher die nahen serbischen 
Burgen von Banja und Svrljig ihre Entstehung verdankten. Es war die Zeit, in welcher Serbien 
in zahlreiche Voivodschaften getheilt, kaum durch ein loses monarchisches Band umschlossen, 
sich nur nach Aussen als ein factisches Staatsganze darstellte. 

Die Volkstradition schreibt die Entstehung und den Namen Kurvingrad's (Kurva, öffent- 
liches Mädchen) einer „Kralica" (Königin) zu, welche von jenem Schlosse aus mit den Mön- 
chen des am jenseitigen Ufer gelegenen Klosters in sträflicher Verbindung gelebt haben soll. 
Auf einem hart an die Morava vorspringenden Hügel, gegenüber der Schlossruine, sind noch 
heute Langmauern und Apsis der Klosterkirche sichtbar, deren schlimmes Andenken im Volke 
zu ihrem frühen Verfalle wohl beigetragen haben mochte. 

Das Schlossplateau Kurvingrad's bietet einen vorzüglichen topographischen Orientirungs- 
punkt über die ganze weite Nisavaer Ebene und deren terrassenförmige Fortsetzung auf dem 
linken Moravaufer. Die letztere wurde bereits von Hahn 1 ) eingehend geschildert, und ich 
konnte mich hier auf die Eintragung der Poststrasse nach Prokoplje, ihres durch eine stabile 
Brücke im letzten Jahre hergestellten Morava-Übersetzungspunktes bei Bramor und auf die 
Berichtigung der Lage einiger Orte der Hahn'schen Karte 2 ) von Balaince, Gradiste u. s. w. 
beschränken. 

Einen zweiten Ausflug widmete ich dem am linken Nisavaufer gelegenen Gradiste. Ein 
antikes Säulencapitäl , welches ich im Jahre 1860 im Bauhofe der neuen Niser Cathedrale 
sah, rührte, wie ich damals hörte, von diesem Orte her. Vergebens forschte ich im Jahre 
18 64 zu Nis nach demselben. Wahrscheinlich wurde es von dem industriellen zinzarischen 
Kirchenbaukünstler in kleine macedo -vlachisch- byzantinische Säulenköpfe umgewandelt. 
Durch nähere Orientirung über seine Fundstätte hoffte ich den Punkt zu eruiren, auf welchem 
möglicherweise der von Ammian als drei Meilen von Naissus entfernt angegebene kaiser- 
liche Lustort Medianum oder eine andere römische Niederlassung gestanden haben mochte. 
In beinahe gerader Linie WSW. auf der Strasse nach Prokoplje, die Dörfer Medesevce und 
Novoselo rechts lassend, durchschnitten wir die Niser Ebene bis zum jenseits der Morava 
liegenden Orte Bramor. Oberhalb dieses bulgarischen Dorfes ging eben die von Mithad- 
Pascha erbaute Brücke mit steinernen Pfeilern zur dauernden Verbindung beider Ufer ihrer 
Vollendung entgegen. Gleich unmittelbar am linken Moravaufer erhebt sich die Steilwand der 
Dobriöa, jener etwa s / i Meilen langen, im W. und S. von einem langgestreckten niedrigen 
Ausläufer des Jastrebac begrenzten Terrasse, welche von der serbischen Grenze von N. nach 
S. bis zur Mündung der Toplica sich erstreckt. 

Culturen und Dörfer haben sich von der Böschung der Terrasse entfernt, mehr an den 
Rand des sie umschliessenden Hügel walles zurückgezogen, und Paliurushecken bedecken 
grossentheils den trefflichen Ackerboden, dessen Urbarmachung nun den Auswanderern vom 
Kaukasus zugefallen ist. 

Hart neben dem die neue Brücke bei Bramor überwachenden Beklemeh (Blockhaus) 
befindet sich die erste der tscherkessischen Colonien mit 50 Häusern. Eben so viele Gräber 
mindestens zeigte aber der nahe Friedhof schon wenige Wochen nach ihrer erfolgten Einwan- 
derung 3 ). Wie viele der tapferen Kaukasier mögen wohl die Strenge des letzten bulgarischen 

J ) Reise von Belgrad nach Salonik. S. 17. 

2 ) Ebendaselbst. 

3 ) Die Tscherkessen-Emigration nach der Donau von F. Kanitz. Osterr. Revue, I. Band. 1865. 

b* 



12 



F. Kanitz 



Winters überlebt haben? Jedenfalls dürfte Bramor mit der Zeit einer der bedeutendsten Orte 
der Dobriöa werden. Früher war es wahrscheinlich Gradiste, wie es schon sein Name andeutet 
(grad, Schloss) gewesen. Von einem der wenigen die Terrasse bewässernden Bäche durch- 
flössen, trägt es heute noch auf einem wenige Minuten vom Orte entfernten Hügel die Ruinen 
einer nach der schlechten Bautechnik zu schliessen, mittelalterlichen Befestigung, über deren 
Vergangenheit ich leider keine Traditionen vorfand. Auf meine eifrigen Nachfragen über den 
Fundort des nach Nis gebrachten Capitäls, führte man mich zu den Rudimenten einer hinter 
Bäumen ausserhalb des Dorfes gelegenen, wie ich glaube, nicht gewaltsam zerstörten, sondern 
im Baue unterbrochenen Kirche. Hier fand ich ein zweites , dem im Kirchhofe zu Nis gesehe- 
nen ganz ähnliches Säulencapitäl, an der Stelle des Altars, auf einer von Feldsteinen gebildeten 
Unterlage. Ein drittes ganz gleiches Capitäl soll nach Seöanica-Sveta-Petka gebracht und alle 
drei in den Schlossruinen gefunden worden sein. Ungeachtet der antikisirenden Details des 
arg verwitterten Säulenkopfes (Taf. I, Fig. 2) möchte ich doch dessen römischen Ursprung in 
Zweifel ziehen; eben so die Existenz einer römischen Niederlassung an diesem Orte überhaupt, 
da ich nach Inschriften, Münzen oder Ziegelsteinen aus jener Periode vergeblich forschte. 

Gleich erfolglos wie meine beiden Ausflüge nach Kurvingrad und Gradiste, zur Auf- 
suchung römischer Reste in der nächsten Umgebung des ehemaligen Naissus, blieb eine dritte 
kurze Fahrt hinaus über die östliche Vorstadt der Citadelle, wo angeblich Reste eines alten 
Tempels vor Kurzem aufgefunden worden sein sollten. Ich fand jedoch nichts als loses ver- 
bundenes Gemäuer von schlechten Ziegeln und Feldsteinen, das von einem türkischen Baue 
herrühren mochte. 

Von Kalinikos, dem Erzbischofe Nis's , erhielt ich weitere Nachweisungen über römi- 
sche Steine, welche bei den Ausgrabungen für die Fundamente der neuen Kaserne „Jeni 
Küschla" zum Vorschein gekommen waren. Ich fand im Hofe derselben zwei 57 2 ' lange Säulen- 
schäfte. Wegen der beiden dort aufgefundenen, wie der Erzbischof nach seiner Aufzeichnung 
behauptete, ganz gleichen Inschriftsteine, blieb alles durch den Kaimakam veranstaltete Nach- 
suchen vergeblich. 

Nur noch in der Richtung gegen die heissen Quellen von Banja blieb mir Hoffnung, die 
Reste des alten Naissus denn doch aufzufinden. Ich gedachte Anfangs, diesen Ausflug mit der 
Fortsetzung meiner Reise in der Richtung gegen Pirot (Scharköi) zu vereinigen. Verschiedene 
Aussagen über das fragliche Terrain bestimmten mich aber, seiner Durchforschung eine eigene 
Fahrt zu widmen. Den erhaltenen Winken zufolge, Hess ich in der Nähe des „Kele Kalessi" 
(Schädelthurm), nach rechts von der grossen Poststrasse abbiegen. Etwa V4 Stunden von Nis 
entfernt, fand ich auf einer Anhöhe bei dem Kirchhofe des Dorfes Caribrod (Brsibrod?) die 
Rudera eines alten Vertheidigungswerkes, dessen unzweifelhaft römisches Materiale — dar- 
unter unzählige Deckplatten mit aufgebogenem Rande — weit über *die bulgarischen Gräber 
bis in die nahen Felder zerstreut lag. Erfreut über diese erste Entdeckung, fuhr ich nach dem 
an der Nisava gelegenen y a Stunde entfernten Dorfe um dort Erkundigungen über etwaige 
dort gemachte römische Funde bei den älteren Bewohnern einzuziehen. Wie gewöhnlich hatte 
ich auch hier mit dem Misstrauen der christlichen Bauern zu kämpfen. Ohne fördernde Resul- 
tate kehrte ich zu dem verlassenen Werke zurück, verfolgte Ziegel und Mauerspuren, die mich 
nach eifrigem Suchen denn auch glücklich, etwa auf halbem Wege zwischen dem Werke und 
der grossen Strasse, zu dem ersten bis heute endeckten Monumente des alten Naissus führten. 
In der Mitte von Maisfeldern fand ich unter Schutt und Trümmern die Rudimente eines octo- 



Reise in Süd-Serbien und NoRD-BuLGAKrEN. 



13 



gonalen Baues, dessen antiker Ursprung sich sowohl in der vorzüglichen Bautechnik als in 
dem sorgfältig gearbeiteten Materiale von Backsteinen (Ziegel von 15" Länge, 10" Breite), 
Marmor und dem verbindenden Mörtel bekundete. Nach Abräumung der in dem kreisförmigen 
Innenraume von 47 2 ° Durchmesser aufgehäuften Schuttdecke , stiess ich auf einen leider 
grossentheils zertrümmerten Mosaikboden, der in abwechselnd dunkelbraunen und weissen 
Steinchen ausgeführt, Ornamentstreifen von höchst wirkungsvollem Rythmus zeigte. Von 
der architektonischen Decoration des Baues fand ich blos Stücke eines zierlichen Kranz- 
gesimses mit, durch l 3 / 4 '' breite Pflöckchen gebildetem Zahnschnitte. Die äussere Verkleidung" 
des Baues hatten wahrscheinlich Marmorplatten gebildet, welche in zahlreichen Trümmern 
die Stätte bedeckten. Ein kreisförmiger Bau von etwas schwächerer Mauerdicke und weniger 
sorgfältig durchgeführter Bautechnik (5 Lichte) schliesst an zwei Seiten des Octogons an. 
Es fällt schwer aus den wenigen Anhaltspunkten, welche die Rudimente des kleinen Pracht- 
baues bieten (Taf. I, Fig. 3), den einstigen Zweck desselben zu bestimmen. Ich will mich hier 
nicht in leicht aufzustellende Hypothesen in dieser Richtung ergehen, obgleich eine Ver- 
gleichung desselben mit dem von Dr. Carrara zu Salona in Dalmatien aufgedeckten früh- 
christlichen Baptisterium nahe läge. Eine demnächstige Forschungsreise durch Bulgarien, 
wird mich abermals nach Nis führen, und da ich meine durch den Eintritt der rauhen Jahres- 
zeit im Jahre 1864 unterbrochenen Ausgrabungen an jener Stätte aufzunehmen gedenke, will 
ich mit einem bestimmteren Urtheil bis dahin zögern. Der grösseren Zahl der Geschichts- 
forscher und Archäologen wird es vorläufig zur Befriedigung gereichen, durch meine, von ver- 
schiedenen Forschern bisher vergebens erstrebten archäologischen Funde, die bisher nur 
traditionell fortgeerbte Annahme bestätiget zu sehen, dass das alte Naissus der Römer und 
Nisus der Byzantiner wirklich auf der Stelle des heutigen Nis's oder unferne desselben gestan- 
den habe und dass die Berichte der alten Historiker von der einstigen baulichen Pracht, mit 
der Constantin der Grosse seinen Geburtsort verschönte und die Justinian nach Naissus' Zer- 
störung durch Attila wieder erneuert hatte, in Wahrheit begründet gewesen war. 



IL Am Timok über Knjazevac, Ravna, Kadibogas, Suvodol, durch den Passo- 

Augusto nach Vratarnica. 

Die Weigerung des türkischen Passamtes, meine Reiselegitimation am Freitage (türkischer 
Sonntag) zu visiren, hätte mich bald zu einer unfreiwilligen Verlängerung meines Aufenthaltes 
um 24 Stunden in Nis genöthigt, wäre es nicht einer einflussreichen Verwendung gelungen, 
die religiösen Scrupel des glaub ens eifrigen bezüglichen Beamten zu besiegen. Er verfugte 
sich in sein Amt, drückte meinem Passe das grossherrliche Siegel auf und bald darauf fuhr 
ich durch die an die Festung sich anschliessende, unbedeutende Vorstadt am rechten Ufer der 
Nisava in nordöstlicher Richtung den serbischen Grenzbergen zu. 

Rechts zeigten sich in der wenig bebauten Ebene die Profile des traurigen „Kele-Kalessi". 
Einzelne humane Gouverneure dachten wohl manchmal daran, den „Schädelthurm" zu rasiren^ 
doch die Furcht vor dem moslim'schen Pöbel Nis's hielt sie zurück, der christlichen Bevöl- 
kerung diese Genugthuung zu geben. Von der düstern Thurmhekatombe, an deren Stelle sich 
hoffentlich in nicht zu ferner Zeit ein würdiges Monument zur Verherrlichung des Opfertodes 
Singelic's und seiner Helden erheben wird, wandte ich meine Blicke nach links und erfreute 



14 



F. Kanitz 



mich des Anblickes der hübsch gelegenen Dörfer Knjez-Selo und Mataevce 1 ). Das Terrain 
erhob sich allmälig. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir eine türkische Karaula und bald 
darauf Gramada, die serbische Quarantaine. Nach einigem Parlamentiren öffneten sich die 
hohen Palissadenthore und ich befand mich wieder auf serbischem Boden. 

Gramada's Rastell — eine Quarantaine zweiten Ranges — besteht nur aus einigen kleinen 
Häusern der fürstlichen Beamten und einer Mehane. In dem bescheidenen Amtsgebäude unter- 
zog ich mich der üblichen Procedur. Der Fremde hatte früher bei dem Eintritte in Serbien 
auf der trockenen Grenze den Werth seiner Reiseeffecten und der eingeführten Baarsumme 
anzugeben und nach diesem Bekenntnisse wurde die Höhe der zu entrichtenden Zollgebühren 
bemessen. Das Unpraktische und Primitive dieser Art von Steuererhebung fällt zu sehr in's 
Auge, um hier noch besonders beleuchtet werden zu müssen. Gerne bezahlte ich jedoch da- 
mals meinen Beitrag zu den Strassenbau- und Sicherheitsdienstkosten des Landes und hatte 
bald darauf die Genugthuung, die Wohlthat einer „gemachten Strasse" zu empfinden, der man 
in der Türkei fast ausnahmslos entbehrt 2 ). Die Strassen des Knjazevacer Kreises gehören zu 
den besten Serbiens. Jene von Banja nach der Kreishauptstadt, ein Werk des tüchtigen Inge- 
nieurs Mikalo vsky,"ist ganz besonders zu rühmen. 

Die schönen scharfgeschnittenen Profile der Suva Planina, die mich bisher begleitet 
hatten, wurden nun durch die Berge von Gramada (900 — 1000') gedeckt. Das Terrain und 
mit ihm die Strasse senkte sich allmälig abwärts zum Bette des „Veliki Timok's", der sich 
bald in enge, durch hohe Felsenmauern gebildete Defileen, wie bei Svrljig, Podvis und Vratar- 
nica, bald in prachtvolle Hochebenen, wie bei Knjazevac und Zaiöar eingegraben hat, um 
später mit seinem aus Westen kommenden Bruder, dem „mali Timok", vereint, als ansehnlicher 
Strom die bulgarisch-serbische Grenze bildend, in die Donau einzumünden. 

Der „veliki Timok" besteht seinerseits wieder aus zwei Armen. Die Quellen des west- 
lichen, bisher auf den besten Karten irrig bei dem serbischen Orte Okruglac angegeben, ent- 
springen in den Vorbergen der bulgarischen Babina glava und treten erst gesammelt bei der 
Grenzstation Pandiralo in Serbien ein. Nahe hinter der Quarantaine verschwindet dieser in 
Bulgarien „Miranovska rjeka" genannte Timokarm in einer Höhle mit einem etwa 5° hohen 
Eingange, des an prachtvollen Petrefacten reichen Kalkgebirges, läuft sodann unterirdisch 
500° fort und wird erst bei dem Dorfe Peris wieder sichtbar. Hierauf durchfliesst er die Nisa- 
vacer Ebene, sodann oberhalb der Svrljiger Ruine eine Felsschlucht von einer Stunde Länge und 
mit 60 — 80° hohen, steil ansteigenden Wänden, tritt hierauf bei bedeutendem Falle in das 
anmuthige, weit geöffnete Thal von Varos, nimmt sodann hinter Topla seinen Lauf gegen die 
engen Felsendefil^s von Podvis, durchweiche er die Knjazevacer Hochebene gewinnt, um 
sich in derselben mit dem zweiten Arme des „veliki Timok", welcher unter dem Namen 
„Korenatac" gleichfalls in Bulgarien auf 2V 2 Stunden Entfernung von der serbischen Grenze, 



J ) Es gibt zwei Dörfer dieses Namens mit den unterscheidenden Bezeichnungen „dolne" und „gornje", unter und ober. 
Sie liegen aber nicht, wie fälschlich bei Kiepert, nach einer missverstandenen Äusserung Boue's (La Turqivie d'Europe 
I. 148) dies- und jenseits der Nisava, sondern hart neben einander, links von der Strasse nach Gramada. For biger 
sucht in diesem „Matejevce" das von der P. T. aufgeführte, von Naissus 3 Meilen entfernte kaiserliche Lustschloss Media- 
num, ohne irgend welche Belege für diese Annahme aufzuführen (Handbuch, III. 1094). 

2 ) Finanzminister Cukic, der ßeorganisator des serbischen Steuersystems, hat die vexatorische Abgabe im Jahre 1863 
gänzlich aufgehoben. Ausser einem halben Piaster für Visirung des Passes und den Zollgebühren für allenfallsige zoll- 
pflichtige Gegenstände, wird blos eine Abgabe von G Piaster pro Pferd erhoben, welche Gebühr in jeder Quarantaine 
zurückerstattet wird, durch welche die Pferde aus Serbien wieder zurückkehren. 



Reise in Süd-Serbien und Nokd-Bulgauien. 



15 



bei dem Dorfe Ravnobucve am Sv. Nikolja-Balkanpasse entspringt, zu vereinigen. Die serbi- 
schen Beinamen dieser beiden Arme des „veliki Timok" wurden zum ersten Male in Scheda's 
neuester Karte (1864) richtig mit „Svrljiöki" und „Trgoviski" nach meinen Itinerarien *) ein- 
getragen. Früher waren sie aber selbst von Kiepert mit den zwei Hauptarmen des Timok's, 
dem „veliki" und „mali", verwechselt worden, was zu einem weiteren allgemeinen Irrthume, 
der unrichtigen Bezeichnung des „mali Timok" mit dem Namen eines seiner Zuflüsse, der 
„Crna rjeka", geführt hatte. 

Unter den Hauptzuflüssen des „Trgoviski Timok's" sind besonders die Repusnicka-, die 

v 

Dolne Kamenicka- und Sukovaöka-, unter jenen des „Svrljicki Timoks" die Manoilicka-, Visö- 
vacka- und Bela-rjeka zu nennen. Letzterer Zufluss gab dem „ Svrljiöki Timok" auch den Beinamen 
„Beli Timok". Von Gramada erreichte ich in einer Stunde diesen fischreichen Arm des „Veliki 
Timok's " und übersetzte ihn bei der Mehana Drvenik, eine Stunde oberhalb des Bezirksortes Nisev- 
ce und der Schlossruine Svrljig, deren Namen er als unterscheidende Hauptbezeichnung trägt. 

So viele Völker auch in den letzten zwei Jahrtausenden auf dem Boden der Donau- 
fürstenthümer und der heutigen Türkei folgten, so sind doch die längst gekannten, gleich- 
sam von der Natur vorgezeichneten Strassenzüge in diesen Territorien die noch heute 
benützten Hauptwege des Verkehrs geblieben. Weder die zwingende Verwerthung gesteigerter 
agricoler Production, noch erhöhter Industrieaufschwung oder wachsende Handelsbewegung 
führten, wie in anderen europäischen Staaten, zur Anlage neuer Strassen oder Schienenwege. 

Neben der grossen Heerstrasse von Naissus (Nis) nach Viminacium (Kostolac), zeigt die 
Peutinger'sche Tafel noch eine zweite wichtige Strasse von Naissus an die Donau in nord- 
östlicher Richtung gegen Ratiaria, der römischen Hauptstadt von Moesia Superior. Als Zwi- 
schenorte der vier Tagereisen langen, zwischen beiden Punkten 91 Millien betragenden Strasse 
werden von der P. Tafel: Timacum Maius 27 Millien, Timacum Minus 10 Millien und Con- 
bustica 27 Millien angegeben, deren einer, Timacum, auch von Ptolemaeus gekannt war. Die 
Mansionen der grossen römischen Heerstrasse zwischen Belgrad und Nis wurden schon früher 
richtig zu stellen gesucht. Als Resultat ergab sich die überraschendste Übereinstimmung der 
alten Trace mit der im Mittelalter, in den österreichisch-türkischen Kriegen , bis auf die letzte 
Zeit herab benützten Verbindungsstrasse zwischen beiden Punkten. In diesem und in den 
folgenden Abschnitten hoffe ich weiter nachzuweisen dass auch der heutige, das wichtige 
Bassin der Nisava mit der Donau verbindende Verkehrsweg derselbe sei , der schon von den 
Römern benützt wurde und von dem die alten Quellen uns die Namen einiger Mansionen 
überliefert haben. 

Vor 60 Jahren versuchte es Mann er t in seiner „Geographie der Griechen und Römer u 
(VII. Bd.), welcher Forbiger in seinem „Handbuche" (1848), was die unteren Donauländer 
betrifft, mit geringen Zusätzen beinahe gänzlich folgt, die Trace dieser zweiten mösischen 
Heerstrasse Roms an die Donau näher zu bestimmen. In Ermanglung archäologischer Unter- 
lagen, ja selbst richtiger Karten, folgte er in der schwierigen Lösung dieser Aufgabe einzig 
seinem kritischen Blicke, und seine Schlüsse — obwohl nicht immer zutreffend — gereichen 
diesem zu hoher Ehre. Timacum Maius 2 ) vermuthete Mannert ganz richtig jenseits von 



Beiträge zur Kartographie des Fürstenthums Serbien. Von F. Kanitz. (Mit 1 Karte.) XL VII. Band der Sitzungsberichte; 
der kais. Akademie der Wissensehaften. 
2 ) Forbiger sucht diese Mansion abweichend hier von Mannert, in einem gegenwärtig existiren sollenden Orte Timok. 
Dieser Ortsname ist jedoch im ganzen Timokgebiete ungekannt 



16 



F. Kanitz 



Kunoviza (Kolarnica?), d. i. jenseits von Naissus (Nis) über den heutigen serbischen Grenz- 
bergen. Er setzte es an die Stelle Isparik's. Dieser Ort — richtiger Izvor — liegt eine 
Stunde Timok aufwärts von Nisevce. Bei Izvor deuten aber weder alte Befestigungsreste noch 
sonstige Antiquitätenfunde auf eine römische Niederlassung hin. Auch würde die Führung 
der Trace über dasselbe die Strasse ganz unnöthig von ihrem Endpunkte entfernt haben. 
Vielmehr ist anzunehmen, dass die fragliche römische Mansion nahe bei dem heutigen Bezirks- 
orte Nisevce gestanden habe, wofür, abgesehen von der einer Stadtanlage günstigen Position, 
einzelne Antiquitätenfunde und bei dem nahen Prekomost alte Substructionen sprechen, von 
welchen im nächsten Abschnitte ausführlicher die Sprache sein wird. Noch im Jahre 1784 fand 
andererseits der k. Fähnrich Pokorny auf einer Recognoscirungsreise (s. dessen Relation 
im k. Kriegs-Archive), auf der hart von Gramada bei Nisevce vorbeiführenden Strasse Spuren 
alter Pflasterungen. Auch das Zutreffen des von der Peutinger'schen Tafel angegebenen 
Abstandes zwischen Naissus (Nis) und Timacum Maius unterstützt die Ansetzung des letz- 
teren bei Nisevce. 

Die Entfernung von Timacum Maius nach T. Minus auf der Peutinger'schen Tafel trifft 
andererseits ganz mit jener zwischen Nisevce und Knjazevac zusammen. Untrügliche Beweise 
einer römischen Niederlassung finden sich auf dem von letzterer Stadt nur 1 / 2 Stunde entfernten 
südöstlich gelegenen Punkte Baranica. Knjazevac blieb ein bis zur neueren Zeit herab befe- 
stigter wichtiger Platz. Noch in dem letzten Jahrhunderte wurde er von den Türken durch 
eine Palanke vertheidigt. Durch alle diese erwähnten Thatsachen erhält Mannert's zufällige 
Annahme die nothwendige historische Begründung , dass die zweite Mansion an der Römer- 
strasse von Naissus nach Ratiaria einst am Vereinigungspunkte der beiden Arme des „veliki 
Timok" gestanden habe. 

Die Stelle der dritten Mansion Conbustica wagte Mannert nicht näher zu bestimmen. 
Die Andeutung des weiteren Strassenlaufes von Timacum Minus nach Ratiaria ist auf Man- 
nert's Karte in Ermanglung archäologischer oder selbst nur kartographischer Hilfsmittel eine 
ganz ideale. Nebenbei gesagt, hätten ihm auch unsere neuesten Karten des nördlichen Bul- 
gariens kaum irgendwelche Anhaltspunkte zu deren genaueren Bestimmung geboten. Im Laufe 
meiner Reise durch das Timokthai nach der Donau, werde ich es versuchen, die unvollendet 
gebliebene Arbeit Mannert's aufzunehmen und meine vorausgeschickte Behauptung von der 
unveränderten Wichtigkeit der Römerstrassen bis auf unsere Zeit weiter zu erhärten. 

Die Gegend zwischen Timacum Maius und Timacum Minus, zwischen Svrljig-Nisevce 
und Knjazevac , trägt einen recht unwirthlichen Charakter. Die heutige Strasse zieht über 
rauhe , nur wenig bewaldete Höhen. Am Horizonte tauchen die vielgezackten Profile der 
Maglen-planina auf, überragt von der scharf geschnittenen Rtanjspitze, die ich als wohl- 
bekannte Begleiterin auf meinen Forschungsfahrten durch Serbien freudigbegrüsste. Eine Stunde 
vor Knjazevac — dessen geographische Position nach meinen im Jahre 1864 gemachten 
Beobachtungen um 2 geographische Meilen südlicher und 2 1 / i geographische Meilen östlicher 
fällt — erblickt man diese Stadt von einer Anhöhe herab, tief unten im Timokthaie liegend, 
in einer prächtigen wohlbebauten Hochebene, welche der veliki Timok durchfliesst. Die auf 
dem rechten Ufer des Svrljiöki Timok's liegende Stadthälfte erhebt sich auf hügeligem Terrain, 
das gegen den Mündungswinkel der beiden Timokarme sanft verläuft. Auf vielfach gewun- 
denem Wege senkten wir uns in das blumenreiche Thal vonOresac hinab. Die Strasse bog links 
von dem hübschen Dorfe mit seinen üppigen weitgedehnten Hutweiden ab, und bald darauf 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



17 



erreichten wir die hochliegende Vorstadt Knjazevac's. Zwei Brücken verbinden sie mit dem 
durch den Timok getrennten Stadtheile. In diesem liegt das Spital und die Amtswohnung des 
Kreisarztes Dr. Mäcsay, bei dem ich auf eine vorausgegangene Einladung abstieg. Herr 
Dr. Mäcsay, ein geborner Magyar, empfing mich mit der diese edle Nation auszeichnenden 
Gastfreundschaft. In den mit Geschmack und Comfort eingerichteten Räumen seines Hauses 
empfand ich nach längerer Zeit wieder das wohlige Gefühl einer occidentalen Bedürfnissen 
entsprechend eingerichteten Häuslichkeit. Ich fand eine Bibliothek, Bilder und andere lang- 
vermisste Gegenstände, deren Entbehrung einem Mittel- und "Westeuropäer auf die Dauer 
etwas schwer wird. 

Die Merkwürdigkeiten der Hauptstadt des Knjazevacer Kreises gipfeln sich in ihrer wirk- 
lich reizenden landschaftlichen Lage. Knjazevac liegt in dem schönsten, natürlichen, englischen 
Parke, begrenzt von sanften, reben- und bäumebepflanzten und von zahlreichen Wasseradern 
bespühlten Höhen. Der Stadt selbst fehlen architektonisch hervorragende Gebäude. Das hoch 
gelegene Kreisamtsgebäude, die um dasselbe und zu beiden Seiten des Timok's sich gruppiren- 
den netten Häuser mit hübschen Veranden und nach den Höfen geöffneten Bogenhallen , in 
italienischer Weise durchwachsen von saftigem Grün, reichtragenden Obst- und Weingärten 
machen jedoch einen gar freundlichen Eindruck. 

Noch ein wenig höher als das Nacalnikat liegt die Ruine der im Jahre 1858 vielgenannten 
„Gorgussovacer Kula". Es war dies ein hoher, die Stadt dominirender Thurm, umgeben von 
Mauern, der während der Alexander'schen Regierungsepoche als Staatsgefängniss benützt wurde. 
Hier waren die Anhänger der Obrenovice, die einer Verschwörung gegen die Regierung und 
das Leben des Fürsten Alexander's beschuldigten Senatoren, in Haft gehalten worden. 

Als Fürst Mi los aus der Wallachei zurückkehrte, um den ihm angebotenen serbischen 
Fürstenstuhl zum zweitenmale zu besteigen, decretirte er die Zerstörung der berüchtigten 
Kula. Während seiner Anwesenheit im Juni 1859, gedachten die Ingenieure den Thurm mit 
Pulver zu sprengen. Der Fürst bestand aber darauf, dass Feuer an denselben gelegt werde. 
Auf der Veranda seines Hauses erwartete der greise, rachedürstende Mann den Moment, bis 
die hellen Flammen aus First und Fenstern des Gebäudes schlugen, und ergötzte sich lange 
an dem grellen Schauspiel. Die geborstenen Mauern wurden bis auf die Grundvesten demolirt 
und der Erde gleich gemacht. In den Nebengebäuden der einstigen Kula von Gorgussovac 
wurde in allerletzter Zeit das Telegraphenamt eingerichtet. Mit dem Thurme sollte aber auch 
gleichzeitig der alte Stadtname aus dem Gedächtnisse der Nachwelt getilgt werden, er wurde 
in Knjazevac (Fürstenstadt) feierlich umgetauft. 

Der ehemalige Name Gorgussovac wird nach einer historisch nicht genügend begründeten 
Annahme von Grgur (Gregor), einem Sohne der Fürstin Jerina, abgeleitet 1 ). Ihr Ursprung 
reicht jedenfalls weiter zurück. Die Stadt dürfte wohl nach der Zerstörung der römischen 
Niederlassungen durch die Barbaren unter der altserbischen Epoche zu neuer Blüthe gelangt 
sein. Im österreichisch-türkischen Kriege 1737 wird ihrer unter den durch Palanken verthei- 
digten festen Punkten gedacht. Bei der Annäherung der Kaiserlichen in jenem Feldzuge ver- 
liessen die Türken die Schanze, ohne einen Versuch zu ihrer Vertheidigung zu machen. Im 
nächsten Jahre jedoch , als die kaiserlichen Waffen vom albanesischen Drin bis zur Donau vor 
dem siegreichen Halbmonde zurückweichen mussten, wurde der Timokdistrict von des Sultans 



J ) Dr. Kikö, „Srbska Narodnost" (Belgrad. December 1862 und Jänner 1863). 



c 



18 



F. Kanitz 



Heeren furchtbar verwüstet. Die Neubegründung der Stadt soll durch einige österreichische 
Serben aus Teinesvar im Banate, erfolgt sein, deren Nachkommen noch heute in Knja- 
zevac leben. 

Die Stadt, deren Umfang sich einst bis zum Dorfe Trgoviste erstreckt haben soll , zählte 
im Jahre 1859 nach der Angabe Dr. Mäcsay's (Glasnik XIX) 527 Häuser mit 2417 Seelen. 
Sie besitzt neben den gewöhnlichen Kreisamtsgebäuden, zwei Knaben- und eine Mädchenschule, 
eine Post- und Telegraphenstation, einen Citaliste (Leseverein) und eine allerdings nur unbe- 
deutende Kirche, neben der sich jedoch bald ein grösserer, hoffentlich auch stylgemässer 
Neubau erheben soll. Die Gemeinde besitzt einen Baufond von 150.000 Piastern, der sich 
durch Interessirung stets vermehrt. Im nordöstlichen Stadttheile liegt das schon erwähnte, 
hübsch eingerichtete Kreishospital, errichtet im Jahre 1852 für 24 Köpfe, um dem bedenk- 
lichen Umsichgreifen syphilitischer Krankheiten im Landvolke möglichst vorzubeugen. Das 
in Serbien, nur in der nächsten Umgebung des Klosters Studenica gekannte, verheerende Übel, 
ist eine traurige Hinterlassenschaft der russischen Cooperation unter General O'Rurk, während 
der Befreiungskriege im Jahre 1812. Das Spital, wie die Apotheke des Dr. Mäcsay gehören 
zu den besteingerichteten des Landes. Der kunstfreundliche Arzt besitzt auch eine bedeutende 
Sammlung antiker Münzen. Die grosse Zahl, in welcher solche im Weichbilde der Stadt gefun- 
den werden, bestätigt, dass das römische Timacum Minus einen bedeutenden Punkt an der 
Timokstrasse nach der Donau bildete. Ich gedachte dieselbe ihrem ganzen Laufe nach zu ver- 
folgen, und verliess zu Pferde, begleitet von Dr. Mäcsay, Knjazevac, um den alten römischen 
Heerweg zwischen Timacum Minus und Conbustica aufzusuchen. 

Eine Viertelstunde hinter der Stadt vereinigt sich der „Svrljiöki" mit dem „Trgoviski" 
Timok. Die heutige, sehr gute Fahrstrasse nach Zaicar übersetzt an diesem Punkte auf einer 
Holzbrücke denselben und bleibt, oft 1 / 2 Stunde vom Flussrinnsale entfernt, fortwährend auf 
dem rechten Ufer des „veliki" Timok's. Nach Kiepert's Karte ist die fruchtbare Hochebene, 
durch welche nun Fluss und Strasse gemeinsam in paralleler Richtung ziehen, nur wenig 
bevölkert. Ein Blick auf mein Routier lehrt jedoch das Gregentheil. Man zählt hart an der 
Strasse von Knjazevac nach Zaiöar nicht 4, sondern 20 Dörfer, darunter einige, die vermöge 
ihrer Wohlhabenheit und Grösse zu den schönsten Serbiens gehören. Das Klima des Kreises 
ist aber auch dem Feldbaue und besonders der Kornreife sehr günstig. Die niedrigste Tem- 
peratur beträgt im Februar nach Dr. Kikö's Beobachtungen durchschnittlich 22°(?), die höchste 
im Juli 34 V 2 ° Celsius. 

Die langgestreckte, scharf profilirte Magienwand, deren Plateau kaum 200 Schritt Breite 
hat, begleitete uns auf dem linken Timokufer. Gleich ihrem Nachbar im Nordwesten, dem 
Rtanj, besitzt auch sie nahe bei dem Dorfe Kozel eine Höhle, Tupisnica genannt, welche durch 
ihre Eisbildungen in der warmen Jahreszeit berühmt ist. Periodische Erdbeben sind noch 
gegenwärtig im Knjazevacer Kreise thätig und zuletzt erschreckten am 7. September 1858 
heftige Erdstösse seine Bewohner. In 2 1 / 2 Stunden gelangten wir nach Ubersetzung des ersten 
vom Dorfe Jelasnica kommenden gleichnamigen Zuflusses des Timok's, an das Dorf Novihan, 
von welchem eine ziemlich gute Strasse nach dem von der Kadibogas-rjeka durchflossenen 
Engpasse gleichen Namens abzweigt. Auf welchem Ufer des Timok's hatte die römische Heer- 
strasse nach der Donau Timacum minus verlassen? Von welchem Punkte aus zweigte sich jene 
auf der Peutinger'schen Tafel angegebene Trace ab, welche über Conbustica nach der römi- 
schen Hauptstadt Ratiaria führte? 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



19 



Bei der Irrthümlichkeit der kartographischen Darstellung der fraglichen serbisch-bulga- 
rischen Gebiete auf der Kiepert'schen und neuesten Scheda'schen Karte war es schwer, 
Orientirungspunkte zur Entscheidung der interessanten archäologischen Frage zu gewinnen 
und nur der allgemeine Einblick in die Terrainverhältnisse des Knjazevacer Kreises und der 
bulgarischen Nordspitze zwischen Vidin, Belogradöik und Vrska-Cuka , welchen ich schon auf 
meinen Reisen in den Jahren 1860 und 1862 gewonnen hatte, sollten mir die Lösung der- 
selben auf meiner letzten Forschungsreise (1864) erleichtern. 

Dass die, Bulgarien von Serbien trennende Bergkette nicht wie bei Kiepert und Scheda 
bis an den Timok reiche, davon hatte ich mich schon im Jahre 1862 überzeugt. Schon bei 

v 

der Quarantainestation Vrska-Cuka, wo die Kette in eine bis zur Donau streichende Hochebene 
übergeht, war also, nach Passirung des Denle's von Vratarnica, die Möglichkeit zu einer Ab- 
zweigung der grossen Timokstrasse nach der Donau geboten. Bei der Annahme derselben an 
diesem Punkte hätte die Strasse nach der römischen Hauptstadt Ratiaria (das heutige Aröer- 
Palanka an der Donau), abgesehen von der durch die Umgehung der serbisch-bulgarischen 
Grenzberge bedingten weiten Bogenlinie, sehr viele Wasserläufe, unter diesen den ziemlich 
bedeutenden Vitbol, zu übersetzen gehabt ; während andererseits eine feindliche Eroberung 
der unteren Timokgegend von Zaiöar bis zum Vratarnicapasse diese Verbindungslinie zwischen 
Timok und Donau gänzlich abgeschnitten hätte. Die grosse römische Heerstrasse zwischen 
Naissus und Ratiaria musste also aus diesem letzteren Grunde allein schon, noch vor Errei- 
chung des später näher zu schildernden strategisch wichtigen Defil6's von Vratarnica, die Donau 
zu gewinnen gesucht haben und diese meine schon früher gegen Dr. Macsay in Knjazevac 
ausgesprochene Vermuthung sollte durch meine letzte Reise (1864) ihre Bestätigung erhalten. 

Empfangenen Andeutungen über eine 2 1 / 2 Stunden von Knjazevac entfernte, bei Ravna 
am Timok vorhandene Schanze folgend, beschloss ich vor Allem, diese einer eingehenden 
Besichtigung zu unterziehen. Form und einige Reste von Mauerwerk des 48° langen und 37V 2 ° 
breiten, an den Ecken mit kreisrunden Aussprüngen flankirten Werkes überzeugten mich bald, 
dass ich mich auf einem römischen Castrum befände, welches einst zum Schutze der von 
Timacum minus am Timok weitergezogenen Strasse gedient haben mochte. Etwa 150 Schritte 
unterhalb des Castrums stiess ich aber in nördlicher Richtung auf die theilweise noch ganz 
wohlerhaltenen Substructionen von Bauten, die sich mir bei näherer Untersuchung als die 
beiden Brückenkopfreste einer hier über den Timokfluss gespannten Brücke darstellten, der 
im Laufe der Zeit sein zur Römerzeit innegehabtes Bett verlassen hatte (Taf. I, Fig. 4). 
Mit der Feststellung des römischen Timok - Übersetzungspunktes war der erwünschteste 
Fingerzeig zur weiteren Verfolgung der von der Peutinger'schen Tafel angegebenen Verbin- 
dungsstrasse zwischen dem Timok und der Donau gewonnen. Dieselbe musste die Richtung 
nordöstlich in ein DefilC der die grosse Timokebene von der Donau scheidenden Bergkette ein- 
geschlagen haben, welches das Debouchiren nach dem jenseitigen Aröerflusse und die Erreichung 
der an seiner Mündung gelegenen römischen Hauptstadt von Dacia Ripensis gestattete. Schon 
der Name der unferne der entdeckten römischen Uberbrückimg des Timok's bei dem Dorfe 
Novihan in diesen ausmündenden „Kadibogas-rjeka" (d. i. Engpassfluss) deutete darauf hin, 
dass entlang dem Rinnsale dieses Flüsschens die Fortsetzung der Timok-Donaustrasse zu 
suchen sei. Ich verfolgte dasselbe und stiess mehrere Male , besonders in der Nähe des von 
Bulgaren bewohnten Dorfes Korito auf Stellen eines ehemals gepflasterten Weges, welcher 
noch heute practikabel, bei nur geringer Steigung, in 3 Stunden mich an das serbische Block- 



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F. Kanitz 



liaus brachte, das den verbarrikadirten Ausgang des Defil6's in das türkisch-bulgarisclie Donau- 
gebiet überwacht. Der Ubertritt in das letztere ist hier nicht gestattet. 

Nachdem mit dem Untergange des römisch-byzantinischen Reiches die ehemalige Donau- 
hauptstadt in den Völkerstürmen zerstört, nachdem später die steten altserbisch-bulgarischen 
Kriege, die türkische Sturmfluth, die österreichisch-türkischen Kämpfe, das Regiment Pasvan- 
Oglu's und die serbischen Befreiungskriege diese Gebiete fast ununterbrochen heimgesucht 
und beinahe entvölkert hatten, verlor die römische Verbindungsstrasse zwischen dem Timok 
und der Donau ihre einstige Bedeutung. Im Gegensatze zu dem gegenwärtig zu einem Dorfe 
herabgesunkenen Ratiaria (Arcer-Palanka) war aus dem einstigen kleineren Bononia die heu- 
tige wichtige Donauveste und Handelsstadt Vidin geworden und Hess der serbischen Regierung 
die directeste Verbindung ihres mittleren Timokgebietes mit letzterer erwünscht erscheinen. So 
wurde die Quarantaine Vrska-Cuka zwischen Pandiralo und Radujevac, d. i. zwischen Ursprung 
und Mündung des Timok's, der einzige gestattete Grenz-Uberschreitungspunkt, welcher den 
Personen- und Waarenverkehr auf dieser langgestreckten Linie vermittelt. 

Noch in der letzten Zeit der türkischen Herrschaft über Serbien, war aber die jetzt verlasse ne 
„Kadibogasstrasse" stark frequentirt und sie dürfte an Wichtigkeit gewiss wieder gewinnen, 
sobald die Gebiete dies- und jenseits der serbisch -bulgarischen Berge in alter Zusammen- 
gehörigkeit zum grossen Vortheile beider, sich politisch und commerciell vereinigen sollten. 

Der scharfbewachte serbische Grenzzaun unterbrach im Defil6 von Korito eine directe 
weitere Verfolgung der römischen Timok-Donaustrasse, deren fortgesetzten Lauf im Aröerthale 
bis nach Ratiaria (Aröer-Palanka), ich wenige Wochen später auf dem jenseitigen Gebiete fest- 
zustellen vermochte. 

Setzen wir unsere Reise auf der grossen Hauptstrasse entlang dem Timok von Novihan 
bis zu seinem folgenden Zuflüsse, der Suvodolska-rjeka, fort. 

Bei dem Dorfe Sljaöka, aufwärts des Baches, führt eine ziemlich gute Strasse in östlicher 
Richtung in dessen stilles Engthal. Nur selten sah ich eine pittoreskere Schlucht. Stets mehr 
sich verengend, durch die auf beiden Ufern immer näher an einander tretenden Felsen, deren 
helles Gestein und saftig grüne Vegetation, in wechselnden Reflexen sich in dem kristallklaren 
Flusse spiegelten, erfüllt von dem aus leisem Geflüster in immer lauteres Rauschen über- 
gehenden Tosen eines in vielen Sprüngen herabstürzenden Wasserfalles, brachte sie uns bis 
dicht an dieselbe und zugleich an das von seinem Hochplateau herabblickende, der „Sveta 
bogorodica" (h. Mutter Gottes) geweihte Kloster Suvodolski-monastir. Wir stiegen zu Fasse 
hinan und ein sveti otac (h. Vater) nannte uns an seiner Pforte willkommen. 

Das Kloster Suvodol zählt der Tradition nach zu den ältesten frommen Stiftungen Ser- 
biens. Es fehlt jedoch an einer Urkunde oder Inschrift, welche über sein Gründungsjahr be- 
stimmteren Aufschluss geben könnte. Sein Grundriss (Taf. I, Fig. 5) hat Ähnlichkeit mit jenem 
von Ziöa. Auch hier schliessen sich dem übrigens vollkommen abgeschlossenen Narthex zwei 
kleine Seitencapellen an. Der Hauptraum des Baues ist in Kreuzform angelegt. Er wird durch 
das Langschiff mit den anschliessenden Seitenapsiden gebildet. Der Altarraum wird durch eine 
dritte Apside geschlossen. Das Kirchlein entbehrt, von Aussen gesehen, einer eigentlichen 
Kuppel. Seine Wände, mit Fresken aus einer späteren Zeit geschmückt, gewähren nur geringes 
Interesse und werden durch das spärlich einfallende Licht wenig beeinträchtigt. Auch die 
äussere Decorirung des Kirchleins ist eben so einfach als styllos. An dem vielfach, zuletzt vor 
150 Jahren restaurirten Oberbau, erregt jedoch die bei den serbischen Kirchenbauten selten 



Keise in Süd-Serbien und Nord-Bulgaiuen. 



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vorkommende Anlage eines Peristyls unsere Aufmerksamkeit. Es befindet sich vor dem Nar- 
thex und besteht aus drei Bogen, die auf zwei aus der Stirnfacade neben dem Portale vortre- 
tenden Widerlagern und auf zwei freistehenden Pfeilern ruhen. In der geschlossenen Wölbung 
dieser Vorhalle hängt der Stolz des Klosters, sein harmonisches Geläute. Die beiden Glocken 
deren Töne weithin über die nahe serbische Grenze zur bulgarischen Rajah einladend hinüber- 
klingen, kamen aus weiter Entfernung. Nach den ehernen Umschriften wurde die eine Glocke 
im Jahre 1834 zu Pest, die zweite 1858 zu Versec im Banate gegossen. 

Bei dem Austritte aus der Kirche wäre ich beinahe auf ein Mädchen getreten, das hart vor 
dem Portale auf dem Boden in convulsivischen Zuckungen hingestreckt lag. Seine Gesichts- 
züge waren wenig entstellt. Man konnte das bedauernswerthe Geschöpf, dessen krankhafter 
Zustand sich mehr in den fortwährend krampfhaft sich bewegenden Extremitäten äusserte, 
sogar hübsch nennen. Neben der Kranken sass, mit starrem Blicke Hilfe verlangend und weh- 
klagend, deren Mutter. Sie hatte das Mädchen in's Kloster gebracht, damit die h. Väter den 
„Djavolo" (Teufel), der in ihm spukte, bannen möchten! — Auch der Knjazevacer Kreis ist 
reichlich mit Klöstern — diesen Pflegeinstituten des krassesten Aberglaubens im europäischen 
Osten, gesegnet. Da ist ausser Suvodol noch das Kloster Sveti Troica (h. Dreifaltigkeit) nahe 
bei Dolne Kamenica am Trgoviski Timok, ferner das an der Grenze des Alexinacer Kreises 
gelegene Kloster, die nunmehrige Pfarrkirche Sveti Arandjel (h. Erzengel), welche wir in dem 
nächsten Abschnitte näher kennen lernen werden. 

Die Sonne streifte kaum mehr die hohen bulgarischen Grenzberge. Ich sehnte mich hin- 
aus aus der düster gewordenen Klosterschlucht. Die weite von den letzten Strahlen des himm- 
lischen Gestirns übergossene Ebene, die wir bald wieder gewannen, verscheuchte die Erinne- 
rung an die erlebte grelle Klosterscene. Auf den Feldern herrschte noch ein wohlthuend reges 
Leben. In den erntereifen Maisfeldern trieben sich frohe Menschen unter Liedern und Scherzen 
arbeitend umher. Auch auf der Strasse fehlte nicht die belebende Staffage. Heimziehende Land- 
leute in ihrer kleidsamen Tracht — die Frauen in dem charakteristischen enganliegenden 
schwarzen Tuchrock des Timokgebietes , die Haare frei aufgelöst, die rothe Kappe mit Hahnen- 
federn geschmückt, bewegten sich gegen den Engpass von Vratarnica und lange Karavanen 
Salz führender, mit langsamen Ochsenpaaren bespannte Karren in der Richtung gegen 
Knjazevac. 

Bald hinter Sljacka nalnnen wir die Richtung gegen Norden, die Strasse nach dem Defile 
von Vratarnica einschlagend. Seine strategische Wichtigkeit war bereits in den frühesten Zeiten 
erkannt worden. Nur durch dieses von der Natur geschaffene Thor ist es aber auch heute 
möglich, von Nis aus über Knjazevac in kürzester Zeit nach Vidin oder den Norden Serbiens 
vorzudringen. Sein Besitz sichert die ungestörte Communication zwischen den Bassins der 
Nisava, des Timok und der Donau. Es gibt wohl, wie schon erwähnt, einige Steilpfade und 
dem Rinnsal der Kadibogazrjeka entlang sogar Spuren eines alten, künstlich angelegten Weges, 
welcher über die von S. — N. streichenden serbisch-bulgarischen Grenzberge in die nach der 
Donau sich öffnenden jenseitigen Thäler führt. Für eine Armee jedoch, die sich in diesem nur 
wenige Hilfsquellen bietenden Landstriche nie von ihrem Train trennen könnte, dürften letztere 
Wege nur für detachirte kleinere Corps passirbar sein. Das Gros wird sich stets auf der grossen 
Timokstrasse durch das Defil6 von Vratarnica nach der Donau bewegen müssen. 

Durch die natürlichen Terrainverhältnisse bedingt, spielte dieses Defile" auch im österrei- 
chisch-türkischen Kriege im Jahre 1737 unter dem Namen „Passo-Augusto" eine bedeutende 



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F. Kanitz 



Rolle. Graf Schmettau sagt in seinen „Memoires secrets": n Dieses Timokdefilö ist mit 
100 Mann(?) leicht gegen eine Armee zu vertheidigen. Ein ziemlich steil abfallender Felsen 
lässt neben dem Timok kaum Raum für die Strasse. Im Besitze des Hochplateau's , kann man 
den Pass gegen jeden Feind halten". Das traurige Geschick, welches in jenem Feldzuge einige 
hundert tapfere Krieger im „Passo Augusto" ereilte, wurde auch nur, nach Schmettau's 
Zeugniss, durch die unverantwortlich nachlässige Disposition des Hauptquartiers verschuldet. 
In diesem Defile wurde das auf seinem Rückzüge nach Belgrad von Marschall Khevenhüller 
vergessene Bataillon Bayreuth, von vorn und im Rücken gleichzeitig überfallen (9. Oct. 1737), 
bis auf zwei Mann, welche glücklich entkamen, von den Türken aufgerieben. 

Nach einer im Volke verbreiteten Sage , soll dem Andenken der Gefallenen jene Capelle 
gewidmet worden sein, deren Ruine hart an der Strasse im Dorfe Vratarnica liegt und noch 
heute „latinska crkva" genannt wird. Ich möchte jedoch die Richtigkeit dieser Tradition 
bezweifeln. Bekanntlich gelang es Osterreich seit jenem unglücklichen Feldzuge nie mehr, 
festen Fuss im südlichen Serbien zu fassen. Von wem und wann sollte nun unter türkischem 
Regiment jene Votivcapelle dem Andenken christlicher Kämpfer gewidmet worden sein? Das 
Kirchlein, von dem blos die nackten, aus rohen Feldsteinen aufgeführten Mauern stehen, ist 
im einfachsten Grundrisse angelegt (Taf. II, Fig. 1). Es besteht aus einem einzigen 3° langen, 
1 1 / 2 ° breiten, durch eine halbkreisförmige Altarnische abgeschlossenen Schiffe, ohne sonstige 
constructiv-decorative Auszeichnung. Nur der mangelnde Narthex spräche einigermassen zu 
Gunsten der Tradition, dass der Bau ein latinski (katholischer) sei. 

Nahe der Strasse, auf einer Vorhöhe des „Bezdet-Kamen" hinter Vratarnica, erhebt sich 
die Ruine eines zweiten , weit interessanteren Kirchleins. In der Aussengestalt dem zuvor 
besprochenen ähnlich, zeigt sein Grundriss (Taf. II, Fig. 2) im Innern einen in Kreuzesform 
angelegten, über der Vierung von einer Kuppel überragten und im Osten durch eine Apside 
geschlossenen Hauptraum von 2° Länge und l 2 / 3 ° Breite, welcher durch eine schmale, eine 
Person kaum hindurchlassende Öffnung mit dem Narthex communicirt. Dieser letzte wird — 
vielleicht das einzige Beispiel in Serbien — von zwei kleinen, thurmartigen Aufsätzen überragt, 
in welchen einst wahrscheinlich das bescheidene Glockenspiel des Kirchleins hing. In dem 
aus Bruch- und Backsteinen aufgeführten Mauerwerk kommen zahlreiche römische Ziegelfrag- 
mente vor, welche von den einstigen antiken Befestigungen des „Passo-Augusto" herrühren 
dürften. Im Übrigen ist das Technische der Baute nicht von besonderer Vollendung. Ihr Alter 
dürfte jenes der „latinska crkva" jedenfalls überragen, aber keinesfalls weiter als bis in das 
15. Jahrhundert zurückreichen. 

III. Von Knjazevac nach Kamenica, Svrljig, Sv. Arandjel, Banja und Alexinac. 

Begleitet von dem mir auch später befreundet gebliebenen, meine Forschungen 
freundlich fördernden Dr. Mäcsay, unternahm ich von Knjazevac einen Ausflug entlang 
dem Trgoviski Timok nach dem alten Kirchlein Kamenica, nahe der serbisch-bulgarischen 
Grenze, dessen kunsthistorische Bedeutung festzustellen mir von vielen Seiten nahe gelegt 
worden war. Mit dem archäologischen Zwecke sollte die richtigere Eintragung des „Trgoviski 
Timok" verbunden werden. 

Nach halbstündigem Ritte näherten wir uns südöstlich von Knjazevac hart am linken Fluss- 
ufer einer schon früher erwähnten weit ausgedehnten Trümmerstätte, vom Volke Baranica 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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genannt, auf welcher vor einiger Zeit unzweifelhafte Reste römischer Bauten, unter diesen ein 
leider arg verstümmelter Inschriftstein, gefunden worden waren. 

Nach Vergleichung der alten Itinerarien mit den auf der Route Nis-Knjazevac gewon- 
nenen Anhaltspunkten, blieb für mich kein Zweifel, dass wir uns auf einem Theile der römi- 
schen Mansion Timacum minus befanden. Nachgrabungen an diesem Orte dürften zu, für die 
Alterthumsforschung höchst interessanten Resultaten fuhren. Aus den Trümmern von Timacum 
minus entstanden wahrscheinlich später jene beiden mittelalterlichen Burgen, welche einst 
das sich bald hinter Baranica verengende Timokdefile beherrschten. Ihre Ruinen liegen hoch 
auf den steil sich aufbauenden Felswänden. Die Schlucht selbst bietet ein pittoreskes Land- 
schaftsbild von seltener Schönheit, das ich nicht umhin konnte mit einigen Umrissen fest- 
zuhalten. 

Die wenig cultivirte Strasse führte nun in «dem sich allmählig erweiternden, von ziemlich 
gut bewaldeten Bergen umschlossenen Thale bei Strbci auf das rechte Ufer in etwas südwest- 
licher Richtung nach Dome Kamenica mit seinem berühmten alten Kirchlein. 

Hatte ich früher vielfach bedauert, dass ich diese vielbesprochene, von mancher 
Seite dem Car Lazar als Erbauer zugeschriebene Kirchenbaute nicht in der Lage war, auf 
meiner grossen Reise durch Serbien (1860) besuchen und in meine „byzantinischen Monu- 
mente" ] ) aufnehmen zu können, so belehrte mich schon die erste allgemeine Betrach- 
tung des kleinen Baues, dass dessen Alter und architektonische Bedeutung bisher viel zu sehr 
überschätzt worden waren. Der erste überraschende Eindruck, welchen die bizarre Gestalt, 
die originelle Grundanlage und manche reizende Details des Kirchleins hervorriefen, musste 
bei eingehenderer Betrachtung des Unorganischen seiner Construction und der überaus 
nachlässigen technischen Ausführung bald der Uberzeugung weichen, dass die kleine Baute 
nicht, wie vielfach angenommen wurde, als Muster altserbischer Kirchenbaukunst, sondern 
weit eher als Type aus der Zeit ihres Verfalles angesehen werden darf. 

Schon ein Blick auf den Grundriss und die Facade der Kirche (Taf. II, Fig. 3, 4) genügt, 
um klar zu stellen, wie wenig dem Baumeister die Lösung der Aufgabe geglückt ist, den 
byzantinischen Centraibau mit dem occidentalen Thurmbau organisch zu verbinden. In der 
ganzen Breite des Narthex erhebt sich in ungeschlachter, massiger Weise, nach oben sich nur 
wenig verjüngend, ein thurmartiger Vorbau, welcher die unmittelbar hinter demselben über 
den Centraibau sich erhebende kleine Kuppel, von vorne gesehen, vollkommen deckt und 
nach seinem ganzen Eindruck mehr einem Vertheidigungs- als Glockenthurme gleicht. 

Der Portalbau, welcher mit Ausnahme von Studenica in Serbien überhaupt nie beson- 
ders gepflegt wurde, erscheint hier vollkommen vernachlässigt. Der Eingang schmal und 
niedrig , ohne irgend welche Profilirung des Thürstockes , wird durch das Tympanon über 
dem Querbalken nur wenig gehoben und die schwer auf dasselbe drückende Mauermasse 
durch einige willkürlich angebrachte Fensteröffnungen nur wenig durchbrochen. Gleich 
spärlich decorirt erscheinen die beiden Seitenfacaden und die Altarapside. Nur die reizvolle 
Gliederung der Kuppel (Taf. II, Fig. 5) , versöhnt in etwas mit dem unbekannten Baumeister 
des form- und styllosen Werkes. 

Der unter der Bedachung fortlaufende doppelte romanische Zahnschnitt, die gleichfalls 
aus solchem, mit abwechselnden Pfeifenornament- und Ziegelbändern construirten Urnrah- 



i) Wien, k. k. Hof- und Staatsdruckerei. 1862. 



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F. KaNiTZ 



mimgen der Fenster und die sorgfältigere technische Behandlung des hier besseren Bruch- 
und Backsteinmaterials, gestalten die Kuppel zu dem am reichsten decorirten und anmuthig- 
sten Theile des Kirchleins. Die Anwendung des, nebenbei bemerkt, in ganz Serbien mir nur 
in Kamenica bekannt gewordenen originellen Pfeifen Ornaments kehrt am Kranze der Apside 
und weniger motivirt in der halben Höhe des Thurmes wieder, wo es in horizontalem Streife 
dessen Mauerwerk durchbricht. Die Bedachung an Thurm, Schiff, Kuppel und Apside wird 
von grossen Steindeckplatten gebildet. 

Die grosse, technische Nachlässigkeit, welche, mit Ausnahme der Kuppel, den ganzen 
Bau charakterisirt, tritt namentlich in der auffallenden Ungleichheit der durchschnittlich 29" 
betragenden Stärke, sowie in der vom strengen Winkelmasse oft abweichenden Richtung und 
in sonstigen Unregelmässigkeiten des Mauerwerks in einer Weise zu Tage, wie ich sie im 
Lande bei älteren Bauten nie gefunden habe. , 

Die innere Ausstattung des Kirchleins, dessen Erbauung ich kaum mehr als 300 Jahre 
znrückdatiren möchte — es soll nach einer Version von dem Despoten Michail Abogovic, 
welcher in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte und mit Helena, Despotenwitwe des 
Lazar Djurdjev Brankovic , im Jahre 1459 zur Regierung gelangte, erbaut worden sein — 
entsprach ebenfalls sehr wenig meiner, durch den bisherigen Ruf seiner Fresken gespannten 
Erwartung. Die theilweise restaurirten Malereien zeigten wenig Charakteristisches und ent- 
behrten in Conception und Ausführung selbst jener Strenge der Zeichnung, welche in den 
altbyzantinischen Fresken mit der oft schablonenhaften Auffassung der dargestellten Objecte 
versöhnt, ohne dafür durch ein gesundes, realistisches Moment zu entschädigen. 

Tritt man durch den Haupteingang in den Narthex, so erblickt man links von der Thüre 
einen Christus, rechts den Despoten Michail und seine Gemalin, beide mit dem Scepter, 
über derselben den Kirchen gang Maria's, weiter über dem mittleren der kleinen, aus 
der Vorhalle in den Hauptraum führenden Eingänge, Maria mit dem Jesuskinde und daneben 
einige beschädigte biblische Darstellungen. 

Das Bild der heiligen Jungfrau kehrt noch öfters an verschiedenen Stellen und auch in 
der Apsis wieder. Hier ist sie thronend mit zwei Engeln zur Seite dargestellt. Die südlichen 
und nördlichen Hauptwände sind mit grösseren Fresken des Abendmahls und der Kreuz- 
abnahme geschmückt. Am grossen Scheidbogen ist auch hier wie in den meisten serbischen 
Kirchen der heilige Schleier angebracht. 

Hart an das durch die im Knjazevacer Kreise oft wiederkehrende Erdbeben und den 
Zahn der Zeit arg mitgenommene, baufällige, dem Untergange geweihte Kirchlein Kamenica's 
stösst ein kleiner freundlicher Bau, dessen neues Schulhaus, eine der südlichsten Pflanz- 
stätten occidentaler Bildungsanfänge Serbiens. Andererseits liegt zwischen Dolne- und 
dem an der von den bulgarischen Grenzbergen herabkommenden Repusnica gelegenen 
Gornje-K^menica das kleine, in archäologischer Beziehung kein wesentliches Interesse bietende 
Kloster Sveti-Troica (heilige Dreifaltigkeit) , dessen Duhovnik für das Seelenheil des kräf- 
tigen Bergvölkchens sorgt, und wir wollen hoffen, die im Schulhause zu Dolne-Kamenica 
gelegten Keime nicht paralisirt. 

Dem Besuche der berühmten Schlossruine von Svrljig, des Kirchleins Sveti-Arandjel 
(heiliger Erzengel) und der Untersuchung des oberen Laufes des Svrljicki Timok bis zur 
serbischen Quarantaine Pandiralo , wurden von Knjazevac aus weitere Ausflüge gewidmet. 
Spaso, der älteste, und was mehr bedeuten will, der angesehenste Pandur im ganzen Knja- 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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fcevacer Naöalnikat, wurde von dem Vorstande desselben an die Spitze unserer kleinen 
Expedition gestellt. Früh am Morgen brachen wir auf, den Weg nach Westen einschlagend. 

Wie ich schon in der Einleitung bemerkte, halte ich es hier wie an manch anderem Orte, 
wo es sich nicht um die Begründung wesentlicher, tiefgreifender Irrthümer der früheren Karten 
handelt, für überflüssig, meine geographisch-topographischen Aufzeichnungen in allen Details 
wiederzugeben, da die später erscheinende Karte aus diesen grösstentheils hervorging, über 
dieselbe Aufschlüsse geben und die Vergleichung mit den bisherigen kartographischen Dar- 
stellungen dieser Gebiete ermöglichen wird. 

Wir kreuzten das Kresnaflüsschen nahe bei seiner Mündung in den Svrljicki Timok und 
oberhalb seines Defile's bei Podvis, erhoben uns sodann gegen die Proseg-gora, gelangten zu 
den Höhen, von welchen der Belo-potocker Timokzufluss herabkommt, und stiegen an seinem 
Rinnsale nordwestlich abwärts zu dem hübschen Dorfe Topla. Bei diesem öffnete sich das 
Thal in westlicher Richtung, zu einer schönen, von sanftgewellten Bergen und im Süden durch 
die schön profilirten, ruin engekrönten Steilfelsen des Timokdefile's bei Svrljig geschlossenen 
Hochebene. Die Gemeindeältesten des Dorfes Varos bewirtheten uns auf das gastlichste. 
Weniger waren sie im Stande, meine Fragen nach einem Brunnen mit römischer Inschrift, 
nach dem Pflaster einer Moschee von römischer Arbeit; nach den Resten eines Römerbades 
und anderer Bauten aus jener Zeitperiode *) , deren insgesammt der ehemalige Kreisarzt 
Dr. Kikö in seiner leider in jeder Richtung oberflächlichen Schilderung des Knja£evacer 
Kreises erwähnte, zu beantworten. 

Alles, was ich in Varos von alten Substructionen vorfand, führte, dem Materiale und der 
ganzen Bautechnik nach, auf kaum wenige Jahrhunderte zurück. Nur der Name des nun- 
mehrigen Dorfes „Varos" (Stadt) deutet auf dessen einstige Bedeutung hin. Wirklich stand 
hier noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine bedeutende Stadt mit dem Sitze eines türki- 
schen Vojvoden und noch gegenwärtig tagt hier ein Friedensgericht. 

Im Übrigen ist der Ort unbedeutend, er bildet mit Palilula und Meöidol, eine Gemeinde 
von etwa 50 Häusern mit 4 — 500 Seelen , und wird in seiner Entwicklung durch die Nähe 
des Bezirksortes Nisevce beeinträchtigt. Die ehemalige Stadt lag unmittelbar am Fusse der 
hohen Felswand, Oblik genannt, unter dem Schutze des Schlosses Svrljig, welches das hier 
sehr enge Timokdefile einst hütete. Weithin sichtbar, krönt es die höchste Spitze des Berges. 
Man steigt von den Stadtruinen auf felsigem Pfade unmittelbar aufwärts zum Haupteingang der 
Veste. Er war zwischen zwei mächtigen Felsblöcken (Taf. II, Fig. 6), von kaum 3' Durchlass 
eingezwängt und führte in den höher gelegenen einstigen Vorhof der Burg, welcher beinahe 
in Dreiecksform, von einem sehr starken quadratischen Mittelthurm, einem Rundthurm und 
nach dem Eingange zu abfallenden Mauern vertheidigt wurde. Hinter diesem Vorhofe liegt 
der geräumigere höchste Theil der Veste, durch einen nach der Stadtseite kühn vorspringenden 
zweiten Rundthurm von 2V 2 ° Durchmesser und starke, an den äussersten Rand des in seiner 
ganzen Länge von — W. laufenden Felsplateau's sich anschmiegende Mauern vertheidigt und 
so die nahe Felssteilwand Bogdanica am rechten Timokufer stark dominirend. Die vom Haupt- 



i) Schon die zahlreichen römischen Münzenfimde im Knjazevacer Kreise bezeugen, wie sehr das Gebiet des oberen 
Timok's zu jener Zeit bevölkert war. Ausser der bei Slatina aufgefundenen Sculptur und den Votivsteinen, welche sich 
gegenwärtig im Nacalnikat und Kapitänshause zu Knjazevac befinden, hörte ich von anderen monumentalen Resten im 
Kreise, von Votivsteinen zu Novakovce, in der Klissura u. s. w. 

Denkschriften der phil.-histor. Cl. XVII. Bd. Abhandl. von Nichlmitgliedern. d 



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F. K ANITZ. 



eingange rechts gelegene Schlossseite war, wie an den niedrigen Felsabhängen klebende 
Mauerreste zeigen, durch weitere Vorwerke verstärkt. 

Wie bei den Ruinen der ehemaligen, früher wohl mit dem Schlosse gleichnamigen Stadt, 
lässt Material und Bauweise des letzteren mit Sicherheit annelimen, dass es, wenn nicht ein 
türkischer Bau, wohl der letzten Zeit von Serbiens Unterjochung, keineswegs aber der Römer- 
zeit angehöre. Noch heute sind in dem viereckigen Thurme von zwölf Quadratklafter Durch- 
messer, in den erhaltenen zehn Maueretagen von je 3' Höhe, eingezogene hölzerne Balken 
beinahe unverdorben, was allein schon, abgesehen von der rohen Bautechnik, auf dessen 
nicht weit zurückreichende Entstehungszeit schliessen lässt. 

Zwischen Svrljig und den Ruinen des Schlosses Podvis am Ausgange des Timokdefile's 
sind Spuren der alten Strasse zwischen Nis und Knjazevac erhalten, zu deren Schutz die 
Römer ihr Timacum-majus und Timacum Minus , das Mittelalter aber die beiden Schlösser 
erbaut hatten. Als wir im Timokengpasse unter dem von schwindelnder Höhe herabblickenden 
Gemäuer Svrljig's vorüberzogen, hätten einige zufällig sich losbröckelnde Steine unserer For- 
schungslust für immer ein Ziel setzen können. — Bei jeder Krümmung der engen Fels- 
schlucht wechselten ihre Umrisse in prächtigen Bildern. 

Erst als wir auf schwer zu überkletternden Steilpfaden uns gegen Nisevce hinabsenkten, 
athmeten wir leichter auf, und ich warf einen letzten Blick auf die in der Ferne, über den 
vielzackigen Felsmauern nochmals auftauchenden, einem Adlerhorste gleich an den Felsen 
klebenden Ruinen von Svrljig. 

Am nächsten Tage übernahm der sehr gefällige Capitän des „Srez Svrljicki", Kosta 
Jovano vic, unsere Führung nachSv. Arandjel. Während jedoch mein Dolmetsch, Diener und 
die Packpferde unter Spaso's Commando von Nesevce aus auf den rebenbepflanzten Höhen 
gegen Slivne sich hinbewegten, ritt ich, begleitet von dem Capitän und einem Panduren, hinab in 
die schöne, sich ausweitende Hochebene, zur Untersuchung der bereits erwähnten Trümmer- 
stätte aus antiker Zeit, und stiess erst nach Ubersetzung der Lalinska-rjeka wieder zu unserer 
Caravane. In zwei Stunden hatten wir die Höhe Vetrila erreicht, von der sich mir eine höchst 
instructive Fernsicht auf die südwestlichen Grenzberge des Knjazevacer Kreises eröffnete. 
Von der Guljanska Planina über den Gramadapass, bis zum weit entfernten Ljuti-Vr, 
konnte ich die verschiedenen Höhen peilen und so, anschliessend an die auf meiner Route 
Knjazevac-Pandiralo gewonnenen Winkel, meine von Kiepert bedeutend abweichende 
Terraindarstellung und Begrenzung des Knjazevacer Kreises gegen das Bassin der Nisava, 
noch sicherer begründen. 

Von der Vetrilahöhe senkten wir uns bald in nordwestlicher Richtung abwärts durch 
prächtigen Laubwald bis zu einer Lichtung, welche gleichsam mit einem Schlage den Aus- 
blick über das bereits bulgarische Kravlje weg nach Serbiens südlichsten hohen Grenz- 
gebirgen, den Jastrebac und Kopaonik, "gestattete und die Eintragung einiger wichtiger karto- 
graphischer Daten möglich machte. 

Wir betraten hier den in herbstlicher Schönheit prangenden Forst des ehemaligen Klosters 
Sveti Arandjel. Sein munterer Quellbach murmelte uns ein freundliches Willkommen 
entgegen. Bald darauf erblickten wir das Kirchlein selbst, das in seiner weissen Tünche 
sich gar freundlich aus dem schönen Laubrahmen abhob, den Archäologen aber schon von 
ferne auf eine neue Sünde zinzarischer Restaurationsthätigkeit vorbereitete. Diesmal hätte ich 
beinahe den macedo-vlachischen Baumeistern Unrecht gethan; denn wie eine Inschrift an der 



Keise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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Nordseite der Kirche belehrt, wurde dieselbe im Jahre 1863, unter dem glorreichen Regiment 
Fürst Michail's des III., nicht durch Zinzaren, sondern durch das officielle Bauorgan des 
Kreises umgebaut. 

Ein occidentaler Baumeister (? !) hatte also die ehemalige Nartexscheidemauer der alten 
Kirche ausgebrochen, was aber viel barbarischer, durch das Bedürfniss nicht zu entschuldigen 
und das beste Kriterium für die Ignoranz der Mehrzahl serbischer Ingenieure und ihrer zu 
Belgrad tagenden, alle Plane begutachtenden Oberleitung gibt, auch die gemauerte Ikonostasis 
zerstört, sämmtliche alte Profile verschmiert und jene quadratischen Fenster in den streng 
byzantinischen Bau hineingeschnitten, welche jedes nur einigermassen ästhetisch gebildete 
Auge so sehr beleidigen. Ich bedauerte den Namen des von den besten Intentionen erfüllten 
Fürsten mit der total misslungenen Restauration, gewiss wider dessen Willen, in Verbindung 
gebracht zu sehen. 

Wie mein den styllosen Zubau (Taf. III, Fig. 1) ganz ignorirender Grundriss (Taf. III, 
Fig. 2) zeigt, war Sveti Arandjel — der Tradition nach von den Gebrüdern Radivojeviö 
aus der Bergstadt Rudnik erbaut — vor seiner letzten Umgestaltung ein kleiner Centraibau, 
in dem von mir bereits mehrfach charakterisirten Baustyle, der si ch auf alt serbischem Ge- 
biete, auf der occidentalisch-orientalischen Religionsscheide ausgebildet hatte. 

Auf den Widerlagern der Vierung, welche durch den Hauptraum und die beiden angren- 
zenden halbkreisförmigen Seitenapsiden gebildet wird, erhebt sich ein quadratischer Bau, auf 
welchem der octogonale Tambour der Kuppel ruht und die Wölbungen der Apsiden ein- 
schneiden. Zwischen dem Hauptschiffe und der im Halbkreise aufgeführten Altarapsis befand 
sich die bei der Restauration (?) ganz zwecklos zerstörte steinerne Ikonostasis. Im Süden des 
ehemals byzantinischen Reiches oft wiederkehrend, war sie die einzige mir bekannte in 
Serbien und hätte, vom kunsthistorischen Standpunkte aus, schon desshalb erhalten werden 
müssen. Noch sind die Reste der beiden Pfeiler sichtbar, welche das Königsthor von den 
beiden kleineren Seitengängen schieden, und auch die Widerlager erkennbar, auf welchen 
einst die sie verbindenden Steinbogen ansetzten. An ihre Stelle trat eine geschmacklose 
reich gemalte und vergoldete Holzwand, an jene der drei schmalen, früher rundbogigen 
Lichtöffnungen der Apsis und des Hauptraumes, wie schon bemerkt, styllose quadratische 
Fenster. 

Wunderbarer Weise verschonte der Barbarismus des occidentalen Baumeisters — wir 
wollen seinen Namen der Vergessenheit übergeben — zwei alte, 4y 3 ' hohe, vor. der Ikono- 
stasis freistehende, reichprofilirte und sculptirte Kerzenträger, deren obere säulenförmige 
Hälfte sich aus dem achtseitigen Fusse sehr hübsch im Übergänge fortsetzt. Sie scheinen aus 
der gleichen Zeit mit dem Kirchlein selbst herzurühren und sprechen mit dafür, dass dieses 
der besten Periode serbischer, an anderem Orte von mir e ingehend beleuchteter Kunstthätig- 
keit *) seine Entstehung verdankt. 

Hart neben der Kirche erhebt sich ein roh gezimmerter hölzerner Glockenthurm. Ruft 
seine bescheidene Metallstimme zum Gebet, so ladet das kleine gegenüberstehende Schulhaus 
die Jugend der benachbarten Orte ein, das heute selbst in Serbien vom Bauer geforderte 
Minimum von Kenntnissen sich dort zu erwerben. Aus der national-serbischen Kleiderhülle, 



>) S. Über alt- und neuserbische Kirchenbaukunst, ein Beitrag zur Kunstgeschichte von F. Kanitz. (Sitzungsb. der 
hist.-phil. Classe der k. Akademie d. Wissensch. 1863.) 



28 



F. Kanitz 



des gastfreundlichen Lehrers, dessen trefflich gepflegter Obstgarten die saftigsten Pfirsiche 
auf unsere Tafel setzte, entpuppte sich ein ehemals österreichischer OfFicier — der vom Schick- 
sal hierher verschlagen, an der äussersten Grenze europäischer Civilisation eifrig an ihrer 
Verpflanzung nach Osten arbeitet. 

Bald hinter Sveti Arandjel gelangten wir in das Quellengebiet der in die bulgarische 
Morava mündenden Topolnica. Wir kamen nahe den an den Abhängen des Devicagebirges 
gelegenen Orten: Pirkovce, Davidovce, Radimirovce und Galibabince vorüber, welche die 
Sehe da 'sehe Karte — hier wie grossentheils wo sie serbisch-bulgarisches Gebiet behandelt, 
auf die blosse Copie der russischen Karte und ihre willkürliche orographische Inscenirung 
sich beschränkend — nach der russischen Quelle, auf das rechte Timokufer und das dort ganz 
uncultivirte Bergterrain versetzt. Wir zogen von Radenkovic bis Novoselo in nördlicher 
Richtung aufwärts, gewannen dieselbe nach einer kleinen westlichen Abweichung wieder und 
stiegen nun über einen starkbewaldeten Bergrücken, auf einem theilweise sein- unwegsamen, 
ausgewaschenen Reitpfade, abwärts, nach der berühmten serbischen Therme Alexinacka- 
Banja. 

„Le Bourg de Bagna est un lieu charmant, il j a un chäteau de maconnerie, qui paroit 
fort ancien, il y a des Bains, qu'on dit merveilleux. Iis sont faits de marbre et entretenus 
avec beaueoup de proprete. Les Turcs y viennent de tout cote et m6me de l'Asie." So 
schilderte Graf Schmettau im Jahre 1737 Banja, in seinen „Memoires secrets", nachdem 
der Ort von 500 Husaren unter Festetics genommen worden war. 

Obwohl erst in letzter Zeit aus dem Schutte des serbischen Befreiungskrieges wieder 
erstanden, ist Banja schon heute abermals ein netter aufblühender Ort, welcher nach den von 
mir gemachten Beobachtungen gegen 2% geogr. Meilen östlicher und % Meile südlicher, als 
auf Kiep er t's Karte liegen dürfte. 

Dass die Therme von Banja den Römern bekannt gewesen sei, wurde von einigen Rei- 
senden bereits vor mir angenommen, jedoch nie begründet nachgewiesen. Bei der Erneuerung 
des grossen Bassin's mochte man wohl auf alte Substructionen desselben gestossen sein und 
sich aus jener Zeit die Tradition erhalten haben, dass sie von den „latinski" herrühren, im 
Gegensatze zu dem Oberbau, welcher den Türken zugeschrieben wurde. 

Mehr als die Auffindung einiger verstreuter antiker Ziegelfragmente, welche für die An- 
wesenheit der Römer auf diesem Punkte überhaupt sprachen, wollte auch mir, bei meinem 
ersten Besuche der Therme, im Jahre 1860 nicht gelingen. Im Jahre 1864 jedoch, als ich das 
serbisch-bulgarische Timokgebiet eingehender durchforschte, sollte ich untrügliche Beweise 
dafür erhalten, dass ein ziemlich bedeutender Theil des Oberbaues, des grossen Banjaer Bade- 
bassin's in seiner heutigen Gestalt, von den Römern erbaut sei. Bei starker Kerzenbeleuchtung 
trat ich aus dem grossen, zum An- und Auskleiden bestimmten Vorraum, in den mit einer Kuppel 
überspannten quadratischen Bau, welcher das kreisförmige Badebassin, von etwa 12 Ellen im 
Durchmesser, mit rund herumlaufenden Steinsitzen und nahe an 2 r / 2 Ellen Tiefe, umschliesst. 
Bei eingehender Betrachtung des Mauerwerks fiel mir an Stellen, wo der Mörtel sich abge- 
bröckelt hatte, bald die viel gleichmässigere Construction der vom Haupteingange rechts 
gelegenen Seitenwand auf, sowie der Umstand, dass diese nicht, gleich den übrigen drei Wänden, 
Nischen mit flachgedrückten türkischen Spitzbögen enthielt. Bei weiterer Untersuchung der 
Ziegel, des Mörtels und Gefüges ergab sich, dass diese rechte Seitenmauer wirklich in einer 
Ausdehnung von etwa 30' römisch sei. Sie ist in wechselnden Bruch- und Backsteinlagen auf- 



Heise in Süd-Serbien und Noiid-Bui.garien. 



29 



geführt. Die erste Ziegellage beginnt 19" über der 14y 2 " hohen, längs der Wand laufenden 
Steinbank. Das römische Mauerwerk setzt sich noch etwa 1 in der anstossenden Wand mit 
dem Haupteingange fort und zeigt hier einen ganz wohl erhaltenen schmalen, im Rundbogen 
überwölbten, aus 17" langen, 11" breiten, 3" dicken Backsteinen construirten Canal, welcher 
wahrscheinlich die Bestimmung hatte, die Luftcommunication nach Aussen zu vermitteln. Das 
ganze übrige Mauerwerk und auch jenes, welches die kleineren an das grosse Bassin anstos- 
senden Baderäume umschliesst, ist türkisch, die nicht vor langer Zeit erneute kuppelartige 
Bedachung derselben serbisch. Das Ganze, ein polyglottes Denkmal verschiedener Zeit- 
perioden und Völker, böte ein höheres archäologisches Interesse, wären nicht die einstigen 
römischen Badeeinrichtungen von den nachfolgenden weniger verweichlichten Völkern zer- 
stört worden. 

Die Heilquelle entspringt etwa zehn Schritte entfernt von der äusseren Peripherie des 
Bassin's, tritt in einer schachtförmigen Öffnung mit 46° Celsius 1 ) in die Höhe, aus welcher sie 
in das Bassin geleitet, durch einen Kaltwass er Zulauf auf 35° herabgemildert wird. Von hier 
läuft die Quelle in ein anstossendes kleineres Bassin, das in gewissen Stunden zum ausschliess- 
lichen Gebrauche für Frauen bestimmt ist. 

Eine Viertelstunde südöstlich von der Hauptquelle, entquillt dem kalkigen Boden Banja's, 
eine zweite Quelle, von nahe an 37° Celsius, in einer Stärke von etwa 15 Kubikfuss pro Minute. 
Der Volksglaube schreibt dieser Quelle eine ganz besondere Heilkraft zu und hält sie für 
geheiligt. Man pilgert zahlreich zu ihr, der Kranke wirft einige Para in das Wasser und ist 
von seiner erfolgenden Genesung überzeugt. Wer es aber wagen würde, ein solch geopfertes 
Geldstück herauszunehmen, müsste unfehlbar erkranken. Ich sah viele Münzen im Quellwasser 
liegen. 

Mit Ausnahme eines Zubaues am Bade, bestimmt zur Wohnung für die fürstliche Familie, 
eines stockhohen casernartigen Gebäudes zur Aufnahme fremder Gäste, und der Anstellung 
eines Badearztes, ist bis zur Stunde von Seite der Regierung, des Eigenthümers der Therme, 
nicht das Geringste für den Comfort der Badenden geschehen. Es fehlt an Einzelbädern, einer 
kleinen schattigen Promenade, einer Restauration, u. s. w., mit einem Worte an Allem, an den 
bescheidensten Forderungen, die man an einen Badeort zu stellen pflegt. 

Und doch verdiente die Quelle eine ganz besondere Würdigung. Nach der Analyse 
Herder's (September 1835) ist sie den berühmten Thermen von Gastein im Salzkammergut 
und Pfäffers in der Schweiz gleichzustellen. Wie diese, sind die Banjaer Quellen reine, heisse 
Wasser, mit einer nur geringen Beimengung von Salzsäure und kaum einer Spur von Eisen. 

Einen höchst interessanten Ausflug gewährt der Besuch der nahen Schlossruine des 
„Chäteau de Maconnerie" Schmettau's, im nahen Engpasse der in die Moravica mündenden 
Banjnica. 

Auf steilem Pfade geht es aufwärts zu dem in drei Hauptpartien sich erhebenden mittel- 
alterlichen Bau, dessen höchster Theil in schwindelnder Höhe an einem isolirten Felsen klebt. 
Das Mauerwerk, in welchem ich viele römische Ziegelfragmente entdeckte, ist namentlich in 
den heute zum grossen Theile verschütteten, etwas schwer zugänglichen Souterrains, von unge- 
wöhnlich starker Construction und besonders, in den Wölbungen, mit seltener technischer Voll- 
endung gearbeitet. 



i) Herder. Bergmännische Reise in Serbien. Pest 1835. 



30 



F. Kanitz 



Ein grosser Theil der Burg ist noch wohl erhalten, und bildet eines der schönsten Bei- 
spiele mittelalterlich-serbischer Feudalbauten. Die Aussicht vom Fusse des höchsten Thurmes, 
über die in den Abgründen sich durchwindende Banjnica und die gegenüber sich aufthürmen- 
den, von ihr bespülten hohen Felsmauern hinweg nach der Banjaer Hochebene und den sie 
umschliessenden Bergen, ist prächtig. 

Während ich in Gesellschaft des Doctors diese kleine archäologisch interessante und an 
landschaftlichen Schönheiten reiche Partie machte, hatte der Bezirkscapitän die nöthigen Vor- 
kehrungen zu meiner projectirten Ersteigung des Rtanj's getroffen. Die mir beigegebene offi- 
cielle Begleitung erwartete mich bereits. Die liebenswürdige Gattin des Doctors hatte die 
Bissake meines Pferdes mit kalter Provision und einigen Flaschen Wein gefüllt. Compass, 
Fernglas und Waffen wurden versorgt, die Gewehre geladen und schon nach einer Stunde 

v 

befand ich mich in Sarbanovce am Fusse der Pyramide. 

Einigen Aufenthalt verursachte es, bis der Kniet (Ortsrichter) von seinem Felde herbei- 
geholt wurde. Nach dem Befehle des Capitäns sollte er persönlich die Führung nach der 
Rtanjspitze übernehmen. Ich betrat in Sarbanovce zum ersten Male ein bulgarisches Haus 
und benützte meine unfreiwillige Müsse zu dessen genauer Besichtigung. Bewohner und Ein- 
richtung erregten mein erhöhtes Interesse, da dieses Dorf den weitvorgeschobensten nordwest- 
lichen Posten des grossen Bulgarenvolkes bildet, das ich bald wieder auf dessen eigenstem 
Boden aufsuchen wollte. 

Der Kniet, ein alter freundlicher Mann, hatte sich indessen reisefertig gemacht. Meine 
Begleitung zeigte aber wenig Lust, an der mühevollen Tour Theil zu nehmen. Ich Hess sie 
zurück und trat in der alleinigen Gesellschaft des bulgarischen Ortsrichters die Ersteigung der 
Pyramide an. 

Anfangs ging es im Galopp über die sanft gewellten Anhöhen, welche die Pyramide 
gleichsam als terrassenförmiges Piedestal gegen das Thal der Moravica hin umgeben. Die 
Landschaft hatte hier etwas Traurigverlassenes. Bei einer ärmlichen Hirtenniederlassung 
heftete sich ein Rudel wolfsartiger Hunde heulend und kläffend an unsere Fersen. Ein abge- 
feuerter Pistolenschuss steigerte ihre angeborne Wildheit zur Raserei und wir hatten viel zu 
thun, sie uns vom Leibe zu halten. 

Nach einstündigem, beschleunigtem Ritte durch niederes Laubgehölz, gelangten wir an 
den östlichen Fuss des Berges. Das Aufsteigen von dieser Seite wird durch verwachsenes 
niedriges Gebüsch und zahlreich hervorbrechende Kalkfelsen sehr erschwert, führt aber am 
raschesten zur Spitze. Es gibt hier keinen eigentlichen Pfad. Ich folgte dem Knieten Schritt 
für Schritt, das Pferd am Zügel nachziehend, manchmal erschöpft auf einer Rasenoase aus- 
ruhend, das Auge an der üppigen Flora im Vordergrunde und an dem sich erweiternden Aus- 
blicke in die Ferne erfreuend, um dann wieder rastlos aufwärts zu klettern. 

Endlich war die nahe an 4000' hohe Kuppe erreicht. Ein Ausruf des Entzückens entfuhr 
meinen Lippen über das wunderbare, vor meinen geblendeten Blicken sich entrollende Ge- 
mälde. Mit Zuhilfenahme der geographischen Nomenclatur könnte ich hier wohl die Peripherie 
im Allgemeinen andeuten, welche das weite Panorama umschliesst, unmöglich aber dessen 
lebensvolle Details, ihren Wechsel und ihre Gestaltung, deren mannigfache Farbe und Beleuch- 
tung, die in wunderbar harmonischer Zusammenwirkung die Seele mit überwältigendem Ge- 
nüsse erfüllten. Am meisten fühlte sich mein Blick von dem mächtigen Gebirgsstocke im 
Süden ano-ezo"-en. Die auf Granite-runde himmelan sich thürrnenden Kalkmassen kennzeichneten 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



31 



ihn als den „Balkan", den riesigen Markstein des östlichen Europa's. Unter seinen Gipfeln 
breitete sich das von Viquesnel zuerst etwas näher durchforschte Gebirgsnetz aus, welches 
den classischen thracischen und macedonischen Boden bedeckt. Glänzende Gestalten belebten 
es einst mit beinahe übermenschlichen Thaten, unter ihnen: Philipp von Macedonien. Südöst- 
lich tauchte ein dünner Silberstreifen auf, der „Ister", und die unübersehbare Ebene an seinem 
linken Ufer, jüngst „Romanien" getauft. Sie wird noch heute von Abkömmlingen der Legionen 
bewohnt, die einst Trajan zur Bewältigung des wilden Decebalus über seine vielbogige Donau- 
brücke führte. 

Ich übersah ferner die ganze östliche Hälfte Serbiens, bis zu ihrem nördlichsten Punkte, 
der im Sonnenlichte erglänzenden Veste, wo „Prinz Eugenius" den Lorbeer sich geholt, dann 
die vielen historisch berühmten Donauburgen, welche Griechen, Römern, Byzantinern, Slaven, 
Magyaren, Türken und Deutschen so begehrenswerth erschienen, dass die ihretwegen geflos- 
senen Blutströme selbst ein weites Flussbett füllen könnten. Den Mittelgrund des weiten 

v 

Bildes bedeckten die reichen serbischen Eichenforste, die düstere Sumadia, in deren Thälern 
Kara Gjorgje und Milos zuerst die hochfliegenden Freiheitsbanner entrollten. 

Im Südwesten zeigten sich endlich einzelne Punkte des „altserbischen" Reiches aus seiner 
Glanzperiode. Hohe Gebirge, in deren Schluchten der Kampf zwischen dem Kreuze und Halb- 
mond noch immer von Neuem entbrennt, deren Wälder das Todesröcheln der für ihre Freiheit 
verblutenden Kämpfer erfüllt. 

An einen mächtigen Kalksteinblock gelehnt, um den rothe Nelken, zu weissen verblasst, 
und isländisch Moos lieblich blühte und grünte, sah ich lange Zeit hinaus stumm und sinnend 
in die luftige, mit dem Äther sich vermählende Ferne und hätte, meiner Aufgabe ganz verges- 
send, noch lange halb bewusst, halb träumend, der wechselnden Völkergeschicke gedacht, 
welche das grosse, vor mir ausgebreitete Stück Welt, von der classischen Vorzeit bis auf 
unsere Tage, an sich vorüberziehen gesehen und der schwer zu errathenden Zukunft, die 
seiner harrt — würde mich nicht mein vorsorglicher alter Begleiter meinem Sinnen entrissen 
haben. Er hatte meinen Mantel vom Sattel abgeschnallt, bemerkte, dass es kühl wäre, hängte 
mir ihn um und bot mir treuherzig einen Stärkungstrunk aus seiner mit Rakija gefüllten 
Cutura. 

Ich griff nun nach meiner Mappe, und begann die Profile des herrlichen Panoramas zu 
conturiren. Es sind dieselben, welche Viquesnel in seiner „Voyage dans la Turquie de 
l'Europe" x ) veröffentlichte. Hier noch einige geographische Details zu ihrer und der voraus- 
gegangenen allgemeinen Schilderung Ergänzung: 

Die weite Fernsicht beginnt mit der kaum übersehbaren romanischen Ebene in Osten. 
Getrennt durch die Donau, schliesst sich ihr im Süden die bulgarische Balkankette mit ihren 
bis gegen den Timok sich verschiebenden Ausläufern an. Es folgen hierauf die Kuppen des 
hohen Suvagebirges bei Nis, und mehr im Vorgrunde das Ozren- und Cuckovacgebirge, 
zwischen welchen die Moravica fliesst. Uber diesen Höhen öffnet sich das Thal der bulgari- 
schen Morava, begrenzt von dem Jastrebac und in weiterer Entfernung von dem Kopaonik- 
stocke überragt. 

Dieses nahezu fünf Breitengrade umfassende Rundbild übersieht das Auge von einem 
Standpunkte aus. Verkehrt man denselben und richtet den Blick nach Norden, so erblickt 



i) PI. 33. 



32 



F. K ANITZ 



man aber sämmtliche Bergreihen, die den Osten, Westen und Norden Serbiens erfüllen und 
am Ibar sich zu dessen höchsten Punkten thürmen. Man sieht aber auch weit über Serbiens 
Grenzen weg, bis nach Syrmien, Ungarn und den Bergen Transsylvanieus. 

Im nördlichen Vorgrunde erblickt man die Einschnitte des Lukavica- und Krivi-Vrge- 
birges, in welchem die Lukavica-rjeka und andere Quellen des mali Timok entspringen. Vom 
Rtanj kann man seinen Lauf genau verfolgen und selbst die Lage Zaiöar's erkennen, hinter 
dem sich der mali Timok mit seinem bulgarischen Bruder, dem „veliki Timok", vereinigt, um 
dann der Donau zuzufliessen. 

Der Rtanj ist ein Längenberg. Sein südwestlicher Fuss besteht nach Herder aus Grau- 
wacke und Grauwackenschiefer, der in seiner Schichtung je weiter zur Spitze sich immer 
mehr aufrichtet. Hierauf folgt Kalkstein. Man kann die einzelnen Schichten auf die ganze 
Länge des Berges verfolgen. Die Nordostseite zeigt schroffe Abfälle und Wände in plötzlich 
emporsteigenden, gewundenen Schichten, so dass man die gewaltsame Emporhebung an der 
Südostseite, wo der Sienit- Porphyr liegt, deutlich wahrnehmen kann. Ein prächtiger Fichten- 
wald zieht auf dieser Seite bis zum Gipfel hinan, der einzige, den ich im ganzen östlichen 
Serbien zu sehen Gelegenheit fand. 

Ich hatte meine Aufnahmen vollendet, wollte noch vor dem Einbrüche der Nacht in 
Banja eintreffen und musste daher dem fesselnden Rtanjbilde Lebewohl sagen. Von Klippe 
zu Klippe springend, ging es in südwestlicher Richtung abwärts. Wir nahmen zuvor noch den 
Weg nach der berühmten Eishöhle (Ledenica), die am Abhänge des Rtanj in einem dichten 
Laubwalde liegt. Der Schacht der Höhle geht im Kalkstein nieder, ist mit Schlingpflanzen 
dicht überkleidet, etwa 10' breit und etwa 70' tief. Auf einer beinahe senkrechten Leiter aus 
rohen Baumstämmen gezimmert, klettert man nicht ohne Schwierigkeit hinab auf den Grund 
der Höhle, in der im Frühjahre sich das Eis bildet, im Sommer an Mächtigkeit wächst, um im 
Herbste zu schmelzen. In der Nähe dieser Höhle kommen noch viele kesseiförmige Vertiefun- 
gen im Kalksteine vor. Theilweise überdacht, gewähren sie den Hirten und deren Heerden 
während der Sommerzeit ein geschütztes Unterkommen. 

Wir durchritten mehrere Gehölze und befanden uns bald auf der schon am Morgen 
berührten Hirtenniederlassung. Nach einem glücklich überstandenen Kampfe mit den Wolfs- 
hunden, die wir diesmal mit Knütteln tüchtig zurechtwiesen, kehrte ich über Sarbanovce, 
begleitet von der Kühle eines plötzlich aufsteigenden Gewitters, nach Banja zurück und 
beschloss im Kreise der mir rasch befreundeten Doctorfamilie einen der genussvollsten und 
zugleich resultatreichsten Tage meiner serbischen Reise. 

Als ich am nächsten Morgen über die Banjaer Hochebene hinfuhr, wurde es mir klar, 
dass sie, wie die ganze Umgebung Banja's, das Product einer gewaltsamen Erhebung sei. An 
einem hübschen, vom Fürst Milos erbauten Brunnen vorüber, erreichten wir in einer Stunde, 
nach Übersetzung der Topolnica, die Klisura (Engpass) und zwei Stunden laug fuhren wir 
wohl durch das wildromantische Engthal der Moravica zwischen dem Cuckovac- und Ozren- 
gebirge , deren Glimmerschieferwände sich oft zu beiden Seiten hoch und steil auf- 
thürmten. 

Vor Balvan, in der Nähe des Brückenüberganges, zweigt sich die Strasse nach Deligrad 
und hinter dem Dorfe, die nach Belgrad, von jener nach Alexinac ab. Im Rücken des, allem 
Anscheine nach sehr wohlhabenden Ortes, schliessen sich die Thalwände enger zusammen. 
Links nach Ubersetzung des Baches zeigt sich die Ruine einer mittelalterlichen Burg, welche 



Eeise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



33 



mit einer zweiten gegenübergelegenen, das enge Defile, das sich erst später bei Kraljevo wie- 
der ausweitet, einst vollkommen beherrschte. 

Angelehnt an die Höhen rechts vom Flüsschen, stand auf der Stelle dieses Dorfes einst 
eine bedeutende Stadt. Ich fand dort die Ruinen zerbröckelnder Dzamien und anderer Gebäude 
und nach den Versicherungen des Kreisingenieurs von Alexinac sind hier beim Strassenbau 
römische gestempelte Ziegelsteine gefunden worden. 

Auf dem Wege nach Kraljevo kamen wir in der Nähe der Telegraphenleitung an einem 
weiten Grabfelde mit rohbehauenen Grabsteinen aus Glimmerschiefer vorüber, das den An- 
wohnern zu den übertriebensten Schilderungen Anlass gibt. Nach diesen enthielten die Gräber, 
„latinski" und „zidovski groblje" (Römer- und Heidengräber) von den Eingebornen genannt, 
Gebeine einer riesigen Generation von 6' Körperlänge und besonders starkem Knochenbau. 
Eine auf Autopsie beruhende Untersuchung sollte zur Aufhellung dieser stark verbreiteten 
Fabel führen. Auf meiner ersten Reise (1860) gebrach es mir leider an Zeit und der nöthigen 
officiellen Erlaubniss zu einer solchen. Im Herbste 1864 holte ich das damals Versäumte nach, 
opferte meinem Forschungsdrange in dem schlechten Hane von Balvan eine schlaflos zuge- 
brachte Nacht, um früh am Morgen mit den Ausgrabungen zu beginnen, die bei der primiti- 
ven Construction aller ländlichen serbischen Werkzeuge voraussichtlich viele Zeit in Anspruch 
nehmen musste. Wirklich dauerte es trotz all meiner Aneiferung mehrere Stunden, bis wir bei 
dem zuerst eröffneten Grabe auf das Gerippe stiessen. Die Umfassung dieser Grabstätte 
bestand, wie die der meisten übrigen, aus rohen unbehauenen Felsblöcken, von welchen je 
zwei der Länge nach als Schutzmauern zu beiden Seiten das Grab umrandeten, einer am Fuss- 
ende und ein hochaufgerichteter am Kopfe die Grabesform im länglichten Vierecke ab- 
schlössen (Taf. III., Fig. 3). Obwohl ich zur Eröffnung ein Grab gewählt hatte, welches sich 
durch besondere Grösse seiner Umfassungssteine auszeichnete und eine hier beerdiote aus- 
gezeichnete Persönlichkeit voraussetzen Hess, war es mir bei aller Aufmerksamkeit, mit welcher 
ich die ausgeworfene Erde untersuchte, nicht möglich, irgend einen Gegenstand zu finden, 
welcher zu näheren Aufschlüssen über das fabulose Grabfeld hätte führen können. Ausser 
einigen Thonscherben, welche jedoch bald nach Wegräumung der Grasdecke zum Vorschein 
kamen und einer jüngsten Zeit anzugehören schienen, zeigte die 5' tiefe, ein männliches 
Skelett bedeckende Erdschichte, so wenig wie dieses selbst, etwas Bemerkenswerthes. Weder 
hatte es eine besondere Grösse, da es vom Kopfe in unverrückter ausgestreckter Lage nur 
5' 5" mass, noch fand sich ein Ring mit geschnittenem Steine vor, wie deren meine grabenden 
Bauern in anderen eröffneten Gräbern gefunden haben wollten. Ich hatte zu viel schlimme 
Erfahrungen bezüglich der Treue ähnlicher Behauptungen gemacht, als dass ich nach dem 
ganz erfolglosen ersten Versuche weiter Zeit, Geld und Mühe an den „zidovski groblje" ver- 
schwendet hätte. Ich begnügte mich, eine Skizze des Grabfeldes und den Schädel des Skelettes 
mit mir zu nehmen, um sie in Wien dem auf craniologischem Gebiete und um die Erfor- 
schung des Todtencultus aller Völker hochverdienten Herrn Professor Romeo Selig mann 
zu näherer Bestimmung zu übergeben. 

Von Kraljevo fuhren wir auf dem rechten Ufer der Moravica durch gut bestellte Culturen 
hin, die das Weichbild von Alexinac wohlthuend einschliessen. Ich sah den Ort, auf welchem 
dessen türkische Palanke lag, die es im Jahre 1737 gegen die anrückenden Österreicher ver- 
theidigen sollte. Sie leistete jedoch so wenig Widerstand, wie jene des nahen Razanj, nachdem 
General Miglio mit 12 Grenadiercompagnien , 1000 Pferden und 6 Geschützen vor ihr 

'Denkeclmfteii derpnilos.-hietor. Ol. XVII. Bd. (AbnaudL von Nientinitgledem.) c " 



34 



F. Kanitz 



erschien. Als ein Beitrag türkischer Befestigungskunst jener Zeit möge hier nach Graf 
Schmettau 1 ) eine Schilderung der Construction der oft erwähnten „Palanken" folgen: 

„Die Palanken erheben sich gewöhnlich an den Grenzen oder an den Hauptstrassen 
nahe den Städten oder Dörfern. Sie bestehen aus einem Quadrate, umgeben von einem Graben 
und dicken Pallisaden, sehr hoch bis an die Spitzen mit Erde verkleidet. In der Mitte befindet 
sich gewöhnlich ein gemauerter oder hölzerner Thurm, zum äussersten Zufluchts- und Aus- 
lugspunkte bestimmt. Es gibt auch Palanken, wie jene von Temesvar, bestehend aus dicken 
Bäumen oder Balken, durch Eisenklammern mit einander verbunden, hinter welchen ein Wall 
sich erhebt und davor ein breiter Wassergraben. Diese Befestigungen bewähren sich besser 
als die gemauerten Wälle." 

Aus der Ferne gesehen, gewährt Alexinac, ein junges aufblühendes Städtchen, ein freund- 
liches Bild. Beim Eintritte löst sich jedoch das grün umrahmte Ganze in, einander zum Ver- 
wechseln ähnliche, höchst monotone Strassen auf. Es hat blos ganz unbedeutende Bauten und 
nur die Kirche, mit dem Naöamikat und dem Hause des englischen Tatar's, formiren eine Art 
Platz, der ein wenig an kleine europäische Städte erinnert. 

Auf der Carsia von Alexinac erblickte ich zum ersten Male in Serbien das albanesische 
Kostüm. Das albanesische Element ist seit Jahren von seinen Steilbergen herabgestiegen und 
hat sich in der fruchtbaren Rinne der vom serbischen Grenzberge Kopaonik herabkommenden 
Toplica eingenistet. Ein Keil zwischen Serben und Bulgaren, verkehrt es nun mit beiden 
friedlich in dem auf der Scheide der drei Völker entstandenen Städtchen; während es, ausser- 
halb der Schranken des serbischen Kastells, feindlich seinen christlichen slavischen Nachbarn 
gegenübersteht. 

Das junge Alexinac bildet, begünstigt durch seine Lage an der bulgarischen Grenze, 
einen wichtigen Knoten- und Durchzugspunkt an der grossen, von Mitteleuropa nach Con- 
stantinopel führenden Post- und Waarenstrasse. Mit der Verbreitung erhöhter Cultur in diesen 
Ländern wird sich auch dessen Bedeutung steigern. Die Personenfrequenz ist gegenwärtig in 
keiner Quarantaine Serbiens so stark als zu Alexinac. Durch die Thore seines Kastells zieht 
alljährlich der grösste Theil jener 15 — 18.000 Bulgaren und Zinzaren, die als Häuser-, Feld- 
und Gemüsebauer den Sommer über in Serbien Besckäftigrmo- suchen, um im Winter auf 
demselben Wege mit ihren Ersparnissen in die Heimat zurückzukehren. 

Uber Alexinac wandern mittelst Lastthierkaravanen die Rohproducte Bulgariens und 
Thraciens: Corduanleder, Häute, Wolle, Bau- und Tischlerhölzer u. s. w. in die österreichi- 
schen Fabriken, um verarbeitet theilweise als theuere Industrieproducte die Bazare von Nis 
bis Adrianopel und Sofia zu füllen. 

Der grösste Theil europäischer Fabrikate für die berühmten Messen von Islivne am 
Balkan, Monastir in Thracien und Uzundzi in Bulgarien, auf welch' letzterer an 100,000 
Menschen aus allen Theilen der europäischen und asiatischen Türkei bis Persien, und Kauf- 
leute aus Italien, Deutschland und der Schweiz zu einem wunderbar polyglotten Menschen- 
gewirre zusammenströmen, nimmt seinen Weg gleichfalls über Alexinac. 

In richtiger Erfassung dieser alten Handelstraditionen und der örtlichen physikalisch- 
geographischen Verhältnisse, zog Ami Boue und nach ihm v. Hahn, wie ich schon in der 
Einleitung bemerkte, die Eisenbahnlinie von Belgrad nach Salonik, als Fortsetzung der 



i) Mcmoires secrets. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 35 

grossen eisernen Verbindungsstrasse zwischen der Nordsee und dem Mittelmeere über 
Alexinac, das schon gegenwärtig einen wichtigen Zwischenpunkt des europäisch-türkischen 
Telegraphennetzes bildet. 

Der heutige Wohlstand Alexinac's fällt aber grösstenteils mit der Errichtung der serbi- 
schen Quarantaine im Jahre 1836 zusammen. Im Südosten Europa's war und ist es insbeson- 
dere die orientalische Pest, die Cholera und die Viehseuche, welche die Einrichtung und 
Erhaltung geordneter Quarantaineanstalten verlangten. Das System derselben in Serbien wurde 
genau dem österreichischen nachgebildet. Osterreichische Arzte und Contumazbeamte richteten 
dasselbe ein und wurden zu dessen Handhabung angestellt. Es theilt also mit seinem Vor- 
bilde dessen Vorzüge und Schwächen. 

Einer eingehenden Kritik unterzieht das Letztere ein Aufsatz zweier berufener Fach- 
männer in der „österreichischen Revue" 1 ). Ich verweise auf denselben, als eine gründliche 
Arbeit, die sich nicht blos auf negative Standpunkte beschränkt. Sie erkennt das Zweck- 
mässige des Bestehenden an und gibt andrerseits positive Vorschläge zu Verbesserungen, 
welche durch die veränderten Gesichtspunkte der medicinischen Wissenschaft, des ausgedehn- 
ten Verkehrs und der Fortschritte auf allen Gebieten der internationalen Gesetzgebung der 
Gegenwart dringend geboten erscheinen. 

Man wird in diesen Auslassungen mit Genugthuung, hier und da vielleicht mit Uber- 
raschung, die scharfe Unterscheidung bemerken, welche der ausgezeichnete Fachmann Prof. 
Dr. Sigmund zwischen den halbsouveränen Donaufürstenthümern und der Türkei hervor- 
hebt. Wie auf allen civilisatorischen Gebieten haben diese jungen Staaten der von den Turko- 
philen vielgepriesenen Türkei einen gewaltigen Vorsprung abgewonnen. Erst nachdem Ser- 
bien vorausgegangen war, folgte die Türkei mit ihren Quarantaine-Einrichtungen nach. Doch 
wie alle neueren reformirenden Gesetze, hatte, auch das Quaratainegesetz mit den im Koran 
wurzelnden Volksvorurtheilen zu kämpfen und seine strikte, den Nachbarstaaten vollkommene 
Garantien bietende Durchführung ist bis heute ein frommer Wunsch geblieben. 

Was beispielsweise zuletzt aus Bosnien verlautet, klingt geradezu unglaublich für Den- 
jenigen, der nicht türkische Zustände aus eigener Erfahrung kennt. Die österreichische 
Regierung hatte während der im Jahre 1863 in Bosnien ausgebrochenen, ihre eigenen Staaten 
bedrohenden Viehseuche, zwei Arzte dahin gesandt, um die türkischen Behörden mit zweck- 
mässigen Rathschlägen zur Unterdrückung der Seuche zu unterstützen. Dr. Maly berichtete 
über seine Wahrnehmungen aus Serajevo an die Laibacher „Novice" : dass die Seuche nach 
der Vernichtung fast des ganzen Viehstandes ihrem Ende entgegengehe, dass er und sein 
College nur durch den österreichischen Generalconsul — denn die türkischen Behörden seien 
mit dem Zustande des Landes ganz unbekannt und Hessen sie ohne Unterstützung — vier 
Dörfer, in denen es noch krankes Vieh gab, in Erfahrung gebracht und an Ort und Stelle die 
bezüglichen Anstalten getroffen haben. Es wurde von ihnen eine kurze Belehrung in der 
Volkssprache über die Behandlung des kranken Vieh's herausgegeben. Sie wollten ferner 
Vorschriften wider die Rindviehseuche, ein Gesetz für die Fleisch- und Viehbeschauer und 
andere nützliche Verhaltungsmassregeln in dieser Richtung verfassen. 

Die Quarantaine-Einrichtungen der Türkei erhalten auch von Seite Prof. Sigmund's 
die verdiente Verurtheilung. Im Gegensatze sieht er jedoch die Aufhebung aller Sperrmass- 



<) Oesterreichische Revue 1863, Band 3. 4. 5. 



36 



F. Kanitz 



regeln gegen die Donaufürstenthünier als „eine der nächsten und wichtigsten Aufgaben" zur 

Reformirung des österreichischen Quarantainewesens an. 

Bei dem Orte Kraljevo, eine Stunde entfernt von Alexinac, an der vom Römerbade Banja 

herabkommenden Moravica gelegen, öffnet sich das Engthal des Flüsschens und es tritt hin- 
aus in das weite Thal der bulgarischen Morava, einer grösseren Ansiedlimg Raum gebend. 

Wie schon früher bemerkt, sah ich bei Kraljevo (Königsstätte) die Ruinen alter Befesti- 
gungen und Stadtreste, insbesondere verfallener Moscheen, welche beweisen, dass hier noch 
zur Türkenzeit ein bedeutender Ort sich befand. Auch führt bei Kraljevo die von Alexinac 
nach Cupria und Belgrad führende grosse Strasse hart vorüber. Leider konnte ich auf meiner 
Fahrt durch Kraljevo nichts zur Aufhellung seiner interessanten archäologischen Reste unter- 
nehmen. Es bleibt dies weiteren Forschungen vorbehalten, die wahrscheinlich ergeben dürf- 
ten, dass Präsidium Pompei nicht wie Boue meinte, an der Stelle Razanj's, sondern bei 
Kraljevo lag, wo es schon Manne rt, ohne den Ort zu kennen, und ohne von dem Funde 
römischer Ziegel dort unterrichtet zu sein, einzig nach den Maassen der Peutinger'schen Tafel 
vernmthete. 

IV. Von Nis über Bela-Palanka nach Pirot, 

Die Position von Nis ist für die Türkei von höchster strategischer Wichtigkeit. Sie wehrt 
den feindlichen Serben den Eintritt in das Innere Mösiens und hält, gestützt auf die krie- 
gerische, albanesische Bevölkerung in seiner unmittelbaren Nähe, zugleich die zum Aufstande 
geneigten Bulgaren im Schache. 

Andererseits bildet Nis ein befestigtes Lager, aus dem die Türken, wie dies oft in den 
serbischen Unabhängigkeitskriegen und in früheren Kriegen mit Osterreich geschehen ist, zu 
jeder Zeit, leicht hervorbrechen können. Nichts ist im Stande sie auf ihrem Marsche längs der 
bulgarischen Morava ernstlich aufzuhalten. Die Kreise von Alexinac und Knjazevac bieten nur 
wenige günstige Defensivpunkte. 

Der Geschichtskundige kennt die grosse Rolle, welche die Naissus Ebene in den römi- 
schen Weltkämpfen spielte. 

Zur Zeit der ersten Uberfluthung des Südens von Europa durch die Türken, entschied 
die Eroberung Nis's durch Sultan Amurad im Jahre 1386 das Los des bis dahin unabhängigen 
Serbenstaates. Knjez Lazar wurde dem Türkensultan zinspflichtig und die Katastrophe von 
Kosovo, welche drei Jahre später folgte, besiegelte nur den Untergang dieses unglücklichen 
serbischen Fürsten und seines Reiches. Die Besetzung Nis's durch Hunyad 1443 war nur eine 
vorübergehende und seit dessen Niederlage bei Varna sah die Veste bis zum Jahre 1689 keinen 
christlichen Feind mehr vor ihren Wällen. 

Mit der Eroberung Nis's waren die Feldzüge unter dem Markgrafen von Baden, im 
Jahre 1689, und unter Marschall Seckendorf, im Jahre 1737, gegen die Türken entschieden, der 
Schlüssel bis zum Bassin von Sofia in den Händen der Sieger. Mit dem Verluste Nis's zu 
Ende 1737, waren andererseits die Kaiserlichen gezwungen, ganz Serbien bis zur Save zu 
räumen und später den Frieden von Belgrad anzunehmen. 

In allen diesen hier flüchtig berührten Kämpfen, standen die Vorgänge am Timok und 
an der Donau in inm™«* 01 ' Wechselbeziehung und gleich dringend wie vor 1800 Jahren, wie 



Reise in Süd-Seebien und Nord-Bulgarien. 



■61 



in den österreichisch-türkischen Feldzügen und im serbischen Befreiungskämpfe, ist auch heute 
das Bedürfniss einer kurzen, gesicherten Verbindungsstrasse zwischen den Bassins der Nijäava 
und der Donau geblieben. 

Als im Jahre 1862 die Pforte gegen das aufgeregte Serbien rüstete, hemmte der Verlust 
der durch das feindliche Territorium laufenden natürlichsten Verbindungsstrasse zwischen 
Nis und Vidin, entlang dem serbischen Timok, ihre Truppendisloscirungen und die Herstellung 
einer neuen Strasse erwies sich bald als eine unabweisbare Notwendigkeit. 

Erst 1863 wurde jedoch von beiden Endpunkten, von Nis und Vidin, energisch ihre Voll- 
endung betrieben und im Herbste die ganze Strecke des Nisaer Ejalets von dessen eifrigem 
Gouverneur Mithad Pascha (gegenwärtig in Rusöuk) dem Verkehr übergeben. Auf der Vidiner 
Seite bot das nach Belogradöik führende, felsige, drei Stunden lange Defile der Stolovikä mme 
grosse Schwierigkeiten. Nunmehr ist der ganze Strassenzug beendet. Seine Trace führt von 
Nis über die Höhen der Suva Planina hinab in das Thal der Nisava, welche sie bei Ak-Palanka 
übersetzt, durchzieht das Quellengebiet des Trgoviski Timok's — Vorberge des Chodza 
Balkans — die sie durch den Sveti Nikoljapass übersteigt, und senkt sich dann jenseits hinab 
in das Quellengebiet des Lom, um bei dem Orte Valkovce, in einem Zweige dem Laufe dieses 
Flusses folgend, die wichtige Handelsstadt Lom-Palanka an der Donau und mit einem zweiten 
über Belogradöik die Festung Vidin zu erreichen. Die türkische Regierung hat sich durch die 
Einführung eines geregelten Fahrpostverkehres auf diesen Strecken ein grosses Verdienst 
erworben. 

Darf aber auch nicht gezweifelt werden, dass mit dem Wegfalle der zwingenden Motive, 
welche die Pforte zur Anlage der neuen Strasse geführt haben, der nur künstlich abgelei- 
tete Personen- und Waarenzug ihren natürlichen Weg wieder über Serbien einschlagen werden; 
so ist dieses doch durch die Ableitung des Transitoverkehres von seinem Territorium, durch 
den Verlust der erhobenen Durchgangszölle, ganz abgesehen vom strategischen Gesichts- 
punkte, gegenwärtig materiell sehr geschädigt worden. Belgrad und Alexinac haben eben so sehr 
verloren, als Lom-Palanka und Nis durch den neuen Strassenzug eine erhöhte Geltung gewon- 
nen haben. 

Die grosse handelspolitische Bedeutung von Nis, als des künftigen Gabelpunktes der 
projektiven Schienenwege von Belgrad-Salonik und Belgrad-Constantinopel, habe ich bereits 
in der Einleitung berührt, ebenso den hohen strategischen Werth dieses wichtigen Bollwerkes 
von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart herab geschildert. Fassen wir alle diese Momente 
zusammen, welche Nis und dem Territorium, dessen natürliche Hauptstadt es bildet, eine 
seiner reichen Vergangenheit gleich verheissungsvolle Zukunft eröffnen, so steigert sich unser 
Staunen, die kartographische Darstellung dieses für die Türkei und ihre Nachbarstaaten 
hochwichtigen Gebietes bisher so vernachlässigt zu sehen. 

Die Terrainzeichnung und das Topographische unserer besten Karten zeigen, selbst ent- 
lang der grossen, über Nis führenden Constantinopler Hauptstrasse, die gröbsten Unrichtig- 
tigkeiten, rechts und links ab von derselben und namentlich an der vielbefahrenen Donau 
aber solche Fehler, dass es Mühe kostet, die dargestellten Territorien wieder zu erkennen. 
Es ist von hohem Interesse, die Geschichte der kartographischen Darstellung des nördlichen 
Bulgariens im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte zu verfoloen, zu beobachten, wie mühsam 
in beständigem Vor- und Rückschreiten die Wahrheit sich Bahn bricht, um dann oft durch 
die manchmal unenträthselbare That eines Einzelnen auf lange wieder verdunkelt zu werden. 



38 



F. Kanitz 



Es wird sich mir in einer späteren Publication Gelegenheit bieten, dieses fortwährende Fluthen 
in unserer Kenntniss der fraglichen Gebiete näher zu beleuchten und das hier allgemein Aus- 
gesprochene an der Hand der vorzüglichsten Karten von IG 88 bis auf die neuesten Stiche 
herab zu motiviren. 

Consul v. Hahn, welcher schon früher wesentliche Beiträge zur Verbesserung der alba- 
nesischen Karte lieferte, war es durch seine Reise „Von Belgrad nach Salonik" *) vorbehalten, 
auch die an dieser Route liegenden bulgarischen Gebiete topographisch näher zu erforschen. 
Die Bereisung der bulgarischen Nordspitze im Osten und Süden von Nis lag aber ausserhalb 
seines Reiseplanes und der Tour v. Barth's im Jahre 1862. Die nähere Erforschung dieses 
Terrains, diese schwierige, aber auch desshalb interessante Aufgabe, war mir auf meiner Reise 
im Jahre 1864 zugefallen. 

Nach den in den vorausgegangenen Abschnitten bereits geschilderten Reiserouten, 
welche ich von Nis aus an der bulgarischen Morava und im südlichen Serbien ausführte, ver- 
liess ich die nordbulgarische Capitale neuerdings , die grosse Strasse nach Sofia und Con- 
stantinopel einschlagend. 

An dem „Schädelthurm" und dem Orte vorüber, an welchem ich die ersten monumen- 
talen Reste des alten Naissus aufgefunden hatte, fuhr ich dem südöstlichen Punkte der bei- 
nahe wagerechten Nisaer Ebene zu, deren orographische Umgrenzung ich auf S. 5 im All- 
gemeinen umrissen habe und die nun hier näher charakterisirt werden soll. 

Zur Rechten begleiteten mich die nordöstlichen Gehänge der Ausläufer der Suva- 
Planina, deren westliche Abhänge das Bett der bulgarischen Morava begrenzen und die 
Ruinen von Kurvingrad krönen. Nach Kiepert's Karte hätte ich hier an dem Dorfe 
„Matjivatz" vorüberkommen müssen, dasselbe liegt jedoch östlich von Nis an der Strasse nach 
Gramada 2 ). 

In gleicher Linie mit dem Dorfe Brsibrod angelangt, bog ich auf einem Vicinalwege von 
der grossen Poststrasse nach rechts ab, zu einem kurzen Besuche des seiner heissen Quelle 
wegen berühmten Bades Banja. Das Terrain erhob sich nur allmälig zum Fusse des hübsch- 
bewaldeten Berges, an dem die Heilquelle entspringt, welche grosse Ähnlichkeit mit jener 
von Mehadia besitzen soll. Das Bassin, in dem sie gefasst ist, hat eine kreisrunde Form und 
ist von einem wenig zierlichen Oberbau von unregelmässigem Mauerwerk umschlossen, 
welcher das Eindringen des Tageslichtes nur durch einige kleine Öffnungen gestattet. Bei der 
grossen Vorliebe der Moslims für heisse Mineralquellen gehört Banja zu den Lieblingsaus- 
flügen der Nisaer Bevölkerung. Einst, und zwar noch nicht seit lange, muss es eine viel grös- 
sere Bedeutung gehabt haben. 

Ich sah daselbst am linken Ufer der zur Nisava hinabflies senden Banjica die Ruinen 
eines, der Architektur unif zwar den arabisch-spitzbogigen Fenster- und Thürabschlüssen 
nach -zu urtheilen, türkischen Schlosses, neben welchem die Mauern und das Minaret einer 
verlassenen Moschee in die Luft ragen. Die römischen Ziegelsteine, welche ich etwas höher 
im Schutte der Rudimente anderer Bauten fand, dann die zahlreichen Funde antiker Münzen 



') K. Akademie der Wissenschaften. XI. Band der Denkschriften der phil. hist. Clasae. 

2 ) Boue's ßoutier „Nis-Sophia" IV. Band. 506, dem Kiepert grossentheils folgte, leidet an vielen Unrichtigkeiten. 
Unter andern fuhrt es die Dörfer Kujesselo, Mataevci u. s. w. rechts von der Strasse auf, während sie an jener nach 
Serbien liegen, auch ist der Lauf der Kutinska rjeka irrig angegeben. 



Eeise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



39 



an dieser Stätte rechtfertigen wohl in Anbetracht des hochgestiegenen römischen Badecultus 
die Annahme, dass Banja gewiss schon den Römern bekannt war und dass weiter, wenn wir 
seine reizende, pittoreske Lage in Betracht ziehen, hier wahrscheinlich jenes Medianum einst 
gestanden habe, dessen Ammian 1 ) als eines zu Naissus gehörigen Fleckens und Lustortes 
mit einer kaiserlichen Villa, erwähnt. Seine mit 3 Mill. angegebene Entfernung entspricht zu- 
dem genau jener zwischen Banja und Nis. 

Das eingetretene schlechte Wetter hinderte mich hier an Nachgrabungen und zwang 
mich bald wieder, die grosse Poststrasse aufzusuchen. Nach Übersetzung der Jelasnica verlässt 
sie bei dem Blockhause Mahmud-Pascha-Han die grosse Nisaer Ebene, deren Maisculturen sie 
durchschneidet, und tritt in ein schmales Defile der Suva-Planina. 

Hier drängte sich mir, bei Betrachtung unserer heutigen besten Karte der europäischen 
Türkei von Kiepert, bald die Frage auf, wesshalb folgt die Strasse von Nis nach Sofia nicht 
dem nur wenig gekrümmten Laufe der Nisava, anstatt ohne scheinbare Notwendigkeit oft 
bedeutende Höhen zu überschreiten? Die Frage beantwortet sich, sobald man erfährt, dass 
die kartographische Darstellung des Terrains, durch welches die Nisava von Nis bis Ak- 
Palanka läuft, bei Kiepert sehr irrig ist. In Wahrheit zieht der Fluss zwischen diesen 
beiden Punkten in einer bedeutenden Länge (von Tamjanica bis kurz vor Malöe) durch 
ein Defile mit solch' steilen Abfällen, dass die Anlage einer Strasse in demselben nur 
mit ungeheuerem Kräfteaufwand hergestellt werden könnte. — Diese hohen Steilmauern, 
durch welche sich die Nisava in beinahe westlicher Richtung hindurch zwängt, werden am 
linken Ufer durch die Abfälle der serbisch-bulgarischen Grenzberge, auf dem rechten aber 
durch die nach Norden vorgeschobenen Berge des, Suva-Planina genannten vielverzweigten 
Gebirgsstockes gebildet. 

Vergebens sucht man diesen Namen auf Kiepert 's Karte. Die Daten von Pirch und 
Boue 2 ), nach welchen Kiepert diesen Theil Bulgariens grösstentheils bearbeitete, erwähnen 
desselben nur als einer südlichen Fortsetzung der „Stara planina", von welcher weiter unten 
die Sprache sein wird. 

Es ist um so unerklärlicher, da die Zusammenfassung der einzelnen Partien eines 
grösseren Gebirgsstockes unter einen Collectivnamen in der Türkei beinahe zu den Aus- 
■ nahmen gehört. Der Name „Suva Planina" aber ist weit über die Nisava weg, bis tief in das 
Timok-Donaugebiet als der des mächtigsten Gebirgsstockes zwischen der bulgarischen Morava 
und Nisava wohl bekannt. Er trägt diesen Namen schon seit alter Zeit; denn Hauptmann 
v. Rebain nennt ihn in seiner „Mappa" 3 ) vom Jahre 1740, das „Sucha-Felsen-Gebirge". 
Kiepert bezeichnet ferner die ganze gebirgige Landschaft zwischen Nis, Leskovac und 
Pirot, nach Pirch mit dem Namen „Saplana", eine Benennung, welche im Volke ungekannt 
und auch kaum aus altserbisch-bulgarischen Quellen zu motiviren sein dürfte; denn nach 
diesen 4 ) gab die Nisava dem ganzen Gebiete ihren Namen (s. Seite 6). Ein weiterer grosser 
Irrthum der Kiepert'schen Karte, dem auch v. Hahn in seinem „Von Belgrad nach Salonik" 
(S. 11) folgt, ist die Bezeichnung jenes hohen Bergrückens der „Suva-planina", welcher das 



1) Mannert's Geogr. 7. Band. 95. 

2) Boue. La Turquie d'Europe I. 148. 
s ) K. Kriegsarchiv in Wien. 

*) S. Safarik, Slavische Alterthümer. 



40 



F. Kanitz 



Thal der Kutinska - rjeka von dem Defile der Nisava scheidet, mit „Stara planina". Letz- 
terer Name ist in Nis sowohl, als im ganzen nördlichen Bulgarien nur als slavische 
Benennung jener Partie des Balkan-Gebirges allgemein üblich , welche im Türkischen 
„Chod£a- Balkan" genannt, geographisch die natürliche Wasserscheide zwischen dem 
Timok und der Donau bildet, politisch aber die Vijalets Nis und Vidin von einander 
trennt. Die „Stara planina" erhielt durch die über dieselbe laufende neue türkische Post- 
strasse nach der Donau eine erhöhte Bedeutung. Später werde ich daher eingehend auf 
diese wichtige, auf den bisherigen Karten ganz verfehlt eingetragene Partie des Balkans 
nochmals zurückkommen. 

Nach Eintragung des Laufes der von Gornje-Studena herabkommenden Jelasnica und 
der an derselben liegenden Orte, setzte ich von Mahmud-Pascha-Han, allwo sich im Sommer 
gewöhnlich ein kleines türkisches Cavallerie-Lager befindet, meine Route in beinahe östlicher 
Richtung fort. Die Strasse übersetzt auf gutgebauter Brücke den Bach, welcher das an land- 
schaftlichen Reizen reiche Defile durchströmt, um nach Passirung des Blockhauses von 
Kumovica bei jenem der ersten Poststation Ploca (l 3 / 4 St.) auf das rechte Flussufer überzu- 
setzen und die Höhen von Ravna in einigen steilen Serpentinen zu gewinnen. 

Schon die Relation 1 ) des Grafen Virmond 2 ), im k. Kriegs- Archive zu Wien, erwähnt 
den hohen strategischen Werth dieses Defile's, welches allein das Vordringen von Sofia 
nach Nis ermöglicht. Wenige Tausend Mann könnten hier unschwer eine Armee in ihrem 
Marsche aufhalten. 

Eine Peilung vom Blockhause Ploöa erwies Nis beinahe strenge westlich liegend, was 
meine östlichere, von der bisherigen abweichende Eintragung der Constantinoplerstrasse und 
des Nisavalaufes motivirt. Nach V/. 2 stündiger Fahrt senkt sich hinter Ravna die Strasse all- 
mälig abwärts, an dem Blockhause Koseljokus vorüber, nach Crvenibreg, in dem im Jahre 1861, 
25 tatarische und 1864, 31 tscherkessische Familien angesiedelt wurden. Schon früher bei 
einem türkischen Tschiftlik in der Nähe von Veta eröffnete sich uns nach S. der Einblick 
in mehrere wohlbebaute Thäler, von welchen das von der Topolnica (auch Crvena rjeka) 
durchflossene zu den wohlhabenderen gehört. Wir überschritten diesen Bach bald hinter 
Crvenibreg nahe bei seiner Ausmündung in die Nisava und befanden uns nunmehr in der 
grossen Ebene von Ak-Palanka, welche wir bis zu dieser Stadt, hart am Rande der sie am 
linken Nisavaufer umsäumenden Gebirge hinfahrend, durchschnitten. 

Bela-Palanka oder Ak-Palanka (Weissburg), wie Bulgaren und Türken das auf den Kar- 
ten als Mustapha-Pascha-Palanka eingetragene erste grössere Städtchen, an der Strasse von 
Nis nach Constantinopel gegenwärtig nennen, ist von Nis aus mit guten Pferden in sechs 
Stunden zu erreichen, die türkische Postverwaltung rechnet jedoch dahin acht Stunden und 
lässt sich eben so viele bezahlen. 

„Mustapha-Pascha-Palanka", sagt Graf Schmettau 3 ), „ist ein altes Schloss, umgeben 
von einer starken Mauer, flankirt von Thürmen und dominirt von Höhen; aber ohne 



i) Relation von der Reise der Rom: Kayser: Gross-Bottschaft an die Ottomanische Pforte, so Anno 1719. geschehen, und 
zwar von Belgrad aus, biss nach Constantinopel, auch was langst besagten Marsches vor Militärischer Observationes zu 
machen. 

2 i Herr Damian Hugo des heyl. Rom. Reichs Graft* von Virmond, Kayser. Geheimder und Hoff, Kriegs-Rath, General Feld- 

zeugmeister und Obrister über ein Regiment Infanterie, 
•j Schmettau, Memoires secrets. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Btjlgarien. 



41 



Artillerie wäre es doch nicht zu nehmen". „Moustapha Pascha Palanka", meint Boue 1 ), „n'est 
qu'un endroit palissade". 

Nach dieser letzteren Äusserung wäre anzunehmen, dass die von Schmettau erwähnten 
Befestigungen nicht mehr existiren. Sie bestehen jedoch noch heute genau in derselben Weise, 
in welcher sie von den Österreichern im October 1737, vor den gegen Nis heranziehenden Tür- 
ken geräumt worden sind. 

Das Kaie" (Schloss) ist ausschliesslich von Türken bewohnt. Die Thore in den Mittel- 
thürmen der beiden Schmalseiten des von hohen Mauern gebildeten Vierecks werden Abends 
geschlossen. Starke, sehr feste vorspringende Rundthürme von 3V 5 ° Durchmesser flankiren 
die Ecken des Schlosses, zwei weitere befinden sich in der Mitte seiner Langseiten. Diese 
messen 48°, die Schmalseiten je 33°. Das Mauerwerk besteht aus gut bearbeiteten Bruch- 
steinen. Die Mauern sind mit Zinken gekrönt, welche zugleich als Schussscharten dienen 
müssen, letztere fehlen auch den Thürmen. Das Schloss besitzt weder Graben noch Vorwerke. 
Es dürfte, seiner ganzen Anlage und architektonischen Einzelheiten am Haupteingange nach 
zu urtheilen, ein türkisches Werk sein, und wahrscheinlich, gemäss der türkischen Tradition, 
vor 276 Jahren, von einem Gouverneur, dessen Namen Mustapha-Pascha es bis vor kurzem 
trug, erbaut worden sein. Schweigger 2 ), welcher im Gefolge eines k. Gesandten die Reise 
nach Constantinopel im Jahre 1577 machte, erwähnt auch desselben nicht. 

Man hatte zwischen Nis und Pirot in einem „Dörflein Gurusebce" übernachtet, das 
vielleicht früher an Bela-Palanka's Stelle stand. Die Gässchen im Kaie" sind enge und 
schmutzig, die zusammengepferchten Häuser klein und ärmlich, Moschee und Minaret der 
ganzen, einen unerquicklichen Eindruck machenden Niederlassung entsprechend. 

Im Vergleiche zum industriereichen Westen Europa's ist das städtebildende Element in 
seinem Südosten im Gegensatze zur Zahl der ruralen Bevölkerung ein verschwindend kleines 
zu nennen. Unter der türkischen Herrschaft sind nicht nur nicht neue Städte entstanden, 
sondern die einstigen reichen römischen, noch unter Byzanz und selbst nach den Völker- 
stürmen in der bulgarisch- serbischen Periode reichen und mächtigen Stätten der Cultur sind 
grossentheils in Schutt und Trümmer gesunken. 

Das nomadisirende Element der asiatischen Heimat klebt auch dem Türken von heute 
an, und, nehmen wir Constantinopel aus, so gehören Schöpfungen wie das „Kal6" Mustapha- 
Pascha's bereits zu den höchsten monumentalen Leistungen türkischen Geistes, zu deren 
Ausführung er aber immer noch der Hilfe christlich-bulgarischer oder zinzarischer Werk- 
meister bedurfte und noch heute benöthiget. Auch Bela-Palanka gehörte, wie zahlreiche 
römische Funde bezeugen, zu den einst blühendsten Colonien Rom's in diesen Gegenden. 

Graf Marsigli theilte in seinem grossen Werke 3 ) drei Inschriftsteine mit. Von diesen 
rührt einer aus der Periode des Kaisers Septimus Severus her, welchen die Armee Illyriens 
statt des vom Senate Roms zum Tode durch Henkersschwert verurtheilten Didius Julianus (194 
n. Chr.) auf den Thron setzte, ein anderer aus der Zeit Kaiser Philipp's, des Araber, unter 
welchem Rom im vierten Jahre seiner Thronbesteigung (247) die Feier des tausendjährigen 
Jubiläums beging. Während ich erstere vergebens suchte, fand ich diese letztere Steintafel 



ij Boue. La Turquie d'Europe II, 340. 

*) Schweigger Salomon, Reise aus Deutschland nach Constantinopel und Jerusalem. Nürnberg 1613. 
3 i Marsigli, Danubius II. Taf. 63. 

Denkechriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. Athandl. yon Niohtmigliedern. f 



42 



F. Kanitz 



n-me dem linken Ecktlrarme, an der Hauptfronte des Kale's, eingemauert und copirte nochmals 
die Inschrift, da dieselbe von Graf Marsigli irrig mitgetheilt wurde. Zum Vergleiche mögen 
hier beide folgen: 

Graf Marsigli: Meine Copie: 

XXLMO ET \XIMO ET 

PER OMNES PEROMNES 

ORTISSIMO ORTISSIMO 

MPERATORICES MPERATORIC^S 

PIVLI^O PHILIPPO I IVLIO PHILIPPO 

10 FELIC HMVICT_ 10 FELICI INVICTO 

VC. PONTIFICI VC. PONTIFICI 

_XIMO PATj^ XIMO PATR 

Ausser dieser Steintafel und zahlreichen hier aufgefundenen Münzen aus der römischen 
Kaiserzeit, stiess ich nahe an dem vom Mokragebirge herabkommenden gleichnamigen Flüss- 
chen (bei Boue „Luznica rjeka") auf Rudimente mit Materialien von zweifellos römischen 
Bauten, wahrscheinlich von Ruinen des nach den Massen der Peutinger 'sehen Tafel 
24 Mill. von Naissus entfernten Romesiana, dessen auch Procopius als Rumisiana und kleinen 
Städtchens mit eigenem Gebiete, in welchem mehrere kleine befestigte Orte lagen, erwähnt. 
Nach dem Itin. Aut. hiess der Ort Remisiana. Auch Hierocles und das Itin. Hieros. kennen 
ihn als Remesiana und Romansiana und als Sitz eines Bischofs. Auf dem chalcedonischen 
Concil unterschrieb sich derselbe Episc. Remessianensis *). 

Die heutige Strasse von Nis nach Bela-Palanka wäre vortrefflich zu nennen, wenn sie 
durch Beschotterung in besserem Stande erhalten würde. Besonders wäre diese künstliche 
Nachhilfe in dem fetten Boden der Nisava-Ebene vor Bela-Palanka nothwendig, welches die 
Strasse hart neben den Mauern des Kale's 2 ) durchschneidet. Bald hinter dem Städtchen hatte 
die Anlage der Strasse nach Pirot mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aus der gleichen 
Ursache wie zwischen Tamjanica und Malöe (s. S. 39) war sie auch hier genöthigt, ihre Trace 
über die hohen Berge zu nehmen, welche auf dem linken Nisava-Ufer das Defilö derselben 
bilden. Im Ganzen folgt auch die neue Strasse der alten Trace, auf welcher Schweigger 3 ) 
zwischen Pirot und Dragoman noch im 16. Jahrhundert Reste der alten römischen Heer- 
strasse vorfand, sie bestrebte sich nur, allzugefährliche Curven der zahlreichen Serpentinen 
zu beseitigen. 

Die erste derselben befindet sich bald nach Übersetzung des Mokraflüsschens und führt 
auf den Crni-Vr und in ein Defile an dessen Eingange, „Cingane Derven" (Zigeuner Engpass) 
genannt, links ein Han und rechts ein Blockhaus sich befinden, „allwo man", wie die Relation 
des Graf Virmond bemerkt „eine Armee gar leicht wieder aretiren könnte." Die Berge sind 
an dieser Stelle beinahe ganz entwaldet. 



1 ) Manne rt's Geographie VII. Bd., dem For biger gänzlich folgt. 

a ; Kiepert entfernte die grosse Strasse irrig von Palanka auf Grundlage des Boue'schen Eoutiers. B o u e versäumte 
nämlich zu bemerken, dass er von Palanka nach Pirot nicht auf der Poststrasse, sondern auf einem Nebenwege entlang 
der Nisava zog; wodurch sich die irrige Eintragung der ganzen Route zwischen Palanka und Pirot, und die Verlegung 
von Cruokliska von der Nisava an die Constantinopler Hauptstrasse auf Kiepe rt's Karte erklärt. 

3 i Ergötzlich sind die Bemerkungen des Reisenden über den Ursprung dieser alten „gebauten" Strasse. Sie wird dem 
Hunnenführer Attila oder — einem ungarischen König zugeschrieben und soll von Ofen bis Constantinopel gereicht 
haben, von den Türken aber zum Baue ihrer Städte theilweisc zerstört worden sein. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



43 



Von hier senkt sich die Strasse in Ostwest abwärts und folgt den Höhen, welche das 
Belavagebirge (s. die Karte) gegen die Hochebene von Pirot vorschiebt. Nach Boue's 
Schätzung, der wie bemerkt an dessen östlichen Gehängen hinzog, hätte es 2500' Höhe und 
zeigt im Charakter sehr viel Analoges mit der Juragebirgsformation der Schweiz. Schon 
hinter Ponor beginnt sich der Thaleinschnitt, durch welchen die Strasse sich herabsenkt, zu 
erweitern. Gegenüber von Mali- und Veliki-Suvodol zeigt sich rechts eine Reihe stattlicher 
Dörfer. Blato scheint das wohlhabendste derselben zu sein. Es machte von der im Pariser 
Frieden errungenen Erlaubniss Gebrauch und baute sich eine nette Kirche, in welche ein in 
der nahen dortigen Ruine (ich konnte dieselbe leider nicht besuchen) gefundener Inschrift- 
stein eingemauert wurde. Die Strasse hält beinahe immer die südöstliche Richtung ein. Bei 
dem Dorfe Gnilen geht sie aber bis Pirot strenge in Westost über, um nach vier Stunden, an 
dem Schlosse Pirot's vorüber, in diese von den Türken „Scharköi" genannte Stadt einzu- 
münden. 

Die Position von Pirot fällt auf meiner Karte um 3 / 4 geogr. Meilen nördlicher als auf 
jener Kiepert's; was durch den zu sehr nach Südost eingetragenen Lauf ihrer Trace 
zwischen Nis und Pirot erklärt wird. Barth's Peilungen (1862) legen die Vitosspitze um 
ein gutes Stück nördlicher als bei Kiepert, wodurch auch die Lage von Sofia nörd- 
licher fallen dürfte, was meine Beobachtungen bezüglich Pirot's bestätigt und wodurch 
andererseits die durch dieselben entstehende grössere Entfernung Pirots von Sofia be- 
hoben wird. 

Nach Übersetzung der, Pirot in der Mitte durchfliessenden, von dem Dorfe Turstina her- 
abkommenden Bokludza gelangte ich in den christlichen Stadttheil, wo ich, auf eine Empfeh- 
lung des gastfreundlichen Arztes Bruce von Nis, in dem von zwei jungen Bulgaren hart an 
der Nisava unterhaltenen neuen Han die beste Aufnahme fand. Ich eilte am nächsten Morgen 
mich dem Mudir und Medschlis des Städtchens vorzustellen und ersteren um die nöthigen 
Zaptie's als Begleitung der mir durch den Niser Kaimakam gestatteten Besichtigung der Feste 
zu bitten. 

Vierzehn Millien (nach der Peutinger'schen Tafel irrig 25 Millien) von Remisiana ent- 
fernt, lag nach dem Itin. Ant. und Itin. Hieros. der befestigte Ort Torres. Dieses Maass fällt 
mit ziemlicher Genauigkeit auf das heutige Pirot. Der schon öfters erwähnte Reisende 
Schweigger erzählt von Pirot (1577), dessen türkischen Namen Scharköi er in „Scherdire" 
verballhornt : „Vor dem Dorf steht ein fein alt Castell in der eben unten am Berg, dabei 
sein etliche Wasserquellen , das Schloss hat fünff starcke Thürn , auf dem Berg sihet 
man viel alt Gemäuer, die innwohner zeigen an das alte Schloss unten am Berg sei von 
Türken gebaut als eine gegenwehr, weil sie das Schloss auf dem Berg nicht kunten gewinnen, 
welches aber schwerlich zu glauben, denn die Türken bauen nicht so herrliche Häuser als 
diess ist". 

FZM. Graf Virmond 1 ) fand in Pirot im Jahre 1719 eine Fahne Jenisseri als Besatzung 
des durch drei Kanonen vertheidigten Schlosses. Über dessen strategischen Werth meint er 
in der erwähnten Relation: „weile wegen des daran liegenden scharfen Felsens die Canons 
nicht wohl anzubringen, einer kleinen Corps diversion machen, es sei denn, dass man ein paar 
starke Mortier.s dahin brächte, mit welchen, weil das Schloss sehr enge, man die Besatzung 



») Graf Virmond's Relation. K. Kriegs-Archiv. 



P 



44 



F. Kanitz 



leicht herausjagen könnte, weile aber auch eine Strasse zwischen demselben und dem Gebirge 
rechter Hand vorbei gehet, kann es einer Armee gar nicht schaden; sondern leicht occupiret 
werden". 

In dem bald nach Graf Virmond' s Reise ausgebrochenen Kriege zwischen Osterreich 
und der Pforte (1737) scheint Marschall Seckendorf die Position Pirot's gleichfalls nicht sehr 
hoch angeschlagen zu haben. Der Kritiker jenes Feldzuges, Graf Schmettau 1 ), schildert 
Pirot als eine sehr hübsche Stadt, aber das Schloss wäre enge, alt, ruinirt und von einem 
hohen Felsen dominirt. Man warf 60 Mann deutscher Infanterie hinein, um die serbischen 
Freischaaren zu ermuthigen, welche alle Defileen zur Stadt und zum Schloss besetzt hatten. 
Noch im September desselben Jahres capitulirte es nach kurzer Belagerung. Sein Befehls- 
haber, der Partisan Betune, und die auf 40 Mann reducirte kaiserliche Besatzung erhielten 
freien Abzug nach Nis. 

Der gegenwärtige Zustand des Schlosses von Pirot scheint sich seit Schweigger's 
Besuch wenig verändert zu haben. Ich fand das bereits von ihm geschilderte fünfthürmige 
Castell in einem für einen mittelalterlichen Bau ziemlich guten Zustande. Es ist auf einem 
Felsen erbaut, in Wahrheit, wie schon Graf Schmettau sagt, „klein und enge", und sein 
militärischer Werth dürfte seinen Vertheidigungsanstalten, drei in einer Art Bastion nach der 
Bokludzaseite gerichteten kleinen Kanonen, vollkommen entsprechen. Seine jüngste bessere 
Instandsetzung und kleine Garnison von regulären Nizams, welche in niederen, an die Um- 
fassungsmauer gelehnten Baracken casernirt, dürfte es wohl der grossen, der Pforte Besorg- 
niss einflössenden Aufregung verdanken, welche Pirot's christliche Bevölkerung, gleich 
der anderer bulgarischer Städte , seit den Zerwürfnissen des Bulgarenthums mit dem 
griechischen Episkopat 2 ) erfüllt. Auch der die Feste dominirende Berg, auf welchem noch 
im Jahre 1577 die Rudimente einer Burg sichtbar waren, wurde in letzterer Zeit durch ein 
Blockhaus und eine verpalissadirte Schanze zu erhöhter Vertheidigungsfähigkeit des Castells 
befestigt. 

Sowohl das Schloss als die nahe Stadt, welche einen Uhrthurm und 5 bis 6 Moscheen 
zählt, dehnen sich von N. — S. aus. Bei Besichtigung der letzteren fand ich keine einzige 
irgend erhebliche Baute. Das christlich - bulgarische Viertel war jedoch jedenfalls besser 
o-ehalten. Mit seinen kleinen Häusern stimmte auch seine Kirche und der Konak des Bischofs 
überein. Archäologisches Interesse bot nur ein, allem Anscheine nach altbulgarischer Grab- 
stein (Taf. HL, Fig. 4), der in dem eine Viertel Stunde von Pirot entfernten Dorfe Srlk gefun- 
den wurde. Seine Auffassung der dargestellten Personen erinnert an römische derartige 
Sculpturen, nicht so die höchst primitive Technik, welche, weit entfernt vom Basrelief, sich 
mit der Eingravirung der Contouren begnügte. Der 2V 2 ' lange, 1' breite Stein mahnte mich 
übrigens lebhaft an die altserbischen Grabsteine in der Kirche zu Pavlica am Ibar in Serbien, 
welche ich in den Mittheilungen 3 ) näher geschildert habe. 

Die bulgarisch - christliche Gemeinde Pirot's gehört zur nationalgesinnten Fortschritts- 
partei des Landes. Seit vielen Jahren befindet sie sich mit den ihr aus dem Fanar Constan- 
tinopels aufgenöthigten griechischen Bischöfen im Kampfe. Die Anklagen, welche gegen Antiu, 



!j Graf Schmettau. Memoires secrets. 

2 j Bulgarische Fragmente von F. Kanitz. S. Österreichische Eevue. 1864. 

s ) Mitthdlungcn der k. Centralcomniission zur Erf. u. Erh. der Baudenkmale. 1865. 



Reise in Süd-Sehbien und Nokd-bulgarien. 



45 



ihren letzten Bischof im Jahre 1860, bei dem die Stadt besuchenden Gross-Vezier erhoben 
wurden, übersteigen, was Zahl und Inhalt betrifft, alle Begriffe. Die Beschuldigungen wurden 
leider bis zur Evidenz erwiesen und der geistliche Verbrecher zur Strafe und Selbstreinigung in 
ein Kloster auf den Athos verbannt. Nach zwei Jahren schon kehrte er aber wieder nach 
Constantinopel zurück und dürfte wahrscheinlich in Kürze einen neuen Hirtensitz erhalten. 
Sein Nachfolger Sofronija, den ich persönlich kennen lernte, machte sich gleich beim An- 
tritte seines Amtes durch ganz ungerechtfertigte enorme Geldforderungen bei seiner 
Gemeinde verhasst. Er musste in das nahe Kloster Sv. Jovan flüchten, um sich thätlichen 
Beleidigungen zu entziehen. Er verweilte dort zwei Monate und wird gegenwärtig nur durch 
den Schutz der türkischen Behörden und Garnison in seiner Würde erhalten. Die Ignoranz 
dieses geistlichen Oberhirten, in der bulgarischen Geschichte, geht so weit, dass er mir allen 
Ernstes von einer bulgarischen Inschrift, in Sv. Jovan, aus dem Jahre 750, erzählte. Er 
wusste also nicht, dass die Bulgaren erst im 9. Jahrhundert zum Christenthum bekehrt wur- 
den und dass Cyrill gleichzeitig die bulgarisch-slavischen Schriftzeichen, die nach ihm benannte 
Cyrillica, erfand. Bei einer so profunden Unwissenheit ist es begreiflich, dass ich im Verkehre mit 
dem würdigen Kirchenhirten nicht die geringste Aufklärung über meine Erkundigungen nach 
monumentalen Resten erhalten konnte und dass ich, unbefriedigt in archäologischer Beziehung, 
ihn und Pirot so bald als möglich verliess. 

Y. Zu Vidin's Geschichte. 

Vidin, nach der Notitia dignitatum Imperii aus dem Anfange des 5. Jahrhunderts, das 
alte Bononia der Römer , nach den Hunnenstürmen von Justinian wieder erneuert ] ) , das 
Bydinum bei Teophylactos von Ochrid (1071), in einer Urkunde Car Azan's (1186) B'dyn 2 ), 
und in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Residenz des Königs Joannes Strancimiros 
und eines eigenen Metropoliten 3 ), bildet, durch seine günstige Lage in Mitte einer sumpfigen, 
schwer zugänglichen Donauniederung, eines der stärksten Bollwerke der türkischen Nord- 
grenze. 

Ein Gang um den Festungswall soll uns mit der bisher stets nur oberflächlich geschil- 
derten wichtigsten türkischen Donaufeste näher bekannt machen. Die eigentliche Festung 
liegt auf einem etwas erhöhten Terrain, die weite sie umgebende Fläche nur wenig domi- 
nirend. Sie hat 8 Bastionen mit 7 vorliegenden Polygonen, einen revertirten Graben, gut 
palissadirten Weg, places d'armes und Glacis auf der Landseite, auf der Wasserseite einen 
mit Contreforts versehenen gemauerten Wall. Die Gräben vor den Bastionen sind etwa 8 bis 
10° breit und 3° tief. Die Festungswerke sind nicht casemattirt, das Glacis und der bedeckte 
Weg jedoch minirt. Einem aus dem Jahre 1731 herrührenden Plane Vidin's 4 ) nach zu urtheilen, 
erhielt die Festung wohl zu Ende des 17. Jahrhunderts ihre gegenwärtigen Werke. Das 
Materiale zu der gemauerten und gut erhaltenen Steinverkleidung derselben hatten theilweise 



•) D'Anville, Mem. de l'Ac. des Insc. Tome XXVIII, 441 u. Mannert's Geographie VII. Bd. 
2 ) Safarik, Slavische Alterthümer, II. Bd. 

s) Beiträge zur Geschichte der bulgarischen Kirche. Mernoires d'Acaderaie imp. des sciences de St. Petersbourg. VII. Serie. 

Tom. HI. Nr. 3. 
*) K. Kriegsarchiv. 



46 



F. Kanitz 



die zahlreichen römischen Castelle und mittelalterlichen Schlösser an der Donau und im 
Innern des Landes; insbesondere Flortin, Kula, Lom und Aröergrad geliefert. Die Festung 
zählt vier Haupteingänge: an der Südseite das auf die Constantinoplerstrasse führende Haupt- 
thor „Stambul Kapu" und das in schönem orientalischen Styl decorirte „Londze kapu", das 
„Bazar-Kapu" an der Westseite, das „Flortin-Kapu" gegen Norden, und an der Wasserseite sechs 
kleinere Thore. Die Wälle sind mit Schanzkörben verkleidet, mit 400 Kanonen armirt und 
sorgfältig bewacht. Das Wasser der Donau kann in den grossen Graben bis zu einer Tiefe 
von 2y 2 ° geleitet werden. Die Geschütze schwersten Kalibers sind auf der Donauseite gegen 
Knlafat gerichtet. Hier befindet sich auch ein Observatorium, das einen prächtigen Ausblick 
auf das im Süden von der Balkankette begrenzte Panorama gestattet, und daneben weht von 
hohem Mäste der weithin sichtbare Pavillon des Padischah's. Festung und Stadt sind im weiten 
Bogen von einem langgestreckten Erdwalle umgeben, durch welchen fünf Zugänge zur Varos 
(Stadt) führen, ferner von einem Graben umspannt, in welchen der die halbe Stadt umfliessende 
Peresitbach geleitet werden kann. 

In der grossen Ausdehnung dieser, durch sternförmige, mit einander correspondirende 
Bastionen vertheidigten äusseren Befestigungslinie, deren Endpunkte das Donauufer berühren, 
liegt aber zugleich die Schwäche derselben. Es bedürfte einer Armee, um sie wirksam zu ver- 
theidigen. 

Zur Beherrschung des gesammten Verkehrs auf der unteren Donau, als Aufnahmspunkt 
für ein sich sammelndes oder geschlagenes Heer, bietet Vidin's natürliche Lage grosse strate- 
gische Vortheile. Ausgedehnte Sümpfe und leicht unter Wasser zu setzende Niederungen, 
welche, selbst bei wenig hoher Temperatur, stets thätige Heerde von Fieberluft und tödtlichen 
Miasmen bilden, erschweren jede feindliche Annäherung. 

Der älteste Theil der Festung befindet sich innerhalb derselben, hart an deren Donau- 
fronte. (Taf. III., Fig. 5.) Auf engem Räume vereinigen sich hier zahlreiche quadratische und 
runde Thürme. 

Leider gestattete mir das Misstrauen des türkischen Mir-Alai nur einen unvollkommenen 
Grundriss aufzunehmen (Taf. IV. Fig. 1). Bizarr und unregelmässig, gleicht ihr riesiges Mauer- 
werk, in wechselnden Bruch- und Backsteinlagen, den zahlreichen römisch-byzantinischen 
Resten verschiedener naher Ruinen jener Epoche. General Veterani Hess diese älteste Vidiner 
Befestigung im Jahre 1689 mit einem Graben und niederer Brustwehr umgeben, wie dies aus 
einer handschriftlichen Notiz auf dem obenerwähnten alten Plane hervorgeht. Für die Ver- 
teidigung fast werthlos, dient das alte Schloss den Türken zur Aufbewahrung eines Theiles 
ihrer Munitionsvorräthe. Ein werthvolles, in seinen höheren Partien höchst merkwürdiges 
Beispiel frühester Befestigungskunde in Bulgarien, dürfte die einstige genauere Untersuchung 
der Rudimente dieses Baues herausstellen, dass an seiner Stelle höchst wahrscheinlich das 
altbulgarische feste „Bdyn" auf den Resten des römisch - byzantinischen Bononia sich 
erhoben hatte. 

Wie ich schon in einem vorausgegangenen Abschnitte erklärte, ist es immer etwas Miss- 
liches , archäologische Forschungen in türkischen Festungen zu unternehmen. Namentlich 
hatte ich am Beginne meiner Reise — Vidin bildete deren Ausgangspunkt — alles zu ver- 
meiden, was den Charakter derselben in den Augen der türkischen Autoritäten verdächtigen 
mochte, da von deren mehr oder minder wohlwollenden Empfehlungen ihr Ausfall zum grossen 
Theil bedingt war. Ich begnügte mich daher, meine bereits im Jahre 1862 aufgenommene 



Reise in Süd-Serbien und Noed-Bulgakien. 



47 



malerische Ansicht der Feste durch eine zweite aus der Vogelschau, aus dem obersten Geschosse 
des neuen Uhrthurmes, zu ergänzen und diese durch einen nach Schritten aufgenommenen 
Grundriss derselben zu ergänzen. Das Mauerwerk, dem ich eine eingehendere Besichtigung 
widmete, enthält neben zahlreichen Beweisen der weit vorgeschrittenen byzantinisch-bulgari- 
schen Bautechnik, namentlich in der Verwendung von Backsteinen zu äusserst wirkungsvollen 
rythmischen Unterbrechungen des massigen Bruchsteinwerks (Taf. IV., Fig. 2, 3), mehrere 
antike Stemfragmente, aus welchen zwei römische Steintafeln, welche ich an der Südostseite 
der Feste entdeckte, die höchste Beachtung verdienen; da sie zu den wenigen aufgefundenen 
Inschriftsteinen gehören, welche von Ratiaria, der nahen römischen Hauptstadt Mösiens 
Zeugniss geben. Sie lauten : 

1. 1) II. 

LANATIN AVGVSTALES. . . 

PIIBPHOEBo COL . VLP . RAT .... 

AVG.COL.VLP T.IVLIO 

RAT . ORNAO THOCI 

ORNAMENT CVR 

DECVRIO.NAL 
IMMVNITATE 
MVN.R.PVBLIC 
CONCISSA(?)BOR 
DIYE COL(?)VSD 
AVGVSTAL.COL. 
CON. 

So hatten die römischen stolzen Bollwerke das Material zum Aufbau der Hauptfeste der 
Bulgaren an der Donau geliefert, und diese älteste Befestigung Vidin's war es jedenfalls, die 
Bayazid I. zweimal, 1394 und 1396, eroberte. 

Mehrmals gelangte Vidin bis zu dem Verhängnis s vollen Zuge Hunyadi's nach Varna 
(1444) in christliche Hände. Die Anlage seiner heutigen occidentalen Vertheidigungswerke 
wurde aber erst zu Ende des 17. Jahrhunderts und höchst wahrscheinlich durch öster- 
reichische Ingenieure begonnen. 

Der Siegeszug des ruhmreichen Markgrafen von Baden, welcher 1689 alle festen Plätze 
von Belgrad bis Nis erobert hatte, führte ihn auch vor Vidin. Er liess in Nis den Oberst Grafen 
Pälffy mit 2000 Mann zurück und stand trotz der unwirthlichen Wege in acht Tagen mit 
seiner Armee vor Vidin's Wällen. Sie konnten der sieggekrönten Energie des Markgrafen 
nicht lange widerstehen. Prinz Ludwig schlug ein feindliches 9000 Mann starkes Corps, das 
in der Nähe der Festung Stellung genommen hatte, der Markgraf stürmte aber am 14. October 
die Linien Vidin's, und schon fünf Tage darauf sah sich die Besatzung zur Ubergabe der 
Citadelle gezwungen. Vidin's Werke und deren Armirung scheinen selbst vom damaligen 
artilleristischen Standpunkte höchst unbedeutend gewesen zu sein. Es wurden nur 21 Ge- 
schütze erbeutet und der Markgraf fand es für dringend geboten, den Platz in besseren Ver- 
theidigungszustand zu setzen. Die Türkei verdankt also auch in Vidin wie in Belgrad, 



*) Dieser .Stein ist verkehrt hoch im Mauerwerk eingelassen, und daher sehr schwierig zu copiren. 



48 



F. Kanitz 



Orsava, Kladova und Nis das einigermassen bessere Fortificationssysteni dieser ihrer wichtig- 
sten nördlichen Festungen ihrem einstigen Hauptgegner, deutschen Kaisern. 

In der Biographie Guido Starhemberg's finden wir die schwerwiegenden Ereignisse aus- 
führlich geschildert, welche den raschen Verlust der glänzenden Eroberungen des Markgrafen 
von Baden zur Folge hatten. 

Tököly scheint zur raschen türkischen Rückeroberung Vidin's wesentlich mitgewirkt zu 
haben. Auf dem bereits mehrmals erwähnten Plane imk. Kriegsarchive „der in Bulgarien an der 
Donau der k. k. oder kleinen Walachei gegenüberliegenden Grenz-Festung wie solche Nr. 736 
hat abgenommen werden können", ist, strenge gegenüber der nördlichsten Festungsbastion, 
auf walachi schem Boden eine Anhöhe bemerkt, „worauf der Tekely eine Schanz gebauet 
gehabt". 

Erst im Jahre 1737 sah Vidin die kaiserlichen Adler vor seinen Mauern wieder. 
Schlecht geführt, sollten sie vor denselben keine Triumphe feiern. Die grossen, in jenem 
Kriege begangenen strategischen Fehler, welche nicht nur das Misslingen der Unternehmung 
auf Vidin, sondern zum grössten Theile in Folge derselben, den für Österreichs Waffen un- 
glücklichen Ausgang des ganzen Feldzugs herbeiführte, begründen in vielen Einzelnheiten zu 
sehr die hohe, noch heute beinahe unverändert gebliebene Wichtigkeit des von mir genauer 
festgestellten römischen Strassenzuges entlang des Timok's, als dass eine detaillirtere Schil- 
derung der Vorgänge um und bei Vidin, ganz abgesehen von deren historischem Interesse 
nicht genügend motivirt erscheinen dürfte. 

Wie bei den vorausgegangenen Schilderungen der kriegerischen Ereignisse jenes Jahres, 
werde ich auch hier den besten Quellen, den gleichzeitigen Aufzeichnungen eines bewährten 
Militärs im österreichischen Hauptquartiere, den „memoires secrets" des Grafen v. Schmettau, 
und dem wohlunterrichteten, anonymen Biographen und Vertheidiger des Marschalls Secken- 
dorf folgen, und die gewonnenen Daten durch die Resultate meiner eigenen geographischen 
Forschungen über jenes Terrain ergänzend erläutern. 

Während die österreichische Hauptmacht in dem, durch die rasche Einnahme von Nis 
glänzend inaugurirten Feldzuge vom Jahre 1737, vor dieser Festung beinahe unbeweglich 
lagerte, streiften die von ihrer ersten Überraschung sich erholenden Türken von Vidin her 
durch die reichen Ebenen von Saiöar und Knjazevac. Sie plünderten und verwüsteten die 
Ernten, Fourage und Lebensmittel, bestimmt zur Erhaltung der schlechtverpflegten Secken- 
dorff sehen Armee. Diesem Treiben zu steuern, ertheilte Graf Seckendorf dem Oberst Holly 
mit 600 Cürassiren vom Corps des Feld-Marschalls Khevenhüller, dann dem General Changlos 
in Razanj Befehl, mit 1200 Mann die Besatzung von Gorgussovac (Knjazevac) zu verstärken, 
den Marschall beauftragte er aber Vidin zu nehmen. 

Khevenhüller hatte sich zu Beginn des Feldzuges geschmeichelt, selbst das Obercom- 
mando der Armee als Generalissimus zu erhalten. Nur schwer vermochte er sich in die Rolle 
eines abhängigen Corpscommandanten zu fügen. Er verdiente, wie wir sehen werden mit Recht, 
den Vorwurf, die Befehle des Oberfeldherrn nur ungern und lässig vollzogen zu haben. 

Seckendorf befahl dem Marschall, die Zugänge von Nicopoli und Sofia zu versperren, 
gab ihm Ingenieure und Arbeiter, um die Strasse zwischen Nis und Vidin auszubessern, trug 
ihm strenge auf, dieselbe als kürzeste Marschroute gegen das letztere schleunigst einzuschlagen 
und zur Sicherung der Rückzugslinie den Passo Augusto mit 2 Regimentern Cürassiere und 
8 Bataillonen Infanterie zu besetzen. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



49 



Mit 20 Compagnien Grenadiere, 6 Regimentern Cavallerie, 100 Husaren und 4 Feld- 
stücken setzte sich Khevenhüller am 1. August in Marsch. Am 3. traf er in Gorgussovac 
ein. Am 4. durchzog er, verstärkt durch 2 Regimenter Cürassiere — wahrscheinlich von dem 
Detachement im Passo Augusto — dieses Defilö. Am 5. folgte ihm der Herzog von Lothringen, 
escortirt von 200 Reitern mit 3 weiteren Regimentern Cavallerie. 

Auf dem Wege drängten sich zahlreiche Deputationen der Rajah an den Marschall, mit 
der Versicherung, sich gegen die Türken erheben zu wollen. Mit einem rasch ausgeführten 
Schlage hätte man damals das unvorbereitete Vidin leicht nehmen können. Nach der Aussage 
von Spionen, war dessen Besatzung nur 4000 Mann stark und erst am 29. Juli durch zwei 
Schiffe nothdürftig mit Munition versehen worden. Anstatt jedoch mit Benützung aller dieser 
glücklichen Verhältnisse die kürzeste Strasse, die ihm von Seckendorf strenge vorgezeich- 
nete Route (s. die Karte) Nis, Gorgussovac, Novihan, Passo Augusto (Vratarnica), Stuppian (?), 
Wrcko-zuli ( Vrska - Cuka) , Culo (Kula) einzuschlagen, um Vidin mit Beschleunigung zu 
erreichen und durch einen kühnen Handstreich wegzunehmen, verliess Khevenhüller, 
Wasser- und Fouragemangel (!) auf dieser Route vorschützend, unmittelbar hinter dem Passo- 
Augusto die schon von der Natur gleichsam tracirte Strasse, folgte dem Laufe des Timok's in 
weitem Bogen, erreichte am 12. August erst Bregova und traf zwei Tage später vor Vidin ein. 
Also genau 14 Tage(!) nach seinem Abmärsche von Nis, zur Erreichung eines Punktes, wohin 
man auf ziemlich guter, theilweise trefflicher Strasse bequem in 24 Stunden 1 ) gelangen kann! 
Ein in den Annalen neuerer Kriegsgeschichte wohl seltenes Beispiel behäbiger Langsamkeit. 

Auf des Marschalls Aufforderung zur Ubergabe der Festung antwortete der türkische 
Commandantj dass er sich bis auf's Ausserste zu vertheidigen gedenke. Zur Bekräftigung 
seines Vorsatzes warf er sich auf die isolirte Vorhut der acht Cavallerieregimenter, die am 14. 
in Vidin's Vorstädte einzog und zwang dieselbe, sich mit einem Verluste von 229 Mann und 
171 Pferden zurückzuziehen. 

Ungeachtet Khevenhüller mit der ihm unter Graf Sternberg's Commando — über 

v 

Vrska-Cuka und Kula — zugesandten Verstärkung 99 Schwadronen, 19 Bataillone und 30 Com- 
pagnien Grenadiere zählte, unterliess er es doch, die Festung zu cerniren oder selbst nur die 
nach Lom-Palanka und Belogradcik führenden Strassen zu versperren. Nichts verhinderte die 
Türken, Provisionen und Succurse zu Wasser und zu Land an sich zu ziehen. Letztere ver- 
stärkten die Besatzung um 3000 Mann. 

Als Seckendorf persönlich im Lager erschien, war er nicht wenig erstaunt, den Mar- 
schall, 5 Stunden von Vidin entfernt, bei Pristol (?) zu treffen und zum Beginne der Belagerung 
nicht einmal die nothwendige Zahl von Faschinen vorzufinden. Im Gegentheil erklärte 
Khevenhüller die Unmöglichkeit einer Einschliessung der Festung, da es an einer ge- 
nügenden Donauflotille mangle, die vorhandenen wenigen Schiffe aber nicht einmal ausgerüstet 
wären. So war nahe ein Monat nutzlos verstrichen und die noch vor Kurzem so leichte Erobe- 
rung Vidin's musste aufgegeben werden. Man beschloss im gemeinsamen Kriegsrathe, alles 
eroberte Land durch eine an der Timokmündung beginnende, durch den Passo-Augusto, Nis 
Pirot, Jovanica bei Sophia und Mustapha-Pascha-Palanka gehende Linie zu halten. Doch schon 
waren die Türken stark und zuversichtlich genug, um aus der Verteidigung zur Offensive 
überzugehen. 



l ) Der Verfasser selbst legte den Weg einmal in 22 Stunden zurück. 

Denkschriften der philos.histor. Cl. XVII. Bd. Abhandl. von Nie tmitgliedern. g 



50 



F. Kanitz 



Noch im September kapitulirte die kleine kaiserliche Besatzung von Pi rot und zog sich 
auf Nis zurück. Anfangs October wurden Perivol (?) , Selvigrad (Selenigrad?) , die Schanze 
von Badajova bei Sofia und Mustapha-Pascha-Palanka aufgegeben. Am 8. October hatte aber 
Nis selbst capitulirt. Nach dem unerwartet raschen Falle dieses Hauptstützpunktes der Kaiser- 
lichen (s. Seite 36) konnten die Palanken von Razanj , Banja und Krusevac nur schwachen 
Widerstand leisten. Sie wurden sämmtlich von den Türken genommen. Das im Passo-Augusto 
aber isolirt gelassene, vergessene Bataillon Bayreuth, dem Khevenhüller erst am 8. Octo- 
ber den Befehl zum Rückzüge zusandte, wurde von den nach dem Abzüge der Kaiserlichen von 
Vidin bereits lange in deren Rücken operirenden Türken am 9. October bis auf zwei Mann, 
welche die Nachricht von dem nutzlosen Opfertode der braven Vertheidiger des Passes in's 
Hauptquartier überbrachten, gänzlich aufgerieben. 

In solcher Weise rächten sich die durch Khevenhüller's willkürliche Verlassung der 
kürzesten Route nach der Donau und durch dessen langsamen Vormarsch gegen Vidin herbei- 
geführten Versäumnisse. Ganz unzulänglich sind die Entschuldigungsgründe, mit welchen 
er seine unverantwortliche Handlungsweise zu rechtfertigen versuchte. Er behauptete, durch 
die Schuld des Hauptquartiers die ihm zugesagten Lebensmittel bei Vratarnica nicht vorge- 
funden zu haben. Selbst angenommen, dass dieser gegen die Heeresverpflegung in jenem Feld- 
zuge auch an anderen Orten oft erhobene Vorwurf begründet gewesen war, so beruhte doch 
der zweite vorgeschützte Grund in Betreff des Wasser- und Futtermangels auf der Strasse über 
Vrska-Cuka und Kula jedenfalls auf einer willkürlichen Annahme, die nur aus der mangelhaften 
Terrainkenntniss entspringen konnte und die einige Tage später durch auf jener Route ohne 
irgend welche Schwierigkeiten nachrückende Verstärkungen vollkommen widerlegt wurden. 
Man erwäge, dass es sich von Vratarnica aus einzig um den Marsch über eine sanfte, quellen- 
reiche Hochebene handelte , die man gewöhnlich zu Wagen in 8 Stunden zurücklegt , dass 
Truppen und Pferde überdies direct aus dem Lager kamen und weder durch lange noch forcirte 
Märsche zu leiden gehabt hatten — dass Khevenhüller nur mit geringer Hoffnung darauf 
rechnen durfte, in dem von den Türken verwüsteten Gebiete von Zaiöar Subsistenzmittel vor- 
zufinden; ferner dass der von Stern berg dem Marschall zugeführte Succurs, sowie die Armee 
des Markgrafen von Baden unter gewiss nicht günstigeren Verhältnissen — da schlechte 
Organisation der Approvisionirung bekanntlich stets einen Cardinalfehler des österreichischen 
Heerwesens bildete — im Jahre 1689 Vidin von Nis über Kula, in der noch immer sehr langen 
Zeit von 8 Tagen erreichten, und man wird billig darüber staunen, wie ein Feldherr wegen so 
unbedeutender, grösstentheils eingebildeter Schwierigkeiten, den Erfolg einer hochwichtigen 
Unternehmung, ja eines ganzen Feldzuges in Frage stellen konnte. Der schlimme Ausgang 
der Expedition gegen Vidin darf wohl mit Recht, nicht in den von Khevenhüller vorge- 
schützten Umständen, sondern in dessen bereits angedeutetem Verhältnisse zum Oberfeldherrn 
zu suchen sein, und desshalb werden auch die traurigen Resultate jenes unter grossen Hoffnun- 
gen begonnenen Krieges für alle Zeit mit an Khevenhüller's Namen haften bleiben. Die 
grosse strategische Wichtigkeit der von Nis durch den Passo-Augusto über Kula nach der 
Donau führenden Strasse — bereits von den Römern erkannt — dürfte aber durch die Erfah- 
rungen der Feldzüge 1689 und 1737 neuerdings erhärtet worden sein. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 51 



VI. Vidin. 

Dank unserer vorgeschrittenen Hygienik, ist es wohl über jeden Widerspruch erhoben, 
dass frisches, gutes Wasser in ausreichender Quantität eine Cardinalbedingung für das physi- 
sche Wohlbefinden städtischer Bevölkerungen bilde. 

Hier der erste Lichtpunkt Vidin's. Die Erschliessung neuer Quellen für alle lebende 
Creatur, zur Labung für Mensch und Thier, zählt der Orientale zu den gottgefälligsten Werken. 
Genügt dies aber wirklich ganz allein, um in die Pforten des himmlischen Paradieses einzu- 
gehen, so haben sie sich zuverlässig vor Pasvan-Oglu, dem letzten „echt- und rechtgläubigen" 
Statthalter Vidin's, vor dem Protector der Jenisseri und Rebellen gegen den Padischah 
Selim )>(. , aufgethan; denn die zahlreichen, durch Stadt und Festung zerstreuten Brunnen, 
zum Theil mit monumentaler Decorirung im reichen orientalischen Style, sind grösstentheils 
sein Werk. Mit einer verwandten, menschenfreundlichen Wohlthat krönte er dasselbe. Ich 
meine seine „Eisstiftung", aus welcher im Sommer täglich grosse Quantitäten Eises an Arme 
ganz unentgeldlich , Wohlhabenden gegen geringe Vergütung überlassen werden. Man muss 
selbst einige Zeit in Vidin's sommerlicher Atmosphäre gelebt haben, um die grosse Wohlthat 
dieser humanen Einrichtung Pasvan-Oglu's in vollem Masse würdigen zu können. 

Werfen wir einen Blick auf das Leben des merkwürdigen Mannes, dessen Thaten mit 
Vidin's Vergangenheit enge zusammenhängen, dessen Thätigkeit es die Mehrzahl seiner huma- 
nitären Einrichtungen und auch seine besten architektonischen Werke verdankt. 

Osman-Pasvan-Oglu war der letzte grosse Pascha im alttürkischen Style. Er wagte es 
nicht nur, den Neuerungen des ersten Reformsultans sich offen entgegen zu setzen, sondern 
dem berühmten Selim III. offenen Krieg zu erklären 1 ). Selim hatte die Jenisseri (Janitscharen) 
im ganzen Reiche aufgehoben — Pasvan-Oglu war ihre letzte Stütze; denn mit ihrer Hilfe 
gedachte sich der kühne Empörer zu einem halbsouverainen Vasallen des Sultans , gleich den 
Dey's von Algier, Fez und Marocco, zu erheben. Vidin, der Stammsitz seiner Familie, sollte 
seine feste Hauptstadt werden. 

Osman-Pasvan-Oglu hatte sich in dem Kriege gegen Russland und Österreich 1788 ganz 
besonders hervorgethan. Nach demselben ergriff er jedoch , ein vermeintliches Erbrecht vor- 
schützend, gewaltsam Besitz von ausgedehnten Territorien an der Donau. Gestützt auf dieses 
und noch mehr auf seinen grossen kriegerischen Anhang, die berüchtigten „Krdsalien", welche 
durch ihre Zerstörung der reichen Zinzarenstadt Moscopolis sich einen gefürchteten Namen 
gemacht hatten, stellte er — in so Vielen dem grossen „Friedländer" ähnlich — die Belehnung 
mit dem Paschalik Vidin und seine Ernennung zu einem Pascha von drei Rossschweifen, als 
Bedingungen seines Friedens mit dem Sultan auf. 

Die Gründung neuer Vasallenstaaten lag aber nicht im Plane des, die Centralisation aller 
Reichsgewalten anstrebenden Selim's. Er verweigerte beide Forderungen und sandte gleich- 
zeitig ein Heer von 100.000 Mann gegen Vidin ab. Pasvan-Oglu antwortete damit, dass er 
sich nun persönlich in die Listen der von Selim in Bann gelegten Jenisseri eintragen liess. 
Deli- Achmet, der berüchtigte Janitscharenführer von Belgrad, und andere Häupter derselben 



i) Kanke, Die serbische Revolution. 

S* 



52 



F. Kanitz 



zogen auf diese Nachricht mit ihren kriegsgeübten Schaaren ihm zu Hilfe und erkannten Pas- 
van-Oglu unter allen Serhad-Aga's den höchsten Rang zu. Er, der mit ihrem erbittertsten 
Feinde, dem Sultan, im offenen Kampfe lag, dessen Losungswort „Euer sei die Beute, mein der 
Ruhm" so verführerisch klang, schien ihnen ganz der Mann, ihre, der Jenisseri's bedrohte 
Machtstellung mit Erfolg zu Ehren zu bringen. Sie hatten sich nicht getäuscht. 

Durch einen glücklichen Ausfall aus dem umlagerten Vidin zersprengte er des Grossherrn 
Armee. Hierauf überschritt er aber die Donau und machte sich seinen Nachbarn dies- und 

v 

jenseits des Stromes furchtbar. Erst nachdem er Cernec, Krajova, Nicopoli mit wechselndem 
Glücke erobert hatte und als ganz Bulgarien in Aufruhr und Flammen stand, machte der 
Sultan mit ihm Friede, gestattete die Rückkehr der Jenisseri nach Belgrad und sandte ihm 
die verlangte Rangeserhöhung. Die Gegensätze zwischen den menschenfreundlichen Statt- 
haltern des Sultans in Serbien Ebu-Bekir, Hadschi-Mustafa und der Rajah einerseits und 
Pasvan-Oglu mit den Jenisseri andererseits, waren dadurch nicht beendigt. Pasvan-Oglu's 
hartnäckiger Widerstand, in dem sich das alttürkische System gleichsam verkörperte, hatte 
jedoch indirect eine wichtige Folge. Ohne denselben würden sich gewiss auch in Serbien 
die gleich wenig glücklichen Zustände fortgeschleppt haben , der Christen Loos wäre ein 
ähnlich trauriges geblieben, wie wir es heute noch in Bosnien, der Herzegovina und Bulgarien 
erblicken. So aber führte die gewaltsame Besitzergreifung alles serbischen Grund und Bodens 
unter dem Titel Citluksahibien und die groben, gegen die Rajah verübten sonstigen Gewalt- 
thaten des Prätorianers Pasvan-Oglu die serbischen Befreiungskämpfe herbei, in denen es je- 
doch deren Urheber, dem grossen Rebellen von Vidin, nicht mehr gegönnt war, eine Rolle zu 
spielen. Er starb kurz vor der Thronentsetzung seines grossherrlichen Gegners. Molla-Pascha 
war sein Nachfolger in dem von ihm beinahe unabhängig verwalteten Paschalik Vidin. Pasvan- 
Oglu vereinigte mit seltener Energie eine grosse, natürliche Begabung. Die etwas europäisirte 
Physiognomie Vidins, dessen erhöhte Verteidigungsfähigkeit, die Eröffnung neuer Strassen, 
viele monumentale Bauten, darunter die schöne „Pasvan-Oglu-Dzami" mit einer Medresse und 
Bibliothek, dann die zahlreichen übrigen bereits erwähnten humanitären Einrichtungen dieser 
Stadt sind sein Verdienst. 

Der kleine Friedhof der Mustafa-Pascha-Moschee bewahrt das Grab Osman-Pasvan-Oglu's. 
Es ist von etwa zwei Fuss hohen, reich mit Ornamenten en relief bedeckten Steinplatten um- 
schlossen. Am Kopfe und Fussende erheben sich hohe Pilaster. Der erstere mit Inschriften 
und dem alttürkischen Tülbend (Turban), der letztere, etwas niedriger, mit einer Blumenvase 
geziert. Von der, durch einen reichtragenden Maulbeerbaum kühl beschatteten, von den Mos- 
lims in hohen Ehren gehaltenen Ruhestätte des im Leben ruhelosen, letzten Janitscharenführers 
wenden wir unsere Schritte zum Grabe des Zerstörers dieser die Schrecken des Halbmonds 
durch ganz Europa einst tragenden Soldateska, durch das Stambul-Kapu nach der Achmet- 
Moschee in der Citadelle. Sie ist die grösste der 32 Moscheen Vidin's und durch ihre zahl- 
losen Glaslustres mit riesigen Strausseneiern ausgezeichnet. 

Vor dem Haupteingange der Moschee ruht Hussein-Pascha, der berühmte Gross vezier, 
die kräftigste Stütze des reformfreundlichen Mahmud III. Sein Cenotaphium gleicht jenem 
seines Antipoden Pasvan-Oglu. Nur ist es reicher, weil neuer, auch besser erhalten und durch 
ein geschmackvolles, nach oben laubenartig sich überbiegendes Eisengitterzelt gegen Unbilden 
geschützt. Prächtiges Laub umgrünt die Stelle, auf der Hussein, der Held fortwährender rast- 
loser Kämpfe, Ruhe gefunden. Treffend charakterisirte der türkische (zinzarische ?) Bildner den 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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Gegensatz der Bestrebungen Hussein's zu jenen Pasvan-Oglu's , in der knappen Sprache der 
muhamedanischen Plastik, durch das seit Selim eingeführte, den alttürkischen TüThend ver- 
drängende „Reformfes", welches den hohen Denkstein zu seinen Häupten krönt. Hie, Tülbend, 
— hie, Fes! Es sind noch heute die Symbole, unter welchen Alt- und Neutürkenthum sich 
gegenseitig befehden. In jedem anderen Staate würde ein solcher Kampf — das Journal de 
Constantinople ist sein officieller Herold — das höchste Interesse der Nachbarländer und des 
gesammten Europa's erregen. Der Wellenschlag der sich periodisch vollziehenden Minister- 
wahlen der Sultane aus dieser oder jener Partei macht sich jedoch selbst im Inlande nur im 
Kreise der zunächst betheiligten Beamtenhierarchie und ihrer Günstlinge geltend; da die 
Wirkung und Vollstreckung guter und schlimmer, von dieser oder jener Partei getragenen 
Principe und Verordnungen schon in der Nähe der Hauptstadt, mehr noch aber in den Pro- 
vinzen und an der Peripherie des Reiches, an dem Eigenwillen der Gouverneure, Paschen und 
sonstigen Regierungsorgane sich abschwächen, ja oft gänzlich paralysirt werden. Welche 
Theilnahme soll aber das Ausland diesen, durch Sultanslaune oder schmähliche Serailintriguen 
herbeigeführten häufigen, Fall und Sieg der beiden Systeme verkündigenden Vezierwechseln 
schenken? Weiss es doch, dass die letzten Würfel über das künftige Schicksal der Türkei, 
ganz unabhängig von Ebbe und Fluth , Sieg und Niederlage , von dem Ausgange dieser seit 
Selim III. sich ununterbrochen fortsetzenden Kämpfe — deren ausgeprägteste Repräsentanten 
Pasvan-Oglu und Hussein-Pascha, ein merkwürdiger Zufall in demselben Boden, in Vidin's 
Erde ruhen lässt — hinrollen werden. 

Hussein's Nachfolger im Vilajet von Vidin war Sami-Pascha, der „Deutschenfeind" und 
ganz besondere Verehrer der Franzosen und Engländer; er schien sich in der Nachahmung 
ihrer grossartigen Schaustellungen militärischer Widerstandsmittel — natürlich in bescheidenem 
Massstabe — ausschliesslich zu gefallen. Höchst interessant ist ein Besuch des von ihm gegrün- 
deten Waffenmuseums. Das überall in Vidin „schiefe Linien" begegnende Auge ist erstaunt, 
hier Waffen und Trophäen in einer ungewohnten, an europäische Anordnung erinnernden 
Weise aufgestellt zu finden. Wohl fehlt es an einer leicht übersichtlichen chronologischen 
Reihenfolge des wirklich reichen Inhalts; doch ist das Gleichartige so ziemlich zusammen- 
gehalten und dies erleichtert einigermassen den Gesammtüberblick der höchst werthvollen 
Sammlung. 

Neben den rohen Büffelkollern der Jenisseri Kolluk neferi (Janitscharen) und deren 
furchtbaren Waffen, welche einen würdigen Platz in der berühmten Sammlung alttürkischer 
Kostüme, im „Elbicci-Atika" auf dem Atmeidan Constantinopels einnehmen würden, sahen 
wir Hellebarden mit kreisförmigen Messern zum Mähen nach rechts und links im Getümmel 
der Schlacht, Morgensterne, Äxte, deutsche Arkebusen, Schwerter, österreichische und slavi- 
sche Fahnen, darunter mehrere weisse Banner mit Heiligenbildern und eine Menge Arma- 
turstücke verschiedensten Ursprungs und Alters. An den Wänden hingen, bunt durcheinander 

v 

gewürfelt, die stark mitgenommenen Uniformen , Cako, Säbel, Gewehre u. s. w. der im Jahre 
1849 auf türkischen Boden geflüchteten und dort entwaffneten ungarischen Freischaaren. Im 
Hofe des Arsenals ruhen auf mächtigen Lafetten einige riesige Kanonenröhre von Karl VI. 
Im Style jener Zeit sind sie reich verziert und zeigen die etwas phantastisch-mittelalterlich- 
deutsche Tracht der damaligen „Artilleure". Für die Waffenkunde vergangener Zeiten und 
insbesondere der Türkei Hessen sich in dem kleinen Vidiner Museum sehr interessante Studien 
machen. Ich empfehle es Specialforschern dieser Richtung. 



54 



F. Kanitz 



Die Ausrüstungsmagazine für die Besatzung fand icli in musterhafter Ordnung. Waffen, 
Schanzwerkzeuge, Laternen, Feldflaschen, Seile und Riemzeug waren im Überfluss vorhanden 
und, so weit ich urtheilen konnte, auch in guter Qualität. 

Ein Blick in das Militärhospital überzeugte mich, dass die Krankensäle rein und zweck- 
mässig eingerichtet waren. Uber die wissenschaftliche Befähigung der meisten türkischen 
Militärärzte — grösstenteils griechischer oder italienischer Nationalität — hörte ich aber 
höchst ergötzliche Histörchen erzählen. Schon in Nis hatte ich sehr unterhaltende Mittheiluu- 
gen erhalten, über die Art, wie die Mehrzahl der dortigen Hekimbaschi's zu ihren Doctor- 
diplomen gelangt waren. Ehemalige Barbiergehilfen fungirten da als selbstbewusste Jünger 
Askulap's. Wohl steht dort die Zahl der Genesenden zu jener der in ein besseres Jenseits 
hinüber Pilgernden ausser allem Verhältniss und erregte gar oft schon das Kopfschütteln 
manches Mir-Alai (Obersten), der sein Regiment im Spitale decimiren sah; doch bei zu auf- 
fallend grosser Sterblichkeit rechtzeitig von Seite des Arztes gespendete Geschenke sollen 
beinahe immer die Bedenken der Väter des Regiments , der Obersten, beschwichtigt haben. 
Ein solch würdiger Regimentschef hat einem auf sehr räthselhafte Weise zu seinem Doctor- 
patente gelangten Griechen in Nis, der eben so berühmt durch seinen in ausgedehnter Civil- 
und Militärpraxis erworbenen Reichthum, als durch seine menschenfreundliche Fürsorge für 
das Wohlbefinden der Todtengräber Vidin's, nach und nach, als Lohn für seine Nachsicht, 
ein vollständiges Hausmobiliar, Wagen, Pferde u. s. w. abgenommen! 

Zu den bedeutenderen Militärbauten der Citadelle Vidin's gehört ein zweites, von hohen 
Mauern umgebenes grosses Pulvermagazin, nahe dem hölzernen Uhrthurme, dessen architek- 
tonische Aussenseite noch im Jahre 1862 einem riesigen, angerussten Fabriksschlott voll- 
kommen glich, in den letzten Jahren aber auf Kosten der Commune aus solidem Steinmaterial 
erneuert und zu einer Zierde der Festung umgestaltet wurde. 

An seinem Fusse haben sich in niederen, ärmlichen Holzbaracken die berühmten Silber- 
und Goldschmiede Vidin's niedergelassen. Manche Stunde ruhte ich hier von den ermüdenden 
Spaziergängen auf Vidin's berüchtigtem Pflaster aus, und vergnügte mich, den fleissigen 
Künstlern aus den macedonischen Gefilden das Geheimniss ihrer bewundernswerthen Filigran- 
arbeiten abzulauschen. Aus antiken Funden, griechisch-römisch-byzantinischen Münzen, zieht 
der Zinzare 1 ) den langen, fein gesponnenen, dann in kleine Stücke zerschnittenen Silberfaden. 
Mit unendlicher Geduld und merkwürdigem Geschick schmiegt des Zinzaren Hand Drähtchen 
an Drähtchen, fügt er Kreise, Sterne, Knöpfchen und Arabesken zu schönen, maurischen 
Formen, manchmal auch zu bizarren, doch selten den Rhythmus beeinträchtigenden Wendun- 
gen und Biegungen. Figur reiht sich an Figur und allmälig entstehen vor unseren verwun- 
derten Augen die niedlichen Gold- und Silberuntertassen, in welchen uns die Vornehmen und 
Paschen den duftenden Mokka credenzen lassen, die reichen Cigarrettenmundspitzen , welche 
die kostbaren Tschibukrohre zu verdrängen drohen, der verführerisch kleidende Kopfschmuck 
der türkischen Odalisken, neben den einfachen, runden Ohrgehängen, Haarnadeln, Halsketten 
und Gürtelhältern in Form zweier Schilde oder Palmenblätter, der bulgarischen Schönen. 

Neben diesen zierlichen Gebilden orientalischer Phantasie spielen unsere abendländischen, 
durch Stampiglien gepressten, mit unechten Steinen, Perlen, Farben überladenen Schmuck- 
sachen eine schlechte Rolle in den Läden der Bazare. Auch hier erringt sich aber das neue, 



') Die Zinzaren. Eine ethnographische Studie von F. Kanitz. Mitth. d. k. k. geogr. Gesellsch. VII. Jahrg. Wien 1863. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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unbewohnte Fremde, unterstützt durch die oft wechselnden Formen und wohlfeilen Preise, 
immer mehr Boden. Österreichische Quincailleriewaaren aller Art, Glas- und Porcellan- 
fabrikate, geblümte Kattune und Taschentücher, füllen neben englischen Garnen, Eisen-, 
Stahl- und Lederarbeiten die kleinen Gewölbe der türkisch-jüdischen Kaufleute. Neben ihnen 
suchen jedoch Rosenkränze und persische Fächer, reich gestickte Tabaksbeutel, Tschibuk- 
hälter, PantöfFelchen und die gold- und Silber durch webten feinen Gazegespinnste, welche die 
Börse europäischer Besucher so lockend anziehen, sich zu behaupten. Die christlich-bulgari- 
sche Industrie hat ihr Hauptquartier ausserhalb der Citadelle aufgeschlagen. In der Verarbei- 
tung von Schnur- und Pelzwerk leistet der Bulgare Vorzügliches. Ich sah zierlich ausgenähte 
Sättel, Bissacke, Pelze u. s. w. , wahre Prachtstücke, die jedoch nur auf Bestellung angefertigt 
werden. Die beinahe ausschliesslich von Christen bewohnte südwestliche Vorstadt hat seit der 
Aufhebung des alle Neubauten untersagenden Ukas Sami's durch Suleyman, den letzten Pascha 
Vidin's, sehr gewonnen. Der zerstreute, stark verschuldete türkische Besitz dieses Stadttheils 
ist beinahe gänzlich in bulgarische Hände übergegangen. An der Stelle der hässlichen, jeden 
Einblick in das Innere der moslim'schen Behausungen abwehrenden Bretterwände, erheben 
sich nunmehr unter den schützenden Flaggen der beiden osteuropäischen Grossmächte, Russ- 
lands und Österreichs, freundliche Gassenfronten mit schmucken Häusern und stattlichen 
Stockwerken, Thoren und Erkern. Bald dürfte sich neben dem Konak des Erzbischofs 
Paisios die projectirte neue Cathedrale erheben, für welche seit 1855, nahe dem hölzernen 
Glockenturme des alten christlichen Bethauses, ein reiches Baumaterial aufgespeichert wird. 
Durch diesen Neubau wird das christliche, Städte begründende Element nach Innen einen 
neuen belebenden Impuls, nach Aussen aber einen sichtbaren, schw r er errungenen Ausdruck 
gewinnen. Bis er vollendet, dürfte sich die moslim'sche Bevölkeruno- auch mehr mit der Ein- 
führung der Glockenmusik christlicher Kirchen befreundet haben. 

Als nach der Publication des viel citirten Hattihumaijums, jenes Blattes Papieres, das die 
Gleichberechtigung aller Unterthanen des Sultans feierlichst proclamirte — die christliche 
Gemeinde Vidin's von der ihr zugestandenen Errungenschaft praktische Anwendung machte 
und die eherne Stimme in ihrem hölzernen Glockenthurme, zum Gebete rufend, ertönen liess, 
fanden die Türken äusserst geringes Gefallen an dieser die Stimmen ihrer Muezzim's beein- 
trächtigenden Neuerung. Nächtlicherweise entfernten sie den Schwengel der kaum inaugurir- 
ten Glocke und drohten mit der Demolirung der Kirche, falls derselbe durch einen zweiten 
ersetzt würde. So hängt nun die Glocke, gleich einer Uhr ohne Zeiger, traurig da. 

Wohl könnte die bulgarische Christenschaft Vidin's gegen eine so gröbliche Verletzung 
des feierlichst proclamirten , sultanlichen, von den Grossmächten gewährleisteten Rechtes im 
Medschlis Klage erheben. Zu welchem Resultate würde dies aber in einer Versammlung führen, 
in der nach dem Gesetze ein einziges Mitglied die Rechte der ganzen christlichen Bevölkerung 
gegenüber von etwa zehn türkischen Genossen vertreten soll; also stets mit einer dieser feind- 
lich gesinnten Majorität zu kämpfen hat — die, wenn nicht selbst direct an den zu Klagen 
Anlass gebenden Acten betheiligt, sie doch gewiss in keinem Falle verdammen würde. Die 
Nutzlosigkeit ihrer Gegenwart in den Medschlis bei jeder Gelegenheit bitter empfindend , ver- 
anlasste daher in vielen Städten, und auch in Vidin, die christlich-jüdischen Mitglieder aus den- 
selben ganz wegzubleiben, um nicht durch ihre Anwesenheit den gegen deren Glaubens- 
genossen geübten Ungerechtigkeiten ihre formelle Zustimmung geben zu müssen. Raschid- 
Pascha, der neue Gouverneur Vidin's, liess jedoch Ende Juni 1864 sowohl für die christliche 



56 



F. Kanitz 



als jüdische Gemeinde Neuwahlen vornehmen und besteht — wahrscheinlich um allenfallsigen 
Reclaruationen der fremden Consuln zu begegnen — auf deren Erscheinen im Medschlis. Im 
Jahre 1862 wurde die im Sinken begriffene türkische Bevölkerung Vi din's durch die gezwun- 
gene Emigration ihrer Belgrader Glaubensbrüder um einige hundert Köpfe vermehrt. Gleich- 
zeitig mit diesen zogen in Vidin's Mauern die interessanten Drusenchefs von Dschidda ein, 
die von den Christen Belgrads, gleich gefangenen Löwen in leicht zerbrechlichen Käfigen, 
gefürchtet, auf die gemeinsamen Vorstellungen der serbischen Regierung und der europäi- 
schen, bei derselben beglaubigten Consuln, nach Vidin übersiedelt wurden. Ich fürchte, dass 
die Fieberluft der bulgarischen Donaufestung — sie bewohnen den einstigen Konak Pasvan- 
Oglu's — ihnen noch schlimmer, als jene der hochgelegenen Belgrader Akropolis behagen 
wird. 

Vidin ist auch das Exil Isdendscher Bey's, Fürsten von Aslom, des von England, 
Frankreich und der Pforte in die Sümpfe der bulgarischen Feste verbannten kurdischen 
Revolutionärs. Er hat blasse, scharf geschnittene, sehr einnehmende Züge, trägt fränkische 
Kleider von elegantem Schnitt, bewegt sich vollkommen frei, bekleidet sogar — wohl nur in 
der Türkei möglich — das Ehrenamt eines Präsidenten des Vidiner Criminaltribunals und 
macht, trotz dieser humanen Behandlung, dennoch von Zeit zu Zeit — allerdings vergebliche — 
Versuche, weitere Milderung (!) seines Exils zu erlangen. 

Man sieht, es fehlt der Vidiner Gesellschaft nicht an berühmten, interessanten Elementen. 
Welches sind aber die Vergnügungen der Hauptstadt, des grossen Vilajets und Sitzes seines 
Civil- und Militärgouverneurs? Gibt es daselbst Theater, Concerte, Promenaden, öffentliche 
Spiele u. s. w.? Nichts von dem Allen! Die gelegentlichen Vorstellungen des „Kara-guez", 
des türkischen Polichinell's und seines Pylades, Hadschi-aiva, einer Art Puppenspiel, in dem 
diese beiden Volkslieblinge persischer Abkunft, ganz besonders zur Bairamszeit, die losesten 
Streiche, gewürzt mit einem von obscönsten Zweideutigkeiten strotzenden Dialog, aufführen, 
müssen Vidin, wie allen übrigen türkischen Städten, mit alleiniger Ausnahme Stambul's, unsere 
Musentempel ersetzen. Unschwer vermisst der Türke dieselben; denn er kennt die „göttliche 
Comödia", das Vergnügen nicht, welches den Hauptreiz unserer occidentalen gesellschaftlichen 
Zerstreuungen bildet. Durchziehende Jongleurs — gewöhnlich Inder und Perser — Zigeuuer- 
banden mit phantastisch aufgeputzten Preciosa's und zu allerlei Liebkosungen stets bereiten 
braunen, geschmeidigen Jünglingen, vertreten die Stelle unserer Turn- und Gesangsfeste, 
unserer Wettrennen, Corso's und Schützenfahrten. 

Nicht minder schlimm sieht es auch mit Vidin's öffentlichen Gärten und Spaziergängen 
aus. Die türkischen Städte erfreuen sich beinahe grösstentheils einer reizvollen natürlichen 
Lage. Nahe Berge, mit saftigem Grün bedeckte Höhen, Obst- und Weinculturen ersetzen 
unsere künstlichen Parke, Gärten und Promenaden. In Vidin sucht man aber vergebens auf 
dem durch Äser verpesteten, von unzähligen herrenlosen, die Sanitätspolizei ersetzenden 
Hunden unsicher gemachten Glacis nach einem schattigen Plätzchen. 

Zwei Eilschiffe in der Thal-, zwei in der Bergfahrt, ein Passagierbot und ein Frachtschiff, 
sämmtlich im Dienste der k. k. ausseid, privil. öster. Donau- Dampfschifffahrts - Gesellschaft, 
erhalten im Sommer wöchentlich die Verbindung Vidin's mit dem Norden und Süden. Das 
Signal der Ankunft dieser Dampfer bringt beinahe die einzige Unterbrechung in die monotone 
Ausscnseite des Vidiner socialen Lebens. Das Donauufer bleibt stets der belebteste Punkt 
Vidin's. Nahe dem Zollamte, dessen kleine Gartenanlage eine gern aufgesuchte Oase der 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



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Vidiner Sümpfe bildet, liegen immer mehrere Schiffe, Ladungen einnehmend oder löschend. 
Zu diesen letzteren gehören die grossen , salzbefrachteten Schleppschiffe des serbischen Roth- 
schilds, Major Misa's. Als Pächter der Salinen der Wallachei und Moldau, erhielt er im 
Juni 1863 gegen einen Pachtschilling von 30.000 Ducaten von der Pforte das Monopol für 
den ausschliesslichen Verkauf des Salzes in den türkischen Donaustädten. Er darf jedoch den 
vereinbarten Preis von 23 Zwanzigern per 100 Oka (1 Oka = 2% öster. Pfd.) nicht über- 
schreiten. Der Handel Vidin's ist durch den geringen Bedarf von Stadt und Hinterland im 
Import und durch die geringe Production im Export sehr beschränkt. Das nahe kleinere Lom- 
Palanka ist in commercieller Beziehung jedenfalls bedeutender und wird durch die erwähnte 
neuangelegte Strasse nach Nis und Sofia erhöhten Aufschwung nehmen. 

Zur Verbindung ihrer Festungen an der unteren Donau unterhält die Türkei eine kleine 
Flotille von Dampfern, von welchen bei Vidin vier Kanonenboote Stationiren. Sie tragen auf 
Bug und Castell je ein Geschütz. Bis Vidin können selbst tiefgehende Schiffe die Donau aus dem 
Schwarzen Meere hinauffahren; die Stromschnellen zwischen Vidin und Orsova sind aber kaum 
bei höchstem Wasserstande passirbar. Im Sommer 1862 strandete nahe bei Orsova ein mit 
Provisionen und Munition für Belgrad bestimmter türkischer Kriegs dampfer. Alle Anstren- 
gungen ihn flott zu machen, blieben erfolglos, und es gelang blos aus dem in Brand gesteckten 
Rumpfe wenige Maschinentheile zu bergen. 

Vidin's Garnison beträgt im Frieden gewöhnlich 3000 Mann, unter Commando eines 
Generals, von Ferik's- oder Feldmarschall-Lieutenants-Rang. In unruhigen Momenten werden 
jedoch auf der Donau Verstärkungen herangezogen, die gewöhnlich eine Stunde nördlich der 
Festung, auf dem etwas höheren Terrain ein Lager beziehen. Der Weg nach demselben geht 
durch die wüsten, ganz vernachlässigten, von Hunden durchwühlten türkischen Friedhöfe, 
zu welchen der bulgarisch-christliche den wohlthuendsten Gegensatz bildet. Auf diesem begeg'- 
net man von liebevoller Hand gezierten Gräbern. Selten fehlt eine Laterne oder Grablampe, 
gewöhnlich von antiker Form und von Blumen umgeben, am Fusse der seltsam geformten 
sterngezackten Leichensteine oder der hohen Sandsteinkreuze, welche, in der Form den alt- 
schottischen ähnlich, mit drei Relief kreuzen auf polychromem Grunde geziert, oder mit In- 
schriften in allen Sprachen bedeckt — selbst deutsche und magyarische fehlen nicht — viel- 
fachen Stoff zu interessanten Studien bieten. 

Nicht weit hinter den Friedhöfen nähert man sich dem Platze, auf dem Vidin's Garnison 
in den heissen Monaten gewöhnlich lagert. Im Sommer 1862 commandirte hier Suleyman 
Pascha 6000 Mann Nizams, zum Theil Cavallerie. Der Anblick eines türkischen Lagers, aus 
der Ferne gesehen, ist sehr freundlich. Die langen, grünen Zeltreihen dehnen sich endlos aus. 
Vor denselben zieht sich eine Linie von Ziehbrunnen hin, mit hohen, in die Luft ragenden 
Hebebäumen. Wasser in reichlicher Quantität ist auch im Lager schon aus religiösen Gründen 
ein unumgängliches Bedürfhiss. Auf einem „Tepe" (Tumulus) thronte nach alttürkischem 
Brauche das Zelt des Ober-Commandanten Ismail Pascha, seltsamerweise jedoch ganz ausser- 
halb des Lagers und mit dem Eingange von diesem abgewendet. 

Wie in Nis, fand ich auch hier bei den Soldaten die grösste Beweglichkeit und Liebe 
zum Exercitium. Die auf Posten stehenden Soldaten sah ich oft mit Einübung der Handgriffe 
des Gewehrs sich die Langweile vertreiben. Erwägt man, dass zu Beginn unseres Jahrhun- 
derts, unter Selim, eine eigens abgefasste Schrift dem widerstrebenden Muhammedaner bewei- 
sen musste, dass Bajonette und leichte Artillerie nicht gegen den Koran Verstössen, so muss 

Denkschriften der phüos.-histor. Cl. XVII. Bd. Abhandl. von Nichtmitgliedern. h 



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F. Kanitz 



man die in wenigen Decennien gemachten grossen Fortschritte der Türken in der Führung 
europäischer Waffen gewiss anerkennen. 

Die Bewaffnung und auch die Naturalverpflegung der türkischen Truppen lässt im Frie- 
den nichts zu wünschen übrig, der Uniformirung wird jedoch geringere Sorgfalt zugewendet. 
Noch weniger denkt man aber daran, den Soldaten ihren Sold pünktlich zu bezahlen. Die 
von dem gegenwärtigen Sultan angestrebten Reformen in dieser Richtung erstrecken sich 
kaum über die Mauern Constantinopels. 

VII. Über Zaicar, Gamzigrad und Radujevac zur Donau. 

Zur Rechten die Quarantaine Vrska-Cuka, den Timok zur Linken, und im Rücken den 
Passo-Augusto, fand mich ein prächtiger Herbstabend auf der grossen Strasse nach der Kreis- 
stadt Zaiöar. Vor der Ubersetzung des Timok's bei Grljane blickte ich nochmals zurück auf 
sein herrliches Flussthal und die schönen Berge, welche, mit der einst castellgekrönten Vrska- 
Cuka beginnend, dasselbe in der Richtung N. S. von Bulgarien trennen. 

Eine Vergleichung des oberen Timokgebietes mit seiner kartographischen Darstellung 
auf unseren bisherigen Karten zeigte mir schon im Jahre 1860, bevor ich es noch auf meiner 
letzten Reise im Jahre 1864 in den verschiedensten Richtungen durchzogen und aufgenommen 
hatte, zahlreiche zu berichtigende Irrthümer. Die Breite des Territoriums zwischen dem Timok- 
rinnsal und den mit demselben parallel ziehenden bulgarischen Grenzbergen erschien an vielen 
Punkten zu schmal, an einigen zu sehr ausgedehnt. Wo waren die Fehler zu suchen? War die 
bei Vrska-Cuka beginnende Kette oder der Timok selbst unrichtig eingetragen? Zur Beant- 
wortung dieser Frage erschien es nothwendig, die Position von Knjazevac nach Möglichkeit 
besser zu bestimmen und genauere Angaben über die Entfernungen der bisher ganz unrichtig 
auf einer Durchschnittslinie (Breite) gelegenen Punkte: Aröer, Belogradöik, bis zu dem bulga- 
rischen Grenzkamme und von diesem bis zum Timokgabelpunkt bei Knjazevac zu erheben. 
In meinen in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften erschienenen 
Beiträgen zur serbischen Kartographie musste diese Frage eine offene bleiben. Mit ihrer aus 
einer Vergleichung meiner Karte vom Jahre 1864 mit jener von Kiepert und Scheda her- 
vorgehenden Beantwortung fielen auch die letzten kleinen Differenzen der von mir nachgewie- 
senen Römerstrasse von Nis nach Aröer mit den Maassen der Peutinger'schen Tafel, und war 
ein neuer Beweis geführt, dass in diesen Ländern, wo nur wenige nach geographischer Breite 
und Länge bestimmte Punkte den Kartographen unterstützen, die antiken Entfernungsmaas se 
ein nicht zu unterschätzendes Criterium bei geographischen Arbeiten bilden. 

Die von Vratarnica über den Timok führende Brücke war durch das Frühjahr-Hochwasser 
des Flusses zerstört worden. Wir durchfuhren ihn an einer seichten Stelle. Das Dorf ist nur 
durch seine zahllosen Storchennester merkwürdig. Noch nie hatte ich zuvor deren so viele 
an einem Orte gesehen. Beinahe jedes Dach war von einem solchen überragt. Ganze Züge 
der langbeinigen Thiere segelten unter lautem Geklapper über unsere Köpfe hin, bis wir uns 
dem Fusse eines wenig bewaldeten Berges näherten, dessen unwirthliches Aussehen durch die 
nächtlichen Schatten des einbrechenden Abends nicht vermindert wurde. Schwarzes Ge wölke 
ballte sich am Horizonte zu anderen unheimlichen Bergen zusammen und entzog dem Auge 
der Rtanjpyramide schöne Linien. Ein furchtbares Unwetter war im Anzüge. Wir trieben 
unsere kleinen serbischen Pferdchen zur Eile. Die schwarzen Wolken jagten aber gleich bösen 



Reise in Süd-Seebien und Nord-Bulgarien. 



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Dämonen noch eiliger hinter uns her und schienen uns noch vor dem schützenden Ziele über- 
flügeln zu wollen. In 1 % Stunden kamen wir endlich an die ersten Häuser der Stadt. Bereits 
fielen schwere Tropfen. Bald darauf tobte das Wetter mit aller Macht. Donnerschläge erschüt- 
terten den Han, der uns schützend aufgenommen hatte, in seinen Grundfesten. Bei dem hellen 
Lichte zuckender Blitze machte ich die erste Bekanntschaft mit dem Forum Zaicar's, der „velika 
piazza", auf der sich seine öffentlichen Gebäude gruppiren. Ihre architektonische Aussenseite 
erhebt sie wenig über die kleinen, benachbarten Häuschen; sie gehören zu den unbedeutend- 
sten beinahe aller serbischen Kreisstädte. 

Einst mochte Zaicar eine grössere Bedeutung gehabt haben. In seiner Nähe befinden sich 
Reste alter Bauten, die wohl zu den merkwürdigsten im östlichen Europa gehören. Flüchtig 
fand ich schon derselben bei Boue und Paton 1 ) gedacht. In Gesellschaft des Erzpriesters 
und eines Panduren, die mir der Nacalnik als Begleiter beigesellt hatte, ritt ich, von der leb- 
haftesten Neugierde erfüllt, schon bei meinem ersten Besuche Zaicar's (1860) hinaus nach den 
Ruinen von Gamzigrad. Bald nachdem wir in nordwestlicher Richtung den ersten Abschnitt 
des hüglig ansteigenden Terrains im Rücken der Stadt übersetzt hatten, gelangten wir auf eine 
weite Hochebene und sahen im Südwesten den etwa 6 Stunden entfernten Rtanj in einer solchen 
Schärfe der Umrisse, dass ich mich gegenüber der vielbewunderten Cekrop-Pyramide am 
Nil wähnte. Vollkommen losgetrennt von den benachbarten Bergen Banja's und Razanjs, 
beherrschte er gigantisch die ganze Landschaft. Ich sass vom Pferde ab , griff nach Mappe 
und Stift und zeichnete hier jenes Profil, welches Viquesnel in Paris veröffentlichte. Der 
prachtvollen Scenerie uns erfreuend, ritten wir wohl eine Stunde über die im frischesten 
Grün prangende Hochebene hin. Dann senkte sich plötzlich das Terrain. Es folgte eine 
schmale Rinne, die sich ein von Südwest kommender kleiner Timokzufiuss gegraben. Sein 
jenseitiges Ufer erhob sich allmälig und wenige Schritte von diesem lagen die von einer üppig 
wuchernden Vegetation durchwachsenen Reste einer der stolzesten Bauten vergangener 
Zeiten. 

Mein Reiseprogramm im Jahre 1860 gestattete mir nur kurz bei dem hoch interessanten 
Werke zu verweilen. Ich nahm eine kleine Skizze desselben, eine eingehendere Erforschung 
einem künftigen zweiten Besuche vorbehaltend. 

Begleitet von dem Herrn Kreisphysikus Dr. Maslo, begann ich dieselbe auf meiner Herbst- 
Reise im Jahre 1864 mit der Aufnahme eines Grundrisses des riesigen Baues, dessen Umfas- 
sungsmauern und Thürme grossentheils in ihrer Grundanlage wohl erhalten und unverändert 
durch spätere Bauten, ein seltenes Beispiel römischer Befestigungskunst im europäischen Osten 
geben. Die wenigen Forscher, welche vor mir Gamzigrad's-Feste besuchten, schrieben den Bau 
den verschiedensten Völkern und Zeiten zu. Im Verlaufe werde ich zu erhärten suchen , dass 
sie von den Römern herrühre. Schon die Unregelmässigkeit ihrer Hauptform bildet ein charak- 
teristisches Zeichen ihres Ursprungs. Ohne Rücksicht auf streng symmetrische äussere Linien, 
suchten die Römer stets aus der natürlichen Beschaffenheit des zu befestigenden Terrains den 
grösstmöglichen Vortheil für dessen Verteidigung zu ziehen. Vier riesige Rundthürme von 
15° Durchmesser und 2° Mauerstärke markiren die Winkel des ungleichseitigen Vierecks, 
welches die Grundform Gamzigrad's bildet. Zwischen diesen Eckthürmen erheben sich an den 
Schmalseiten des Baues im Osten und Westen je drei, an den Langseiten in Norden und Süden 



!) Paton J. A. , Voyage in Servia. 



60 



F. Kanitz 



je vier kleinere Rundthürme von gleich starkem Mauerwerk, aber von nur II 1 // Durchmesser. 
Sämmtliche Thürnie springen in beinahe vollem Kreise aus den gleichstarken Vierecksmauern 
in, wie der Grundriss (Taf. IV, Fig. 3) zeigt, unregelmässigen Zwischenräumen (an der Nord- 
seite von 15 — 17°, an der Südseite von 14 — 18°, an der Ostseite von 13 — 16° und an der 
Westseite sogar von 7 — 16° wechselnd) vor. Der nordwestliche Eckthurm zeigt heute noch 
zwei Stockwerke mit sechs Fensteröffnungen und ragt über den Schutt, welcher beinahe den 
ganzen Wallgraben erfüllt, 28° hoch empor (Taf. V, Fig. 1). Durch das Mauerwerk der Thürme 
laufen einzelne, weit von einander abstehende Ziegelbänder; sonst ist ihre und der Mauern 
äussere Steinverkleidung grossentheils abgerissen, als bequemes Steinlager im Laufe der 
vielen Jahrhunderte nach der Zerstörung des riesigen Baues benützt worden. Die wenigen 
heute zugänglichen., nach der Innenseite des Vierecks geöffneten Gewölbe sind aus ziemlich 
sorgfältig behauenen Bruchsteinen und Bogen aus Backsteinen von 18" Länge erbaut (Taf. V, 
Fig. 2). Der Hauptzugang zur Feste befindet sich heute an der dem Flüsschen zugekehrten 
Ostseite, und dürfte auch früher an derselben sich befunden haben. Hinter dem Mittelthurme 
dieser Seite, und später bei genauerer Durchforschung des stark bewachsenen Terrains auch 
an anderen Stellen, fand ich, etwa 9° von den Umfassungsmauern entfernt, die Rudimente 
einer zweiten Reihe von Rundthürmen, welche einst wahrscheinlich mit Mauern unter einander 
verbunden, eine zweite Befestigung innerhalb der ersten gebildet haben mochten. Auf meinem 
Grundrisse erscheinen die von mir entdeckten Thürme mit der vollen Stärke ihres Mauer- 
werkes angegeben, während die mit einfachen Kreislinien angedeuteten, aller Wahrscheinlich- 
keit nach jene ergänzten und bei künftigen Ausgrabungen zum Vorschein kommen dürften. Im 
Mittelpunkte des • ausgedehnten Werkes befindet sich eine ganz regelmässige quadratische 
Baute, deren Schmalseiten nach Ost und West 7° und deren Langseiten in Nord und Süd 
11° messen. Die Rudimente dieses Mittelbaues erheben sich nur wenig über den Schutt- 
und die Trümmerhaufen, deren Wegräumung die nähere Bestimmung desselben erleich- 
tern würde. 

Diese einzig auf meinen Aufnahmen und Messungen beruhende Schilderung Gamzi- 
grad's dürfte wohl, ergänzt durch die begleitenden Illustrationen, hinreichen, um eine Idee 
seiner imposanten Erscheinung zu geben und das Interesse zu motiviren, welches es dem 
Archäologen und Historiker nothwendig einflössen muss. 

Das mächtige Bollwerk, überdies noch durch vorgeschobene Rundthürme auf den nahen 
Höhen verstärkt, dürfte wohl als befestigtes Lager gedient haben. In ihrem gegenwärtigen 
Zustande zeigen Thürme und Mauern nicht die geringste Spur ihrer einstigen Decoration. 
Ausser den charakteristischen, von mir zuerst in Gamzigrad aufgefundenen Deckziegeln mit 
aufgebogenem senkrechten Rande fehlt es an Sculpturen, Inschriften oder gestempelten 
Ziegeln und ich beschränke mich darauf, hier kurz die Gründe anzuführen, welche mich an- 
nehmen lassen, dass diese bisher räthselhafte Baute der Römerzeit angehöre. 

Vor Allem ist es jedenfalls mehr als wahrscheinlich, dass die Römer bei der grossen Zahl 
ihrer Niederlassungen im Timokgebiete, eines grösseren festen Waffenplatzes zum Schutze der 
dasselbe durchziehenden Heerstrasse bedurft hatten. 

Schon Mannert erwähnt 1 ) mehrerer, noch von Procopius in der Nähe des Timok's auf- 
geführter Befestigungen, wie: Burges-Altus, Gombes, Longiniana, Ponteserium u. s. w., die 



ij Mannert, Geographie VII. Bd., 86. 



Reise in Süd-Sebbien und Nobd-Bulgabien. 



61 



zweifellos, wie die meisten byzantinischen festen Plätze in diesen Gegenden, römischen Ur- 
sprungs waren. 

Diese Verwandlung des ursprünglich römischen Bollwerkes in ein byzantinisch-bulgarisch- 
serbisches im Laufe der Jahrhunderte entspricht dem bei den meisten festen Bauten zwischen 
der Donau und dem Schwarzen Meere analogen Vorgange, wie denn auch die schon früher 
angeführten strategischen Momente, wie die Wahl und Benützung des Terrains (Taf. V, Fig. 4) ; 
ferner einzelne technische Merkmale in den noch erhaltenen Gewölbeconstructionen , die auf- 
gefundenen römischen Deckziegeln, welche mit den übrigen beim Bau verwendeten Back- 
steinen aus gleichem Thone gearbeitet sind und die so wenig wie der Grundriss oder die 
Bautechnik mit den späteren Bauten der serbischen Care etwas Gemeinsames besitzen, auf 
seinen römischen Ursprung hindeuten. 

Üppiger Baumwuchs und zahllose Farrenbüschel wurzeln seit Jahrhunderten — in der 
Geschichtsperiode der Nemanjiden und später in den Liedern wird Gamzigrad's nie ge- 
dacht 1 ) — auf und zwischen den Mauern, Thürmen und im Wallgraben. Auf dem grossen, 
von denselben umschlossenen Räume hat sich aber auf dem alten Schutt uud Gerölle ein präch- 
tiger Ackerboden gebildet, der von fleissigen Bulgaren, den einstigen Erben der byzantinischen 
Herrschaft in diesen Gebieten und nunmehrigen serbischen Bürgern, bearbeitet wird. 

Unfern der Feste steht der „Timosit" an, jener metallführende, grünliche, hornblende 
Porphyr, welchen der vor mehreren Jahren in Serbien wirkende sächsische Hüttenmann 
Breithaupt so taufte 2 ) und der das Hauptmaterial zum Baue des grossen römischen Wer- 
kes lieferte. 

Die prächtige, etwa eine Stunde breite, überaus fruchtbare Hochebene von Gamzigrad 
fällt mit ziemlich starker Neigung gegen den „mali Timok" ab. An diesem liegt das kleine 
Dorf gleiches Namens, in dessen Nähe dem Kalkboden zwei heisse Quellen, „Gamzigrad 
banjica" genannt, entsteigen. Westlich unterhalb des Dorfes, vereinigt sich das Flüsschen 
Crna-rjeka, das der ganzen Landschaft seinen Namen gibt, mit dem vom Krivi- Vorgebirge 
herabkommenden mali Timok, den Kiepert früher, irregeführt durch unrichtige Daten, mit 
der Crna-rjeka verwechselte und dem er auf seiner Karte deren Namen beilegte. 

Etwa vier bis fünf Stunden von dem Mündungspunkte des Flüsschens , liegt an dessen 
Quellen in Mitte einer prachtvollen Waldvegetation, welche zahllose Feldröschen lieblich 
durchduften, das in Serbien hochgeschätzte Bad „Brestovaöka-banja" , in dem auch Fürst 
Milos im Jahre 1860 Linderung für seine chronischen Leiden suchte. 

Dem Sienit-Porphyr des Dorfes Brestovac entspringen, neben kleineren bedeutungslosen 
Quellen, fünf warme Thermen, welche nach Herder zusammen in einer Minute eine Wasser- 
menge von ungefähr 30 Kubikfuss geben. Zwei dieser Quellen mit 39° und 39 5 / 10 ° werden zum 
Baden benützt, zwei andere mit 37 7 / 10 ° dienen als Trinkquellen, die fünfte mit 35 7 /i ° Celsius 
wird als Augenheilquelle sehr gerühmt. Die Thermen kommen sämmtlich aus Felsklüften, 
zeichnen sich durch einen reichen Gehalt an schwefelsaurem Natron und Bittererde aus und 
äussern die wohlthätigsten Wirkungen. 



!) Es fällt schwer, und selbst Vuk wollte es nie gelingen, über den alten Bau und dessen Namen in der serbischen Tradition 
und Etymologie Anhaltspunkte zu gewinnen. Gamzati, gamziti heisst im Serbischen kriechen. Sollte Gamzigrad nicht 
eine blosse Verstümmelung des altserbischen Zvecanigrad sein, so dürfte sein Name wohl eher von Kandza, Kandze 
f Adlerkralle), abgeleitet werden. 

a ) Berg- und hüttenmännische Zeitung 1860 und 1861. 



62 



F. K ANITZ 



Wie in allen serbischen Bädern, bleibt aber auch in Brestovaöka-banja für den Comfort der 
Badegäste noch Alles zu thun übrig. Die vorhandenen Baderäume, grösstentheils türkischeAnlagen, 
genügen lange nicht mein' der heutigen Frequenz und den gesteigerten Ansprüchen der Neuzeit. 

Das ganze Terrain, in dem sich der „mali Timok" eingebettet hat, ist unzweifelhaft vul- 
kanischer Natur und bildet einen für den Geologen und Hüttenmann höchst interessanten 
Boden; denn abgesehen von den zahlreichen Thermen, welche ihm entsteigen, deuten viele 
alte Bergbaue auf seinen reichen metallurgischen Gehalt. Herder 1 ) fand an den Quellen der 
Crna-rjeka bei Buö (Buöve) sichere Anzeichen der Fortsetzung des Kupfer- und Eisenstein- 
zuges von Maidanpek, ferner bei Brestovac einen ausgezeichneten Walzschiefer, der sich, 
seiner vorzüglichen Güte wegen, mit Nutzen zu Mühl- und Schleifsteinen verwerthen Hesse, 
und unferne bei dem Dorfe Sarbanovac höchst interessante Gypskrystalle in grosser Menge. 
In der Nähe von Valakonj am rechten Ufer des kleinen Timoks erwarten sehr alte Hütten- 
betriebe auf reiche Eisensteinlager ihren erneuerten Abbau. Am „mali Timok" befindet man 
sich auch im Hauptrevier der serbischen Goldwäscherei. Diese wird namentlich an den drei 
Bächen Crna-, Bela- und Jesikova-rjeka, welche in den südlichen Vorbergen des 4000' 
hohen Stol entspringen und in paralleler Richtung von Nordost-Südwest in den kleinen und 
vereinigten Timok fallen; ferner in dem nach Nordost iiiessenden Pek getrieben. 

Auf der Fahrt von Zaicar nach Negotin fand ich nicht nur Gelegenheit, die Golddiggerei, 
sondern auch einen andern neu eingeführten Industriezweig am Timok kennen zu lernen. Ich 
meine die Wollwäscherei, welche insbesondere der weiblichen Bevölkerung Zvesdan's einen 
willkommenen, lohnenden Erwerb bietet. Nahe dem jungen Wollwäsch-Etablissement hinter 
Zaiöar, sah ich im Jahre 1860 neben der Timokfurth das Material zu einem soliden Stein- 
brückenbau vorbereiten, welchen ich im Jahre 1864 vollendet fand. Unferne dieser Brücke, 
eine Viertel Stunde unterhalb des Zusammenflusses des veliki- mit dem mali-Timok, besuchte 
ich die Reste eines der zahlreichen Castelle, mit welchen, wie schon früher bemerkt, die Römer 
höchst wahrscheinlich in der Letztzeit ihrer Herrschaft an der Donau den Timok als eine 
wichtige Verteidigungslinie Obermösiens gegen die Barbareneinfälle befestigt hatten. Das 
Castell — heute noch von der Bevölkerung „Kostol" genannt — ist in den Hauptlinien voll- 
kommen wohl erhalten. Sein Wall bildet ein regelmässiges □ mit vorspringenden kreisförmi- 
gen Aussprüngen an den Ecken, dessen Verteidigung durch die steile Böschung des Ufer- 
randes und einen kleinen Wasserzufluss des Timok's erhöht wurde. Die Rudimente des 
Castells sowie die Substructionen der einstigen römischen Ansiedlung sind unter dem sie um- 
wuchernden Baum- und Strauchwerk noch deutlich erkennbar (Taf. V, Fig. 5). 

Bald nach Ubersetzung einer zweiten kleinen Wasserader erreichten wir Vrazogrnac, ein 
Dorf an der goldführenden Bela-rjeka (bei Kiepert Wrashogrnatz) , wo wir den ersten serbi- 
schen „Diggers" begegneten. Das Goldwaschen scheint hier jedoch wenig lohnend zu sein, 
es wird nur als Nebenerwerb neben den häuslichen Arbeiten von Wenigen betrieben. Nur 
nach starken Regengüssen, wenn die Bäche über ihr gewöhnliches Uferniveau getreten sind, 
wird der zurückgebliebene Sand durchwaschen. Es geschieht dies vermittelst einer „Gold- 
lutter" oder grossen Troges mit Quer- und Längenvertiefungen , über welche der Sand, durch 
langsame Bewegung des Instrumentes nach beiden Seiten hingetrieben wird. Nur selten wird 
der Sand den Bächen selbst entnommen. Gewöhnlich waschen vier Personen gemeinschaftlich. 



') Herder. Bergmännische Reise in Serbien. Pest, 1846. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



63 



Die Ausbeute beträgt an glücklichen Tagen V 2 Ducaten, oft aber nur wenige Piaster. Das 
gewaschene Gold wird von Vidiner Händlern mit 30 — 40 Piaster pro Ducaten, in letzter Zeit 
auch etwas besser bezahlt. 

Erwägt man die Mangelhaftigkeit der Manipulation und der zur Goldwäscherei üblichen 
Vorrichtungen, so lässt sich wohl annehmen, dass bei einer rationelleren Betriebsweise hier 
gewiss lohnendere Resultate zu erzielen wären. Nach den, in dem als „goldreichen Lande" 
berühmten Siebenbürgen gewonnenen Erfahrungen ist es bei alledem sehr zu bezweifeln, 
ob die Goldwäscherei am Timok für Serbien jene hohe Wichtigkeit erreichen könnte, die ihr 
Herder beilegte. 

Auffallend erscheint es aber, dass keiner der im Auslande auf Staatskosten gebildeten 
serbischen Techniker und Hüttenmänner mit Benützung der von dem hochverdienten sächsi- 
schen Bergmanne gegebenen Winke, die goldführenden Lagerstätten, welche die Jesikova-, 
Crna-rjeka, den Pek und dessen Seitenbäche augenscheinlich durchsetzen, näher untersuchten, 
um sichere Anhaltspunkte zur Entscheidung der Frage zu gewinnen, ob dieselben mit Nutzen 
zu bebauen seien. Herder sagte der mit nur geringen Schwierigkeiten verknüpften Unter- 
suchung die günstigsten Resultate voraus. 

Vom Mündungspunkte der goldführenden Bela-rjeka in den Timok, umfliesst der letztere 
eine ziemlich stark in das bulgarische Gebiet einschneidende, bis Trnavac reichende Land- 
zunge, welche, gleich dem Timokzusammenflusse auf Milenkoviö's Karte, zu sehr südöstlich 
eingetragen erscheint. 

Von Zaiöar aus gerechnet , erreichten wir in drei Stunden zwischen veliki- und mali- Jesi- 
kova die Furth des gleichnamigen Flüsschens, das für den reichsten der vier goldführenden 
Timokzuflüsse gilt. Die Strasse nach Negotin blieb fortwährend gut. Sie gehört zu den besten 
Serbiens und führt in reizender Abwechslung durch schöne Thäler und über Höhen, welche 
sich, je mehr wir uns der Donau näherten, ermässigten und zuletzt den Charakter sanfter 
Hügel annahmen. Nach allen Richtungen findet das Auge die angenehmste Zerstreuung in 
diesem prächtigen Landstriche. Zur Rechten sind es die nahen bulgarischen Grenzberge, 
links die scharfprofilirten Spitzen der Miroökette und des Stol's mit seinen steil abfallenden 
beinahe senkrechten 4 — 500' hohen Wänden, vor uns endlich sanfte gut bebaute Hochebenen 
oder üppiges Weideland mit zahllosen Heerden, deren friedliches Glockengeläute in den 
frohen Lärm einer zum nahen Klostersabor pilgernden Karavane hineintönte. 

Im bunten Gemenge mit, von walachischen Bauern und Mädchen escortirten Salzwägen 
hatten sich die heiteren Negotiner Stadtkinder um einen verfallenen türkischen Brunnen 
gelagert. Auch wir tränkten hier unsere Pferde und mengten uns in das lebendige frische 
Treiben. 

Nochmals ging es aufwärts über einige Höhen. Von der letzten wurden wir eines grell- 
beleuchteten, endlos scheinenden Streifens am östlichen Horizonte ansichtig. Er verbreiterte 
sich allmälig. Ein dünner, bald glitzernder, bald dunkler Faden durchschnitt ihn. Es war die 
Donau und die weite in graugelben Tönen verschwindende Ebene — die kleine Walachei. Am 
Fusse der letzten rebenbewachsenen Hügel, über die wir uns hinabsenkten, lag aber in dem 
von Flötzkalkstein und zahlreichen Versteinerungen gebildeten Donaugelände unser Reiseziel, 
die Kreisstadt Negotin, deren Position, um 3 / 4 geogr. Meilen nördlicher als bei Kiepert 



») v. Hauer, die Goldlagerstätten Siebenbürgens. Österr. Eevue, I. Bd. 1864. 



64 



F. Kanitz 



nach meinen gewonnenen Beobachtungen fällt. Sie würde zu den blühendsten zukunftsreichsten 
Handelsstädten Serbiens zählen; falls sie anstatt zwei Stunden von der Donau entfernt, hart 
an dieser selbst, an der Stelle Praovo's oder des serbischen Quarataineortes Radujevac angelegt 
worden wäre, nach welchem eine in grader Linie angelegte Strasse in beinahe östlicher Rich- 
tung führt. 

Mit Erreichung der Quarantaine befanden wir uns nur noch eine halbe Stunde entfernt 
von der geographisch wie strategisch gleich wichtigen Timokmündung in die Donau. Ein 
Ausflug nach derselben in der Richtung nach Bregova und flussabwärts sollte mich weiter 
über die hohe Bedeutung belehren, welche die Römer dem Mündungspunkte ihres „Timachus" 
beigelegt hatten. Ein Blick auf meine Karte zeigt den Castellgürtel, welchen die römischen 
Strategen, bei Radujevac an der Donau beginnend, entlang derselben in der von mehreren 
Wasserzuflüssen durchschnittenen Niederung und auf dem schmalen langgestreckten Hügel- 
plateau von Srbo-Vla bis Kobisnica, an welchem einst der Donaustrom viel näher wohl 
vorüberfloss, bis zur Timokmündung angelegt hatten. 

Hier dürfte auch wahrscheinlich die römische Grenzfeste Dorticum gestanden haben, 
welche d'Anville ohne nähere Begründung bei Rakovica, ferner Mannert, Forbiger 
und Aschbach nach Marsigli in den von diesem angegebenen, an Ort und Stelle aber 
gänzlich unbekannten Städtchen Blaschka (Srbo-Vla ?) und Deez am Timok suchten. 

Die Radujevac nächste Schanze im Süden hatte genau dieselbe Grösse wie jene von 
„Kostol" am Zusammenflusse der beiden Timokarme hinter Zaicar (S. 62). Die zweite im 
Jahre 1862 von den Serben erneuerte Schanze hatte so ziemlich die gleiche Stärke. Ein 
drittes weniger gut erhaltenes Castell dürfte jedoch viermal so gross als „Kostol" gewesen 
sein. Die auf der Höhe nahe bei „Srbo-Vla" und bei Bukovca liegenden, von den Serben im 
Jahre 1862 zur Zeit des befürchteten Zusammenstosses mit den Türken theilweise gleichfalls 
erneuten römischen Bollwerke dürften an Ausdehnung den Castellen in der Niederung gleich- 
gekommen sein. Auf der grossen Strasse nach Bregova in Bulgarien fand ich eine alte, tech- 
nisch äusserst vollendete Brücke über die Cikolska-rjeka, welche auf eine bedeutende, zur 
kleineren Hälfte Serbien, zur grösseren der Türkei gehörende, bis heute auf keiner Karte 
angegebene Timokinsel führt. In zahllosen Krümmungen fliesst der Timok von diesem 
Punkte der Donau zu. Wie diese ihr Bett im Laufe der Zeit gegen Osten, so hat der Timok 
allem Anscheine nach das seine mehr gegen Norden verrückt. Noch heute zwingt er durch 
stete Veränderung seines Mündungspunktes die serbische Grenzwache , ihre letzte Karaula 
gegenüber dem bulgarischen Rakovica von Zeit zu Zeit tiefer gegen Radujevac zurück zu 
verlegen. 

Während ich im Jahre 1860 von Negotin aus meine Reise zu Wagen über das einst 
römische Praovo *) nach Kladova bis Tekie fortsetzte, stand ich im November 1864 mit Er- 
reichung der Dampfschifffahrtsstation Radujevac am Ziele meiner Forschungsreise im Süden 
des Fürstentimms Serbien. 

Bevor wir jedoch das Timokgebiet verlassen, das nach allen Richtungen so mannigfache 
Anregungen bietet, mögen hier einige Umrisse über die Ethnographie seiner ersten slavischen 
Bewohner, der „Timociani", als Beitrag zu Serbiens Vergangenheit, eine Stelle finden. 



i ) Die römischen Funde in Serbien, von F. Kanitz. 36. Band der Sitzungsber. , der phil.-hist. Classe der kais. Akademie 
der Wissenschaften, 1861. 



Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



65 



Einhard erwähnt der Timociani zuerst, gelegentlich einer Gesandtschaft an den deut- 
schen Kaiser. Sie hatten ihre Wohnsitze an der Donau und dem Tirnok, also in der heutigen 

v _ _ _ _ 

Ona-rjeka. Safarik 1 ) nannte sie gleich deren Nachbarn den Branicevcern, Kucevcern 
u. s. w. bulgarische Slaven. Erst unter den Nemanjiden wurden sie Serbien unterworfen und 
noch heute unterscheiden sich ihre Nachkommen, die zwischen der Morava, dem Timok und 
der Donau wohnenden Serben, durch manche dem Reinserbischen fremde Formen, z. B. das 
ny für nas, nam u. s. w. Dasselbe findet man auch bei den an der bulgarischen Morava und 
Toplica wohnenden Serben, von also ebenfalls bulgarisch-slavischer Abkunft. 

Die Timociani und die nördlicher angesiedelten Slaven des rechten Donauufers, hatten, 
eingekeilt zwischen Franken und Bulgaren, namentlich viel von letzteren zu leiden. Sie wur- 
den ihnen tributpflichtig, behielten jedoch ihre eigenen Verfassungen und Fürsten. In der 
ersten Hälfte des IX. Jahrhunderts erlangten aber die kriegerischen Bulgaren ein zweifel- 
loses Ubergewicht über die benachbarten halb unabhängigen Slavenstämme und zwangen 
ihnen bulgarische Befehlshaber auf. Die serbische Morava, der Timok und am nördlichsten 
die Drave , bezeichneten damals die Grenzen dieser Bulgaro-Slaven. Am linken Donauufer 
mochten sie das Banat und die kleine Walachei besiedelt haben. 

Als Bulgarien im Jahre 1018 den Byzantinern unterlag, bemächtigten sich diese, zu 
dessen besserer Behauptung aller festen Plätze der früher bulgarisch-slavischen Herzogthümer 
Braniöevo, Belgrad, Ohrum u. s. w. Die Ruinen von Kostolac am Einflüsse der Mlava in die 
Donau bezeichnen noch heute die Stelle der einstigen Hauptstadt des Stammes und Herzog- 
thums von Braniöevo. 

Im XL und XII. Jahrhundert wird die ganze Landschaft zwischen Belgrad und Nis in 
den Aufzeichnungen der deutschen Kreuzfahrer als „silva Bulgariae" erwähnt. Im Jahre 1154 
bemächtigten sich die Ungarn der Stadt Braniöevo, nachdem sie dieselbe schon zu Beginn des 
Jahrhunderts kurz besessen hatten. Mit wechselndem Glücke suchten sich auch Serben, Bul- 
garen (unter Car Jasen) und Griechen in dem schönen Lande zu behaupten. 

Von den übrigen zur Zeit der bulgarischen Ansiedlung bekannt gewordenen bulgarisch- 
slavischen Stämmen wissen wir nur, dass die Kuöever als Nachbarn der Braniöevcer das Ge- 
birge von Kucevo am Pek und die zuerst 819 genannten Bodricer das Land an der Theiss 
besiedelten. Die Miloxer sollen nach Safarik's Ansicht das ehemalige Bisthum Milkov am 
gleichnamigen Flusse in der Walachei bewohnt haben und später von den Romanen über- 
schichtet worden sein. Ortsnamen von zweifellos slavischem Ursprung, wie der des Dorfes 
Milöeni zwischen Telurest und Kalaras in Bessarabien, die zahlreichen slavischen Worte in 
der heutigen romanischen Sprache und deren slavische Suffixe, welche Miklosich 2 ) schlagend 
nachgewiesen hat, bezeugen nicht minder die einstige Anwesenheit bulgarischer Slavenstämme 
auf romanischem Boden. 



<) Safarik. Slavische Alterthümer, II. Bd. 

3 ) Miklosich. Die slavischen Elemente im Rumänischen. Denkschriften der kais. Akad. der Wissensch. Phil.-List. Classe. 
XII. Bd. 1862. 



Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVII. Bd. Abhandl.von Nichtmit^litdern. 



i 



66 



F. Kanitz. Reise in Süd-Serbien und Nord-Bulgarien. 



INHALT. 



Seite 

Einleitung 1 

I. Von Alexinac nach Nis, Kurvingrad und Gradiste 5 

II. Am Timok über Knjazevac, Ravna, Kadibogas-Klisura , Suvodol, durch den Passo-Augusto nach Vratarnica . . 13 

III. Von Knjazevac nach Kamenica, Svrljig, Sveti Arandjel, Banja und Alexinac 22 

IV. Von Nis über Bela-Palanka nach Pirot 36 

V. Zu Vidin's Geschichte 45 

VI. Vidin 51 

VII. Über Zaicar, Gamzigrad und Radujevac zur Donau . . 58 



Kanitz . Bei.se in S&d-Sfirbien u. Nord-Bulgarien. Taf. I. 




6 ' 3 p 1 ,2 3 4 5 ° 6 ' 3 1 2 3° 



-Aus d.k.k.Hof-u Staats druck er ei 

"Denkschriften d.pnilosoph . hilft. GL. XVII Bd.1868. 




D enkscliriften d.ph ii osopli . liitf . Gl . XVJI Bd. 1868. 



anitz , Reise in Süd Serbien u. Nord -Hulgarimi . 

jSv . ARANDJEL . 




Aus d:kk.Eof-u.. Staatsdruckem. 

Denkschriften cL.plirlosorph .liirrt. GL. .XYJI ßd.JÖöb. 



Kanitz . Reise in Siid Serbien u. Nord Bulgarien. Taf.1V, 




10 | 





10 


20 


30 


40 


50 . 


60 


n 


80 























Denkschriften d.pTiiJosapli .MKt. CL. XYII Bd. 16 68 



Aus d.k.k.Hof-"u.Staatsdruak&rei 



Kanitz, Reise in Si'nl Serbien u. Nord -Bulgarien. Taf'.V. 




Fig. 2. (G^AMZIG^AD. 




Aus d.lc.k.Zof-"u Staats äruclcerei 

Denkschriften d. pii ilos oph . hist. 01. XVJI Bd. 1868. 



DENKSCHRIFTEN 

DER 

KAISERLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 

ACHTZEHNTER BAND. 




WIEN. 

AUS DER KAISERLICH-KÖNIGLICHEN HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

1869. 



INHALT. 



Seite 

Meiller, Dr. A. v., Über das von Anselm Schramb und Hieronymus Petz veröffentlichte 
Breve Chronic on Austriacum, autore Conrado de Wizzenberg, abbate 

Mellicense 1 

Gindely , Dr. A., Geschichte der böhmischen Finanzen von 1526 bis 1618 89 

Pßzmaier, Dr. A., Der Almanach -der kleinbambusfarbigen Schalen. Ein Beitrag zur 

Kenntniss der Mundart von Jedo. Zweite Abtheilung. (Schluss.) . . 169 

Mussaßa, A., Sul testo del tesoro di Brunetto Latini 265 

Miklosick, Dr. F. Bitter v., Die Negation in den slavischen Sprachen ....... 335 



ÜBER 



DAS VON ANSELM SCHRAMB UND HIER. PEZ VERÖFFENTLICHTE 

BREVE CHRONICON AUST1HACUM, 

AUTHORE 

CONEADO DE WIZZENBEEG, ABBATE MELLICENSE. 

VON 

DR. ANDREAS von MEILLER, 

WIKKUCHEM MITGMEDB DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



VORGELEGT IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE AM lg. MÄRZ 1868. 



Für den Geschichtschreiber ist die wesentlichste Vorbedingung zur Verwerthung einer 
Geschichtsquelle das Urtheil , welches die vorausgehende Thätigkeit kritischer Geschichtsfor- 
schung über den inneren Werth derselben im Allgemeinen sowohl, als über die Glaubwürdig- 
keit ihrer einzelnen Angaben ihm an die Hand gibt. Die mannigfachen Irrthümer, welche wir 
gegenwärtig in den Werken früherer , selbst berühmter Historiker erkennen , lassen sich in 
sehr vielen Fällen auf Schwächen und Mängel jener Vorarbeit der Geschichtsforschung zurück- 
führen. Auch auf dem Gebiete der österreichischen Geschichte sind Belege für die Wahrheit 
dieses Satzes in ausreichender, jedenfalls in nicht geringerer Menge als anderswo zu finden. 
Die ueueste Zeit hat in dieser Hinsicht, wie fast aller Orten, so auch bei uns günstigere Ver- 
hältnisse für den Geschichtsschreiber geschaffen. In Wattenba ch's vortrefflicher Ausgabe 
liegen uns die wichtigsten österreichischen Annalen und Chroniken in einer 
Weise vor, welche kaum mehr einem Wunsche Raum gibt. In Verbindung gebracht mit den 
übrigen in den Monumentis Germaniae in gleich ausgezeichneter Weise veröffentlich- 
ten Geschichtsquellen und mit den Tausenden von Urkun den, welche sowohl in den 
Publicationen der kaiserlichen Akademie, als in anderen Sammelwerken in jüngster Zeit, 
correcter als je früher, abgedruckt wurden, sind nämlich dem vaterländischen Geschichtsfor- 
scher Waffen und Werkzeuge an die Hand gegeben, durch welche er jenes massgebende Ur- 
theil über den Werth einer bestimmten Geschichtsquelle mit viel grösserer Sicherheit und 
Leichtigkeit bilden kann, als dies bis dahin möglich war. Die Erfolge, welche durch diese so 
vervollkommten Hilfsmittel auch bereits erzielt wurden, sind an sich sowohl bekannt, als in 



Denkschriften der philos.-histor. C). XVIII. Bd. 



I 



2 



Andkeas von Meillek. 



ihrer Bedeutung- anerkannt und brauchen hier nicht erst hervorgehoben zu werden. Jahrhun- 
derte altes, in einander so zu sagen verwachsenes Gestrüpp von Irrthümern und Unwahrheiten 
ist seither für immer von den Überresten der Vorzeit entfernt worden, welches deren wahre 
Gestalt oft gar nicht mehr erkennen Hess. 

Allein eben diese Erfolge machen es , wie mir dünkt , zu einer unabweislichen Pflicht, 
auch jene vaterländischen Chroniken und ähnliche Denkmale, welche in den 
Monumentis Germaniae nach dem Plane und den Grenzen dieses ruhmvollen Nationalwerkes 
nicht aufgenommen wurden, in gleicher Weise zum brauchbaren Werkzeuge oder zur Waffe 
umzugestalten, oder auch deren Unverbesserlichkeit und gänzliche oder theilweise Unbrauch- 
barkeit darzulegen. An dieses Geschäft zu gehen , erscheint mir um so gerechtfertigter , ja 
nöthiger, weil einzelne dieser einheimischen Geschichtsquellen „zweiten Ranges" 
sich als die einzige Quelle mancher für die österreichische Geschichte sehr wichtiger und 
interessanter Daten herausstellen , während andererseits die Veröffentlichung der grossen 
Mehrzahl derselben in das XVIII. Jahrhundert zurückfällt, eine Zeit, deren wesentliche Ver- 
dienste für die vaterländische Geschichte zwar unbestreitbar bleiben, aber auf dem Felde der 
historischen Kritik jedenfalls nicht zu suchen sind. 

Ein Versuch in der angedeuteten Richtung soll durch vorliegenden Aufsatz unternommen 
werden. 

Von den zwanzig Regularstiften *), welche zur Zeit des Aussterbens der Babenberger im 
Lande unter der Enns bestanden, sind es nur zwei, deren Entstehen, und zwar zuerst als 
Säcularstifte , bis in das X. Jahrhundert zurück versetzt wird, nämlich die Propstei St. Pöl- 
ten, das Monasterium sancti Hyppoliti ad Traismam und Melk, die altberühmte Benedicti- 
ner Abtei. So dunkel und im Unklaren noch immer die näheren Umstände und die Zeit der 
Gründung des Ersteren sind und wohl auch bleiben werden, eben so dürftig sind auch dessen 
uns erhaltene schriftliche Denkmale älterer Zeit. Eine einzige Urkunde des XI. Jahrhunderts 
ausgenommen, welche überdies seit langer Zeit nur mehr in einer Abschrift des ausgehenden 
XIII. erhalten ist 2 ), beginnt dessen Urkundenvorrath erst nach dem Jahre 1121 3 ). Von in 
der Propstei St. Pölten angelegten oder sonst vorhanden gewesenen Annalen, Chroniken u. dgl. 
ist keine Nachricht auf uns gekommen, geschweige denn solche Denkmäler selbst. Um Weniges 
besser nur sieht es, was die Urkunden anbelangt, bei Melk aus. Melk wurde als Benedictiner 
Abtei bekanntlich im Jahre 1089 vom Markgrafen Leopold IL (III.) gegründet, und zwar 
aus dem daselbst bereits bestandenen Stifte für Säcular-Canoniker, welches Letztere angeblich 
schon im Jahre 984 von dem ersten Markgrafen Österreichs aus dem Hause Babenberg, von 
Leopold I. gestiftet worden sein soll. Gleich wie St. Pölten besitzt auch Melk seit unvordenk- 
licher Zeit nur eine einzige Urkunde aus dem XI. Jahrhunderte und erst dem Jahre 1108 



1. 


St. Pölten, gegründet 


?V900 C. 


8. Seitenstetten, 


gegründet 1116 


15. Perneck, gegründet 


V1150 




2. 


Melk 




?984 


9. Heiligenkreuz 


» 


1136 


16. Wien, Schotten „ 


1161 




3. 


Ardaker 




1049 C. 


10. Maria Zell 


n 


1136 


17. Lilienfeld „ 


1209 




4. 


Erla 


T) 


1065 c. 


11. Zwettl 




1139 


18. Wien, Dominicaner „ 


?1225- 


-30 


5. 


Götweig 


!) 


1083 


12. Altenburg 


» 


1144 


19. „ Minoriten „ 


?1225- 


30 


6. 


Kl. Neuburg 


» 


?1107 


13. St. Andrae 




1150 


20. „ Maria Magda- 






7. 


St. Georgen 


n 


1112 


14. Geras 




VI 150 


lena n 


V1225- 


-30. 



2 ) Urkunde K. Heinrich's IV. dd. Ips 2. Oct. 1058. Vielfach gedruckt. Vgl. Babenbg. Regg. p. 8, Nr. 4. 
3 ; Duellius Excerpta, p. 35—36, Nr. 85—86, welche Urkunde sowohl Duellius als sein Nachbeter Maderna ganz irrig in 
die Zeit Bischof Ulrichs II. von Passau (1215-1221), statt in die Bischof Ulrichs I. (1092—1121) versetzen. 



Uber das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



3 



gehört die Zweitälteste Urkunde seines Archives an, aus welchem Hueber in seiner Austria 
ex archivis Mellicensibus illustrata noch 13 Urkunden des XII. und 66 des XIII. Jahrhunderts 
veröffentlicht hat. 

Ist nun gleich dieser Urkundenvorrath , da es sich um einen Zeitraum von mindestens 
250 Jahre handelt, sowohl an und für sich, als im Vergleiche mit dem anderer Klöster des 
Landes unter der Enns ein verhältnissmässig geringer zu nennen ') , so nimmt dagegen Melk 
mit Rücksicht auf eine andere Gattung von Geschichtsquellen unbestritten den ersten Platz 
unter allen geistlichen Häusern desselben ein. 

Im Jahre 1121 erwählten die Conventualen von Melk, nachdem der bisherige Abt En- 
gelschalch aus nicht mehr zu ermittelnden Ursachen seine Würde niedergelegt hatte, aus 
ihrer Mitte den Erchanfrid zum Abte. Erchanfrid war jedenfalls ein Mann von Bega- 
bung und literarischer Bildung. Denn eine seiner ersten Unternehmungen war es , ein Werk 
ins Leben zu rufen , welches , gleichwie es vorzugsweise das Gedächtniss seines Namens bis 
zum heutigen Tage erhalten hat, auch schon zu seiner Zeit das Musterbild und die Quelle 
aller ähnlichen Aufzeichnungen geistlicher Häuser in der Salzburger Erzdiöcese wurde. Es 
sind die Annales Mellicenses, welche zuerst (1721) Hier. Pez in seinen Scriptoren und 
in neuester Zeit (1851) Wattenbach in den Monumentis Germaniae edirten. Die Melker 
Annalen waren das erste Buch dieser Art, welches in dem Stammlande der österreichischen 
Monarchie angelegt wurde. Von der Werthschätzung, welche es zu seiner Zeit fand, gibt die 
Thatsache das unzweideutigste Zeugniss , dass es alsbald in Zwettl, Klosterneuburg, Heili- 
genkreuz, Kremsmünster, Lambach, St. Florian, Götweig, Admont, Salzburg, Garsten etc. 
den daselbst nach diesem Vorbilde angelegten Fortsetzungen zu Grunde gelegt wurde 2 ). 
Noch gegenwärtig besitzt das Kloster Melk den Codex autographus dieser Annalen, deren 
erste Anlage nach der darin eigens aufgenommenen Angabe im Jahre 1123, also im dritten 
Jahre von Erchanfrid's äbtlicher Regierung, vollendet wurde 3 ). Die Haustradition des 
Klosters Melk nennt den Abt Erchanfrid als Verfasser dieser Annalen. Wenn nun gleich 
anderweitige Belege dafür mangeln , so muss jedenfalls zugegeben werden , dass das Werk 
unter dem leitenden und überwachenden Einflüsse des neuen Abtes angelegt wurde. Aus- 
drücklich bezeichnet dagegen das Melker Todtenbuch den Abt Erchanfried als Verfasser 
der daselbst ebenfalls noch vorhandenen Lebensbeschreibung des heiligen Cholo- 
mann. Diese ist eine Umarbeitung der ältesten, noch vor der Mitte des XI. Jahrhunderts 
von einem unbekannten Autor verfassten Legende dieses Heiligen 4 ), deren wesentliche Zugabe 
jedoch nur in der Erzählung der seit Cholomanns Bestattung zu Melk im Jahre 1015 an sei- 
nem Grabe vorgekommenen wunderbaren Ereignisse und Krankenheilungen besteht, während 
sie in der Legende selbst sich nur auf stylistische Änderungen und Verbesserungen einzelner 
Stellen beschränkt. Beide Werke — Annalen und Legende — geben jedenfalls Zeugniss da- 
für, dass man in Melk zu Abt Erchanfrid's Zeiten das Bedürmiss fühlte und zu befriedigen 



Von Heiligenkreuz sind von 1136—1299, d. i. für 163 Jahre mindestens 330 Urkunden durch den Druck bekannt, von 
Zwettl von 1139—1299 mindestens 270, von Klosterneuburg von 1136—1299 mindestens 220, abgesehen vom Codex 
tradit. des Letzteren. 

2 ) Vgl. Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 479 u. 480 und Wattenbach Deutschlands Geschichtsquellen, p. 365. 

3 ) Vgl. die Beschreibung dieser Handschrift durch Wattenbach im X. Bande des Archives der Gesellsch. f. ältere d. 
Geschichtsk. p. 605 und in dem Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 480. Siehe auch Pez SS. und Kropf Bibliotheca Melli- 
censis. 

4 ) Vgl. Mon. Germ. VI, SS. IV, p. 674—678 und Wattenbach Deutschlands Geschichtsquellen, p. 366. 



i 



Andreas von Meiller. 



suchte, Nachrichten über die Geschicke des Hauses selbst und des Landes, dem es angehörte, 
in schriftlicher Aufzeichnung zu sammeln und den kommenden Zeiten als Anknüpfungspunkt 
der Fortsetzung zu hinterlassen. Dass man zu Melk gewiss den Willen und die Absicht haben 
musste, damit eine möglichst wahrheitsgetreue, dem Kloster und dem Lande nützliche Arbeit 
zu liefern und insbesonders alle Nachrichten über das eigene Haus, welche daselbst im 
Jahre 1123 durch schriftliche Zeugnisse oder mündliche Uberlieferung in glaubwürdiger 
Weise erhalten und bekannt waren , darin aufzunehmen , ist der Natur der Sache nach vor- 
auszusetzen. 

. Der vom Abt Erchanfrid gelegte Same ging in keiner Richtung verloren. Die Anna- 
les Mellicenses wurden ununterbrochen bis zum Jahre 156-1 zum grossen Nutzen unserer 
vaterländischen Geschichte fortgesetzt und schon aus der Zeit des zweiten Nachfolgers Er- 
chanfrid's, des Abtes Conrad I., welcher dem Kloster von 1177 bis 1203 vorstand, ist 
uns ein anderes Denkmal literarischer Thätigkeit eines Melker Conventualen erhalten, wel- 
ches in gleicher Weise für die Landesgeschichte von "besonderem Interesse ist. In demselben 
Sammelcodex der Melker Bibliothek (Nr. 383 olim. J. 3) nämlich, welcher unter den gegen- 
wärtig in ihm vereinigten Handschriften auch den Codex autographus der Melker Annalen 
enthält a ), findet sich p. 30 von einer dem ausgehenden XII. Jahrhunderte angehörigen Hand 
jenes Schriftstück, welches zum ersten Male im Jahre 1702 von Anselm Schramb in sei- 
nem Chron. Mellicense und verbesserter 1721 von Hier. Pez in seinen SS. rer. Austr. Bd. I, 
p. 290 — 294 unter dem Titel : Breve Chronicon Austriacu m, authore Conrado de 
Wizzenberg, abbate Mellicense veröffentlicht wurde. 

Dieses „Chronicon" schon von seinem ersten Herausgeber als ein für die Landes- 
geschichte höchst wichtiges Schriftstück bezeichnet, erlangte bei den meisten vaterländi- 
schen Historikern das Ansehen einer Geschichtsquelle ersten Ranges, schon dess- 
wegen, weil sie darin die ältesten einheimischen Nachrichten über den Beginn der Babenber- 
ger Herrschaft in Osterreich und einige sich daran knüpfende Punkte fanden; und noch bis 
in die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts finden wir einzelne Angaben dieses Chronicons 
in fast allen Geschichtswerken bis zum einfachsten Schulcompendium herab aufgenommen 2 ). 
Es fehlte aber auch nicht ganz an Stimmen, welche sich und zwar in ziemlich scharfer Weise 
über diese Quelle aussprachen , indem sie auf wesentliche Unrichtigkeiten derselben hindeu- 
teten ; Stimmen, welche um so mehr Beachtung verdienen, als sie von Historikern ausgingen, 
welche für ihre Zeit nicht zu den Diis minorum gentium zu zählen sind. So sagt z. B. Hein- 
rich Gottlob Martitz in seiner noch immer sehr brauchbaren Dissertation: „Stemma Baben- 
bergico-Austriacmn" (1. Aufl. Frankfurt a. d. Oder, 1731; 2. Aufl. Wittenberg, 1740), p. 11, 

§. V: „parum curo (de Conrado de Wizzenberg) quum crassos apud cum deprehenderis 

errores alios — ". Der gelehrte Jesuit Pater Sigismund Calles erwähnt, so viel ich 
gefunden, in seinen „Annales Austriae" (Wien, 1750) das Chronicon des Conrad von Wiz- 
zenburg nur ein einziges Mal, nämlich Bd. I, p. 267, und zwar in folgender Weise: „pleri- 
que (i. e. historici) olim praefecturae ejus (i. e. Liupoldi I. marchionis) primordia ad Henri- 
cum regem, cognomento aucupem — — retulerunt, veterem illam secuti fabulam, 
quae Austriam arcus venanti regi in tempore oblati praemium facit. d) u . Hier d) citirt Cal- 



!) Vgl. an den p. 3 in der Note 3 angegebenen Orten die Beschreibung und Inhaltsangabe desselben. 
8 ) Z. B. Hassler, Gesch. d. österr. Kaiserstaates. Wien, 1S42, p. 17, §. lü. 



Übeb das von Anselm Sohkamb und Hier. Pez veröffentlichte Bbevb Chbonicon Austriacum. 



5 



les die ganze betreffende Stelle aus unserem Chronicon und fährt dann fort: „sed enim huic 
opinioni, ut parum rebus ac temporibus congruenti, aetas haec nostra jam fidem abrogavit." 
Die Spielereien der Namensdeutung von Melk mit mea dilecta hat Calles einer Besprechung 
nicht würdig gehalten. Sein weiteres Stillschweigen von unserer Geschichtsquelle ist ver- 
ständlich und bezeichnend genug bei einem Manne , wie Calles , welcher auf den ersten 
Blick den Hantaler' sehen Aloldus , der fast die ganze gelehrte Welt seiner Zeit berückte , in 
seiner Maske erkannte und alsbald als falschen Propheten nachwies. (Man vergl. die Praefatio 
zu seinen Annal. Austr. von Seite III — XII.) — Ludwig Christian Gebhardi, ein nicht min- 
der gründlicher Geschichtsforscher nennt in seiner „Genealogischen Geschichte der erblichen 
Reichsstände in Deutschland" (Halle, 1785, Bd. III, p. 156, Notej^ den Verfasser unseres 
Chronicon einen „nicht völlig glaubwürdigen" und sagt p. 159, Noteg) aus Anlass eines spe- 
ciellen Irrthums : „sein Zeugniss hat kein grösseres Gewicht, als das des Ortilo" ; womit 
zusammen zu halten ist, was er p. 155 — 156, Note o) über diesen bemerkt und woraus her- 
vorgeht, dass er den Ortilo nur für einen solchen Gewährsmann erklären könne, von dem 
es nicht ganz unwahrscheinlich sei, dass er hie und da etwas Wahres vorbringe. 

So widersprechende Ansichten über ein und dasselbe Denkmal lassen daher eine nähere 
Erörterung desselben mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Stand der Forschung und die 
Anforderungen der historischen Kritik um so angezeigter erscheinen , als seit dessen letzter, 
keineswegs eingehenden Besprechung durch Pez am angegebenen Orte bereits ein Zeitraum 
von fast 150 Jahren verstrichen ist. 

Was nun zunächst die äusseren Merkmale unseres Chronicons betrifft, so gehört die 
Schrift desselben, wie ich schon erwähnt habe, dem ausgehenden XII. Jahrhunderte an; doch 
gilt diese Bestimmung nur für das eigentliche Chronicon selbst , von dessen Anfangsworten : 
„avitam prineipum" — bis — zu den Schlussworten: „captum incenderunt". Von der Hand 
des ursprünglichen Schreibers ist nämlich dem Chronicon gar keine Aufschrift gegeben wor- 
den; es beginnt eben mit den obigen Worten: avitam prineipum. Die bei Pez (1. c. p. 289, 
Zeile 12 von oben) mitgetheilte Überschrift: „Ad ducem Liupoldum — bis — Wien- 
nensi civitate" ist nämlich von einer anderen offenbar späteren Hand beigeschrieben und 
zwar, nach Wattenbach's Ansicht (Archiv d. Gesellsch. f. ält. d. Geschichtskunde, Bd. X, 
Heft 4, p. 604) von derselben Hand aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts , welche 
überhaupt so viele Zusätze in der ganzen Handschrift gemacht hat. Es ist ferner zu bemer- 
ken, dass die bei Pez (p. 291 — 294) den einzelnen Namen beigedruckten Ordnungszah- 
len, z. B. L. I., L. VI. nicht von der Hand des ursprünglichen Schreibers geschrie- 
ben, sondern sämmtlich zwischen den Zeilen und über den betreffenden Namens- Anfangs- 
buchstaben von (? dieser) späterer Hand beigesetzt worden sind. Einer Bemerkung wegen, 
die wir später zu machen Gelegenheit haben werden , wollen die Leser diesen Umstand im 
Gedächtnisse behalten. Eben so ist der Name des Papstes P. (Pascalis) (Pez, p. 292, Zeile 
21 von unten) mit erkennbar späterer Schrift beigeschrieben, gleich wie auch nach: „Chun- 
radus rex" (1. c. p. 293, Zeile 4 von oben) die Worte: „tertius hujus nominis". 

So viel von den äusseren Merkmalen unseres Schriftstückes : ). Was die nun zu- 
nächst zu stellenden Fragen über die persönlichen Verhältnisse seines Verfassers und über 



J ) Nach Mittheilung meines verehrten Freundes Ig. Keiblinger aus Melk, des rühmlichst bekannten vaterländischen 
Geschichtsforschers. 



€ 



Andreas von Metller. 



Zeit und Anlass seiner Arbeit betrifft, so beantworten sich dieselben im Allgemeinen ziemlich 
genügend aus einzelnen Angaben des Chronicons selbst. Wenn gleich der Verfasser seinen 
Namen und Stand nicht ausdrücklich anführt, so gibt er sich doch unzweifelhaft als Einge- 
bornen des Landes zu erkennen und eben so unzweifelhaft als ein Mitglied des Klo- 
sters Melk, mit welchen Daten wir uns in Betreff der persönlichen Verhältnisse des Verfas- 
sers vorläufig begnügen wollen. Uber den Anlass seiner Arbeit belehren uns die Eingangs- 
worte des Chronicons vollständig; wir erfahren aus ihnen, dass der Verfasser dasselbe auf 
den Wunsch und die Bitte eines Mitgliedes der österreichisch-babenbergischen Herzogsfamilie 
geschrieben habe und zwar, wie sich aus dem weiteren Inhalte des Chronicons ganz bestimmt 
ergibt, auf den Wunsch und die Bitte des ältesten Sohnes des Herzogs Heinrich 
Jasomirgott, Namens Leopold *). An diesem Punkte angelangt, finde ich mich sofort 
bemüssigt, eine gegen die bezüglichen Ansichten Schramb's und Pez' gerichtete Bemer- 
kung auszusprechen , welche, für den Fall , als ich damit das Richtige getroffen , sowohl die 
bisherigen Annahmen über die Person des Verfassers des Chronicons, als auch die Zeit seiner 
Verfassung als unhaltbar erkennen lassen würde. 

So unzweifelhaft es nämlich auch nach den Worten unseres Chronicons ist , dass Leo- 
pold, der älteste Sohn des Herzogs Heinrich II. von Osterreich, diejenige Person sei , von 
welcher der Verfasser des Chronicons den Auftrag erhalten hatte und an welche er sich wen- 
det, eben so gewiss ist es aber auch, dass das Chronicon keinen Beweis oder Anhaltspunkt 
dafür enthalte, es sei an den „Herzog" Leopold gerichtet. Vom Anfange bis zum Schlüsse 
hat der Verfasser das Verfahren beobachtet, seine Mittheilungen — gleichwie in einem Briefe 
oder im Gespräche — in directer Anrede an jenen Leopold zu richten , allein in keiner einzi- 
gen dieser Stellen gibt er ihm den Titel „dux" oder ein dieser Würde angemessenes Epithe- 
ton. Ein von vorgefasster Ansicht nicht bereits eingenommener Leser des Chronicons wird 
sich ferner auch der Bemerkung nicht entschlagen können , dass dasselbe in jenen Stellen, 
wo es von dem Vater Leopold's, dem Herzoge Heinrich IL spricht (1. c. p. 292, Zeile 3 von 
unten bis zum Schlüsse p. 294 captum incenderunt) , keineswegs so abgefasst ist, dass gefol- 
gert werden müsste , der Verfasser rede von ihm als von einem bereits Verstorbenen. Auf 
mich wenigstens macht die Art und Weise, wie vom Herzoge Heinrich n. gesprochen wird, 
den Eindruck des Gegentheiles. Die einzige Stelle des Chronicons, welche als Beleg (keines- 
wegs jedoch als zwingender Beweis) dafür anzuführen wäre, dass der Verfasser seine Worte an 
den „Herzog" Leopold richte, wäre jene, wo dessen Namens-Anfangsbuchstaben L. die Ord- 
nungszahl VI. beigesetzt ist (1. c. p. 291, Zeile 9 von oben). Allein auch dieser Beisatz ist 
hier nicht beweiskräftig, weil eben, wie schon erwähnt wurde, diese Ordnungszahl nicht von 
dem ursprünglichen Schreiber herrührt, sondern von einer, nach Wattenbach's Ansicht 
fast um 200 Jahre jüngeren Hand zwischen den Zeilen nachträglich beigesetzt wurde. 

Aber auch indirecte , mir nicht minder gewichtig erscheinende Gründe lassen sich für 
die Ansicht geltend machen, das Chronicon sei nicht für den „Herzog" Leopold verfasst 
worden. Der Verfasser beginnt mit den Worten : es sei ihm die Aufgabe gestellt worden, 
„avitam prosapiam principum hujus terrae nostrae, parentum scilicet vestrorum, commemo- 
rare" ; zur Lösung dieser Aufgabe (fährt er sogleich fort) habe er zweierlei Quellen benützt, 
nämlich die „Relationes majorum nostrorum, ipsa fide, qua (eas) audivimus" und dann die 



! , (Jcborcn im Jahre 1157. Annal. Claustroneoburg. in den Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 615, Z. 20. 



Uber das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Bueve Chronicon Austriacum. 



7 



Melker Annalen, aus denen er, von der Zeit des Todes des heiligen Coloman an (von 1012) 
„uniuscujusque principis res gestas, pro ut ibi notatas invenimus", anfuhren werde. Und so- 
fort beginnt er nun unmittelbar seinen Bericht. Betrachtet man dieses Exordium zu einer 
geschichtlichen Darstellung, welche nicht nur über Aufforderung des eigenen Landesfürsten, 
sondern auch über dessen eigene Familie, dabei aber nebstdem von einem Manne verfasst wurde, 
der ein Mitglied des ersten und wichtigsten von den Babenbergern gestifteten geistlichen Hau- 
ses war, so ist unstreitig die stylistische Nüchternheit, die nachlässige Kürze desselben auf- 
fallend, besonders wenn man die Eingänge so vieler anderer literarischer Producte jener Zeit 
vergleicht , welche über Aufforderung von im Range oft viel tiefer stehenden Personen ge- 
schrieben oder solchen von den Verfassern gewidmet wurden. Alle überbieten sich an diesen 
Orten an mehr oder weniger gelungenem , oft genug auch misslungenem oratorischem 
Schwung und stylistischem Prunke , sie sind in der Regel erfüllt von überschwänglichem 
Lobe der Person, welcher die Arbeit zugeeignet wird, und von überbescheidener Verkleine- 
rung und Geringschätzung der eigenen Befähigung zu dem Unternehmen. Nichts von alledem 
bei unserem höchst nüchternen Eingange , der in seiner Trockenheit geradezu an den belieb- 
ten Eingang von Actenstücken des XIX. Jahrhunderts erinnert: „in Befolgung des h. Auf- 
trages erstattet der gehorsamst Unterzeichnete nach Einsicht und Kenntnissnahme der Prio- 
ren seinen Bericht, wie folgt". So, wie unser Verfasser es thut, schrieb man, scheint mir, im 
XII. Jahrhunderte an den eigenen „Herzog" nicht; so konnte der „privatissima in historicis" 
gebende Lehrer an seinen Zögling, den jugendlichen Erbprinzen, schreiben , sicher aber ein 
Melker Conventuale — der Abt schon gar nicht — an den Herzog von Osterreich. Wäre 
in der That der „Herzog" Leopold der Auftraggeber für unseren unbekannten Verfasser 
gewesen, dann müsste man — den Angaben gegenüber, welche Letzterer über die für seine 
Arbeit zu Rathe gezogenen und benützten Quellen selbst macht — zugeben , dass er sich 
eben nicht besonders angestrengt habe , durch umfassende Forschungen dem Auftrage seines 
Herzogs zu entsprechen. Denn dazu gehörte nicht viel Mühe, aus den eigenen Kloster-Anna- 
len jene Nachrichten auszuschreiben, welche sich dort in den Jahren 1012 bis 1156 verzeich- 
net finden Hessen. Und unser Verfasser hat in der Hauptsache nichts anderes gethan. Aus 
seiner zweiten Quelle , der Relatio majorum, entnahm er nur eine einzige Nachricht, 
über deren Werth oder vielmehr Unwerth wir später zu sprechen haben werden; alle übrigen 
im Chronicon enthaltenen Angaben sind lediglich den Melker Annalen entlehnt. Von einer 
Benützung, ja selbst von einer Kenntniss jener Nachrichten, welche Die.tmar von Merse- 
burg, ein Verwandter des ersten Babenberger, welche der berühmte Geschichtschreiber 
Otto von Freising, ein Glied des Hauses selbst, über diese Familie gegeben haben, findet 
sich in unserem Chronicon keine Spur, um so weniger von einer Verwerthung mancher ande- 
rer, wenngleich für den zu behandelnden Gegenstand minder wichtigen, aber im Jahre 1177 
schon vorhandenen Quellen. 

Mit der Thatsache in Verbindung gebracht, dass aus dem Chronicon selbst ein directer 
Beweis dafür sich nicht herstellen lasse, der Adressat sei in der That der „Herzog" Leo- 
pold gewesen, gewinnen diese Nebenumstände jedenfalls an Bedeutung. Diesen vereinten 
Gründen gegenüber muss zum Mindesten zugegeben werden, dass die bisherige allgemeine 
Annahme, das Chronicon sei für den „Herzog" Leopold verfasst worden, als eine nicht zu 
bezweifelnde, weil bewiesene, nicht mehr anzusehen und daher alle daraus zu ziehenden Con- 
sequenzen in gleichem Masse unhaltbar seien. War der Adressat nicht der Herzog, son- 



8 



Andreas von Metller. 



dern nur der herzogliche Erbprinz Leopold, dann ist nothwendig unser Denkmal vor 1177 
und zwar, da wir für den gegebenen Anlass den Prinzen doch wohl nicht jünger, als unge- 
fähr 15 Jahre alt annehmen können, nach 1172 verfasst worden. Dann ist aber auch dieses 
Denkmal zur Zeit des Melker Abtes Sighard verfasst, welcher am 11. October des Jah- 
res 1177 starb, und es entfällt die Möglichkeit, dass es von dem „Abte" Conrad I. verfasst 
worden sei, welchem Sehr am b und Pez an den angezeigten Orten die Autorschaft zuschrei- 
ben. Diese von ihnen ausgesprochene Ansicht ist übrigens auch keineswegs das Ergebniss 
einer näheren Untersuchung der bezüglichen Angaben des Chronicons von Seite dieser bei- 
den gelehrten Männer, sondern vielmehr die Folge des Unterlassens einer solchen und der 
Adoption des Ausspruches eines Mannes, der beiläufig 350 Jahre vor ihnen gelebt. Der 
eigentlich Schuldtragende ist nämlich jener Melker Conventuale, welcher gegen Ende des 
XIV. Jahrhunderts dem Chronicon die demselben bis dahin mangelnde Uberschrift oder 
Adresse gab: „ad ducem Luipoldum, hujus nominis VI. filium Heinrici ducis, fundatoris 
Scottorum in Wiennensi civitate" (vgl. oben p. 5) und der dadurch ein aus dem Wortlaute 
und dem Inhalte dieses Denkmales nicht zu begründendes, jedenfalls nicht streng zu erwei- 
sendes Urtheil über den Zeitraum ausgesprochen hat, in dem es verfasst wurde, welcher sei- 
ner Adresse zu Folge nothwendig in die Jahre 1177 — 1194 fallen miisste. Es würde hier 
gar wenig helfen, sich hinter die Verschanzung zurückzuziehen, es seien diesem Melker Con- 
ventualen des XIV. Jahrhunderts seither verloren gegangene Behelfe für seine Angabe vor- 
gelegen. Feststellung des Thatsächlichen ist das erste Ziel der Geschichtsforschung, sie trägt 
das „factum alleganti ineumbit probatio" als Devise auf ihrer Fahne und kann nur mit gege- 
benen Grössen rechnen, nicht aber mit den unbekannten Grössen möglicher oder muthmass- 
licher Weise vorhanden gewesener Nachrichten. Auf diesem Wege wäre freilich Alles zu 
beweisen, was man zu beweisen nöthig hätte. — Dass nach mehr als drei Jahrhunderten die 
Melker Conventualen Schramb und Pez sich nicht darauf einliessen, die für den ersten An- 
blick in der That nicht auffällig erscheinende Ansicht ihres längst verstorbenen Mitbruders 
einer neuen Prüfung zu unterziehen, sondern selbe ohne weiters gelten Hessen, darüber dür- 
fen wir uns wohl kaum wundern, wohl aber darüber, dass ein so gelehrter Mönch wie Pez 
für die Vermuthung, der „Abt" Conrad sei der Verfasser des Chronicons gewesen, seiner- 
seits keinen besseren Unterstützungsgrund beibrachte, als den: „neque enim ambigi pru- 
denter a quoquam potest, Liupoldum ducem non potius ab ab bäte monasterii Mellicensis, 
quam aprivato quodamcoenobita, utid (chronicon) conscriberet, petiisse". So viel ist 
sicher, dass das Chronicon keine Stelle enthält, aus der auch nur eine halbwegs begründete 
Vermuthung abgeleitet werden könnte, der Verfasser habe eine hervorragendere Stelle im Klo- 
ster bekleidet , geschweige denn die höchste des Abtes. Anderweitige dafür sprechende 
Haus- oder auswärtige Nachrichten liegen aber nicht vor (vgl. auch Keiblinger's Gesch. v. 
Melk, p. 291). 

Nach diesen Vorbemerkungen nunmehr zu unserer Chronik selbst übergehend, erscheint 
es am zweckmässigsten, dieselbe ihrem ganzen Inhalte nach — jedoch in einzelne Paragraphe 
getheilt — mitzutheilen und diesen die zu machenden kritischen Erörterungen unmittelbar 
folgen zu lassen. 



Uber das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



9 



EINGANG. 

„Avitam prmcip um hujus terrae nostrae, parentum scilicet vestrorum , prosapiam com- 
memorare vobis , ut petitis, cupientes ea primo, quae relatione maj orum nostrorum 
didicimus, ipsa fide, qua audivimus , explicamus. Consequenter etiam illa, quae ex chro- 
nicis nostris colligere potuimus, a passione videlicet sancti Cholomanni , subnectimus, 
uniuscujusque principis res gestas, prout ibi notatas invenimus, annectentes. " 

§• 1. 

„Primus itaque terrae hujus nostrae, quae Austria, marchio fuit L. quorum quidem 
nobis notitia claruit, a quo tota series progenitorum vestrorum usque ad haec tempora 
vestra L. VI. variis atque praeclaris decorata virtutibus deducitur". 

Wenn man nicht zu Gunsten des Verfassers annehmen will, es sei ihm nach dem Worte : 
marchio der beschränkende Zusatz: ex prosapia progenitorum vestrorum, oder ex familia 
vestra aus Versehen in der Feder geblieben, so liegt hier ein Widerspruch vor, in welchen er 
mit sich selbst geräth. Denn wenige Zeilen später (§. 2) erzählt er: „non multo post tempore 
mortuo marchione Austriae" und spricht von diesem als von dem Vorgänger Leopold's in der 
Würde eines Markgrafen. — Dass der Verfasser an diesem Orte nicht die kleinste Bemerkung 
über die Abstammung und Eltern des Markgrafen Leopold I. beifügt, zeigt doch wohl, dass 
es mit den Melker Relationes majorum über diese und andere ihn betreifende Verhältnisse 
nicht gut bestellt gewesen sein müsse. Freilich scheint man sich auch in Melk, selbst bei 
dem Anlaufe, den man dort unter Abt Erchanfrid in Historicis genommen, in dieser Rich- 
tung nicht besonders viele Mühe gegeben zu haben. Denn anders vermöchte man doch kaum 
die Thatsache zu erklären , dass auch in die Melker Annalen , deren ältester Theil im 
Jahre 1123 vollendet worden war, nicht eine einzige Nachricht über Leopold I. aufgenommen 
wurde, während doch zu jener Zeit selbst uns noch erhaltene Zeugnisse Anderer über ihn 
längst vorlagen (z. B. Dietmar von Merseburg f 1018, vgl. Mon. Germ. V, SS. III, p. 773. — 
Annal. Quedlinb. 1. c. p. 72. — Annal. Einsidl. 1. c. p. 144; letztere beide um 1030 geschrie- 
ben). Dass aber der Verfasser des Chronicons bei dieser absoluten Mangelhaftigkeit seiner 
beiden Quellen es dennoch unterliess, die Werke obiger und anderer, der Zeit nach ihm noch 
viel näher liegender Autoren zu benützen , wie z. B. die Gesta Trevirorum (geschrieben circa 
1135—1140, vgl. Mon. Germ. X, SS. VIII, p. 175 die Stelle über Leopold L), den Sächsi- 
schen Annalisten (schrieb circa 1150, vgl. 1. c. VIII, SS. VI, p. 638—639), Bischof Otto von 
Freising (schrieb seine hochberühmten Geschichtswerke ' zwischen 1143 — 1156), berechtigt 
auch bei einer sehr milden Beurtheilung zu dem Ausspruche , dass er sich nicht viele Mühe 
gegeben habe, seiner Aufgabe gerecht zu werden, und sein Opus nur — ut aliquid respon- 
disse videatur — taliter qualiter zusammen geschrieben habe. Dem Herzoge als Auftraggeber 
gegenüber wäre dies doch wohl nicht angegangen. 

§•2. 

„Qui (Liupoldus I.) quomodo terram hanc obtiniierit, sie accepimus. — Dum adhuc ado- 
lescens die quadam in venatione per avia secutus fuisset imperatorem, qui tunc temporis 
rempublicam Romanorum administrabat, solum scilicet solus, et ille feram percussurus arcum 
fortius attrahens comminuisset , juvenis arcum suum , ut erat contentus , manui cunetantis 
promptissime inseruit; sieque prineeps percussa fera super alacritate adolescentis delectatus, 



Denksthriften der philos.-histor. Cl. XVIII. Bd. 



2 



10 



Andreas von Meiller. 



sub auctoritate regia promisit ei terram, quam sibi proxhno vacare contingeret, ipsique com- 
peteret. Atque pro memoria et confirmatione promissi, quia nullus interfuit, dedit ei arcum 
contritum. — Non multo post tempore mortuo marchione Austriae, cum multi procerum, 
quisque pro se, instarent imperatori, prorumpens in medium juvenis cum adtestatione fracti 
arcus regalis promissionis petiit executionem. Cui princeps nichil moratus, industriam suam 
commemorans, auctoritate regia marchiam traditam confirmavit. " 

Dieser Erzählung, deren romantisches Gepräge jedenfalls kein übles Zeugniss für die 
dichterische Begabung des Verfassers gewährt, steht zunächst die Thatsache gegenüber, 
dass in dem weiten Kreise historischer Zeugnisse aller Art und Ursprunges , welche für die 
deutsche Reichs-Geschichte sowohl als für die österreichische Landesgeschichte aus dem Zeit- 
räume vom ausgehenden X. Jahrhunderte (976) bis zur Zeit Herzog Leopold's V. (VI.) bis- 
her bekannt geworden sind, nicht Eines sich findet, welches auch nur annähernd jener 
Angabe über das dem Kaiser zur Verleihung der Ostmark an den Babenberger bestimmende 
Motiv sich anschliessen würde. Gleichzeitige oder nahe gleichzeitige glaubwürdige Quellen 
haben in ihrer Gesammtheit über die Verhältnisse und die Schicksale Baierns und seiner Her- 
zoge zur Zeit der beiden Kaiser Otto I. und Otto II. so viel Licht verbreitet, dass wir über 
den Hergang der in dieselbe fallenden Verleihung der Ostmark an Leopold I. im Ganzen und 
Grossen uns genügend unterrichtet nennen können, darüber aber jedenfalls nicht den minde- 
sten Zweifel mehr haben können, dass der Bogengeschichte unseres Chronisten kein 
anderer Werth beizulegen ist, als der eines Märchens. Es bedarf für meinen gegenwärti- 
gen Zweck keiner eingehenderen Erörterung jener Vorgänge. Zur Begründung dieses Aus- 
spruches und im Interesse einiger weiterer Ausführungen genügt es , hier die wesentlichsten 
Momente derselben hervorzuheben und in Erinnerung zu bringen. 

Als der Baiernherzog Arnulf , der mit fast königlicher Gewalt seinem Herzogthume vor- 
stand, am 14. Juli 937 gestorben war, gab K. Otto I. alsbald thatsächlich zu erkennen, dass 
er im wohlberathenen Interesse des deutschen Königthums nicht Willens sei, die schon über- 
grosse Macht des Herzogs von Baiern noch weiteren Aufschwung nehmen zu lassen. Arnulf's 
ältester Sohn Eberhard, welcher nach des Vaters Tode ohne weiters als Herzog aufzutreten 
sich erlaubte und dadurch seine Nichtanerkennung der Oberherrlichkeit Otto's so ziemlich 
offen an den Tag legte , wurde alsbald von ihm mit Krieg überzogen , nach kurzem Kampfe 
besiegt, abgesetzt und in Verbannung geschickt, aus welcher er nicht mehr auf den Schau- 
platz der Geschichte hervortritt. Und nun traf der junge König Verfügungen, welche sämmt- 
lich darauf berechnet waren, die angemassten Rechte des Herzogs von Baiern zu vernichten 
oder doch wesentlich zu schwächen, dabei aber zugleich die, von den Sympathien des ganzen 
bairischen Volksstammes getragene Familie Arnulf's auf seine Seite zu ziehen. Das Herzogthum 
verlieh nämlich König Otto nicht dem Zweitältesten Sohne des verstorbenen Herzogs, sondern 
dessen Bruder Berthold, jedermann im Lande dadurch zu verstehen gebend, dass nicht Erb- 
recht , sondern die Machtvollkommenheit königlicher Gnade allein darüber zu verfügen habe. 
Jenen Sohn Arnulfs aber, ebenfalls Arnulf genannt, suchte Otto in anderer, nicht minder 
staatsklugen Weise in sein Interesse zu ziehen. Er erneuerte nämlich die karolingische Insti- 
tution eines königlichen Pfalzgrafen in Baiern , welche , da sie speciell die Interessen des 
Königthums zu vertreten bestimmt war und nebst der höchsten Gerichtsbarkeit auch die un- 
mittelbare Aufsicht über alle im Lande gelegenen Güter, Lehen und sonstige Einkünfte des 
Reiches führte, unter dem, nach königlicher Unabhängigkeit strebenden Herzog Arnulf factisch 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Atjstriacum. 



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eingegangen war und verlieh diese Würde an jenen Arnulf. Nicht lange darnach endlich (etwa 
um das Jahr 942) vermählte Otto auch noch weiland Herzog Arnulfs älteste Tochter seinem 
eigenen Bruder Heinrich. — Dieses kluge Benehmen des Königs war auch in der That von 
gutem Erfolge begleitet. Insbesondere blieb Herzog Berthold, so lange er lebte, unwandel- 
bar dessen treuester Anhänger. Als Herzog Berthold schon am 23. December 945 starb und 
nur einen, damals beiläufig fünf Jahre alten Sohn Heinrich hinterliess, mochte man in Baiern 
allerdings erwarten, dass der König nunmehr dem Pfalzgrafen Arnulf das Herzogthum ver- 
leihen werde. 'Allein Otto wich von seinen einmal gefassten Plänen, die Macht des Herzogs 
von Baiern für sich und sein Haus unschädlich zu machen, nicht ab und verlieh, dadurch zu- 
gleich den Bitten seiner Mutter entsprechend, das Herzogthum Baiern im Jahre 946 seinem 
oberwähnten Bruder Heinrich, dem Gemal der Arnulf'schen Judith *). Auch Herzog Heinrich 
bekleidete seine neue Würde nicht allzu lang. Er starb am 1. November 955 mit Hinterlas- 
sung eines einzigen um 943 — 945 gebornen Sohnes Heinrich. Die Geschichtschreiber jener 
Zeit sprechen sich im allgemeinen über Herzog Heinrich I. günstig aus. Insbesonders ist es 
Widukind, welcher ihm hohes Lob spendet. Er ist es auch, dem wir eine für unsere 
Zwecke wichtige Nachricht zu danken haben. Er sagt nämlich 2 ) : „Heinricus (dux Bavariae) 
morum gravitate pollebat, et ob id ab ignotis minus clemens , jocundusque praedicabatur. 
Constanti admodum animo fidelis (erat) et ipse amicis, ita ut mediocris substantiae 
militem conjugis suae (Judithae) sororis (Adelheidis) matrimonio honoraret et socium sibi, 
amicumque fecerat. " Herzog Arnulf hatte nämlich zwei Töchter, die oben erwähnte Judith 
(geboren um 925) und Adelheid (geboren um 928) erzeugt. Letztere war es, welche Herzog 
Heinrich I. seinem vertrautesten Freunde zur Gemalin gab , um ihn durch dieses Band noch 
fester an sich und sein Haus zu knüpfen. Ihre Vermälung . dürfte der Wahrscheinlichkeit 
nach um 946 Statt gefunden haben 3 ). Den Namen jenes Freundes, welchen Widukind an- 
zugeben unterliess, nennen uns drei glaubwürdige Schriftsteller des X. und XL Jahrhunderts, 
nämlich der Dompropst Gerhard von Augsburg (f c. 995) und die beiden Mönche des Regens- 
burger Münsters St. Emmeram Arnold (aus dem Hause der Markgrafen von Vohburg f c. 
1040—45) und Othlo (f c. 1070) , so wie zwei Urkunden der beiden Kaiser Otto I. und 
Otto II. vom Jahre 972 4 ). Aus diesen Quellen erfahren wir, dass er Burchard hiess und die 
Würde eines Burggrafen der Reichsburg zu Regensburg bekleidete. Dass Burchard nicht nur 
bei Herzog Heinrich I. , sondern auch bei dessen Bruder, Kaiser Otto I. , in hohem Ansehen 
stand , dafür bringt uns Othlo das Zeugniss des Bischofs Piligrim von Passau bei , welcher 
„cnm auxilio marchicomitis (Burchardi), cujus consilio multa solet facere imperator", die Er- 
hebung des Mönches von Einsiedeln Wolfgang zum Bischöfe von Regensburg erwirkte. 

Nachdem Herzog Heinrich I. am 1. November 955 gestorben war, verwaltete im Namen 
seines kaum achtjährigen Sohnes Heinrich dessen Mutter Judith mit Zustimmung des Kaisers 



1 ) Pfalzgraf Arnulf, zunächst nicht in. der Lage, den Groll über seine Zurücksetzung zu bethätigen, empörte sich später 
gegen Otto I. und fiel in diesem Kampfe im August 954. Sein Sohn Berthold flüchtete zu den Ungern und soll von 
diesen am 10. August 955 nach der verlornen Schlacht auf dem Lechfelde als verrätherischer Führer getödtet wor- 
den sein. 

2) Mon. Germ. V, SS. III, p. 448, §. 36. 

3 ) Der aus dieser Ehe entsprossene Sohn Heinrich wurde nämlich schon im September 973 zum Bischof von Augsburg 
durch den mächtigen Einfluss seiner Verwandten erhoben. Vgl. Mon. Germ. VI, SS. IV, p. 415 — 419, §. 28. 

4 ) Mon. Germ. VI, SS. IV, p. 415, §. 28 (Gerhard) 1. c. p. 553, §. 16 (Arnold) 1. c. p. 531, §. 14 (Othlo) und Mon. Boic. 
XXVIII, I, p. 192—196, Nr. 133 u. 134 (Urkunden). 

2 * 



12 



Andreas von Meiller. 



das Herzogthum Baiern. Dass Burchard, der vertraute Jugendfreund ihres verstorbenen Ge- 
nials, der vielgeltende Rath des Kaisers, der in Baiern durch seine Würde als Burggraf von 
Regensburg so hochstehende Mann hiebei einen entscheidenden Einfluss , am wahrscheinlich- 
sten den eines Mit Vormundes, gehabt habe, scheint mir auf der Hand zu liegen. Er war, nach 
allen Richtungen hin erwogen, ganz der rechte Mann, den Kaiser Otto I. ins Auge fassen 
musste, als der Fall eintrat, für den so wichtigen Posten eines Markgrafen der deutschen 
Ostmark an der Donau eine geeignete Person zu suchen. Ganz besonders war es auch Bur- 
chard's Stellung als Burggraf von Regensburg, welche ihn für jenen Posten als vorzüglich 
berufen erscheinen Hess. Die Stadt Regensburg war bekanntlich seit den ältesten Zeiten das 
Hauptemporium, der Mittelpunkt des gesammten so überaus wichtigen Donauhandels, bis sie 
gegen Ende des XII. Jahrhunderts an der Stadt Wien eine zuletzt siegreiche Nebenbuhlerin 
erhielt. Dem von Reichswegen zu Regensburg aufgestellten Burggrafen war auch die Obsorge 
für diese so vielfach benützte Reichs-Wasserstrasse , Schutz und Schirm der darauf Handel 
Treibenden übertragen. Er kam dadurch in die vielfältigsten Berührungen mit den Bewohnern 
der östlich gelegenen Donaugegenden. Uber Land und Leute konnte er auf diesem Wege die 
reichhaltigsten Erfahrungen sammeln, wichtige Verbindungen anknüpfen und pflegen. Alle 
diese Umstände machen die Wahl Burchard' s zum Markgrafen der Ostmark von Seite des 
Kaisers leicht begreiflich. Ein directes Zeugniss über den eigentlichen Zeitpunkt seiner Er- 
nennung zu dieser Würde ist uns aber nicht erhalten, so wie auch keines darüber, in welcher 
räumlichen Ausdehnung er sein markgräfliches Gebiet übernahm *). 

So standen die Sachen, als Kaiser Otto L am 7. Mai 973 starb. Sein bereits am 26. Mai 
961 zum Könige gesalbter und am 25. December 967 zum Kaiser gekrönter Sohn Otto IL 
war zur Zeit des Todes desselben ein Jüngling von 18 Jahren. Kaum ein Jahr später war es, 
als gegen ihn in Baiern, die ehrgeizige Herzogin Judith an der Spitze, eine weitverzweigte 
Empörung ausbrach, deren Ziel daraufhinauslief, dem Sohne Heinrich der Herzogin Judith, 
welcher um dieselbe Zeit (974) die selbstständige Regierung des Herzogthums Baiern antrat, 
die Königskrone Deutschlands auf's Haupt zu setzen. Bei der Macht des baierischen Herzogs- 
hauses , welche durch mächtige Verbündete , die Herzoge von Böhmen Boleslav IL und 
Schwaben Liudolf (der ältere Stiefbruder Otto's II. aus der Ehe seines Vaters mit der Edith) 
zu einer Verderben drohenden Höhe gesteigert erschien, war die Niederwerfung dieser Empö- 
rung für Otto II. eine Existenzfrage. Bald begann der offene Kampf (dessen einzelne Wen- 
dungen zu erzählen hier aber nicht am Platze wäre) , welcher zuerst die Gefangennehmung 
(974) und später (976) die Absetzung des Herzogs Heinrich II. von Baiern herbeiführte, wäh- 
rend auch alle seine Anhänger dem rächenden Strafgerichte des jugendlichen Königs verfie- 
len. Welche Rolle Markgraf Burchard in dieser Empörung gespielt habe, hierüber ist uns 
keine Nachricht erhalten geblieben. Dass er zu den Gegnern des Königs gehalten, dafür 
spricht an und für sich seine innige Verbindung mit dem bairischen Herzogshause, so wie die 
Thatsache , dass Kaiser Otto IL ihm die Markgrafschaft abnahm. Der weitere Umstand, dass 
alle Quellen über Burchard von da an schweigen, erlaubt fast, auf einen nicht ehrenvollen 
Ausgang seines Lebens zu schliessen. Doch ist es mir wahrscheinlicher, dass der Kaiser mit 
dessen Absetzung als Markgraf die Sache für abgethan ansah und keine weitere Strafe über 
ihn verhängte. Denn Burchard's Sohn, der Bischof von Augsburg, legte, wie uns sein Zeit- 



l ) Ich worde später Veranlassung haben, auf beide Fragen zurückzukommen. 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



13 



genösse Dompropst Gerhard von Augsburg berichtet *) bis zu seinem Tode (er starb auf dem 
Zuge K. Otto's II. nach Calabrien daselbst am 14. Juli 982) ein fast ängstliches Bestreben an 
den Tag, seine Anhänglichkeit an den Kaiser an den Tag zu legen. 

Die entschiedensten Anhänger Kaiser Otto's II. in diesem Streite waren der Herzog Otto 
von Schwaben , die drei Babenberg' sehen Brüder Berthold Graf in Volchfelde, Leopold Graf 
im Donaugau, Poppo Bischof von Wirzburg, Heinrich, der Sohn des im Jahre 945 verstor- 
benen Herzogs Berthold von Baiern, Arnulfing' sehen Stammes, und Pilgrim Bischof von Pas- 
sau. Sie alle wurden vom Kaiser für ihre treuen Dienste dankbar belohnt. Herzog Otto er- 
hielt zu Schwaben noch das Herzogthum Baiern. Dem Grafen Berthold wurde die damals neu 
begründete Markgrafschaft des Nordgau' s verliehen. Sie war nöthig geworden, um das 
Reich gegen weitere Angriffe der mit dem entsetzten Herzog Heinrich H. verbündeten Böh- 
men zu schützen. Bischof Pilgrim von Passau wurde durch mehrere wichtige Begünstigungen 
und Schenkungen belohnt, eben so Bischof Poppo von Wirzburg. Jener Heinrich, Herzog 
Berthold' s Sohn, erhielt das Herzogthum Kärnthen sammt der Veroneser Markgrafschaft, wel- 
ches Otto II. damals wieder vom Herzogthume Baiern trennte. — Den Grafen Leopold endlich 
belohnte der Kaiser durch Ernennung zum Markgrafen der Ostmark. Burchard, dem nahen 
Verwandten des abgesetzten Herzogs von Baiern, Heinrich IL, konnte, selbst wenn er sich 
an dessen Empörung nicht betheiligt hätte, die Hut der Ostmark kluger Weise ohnehin nicht 
weiter anvertraut bleiben. Am 21. Juli 976 erscheint Leopold I. urkundlich als Nachfolger 
Burchard's in der Würde eines Markgrafen der deutschen Ostmark an der Donau 2 ). 

Dies ist die Genesis und der thatsächliche Hergang der Verleihung der Ostmark 
an den Babenberger Leopold, sowie er aus den Berichten, den Ereignissen gleichzeitiger 
und nahe gleichzeitiger Chronisten des X. und XL Jahrhunderts und dem Zeugnisse von Ur- 
kunden, in ihrem Zusammenhange betrachtet, sich herausstellt, Berichte, welche im XII. Jahr- 
hunderte allen denen noch viel leichter zugänglich waren, deren Bestreben dahin ging, auf 
geschichtlichem Gebiete ein der Wirklichkeit und Wahrheit entsprechendes Product zu liefern, 
als uns im XIX. Jahrhunderte. Vergleicht man dies berücksichtigend damit die Erzählung, 
mit welcher unser Anonymus seinen erlauchten Zuhörer über jenes, für dessen Haus so wich- 
tige Ercigniss belehren will, so kann man schwer daran glauben, dass er sie selbst für mehr 
als ein Mährchen habe halten können, wohl aber bestärkt sie in der Meinung, dass die ganze, 
an und für sich nicht üble poetische Erfindung nur an die lebhaftere Phantasie eines Jüng- 
lings gerichtet war. 

§. 3. A. 

„Ipse autem (Liupoldus) terram hanc cum multo comitatu adiens Castrum munitissi- 
mum in monte nostro situm, quod homo potentissimus nomine Gizo tenebat, magna vi 
cepit atque destruxit, ibique canonicos XH, ne videlicet aliqua in eo munitio restaurari 
posset, instituit. — Möns enim idem, qui modo corrupto nomine dicitur Medilich, a quo flu- 
vius praeterfluens denominatus est , propter Opportunitäten! situs et munitionem antiquitus : 
mea dilecta vocabatur. " 

Um sich diese Angaben unseres Anonymus für die kritische Sonde zweckmässig zurecht 
zu legen, ist es angezeigt, selbe in zwei Abschnitte zu theilen, welche sich durch die Worte : 



i) Müh. Germ. VI, SS. IV, p. 418. 

-) Vgl. Meiller, Regg. d. Babenbg. p. 187—189, Note 1. 



14 



Andreas von Meiller. 



ipse autem — bis — instituit, und : mons enini — bis — vocabatur begrenzen. Während näm- 
lich der erstere Abschnitt auf den ersten Blick das Gepräge echter historischer Nachrichten an 
sich zu tragen scheint, wird der zweite, selbst bei einer solchen flüchtigen Beurtheilung, einen 
gleichen Eindruck kaum hervorbringen. Indem ich die Ordnung verkehre und zuerst daran 
gehe, diesen letzteren Abschnitt zu besprechen, geschieht dies aus dem Grunde, weil ich ein- 
fach zu constatiren habe, dass wir es hier mit einer zweiten Erfindung der poetischen Ader 
des Anonymus, welche jedweder historischen Unterlage entbehrt, zu thun haben; eine An- 
sicht, welche übrigens bereits Lambecius und Andere ausgesprochen. Der Beweis dafür ist in 
jüngster Zeit von der competentesten Seite geführt worden, nämlich von dem gelehrten Mel- 
ker Conventualen lgnaz Keiblinger. Wer sich des Näheren überzeugen will, den haben 
wir nur auf die eben so gründliche als erschöpfende Untersuchung zu verweisen, mit welcher 
derselbe die Frage über die ältesten Benennungen Melks in seiner Geschichte dieses Klosters 
zum Abschlüsse brachte 1 ). Seine Erörterungen, denen ich nichts beizufügen hätte, wären 
nämlich lediglich hier von mir zu wiederholen. 

Anders sieht es, wie gesagt, mit dem ersten Theile der obenstehenden Nachrichten 
unseres Chronisten aus, welcher daher auch näher ins Auge zu fassen und einer schärferen 
Prüfung zu unterziehen ist. Würde es sich nun nur darum handeln, diese Stelle ihrem Wort- 
laute nach in Erwägung zu ziehen, so könnte ich mich darauf beschränken, sämmtlichen An- 
gaben derselben in ganz gleicher Weise, wie oben bei §. 2, die Bemerkung entgegen zu stel- 
len, dass in dem weiten Kreise historischer Zeugnisse aller Art und Ursprungs, welche 
für die deutsche Reichs- und für die österreichische Landesgeschichte vom X. bis einschliessig 
XII. Jahrhunderte bisher bekannt geworden sind, nicht Eines sich findet, welches uns 
irgend wie eine Bestätigung der betreffenden Angaben unseres Chronisten über Markgraf 
Leopold I. an die Hand gäbe, oder auch nur einen Anhaltspunkt, aus welchem auf deren 
Richtigkeit ein muthmasslicher Schluss zu ziehen wäre. Es muss zugegeben werden, dass 
nach den Principien wissenschaftlicher Kritik diese Thatsache a priori nicht zu Gunsten der 
zu prüfenden Vorlage spricht, hier aber um so weniger, da wir es mit einem Berichterstatter 
zu thun haben , welcher der Zeit nach 200 Jahre den von ihm erzählten Begebenheiten ferne 
stand. Das Bedenkliche an der Sache steigert sich für eine unparteiische Beurtheilung aber 
noch durch den Umstand, dass die 50 Jahre vorher in Melk selbst verfassten Annalen, 
welche wir im Eingange erwähnt haben, von allen den schönen Angaben über Melk nicht das 
Blindeste enthalten, welche, wären sie im Jahre 1123 dem Abte Erchanfried oder den älteren 
Conventualen auch nur durch „relationes major um" bekannt gewesen, von ihnen ganz 
sicher in diese ihre Haus-Chronik aufgenommen worden wären. Allein nicht nur , dass somit 
für die Angaben des Anonymus keine Bestätigung in solchen Quellen zu finden ist , wo man 
nach der Natur der Sache die vollste Berechtigung hätte, selbe zu suchen, so steht auch so- 
gar ein Theil derselben im Widerspruche mit anderweitig beglaubigten Thatsachen. — Unser 
Anonymus lässt das „Castrum munitissimum" von Leopold I. selbst vollkommen demo- 
liren und alsbald auf dessen Platze — „ibique" — ein Stift für 12 Säcularkanoniker erbauen, 
ja er kennt sogar das den Markgrafen hiezu bestimmende Motiv, „ne videlicet — setzt er 



J ) Gesch. von Melk, Wien, 1851, p. 80—87. Vgl. auch 1. c. p. 20—23. — Keiblinger's Werk steht unter allen bis jetzt 
erschienenen Geschichten deutsch-österreichischer Klöster unstreitig am ersten Platze, für ähnliche Arbeiten ein sehr 
zu empfehlendes Muster. Es hat übrigens nicht den Anschein, dass es sobald einen ebenbürtigen Rivalen erhalten 
werde. 



Üiseu das von Anselm Sciikamu und Hier. Pez veröffentlichte Bkeve Chronicon Austkiacum. 



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nämlich hinzu — aliqua in eo (monte) munitio posset restaurari". Um das Jahr 1175 war 
nun freilich keine munitio in jenem Sinne mehr auf dem Melker Berge. Aber wir wissen aus 
der, bald nach dem Jahre 1020 verfassten Legende des h. Colomann, dass der schlagfer- 
tige Markgraf Heinrich I. im Jahre 1015 noch seinen Sitz zu Melk hatte; wir wissen aus 
des berühmten Berthold's von Constanz Annalen, dass sein Neffe Ernst, „vir in regno 
clarissimus et inultis saepe adversum Hungarios victoriis insignis" (Lambert v. Hersfelden) 
noch im Jahre 1061 „in Castro Medilhecka" x ) die Schätze des von seinem Bruder Bela hart 
bedrängten Königs Andreas von Ungarn auf dessen Bitte zu bewahren übernahm, während dieser 
seinen Sohn Salonion nicht einmal dort für sicher genug behütet hielt, sondern ihn durch den 
Grafen Diepold (? von Vohburg) an den Hof des Königs Heinrich IV. flüchtete; wir wissen 
endlich aus der unbestrittenen, ununterbrochenen einheimischen Tradition, dass erst Mark- 
graf Leopold III. (IV.), der Stifter von Kl. Neuburg, nach seinem Regierungsantritte im Jahre 
1096 sich am Fusse des Kahlenberges eine „neue Burg" erbaute und dorthin, Melk verlas- 
send, seinen dauernden Wohnsitz verlegte 2 ). Schlimm genug sieht es diesen Thatsachen 
gegenüber mit den Nachrichten unseres Anonymus aus. Oder sollen wir vielleicht um seiner 
Glaubwürdigkeit willen annehmen, die stets kampfgewärtigen Markgrafen der Ostmark hätten 
es vorgezogen , irgendwo am Fusse des Berges in Melk zu hausen , die für das damalige 
Kriegs- und Verteidigungswesen so wichtige Höhe desselben aber den, die Waffen des Gebe- 
tes schwingenden Kanonikern zu überlassen? Vergeblich bemühen sich, wenigstens nach 
meiner Ansicht , die gelehrten Melker Historiker des XVIII. und XIX. Jahrhunderts durch 
allerlei sinnreiche Combinationen und Hypothesen diese Angabe ihres längst verstorbenen 
Mitbruders jenen thatsächlichen Verhältnissen gegenüber zu erklären und aufrecht zu erhal- 
ten. — Nicht besser endlich — ich stehe nicht an, mich dahin auszusprechen — sieht es mit der 
letzten Nachricht unseres Anonymus aus, schon Leopold I. habe auf dem Melker Berge eine 
Propstei oder Kloster für zwölf Säcularkanoniker errichtet. Nichts ist an dieser Nachricht 
anderweitig beglaubigt, als dass wir nahezu 100 Jahre nach der Erhebung des Babenbergers 
Leopold zum Markgrafen der Ostmark von dem vierten Markgrafen Ernst selbst erfahren 3 ), 
es bestehe auf dem Melker Berge ein: „titulo s. crucis et s. Petri et s. Cholomanni marty- 
ris" geAveihtes „coenobium, quod ab antecessoribus nostris fundatum est". Ob aber unter 
diesen antecessores der zweite und dritte Markgraf, Heinrich und Adalbert, oder auch 
noch der erste, Leopold, mit zu verstehen sei, darüber ist noch von keiner Seite ein Beweis 
geführt und hergestellt worden. Berücksichtigt man jedoch , dass die nicht sehr lange nach 
1020 verfasste Legende des h. Cholomann (selbst in ihrer vom Abte Erchanfrid von Melk 
1121 — 1163 vorgenommenen Bearbeitung) keine Stelle enthält, aus welcher ein Beleg oder 
gar ein zwingender Beweis für den Bestand eines Säcularstiftes zu Melk im Jahre 1015 abge- 
leitet werden könnte, während andererseits durch jene Urkunde des Markgrafen Ernst consta- 
tirt ist, dass es zu Ehren des h. Märtyrers Cholomann (f 1012) geweiht gewesen sei, welche 
Weihe daher selbstverständlich erst nach dem Jahre 1015 geschehen sein konnte, so darf es 



!) Dass hier nicht Mcdling bei Wien, sondern Melk zu verstehen sei, haben von älteren Geschichtsforschern schon Cal- 
les, Schrötter und Andere ausgesprochen. Ich hoffe bald an einem anderen Orte eine passendere Gelegenheit zu 
haben, meine gleiche Ansicht näher zu begründen. 

J ) Auch über diesen Punkt gedenke ich mich an dem in der Note 1 vorläufig angedeuteten Orte näher auszusprechen. 

3 ) Originalurk. d. Markgf. Ernst für Melk von c. 1074 im Archive zu Melk. Vgl. meine Regg. d. Babenbg. p. 9, Nr. 11 und 
die Noten 70, 71, 72 auf p. 20-1—205. 



16 



Andreas von Meiller. 



wohl nicht als zu weit getriebene Zweifelsucht erklärt werden, wenn ich den Antheil des 
Markgrafen Leopold I. an dessen Gründung für noch in Frage stehend ansehe. So viel , als 
unser Anonymus um das Jahr 1175 über die Person des Gründers und daher über die Zeit 
der Gründung des Klosters Melk wissen konnte, musste doch wohl auch im Jahre 1123 da- 
selbst bekannt gewesen sein; denn die „Relatio majorum", diese einzige Quelle desselben 
ausser den Melker Annalen kann ja doch nicht, gerade ihm zu Liebe, erst nach diesem Jahre 
und zu seiner Zeit aufgetaucht sein. In jenem Jahre aber scheint man zu Melk eben auch 
nicht Mehreres gewusst zu haben, als was von dort aus im Jahre 1851 ausgesprochen wurde, 
nämlich: „in welchem Jahre das Collegiatstift zu Melk seinen Anfang nahm, ist unbekannt" 
— und weiter: „obwohl die älteste Melker Chronik über diese Stiftung gänzlich schweigt, so 
steht doch wenigstens bei dem Jahre 1089 von späterer (sie) Hand, dass vor der Einfüh- 
rung der Benedictiner weltliche Chorherrn hier gewesen". 

§. 3. B. 

Wenn es sich, wie ich bereits früher gesagt habe, allein darum handeln würde, die so 
eben besprochenen Angaben unseres Anonymus blos ihrem Wortlaute nach zu erörtern, so 
würde ich mich auf das bis jetzt Gesagte füglich beschränken können. Allein dies ist eben 
nicht der Fall, denn ich sehe mich bemüssigt, dieselben noch von einem anderen Gesichts- 
punkte aus zu erörtern, welcher ein mehr allgemeines Interesse für sich in Anspruch nimmt. 
Es ist eine den österreichischen Geschichtskundigen bekannte Sache , dass diese Nachrichten 
unseres Anonymus über das Castrum Melk und dessen damaligen Inhaber Giso seit Jahrhun- 
derten und bis zu der neuesten Bearbeitung der Geschichte Melks als Beweis dafür ange- 
sehen und geltend gemacht wurden, Melk sei damals im Besitze der Ungarn und jener 
homo potentissimus Gizo Niemand Anderer gewesen, als der ungarische Herzog oder Gross- 
fürst Geysa, der Vater Stephan's, des ersten Königs von Ungarn. Diese Ansicht wurde un- 
vermerkt so zu sagen ein Axiom für die vaterländische Geschichtschreibung, aus dem gar 
mannigfache Consequenzen gezogen worden sind. Sie ist es z. B., auf welche sich — so weit 
meine Umschau mich belehrte — die übereinstimmenden Angaben in letzter Auflösung 
stützen, das ganze Land unter der Enns sei nach der Unglücksschlacht vom Jahre 907 bis 
976 von den Ungarn im eigentlichen Sinne des Wortes occupirt und in Besitz genommen 
worden. 

Das Eigenthümlichste an dieser so allgemein Eingang gefunden habenden Auffassung 
jener Stelle ist nun vor allem Andern die Thatsache , dass in den Worten des Anonymus 
selbst weder von den Ungarn überhaupt eine Sylbe zu finden ist, noch jener Gyzo von ihm 
als solcher irgend wie bezeichnet wird. Wäre jene Auslegung seiner Angaben eine irrige, der 
Wahrheit nicht entsprechende , so ist er dabei jedenfalls von aller Schuld oder Mitschuld frei 
zu sprechen. Ein derartiges, in solcher Ausdehnung selten vorkommendes jurare in verba 
magistri erscheint unter den angegebenen Umständen als eine sehr nachdrückliche Aufforde- 
rung an die Kritik, dasselbe ihrer Untersuchung zu unterziehen. Sie kann hier aber nur einen 
Weg mit Erfolg einschlagen, nämlich den: die Probe anzustellen, ob den anderweitig glaub- 
würdig constatirten Verhältnissen der Personen vnd ürtlichkeiten, um welche es sich handelt, 
gegenüber gehalten , jene Auslegung innere Wahrscheinlichkeit beanspruchen könne. Die 
Möglichkeit, dass Etwas habe geschehen können, allein, bildet ja an und für sich noch keinen 
Grund zur Behauptung, es sei auch in der That geschehen. Wir wollen sehen, zu welchen Er- 
gebnissen auf diesem Wege zu gelangen sei. 



Ü«ek das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 17 



Das Volk der Magyaren, von den Deutschen und Slaven gewöhnlich Ungern genannt, 
tritt in der beglaubigten Geschichte Europa's zum ersten Male im Anfange des IX. Jahrhun- 
derts auf. Historische Schriftsteller des griechischen (oströmischen) Kaiserthums sind es, 
denen wir die früheste Kunde über dieses Volk und seine damaligen (837) Wohnsitze an der 
Nord- und Ostseite des schwarzen Meeres verdanken. Schon um das Jahr 888 war ein Theil 
desselben bis in die Ebenen an der Theiss und über diesen Fluss hinaus gezogen und hatte 
sich in jenen Gegenden niedergelassen. Die früheste Gelegenheit, welche die Magyaren über 
die westlichen Grenzen des heutigen Königreiches Ungarn hinausführte und bei welcher sie 
auch zum ersten Male mit Deutschen in unmittelbare Berührung kamen , war bekanntlich 
jener Feldzug, welchen König Arnulf im Jahre 892 gegen Swatopluck, König der Mährer, 
führte, in dem sich, natürlich mit seiner Zustimmung, wo nicht auf seine ausdrückliche Wer- 
bung, eine ungerische Reiterschaar dem Heere der Deutschen anschloss. (Annal. Fuldens. ad 
ann. 892.) Schon im Jahre 894 erfolgte aber der erste jener merkwürdigen, von da an sich 
nur allzu oft wiederholenden Raubzüge, welche die Magyaren von ihren oben erwähnten neuen 
Wohnsitzen aus durch fast alle Länder Mittel-Europa's zum namenlosen Entsetzen und zu 
unerhörter Beschädigung ihrer Bevölkerungen unternahmen, bis diesen verheerenden, einzig 
und allein auf Raub und Beute abzielenden Einfällen im Jahre 955 ein für alle Male ein Ende 
gemacht wurde. Ein Zeitraum von 62 Jahren war damals verstrichen, seit die Deutschen ihre 
ersten Kämpfe mit diesen, ihnen Anfangs geradezu als Kinder der Hölle erscheinenden Fein- 
den zu bestehen gehabt hatten, deren ganzes Wesen und Kampfesweise ihnen neu war, und 
von denen sie nur zweifelhaft blieben, was grösser zu nennen, ihre unerhörte Grausamkeit, 
ihre unersättliche Raublust, oder ihre, der schwerfälligeren deutschen Kriegsart gegenüber 
fast wunderbar zu nennende Schnelligkeit des Erscheinens und Verschwindens. Es ist unter 
diesen Umständen leicht begreiflich, dass die Nachrichten über die Ungern und deren Ein- 
fälle in den schriftlichen Aufzeichnungen des X. Jahrhunderts eine stehende Rubrik bilden, 
deren Schreckenstöne in den nächstfolgenden Zeiten noch lange in mannigfachen Ausführun- 
gen anschwellen und fortklingen. 

Ich habe mich nun der Mühe unterzogen , aus sämmtlichen bisher erschienenen 1 7 Bän- 
den SS. der Monumenta Germaniae historica alle diejenigen Stellen auszuziehen, welche in 
den darin mitgetheilten Annalen und Chroniken, dann einigen besonders wichtigen 
Schriftstellern jener Zeiten über die Einfälle der Ungern enthalten sind *), um zunächst dem 
Leser durch eine solche Ubersicht ein genuines Bild der vom X. bis zum Ende des XIII. Jahr- 
hunderts im deutschen Reiche darüber verbreiteten Nachrichten und Anschauungen vorzu- 
legen; ferner aber auch, um mit genügender Sicherheit die Frage beantworten zu können: 
welche Beglaubigungen oder Unterstützungen sich aus diesen sämmtlichen Quellen für die 
Annahme ableiten lassen, dass die Burg Melk im Jahre 976 oder 977 im Besitze des ungeri- 
schen Herzogs Geysa gewesen, und dass dieselbe vom Markgrafen Leopold I. belagert und mit 
Sturm erobert worden sei. 

Das Ergebniss , zu welchem ein Uberblick jener gesammelten Nachrichten führt , ist die 
Thatsache , dass keinerlei Zeugniss , weder ein directes noch indirectes , dafür vorliegt , die 
Ungern hätten zu irgend einer Zeit zwischen 907 und 955 an irgend einem Orte zwischen 



1 ) Siehe die Beilage am Schlüsse , welche 190 einzelne Nachrichten in beiläufig 430 Beglaubigungen zusammenges teilt 
enthält. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVIII. bd. 3 



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Andreas von Meiller. 



dem Ertnsflu sse und der westlichen Wasserschei de der komagenischen Gebirgs- 
kette sich festgesetzt oder angesiedelt. Nach den übereinstimmenden Berichten aus den von 
den Ungern heimgesuchten Ländern glich das Erscheinen derselben allenthalben dem Auftreten 
eines unerwartet sich bildenden und nach verheerender Entladung eben so schnell verschwin- 
denden Ungewitters. „Percurrunt, pervagati sunt, advolarunt, peragrantes, pervadentes" 
sind die immer sich wiederholenden Bezeichnungen der Einfälle der Ungern , als deren 
schliesslich.es Ergebniss endlich stets die beutebeladene Heimkehr in ihre eigentlichen 
Sitze hervorgehoben wird. „Ad proprias sedes reversi sunt, ad propria sunt reversi, ad pro- 
pria repedati sunt, reversi sunt in terram suam, revertuntur in sua", oder doch das eine Heim- 
kehr andeutende „regressi sunt, redierunt". — Was man aber bereits in der zweiten Hälfte 
des X Jahrhunderts unter „proprias sedes, terram suam" der Ungern verstanden habe, dar- 
über sind uns einige gewichtige Zeugnisse zur Hand. Widukind, welcher nach Waitz seine 
drei Bücher sächsischer Geschichte um das Jahr 967 vollendete (Mon. Germ. V, SS. III, 

p. 41 1), schreibt: „ cum uxoribus ac filiis et omni agresti suppellectili venientes et fini- 

timas gentes circumquaque vastantes, postremo Pannoniam inhabitare coeperunt. " — 
Folcuin, Abt von Lobbes, welcher um das Jahr 980 eine Geschichte der Abte seines eige- 
nen Klosters schrieb, erwähnt der Ungern bei Gelegenheit ihres Einfalles vom Jahre 954 in 
folgender Weise: „gens quaedam ripam insidet Danubii; provinciam, quam incolit Pan- 
noniam vocaverunt antiqui, Hungariam moderni". — Es sei gestattet, an diese beiden 
Zeugnisse noch eine Stelle aus einem Schriftsteller anzureihen, welcher zwar in der zweiten 
Hälfte des XL Jahrhunderts lebte, der aber bei der Schrift, welche wir im Auge haben — der 
Vita Wolfgangi episcopi Ratisponensis — ältere Vorlagen vom Ende des X. oder Anfang des 
XI. Jahrhunderts benützte. Otthlo von St. Emmeram, welcher anerkanntermassen durch sein 
Streben nach geschichtlicher Wahrheit und durch die von ihm in der Benützung seiner Vor- 
lagen geübte historische Kritik sich vortheilhaft auszeichnet, berichtet unter anderem vom 
heil. Wolfgang zum Jahre 972: „abbatis sui (i. e. monasterii Einsidlensis) licentia monaste- 
rium — deserens — - — per Alemanniam devenit — in Noricum. Ad cujus orientalem 
plagam cum humili comitatu pergens, praedicandi gratia Pannoniae petiit confinia. Ubi 

cum laboraret, a Piligrimo Pataviensi pontifice ab incepto revocatus est opere." (Mon. 

Germ. V, SS. III, p. 530, §. 13). Eben so sagt auch Hermannus Augiensis, als er von dem 
merkwürdigen Zuge der Ungern durch fast ganz Mittel-Europa im Jahre 937 berichtet, zum 
Schlüsse: „in Pannoniam redierunt". — Während es also einerseits an allen und jedenNach- 
richten mangelt, welche auf eine Besitzergreifung jenes Landstriches durch die Ungern deu- 
teten, welcher sich von derEnns bis zur komagenischen Gebirgskette hinzieht und heutzutage 
das sogenannte Viertel ober dem Wiener Walde bildet, haben wir directe Zeugnisse der 
glaubwürdigsten Schriftsteller des X. und XI. Jahrhunderts dafür, dass als eigentlich von den 
Ungern occupirtes Land zu jener Zeit nur „Pannonien" bekannt war, von dem Abt Folcuin 
im Jahre 980 berichtet, dass es seine Zeitgenossen bereits Hunofariam nennen. Ein zwingen- 
der Beweis aber dafür, dass im X. und XL Jahrhunderte in der kaiserlichen Kanzlei oder in 
der gelehrten Welt der geographische Begriff Pannonien eine andere Bedeutung hatte als 
zur Zeit des Erlöschens der Herrschaft der Römer über jene Gegenden — oder mit anderen 
Worten ein zwingender Beweis dafür, dass im X. und XI. Jahrhunderte das heutige Viertel 
ober dem Wiener Walde als ein Bestandtheil von Pannonien angesehen und benannt worden 
sei, ist meines Wissens noch von Niemanden geführt worden und wird es wohl auch nicht 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



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werden 1 ). Wenn somit im X. Jahrhunderte wirklich ein Theil des heutigen Landes unter 
der Enns von den Ungern förmlich occupirt war, so kann es nur jener sein, der seiner Zeit 
zur römischen Provinz Pannonia superior gehörte, nämlich das heutige Viertel unter dem 
Wiener Walde, d. i. der Landstrich auf der Ostseite der komagenischen Gebirgskette oder 
irgend ein Theil desselben. — Das Gewicht dieser bisher vorgebrachten Bedenken gegen die 
landläufige Annahme einer Occupation des Landes unter der Enns (will heissen des heutigen 
Viertels Ober-Wienerwald) durch die Ungern im X. Jahrhunderte oder doch zur Zeit der 
Erhebung des Babenberger Leopold's zum Markgrafen der Ostmark erhöht sich, wie mir 
dünkt, zu überzeugender Beweiskräftigkeit durch die weitere Thatsache, dass nach dem Zeug- 
nisse zweier vollkommen unbedenklicher, noch gegenwärtig in wohlerhaltenen Originalen vor- 
handenen Urkunden der beiden Kaiser Otto I. und Otto II. im Jahre 972 das Amtsgebiet 
Burchard's, als damaligen Markgrafens der Ostmark (vgl. oben p. 12), bereits die sogenannte 
Wachau in sich begriff, dass somit, wenn man sich auch auf's strengste eben nur an diese 
urkundliche Beglaubigung halten wollte, was aber sicher nicht richtig wäre, die Ostmark 
schon im Jahre 972 mindestens bis Krems, dem beiläufigen östlichen Endpunkte der Wachau, 
im Besitze der Deutschen war. Geradezu unstatthaft wäre es dieser Thatsache gegenüber zu 
glauben, dass, trotzdem der deutsche Markgraf bereits so weit nach Osten vorgedrungen war, 
er in seinem Rücken Melk in den Händen der Ungern gelassen habe. 

Um alle Gründe ins Feld zu führen, welche mich in der Uberzeugung bestärken, es habe 
in der Zeit von 907 bis 976 eine eigentliche Besitzergreifung der Gegenden des heutigen Vier- 
tels ober dem Wiener Walde von Seite der Ungern niemals Statt gehabt, mögen nachfolgende 
Betrachtungen hier noch ihren Platz finden. 

Durch die Unglücksschlacht vom 5. Juli 907 hatte der bairische Volksstamm eine so ge- 
waltige Niederlage erlitten, dass derselbe, da bei der Zerfahrenheit, in die das Reich unter 
der Regierung Ludwig's des Kindes verfallen war, auf kräftige Reichshilfe augenscheinlich 
nicht zu rechnen war, sich schon der Gefahr gänzlicher Vernichtung preisgegeben sah. In 
dieser allgemeinen Verwirrung und Noth stellte sich, so zu sagen aus eigener Machtvollkom- 
menheit, Arnulf, der Sohn des in jener Schlacht gefallenen Heerführers der Baiern, des Mark- 
grafen Liutpold, an die Spitze des bairischen Volkes, ein Mann, ganz wie ihn die Noth jener 
Zeiten erforderte. Was wir von ihm wissen, vereinigt sich in den Angaben, dass er ein Mann 
von ungewöhnlicher Tapferkeit und Energie war, dass unbegrenzter Drang nach Machterwerb 
den Grundton seines ganzen Wesens bildete, in dessen Befriedigung er Geistliche und Laien 
gleich schonungslos behandelte , und bei keinem Mittel, wenn es nur sonst tauglich war, An- 
stand nahm, es anzuwenden und zu gebrauchen. — Das deutsche Königthum scheint an seiner 
Erhebung keinen Antheil genommen zu haben, unter dem Kinde Ludwig und nach jener Un- 
glücksschlacht war es ja fast zum wesenlosen Schatten herabgesunken. Die Bestrebungen sei- 

Es sind bisher , so viel ich weiss , nur zwei Urkunden aus dem IX. Jahrhunderte bekannt geworden, welche als ver- 
einzeinte Belege dafür geltend gemacht werden könnten, nämlich die beiden Urkunden König Ludwig's des Deutschen 
für St. Emmeram ddo. 1. Mai 859 (Mon. Boic. XXVIII, I, p. 50, Nr. 36) und für Nieder-Altaich ddo. 16. Mai 863 (1. c. 
XI, p. 120). In ersterer Urkunde wird das Fiscalgut Tullina (V. 0. W. W.) als „in regione Pannonia" gelegen bezeich- 
net. Allein diese Urkunde ist uns nur in einer St. Emmeramer Abschrift erhalten und ist auch ihrem Inhalte nach 
sonst nicht ohne Bedenken (vgl. Sickel, Beiträge z. Diplom, in den Sitzungsber. d. kaiserl. Akad. Bd. 39, Heft 1, 
p. 170, Nr. 75 und p. 124 — 125). Und was die zweite Urkunde betrifft, so wird darin (quasi a potiori) Pannonien 
augenscheinlich nur als synonym für das gesammte Avarenreich gebraucht , indem der Abt von Nieder-Altaich sich 
auf jenes von Karl dem Grossen nach Eroberung des Avarenlandes erlassene Gesetz beruft, welches jedem Besitzfähi- 
gen gestattet, daselbst Grund und Boden vorläufig zu occupiren — „in Pannonia carpere et possidere hereditatem". 



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Andreas von Meiller. 



nes Nachfolgers, König Konrad, die königliche Autorität wieder zu heben und zu kräftigen, 
führten naturgeniäss zum Conflicte mit dem Baiernherzoge , der, pochend und trotzend dar- 
auf, dass er ohne Königthum geworden, was er war, auch ohne oder gegen das Königthum 
es bleiben wollte. Arnulf war in diesem Kampfe vom Glücke nicht begünstigt. Er unterlag 
und flüchtete sich zu den Reichsfeinden, den Ungern 1 ). Dass er bei diesen Aufnahme und 
Schutz fand, setzt selbstverständlich vorausgegangene Unterhandlungen von seiner Seite mit 
ihnen voraus , wenngleich uns keine Nachrichten darüber erhalten sind. So viel aber wissen 
wir, dass Arnulf die Zeit seines Aufenthaltes in Ungarn nicht ungenützt liess, sondern sie in 
seinem Interesse aufs beste ausbeutete. Während ältere Quellen ausdrücklich von einem 
Schutz- und Trutzbündnisse sprechen, welches Arnulf mit den Ungern eingegangen sei, 
berichtet ein , allerdings nicht sehr verlässlicher Schriftsteller aus der ersten Hälfte des 
XIII. Jahrhunderts, Konrad, Mönch und Bibliothekar' im Kloster Scheiern, den spätere Zei- 
ten mit dem Beinamen philosophus beehrten , dass Arnulf und sein Bruder Berthold sogar 
zwei ungerische Prinzessinnen geheiratet haben, welche dann in der Taufe die 
Namen Agnes und Beatrix erhalten hätten 2 ). Allen diesen Nachrichten liegt ein Kern der Wahr- 
heit zu Grunde. Denn Thatsache ist, dass so lange Arnulf lebte (er starb im Jahre 937), von 
einem feindseligen Einfalle der Ungern in die Ostmark und Baiern in den gleichzeitigen 
Quellen keine Erwähnung mehr geschieht, ja dass verschiedene Andeutungen dafür spre- 
chen, dass ihnen friedlicher Durchzug durch diese Länder gestattet, jedenfalls nicht verwehrt 
wurde. Der für die Machtstellung Arnulfs so auffallend günstige Friedensschluss zwi- 
schen ihm und K. Heinrich I. wird erklärlicher, wenn damals wirklich zu berücksichtigen 
war , dass Arnulf an den Ungern , den weitaus mächtigsten und gefährlichsten Feinden des 
Reiches, jederzeit bereite Bundesgenossen hatte. 

Alle diese Verhältnisse machen es für sich allein schon unwahrscheinlich, dass ein Mann 
wie Arnulf die Sachlage nicht besser zu benützen gewusst hätte, als das, schon seines Reich- 
thums an Naturpro du cten wegen für Baiern so wichtige Land unter der Enns den Ungern 
einfach preiszugeben und zu überlassen. Dass er dies auch in Wirklichkeit nicht gethan habe, 
dafür haben wir ein gewichtiges Zeugniss in der Klage des Klosters Altaich: „destructis ec- 
clesiis earum redditus militibus et fautoribus suis concessit (Arnolfus). Inter quae et Alta- 
hensis ecclesiae proprietas fere tota in Bawaria et in Aus tri a diripitur et huic sceleri 
(co)militantibus juxta debachantium voluntatem beneficii , immo maleficii , causa dividitur et 
confertur. " (Mon. Germ. XVII, p. 370) Nachdem es nun eine hier nicht erst zu erweisende 
Thatsache ist, dass die östliche Grenze des eigentlichen Herzogthuines Baiern zur Zeit 



J ) Die Zeit dieser Flucht Arnulf s (?914 ?916), so wie die Dauer seines Aufenthaltes in Ungarn ist nicht verlässlich fest- 
gestellt (vgl. Büdinger, Gesch. Ost. p. 234 u. ff.). Liutprand's Erzählung, dass Arnulf bis zum Tode König Kon- 
rad's (f 23. Dec. 918) daselbst geblieben sei (Antapod. lib. II, cap. 19 und 21, Mon. Germ. V, SS. III, 292) scheint 
durch Widukind's Angabe zum Jahre 918: rex (Conradus) profectus in Bajoariam dimicavit cum Arnulfo — (Wid. 
lib. I, cap. 25, 1. c. p. 428) widersprochen. Dagegen berichten Altaicher Nachrichten: „Arnoldus dux metu Chunradi 
regis fugerat in Ungariam, steteratque ibi per V annos." (Mon. Germ. XVII, p. 362 Auctar. Altahense saec. XII.) 

2 ) „Surrexit quidam tyrannus, Arnoldus videlicet duxBavariae, qui rex fieri frustra cupiens, Ungariis se conjunxit, (et) 
invasor regni exstitit." (Hermannus Altah. de institutione monast. Altah. [saec. XIII] Mon. Germ. SS. XVII, p. 370.) 
„Arnolfus cum Ungariis pacificatur." Annal. Ratispon. (saec. XII) 1. c. p. 583. Über die Vermählung Arnulfs vgl. Con- 
radi Schirensis Chron. Schirense, 1. c. p. 620. — Die beiden ungerischen Prinzessinnen müssten Enkelinnen Arpad's I. 
gewesen sein (vgl. Beilage II das Geschlechtsschema's der ältesten Ungerischen Herzoge). Eine anderweitige Bestä- 
tigung dieser Nachricht des Scheierer Mönches liegt freilich nicht vor, aber auch — wohl zu beachten — keine Wider- 
legung, so viel wenigstens mir bekannt ist. 



Über das von Anselm Scheamb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriactjm. 



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des Herzogs Arnulf und noch lange darnach bis ins XII. Jahrhundert der Ennsfluss bil- 
dete, so ist unbestreitbar, dass unter der proprietas Altahensis ecclesiae in Austria jene Be- 
sitzungen gemeint waren, welche Altaich schon bald nach dem Jahre 800 im Lande unter 
der Enns erworben hatte. Diese lagen aber sämmtlich in den heutigen Vierteln Ob er- Wiener- 
wald und Ober-Manhartsberg, deren wichtigste, jene in der Wachau — als Propstei und 
Herrschaft Spitz — das Kloster Altaich nahezu durch tausend Jahre, nämlich bis zu seiner zu 
Ende des XVIII. Jahrhunderts erfolgten Aufhebung, sich zu erhalten wusste. Die Verleihung 
dieser Güter von Seite Arnulfs an seine milites und fautores spricht wohl klar dafür, dass das 
Land unter seiner, aber nicht der Ungern Botmässigkeit und Gewalt war. 

Sprechen nun alle diese bisher angeführten, directen und indirecten Gründe mehr oder 
weniger laut dafür, dass zur Zeit des Herzog Arnulf (er starb am 14. Juli 937) das Land zwi- 
schen der Enns und der komagenischen Gebirgskette nicht im f actischen Besitze der Ungern 
war, so wird es schon an und für sich unwahrscheinlich, dass es ihnen erst zwischen 937 und 
955 oder gar 976 gelungen sei, sich daselbst festzusetzen. Denn wir hören zwar bald nach 
Arnulfs Tode von neuen und zwar nunmehr wieder feindseligen Einfällen der Ungern in das 
Herzogthum Baiern in den Jahren 937 und 944, aber wir hören auch von der vollkommen- 
sten Zurückwerfung derselben nach der unter Herzog Berthold's mannhafter Führung ihnen 
beigebrachten vernichtenden Niederlage. Die Geschichte der Jahre 948, 950 und 951 gibt 
uns aber auch Thatsachen an die Hand, welche meinem Dafürhalten nach nicht minder klar 
erkennen lassen , dass damals das Land unter der Enns in der bereits wiederholt erwähnten 
Ausdehnung nicht im Besitze der Ungern war. Zunächst finde ich dies im Jahre 950. Der 
Bischof Dietmar von Merseburg hat uns nämlich in seiner berühmten Chronik, lib. II, cap. 17, 
ein Ereigniss aus dem Leben des Bischofs Michael von Regensburg (reg. 942 — 972) mitge- 
theilt, welches in seinen Nebenumständen für die uns beschäftigende Frage ein sehr entschei- 
dendes , bisher nicht beachtetes Zeugniss gibt. Ich habe die ganze betreffende Stelle in der 
Beilage I unter Nr. 152 mitgetheilt und in einem kleinen Excurse besprochen, in welchem ich 
nachgewiesen habe, dass jenes Ereigniss der Zeit nach nur dem Jahre 950 angehören könne. 
Bischof Dietmar erzählt nun, dass die „orientales" in jenem Jahre sich von einem Ein- 
falle der Ungern bedroht wussten und daher die „principes Bawariorum" um Beistand 
baten, welche auch — weltliche und geistliche, darunter eben Bischof Michael von Regens- 
burg — dieser Bitte entsprechend ihnen zu Hilfe zogen. Es bedarf nach dem, was ich in je- 
nem Excurse von der Bedeutung des Wortes oriens und orientales angeführt, keiner weiteren 
Ausführung mehr, dass es Bewohner des Landes unter der Enns waren, welche von einem 
Einfalle der Ungern sich bedroht fanden, einen solchen befürchteten, daher in keinem 
Falle damals unter deren Botmässigkeit standen. Dass Bischof Dietmar den „orientalibus" hier 
die „Bavarii" geradezu gegenüberstellt, ist wohl geeignet, auch den letzten Zweifel darüber 
zu zerstreuen, was wir unter ersteren zu verstehen haben. 

Altere bairische Chroniken des XL und XII. Jahrhunderts berichten, dass im Jahre 948 
die Baiern einen Sieg über die Ungarn „ad Norrun" erfochten, dagegen von diesen im 
Jahre 950 eine Niederlage „ad Lova" erlitten hätten. Giesebrecht, Dümmler, Büdin- 
ger, anerkannte Autoritäten für die deutsche Geschichte im IX. und X. Jahrhunderte geste- 
hen in ihren einschlägigen Werken, dass eine irgendwie entsprechende Deutung dieser Orts- 
namen nicht vorliege, aber auch von ihnen nicht gegeben werden könne, so wichtig begreif- 
licher Weise für die bairische und österreichische Geschichte eine solche auch wäre. Ich habe 



22 



Andreas von Meiller. 



die betreffenden Quellen in der Beilage I mitgetheilt und auch meinerseits den Versuch ge- 
macht, mit Berücksichtigung- aller Verhältnisse und Benützung der besten topographischen 
Hilfsmittel eine Nachweisung dieser Orte in einem kleinen Excurse zu geben. Als Resultat 
meiner Forschung spreche ich die, für den ersten Augenblick vielleicht Manchen befremdende 
Ansicht aus , dass unter diesen beiden Orten die in der Gegend von Steinamanger in den 
heutigen Comitaten Odenburg und Eisenburg des Königreiches Ungarn gelegenen Ortschaf- 
ten : Dorf Nöhrning und Markt Lövö zu verstehen sind. Habe ich mit dieser meiner Ver- 
muthung das Richtige getroffen, so ergibt sich dadurch bereits für das Jahr 948 ein Feldzug 
der Baiern gegen die Ungern , der die Ersteren weit über die östliche Abdachung der 
komagenischen Gebirgskette auf ein Gebiet führte, welches im IX. Jahrhunderte unbe- 
stritten zur karolingischen Ostmark gehörte, deren östlichste Grenze der Raabfluss von sei- 
nem Ausflusse in die Donau bis in die Gegend von Vasvär, dem alten Castrum ferreum, von 
da an aber eine allerdings nicht mehr genau nachzuweisende Linie oder trockene Grenze bis 
zum Drauflusse bildete , muthmasslich zusammenfallend mit den östlichen Grenzen des heuti- 
gen Szalader Comitats. Dass während einer Besetzung des Landes von der Enns bis zur 
komagenischen Gebirgskette von Seite der Ungern ein bairisches Heer einen solchen Feld- 
zug nicht habe unternehmen können, erscheint wohl mehr als wahrscheinlich. 

Allein, gesetzt auch, meine obige Vermuthung über die Lage der Orte Norrun und Lova 
wäre eine verfehlte, so würden die so eben daraus gezogenen Consequenzen anderweitig auf- 
recht zu erhalten sein. Wir wissen nämlich aus den schon oben erwähnten älteren bairischen 
Quellen mit Bestimmtheit, dass Herzog Heinrich I. im Jahre 951 einen Feldzug oder Einfall 
„in Hungariam" selbst, also in die „terram propriam" (vgl. oben p. 18) unternommen habe, 
was in gleicher Schlussfolgerung wie oben ein von den Ungern occupirtes oder besetztes 
Land im Rücken des vormarschirenden bairischen Heeres ebenfalls ganz und gar unwahr- 
scheinlich macht. 

Bis zum Jahre 952 spricht somit die historische Wahrscheinlichkeit dafür, dass der 
grösste Tbeil des Landes unter der Enns als nicht von den Ungern auf die Dauer occu- 
pirt, und weil nicht, auch nicht als der Regierung des Herzogs von Baiern oder eines ihm 
untergeordneten Markgrafen thatsächlich entzogen gewesen sei. 

Und nun bleibt uns nur mehr die Zeit nach der glorreichen Siegesschlacht auf dem Lech- 
felde vom 10. August 955 ins Auge zu fassen übrig. Ich zweifle aber, dass selbst die glau- 
bensfestesten Anhänger der bisherigen Annahme sich sehr angeregt fühlen dürften, den Nach- 
weis einer ungerischen Occupation des Landes unter der Enns in der Zeit von 956 bis 976 zu 
führen. Als für unsere gegent heilige Ansicht sprechend wollen wir nur noch einmal in 
Erinnerung bringen, dass wir urkundlich im Jahre 972 den Markgrafen der Ostmark bei 
ganz friedlichen Weingartenverhandlungen, deren Schauplatz ziemlich weit über Melk hinaus 
nach Osten zu liegt, einschreiten sehen; dann aber schliesslich auf das noch mehr ins Gewicht 
fallende Zeugniss hinweisen, welches aus dem Berichte sich ableiten lässt, den Bischof Pilgrim 
von Passau um das Jahr 974 an den Papst Benedict VII. über die Bekehrung eines grossen 
Theiles des ungerischen Volkes zum christlichen Glauben richtete. Indem Bischof Pilgrim 
darin nachweist und betont, dass es bereits an der Zeit sei, „apud Ungaros — aliquos ordi- 
nari episcopos", motivirt er dies noch insbesonders dadurch, dass in alter Zeit „eadem Orien- 
talis Pannonia et Mesia — nämlich, welches jetzt die Ungarn inne haben — „proprios 
septem antistites habuit". Zu Pilgrim's Zeit war es also Pannonien, welches die Ungern inne 



Uber las von Anselm Schraub und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



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hatten und nicht das Land von der Enns bis zur komagenischen Gebirgskette. Wäre es denk- 
bar, dass Bischof Pilgrim von Passau, wenn die Ungern einen so bedeutenden Theil der 
Dioecesis propria Pataviensis zu seiner Zeit noch inne gehabt hätten , in einem Berichte sol- 
cher Art, wie der erwähnte, auch nicht mit der kleinsten Silbe dieses Umstandes Erwähnung 
gethan ? 

Alle im Verlaufe unserer Erörterung der im §. 3 des Chronicons enthaltenen Angaben 
bisher vorgebrachten Nachweise und Belege sind den Berichten deutscher Geschichts- 
quellen entnommen. Die hiebei in erster Linie behandelte Frage über die Occupation des 
Landes unter der Enns durch die Magyaren legt jedoch, als eine so zu sagen internationale 
Angelegenheit, jedenfalls die Verpflichtung auf, auch die ungerischen Quellen bei Beant- 
wortung derselben zu Rathe zu ziehen, und zu untersuchen, ob und nach welcher Seite hin 
das Zünglein ihrer Wage den Ausschlag gebe. — Unter den Nachbarländern des deutschen Rei- 
ches gegen Osten, Böhmen, Polen und Ungarn, ist es das letztere, welches am spätesten zu 
einheimischer schriftstellerischer Thätigkeit auf dem Felde der Geschichte gelangte, und auch 
lange Zeit hindurch nur sehr wenige Proben derselben zu Tage förderte. Gleichzeitige unge- 
rische Geschichtsquellen des X. Jahrhunderts gibt es bekanntlich nicht, während die aus 
dem XI. bis zum Schlüsse des XIII. Jahrhunderts bisher bekannt gewordenen Scriptores bald 
aufgezählt sind. Das der Zeit nach früheste Product auf diesem Felde ist die Vita primige- 
nia s. Stephani regis. Sie wurde im Jahre 1083 aus Anlass der vom Papste Gregor VII. 
angeordneten feierlichen Erhebung der ungerischen Glaubensboten und Blutzeugen und zwar, 
wie es scheint, gleich ursprünglich in einer zweifachen Redaction, einer ausführlicheren, 
längeren, und einer abgekürzten gedrängteren abgefasst (Wattenbach, Deutschi. Geschichts- 
quellen, 320). — Als nächstfolgende historische Arbeit erscheinen die beiden von einem Bischöfe 
Namens Hartwich zwischen 1105 und 1114 verfassten und dem Könige Coloman von Un- 
garn (regierte von 1095 bis 1114) gewidmeten Werke , nämlich eine neue Bearbeitung der 
Legende des heiligen Stephan und eine kurze „Chronica Hungarorum " , welche 
letztere mit dem fabelhaften Könige Aquila beginnend, bis zu dem Vorgänger Coloman's, 
dem Könige Ladislaus I. (f29. Juli 1095) reicht. — An diese Werke schliessen sich nach einem 
Zwischenräume von nahezu 100 Jahren die sogenannten „Annales Posonienses" an, 
ziemlich dürftige, wie es scheint zu Anfang des XIII. Jahrhunderts von einem Mitgliede der 
Collegiatkirche zu Pressburg angelegte Annalen, welche die Jahre 997 bis 1208 umfassen. 
Ihnen folgen aus der Zeit der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts und zugleich den Schluss 
der ungerischen Scriptores vom XI. bis XIII. Jahrhundert bildend die Chroniken des ano- 
nymen Notars König Bela's (IV. meiner Vermuthung, regierte von 1234 — 1270) und 
des Magisters Simon de Keza, gewidmet dem König Ladislaus III. (regierte von 1273 bis 
1290). Beide Werke beginnen mit der Urgeschichte des magyarischen Volksstammes; erste- 
res reicht jedoch nur bis zu den Zeiten des heiligen Stephan , dessen Geburt (im Jahre 975) 
es noch erwähnt, während letzteres mit der Erzählung des vom jungen Könige Ladislaus III. 
als Bundesgenossen des römischen Königs Rudolf wider König Ottokar von Böhmen an der 
Entscheidungsschlacht am Marchfelde im Jahre 1278 genommenen Antheils schliesst *). Ist 



*) Diese hier angegebenen sechs, respective sieben Werke sind zuletzt und am besten von Steph. Ladisl. Endlicher 
herausgegeben worden in seiner Sammlung : Rerum Ungaricarum monumenta Arpadiana (St. Gallen bei Scheitlin u. 
Zollikofer, 1849), und zwar die Chronica Ungarorum aus einer Handschrift des XIII., der Anonymus aus einer des XIV. 
und Simon de K e z a aus einer des XV. Jahrhunderts. 



24 



Andreas von Meiller. 



die Zahl dieser historischen Producte an sich schon eine geringe, so wird sie für unsere Zwecke 
eine noch viel geringere, weil nur die Chronica Hungarorum, der Anonymus Belae 
und Simon de Keza dem Zeiträume nach, welchen diese Schriftstücke umfassen, dafür in 
Betracht zu ziehen kommen. 

Bei dem bereits erwähnten gänzlichen Mangel ungerischer Geschichtsquellen aus der Zeit 
des X. und dem grössten Theile des XI. Jahrhunderts und bei der, aller Wahrscheinlichkeit 
nach auch im XIII. Jahrhunderte noch nicht allzu grossen Kenntniss und Verbreitung deut- 
scher Geschichtsquellen in Ungarn ist es nur eine selbstverständliche Folge , dass alles , was 
in den obgenannten drei Chroniken über die Geschichte und die Thaten der Magyaren im IX. 
und X. Jahrhunderte dargeboten wird , nur auf mündlicher nationaler Uberlieferung beruhe, 
welche längst vor der Zeit einen überwiegend sagen- und märchenhaften Charakter angenom- 
men hatte, in welcher die Verfasser jener Chroniken es versuchten, aus ihr der ungarischen 
Geschichte eine feste Unterlage zu verschaffen. Alle Fehler, insbesonders der einer namenlosen 
Verwirrung in der Zeitfolge wichtiger Ereignisse und der dabei handelnden Personen, in 
welche unter solchen Verhältnissen jede Geschichtschreibung verfallen würde, sind daher 
auch bei der ungerischen in grösster Ausdehnung zu constatiren. Trotz alledem ist es jedoch 
ganz unwahrscheinlich, dass eine Thatsache von solcher Wichtigkeit, wie der Besitz eines 
Landstriches von der Ausdehnung des Landes unter der Enns, und zwar durch einen so 
bedeutenden Zeitraum von 70 Jahren (907 — 976), wenn sie in Wirklichkeit stattgefunden 
hätte, dem Gedächtnisse eines ganzen Volkes so völlig entfallen sollte, dass sie nicht irgend- 
wie in der Tradition fortgelebt hätte. Vergebens ist aber die Mühe, in jenen drei ältesten 
Chroniken Nachrichten darüber aufsuchen zu wollen, oder auch nur indirecte Zeugnisse, 
welche zu darauf hinleitenden Schlussfolgerungen zu benützen wären. Im Gegentheile, gerade 
jener der drei genannten ungerischen Chronisten, bei welchem am ersten eine Nachricht über 
den Besitz des Landes unter der Enns von den Ungern den Grenzen seines Werkes nach zu 
erwarten gewesen wäre , der Anonymus Belae , enthält eine Stelle , aus welcher klar hervor- 
geht , dass zu seiner Zeit die ungerische Tradition von einem solchen Besitze absolut nichts 
wusste. Das letzte (57.) Kapitel seiner Chronik führt nämlich die Uberschrift: „De constitu- 
tione regni" und beginnt mit folgender Stelle: „Dux vero Zulta post reditum militum suo- 
rum (955?) fixit metas regni Hungariae; ex parte Graecorum usque ad portam Wacil 
et usque ad terram Racy; ab occidente usque ad mare, ubi est Spalatina civitas; et ex parte 
Teothonicorum usque ad pontem Guncil et in eisdem partibus dedit Castrum 
construere Ruthenis, qui cum Almo duce avo suo in Pannoniam venerant , et in 
eodem confinio ultra lutum Musuniense collocavit etiam Bissenos non paucos 
habitare pro defensione regni sui, ut ne aliquando in posterum furibundi 
Theotonici propter injuriam sibi illatam fines Hungarorum invadere possent. 

Ex parte vero Boemorum fixit metas usque ad fluvium Morava (Maraha) et ex parte 

Polonorum usque ad montem Tatur". Zur entsprechenden Würdigung dieser Stelle ist nun zu 
bemerken, dass der Wahrscheinlichkeit nach die Lebenszeit Zulta's (oder Zalta's)bis zur Mitte 
des X. Jahrhunderts angenommen werde; dass ferner, wie sich aus einer Zusammenhaltung 
der Angaben des unmittelbar vorhergehenden Kapitels 56 : „de inimicis Ottonis regis" mit 
den Worten „propter illatam sibi injuriam" ergibt, der Anonymus Belae durch die Angabe: 
„post reversionem militum suorum fixit metas" ausdrücken wollte, dass erst nach dem 
endlichen Aufhören der durch beinahe 50 Jahre fortgesetzten Züge durch ganz Mittel- 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



Europa *) die Ungern Zeit und Anlass fanden, die Grenzen dessen, was sie als ihr erstrittenes 
und fernerhin zu behauptendes Vaterland angesehen wissen wollten, eigens festzusetzen. Die 
Daten aber, welche der Anonymus sodann über die, damals von den Ungern angesetzte 
Grenze ex parte Theotonicorum angibt, zeigen klar, dass seiner Meinung und Dafür- 
halten nach dieselbe in die Gegenden des heutigen Wiselburger und Odenburger 
Comitates gefallen waren. Kann ich nun auch nicht erweisen, dass pons Guncil des 
Anonymus mit dem in deutschen Urkunden des XL Jahrhunderts vorkommenden pons 
Ascherici (d. i. Bruck a. d. Leitha) identisch sei, so ist doch kein Zweifel darüber zu er- 
heben, dass er unter dem lutum Musoniense, dem Wiselburger Sumpfe, nichts anderes als 
den Neusiedler See oder doch dessen in früherer Zeit sich bis Wiselburg lagunenartig er- 
streckende Sümpfe meinte. Und dass eben dort, d. i. im heutigen Wiselburger und Oden- 
burger Comitate jene, den Bissen er n angewiesenen Sitze zu suchen und zu finden sind, wird 
jedem zur Gewissheit werden , der sich die Mühe nimmt, die im Urkundenbuche der Abtei 
Heiligen Kreutz (Font. rer. Austr. XL) unter den Nr. XXVII, XXX, XXXVII, XXXVIII, 
L, LXV, LXXXIII und XCV abgedruckten Urkunden der ungerischen Könige Em er ich, 
Andreas IL undBela IV. aus den Jahren 1203 — 1240 nachzulesen, wodurch dieselben dem 
genannten Kloster einen nicht unbeträchtlichen Theil des Wiselburger Comitates an der Ost- 
und Nordseite des Neusiedler Sees als Eigen schenken, mit der stets wiederholten Bemerkung, 
dass dieser Grundbesitz von ihnen aus der terra Bissenorum und gegen anderweitige Ent- 
schädigung der Bissenen ausgeschieden worden sei 2 ). War also der Anonymus Belae im 
XIII. Jahrhunderte der Meinung, dass schon zu Zeiten des Grossvaters oder Vaters des Her- 
zogs Geisa, welcher Letztere vom Jahre 972 bis 997 regierte, die Grenzen Ungarns gegen 
Deutschland in der Gegend des Leithaflusses waren, so spricht dies wohl dafür, dass zu sei- 
ner Zeit die einheimische Tradition von einer bedeutend weiter nach Westen hinausgeschobe- 
nen Grenzlinie nichts berichtete. 

Mit diesen letzteren Ausführungen glaube ich den Nachweis geliefert zu haben, dass 
auch in den noch erhaltenen ältesten ungerischen Geschichtsquellen des XII. und 
XIH. Jahrhunderts keine Unterstützungsgründe für die Annahme zu finden seien , das Land 
unter der Enns habe sich während der Zeit von 907 bis 977 in der Gewalt und im Besitze der 
Ungern befunden, noch weniger aber dafür, dass speciell Melk im Besitze des Herzogs 
Geisa gewesen und er daraus mit Waffengewalt durch Markgraf L e o p o 1 d I. vertrieben wor- 
den sei. 

Das Gesammtergebnis s aller im §. 3 B geführten Erörterungen und Nachweise aber 
begründet meinem Dafürhalten nach die volle Berechtigung zu dem Ausspruche, dass jene 
Auslegung der betreffenden Stelle des Melker Anonymus , den glaubwürdig constatirten 
Verhältnissen der Personen, Ortlichkeiten und Zeiten, die hier in Frage stehen, gegenüber 
gehalten, durchaus keine innere Wahrscheinlichkeit für sich habe, dieser im Gegen- 



) „superatis omnibus gentibus felici victoria fruentes ad propria regna revertuntur Hungari" heisst es in obangezoge- 
nem Capitel 56 , in welchem die äussersten Punkte , welche sie auf ihren verschiedenen Zügen erreicht haben (cum 
licentia poetica, so zu sagen, als auf einem und denselben berührt) ganz richtig aufgezählt werden. 

') Wer sich über die topographischen Verhältnisse dieser Besitzungen des Klosters Heiligen Kreutz in Ungarn, welche 
es zum grösseren Theil noch heute als Herrschaft Münichhofen (auch Neueigen) besitzt, noch weiter belehren will, den 
verweisen wir auf jene Urkunden, welche Font. rer. Austr. XVI im Index unter den Schlagwörtern: Curia regis, 
Königshof, Leginthov, Neueigen und Novum praedium verzeichnet sind. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVIII. Bd. 4 



26 



Andreas von Meiller. 



theile widerspreche und daher auch als unbegründet und fernerhin unhaltbar anzu- 
sehen sei. 

§. in g 

Ich habe bereits früher erwähnt, dass die Worte unseres Anonymus Mellicensis an sich 
zu jener, wie ich mich zu zeigen bemüht habe, völlig grundlosen Auslegung keinen Anhalts- 
punkt darbieten. Bei der allgemeinen Verbreitung, welche Letztere gefunden, erscheint es da- 
her um so mehr von Interesse , der eigentlichen Genesis derselben nachzuspüren und sie bei 
hellem Lichte zu betrachten. Das Ergebniss eines solchen Versuches wird hoffentlich zeigen, 
auf welchen ausserordentlich schwachen Füssen eine Uberlieferung steht , die durch fortwäh- 
rendes Nachbeten nach und nach bis zum Range eines Fundamentalsatzes avancirt ist, der an 
der Spitze unserer einheimischen Lehrbücher österreichischer Specialgeschichte paradirt, des 
Eifers gar nicht zu gedenken, mit dem bildende Kunst und Poesie sich desselben bemächtigt 
haben. 

Als Ausgangspunkt für eine solche Nachforschung ist die Thatsache hervorzuheben, 
dass die Nachrichten des Anonymus über Leopold I. und Melk in keiner der von den öster- 
reichischen Klöstern im XII. und XIII. Jahrhunderte angelegten Chroniken Aufnahme 
gefunden haben, ungeachtet die Mehrzahl dieser Aufschreibungen um die Mitte des XII. Jahr- 
hunderts bei ihnen in Angriff genommen wurde. Welches immer die kaum mehr zu ermitteln- 
den Gründe dieser Nichtberücksichtigung waren , so viel scheint mir zugegeben werden zu 
müssen, dass aus dieser Thatsache auf eine geringe Verbreitung des Chronicons in der ersten 
Zeit zu schliessen sei. — Von jenen Klösterannalen abgesehen begegnen wir nun erst nach 
einem Zeiträume von mehr als 100 Jahren nach der Verfassung des Chronicons wieder einer 
Leistung auf dem Gebiete österreichischer Landesgeschichte. Es ist die von dem Wiener Bür- 
ger Jans in deutscher Sprache, in gereimten Versen verfasste, unter dem Namen: das Für- 
stenbuch von Osterreich und Steier bekannte Landes-Chronik. Nach meinen Studien über 
diesen Schriftsteller, welchem gewöhnlich, aber nach meiner Ansicht unrichtig, der Zu- oder 
Familienname Enenkel gegeben wird, fällt die Verfassung dieses seines unvollendet geblie- 
benen Gedichtes in die nächste Zeit vor seinem Tod. Ich setze diesen in die Jahre 1300 bis 
1305, seine Geburt aber in die Jahre 1230 bis 1235. Jans war es Ernst um sein Vorhaben, 
er wollte wirklich ein historisches Gedicht über Osterreich und seine Landesfürsten 
schreiben, nach Art seiner früher verfassten und nach ihrem Plane bis zum Tode Kaiser 
Friedrich's II. (fl250, 13. December) reichenden Kaiser- oder Weltchronik. Er studirte zu 
diesem Behufe fleissig die einheimischen Chroniken, was er an vielen Stellen seines Gedichtes 
betont, und andere ihm zugängliche Quellen; wie wir denn auch in den, in den Handschriften 
mit demselben stets in Verbindung erscheinenden, in Prosa abgefassten Notizen vielleicht die 
Reste seiner Excerpte vorliegen haben Demgemäss steht auch Jans ganz auf dem Boden 
der Mehrzahl dieser Quellen und beginnt die Reihe der österreichischen Markgrafen 
aus dem Hause Babenberg mit Albrecht, dem historischen Dritten. Von dem ersten Baben- 
berger Markgrafen Leopold, von der Geschichte vom zerbrochenen Bogen, der Erstürmung 
Melks und. der Gründung eines Klosters daselbst, von alle dem weiss Jans absolut nichts. 



1 ) Diese, besonders für die Hausgeschichte der Babenberger höchst interessanten Notizen harren noch immer einer ein- 
gehenden Würdigung und Bearbeitung, welche bei einer neuen Ausgabe von Jansen's Beimchronik nicht fehlen, ja 
vielleicht deren lohnendste Seite bilden dürften. 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 2 7 

Bei seiner Vorliebe zur Aufnahme sagenhafter, romantisches Gepräge an sich tragender 
Nachrichten gewiss ein Beweis, dass zu Ende des XIII. Jahrhunderts in Wien und Osterreich 
überhaupt das Schriftstück unseres Melker Anonymus als verschollen anzunehmen ist. 

Das lebhafte Interesse, welches Herzog Rudolf IV. an der alten Babenberger Grab- 
stätte zu Melk nahm und durch einen zweimaligen Besuch derselben an den Tag legte, war 
die nächste Veranlassung, dass zu Melk in den Jahren 1360 — 1363 drei historische 
Skizzen verfasst wurden, von denen die Eine, betitelt: historia fundationis coenobii Melli- 
censis, für unseren Zweck von Interesse ist. In dieser Stiftungsgeschichte taucht nämlich, 
nahezu 200 Jahre nach seiner Verfassung, unser Chronicon zum ersten Male wieder 
auf. Selbe ist eigentlich nicht viel mehr als eine Zusammenstellung dieses Letzteren mit der 
Legende des heiligen Colomann , versehen mit einigen Erweiterungen aus Urkunden, 
und einige Jahre weiter geführt als das Chronicon, nämlich bis zum Jahre 1170. Im 
Eingange dieser Stiftungsgeschichte wird nun die , uns bisher beschäftigende Stelle des 
Chronicon's ihrem Wortlaute nach eingefügt, aber — und das ist es, was wir eigentlich 
besonders hervorzuheben haben — noch weiss auch dieser Melker Anonymus kein 
Sterbenswort davon, dass jener potentissimus homo Giso ein Unger, oder gar der Her- 
zog Geisa sei. Er beschränkt sich auf die einfache Wiederholung der betreffenden Stelle, 
ohne sie irgendwie zu commentiren. Und neuerdings tritt nun unser Schriftstück auf einen 
Zeitraum von 100 Jahren einen langen archivalischen oder bibliothecarischen Schlum- 
mer an. 

An der Schwelle des XV. Jahrhunderts begegnen wir wieder einem, der Stadt Wien — 
mindestens als Inwohner — angehörigen Historiker. Es ist der bis jetzt unter dem Namen: 
Gregor Hagen bekannte Schriftsteller 1 ). Ich sage: bis jetzt, weil dieser Name als der des 
Verfassers bisber noch nicht genügend festgestellt ist , gleichwie auch über die sonstigen 
persönlichen Verhältnisse desselben bisher nichts Näheres bekannt geworden ist. Doch möchte 
ich meinerseits die Vermuthung aussprechen, dass Gregor Hagen, dessen Lebensdauer den 
Anfang des XV. Jahrhunderts nicht sehr weit überschritten haben dürfte, der Wiener Hoch- 
schule, etwa als artium liberalium magister, angehört habe. Ich stütze diese Vermuthung auf 
die Art, wie er (1. c. pag. 1151) von der Wiener Hochschule spricht, auf seine eigene An- 
gabe, dass er nach dem Tode Herzog Albrecht's III. zu dessen Lob und Ehren - Gedächtniss 
eine „lateinische Epistel" geschrieben (1. c. pag. 1156), endlich auf seine, in der Vorrede be- 
merkbar gemachte Vertrautheit mit griechischen und römischen Schriftstellern, wie Plato, 
Pythagoras, Livius, Seneca, Varro. 

Hagen schrieb in deutscher Prosa eine Chronik (wie er sein opus selbst nennt) der 
Fürsten des Landes Osterreich von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1399, und zwar „zu 
Er und zu Lob dem durchlauchtigisten, hochgebornen Herzogen Albrecht, Herzog zu Öster- 
reich und zu Steyr etc. der zu allen gueten und klugen Sachen besunderlich genaigt ist" (1. c. 
pag. 1053), in deutscher Sprache aber desswegen, „daz si werd dester paz gelesen fleiziglich 

x ) Hagen's Chronik ist bisher nur einmal, nämlich von Hier. Pez im I. Bande seiner SS. rer. Austr. p. 1043— 1158 durch 
den Druck veröffentlicht worden und zwar aus einem Papiercodex aus der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts. — 
Hagen sagt in der Vorrede, seine Chronik theile sich in fünf Bücher, deren erstes von Erschaffung der Welt bis 
Christi Geburt, das zweite von Christi Geburt bis zum Tode Kaiser Friedrich's II. (f 1250), das dritte bis zur Verlei- 
hung Österreichs an Herzog Albrecht I. aus dem Hause Habsburg (1282), das vierte bis zu dessen Tode (1303), endlich 
das fünfte und letzte bis zum Herzog Albrecht III. reiche. Im Abdrucke bei Pez erscheinen jedoch diese Theile nicht 

' alle durch Aufschriften oder sonst wie ersichtlich gemacht. 



28 



Andreas von Meiller. 



und gehört", wesshalb er auch „underweilen" in lateinischer Sprache Geschriebenes 
übersetzt zu haben bemerkt. — Die Hauptquellen, welche Hagen für seine Arbeit benützte, 
sind leicht und sicher nachzuweisen. Für die Zeit b i s zum Beginne der Babenberger Herr- 
schaft in Osterreich hält er sich vollständig an eine, wie es scheint, in der zweiten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts, etwa um das Jahr 1360 verfasste Chronik, als deren Autor Hein- 
rich Gundelfinger von Constanz, Kapellan der Stadtpfarre zu Freiburg, in seiner im Jahre 
1476 dem Erzherzoge] Sigmund von Tirol gewidmeten österreichischen Chronik *) an zwei 
Orten einen gewissen „Mathaeus" angibt. Diese „chronica Mathaei" ist jene monströse 
Phantasmagorie über die ältesten Namen und Schicksale des Landes Osterreich und seiner 
Fürsten, welche uns in den Schriften des Gregor Hagen, Thomas Ebendorfer von Haselbach, 
Ritter Conrads Grünemberg, Heinrich Gundelfingens, Veit Arenpeckh's und Alberts von Bon- 
stetten begegnet; ein Vorkommen, welches bei deren, für uns geradezu unsinnig zu nennenden 
Inhalte sich nur aus einer Bemerkung erklären lässt, welche der gelehrte Italiener Aeneas 
Silvius dei Piccolomini bei der Gelegenheit macht, als er diese Ausgeburt eines historischen 
Deliriums in seiner Historia rer. Friderici III. (Kollar Analecta II. p. 15) in verdienter Weise 
behandelt. Er sagt nämlich von dieser „historia, quam Australicam vocant" eigens: „neque 
decepta est apud Australes, qui hanc veluti sacram historiam venerantur, qua se lau- 
datos de generis vetustate censent". Dass Aeneas Silvius hier nicht in seiner gewöhnlichen 
humoristisch-ironischen Weise den Österreichern gegenüber etwas al fresco gemalt habe, 
dafür scheint die Thatsache zu sprechen, dass Männer, wie z. B. Thomas Ebendorfer und 
Veit Ar enp eckh, welche an den Unsinn der Chronik des Mathaeus unmöglich glauben 
konnten, es doch für gerathen hielten, sie in ihre Werke aufzunehmen, wenn gleich nicht 
ohne leise Verwahrungen ihrerseits. So z. B. sagt Arenpeckh : „haec de vetustissimis hujus 
terrae rectoribus ; in quibus gestis nihil mihi variare licuit propter vetustatem, ne aliis locum 
detrahendi praeberem". 

Für die Zeit vom Beginne der Babenberger in Osterreich bis zu deren Aussterben und 
dem Tode Kaiser Friedrich's H. (1250), dann für die nächst folgende bis zum Tode König 
Albrecht's I. (1308) ist Hagen's Chronik lediglich eine Wiederholung des Fürstenbuches 
des Jans und der R eimchronik Otokar Horn eck's. Von 1309 an folgt er verschiedenen 
einheimischen Kloster-Annalen und von Herzog Albrecht III. an finden sich einzelne selb- 
ständige Nachrichten, ohne dass jedoch dieser letzten Abtheilung von 1309 — 1399 meiner 
Ansicht nach ein besonderer Werth zuzuerkennen ist. 

Für meine gegenwärtigen Zwecke genügt es, zu wiederholen, dass Hagen für die 
gesammte Babenberger Periode sich ausschliesslich auf das Fürstenbuch des Jans be- 
schränkt. Von Markgraf Leopold dem Erlauchten, vom zerbrochenen Bogen und der Erstür- 



1 ) Eine eingehende Würdigung der Angaben, welche Gregor Hagen und Heinrich Gundelfinger in den Einleitungen zu 
ihren Öster. Chroniken machen, wird nach meinem Dafürhalten zu dem Ergebnisse führen, dass Pez nicht das Rich- 
tige getroffen habe, als er in seinen Vorbemerkungen zu Hagen's Chronik jenen Mathaeus für identisch mit Hagen 
erklärt und nur zweifelt, welcher dessen richtiger Taufnahme sei, Mathaeus oder Gregor. Jene Chronik des Mathaeus 
selbst ist selbstständig noch nicht aufgetaucht. Nach Gundelfinger scheint sie in lateinischer Sprache verfasst 
gewesen zu sein. Dem Aeneas Silvius scheint sie in der deutschen Übersetzung des Gregor Hagen oder eines An- 
deren vorgelegen zu sein. Die Chronik des Ritter Conrad Gruenemberg, wie er sich selbst benennt (geschrieben 
nach dem Jahre 1463, Handschrift, Nr. 200 des k. k. Haus-, Hof- und Staats-Archivs zu Wien, Saec. XV., Papier, noch 
ungedruckt, aber im Ganzen völlig werthlos), so wie die Heinrich Gundelfingens enthalten Bemerkungen, welche 
darauf hinzudeuten scheinen, dass die Clironica Mathaei in der That nur die Zeiten bis zum Beginne der Babenberger 
Periode umfasst habe. 



MM 

Über das von Anselm Schrahb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



29 



mung der Ungern-Festung Melk, weiss Hagen so wenig, als Jans, d. h. nichts. Das Melker 
Chronicon war daher auch ihm, der zu Anfang des XV. Jahrhunderts starb, unbekannt 
geblieben. 

Nahezu 50 Jahre nach Hagen — eine Lücke, welche meines Wissens durch keine bisher 
bekannt gewordene Leistung auf dem Felde österreichischer Geschichte auszufüllen oder zu 
verkleinern ist — begegnen wir endlich einer solchen, welche alle bisher Besprochenen weit- 
aus überragt und sich von ihnen auf das vortheilhafteste unterscheidet. Es ist Thomas 
EbendorfervonHaselbach, der hochberühmte Professor der Theologie an der Wiener- 
Universität und dreimalige Rector magnificus derselben, welchem wir sie zu danken haben. 
Den vollständigsten Abriss des Lebens und gelehrten Wirkens dieses in jeder Hinsicht aus- 
gezeichneten Mannes — seiner Zeit der Schmuck und Stolz dieser Hochschule — hat bisher 
Professor Aschbach in seiner aus Anlass der 500jährigen Säcularfeier der Wiener-Univer- 
sität im Jahre 1865 verfassten Geschichte derselben im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens 
geliefert. Rücksichtlich alles dessen, was wir hier über Ebendorfer und sein Geschichtswerk 
zu erwähnen hätten, verweisen wir die Leser auf diese aus den verlässlichsten Quellen ver- 
fasste Darstellung. Nur den schon von vielen Seiten ausgestossenen, jedenfalls viel berechtig- 
teren Schmerzensschrei, als mancher Andere, sei es gestattet hier auch meinerseits zu wieder- 
holen, dass eine vollständige, correcte Ausgabe dieses, für die einheimische Geschichte des 
XV. Jahrhunderts so hochwichtigen Werkes zur Stunde noch immer eine unbezahlte Ehren- 
schuld zu nennen ist. 

Die kais. Hofbibliothek zu Wien besitzt gegenwärtig drei Handschriften von 
Ebendorfer's Chronicon Austriae. A. Schwantner 1, 614 = Univ. 842, jetzt 7583, B. 
Schwantner 2, 133 = Ree. 749, jetzt 7660, und C. Schwantner 5, 2 = Ree. 2244, jetzt 
7671. — Die Erste derselben gehört dem eingehenden XVI. Jahrhunderte an. Sie ist eine 
Papier-Handschrift in Fol., in starke, mit Leder überzogene Holzdeckel gebunden, von denen 
der Vordere nur mehr zur Hälfte vorhanden ist, wie es scheint durchaus von einer Hand ge- 
schrieben. Sie beginnt fol. 1 mit den Worten: „Et quia Gothorum" (vgl. Pez SS. II. 
p. 690 oben). Ein Vergleich mit der Handschrift C. ergibt, dass die Einleitung, das ganze 
erste Buch und ein Theil des zweiten der Chronik fehle, ein Mangel, der, wie der Anblick 
der Handschrift zeigt, schon bestand, als dieselbe den noch gegenwärtig vorhandenen Ein- 
band erhielt. Sie schliesst fol. 683 mit den Worten: „Ambrosii primo de offieiis". (vgl. Pez 
1. c. p. 986). Unmittelbar darauf folgt von der Hand des bekannten Osterr. Vicedoms des 
Kaisers Maximilian I., Lorenz Saurer, folgende Notiz: „Die österreichische Cannzley 
(dieses Wort durchgestrichen) Chronik ist den ersten tag Januarii 1510 Jar gannz 
gar geschlossen worden. — Larennz Sawrer viezt. per m. propria. 

Auf der Rückseite dieses Blattes (fol. 683 v.) aber ist folgende Bemerkung eingetragen: 
„liber est r everendis simi patris et domini, do ctoris Joannis Fabri episcopi 
Viennensis, propriis et non episcopatus pecuniis emptus et post mortem 
ipsius in Bibliothecam collegii d. (? divi) Nicolai adusum inhabitantium 
studentium et studiosorum juxta suam ordinationem collocandus. Actum X 9 
Januarii anno MDXL. — Ex singulari mandato et ex ore ipsius reverendis- 
simi. — Henricus Pfleger". — Ein auf der inneren Seite des, wie gesagt, nur mehr zur 
Hälfte vorhandenen Vorderdeckels der Handschrift aufgeklebter, daher auch nur zur Hälfte 
mehr vorhandener gedruckter Zettel besagt, dass nach dem Tode des Bischofs (er starb am 



30 



Andreas von Meiller. 



21. Mai 1541) die legirte Handschrift auch wirklich dem Collegio s. Nicolai am 1. September 
1541 übergeben wurde. 

D ie Handschrift B ist ebenfalls auf Papier durchaus von einer und derselben sehr 
netten und gut lesbaren Hand geschrieben, welche nach meinem Urtheile dem Ende des 
XVI. oder Anfang des XVII. Jahrhunderts angehört. Sie beginnt fol. 2 (das 1. fehlt) mit der 
Überschrift: „Chronica Austriae Thomae Ebendorfer de Haselbach, Theologi, 
Canonici et publici professoris Viennensis", und hierauf mit den Worten: „Et 
quia Gothorum" etc., gerade wie die Handschrift A (wobei noch der Buchstabe E im An- 
fangsworte Et kalligraphisch verziert ist), und schliesst wie diese mit den Worten: „verbis 
beatissimi Ambrosii primo de officiis. — Finis. " (fol. 229 v). Auch sie ist also in ganz 
gleichem Masse unvollständig wie A und war es auch schon, als sie ihren gegenwärtigen 
Einband erhielt. Hierauf folgt ein, wie es scheint sehr vollständiges Namens- und Sachre- 
gister über die in der Handschrift enthaltenen Theile des Chronicons. Ausser einigen älteren 
Signaturen von Aufstellungslocaten finden sich an und in der ganzen Handschrift keine auf 
deren Provenienz und sonstigen Schicksale hindeutende Notizen. 

Die Handschrift (7, welche allein Ebendorfer's Chronik vollständig gibt, stammt, wie 
ihr Titelblatt zeigt, aus dem Jahre 1614. Dieses enthält nämlich mit gleichzeitiger Schrift 
den Titel: „Chronica Austriae Thomae Ebendorffer de Haselbach, Theologi, 
Canonici et publici professoris Viennensis, ab initiis ducatus ad mortem 
Alberti VI. ducis. — Curante Jacobo Hartmanno libero Barone Enenkelio 
descripta anno 1614." — Am oberen Theile der Seite steht noch mit späterer Schrift: 
„Ex bibliotheca Windhagiana anno 1669". — Diese Handschrift ist ebenfalls auf Papier 
geschrieben, in einen Pergament-Umschlag gebunden und hat, das Titelblatt nicht mitge- 
zählt, 936 gleichzeitig paginirte Seiten, welche sich folgendermassen vertheilen. Seite 1 — 12 
incl. sind leer. Seite 13 beginnt das Chronicon mit der von Pez (1. c. p. 689) mitgetheilten 
Praefatio. Die bei ihm hierauf folgende Lücke umfasst das ganze erste Buch und einen 
Theil des zweiten der Chronik, nämlich bis zu jenen Worten: „et quia Gothorum" 
mit welchen die beiden Handschriften A und B beginnen. Diese Praefatio und das bei Pez 
Fehlende umfassen die Seiten 13 bis 42 v. auf welcher Letzteren jedoch nur mehr drei Zeilen 
stehen, welche mit den Worten schliessen: „Adhuc tarnen de Gothorum habitudine 
pauca". Der übrige Theil der Seite 42 v., sowie die folgenden 43 und 44 sind leer. An der 
Spitze der Seite 45 findet sich aber wieder die gleiche Aufschrift, wie in A und jB, „Chro- 
nica Austriae" etc. und unmittelbar darauf die Worte: „Et quia Gothorum" etc. auch hier 
das E in et in grossen Buchstaben. Dass zwischen der Seite 42 v. und 45 nichts fehle, zeigt 
der Zusammenhang des Sinnes und die auf Seite 42 v. eigens nachträglich beigeschriebenen 
Anfangsworte der Seite 45: et quia Gothorum. Es folgt nun von dort an der von Pez ver- 
öffentlichte übrige Inhalt des Chronicons, welcher auf Seite 82 8 der Handschrift mit den 
gleichen Worten, wie in A und B: „Ambrosii primo de officiis. — Finis" schliesst. Seite 829 
bis 867 incl. sind wieder leer, worauf Seite 868 bis 93 6 incl. ganz dasselbe Namens und 
Sachregister folgt, wie in B. — Die Handschrift C lässt drei Schriften bestimmt und 
deutlich erkennen. Von der einen Hand ist nur das Titelblatt geschrieben. Die zweite Hand 
schrieb die Seiten 13 bis 42 v., welche, wie bemerkt, die praefatio und das im Abdrucke bei 
Pez fehlende ganze erste Buch und den Theil des zweiten bis zu den Worten: et quia 
Gothorum enthalten. Alles noch übrige in der Handschrift C ist von der dritten Hand ge- 



Über das von Anselm Schkamb und Hieb.. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



31 



schrieben. — Es scheint somit , dass Baron Enenkel zuerst in Besitz einer Abschrift der 
Handschrift B gelangte und das darin Fehlende (d. i. die Praefatio und den Theil des Chro- 
nicons bis zu den Worten: et quia Gothorum) sohin aus einer anderen Vorlage sich ab- 
schreiben Hess , worauf das Titelblatt geschrieben und das Ganze zusammen gebunden 
wurde. — Der von der zweiten Hand geschriebene Theil der Chronik ist gegenwärtig schon 
so verblasst, dass er an vielen Stellen nur sehr schwierig zu lesen ist. Hierzu kömmt noch 
der weitere Übelstand, dass der Schreiber entweder der lateinischen Sprache nicht 
kundig war oder aus einer im höchsten Grade unleserlichen Vorlage abschrieb. 
Denn dieser ganze Theil wimmelt von den auffallendsten Lesefehlern und ist auch reich an 
geradezu unverständlichen Sätzen, in denen vom Schreiber unverstandene Worte oder nicht 
zu entziffernde Buchstaben in unverständlichen Silben einfach nachgebildet erscheinen. — 
Vergleicht man die Angaben, welche Pez (1. c. II, p. 684) über die seiner Ausgabe Eben- 
dorfer's zu Grunde gelegten Handschriften macht, mit den vorstehenden Bemerkungen, 
so ergibt sich unzweifelhaft, dass es die beiden, nunmehr in der kais. Hofbibliothek befind- 
lichen Handschriften A und C waren, welche er benützte. Ich kann daher die Bemerkung 
nicht unterdrücken, dass Pez sein Verdienst, diese für die österreichische Geschichte so wich- 
tige Quelle der allgemeinen Benützung zugänglich gemacht zu haben, um einen guten Theil 
vergrössert hätte, wenn er das reichhaltige Namens- und Sachregister der Handschrift C mit 
abgedruckt hätte. 

Nehmen wir nun die oben erwähnte, um das Jahr 1360 verfasste „historia fundationis 
monasterii Mellicensis" aus, so istEbendorfer, welcher seine Chronica Austriae um das 
Jahr 1450 zu schreiben begonnen, der Erste, welcher nach einem Zeiträume von nahezu 
300 Jahren nach Verfassung unseres Chronicons von demselben Notiz nimmt, wie ich 
sofort zeigen werde. Ebendorf er beginnt das erste Buch mit einer geographisch-historischen 
Ubersicht Deutschlands und der angrenzenden Länder nach römischen und griechischen 
Quellen und den historiis sanctorum (de divisione filiorum Noe etc.) und fährt hierauf (S. 17) 
folgendermassen fort: „sed neque hiis praemissis arbitranda sunt contraria ea, quae in ve- 
teri Australium narrantur historia, quod Abraham, gentilis ydolatra, primus Austriam, 

tunc Iudais aptam a quodam Iudeo, qui intraverat eandem, appellatam, incoluerit hac 

occasione. Nam cum praefatus Abraham militarum (?) genere" etc. Es folgt nunmehr voll- 
ständig jene oben (p. 28) erwähnte Chronica Mathaei. Sie umfasst bei Ebendorfer das 
ganze erste Buch, welches (fol. 32 v. der Handschrift G) mit dem Privilegium Nero's für das 
Land Osterreich und zwar mit den Worten schliesst: „cum sigillo ducatus Corrodantiae". Un- 
mittelbar darauf folgt die Überschrift: „Liber secundus Cronicae Austriae" welches, mit den 
Worten beginnend : „Cum ergo ducatus Corrodantiae" etc. zunächst die Fortsetzung der 
Fabeleien jener „Cronica" oder „Historia Australium" gibt. Da wir dieses opus immortale bis- 
her nur aus zweiter Hand kennen, so ist nicht mit Sicherheit auszumitteln und anzugeben, 
wie weit dasselbe bei Ebendorfer reicht, welcher (S. 40) den G öt weig er-Berg mit Göt- 
tern der römischen Mythologie in Verbindung bringt und (S. 41) mit den Worten zu einer Art 
Abschluss kömmt: „ibi (Götweig) Gotfridus residens Martern pro deo coluit. Qui Gotfridus 
fertur et princeps Austriae; rectorem fuisse scribitur in Pechlaren". 

Und nun folgt unmittelbar j ene Stelle, welche den Beweis liefert, dass Ebendorfer 
das Chronicon unseres Melker Anonymus kennen gelernt habe, und mit ihr der, auf For- 
schungen Ebendorfer's in glaubwürdigeren Quellen als die Chronica Mathaei beruhende 



32 



Andeeas von Meiller. 



Theil seines Werkes 1 ). Es sei gestattet, dieselbe, weil bisher noch ungedruckt, ihrem vollen 
Inhalte nach mitzutheilen. Sie lautet: 

Verumtamen, quando post terram (Austriae) secundo et tercio a suis dominis orbatam 
ducatus in suo dominio processerit, non per omnia liquet ex chronicis, nisi, quod anno Do- 
niini nongentesimo vicesimo (sie) Leopoldus primus ibi marchio fuerit post Rugerum 
de Praeclara 2 ), qui Rugerus gygas de societate Theodorici Veronensis fertur fuisse. Qui 
vero alii (i. e. marchiones) fuerunt usque ad tempora saneti Heinrici imperatoris, non 
legitur. Quod tarnen alii inficiantur, afnrmantes, quod hie Leopoldus per Arnold um, qui 
cum Heinrico primo imperatore anno nongentesimo vicesimo primo Boemos devicit, 
qui Heinricus sibi (i. e. Arnoldo) suorum dominiorum investituras praelatorum dedit, quas 
tarnen tandem (?) dissipavit, qui etiam Arnoldus citius miserabiliter moritur, factus sit 
marchio. — Alibi scriptum reperi, imperatorem Romanorum in venatione feram 
secutum per devia, ipsumque Leopoldum, quem alii hanns (sie. ? Hainricum) vx>- 
citant et primum post terciam devolutionem Austriae ad imperium marchio- 
nem, solitarie insecutum (esse). Imperator igitur feram aggrediens, arcum 
nimio tractu fr a et am, ipsius frustratus caedi (?)mestus dilituit. Quod cernens 
Leopoldus adolescens mox arcu suo feram stravit. Quo delectatus rex in verbo 
regio eidem spopondit, se illi primam vacantem patriam collaturum in feodum, 
et, quia nemo testium affuit, in argumentum sponsionis sibi contritum arcum 
assignavit. Vacante igitur Austria multis instantibus adolescens promissa 
sibi una cum arcu fracto in medium deduxit. Rex igitur nil cunetatus Austriam 
sibi in feodum assignavit. — Cujus fraterPoppoTrevirensis episcopus extitit. Hic Austriam 
per XL annorum tractum strenue gubernavit et decedens ad Albertum filium reliquit. — 
Iste LiupoldusvelHainrich cum forti manu Austriam venit et Castrum ferreum, 
quod impotens (sie) homo, Syho (sie) nomine, detinebat, Medlik, mea dilecta, a 
fluvio, inibi in Danubium influente, in monte expugnavit, diruit et, ne in 
antea aliqua munitio possit restaurari, XII canonicos instituit,' sieque totius 
patriae potitus dominio fines ejus plurimum dilatavit et multis annis per 
suos filios et liberos eandem tarn paeifice, quam strenue, quantum tum tem- 
poris admisit opportunitas et affectus hominum, gubernabat. (Folgen 2 mir un- 
leserliche Worte, dann:) Heinricum Ostrogothiae marchionem legitur bello petiisse, qui forte 
Ungaris adhaerebat, et ipsum subjugasse circa annum millesimum tertiumque. Quo Heinrico 
defuneto successit ei (i. e. Liupoldo) Albertus sub Agapyto papa, quando (?) et Italiam, Boe- 
miam, Boleslaum ducem Sclavorum cum gente subjugavit. — Adhuc tarnen de Gothorum 
habitudine pauca 3 ). 



J ) Ist Ebendorfer auch in der Angabe derselben ziemlich schweigsam, so zeigt doch jene Partie des Chronicons, in 
welcher er nicht als Zeitgenosse erzählt, dass er in den einheimischen Quellen eine ausgedehnte Umschau gehalten 
habe, wie er denn auch z.B. (Seite 15 der Handschrift C) sagt: „saepe multum, cum chronicas, alternationesque tem- 
porum (? annales) et egregiorum heroum varia (sie) scribentium revolvissem Codices". 

2 ) Aus Sigemari Auctar. Cremifan. saec. XIV. ineunt. — Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 582 und Paltrammi Vatzonis Auct. 
Vindob. saec. XIII. exeunt. 1. c. p. 723. 

3 ) Seite 42 v. von Cod. C. SS. 43 u. 44 leer, vgl. oben p. 30. Auf diesen Seiten hätten offenbar diese Nachrichten über die 
Gothen ihren Platz finden sollen , welche aller Wahrscheinlichkeit nach in jener Vorlage fehlten , aus welcher der 
Schreiber der Seiten 13 bis 42 v. von C. seine Abschrift machte , und für die jener Kaum einstweilen leer gelassen 
wurde, und es folgt nun unmittelbar mit den Worten: Et quia Gothorum mentio praehabita est, der übrige von Pez 
veröffentlichte Inhalt der Ebendorfer'schen Chronik. 



Übeb das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



Ebendorfer gibt uns hiermit eine vollständige, theilweise sogar wortgetreue Mittheilung 
der betreffenden Stelle unserer Chronik und zwar augenscheinlich aus der Melker Handschrift. 
Denn abgesehen davon, dass, bisher wenigstens, von einer zweiten Handschrift derselben 
ausser der Melker nichts bekannt wurde, erwähnt Ebendorfer selbst ausdrücklich, dass er 
auch die „historia fundationis monasterii Mellicensis" benützt habe (vgl. Pez SS. II. 
p. 697 Zeile 12 von oben), so wie die dort verfasste Legende des heiligen Colomann. Dass 
dies auch mit den Melker Annalen der Fall war, ergibt sich aus vielen Stellen seiner 
Chronik. Die einzige Abweichung zwischen beiden Berichten, dass nämlich Eben do rf er 
jenes Thier durch den Babenberger tödten lässt, der Melker Anonymus aber vom Kaiser 
selbst mit der ihm schnell dargereichten Waffe Leopold's , scheint mir mehr einer gut ge- 
meinten Emendation des Ersteren ihre Entstehung zu verdanken, welche darauf abzielte, 
jagdkundigen Lesern die ganze Sache wahrscheinlicher zu machen 1 ). Dass der „impotens 
homo" der Handschrift C keine Variante, sondern einfach einer der zahllosen Fehler ist, welche 
dem Schreiber dieses Theiles derselben (vgl. oben p. 31) zur Last fallen, bedarf kaum einer 
Erinnerung. Bei der grossen Unsicherheit aber, in welcher wir uns eben desswegen dem 
von dieser Hand Geschriebenen gegenüber befinden, erscheint es mir dagegen nicht unberech- 
tigt, bei dem Worte „ferreum" den Zweifel auszusprechen, ob wir es mit einer Metapher 
Ebendorfe r's für das „munitissimum" seiner Melker Quelle zu thun haben, oder auch 
mit einem Lesefehler jenes Copisten. Ich meinerseits gestehe, dass ich Letzteres für das Wahr- 
scheinlichere halte. In seiner Vorlage stand vielleicht (mit Abbreviaturen geschrieben) 
„fortissimum". 

Für meine gegenwärtigen Ausführungen und deren Endzweck ist jedoch die Hauptsache, 
dass auch Ebendorfer noch nicht im Entferntesten auf den Gedanken verfällt, Melk für 
eine Festung der Ungern und jenen Giso für deren Herzog Geisa zu erklären. Es erhellt 
hieraus klar, dass in der Mitte des XV. Jahrhunderts zu Melk, wo Ebendorfer wohl jenes 
„scriptum" eingesehen haben wird, diese Auslegung noch unbekannt war, weil Letzterer ge- 
wiss nicht unterlassen hätte, von einer ihm dort darüber gemachten Mittheilung irgendwie, 
sei es sie billigend oder verwerfend, Erwähnung zu thun. 

Aus Ebendorfe r's Angaben verdient übrigens noch eine insbesondere hervorgehoben zu 
werden, nämlich jene, dass ihm „alii" bekannt waren, welche die Ansicht aussprachen, dass 
Herzog Arnulf — also mit Rücksicht auf meine früheren Ausführungen in der Zeit zwischen 
919 und 9 3 7 — einen M arkgrafen für das Land unter der Enns in der Person jenes 
Leopold aufgestellt habe. Jene „alii" konnten daher auch nicht der Meinung gewesen sein, 
dieses Land sei damals im Besitze der Ungern gewesen. — Bei dem Interesse, welches die 
ganze Stelle Ebendorfe r's gewiss in Anspruch zu nehmen berechtigt ist, erscheint es mir in 
derThat auffallend, dass Pez seinen Abdruck des Chronicons gerade nach dem letzten Worte 
derselben beginnt, sie also absichtlich weglässt, da ihm die Handschrift C vorlag. 

Bei dem hohen Ansehen, in welchem Thomas Ebendorfer bei seinen Zeitgenossen und 
nächsten Nachfolgern stand und bei der grossen Verbreitung, welche alle seine Werke fanden, 

] ) Wenn Ebendorfer an einem späteren Platze auch vom Markgrafen Adalbert (1018 — 1058) erzählt: „hic Albertus est, 
qui in venatione cum imperatore feram stravit" (Pez 1. c. p. 699, Zeile 7 von oben;, so ist dies eine jener 
vielen Einschaltungen im 2. Buche seiner Chronik, welche erst in einer kritischen Ausgabe Ebendorfer's ihre rich- 
tige Erläuterung finden werden. Der Irrthum erklärt sich vielleicht aus der naheliegenden Berücksichtigung, dass nach 
den einheimischen Quellen des XII. Jahrhunderts, Adalbert der erste Markgraf Österreichs war, wie dies auch Jans 
am Ende des XIII. und Hagen am Ende des XIV. noch glauben. 

Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVIII. üd. 5 



34 



Andreas von Meiller. 



erscheint es nur als eine natürliche Consequenz, dass wir seine Chronik von den späteren 
Historikern des XV. und XVI. Jahrhunderts vorzugsweise als Quelle benützt finden. Durch 
Ebendorfer erscheint daher auch unser Anonymus Mellicensis erst eigentlich eingeführt und 
beglaubigt worden |zu sein und wir begegnen nunmehr von da an dessen Angaben häufig in 
den Werken einheimischer Schriftsteller. — Der Zeit nach der Erste derselben nach Eben- 
dorfer ist Ladislaus Suntheimer, der Verfasser der noch heut zu Tage in der Propstei 
Kl. Neuburg befindlichen, sogenannten „tabulae Claustroneoburgenses", eine Arbeit, zu 
deren Entstehung die durch Papst Innocenz VIII. am 6. Jänner 1485 vorgenommene Heilig- 
sprechung des Markgrafen Leopold III. (IV.) den Anlass gab. Propst Jacob von Kl. Neuburg 
(erwählt am 1. Juli 1485) und sein ganzer Convent waren von dem lebhaftesten Wunsche 
beseelt, die bald nach der Canonisation vom Papste ertheilte Erlaubniss zur feierlichen Erhe- 
bung der Gebeine ihres heiligen Stifters mit möglichstem Gepränge in's Werk zu setzen. Die 
politischen Verhältnisse — Wien und Umgebung waren damals in der Gewalt des Königs 
Mathias von Ungarn — verhinderten jedoch zunächst die Ausführung dieses Vorhabens. 
Kaum war jedoch König Mathias am 5. April 1490 zu Wien gestorben, als das Stift unge- 
säumt alle Vorarbeiten dazu begann. Propst Jacob Hess für die Feier dieser Erhebung durch 
Ladislaus Suntheimer, einen Priester der Constanzer Diöcese, im J. 1491 in deutscher 
Sprache eine kurze Lebensgeschichte sämmtlicher Glieder des Hauses Babenberg, von Leopold 
dem Erlauchten bis Friedrich den Streitbaren, verfassen und noch im selben Jahre zu Basel 
in Druck legen, zugleich aber auch diese Geschichtsfolge auf acht in Holztafeln einge- 
passte, mit Abbildungen und Verzierungen reich ausgeschmückte Pergamentblätter — 
daher der Name — schreiben 1 ). — Suntheimer benützte zu dieser seiner Arbeit vorzugs- 
weise Ebendorfer's Chronik und so finden wirnun bei dem ersten Babenberger Markgrafen 
unter Andern die Angabe: „Der egenant Lewpold gewan Melkh, das dazemal ain stettlin 
und gesloss war, genannt die Eysne Purg, und trib do aus den mechtigen herren Gyso 
und erobert daz gantz Land Osterreich und weitert das und hat es geregieret vil jar gar 
loblich, und hat auch daselbs zu Melkh auf das Gesloss gestifft XII weltlich Chorherren vnd 
die nottürftiglich versehen". Sowohl diese als die übrigen Nachrichten Suntheimer 's über 
Leopold I. sind einfach Ubersetzungen der betreffenden Stellen bei Ebendorfer (vgl. oben 
p. 32 und Pez, SS. I., p. 1007 mit 1. c. II, p. 696, Zeile 8 von oben, und p. 698, Zeile 8 von 
unten) und wir haben dabei nur zweierlei zu bemerken. Suntheimer schweigt von 



) Vgl. Max. Fischer's Geschichte von Kl. Neuburg, I, p. 221— 224 und p. 232 — 238. Einen vollständigen Abdruck der 
Tabulae Claustroneobg. gibt Pez aus obiger Basler Auflage in seinen SS. I, p. 1004 — 1044 Es ist zu bedauern, dass 
über den Verfasser im Ganzen nur Weniges bekannt ist. Laut dem, im Archive der Wiener Universität noch befind- 
lichen, im Jahre 1461 durch den damaligen Procurator der rheinischen Nation, Magister Conrad Mülner aus Nürnberg, 
angelegten ersten Matrikelbuche für diese Nation (in welches jedoch bei der Anlage schon die Procuratoren von 1415 
an eingetragen wurden) erscheint zum Jahre 1460 als Procurator eingetragen : „Ladislaus Suntheimer de Rauenspurg 
(Canonicus Vienn. et serenissimi dni. Maximiliani Rom. Imp. capellanus et historicus). Das ( ) ist Zusatz einer späte- 
ren Hand, saec. XVI.) K. Maximilian 1. ernannte ihn 1498 zu seinem Hofcaplan, darauf zugleich mit Manlius zum Hof- 
Historiographen , endlich zum Domherrn von St. Stephan in Wien, in welcher Eigenschaft er am 26. März 1504 instal- 
lirt wurde. Suntheimer starb zu Wien im Jahre 1513, aller Wahrscheinlichkeit nach im Monat Jänner. Sein Testament, 
welches unterm 5. Februar 1513 publicirt und approbirt wurde, ist datirt vom 29. Juli 1512. (Vgl. in Hormayr's 
Archiv f. Gesch. etc. Jahrg. 1827, Nr. 64, p. 353—355 den Aufsatz : Ladislaus Suntheimer Max des I. Historiograph, 
woselbst das Testament vollständig abgedruckt ist, dessen Nachrichten offenbar aus dem domcapitelschen Archive des 
Erzbisthums Wien stammen.) Da Suntheimer im Jahre 1460, wo er die Würde eines Procurators der rheinischen Nation 
an der Wiener Universität erlangte, aufs Allermindeste 25 Jahre alt gewesen sein dürfte, so müsste er demzufolge im 
78. Lebensjahre gestorben sein. 



Übek das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



35 



der Geschichte mit dem Bogen. Da er aber in seiner Praefatio (1. c. I, p. 1005) durch 
einen Ausfall auf die „unbewerte Chronik" (des Mathaeus) zu erkennen gibt, dass er für seine 
Aufgabe nur Glaubwürdiges angemessen halte, so dürfen wir über den Grund seines Schwei- 
gens wohl nicht weit suchen. — Die zweite für uns nicht minder wichtige Bemerkung ist, 
dass auch Suntheimer nichts davon weiss, jener Giso sei der Ungern - Her zog 
Geysa gewesen. Nur insoweit sehen wir bei ihm bereits eine selbstständige Interpretation 
Ebendorfer's, dass, während es bei diesem seiner Wortstellung nach zweifelhaft bleibt, ob 
sein „Castrum ferreum" nicht lediglich eine Metapher für das „munitissimum" seiner Mel- 
ker Vorlage sei (vgl. oben p. 33), Suritheimer bereits die bestimmte Angabe macht, die 
Veste Melk sei damals die Eisenburg genannt worden. 

Sunt heim er 's nächster Nachfolger auf dem Felde der österreichischen Geschichte ist 
ein Baier Namens Veit Arenpeck, aus Lan dslrat gebürtig und später Caplan des hochbe- 
rühmten Bischofs Sixtus von Freising aus dem Hause Tannberg. Arenpeck schrieb ein 
„Chronicon Bawariae ab anno 539", welches er seinem Bischöfe mit einer Widmungs- 
Zuschrift ddto. Landshut 1. Jänner 1495 überreichte; ein „Chronicon Austriae" von den 
ältesten Zeiten an, welches Nachrichten bis 1488 incl. enthält; endlich ein „Liber de gestis 
episcoporum Frisingensium 1 ). Alle drei Werke beurkunden deren Verfasser als einen 



x ) Was wir über die persönlichen Verhältnisse dieses, um die Geschichte Baierns und Österreichs für seine Zeit hoch- 
verdienten Mannes wissen, beschränkt sich darauf, dass er im Jahre 1437 oder doch höchstens ein paar Jahre später 
zu Landshut geboren wurde, dass er im März 1453 zu Amberg die dortige Schule und im Juli 1456 zu Wien die 
Universität frequentirte, im Jahre 1468 aber in seiner Vaterstadt an der Stadtpfarrkirche zu St. Martin als Cooperator 
und um 1486 als Frühmesser und Beneficiat angestellt wurde. Im Jahre 1491 erscheint er als Pfarrer von St. Andrae 
in der Stadt Freising. (Vgl. in Mart. v. Deuting er's Beitr. z. Gesch. d. Erzb. München-Freising, Bd. III, p. 461—554 
die Einleitung zu dem dort [1851] zum ersten Male abgedruckten „Liber de gestis episcoporum Frisingensium". Deu- 
tinger hat hier mit gewohntem Fleisse Alles zusammengestellt, was bisher über Arenpeck und seine literarische Thä- 
tigkeit von verschiedenen Seiten bekannt geworden war). Jahr, Tag und Ort seines Todes sind noch unbekannt. Der 
Wahrscheinlichkeit nach dürfte er zu Landshut zwischen 1505 und 1510 gestorben sein. Von seinen oberwähnten drei 
Werken wurde das „Chronicon Bawariae" von B. Pez in seinem Thesaurus Anecd. tom. III, ps. III, p. 1 — 472, das 
„Chron. Austriae" von H. Pez in seinen SS. rer. Austr. I, p. 1165—1295, und zwar in einem und demselben Jahre, 
1721, zum ersten und bisher einzigen Male durch den Druck veröffentlicht, das „Liber de gestis ep. Frising." aber 
erst im Jahre 1851 durch Mart. v. Deutinger am oberwähnten Orte. Die Handschriften dieser drei Werke scheinen 
sehr selten zu sein. Die kaiserl. Hofbibliothek zu Wien besitzt wenigstens, so viel ich in Erfahrung bringen konnte, 
keine. Die königl. Bibliothek zu München besitzt Arenpeck's „Chronicon Bawariae et Austriae" in einer Hand- 
schrift (einem Papiercodex in Quart, dessen Schrift nach Deutinger eine gleichzeitige ist) und zwar schon seit Be- 
ginn des XVIII. Jahrhunderts, wie sich aus den Bemerkungen ergibt, welche Leibnitz (SS. rer. Brunswic. 1711, 
tom. III, praefat. p. 23, 24) über selbe mittheilt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es auch jene, aus welcher die Brü- 
der Pez ihre Copien genommen haben. Wenn gleich H. Pez, ganz gegen sein sonstiges Verfahren, im Abdrucke 
von Arenpeck's „Chron. Austr." nicht die geringste Notiz über den Aufbewahrungsort und die Beschaffenheit der von 
ihm benützten Handschrift gibt, ausser dass er (1. c. p. 1167j sagt: „in ejus editionem non nisi unico exemplari. 
eoque multis in locis admodum flagitiose scripto uti licuit" , so scheint dagegen B. Pez (1. c. praefatio XXIV, 
Zeile 5 von unten) in der Erwähnung eines „Codex in electorali bibliotheca Monacensi" seine Vorlage gemeint 
zu haben. Beide bezeichnen übrigens ihre Vorlagen als „Codex, ut videtur, autographus" (vgl. Ssi. I, p. 1165 und 
1174). Dem Chron. Aus triae, sowie es H. Pez mittheilt, fehlt ferner jedwede Einleitung oder Vorrede, ein Mangel, 
welcher gewiss nicht auf Rechnung Arenpeck's zu setzen ist, der ja auch seinem „Chron. Bawariae" eine stattliche 
Praefatio in Gestalt einer Zuschrift an Bischof Sixtus von Freising vorangestellt hatte. Eben so unvollständig findet es 
sich aber auch in der Münchner Handschrift. 

Es sei gestattet, hier noch eine Notiz im Interesse der persönlichen Verhältnisse Arenpeck's beizufügen. Seine 
eigene Angabe, „anno Domini MCCCCLVt in mense Junio cometes super haemisphaerium Wiennense fere per in- 
tegrum mensem apparuit , quem et ego Vitus Arenpeckch, ibidem tunc studio anhelans, vidi" (Pez SS. I, 
p. 1262), veranlasste mich, die „Acta facultatis liberalium artium" der Wiener Universität (Orig. in der Verwahrung des 
jeweiligen Facultäts-Notars , gegenwärtig Dr. Joh. Ritter v. Hoffinger) einzusehen, um über dessen Immatrikulirung 
oder einen allenfalls erlangten Gradus als Magister regens oder Doctor darin etwas zu erfahren. Sonderbarer Weise 
fand sich aber auf den Namen: Arenpeckh nichts vor. Dagegen erscheint in diesen Facultätsacten (tom. II, fol. 145 

5 * 



36 



Andreas von Meiller. 



Mann, welcher unter den bairischen und österreichischen Historikern seiner Zeit unbedingt 
einer der vorzüglichsten genannt zu werden verdient. — Für den ältesten Theil seines „ Chro- 
nicons Austriae" hat Arenpeck allerdings jene famose „Chronica Mathaei" benützt, allein 
offenbar nur in Berücksichtigung des Ansehens, welches dieses merkwürdige Product in 
Österreich selbst genoss (vgl. oben p. 28), wie er denn am Ende der daraus entnommenen 
Nachrichten gewissermassen sich rechtfertigend bemerkt: „haec de vetustissimis hujus terrae 
rectoribus; in quibus gestis nichil mihi variare licuit propter vetustatem. Nunc vero de mediis 
hujus provinciae illustribus marchionibus et ducibus — Stylus vertendus est. (Pez, SS. L, 
p. 1179). Für diesen Theil hat er nebst anderen Quellen nachweisbar Jans von Wien, Ot- 
tocar Horneck, Gregor Hagen, ganz vorzüglich aber Thomas Ebendorfe r und Ladislaus 
Suntheimer benützt. — Alles was er nun über Markgraf Leopold den Erlauchten sagt, ist 
eine wörtliche Übersetzung der betreffenden Stelle der tabulae Claustroneoburgenses in's 
Latein. Der hieher bezügliche Theil lautet; „hic forte oppidum Mellicum una cum Castro, 
dicto ferreo Castro, vi cepit et potentissimum dominum Gysonem ex eo expulit et totam pro- 
vinciam sibi usurpavit. Item in eodem Castro Melico XII canonicos saeculares cum sufficienti 
provisione fundavit". — Also auch bei Arenpeck noch keine Spur von jener Annahme, 
Leopold habe die Veste Melk dem ungerischen Herzog Geisa entrissen. 

Vom Jahre 1172, als dem meiner Ansicht nach wahrscheinlichen Verfassungsjahre der 
Chronik des Melker Anonymus, bis zum Jahre 14 9 5 habe ich nun meine geduldigen oder 
wahrscheinlicher bereits ungeduldig gewordenen Leser geführt, ohne dass das ausgesteckte 
Ziel erreicht worden ist, nämlich nachzuweisen, wer denn der Vater oder Ahnherr jener 
Identitätserklärung des Melker Gyso mit dem Ungern-Herzoge Geysa eigentlich sei und auf 
welchen schwachen Füssen diese seine Schöpfung einherwandle. Ich anerkenne einerseits die 
Gerechtigkeit des Vorwurfes zu grosser Breite, der mir vielleicht von manchen Lesern ge- 
macht werden dürfte, andrerseits schien es mir unerlässlich, eine für die ältere Landes- 
geschichte doch so wichtige Frage mit aller der Sorgfalt zu behandeln, welche ich ihr zu 
widmen im Stande wäre. Freunde gründlicher Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichts- 
forschung werden desshalb meine Ausführlichkeit nicht allzu strenge tadeln. Die in der That 
aber bereits ungeduldig gewordenen Leser möchte ich durch die Nachricht zum Weiterlesen 
gewinnen, dass ich nunmehr an jenem Ziele eben angelangt bin. 



zum 3. Juli 1461 folgende Eintragung: „Congregata fuit facultas VI? feria in vigilia s. Udalrici , ad horam primam. 
Ibidem fuerunt admissi ad regendum de licentia magistri Johannis de Wuldersdorf, magister Ilupertus de Truck, ma- 
gister Vitus Griessenpeck de Landshut, etc. — Dass sich in der Schreibung des letzteren Namens kein Irr- 
thum eingeschlichen, dafür spricht der Umstand, dass wenige Seiten darnach bei der Aufzählung der Vorlesungen von 
demselben „magister Vitus Griessenpeck" bemerkt wird, er lese über „Algorisinum". In derselben Facultät er- 
scheinen übrigens auch noch zum Jahre 1448 ein „Ulricus Griessenpeck de Landshut" als Magister regens, 1451 
ein „Stephanus Griessenpeck de Landshut" als Magister regens, endlich „medicinae doctor et magister artium 
Casparus Griessenpeck de Landshut" in den Jahren 1451 bis 1469 als Magister regens (1451), Procurator der 
rheinischen Nation (1456), Decan der medicinischen Facultät (1461 und 1465) und zweimaliger Rector magnificus (1464 
und 1467). (Vgl. Aschbach Gesch. d. Wiener Universität, p. 584, 592, 594, 598, 623, 625, auch die Universitätsschrift- 
steller Sorbait, p. 37, Mitterndorfer, p. 50). Es fällt mir nicht bei — da ich keine Unterstützungsgründe beizu- 
bringen wüsste — auch nur die Vermuthung auszusprechen , jener Magister regens Vitus Griessenpeck aus Landshut 
vom Jahre 1461 sei identisch mit dem Studiosus Vitus Arenpeck aus Landshut vom Jahre 1456, allein aufmerksam 
machen wollte ich doch bairische Geschichtsforscher auf dieses eigenthümliche Zusammentreffen von Umständen.— 
Aventin ist meines Wissens der erste, welcher (in seinem 1519—1521 verfassten „Annales Bojorum") den Namen des 
Verfassers jener beiden Chroniken mit Arenpeck gibt, welche er auch hie und da mit „Areopagus" umschreibt. — 
Dass die oben erwähnte Münchner Handschrift in der That der Codex autliographus des Verfassers sei, ist, wie 
auch Deutinger bemerkt, noch nicht erwiesen. Pez nennt ihn „admodum flagitiose scriptus". 



Über das von Anselm Sohramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



87 



Können wir die zweite Hälfte des XV. Jahrhunderts für Deutsch-Österreich als eine in 
der Pflege der vaterländischen Geschichte vorzüglich thätige Periode mit Recht bezeichnen, so 
sehen wir auch gegen Ende des Jahrhunderts im Königreiche Ungarn nach langem, 
langem Stillstande die Geschichtschreibung wieder zu neuer Thätigkeit erwachen. Der Im- 
puls dazu gieng zunächst von dem damaligen Könige Ungarn's selbst aus, von Mathias 
Corvin, dem warmen Freunde von Kunst und Wissenschaft und bereitwilligen Förderer ihrer 
Pflege. Drei Schriftsteller sind es, welche wir hier zu nennen und deren Werke zu berühren 
haben: der Erste ein Unger, Johannes de Thurocz, die beiden Andern zwei Italiener, 
welche Geschäfte und der weitverbreitete Ruf des Königs an seinen Hof führten, nämlich 
Pietro Ranzani und Antonio Buonfinis x ). 

Was die beiden ersteren Schriftsteller anbelangt, deren Werke uns am besten in der 
Ausgabe Schwandtner's (SS. rer. Hungar. Tom. I.) vorliegen, so sucht man darin ver- 
gebens nach Belegen, dass ihnen jene "Nachrichten über Osterreich, Melk und den Mark- 
grafen Leopold I. bekannt waren, als deren letzte Quelle unser Anonymus Mellicensis sich 
darstellt. Wer sich hievon des Näheren überzeugen will, den verweisen wir zunächst auf 
Schw an dtner 1. c. L, p. 105 — 115, lib. IL, cap. IX — XXVII rücksichtlich der Chronik 
des Johannes von Thurocz und 1. c, p. 439 — 447 rücksichtlich Ranzani's. 

Anders verhält es sich jedoch mit Buonfinis. Bei seinem längeren Aufenthalte in Wien, 
dessen Hochschule gerade in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts auf einem Höhepunkte 
stand und einen seltenen Verein von ausgezeichneten Lehrern aufzuweisen vermochte, 
musste der durch seine früheren schriftstellerischen Leistungen schon rühmlich bekannte 
Italiener selbstverständlich mit den in Wien domicilirenden Fachgenossen in literarische Be- 
rührung gekommen sein. Bei ihnen musste er sich wohl auch ausserdem Raths erholen über 

x ) Ihre allgemein bekannten Werke sind (nach obiger Reihenfolge) betitelt : „Chronica Ungarorum", „Epitome reruin Hun- 
garicarum per indices descripta" und „Renim Hungaricarum decades". — Was die persönlichen Verhältnisse dieser 
Schriftsteller anbelangt, so weiss ich von Thurocz nur anzugeben, dass er noch im Jahre 1490 gelebt haben soll. — 
Pietro Ranzani, zu Panormi in Sicilien um 1430 geboren, trat später in den Dominikanerorden und wurde am 26. Sep- 
tember 1478 zum 35. Bischöfe von Luceria erwählt. Ughelli (Ital. sacr. edit. Colletti, Bd. VIII, p. 32-2; nennt ihn „poesi, 
arte oratoria, historiae peritia et theologica doctrina praestantissimum". Ferdinand König von Sicilien erwählte ihn 
zum Erzieher seines Sohnes und schickte ihn (1488) als Gesandten zum Könige Mathias von Ungarn, welcher seit 1476 
mit seiner Tochter Beatrix vermählt War (vgl. auch Buonfini's edit. 1690, p. 471 in decade IV a libro VID> ). „Ela- 
boravit Ranzanus (fährt Ughelli fort), dum legatum ageret, librum de rebus Ungaricis ad ipsum Mathiam regem, quem 
defunctum (1490, 5. April zu Wien) luculenta oratione laudavit apud Albam regiam. Deinde in Italiam regressus est 
et moritur 1492." 

Antonio Buonfinis war ungefähr um dieselbe Zeit wie Ranzani zu Ascoli , einer alten bischöflichen Stadt in 
der Mark Ancona, welche zum Unterschiede von der Stadt Ascoli (di Satriano) im Königreiche Neapel, auch Ascoli 
Picentino oder in Picenti agro benannt wurde, geboren. Prosper Caffarelli, seit 1464 Bischof von Ascoli (gestor- 
ben zu Rom am 14. Februar 1500) wurde vom Papste Sixtus IV. um das Jahr 1480 als päpstlicher Nuntius an den Hof 
des Kaisers Friedrich IV. gesendet, „vir genere, doctrina, probitate et eloquentia praestans", wie ihn Buonfinis 
preist (1. c. Decas IV a - lib. VI, p. 444). Aller Wahrscheinlichkeit nach (obwohl er selbst es meines Wissens nicht aus- 
drücklich erwähnt) kam Buonfinis in seinem Gefolge nach Deutschland und Österreich. Dagegen berichtet er selbst, 
dass er im Jahre 1486 in die Dienste des Königs Mathias übergetreten sei. „Paucis ante diebus (dem Voraus- 
gehenden zufolge ungefähr in der Zeit vom October — December 1486) Antonius Buonfinis, civis Asculanus e Picenti 
agro, Corvini regis nomine succensus, Retziam (d. i. Retz im V. U. M. B. des Landes unter der Enns) venit, ubi, cum 
regem et Beatricem (reginam) adivisset, varia librorum, quae nuper ediderat, volumina detulit". Und etwas später: 
„non parvo quidem Picentinum rhetorem salario conduxit (rex Mathias) et faustae Beatrici legere et , pro arbitratu 
suo, scribere multa jussit, nec non castra sequi praeceperat" (1. c. Decas IV, lib. VII, p. 463). Buonfinis verblieb 
auch wirklich im Dienste des Königs bis zu dessen im Jahre 1490 zu Wien erfolgten Tode. Sein im Auftrage dessel- 
ben verfasstes Werk über Ungarn vollendete er erst im oder nach dem Jahre 1495, aus welchem darin noch Nachrich- 
ten vorkommen. Ob er noch weiters in Wien, welcher Stadt und ihren Annehmlichkeiten er darin eine warme Lobrede 
spendet, sich aufhielt, darüber, wie überhaupt über seine ferneren Schicksale vermag ich nichts Näheres mitzutheilen. 



38 



Andreas von Meiller. 



verlässliche Quellen für das ihm vom Könige Mathias aufgetragene Geschichtswerk über 
Ungarn. Durch sie wird er dem entsprechend auch auf einschlägige Werke deutscher Gelehrten 
und überhaupt auf deutsche Quellen aufmerksam gemacht worden sein. Dass Thomas Eben- 
dorfer's Chronicon Austriae, das in der That so vorzügliche Geschichtswerk dieses in Wien 
und Österreich noch lange nach seinem Tode in hohem Ansehen gestandenen Mannes, dem 
gelehrten Buonfinis damals bekannt und von ihm benützt wurde, ist ebenso begreiflich, als 
aus seinem Buche auch leicht nachzuweisen. Buonfinis ist es nun, in dessen geschichtlicher 
Darstellung der in unsere Frage einzubeziehenden ungerischen Verhältnisse wir die erste An- 
deutung, den ersten Keim jener Ansicht finden, Melk sei im Besitze des ungerischen 
Herzogs Geysa zur Zeit des Beginnes der Babenberger Markgrafschaft in Osterreich ge- 
wesen. Die bezüglichen Angaben des Buonfinis, welche ich zur Begründung dieser meiner 
Behauptung hier anzuführen habe, lauten ihrem vollen Umfange nach folgendermassen 1 ) : 

„Dum haec in Italia Germaniaque geruntur, Ungari, primi Ottonis conflictu enervati, de 
quo paulo supra dictum est, (er berichtete früher über die Schlacht am Lechfeide im Jahre 
9 5 5) quum nihil ab hiis aliud gestum inveniam praeter ea, quae de Toxe (Tocsun) retulimus, 
in quiete mausere. Sed, ut Ungarici referunt Annales, post regis (sie) Toxis obitum (sein Tod 
wird auf das Jahr 972 gesetzt) Geysa filius ejus Pannoniarum regnum vel ducatum potius 
haereditario jure suseepit, vir quidem religiosissimus, amator otii (? dei), sanetitatis et justi- 
tiae. Numae Pompilii more trucem, feramque gentem (Ungarorum) ac bello Semper obnoxiam 
contra instituta majorum a belli studiis avertere et ad mansuetudinem, cultumque divinum 
revocare coepit. Neque ignorabat sapientissimus ille prineeps, prima post Carolum magnum 
fidei (christianae) fundamenta jacturus, Ungaricam gentem, quameumque opinionem (tandem) 
admitteret, pertinacissime sectaturam; quare, si facere posset, ut Christianam fidem praegu- 
staret, eam haud dubie semper retenturam (fore). Bella in Austria tantum aliquando obstina- 
tius gessit, quam mortuo Rudigero tyranno occupavit. Sed Henricus primus Caesar 

(919 936) in Germania declaratus Leo pol do, illustri Sueviae duci, qui sororem 

ejus uxorem duxerat, Austriam imperio Romano recidentem ea conditione delegavit, ut, si 
Ungar o s hinc ej icer et, ea, quae quondam Orient ali s mar chia dicebatur, ducis primus 
nomine potiretur. Leopoldus expeditionis conditionem aeeepit, in Geysam comparato exer- 
citu proficiscitur, a d Melli c um o p pid um, quod Danubio prominet, cum hoste congre- 
ditur. Cedentibus Ungaris Geysa, ne rem ali n eam vi occupatam pertinatius tenere vide- 
retur, Austria excedit et cum Alemannis pacem fecit". 

Der näheren Erörterung dieser Stelle für meine Zwecke will ich die Bemerkung voran- 
stellen, dass selbe zugleich auch so ziemlich Alles umfasse, was Buonfinis über das Land 
anter der Enns und seine Beziehungen zu den Ungern während der Zeit des Herzogs Geysa 
vorzubringen weiss. Was er sonst noch von Geysa selbst berichtet, ist den Lebensbeschrei- 
bungen seines Sohnes, des h. Stephan's entnommen und bezieht sich auf seine Bekehrung zum 
christlichen Glauben und Familienverhältnisse. — Für meine Zwecke ist es nicht erforderlich, 
die chronologischen Widersprüche hervorzuheben und zu rügen, in welche Buonfinis 



') Von Buonfinis' Geschichtswerk sind bisher meines Wissens vier Auflagen erschienen: Die editio prineeps im 
Jahre 1548 durch Martin Br enner „Bistricensis" ; ihre Vorrede ist datirt Wien l. September 1543. — Die zweite ver- 
mehrte und verbesserte erschien 1568 zu Basel, ihr Herausgeber war Joannes Sambuccus Timaviensis, Caesaris Maxi- 
milian! II. historiographus. Von dieser bestehen zwei Wiederabdrücke , einer 1581 zu Frankfurt, der andere 159o zu 
Cölln. Letztere liegt mir vor, die mitgetheilte Stelle findet sich darin in Decade I, lib. X, p. III und 112. 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



39 



bei diesen seinen Angaben verfällt, indem er im Eingänge den Herzog Toxis nach der 
Schlacht auf dem Lechfelde im Jahre 9 55 sterben, somit Geysa's Regierung auch erst nach 
derselben beginnen, wenige Zeilen später Letzteren aber bereits zu Zeiten Kaiser Hein- 
rich's I. (919 — 936) das Land Österreich in Besitz nehmen und darum Krieg führen lässt- 
Ich habe zunächst den Nachweis zu liefern, dass Buonfinis seine Nachrichten über Markgraf 
Leopold aus Ebendorf er geschöpft habe. Alles, was dieser ausser jener, bisher nicht 
bekannt gewesenen auf Seite 32 mitgetheilten Stelle über Markgraf Leopold I. 
mittzutheilen weiss, beschränkt sich auf Folgendes: „item anno Christi DCCCCXXVIII. 
Leopoldus illustris dux Sueviae ab Heinrico secundo (sie) Romanorum rege et duce Sa- 
xoniae in marchionem Austriae creatus est. Richarda uxor, soror Heinrici Romanorum 
regis praedicti, ex qua genuit duos filios Henricum marchionem Austriae et Popponem ar- 
chiepiscopum Trevirensem. Et ineepit regnare Austriam post mortem Rudegeri de Prae- 
clara marchionis Austriae et obiit anno Domini DCCCCLXXXIII. et rexit XLV annis, in 
Mellico monasterio cum uxore ante chorum sepultus". (Pez, SS. II. p. 696). Und an einem 
späteren Platze: „Chronica quaedam sie habet, quod post tertiam orbitatem (vgl. oben 
p.32) ducatus Austriae, hoc est post obitum Rudigeri de Praeclara anno Domini DCCCCXXVIII 
primum successit quidam Liupoldus illustris dux Sueviae". (Pez 1. c. 698). 

So weit meine Forschungen mich belehrt haben, ist Ebendorfer der Erste unter den 
eigentlich „österreichischen" Historikern, welcher Nachrichten über Markgraf Leopold I. in 
der vorstehenden Form und Zusammenstellung gegeben hat. Seine Hauptquelle dazu ist 
unser Melker Chronicon und die „Historia fundationis" dieses Klosters, deren völlige Unbe- 
stimmtheit über den Kaiser, welcher Leopold zum Markgrafen erhoben, Ebendorfer dadurch 
verbesserte, dass er sich für Kaiser Heinrich I. entschied 1 ), offenbar aus Berücksichtigung 
Rüdiger's von Pechlarn 2 ). Vergleicht man Buonfinis' obige Erzählung mit den Angaben, 
welche Ebendorfer an jenen zwei Stellen über Leopold I. macht, so kann es wohl nicht 
bezweifelt werden, dass es diese sind, welche Buonfinis dabei zu Grunde legte und nach 
den Bedürfnissen seiner Arbeit — einer Geschichte Ungarns — verwendete. Aber auch die 
Bogengeschichte, die Eroberung Melk's durch Leopold und die Vertreibung des homo poten- 
tissimus Giso daraus, waren durch Ebendorfer ebenfalls zu seiner Kenntniss gekommen. 
Mit welcher vorsichtigen Beschränkung der feine Italiener die Vermuthungen, zu denen jene 
Nachrichten Anlass zu geben geeignet waren, in Worte kleidete, ist leicht zu erkennen. — 
Weder deutsche noch ungerische Geschichtsquellen vom X. — XV. Jahrhunderte, so weit 
solche wenigstens uns erhalten geblieben, enthalten irgend eine Nachricht, dass nach der 
Schlacht auf dem Lechfelde im Jahre 955 und vor 976 eine Occupation des Landes unter 
der Enns durch die Ungern erfolgt sei, und konnten, wie ich oben nachgewiesen zu haben 
glaube, auch keine enthalten. Von dieser Seite stammen also Bu.onfinis Angaben über 
Geysa nicht. Offenbar erregte der „homo potentissimus Giso" unserer Melker Quelle, dem er 
bei Ebendorfer begegnete, bei Buonfinis den Ideengang, wie, wenn dieser Giso etwa 

Der Zusammenhang aller Angaben Eben dorfer's zeigt klar, dass „secundo" auch einer der Fehler sei, welche nicht 
ihm, sondern der Unverlässlichkeit des Copisten zuzurechnen kommen. 
2 ) Die erste Erwähnung Rüdiger's von Pechlarn in den österreichischen Chroniken stammt aus Wien und aus der Zeit 
des ausgehenden XIII. Jahrhunderts. „Liupoldus primus marchio in Austria post Rudgerum de Preclara." Auctar. Vin- 
dobon. ad ann. 928. — Aus dieser Quelle scheint zu Anfang des XIV. Jahrhunderts dieselbe Angabe durch Bernhard 
oder Sighard von Kremsmünster in die dortigen Annale n aufgenommen worden zu sein. (Mon. Germ. XI, SS. IX, 
p. 552 und 723.) 



40 



Andreas von Meillee. 



identisch wäre mit dem Ungern-Herzoge Geysa? Allein da sowohl sein unmittelbarer Ge- 
währsmann Ebendorfer, als dessen Quelle, der Melker Anonymus, für diese Identität 
durchaus keinen Anhalt darboten, um welchen Buonfinis sich auch anderweitig, freilich 
vergebens, umgesehen haben mag, so unterliess er es weislich, sich in der Sache mit voller 
Bestimmtheit auszusprechen. Aber ein neues Datum für die magere Geschichte des Herzogs 
Geysa war eventuel aus jenen Angaben doch zu gewinnen, und so Hess Buonfinis diesen 
nach dem Tode Rüdig-er's von Pechlarn einen Einfall nach Osterreich unternehmen und dies 
auf kurze Zeit in Besitz nehmen. Er hütet sich aber vor Detailangaben und sagt nur: bei 
Melk — ad Mellicum oppidum — habe zwischen Leopold und Geisa eine Schlacht 
stattgefunden und Ersterer die Ungern in die Flucht geschlagen. Bezeichnend ist dabei, 
dass Buonfinis seinem Geysa Osterreich schlechtweg als eine res aliena für ihn er- 
scheinen lässt, die er daher auch nur mit Gewalt für den Augenblick erlangt hätte; eine Be- 
merkung, die er wohl kaum, wenigstens so nicht, ausgesprochen haben würde, wäre ihm etwas 
von einem schon 7 0jährigen Besitz des Landes von Seite der Ungern (907 — 976) be- 
kannt gewesen. 

Diese Erwägungen sind es, durch welche ich meine oben ausgesprochene Ansicht zu be- 
gründen vermeine, dass sich bei Buonfinis, welcher zwischen 1490 — 149 5 schrieb, wenn 
gleich auch er sich nicht direct für die Identität des Melker Giso mit dem Herzoge Geysa aus- 
sprach, doch die ersten Keime jener späteren so unbegründeten Annahme vorfänden. — Noch 
erhielten jedoch diese Keime nicht gleich einen weiteren Pfleger und Fortbilder. Der gelehrte 
Historiograph und Rath Kaiser Maximilian's I. Dr. Joh. Cuspinian, der Zeit nach auf dem 
Felde der vaterländischen Geschichtsschreibung Buonfinis nächster Nachfolger, lässt dessen 
obige Mittheilungen und Nachrichten, ungeachtet das betreffende Werk desselben ihm nicht 
unbekannt sein konnte, bei Seite. Im Winter von 1 52 7 auf 1528, wie er selbst angibt 1 ), 
schrieb nämlich Cuspinian seine „Austria cum omnibus ejusdem marchionibus, ducibus, 
archiducibus ac rebus praeclare ad haec usque tempora ab ejusdem gestis", ein Werk, 
welches unter den verdienstvollen literarischen Leistungen desselben sicher nicht den letzten 
Platz einnimmt. Um uns über die Bedeutung dieses Geschichtswerkes für seine Zeit ein richtiges 
Urtheil zu bilden, müssen wir uns vor Augen halten, dass Cuspinian nicht nur ein Mann von 
ausgezeichneter literarischer Befähigung und hervorragender Bildung war, sondern auch durch 
seine Stellung zu dem, für historische Forschungen vorzugsweise begeisterten Kaiser Maxi- 
milian I. bei Arbeiten auf diesem Gebiete besonders begünstigt war. Des Kaisers Befehl öff- 
nete ihm unbedingt alle lf, Archive, seine Empfehlung und sein Wunsch erleichterte den Zutritt 
oder die Benützung vieler Privat- Archive und Bibliotheken, insbesondere jene der geistlichen 
Corporationen in Osterreich. Als nothwendige Folge des Vereines so vieler günstiger Um- 
stände in der Person Cu^pinian's können und müssen wir mit Zuversicht annehmen , dass 
er eine umfassende Kenntniss der einheimischen Geschichtsquellen 2 ) und der bisherigen 
wissenschaftlichen Verwendungen derselben sich erworben hatte, eben dadurch aber auch in 
der Lage gewesen sei, über den Werth oder Unwerth der letzteren sich eine massgebende An- 



Austria, edit. 1601, Frankfurt, p. 54. 
2 ) „In anima est, verissima quaeque afferre et vetustissima , et prudens, sciensque in nullius gratiain Actum aliquid af- 
i'erre" — und früher — „receptis annalibus et vetustissimis antiquitatibus ac diplomatibus, quae oculata fide perspexi u 

(1. c. p. 7). 



Über das von Anselm Sciiuamb und Hiek. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Alstkiacum. 



41 



siclit zu bilden. — Auf welcher Seite nun Cuspinian in der uns hier beschäftigenden Frage 
stand, darüber gibt uns seine Austria eine entschiedene, zweifellose Antwort. Cuspinian 
vollständig den Ansichten Ebendorfer's und Arenpeck's sich anschliessend, schreibt 
(1. c. p. 10): „cum hac tempestate Gyso quidam potens Mellicum arcem cum oppido possi- 
deret, quod (sie) ferreum Castrum tunc nuneupabatur, Leopoldus cum eo congressus hunc 
prostravit et cecidit, omnemque sortitus provinciam ampliavit regionem, marchionatum Austriae 
fortiter administravit" — etc. Also wieder, oder besser gesagt, noch immer Nichts von 
Ge ysa dem'Ungern-Herzog als Besitzer von Melk, aber auch nichts von dem Buon- 
fi nis'schen Einfalle desselben in das Land Osterreich und Occupation desselben nach dem 
Tode Rüdiger's von Pechlaren. — Cuspinian gewährt übrigens nicht blos diesen negativen 
Beleg für unsere Ansichten, er spricht sie auch selbst, 340 Jahre vor uns, klar und bestimmt 
aus. Er sagt (1. c. p. 9): „Hoc plane constat, Austriam esse per marchiones gubernatam, 
eo tempore, quo Ungari saeviebant per totam Germaniam" (902 — 955) und etwas später: 
„ut olim Romani praesidia limitibus imponebant, quos limenarchos vocabant, sie sunt tunc 
marchiones huic impositi regioni, qui arcerent Hungaros ineursitantes, post obitum Caroli sub 
Arnulfo, Ludovico, Chunrado et Heinrico (f 936) caesaribus". Dass er hier abbricht 
und nicht auch der Ottonen erwähnt, erklärt Cuspinian zum Theile gleich selbst und in- 
direct in seinen späteren Angaben. Die Namen der Markgrafen, bemerkt er nämlich sogleich, 
welche zur Zeit dieser Kaiser der Ostmark vorstanden, nur diese vermöge er nicht anzugeben. 
„Sed cum forte per ea tempora dignitates illae, sive magistratus, ut ita dicam, non pervenirent 
ad haeredes, vel nomin a marchionum tunc interierunt, vel negligentia scriptorum ad nepotes 
non transierunt. Unum (tantum) invenio sub Heinrico I. imperatore (919 — 936) Rudi- 
gerum de Pechlaren marchionem Austriae sine sobole decessisse". Die Sache selbst, 
dass Osterreich — das Land unter der Enns — auch damals unter Gewalt und Hoheit des 
Reiches gestanden und von Reichswegen durch Markgrafen verwaltet und behütet wurde, die 
ist Cuspinian, wie seine Worte klar zu verstehen geben, gar nicht in Frage oder Zweifel *). 

Hatten somit die Angaben, welche Buonfinis aus unserer Melker Chronik für die Ge- 
schichte des Herzogs Geysa ableitete, den gelehrten Cuspinian von ihrer Glaubwürdigkeit 
nicht sofort überzeugt, so fand sich aber bald nach ihm ein vaterländischer Historiker oder 
besser Polihistor, dem das eigenthümliche Verdienst zugesprochen werden muss, dass er die 
Nachrichten der Melker Chronik über den damaligen Besitzer Melk's in ganz selbstständiger 
Interpraetation verwerthete, der zu gleicher Zeit aber auch des Buonfinis Anschauungen und 
Ableitungen daraus als zur besonderen Verherrlichung des Ortes' Melk ganz geeignet, ihm 
auch als vollkommen glaubwürdig erscheinend, zu den Seinigen machte; den unlösbaren 
Widerspruch nicht im Mindesten achtend, welchen er dadurch sich zu Schulden kommen 
lässt. Es ist dies, wie unsere Leser ohnehin wohl errathen werden, Dr. Wolfgang Laz, 
Leibarzt, Rath und Historiograph des Kaisers Ferdinand I. 



'j Um nichts ausser Acht zu lassen, will ich noch beifügen, dass auch der baierische Gescliichtschreiber Aventin (geb. 
am 4. Juli 1477 , gest. am 9. Jänner 1534) in seinem im Jahre 1521 vollendeten Hauptwerke, den Baierischen Annalen, 
weder von der Eroberung Melks durch Markgraf Leopold I., noch überhaupt von der Occupation des Landes unter der 
Enns durch die Ungern etwas berichtet (vgl. Annal. Bojorum, edit. Ingolstadt, 1554, p. 499— 502). Nach der Schlacht 
auf dem Lechfelde im Jahre 955 bemerkt er sogar: „Ungri, qui domi reliqui erant, tanta suorum ruina animo fracti 
vallo, fossa, sudibus contra nos sese in locis palustribus muniunt, nedum fines alienos invadere, sicuti per annos LV 
hactenus continenter factitarunt, animo posthac coneeperunt". (ÜberAventin vgl. Dr. Wiedemann's vortreffliche 
Biographie desselben, erschienen 185ö zu Freising.; 

Denkschriften der ptiilos.-flistor. Cl. XVIII. Bd. (j 



42 



Andreas von Meiller. 



Wolfgang Laz, geboren zu Wien am St. Wolfgangstage, 31. October 1519, gestorben 
eben daselbst am 19. Juni 1565, war der Sohn des aus Stuttgart gebürtigen Med. Dr. Simon 
Laz, welcher als Professor dieses Faches an der Wiener-Universität starb, und seiner Gemahlin 
Otilie, gebornen Schallauzer, Tochter eines reichen Kaufmannes und Bürgers von Wien. Laz 
als Historiker ist eine in ihrer Art nicht wieder vorgekommene Erscheinung in der österrei- 
chischen Gelehrtenwelt. Denn vor und nach ihm wird man keinen Fachgenossen nachzu- 
weisen vermögen, der einerseits so viel Lob erhielt und andererseits so vielen und so gerechten 
Tadel verdiente, wie er. Sein wahres Verdienst liegt in dem rastlosen Eifer, in der uner- 
schöpflichen Hingebung, welche er an die Aufsuchung, Benützung und Ansammlung von 
Denkmälern und Aufzeichnungen aller Art aus der vaterländischen Vorzeit bis zur Stunde 
seines, durch übergrosse geistige Anstrengungen frühzeitig herbeigeführten Todes verwen- 
dete. Die Verdienste, welche er sich dadurch unbestreitbar erworben, würden wohl erst recht 
ans Licht treten, wenn er einen Biographen fände, der die Würdigung der literarischen Thä- 
tigkeit Lazen's in erster Linie zum Gegenstande seiner Aufgabe machen würde x ). In dieser 
Richtung wäre seine Arbeit allerdings eine dankbare. Allein ein vollkommen vergebliches 
Unternehmen wäre es, Laz gegen jene Vorwürfe zu vertheidigen, die in neuerer Zeit über die 
Art und Weise erhoben worden sind, wie er mit dem gewonnenen historischen Materiale um- 
gieng, wie er es häufig ohne alle und jede Kritik mit einer die crassesten Widersprüche ver- 
ursachenden Unachtsamkeit verwerthete, ja seinen phantastischen Conjuncturen und Hypo- 
thesen zu liebe, sich Dinge erlaubte, welche geradezu als empörende Fälschungen bezeichnet 
werden müssen. Manche seiner, von ihm nur allzuoft irre geführten Fachgenossen späterer 
Zeit haben ihn desshalb in begreiflicher Entrüstung mit dem derben Epitheton „Lügenvater" 
regalirt und wahrlich nicht unverdient. Denn es ist in der That erstaunlich, was dieser Hor- 
mayr des XVI. Jahrhunderts in der älteren Geschichte Österreichs und seiner Hauptstadt 
Wien für heillose Verwirrungen anrichtete, welche lange unbemerkt fortwuchernd immer 
grössere Dimensionen annahmen. Es ist nicht meine Aufgabe, dieses Thema hier des Näheren 
auszuführen. Doch kann ich um so leichter abbrechen, als auch dasjenige, was ich hier 
aus Lazen's Werken mitzutheilen habe, zugleich einen schlagenden Beleg für die Gerech- 
tigkeit jener ihm gemachten Vorwürfe abzugeben geeignet ist. Ich lasse hierbei Laz selbst 
sprechen, indem ich dessen für unsere Fragen einschlägigen Stellen wörtlich und in jener 
Reihenfolge mittheilen werde, als die Werke, aus denen sie genommen, von Laz verfasst 
worden sind. 

1. Vienna Austriae. (Erste Ausgabe: Basileae ex ofncina Joannis Oporini anno 
MDXLVI. mense Septembris. Ich citire nach dieser.) — Nachdem Laz (p. 45 — 46) von der 
St. Rupert's Kapelle, als der ältesten und damals einzigen Kirche Wien's gesprochen, fährt er 
(p. 47) also fort: „caeterum Ottonum (i. e. imperatorum) auspicio Hungaris ex Norico et 
Pannonia superiori profligatis ac horum regibu s T oxi et Geysa ad Mellicum victis 



i) Ältere Schriftsteller, welche biographische Notizen über Wolfgang Laz geben, sind angeführt im Zedler'schen Uni- 
versal Lexicon, Bd. XVI, erschienen 1737, im betreffenden Artikel und in Jöcher's Gelehrten-Lexicon, Bd. II, erschie- 
nen 1750. Eine ziemlich dürftige Biographie gab der Freiherr v. Khauz in seinem Versuche einer Geschichte öster- 
reichischer Gelehrten , Frankfurt, 1755. Seine Beurtheilung des Historikers Laz (1. c. p. 156 — 161) ist von Inter- 
esse. Hormayr's ürtheil über Laz (Wien, Abth. II, Bd. II, Hft. 1, p. 86—87) verdiente in einem Theile mit einem bekann- 
ten Sprichworte epilogisirt zu werden. Eine reiche Ährenlese von sicheren Daten über Lazen's persönliche Verhältnisse 
hat Caraesina in den Berichten des Wiener Alterth.- Vereines, Bd. I, erschienen 1856, p. 7—36, als Frucht seines oft 
erprobten Forscherneis6es beigebracht. 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



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Albertus et Lupoldus Babenbergensis oomites, cum marcham orientalem, hoc est (ut historico 
et Romano more loquar) limitem Danubii orientalsm tutandam suscepissent, ab horum pro- 
genie et posteris paulatim caetera divorum templa surrexere" etc. — Gleich darauf (p. 84 — 86) 
zählt er die „marchiones Austriae sive orientales a Theodonis Bajoariae ducis aetate 
(also schon von der Zeit, wo das Land unter der Enns noch im Besitze der Avaren sich befand) 
usque ad Ottonis primi imperium, annorum spatio 330", auf und zwar bis zu den Babenbergern 
im Ganzen ihrer siebzehn und berichtet dabei von dem 15 ten Folgendes : „Rudigerus, cogno- 
minatus a Pechlarn, in Medelico orientalis tum marchiae metropoli et regia (quam hodie 
Melicum dicimus) sedem habuit. Obiit circa annum salutis nostrae 926. Qui et ipse cum 
Arnolpho Bojoariae duce obsequium Henrico I. Caesari (919 — 936) detrectavit, et quo (i. e. 
Rudigero) mortuo Geysa Hungariae rex, quem postea Stephanum cognominarunt (!!!), 
Austriam oc cup averat". Indem er nun „Austriae marchiones e prosapia comitum 
Babenbergensium" folgen lässt, beginnt er folgendermassen: „Albertus primus hoc nomine 
(Alberti scilicet Babenbergensis comitis illius filius, quem dolo Hattonis Moguntini episcopi 
Ludovicus Carolingorum ultimus apud Moguntiacum capite affecit), qui ob ductam Henrici 
primi Caesaris (f 936) sororem et quia hujus ductu Germanici exercitus adversus 
Hungaros victoria stetisset in proelio ad Mellicum Austriae habito ab Ottone 
primo (f 973) vel, ut alii volunt, tertio hujus nominis (984 — 1002) Austriae sive orien- 
talis marchio constituitur circa annum fere salutis nostrae DCCCCLXXX . ac cum 
Mellico metropoli constituto fortiter limitem orientalem adversus Hungaros tutatus misset, 
anno postea sedecimo (also 9 9 6) plenus annorum e vivis excessit. Cujus sepultura hactenus 
ignoratur. — Lupoldus primus hoc nomine, Alberti superioris ex Baba filius, ducta Richarda 
quadam, parenti in marcha sive comitatu limitis Osterriche successit. Bello ac duplici ad- 
versus Hungaros victoria clarus, Geysa quoque Hungariae rege (f 997), qui 
po s t ea in Chri s tia n ismo St ephani no m en ad s ci vit (!!!) in acie vi et o , ut Christo 
vendicaretur, una cum divo Heinrico (1 02 — 1026) tum imperatore persuasit". 

2. Typi chorograpkici Provinciarum Austriae etc. 1 ). Nach einer Eintheilung, welcher eine 
historische Berechtigung zuerkannt werden mag, behandelt Laz darin das Land unter der 
Enns in zwei Büchern, zuerst als das „regnum Orientale" der Karolinger (p. 1 — 5), 
sohin als „marchi a orientalis" der sächsisch en Kaiser und ihre Nachfolger (p. 6 — 18), 
freilich nicht ohne diese Begränzung «elbst in mannigfacher Weise zu überschreiten. Nachdem 
er uns im 1. Buche (p. 5) berichtet, dass Melk „Romano nomine ex origine mea dilecta et 
ob loci munitionem Castrum ferreum" benannt sei, zählt er (p. 6) von dem ersten, durch 
Karl den Grossen eingesetzten Grenzgrafen Gerold bis zu den Babenbergern, nicht wie in 



1 ) Aus dem der Vienna Austriae des Laz beigedruckten „Privilegium impressorium" Kaiser Ferdinands I. ddo 
Prag, 9. Jänner 1544 scheint hervorzugehen, dass Laz dieses Werk oder doch den das Erzherzogthum Osterreich 
betreffenden Theil desselben bereits damals vollendet hatte. Die Drucklegung selbst verzögerte sich (wohl darum, 
weil Laz der Kostspieligkeit der Karten wegen nicht so bald einen Verleger fandj bis zum Jahre 1561. Es ist ein 
Druckwerk von höchster Seltenheit, ein rarissimuin, da nur zwanzig, nach Anderen gar nur zehn Exemplare verfer- 
tigt worden aein sollen. Das k.k. H. H. u. St.-Archiv zu Wien besitzt ein der kaiserlichen Hofkammer laut der eigen- 
händigen Einschreibung des Verfassers gewidmetes Exemplar — „ad magnificos et generosos dominus consiliarios Ca- 
merae imperialis autor operis" — lautet sie, worauf noch ein vierzeiliges Dystichon folgt. — Kaimund Duellius ver- 
anstaltete einen Wiederabdruck dieses Werkes in seinem Buche: Biga librorum rariorum etc. Frankfurt und Leip- 
zig, 1730, Fol. Im Vorworte desselben findet man eine (? vollständige) Aufzählung der gedruckten (17; und handschrift- 
lich vorhandenen (27) Werke des Laz. Ich citire oben, bei der Seltenheit der Laz'schen Ausgabe vom Jahre 1561, 

nach dem Wiederabdrucke des Duellius. 
i 

6 * 



44 



Andreas von Meiller. 



der „Vienna Austriae", siebzehn, sondern bereits sechsundzwanzig (resp. 24) Mark- 
grafen auf, und zwar als deren Letzten und unmittelbaren Vorgänger der Babenberger, nicht 
wie oben einen Conrad, sondern einen „Heimo a Stylla". Im 2. Buche gibt er sohin von 
jedem Einzelnen kurze Nachrichten und hier erfahren wir nun von dem Letzteren zuerst 
Folgendes: „Porro Engelrico, de quo diximus, vigesimus quartus marchio successit Hemo a 
Stilla, qui regiam in Medlico legitur tenuisse, proscriptus ab Ottone tertio impera- 

tore posterius, a cujus posteritate comites nimirum de Stylla et Helft defluxerunt, atque 

Hemoni proscripto Leopold us et Albertus ab Ottone tertio subrogantur, qui 

castro ferreo ad Medlicum expugnato et Wratislao Moravo victo marchiam obtinuerunt 
et ad posteros transmiserunt". Wenige Zeilen später gelangen wir dann zur Kenntniss, 
woher Laz seinen Markgrafen Hemo a Stylla genommen habe, damit aber zugleich zu 
einem in der That empörenden Belege, mit welchem Leichtsinne Laz — aufgestachelt von 
seiner Begierde, neue, unerhört wichtige Entdeckungen gemacht zu haben — hier eine per- 
fide Fälschung vorzunehmen wagte; eine That, welche um so unbegreiflicher erscheint, als 
Laz deren Aufdeckung durch blosse Einsichtnahme des Originales von andern Forschern 
täglich gewärtigen konnte. Er fährt nämlich fort: „de hoc Leopoldo (i. e. I.) et quibus au- 
spiciis orientalem marcham, hoc est Austriam, obtinuerit, totaque ejus progenie usque ad 
primum Austriae ducem Henricum, Liup o 1 du s quintus, primi ducis filius, in membrana 

quadam (quam in Medlico reperimus ) scriptum reliquit, quod inserere, 

cum a principe scriptum sit ejus provinciae, opere pretium duximus". Und nun 
folgt vollständig von Wort zu Wort unser Chronicon anonimi Mellicensis (alias 
Conradi de Wizzenberg) in der Weise, dass darin durchaus das Wort v est er in allen seinen 
Endungen in noster etc. verwandelt wird, wodurch das Verhältniss des Verfassers und 
seines Auftraggebers geradezu verkehrt wird, ein Melker Geistlicher als derjenige er- 
scheint, der den Herzog bittet, ihm eine Mittheilung über die prosapia der regierenden Familie 
zu machen , und der Herzog des Landes als derjenige, welcher diese Bitte erfüllt. Man muss 
sich die geringe Mühe nicht verdriessen lassen, dieses Lügenproduct mit dem von Schramb 
und Pez veröffentlichten wahren Texte des Melker Originales zu vergleichen. Die Uber- 
legung, ob die consequente Verwandlung des vester in noster das ganze Schriftstück hindurch 
sich denn wirklich ohne verr ätherische Unrichtigkeiten durchführen lasse, scheint dem mit 
vollem Dampf arbeitenden Laz, als zu viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmend, gar nicht 
wichtig genug gewesen zu sein. So Hess er, um nur Auffälligeres hier hervorzuheben, den 
Herzog Leopold V. (1 1 7 7 — 1 19 5) den Melker Berg noch „mons noster" nennen; bei der 
Erwähnung der nach Melk durch Markgraf Adalbert geschenkten particula s. crucis beibehal- 
ten: „quae hactenus hic habetur" u. s. w. 

Nicht genug aber an alle dem, macht nun Laz in diesem Denkmale noch folgende un- 
sinnige Fälschung. Im Originale dieser Melker Chronik, wie es noch heut zu Tage vorliegt, 
heisst es (wie ich auch schon oben p. 13 mitgetheilt habe) „ipse (Liupoldus I.) autem terram 
hanc cum multo comitatu adiens, Castrum munitissimum in monte nostro situm, quod homo 
potentissimus nomine Gizo tenebat, magna vi cepit", Laz aber druckt (mit hervorhebenden 
Lettern) „quod Hemo potentissimus nomine Stylla tenebat". Dies ist nun der Popanz, welchen 
Laz in wirklich unverschämter Weise als Markgraf der Ostmark eingeführt hat, den manche 
unkritisch zu Werke gehende Compilatoren in und ausser Osterreich auf die Angaben 
Lazen's hin gläubig in ihre Schriften aufnahmen, ja auch mit gelehrten Erörterungen zu 



Ubek das von Anselm Schramb und Hirh. Pez veröffkntlk iite Breve Chkonicon Aistriaci m. 



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vertheidigen unternahmen '). Über solche Dinge lässt sich durchaus nichts mehr sagen, da 
ist jedwede Kritik überflüssig. 

3. Bei publicae Rumanae commentariorum libri duodecim. — (editio princeps: Frankofurti 
ad Moenum 1551 fol. 2 ). In diesem Werke, dessen Vorwort vom 8. Februar 1551 datirt ist, 
handelt Laz im 12. Buche, Cap. 7: „de Aradata, sive Aralapidea, Praeclara, Meadilecta et 
Bojorum desertis" (1. c. p. 1092 — 1099). Von Melk sprechend sagt er unter Anderem: 
„quemadmodum Leopoldus, secundus dignitate dux Austriae, ab illo marchionum stem- 
mate descendens, qui isthic tumulati cernuntur, in suis annalibus a me repertis et 
scriptis circa annum Domini M.C.LXXIIII. his verbis testatur, locutus de Leopoldo 
primo Babenbergensi comite, quem Otto II. imperator marchionem orientalem, hoc est 
Austriae creaverat". Und nun gibt er die betreffende Stelle unseres Chronicons von: „non 
multo post tempore mortuo marchione Austriae" — bis — „marchiam suam strenue tuebatur 
et dilatavit". — Hier lässt er nun wieder ganz gemüthlich seinen „Hemo potentissimus nomine 
Stylla", seinen Markgrafen „Hemo a Stylla", aus guten Gründen fallen und schreibt am 
betreffenden Orte: „Castrum munitissimum — quod homo potentissimus nomine Zillo 
tenebat" etc. Denn wenige Zeilen später führt er als besondere historische Merkwürdigkeit 

der Veste Melk folgendes an: „hoc vero, de quo loquimur (munwnpium) et aliis insuper 

memoria dignissimis rebus nobilitatum est. Primum — etc. Deinde vero, quod prope hunc 
locum memorabilis illa Austriacorum principum, qui primi hanc terram Romano imperio 
vendicaverunt, adversus Hungaros victoria steterit, cujus rei, praeter annales-(i. e. Liu- 
poldi ducis), etiam Buo nfinis in decadibus rerum Hungaricarum libro X. decadis primae 
meminisse videtur his verbis, cum de Geisa, hoc est Stephano (von diesem „hoc est" weiss 
natürlich Buonfinis nichts) primo Hungariae Christiano rege tractat", und nun folgt aus 
der; von uns (oben p. 38) mitgetheilten Stelle des Buonfinis der Theil von: „bella in 
Austriam" — bis — „cum Alemannis pacem fecit". 

4. De gentium aliquot migrationibus etc. libri XII. (Edit. princeps : Basileae per Jo. 
Oporinum 1557, Fol.) — Laz hat an verschiedenen Orten seiner einschlägigen historischen 
Werke die Behauptung ausgesprochen und hie und da auch zu begründen versucht, es habe 
vom VHI. bis zur Mitte des XL Jahrhunderts nebst der Ostmarkgrafschaft zwischen der Enns 
and Raab auch eine eigene bairische Mark und Markgrafschaft gegeben, deren Gebiet 
das Land zwischen dem Inn und der Enns gebildet habe. Mit einer Erörterung dieser seiner 
Entdeckung haben wir es hier nicht zu thun, sondern nur anzuführen, dass er im ober- 
wähnten Werke 3 ) p. 273 — 283 die Reihenfolge der dieser Mark vorgestandenen Mark- 
grafen mittheilt. Von Walter „Caroli Martelli Francorum regis ex sorore nepos" bis zu 

: ) Von nicht österreichischen Schriftstellern haben z.B. Brunner, Adelzreuter, Helyot, Kuen etc. die Laz'schen An- 
gaben mehr oder weniger ihren Arbeiten zu Grunde gelegt. Die Fälschung, durch welche Laz Herzog Leopold V. (VI.) 
zum Geschichtschreiber machte, fand besonders in Österreich Anklang. Bichard Streun von Schwarzenau (1 1600), 
Franz Guilliman (f 1612 oder 1613) nahmen sie sofort in ihre bisher noch ungedruckten Werke (welche ich später 
anführen werde) auf und nach ihnen noch gar manche andere vaterländische Historiker. Einer der Spätesten war der 
Abt Melchior Link von Zwettl, welcher nach Lazen's Angabe das Melker Chronicon als von Herzog Leopold V. (VI.) 
selbst verfasst anführt, nämlich in seinen Annales Austro-Claravallenses , I, p. 32, §. 27, ein Werk, welches laut der 
demselben vorgedruckten Censura Universitatis Wiennensis im Jahre 1722 vor dem August vollendet war und im 
Jahre 1723 gedruckt erschien. Es ist dies um so mehr zu verwundern, als der wahre Text des Melker Chronicons 
schon 20 Jahre vorher in Anselm Schramb's Chronicon Mellicense gedruckt vorlag und von Hier. Pez. in dem im 
Jahre 1722 erschienenen Bande seiner SS. rer. Austr. neuerdings veröffentlicht wurde. 

2 ) Ich citire nach der verbesserten Wech el'schen Ausgabe, Frankfurt, 1598, Fol. 

3 j Ich citire nach der 3. Auflage, Frankfurt, 1G00, Andreae Wecheli haeredes, Fol. 



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Andreas von Meiller. 



Gotfrid (f c. 1045), dem Sohne des Grafen Arnold von Lambach und Bruder des Bischofs 
Adalbero von Wirzburg, mit welchem er die bunte Reihe schliesst, zählt er deren 35 (!) auf, 
darunter nicht wenige, welche er an anderen Orten als Markgrafen der Ostmark aufzählt, was 
er hie und da bemerkt, oder auch nicht bemerkt. Nachdem er nun als 20 ten Markgrafen dieser 
baierischen Ostmark Rüdiger von Pechlarn zur Zeit Kaiser Heinrich's I. (-j- 936) an- 
führt, ihn „apud Hungaros in Pannonia" im Exil zugleich mit Herzog Arnulf (!!) sterben lässt, 
gibt er ihm (1. c. Zeile 15 von unten) den Rasso Grafen von Andechs zum Nachfolger. Dies 
hindert Laz aber gar nicht, schon auf der nächsten Seite, Theoderich, Eberhard und Berch- 
told als 21., 22. und 23. und erst als 24 ten Markgrafen sohin jenen Rasso vel „Gafrad" anzu- 
führen und zwar ebenfalls als von Kaiser Heinrich I. (f 936) eingesetzt. Gelegentlich be- 
merkt er sodann: „hujus (Rassonis) tempore marcham orientalem, quae nunc Austria inferior 
dicitur, Lupoldus comes Babenbergensis ab Henrico I. caesare gubernandam accepit". — 

Als 2 5 ten Markgrafen der bairischen Mark lässt er ihm „Burchardus qui ab Henrico 

duce Bojorum (946 — 955) Ottonis I. fratre limiti Bojorum Austriaco praeficitur, obiit 
anno 975 sub mortem Ottonis I." und als 2 6 ten Markgrafen den Babenberger, Leopold I. den 
Erlauchten, folgen; diesem aber — unglaublich aber wahr — fünf weitere Markgrafen, 
deren Letzter sein vielgeliebter „Hemo cognomento Stilla", qui refertur in pervetusto 
annalium codice regiam tenuisse in Melico Austriae, modo coenobio" ist. Um aber das Mass 
völler zu machen und Ungeheuerliches zu leisten, lässt er diesen Hemo von Kaiser Otto III. 
in die Acht erklären, hierauf die „bairische" Mark in zwei Theile theilen, von welchen 
Otto „inferiorem partem, Pannoniae adjacentem, sub appellatione orientalis marchiae, quae 
postea Austria dicta fuit", dem Babenberger L e op o ld, „et Chunrado cuidam superiorem, 
Vindeliciae proximam ac Oeno-flumini adjacentem, sub nomine Bajoaricae marchae, in bene- 
ficium contulit". Noch nicht genug aber der Widersprüche, durch welche er seine Benützer 
herumhetzt, gibt er p. 419 eine „Genealogia comitum Sueviae a Bamberg, unde Sueviae 
duces quidam, Austriaeque marchiones et duces defluxerunt", als deren 4. er Leopold I. 
anführt. Indem er hierbei wieder einen Theil der einschlägigen Angaben unseres Chronicons 
von „primus itaque terrae hujus" — bis — „strenue tuebatur ac dilatavit" mittheilt, lässt er 
seinen dienstbaren Geist Hemo wieder in der Versenkung verschwinden und schreibt ganz 
ruhig: „quod (i. e. Castrum Mellicense) homo potentissimus nomine Styllo tenebat". 

Ich bin zu Ende mit jenen Stellen, welche ich aus Lazen's Werken mitzutheilen hatte, 
um die Verbindung nachzuweisen, in welcher seine Angaben mit unserem Chronicon Melli- 
cense an und für sich sowohl, als insbesonders mit jener Auslegung stehen, welche die Stelle 
desselben über Giso als Besitzer von Melk gefunden. Schon ein flüchtiges Durchlesen dieses 
chaotischen Gemengsels von wahren, zweifelhaften und ganz erfundenen Nachrichten, dieser 
uns unbegreiflichen Anhäufung von manchmal geradezu komisch erscheinenden chronolo- 
gischen Widersprüchen, wird auch nebstbei die Uberzeugung hervorrufen, dass der Vorwurf 
einer gänzlich unkritischen und möglichst leichtsinnigen Verwerthung des von ihm ge- 
sammelten historischen Materiales und der noch schwerer ins Gewicht fallende, absichtlicher, 
bewusster Fälschung desselben ein vollkommen gerechter sei. So wenig, als es in dieser 
letzten Richtung einer weiteren Ausführung oder Begründung meinerseits mehr bedarf, eben 
so deutlich erscheint mir Lazen's Stellung zum Gegenstande der uns beschäftigenden Frage 
durch die oben beigebrachten Stellen aus seinen Werken gekennzeichnet. — Buon- 
finis und Laz sind es, welche (beiläufig gesagt) mit dem Beginne des XVI. Jahrhunderts 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 47 



und auf keine andere Grundlage hin, als eine vor ihnen noch von Niemanden versuchte 
Auslegung einer Angabe unseres Chronicons, über Verhältnisse des X. Jahrhunderts eine, 
so weit wir selbe jetzt kennen, unhaltbare Behauptung aussprechen. Vergebens sucht man 
aber auch bei Beiden irgend eine Erörterung oder Begründung ihrer Angaben und Ansichten 
und es erübrigt, wollte man an ihrer Statt den Versuch dazu unternehmen, schliesslich nichts 
anderes, als anzunehmen, der Italiener Buonfinis habe sich dabei lediglich durch Ähn- 
lichkeit der Namen Giso und Geisa bestimmen lassen. Wahrlich ein Strohhalm als Fun- 
dament für ein mächtiges Gebäude, denn Namensähnlichkeit, ja selbst Gleichheit allein ist 
ein fast immer als Irrlicht sich darstellender Schimmer bei Wanderungen in der Dämmerung 
ferner Jahrhunderte. — Sollte Jemand dennoch im Stillen geneigt sein, gerade in dem uns 
vorliegenden Falle trotz aller bisher vorgebrachten Gründe jener Namensähnlichkeit eine 
grössere Bedeutung beizulegen, so könnten wir ihm ein vielleicht viel passender erscheinendes 
Substrat zur Verwerthung derselben — aber zugleich auch zur Warnung gegen ein allzu 
unbedachtes Vorgehen auf diesem Wege — an die Hand geben. Ich will mit dieser Andeutung 
nicht im Allgemeinen daraufhingewiesen haben, dass Gizo (in seinen verschiedenen Formen 
Giso, Kiso, Kyzo, auch weiblich Kiza, Kyza) ein echter deutscher Name ist, welcher be- 
sonders im X. Jahrhunderte häufig vorkommt *), nein, ich habe damit einen ganz speciellen 
Giso im Auge. — Am 21. Jänner des Jahres 9 7 6 — also zur selben Zeit, in welcher der 
Babenberger Leopold zum Markgrafen der Ostmark von Kaiser Otto II. erhoben 
wurde 2 ) — begnadigte dieser seinen Getreuen, „fidelis noster Giso", mit einer ungemein 
reichen Schenkung von Gütern 3 ). Sie lagen alle in Rhein-Franken, in der heutigen bairischen 
Pfalz, in Speier und Wormsgau und sind auf guten Karten fast sämmtlich noch nachweisbar. — 
Diese Schenkungsurkunde hat manches Bemerkenswerthe. Trotz der so freigebigen Schenkung 
werden besondere Verdienste dieses Giso nicht betont. Niemand von den Reichsfürsten oder 
höheren Reichsbeamten erscheint als Fürbitter 4 ), die Gemahlin des Kaisers allein wird 
als solche erwähnt. Die Güter, mit welchen Kaiser Otto IL diesen Giso ausstattet, 
werden ausdrücklich als kaiserliche Eigengüter bezeichnet, „quandam proprietatis 
nostrae partem, id est quantum nos in proprium tenuimus". Die Schenkung ist schliesslich 
eine unbeschränkte, eine Allodialschenkung, durch welche das freie Eigenthumsrecht der 
betreffenden Güter dem Beschenkten verliehen wurde. — Wäre mit diesem Giso einem 
phantasiereichen Geschichtsforscher nicht Gelegenheit geboten zu allerlei „Vermuthungen", 
welche hier nicht blos auf Namensähnlichkeit, sondern Namensgleichheit sich stützen könnten? ' 
Wie, wenn Markgraf Bur chard, der Vorgänger Leopold's, als Theilnehmer an den Kämpfen 
Herzog Heinrich 's IL von Baiern gegen Otto II. etwa schon im Jahre 9 74 gefallen, oder 
doch abgesetzt und gleich den übrigen Anhängern des Ersteren in die Reichsacht und den 
Kirchenbann erklärt worden wäre 5 )? Aventin lässt ihn 973 — 974 sterben, Laz nennt ihn 



J ) Vgl. z.B. Karajan Verbrüderungsbuch von St. Peter, p. 44, 45, 51. 

2 ) Vgl. oben p. lo — 13, dann Meiller Kegg. d. Babenbg. p. 187—189, Note i, und Lamberti Ann. ad ann. 976 in den 
Mon. Genn. V, SS. III, p. 05. 

3 ) Die betreffende Urkunde ist vollständig abgedruckt in den Mon. Boic. XXXI, I, p. 222, Nr. 114, wo sie aus unrichtiger 
Auflösung derDatirung zum Jahre 975 eingereiht ist. Vgl. Stumpf Reichskanzler, Bd. II, Abth. I, p. 58, Nr. 673 die 
Berichtigung. — Die Urkunde ist 1. c. abgedruckt: „ex libro copiali episcopatus Wirzburgensis circa 1278 conscripto". 

i ) Vgl. Sickel Th. Urkunden d. Karolinger, I, §. 26, p. 67— 72. 

5 ) In dem Verzeichnisse der damals Excommunicirten, welches freilich Lücken hat, fehlt der Name eines Burchards. Vgl. 
Mon. Germ. XV, leg. III, p. 485, addit. XV. 



48 



Andreas von Meiller. 



„proscriptus". Wie, wenn Kaiser Otto II. vorläufig dem Franken Giso, seinem Getreuen, 
den Oberbefehl in der Ostmark übertragen hätte? Hätten wir etwa in jener reichen Schen- 
kung an ihn eine Entschädigung zu erkennen für ein allfälliges Anrecht desselben auf die 
Ostmark, in dessen Verwirklichung Giso (aus von uns natürlich nicht mehr festzustellenden 
Motiven) schliesslich dem Babenberger Leopold weichen musste? Dann hätte ja doch der 
Gizo unseres Melker Anonymus eine historische Grundlage? — Alle diese schönen Dinge 
nun würden, wie gesagt für eine phantasiereiche Anschauung jener Urkunde, mit ihr in 
Verbindung gebracht werden können ; nach meinem Dafürhalten sogar eher, als unser Melker 
Gizo mit dem Ungern-Herzoge Geiza. — Allein ich meinerseits werde mich sehr hüten, von 
der fraglichen Urkunde in den angedeuteten Richtungen hin Gebrauch zu machen, bevor nicht 
anderweitig ein festerer Unterstützungsgrund beigebracht werden kann, als die Namens- 
gleichheit allein. 

Dass der von Buonfinis zuerst gelegte Keim, nachdem Laz, statt ihn auszurotten, 
sich seiner weiteren Pflege angenommen hatte, rasch und üppig aufging und fortwuchs, ist 
eben so leicht nachweisbar als erklärlich. Laz stand bei seinen Zeitgenossen und nächsten 
Nackommen sowohl wegen seiner tatsächlichen „ Vielwisserei" , als wegen seiner, für den 
nicht sehr langen Zeitraum seiner literarischen Wirksamkeit ausserordentlichen Productibi- 
lität und dem grossen Umfange seiner Leistungen im höchsten Ansehen. Die Art und Weise, 
wie Laz sogar in den dunkelsten Partien der älteren Geschichte mit einer keinem Zweifel 
Raum gebenden Sicherheit auftrat, imponirte und begründete eine, für uns nicht anerkenn- 
bare Uberschätzung desselben. So sagt z. B. G. Eder, ein Zeitgenosse Lazen's, in seinem 
Catalogus rectorum Universitatis Wiennensis : „Wolfgangus Lazius Vienn. Medicinae doctor 
et professor. H o c viro uno haec Academia nihil habuit celebrius umquam. Nec 
amplius quidquam de eo dici potest, quam quod ex monumentis suis celeberrimis, summa 
cum utilitate reipublicae literariae in publicum editis, eam propriis virtutibus comparaverit 
laudem, quae sola sibi ad comparandam immortalitatis gloriam sufficere potest et 
quae facile aliorum laudes contemnere aut saltem non admodum indigere videatur". Und so 
sehen wir denn vom Beginne des XVII. Jahrhunderts an auf dem Gebiete der hier von mir 
aufgeworfenen und eingehend erörterten Fragen unter den vaterländischen Historikern eine 
Anschauung sich entwickeln und bis zur Gegenwart, in mehr oder minder scharfen Contouren 
gezeichnet, sich erhalten, welche in letzter Auflösung doch nur auf die mehr als schwach zu 
nennenden Unterlagen eines Laz und Buonfinis zurückzuführen ist. Sie lässt sich in zwei 
Theile spalten. Es wird Erstens als eine, eines besonderes Beweises gar nicht mehr bedürfende 
Thatsache durchweg angeführt, dass Melk und somit mindestens das Land bis zur Erlaf 
im Besitze der Ungern und speciell ihres Herzogs Geisa zur Zeit war, als der Babenberger 
Leopold von Kaiser Otto II. (976) zum Markgrafen der Ostmark bestellt wurde, dass Leopold 
Melk von den Ungern erobert und überhaupt diese aus seiner Markgrafschaft hinausge- 
trieben habe. — Zweitens vereinigen sich die Ansichten fast aller, zumal der neueren vater- 
ländischer Historiker in der in verschiedener, meistens jedoch nicht sehr eingehender Weise 
von ihnen zu begründen versuchter Annahme: nach der Unglücksschlacht vom Jahre 90 7 
habe die deutsche Markgrafschaft auf der Ostseite des Ennsflusses ganz und 
gar eine Ende gehabt und sei factisch erloschen durch oder wegen Occupation des Landes 
durch die Ungern, und erst einige Zeit nach der Siegesschlacht auf dem Lechfelde im Jahre 
9 5 5 hätten glückliche, nach und nach immer erfolgreichere Versuche des Wiedervordringens 



Union das von Anselm Sohramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chkonicon Austriacum. 



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über die Enns endlich die factische und rechtliche Wiederherstellung- der deutschen Ostmark 
an der Donau herbeigeführt und vollendet Es ist das erfolgreiche Verdienst des mächtigen 
und nachhaltigen Aufschwunges, dessen sich die Pflege der Geschichte in den letztverflos- 
senen vierzig Jahren in Deutschland und seinen stammverwandten Ländern rühmen kann, dass 
uns die echten Quellen, aus denen über jene Jahrhunderte möglichst sichere Kunde zu schöpfen 
ist, nunmehr nicht nur rein und unverfälscht, sondern auch in reicherem Masse fliessen. Aus 
ihnen nun glaube ich den Nachweis geliefert zu haben, dass jene ersteren Angaben, weil 
durch kein glaubwürdiges Zeugniss zu erhärten, fernerhin als unhaltbar anzusehen sind; 
rücksichtlich der Letzteren aber, dass wir, wenn nicht zu dem gleichen, so doch zu dem 
Ausspruche berechtigt sind, dass sie die historische Wahrscheinlichkeit in hohem Grade gegen 
sich haben. — Meine Anschauungen und Ansichten über die politischen Verhältnisse des 
heutigen Landes unter der Enns im X. Jahrhunderte, wie sie sich aus dem Studium jener 
Quellen mir heranbildeten, präcisire ich schliesslich — salvo Semper per omnia quolibet judicio 
melius fundato — in folgenden Sätzen: 

1. Aus gleichzeitigen oder nahe gleichzeitigen Quellen lässt sich auf keine Weise 
begründen, dass die deutsche Ostmark an der Donau in den Jahren 900 bis 907 irgend welche 
territoriale Schmälerung durch Gebietsverluste an die Ungern erlitten habe, d. h. mit anderen 
Worten, bei Beginn des Jahres 907 bildete noch immer der Raab-Fluss von seiner Ein- 
mündung in die Donau unweit der heutigen Stadt Raab bis zu der, wohl noch in der ersten 
Hälfte des IX. Jahrhunderts von den Deutschen erbauten „Eisenburg" — Castrum ferreum — 
(von den Ungern später wörtlich übersetzt in Vasvär) die Gränze der eigentlichen Ostmark 
in der Richtung nach Osten zu. Wie es damals mit jenem, sich hier anschliessenden Theile der 
karolingischen Ostmark stand, welchen König Ludwig der Deutsche um das Jahr 835 dem 
Slavenherzoge Priwina zu Lehen gegeben (dessen Centrum das heutige Szalader Comitat), hier- 
über lassen uns die Quellen im Dunkel. Gegen das Ende des IX. Jahrhunderts verschwinden 
alle Nachrichten über Chozil, den Sohn und Nachfolger Priwina's, und nichts belehrt uns darin 



i Als nächste Nachbeter Lazen's und fest in seine Fusstapfen tretend sind hier zuerst zu nennen der Freiherr Richard 
Streun v. Schwarzenau in seinem 1595 vollendeten Werke : „Landhandvest des löbl. Erzherzogthums Österreich 
unter und ob der Enns" und Franz Guilliman in dem von ihm begonnenen und nach seinem Tode (er starb I6l > 
oder 1613) im Auftrage (des Erzherzogs Maximilian III. ?) von Johann Paul Windeck, Dr. der Theologie und Pro- 
fessor an der Universität zu Freiburg im Jahre 1617 vollendeten Werke: „de principum Habsburgi-Austriacorum 
vita" etc. Guilliman's Phantasie erweitert Lazen's Nachrichten sogar dahin, dass er den Herzog Geysa bei Erstür- 
mung Melks durch Markgraf Leopold tödten lässt. Beide Werke sind jedoch nie im Drucke erschienen ; vollständige 
Handschriften derselben besitzt auch das k. k. H. H. u. St.-Archiv zu Wien. (Vgl. über Streun Kauzen's Versuch einer 
Gesch. österr. Gelehrten, Frankfurt, 1755, über Guilliman Daguet Alexandre Biographie de Fran^ois Guilliman, Frei- 
burg, 1843.) Nach Guilliman- Windeck (1617) finde ich auf dem Gebiete der österreichischen Landes-Geschichte 
eine Lücke von 50 Jahren, welche ich durch kein irgendwie bedeutenderes Werk auszufüllen wüsste. Die Zeiten Fer- 
dinande IL, die Leidensperiode des 30jährigen Krieges und die nächst darauf folgenden Jahre allgemeiner Erschöpfung 
waren nicht geeignet, wissenschaftliche, besonders historische Arbeiten zu fördern. Erst mit dem Jahre 1668 sehen 
wir mit Birken's (Fugger's) Ehrenspiegel die lange stillgestandene historische Literatur in Bewegung und bald in 
wenigstens nicht mehr unterbrochenen Fluss gerathen. Von da an bis heute habe ich nunmehr eine lange Reihe von 
Historikern anzuführen, in deren Werken ich die oben erwähnten Ansichten, wie gesagt mehr oder weniger betont, 
ausgesprochen gefunden habe. Birken (1668), Scharrer (1670), Schramb (1702), Pez (1721), Link (1723), Hansitz 
(1727), Fuhrmann (1734), Kropf (1747), Hanthaler (1747), Calles (1750), Fröhlich (1754), Schrötter (1762 — 1779), Her- 
chenhahn (1784), Gebhardi (1789), Premlechner (1789), Kauz (1789), Geusau (1795), Reisser (1801), Janitsch (1805), 
Kurz (1808), Gretzmiller (1808), Galletti (1810), Genersich (1815), Schneller (1817), Schells (1819), Hormayr (1823), 
Arneth (1827), Mailath (1835), Hassler (1842), Beidtel (1843), Meinerth (1843), Priz (1846), Dümmler (1853, Südöstliche 
Marken, p. 75), Büdinger (1858, p. 224 bis 225). Die Titel der betreffenden Werke sind Geschichtskundigen ohnehin 
bekannt, oder in den ihnen bekannten literarischen Handbüchern leicht aufzufinden. 



Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVIII. Bd. 



7 



50 



Andreas von Meiller. 



über das V erhalten der unter ihrer Regierung 1 gestandenen Slaven gegenüber dem Vordringen 
der Ungern. 

2. Nach der Vernichtung des bairischen Heeres durch die Ungern in der Schlacht bei 
Menfö-Raab am 5. und 6. Juli 9 7 *) standen einer Annexion oder Besitzergreifung der 
Letzteren jenseits ihrer bisherigen Grenzen an der Westseite des Raab-Flusses, militärische 
Hindernisse fürs erste nicht mehr entgegen; es fragt sich somit, ob die Ungern ihren Sieg in 
dieser Richtung ausnützten und in welcher Ausdehnung. Gestützt auf meine vorausgegangenen 
Erörterungen bin ich der Ansicht, dass bairischerseits das auf der Ostseite der ko ma- 
genischen Gebirgskette gelegene Flachland (das heutige V. U. Wien. Wald und die 
betreffenden Theile des heutigen Ungarns bis an die Raab) als militärisch nicht mehr haltbar 
aufgegeben werden mussten und factisch auch aufgegeben wurden, aber eben nur diese. Die 
deutsche Bevölkerung jenes Landstriches, so weit sie nicht in die Gefangenschaft der Ungern 
gerieth, was wohl das Loos des grösseren Theiles gewesen sein mag, wird sich hinter die, 
zunächst Schutz gewährende Gebirgskette auf gesichertere Gebiete der Ostmarkgrafs chaft 
zurückgezogen haben. Das frei gewordene Land besetzten, zum mindesten bis an die 
Leitha, sofort die Ungern. 

3. Unmittelbar nach der Unglücks schlacht, jedenfalls noch im Jahre 9 7, stellte sich 
Arnulf, der Sohn des darin getödteten Markgrafen Liupold, an die Spitze des bairischen 
Volksstammes. In welcher eigenthümlichen Selbstständigkeit und Machtvollkommenheit er 
sich im Herzogthume gegenüber dem deutschen Königthume unter Ludwig dem Kinde, 
Konrad I. und Heinrich I. zu behaupten wusste, ist bekannt. So lange Arnulf lebte — die 
kurze Zeit seiner Flüchtung nach Ungarn etwa ausgenommen — hatten die deutschen Könige 
thatsächlich gar wenig im Herzogthume Baiern zu schaffen. — Ich bin daher der Ansicht, 
dass in jener Periode (907 — 937) von Reichswegen ein Markgraf für die 
Ostmark nicht aufgestellt wurde. Die militärische Obhut des noch immer bedeutend 
zu nennenden, im Besitze der Deutschen verbliebenen Theiles derselben zwischen der Enns 
und der komagenischen Gebirgskette werden, ohne Zweifel vom Herzoge Arnulf aufgestellte 
Befehlshaber besorgt haben. 

4. Herzog Arnulfs Tod (er starb am 14. Juli 937) fiel nahe zusammen mit dem 
Regierungsantritte Otto's I. (7. August 936), König Heinrich's I. grossen Sohnes. Es ist 
bekannt (wie ich es auch oben p. 10 in kurzen Umrissen berührt habe), dass König Otto 
alsbald zwei feste Ziele sich stellte, mit unerschütterlicher Beharrlichkeit anstrebte und auch 
völlig erreichte; einmal die Wiederherstellung der königlichen Autorität im Herzogthume 
Baiern, fürs zweite eine Schwächung, so weit sie staatsrechtlich durchführbar war, der 
herzoglichen Macht. Im Interesse beider wichtigen Zwecke lag die Wiederaufstellung 
eines eigenen Markgrafen der Ostmark von Reichswegen und ich glaube, König 
Otto I. habe im Jahre 9 3 8 bei der Verleihung Baierns an Arnulfs Bruder Berthold , mit 
der Trennung Kärnthens und der Veroneser Mark von diesem Herzogthume, auch wirklich 
noch diesen Schritt zum Ziele, der den Einfmss und die Verbindung Baierns mit jener Mark 
doch auch in etwas lockerte, verbunden. Hier finde ich nun den Platz für Markgraf Rüdiger 
von Pechlaren, welchen ich meinerseits durchaus nicht für ein poetisches Gebilde oder 
Pseudonym irgend eines tüchtigen Kämpens in der Ostmark halte, sondern für den thatsäch- 



) Siehe hierüber den Excura im Anbange. 



Uber das von Anselm Scheamb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Avstriacum. 



51 



liehen ersten Nachfolger des im Jahre 907 gebliebenen Markgrafen Liupold. — Ich nehme 
an, dass Rüdiger in dem Kampfe wider die Ungern im Jahre 950 geblieben sei, setze daher 
muthmasslich die Jahre von 938 bis 950 als die Zeit seiner Markgrafschaft an und zweifle 
nicht, dass er seinen markgräflichen Sitz in der alten Römer-Militärstation Pechlarn gehabt 
und daher seinen Beinamen erhalten habe. 

5. Die durch den Tod des sanggefeierten Helden Rüdigers erledigte Markgrafschaft erhielt 
jetzt Burchard, der vertrauteste Freund des Herzogs Heinrich I. von Baiern, der auch 
bei dessen königlichem Bruder Otto in so hohem Ansehen stand, wie wir wissen. Wie viele 
und wichtige Motive König Otto I. bei der Wahl dieses Mannes zum Markgrafen der 
Ostmark bestimmen konnten, habe ich bereits angedeutet (p. 11, 12). Eben so auch die An- 
lässe, welche um 9 7 4 — 9 7 5 das Ende dieser seiner Stellung herbeiführten. Mag Burchard 
nun als „proscriptus" abgesetzt oder vielleicht sogar während der Wirren jener Zeit im 
Kampfe gefallen sein, so viel ist gewiss, dass er um den Anfang des Jahres 976 den Baben- 
berger Leopold zum Nachfolger als Markgraf der Ostmark erhalten hatte. 

6. Über die näheren Verhältnisse der Installation — um mich so auszudrücken — 
Leopold's in seine neue Würde sind uns keinerlei Nachrichten erhalten. Hatte er irgendwo 
einen Widerstand gefunden und besiegt, so kann dieser nur von Anhängern des von 
Kaiser Otto I. abgesetzten Herzogs Heinrich II. von Baiern oder des Markgrafen 
Burchard ausgegangen sein. Uber Leopold's Wirken während der achtzehn ein halb Jahre 
seiner Markgrafschaft sind uns, seine zum Theil unter Intervention des Kaisers Otto III. 
geschlichteten Auseinandersetzungen mit dem Bischöfe Pilgrim von Passau ausgenommen, so 
gut wie gar keine Nachrichten erhalten, ungeachtet ihm Bischof Dietmar von Merseburg, der 
berühmte Geschichtsschreiber, die kurze, aber vielsagende Grabesrede hält: „merito defletur, 
quia sibi prudentiorem et in cunetis actibus meliorem nulluni reliquit". — Nur in Betreff 
der Verhältnisse zu den Ungern ist uns eine Nachricht aus dem Jahre 991 in glaubwürdigen 
Quellen erhalten, welche, ungeachtet sie schon 1721 durch Pez veröffentlicht wurde, von den 
vaterländischen Geschichtsforschern, meines Wissens nach, unbeachtet geblieben ist. Und 
doch gewährt diese Nachricht, ganz abgesehen davon, dass bei der ausserordentlichen Dürf- 
tigkeit unseres Wissens über die Schicksale des Landes Osterreich zu Ende des X. Jahr- 
hunderts jeder Beitrag zu seiner Vermehrung schon an und für sich wichtig ist, bei näherer 
Betrachtung ein gewisses Licht in dem bisher so wenig erleuchteten Dunkel.. Die Nachricht 
ist uns in zweierlei Fassung erhalten. Die eine lautet: „Heinricus dux (Bawariae) de 
l ngaris triumphavit" , die andere: „victoria super Ungaros Heinrici ducis 
B awar iae *)". Vor Allem ist zu constatiren, dass dies seit dem Jahre 955 die erste 
kriegerische Berührung zwischen Deutschen und Ungern war, von der uns 
eine Kunde erhalten ist. Der Feldzug fand statt, als Leopold schon 15 Jahre seiner Mark- 
grafschaft vorgestanden hatte. Und doch belehrt uns die Nachricht weiter, dass nicht der 
Markgraf der Ostmark, sondern der Herzog von Baiern persönlich das Reichsheer 
befehligte, mit welchem dieser Feldzug unternommen wurde, ersterer somit dabei jedenfalls 
in zweiter Linie erscheine. Wir können aus diesem Umstände mit Grund folgen, dass es sich 
dabei nicht um einen der, in jener Zeit gewiss häufigen Grenz-Scharmützel und gegenseitigen 

} ) Annales Salzburg, ad ann. 991, Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 771 und Auctar. Garst, ad ann. 991 1. c. p. 567 geben die 
erstere Fassung; Annal. Ratispon. ad ann. 991 1. c. SS. XVII, p. 584 die zweite. Die Salzb. Annal. und mit ihnen jene 
Stelle hat schon Pez im 1. Bande seiner SS. p. 339 veröffentlicht. 

7 * 



52 



Andreas von Meiller. 



Razzia' s zwischen Ungern und Deutschen handelte, für deren Abwehr und Vergeltung der 
Markgraf mit seinem Heerbanne allein zu sorgen hatte. Man musste sich damals für stark 
genug und den Zeitpunkt für geeignet gehalten haben, um endlich einen ersten Schritt vor- 
wärts zur allmäligen Wiedererwerbung der alten Reichsgrenzen zu thun. Unsere Nachricht 
lässt keinen Zweifel darüber, dass der Erfolg im Ganzen und Grossen ein günstiger gewesen 
sei. Ich bin daher der Ansicht, dass damals, 991, die deutschen Waffen auf der Ostseite 
derkomagenischen Gebirgskette irgend einen bestimmten Theil des heutigen Viertels 
unter dem Wiener Walde den Ungern abgerungen und sich darin von da an behauptet haben. 
Einen, nach meinem Dafürhalten, für diese Ansicht sehr laut sprechenden Unterstützungssgrund 
bildet die Thatsache, dass zehn Jahre später Kaiser Heinrich IL mit der Urkunde ddto. 
Haselbach 1. November 1002 1 ) dem Markgrafen Heinrich I. von Osterreich gerade in 
dieser Gegend eine freigebige Schenkung an Grund und Boden machte, bekannt- 
lich der erste jener Gnadenbriefe, durch welche den Babenbergern von den deutschen Kaisern 
und Königen Heinrich IL, Konrad IL, Heinrich III. und Heinrich IV. ein sehr bedeutender 
Complex von in verschiedenen Gegenden der Ostmark gelegenen Gütern als freies, unbe- 
schränktes Allod verliehen wurde. König Heinrich II. schenkte — „dedimus" — damals dem 
Markgrafen Heinrich I. .,tale predium, quäle sub regia potestate visi sumus possidere 
inter durran-Liezniecham et Tr ie znie cham" , ohne alle Vorbehalte oder Ausschei- 
dungen. Ich habe in meinen Babenberger Regesten, p. 193, Note 14 nachgewiesen, dass das 
damit gemeinte Gebiet einen sehr bedeutenden Theil des heutigen Viertels unter dem Wiener 
Walde ausmache 2 ). Beide Flüsse vereinigen sich ganz nahe vor dem heutigen Markte 
Schwechat und ergiessen sich nach kaum halbstündigem Laufe von da in die Donau. Ein 
Blick auf die Karte zeigt aber auch augenfällig, dass zur Zeit, als man das Land von der 
Tr ie st ing bis zur Liesing deutscherseits vergaben und verschenken konnte, auch 
alles Land, das in jenem Dreiecke liegt, dessen drei Seiten die Donau von Greifen stein 
bis Schwechat, die Liesing von ihrer Einmündung als Schwechat in die Donau aufwärts 
bis zu ihrer Quelle in der komagenischen Gebirgskette, und diese letzere selbst 
in nördlicher Richtung bis Greifenstein bilden, nicht mehr im Besitze der Ungern 
war und sein konnte, aus dem einleuchtenden Grunde, weil dieser letztere Landstrich im 
Rücken des durch obige Schenkung Vergabten liegt. — Da uns meines Wissens zwischen den 
Jahren 991 und 1002 von Feindseligkeiten oder Kriegen zwischen den Deutschen und 
Ungern in den Quellen keinerlei Nachrichten vorliegen, so scheint es mir fast erwiesen, dass 
das Substrat an Grund und Boden für die Schenkung vom Jahre 1002 durch den glücklichen 
Erfolg des Feldzuges vom Jahre 991 gewonnen worden war und dieser Besitz im J. 1002 
bereits als so gesichert angesehen wurde, dass bei einer, die Verdienste des Markgrafen lohnen 
sollenden königlichen Schenkung auf jene Gegend die Wahl fallen konnte 3 ). 



1 1 Orig. mit sehr gut erhaltenem Siegel im kais. H. H. u. St.-Archive zu Wien. — Vollständig zum ersten Male veröffent- 
licht durch Stumpf Reichskanzler, Bd. II, Abth. I, p. 39, Nr. 32. Vgl. auch Babenb. Regg. p. 3, Nr. 5. 

2 ) Das fragliche Gebiet umfasst einen Fliichenraum von 18 □ Meilen , somit ein Viertel des Flächenraumes des ganzen 
V. U. W. W., welcher 76 8 /10 □ Meilen beträgt. 

3) Ich hoffe bald in der Lage zu sein, an einem anderen Orte über einzelne Punkte der obigen Sätze, gestützt auf topo- 
graphische Nachweise, mich ausführlicher auszusprechen, da ich, will's Gott, den Freunden österreichischer Geschichte 
ein „Urkundenbuch zur Geschichte der deutschen Ostmark an der Donau vom Jahre 796 bis 1100", versehen mit den 
erforderlichen Erläuterungen, vorlegen werde. 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



53 



Ich bin nunmehr ans Ende meiner allerdings weitläufig ausgefallenen Erörterungen des- 
jenigen Theiles unseres Chronicons gekommen, welcher selb stständige Nachrichten über 
einen für die österreichische Landesgeschichte so hochwichtigen Abschnitt enthält, als welcher 
der Beginn der Babenberger Herrschaft in Osterreich bezeichnet werden muss. Da, wie ich 
im Eingange meiner Abhandlung nachgewiesen habe, der Melker Anonymus für diese seine 
Angaben der einzige Gewährsmann selbst ist, so war eine eingehendere Prüfung der- 
selben, als bisher mit ihnen vorgenommen worden war, längst angezeigt gewesen. Ich habe 
mich bestrebt, die Frage über den Werth zunächst dieser Nachrichten zum Abschlüsse zu 
bringen. Mein Urtheil lautet, dass die Thatsache der Gründung eines Canonicatstiftes 
zu Melk schon durch Markgraf L e o p o 1 d I. durch die, völlig vereinzelt dastehende Be- 
hauptung des Anonymus nicht als für genügend erwiesen anzusehen sei, so lange die ihr 
entgegenstehenden Bedenken, auf welche ich (p. 14, 15) aufmerksam gemacht, nicht vollkom- 
men beseitigt und entkräftet sein werden ; dass alle übrigen Angaben des Anonymus aber der 
Wirklichkeit gegenüber als unwahr erscheinen. 

Der noch übrige Theil des Chronicons, zu dem ich nunmehr übergehe, wird keine so weit 
greifenden Excurse und Beweisführungen nöthig haben, um ein definitives Urtheil über seinen 
Werth oder Unwerth zu ermöglichen. 

§. IV. 

„Sic itaque (Liupoldus I.) omni terra potitus multis annis per successores suos, 
vestros scilicet majores, marchiam suam strenue tuebatur et dilatavit, quousque directu dei 
advenit in partes istas peregrinando beatus Cholomannus." 

Unser Autor gibt durch diese Angaben zu erkennen, dass er von dem wahren Zeitpunkte, 
in welchem Leopold zum Markgrafen der Ostmark erhoben wurde, auch nicht einmal annä- 
hernd eine Kenntniss gehabt und sich ebenfalls zu einer der, auch anderwärts im XII. und 
XIII. Jahrhunderte auftauchenden, thatsächlich irrigen Ansichten bekannte, welche jenes 
Ereigniss in die Jahre 920, 928 oder 935 versetzten J ). Denn nur so wird es erklärlich, dass 
er für die Zeit von Leopold's Erhebung bis zum Jahre 1012, dem der Ankunft Colomann's, 
von multis annis und successoribus suis sprechen konnte. Dass Jahr, Tag, Ort und nähere 
Umstände des Todes Leopold's (f 10. Juli 994 zu Wirzburg) in des berühmten Bischofs 
Dietmar von Merseburg weit verbreiteter Chronik ganz genau angegeben sind, davon 
nimmt unser Chronicon ganz und gar keine Notiz, was mit Hinblick auf die angegebene Ver- 
anlassung seiner Verfassung nur zu erklären ist, wenn eben dessen Verfasser keine Kenntniss 
von der Existenz derselben hatte; was wieder seinen Beruf und sein Geschick zu solcher Arbeit 
in kein brillantes Licht zu setzen geeignet ist. — Eine nicht minder gefährliche Blosse gibt 
sich unser Anonymus an dieser Stelle auch dadurch, dass er, wie aus dem ganzen Zusammen- 
hange hervorgeht, keine Ahnung davon hatte, Markgraf Heinrich I. sei eben der leibliche 
Sohn und unmittelbare Nachfolger Leopold's I. gewesen. Freilich, in den Melker Annalen 
stand und steht eben nichts darüber zu lesen. 

§• V. 

„Qui (Colomannus) etiam pro eo, quod guerras habebant continuas cum extraneis gen- 
tibus conterminis suis tunc temporis principes nostri, pro exploratore habitus est. Anno 

*) Auctar. Creinifan. ad ann. 920, Mon. Germ. XI, SS. IX, p. 552. — Auctar. Vindobon. ad ann. 928 1. c. p. 723. — Vgl. 
auch Auon. Leobiens. bei Pez SS. I, p. 756 ad ann. 935. 

I 



54 Andreas von Meiller. 

itaque ab mcarnatione domini M°XII° beatus Cholomannus suspensus in Stocherave coelos 
adiit, temporibus H. regis, qui dux fuerat Bajoariae, sed III . Ottoni imperatori successerat, 
marchiam quoque Austriae tenente Heinrico tritavo vestro. Per annum vero integrum 
et diniidium in patibulo pendens incorruptus, signis clarificatus deponitur et ibidem sepultus 
tantumdem temporis implevit. Peracto itaque post passionem ejus triennio, miraculis iterum 
proditus, levatur et in monasterio nostro, degentibus adhuc ibi canonicis, a Meingaudo Aih- 
stetensi episcopo tumulatus est." 

Das hier Erzählte ist ein kurzer Auszug aus der Passio s. Colomanni des Abtes Erchan- 
f'rid von Melk, in welchem die Angaben des Ortes Stockerau und der Intervention des Bischofs 
Meingod von Eichstädt aus den Melker Annalen zugesetzt sind; wobei nur zu bemerken, dass 
die letzteren die Hinrichtung Colomann' s „apud Stocherouue" vor sich gehen lassen, der 
Anonymus dagegen in Stockerau. — Die Bezeichnung des Markgrafen Heinrich I. als 
Tritavus des Herzogs Leopold V. (VI.) ist vollkommen unrichtig, da Heinrich, so viel wir 
wissen, ohne Söhne starb und der Bruder des atavus dieses Leopold's, des Markgrafen Adal- 
berts war, nach der von unserem Autor gebrauchten Reihenfolge: „pater, avus, proavus, 
abavus, atavus, tritavus" (Heinrich H., Leopold III. (IV.), Leopold II. (HL), Ernst, Adalbert). 
Nach der richtigen Geschlechtsfolge war Leopold I. der tritavus Leopold's V. (VI.). 

§. VI. 

„Hic autem H. marchio duravit per annos circiter XL" usque ad tempora Petri regis 
Ungarorum, qui sancto regi Stephano successerat. — Istius Petri praecibus et minis circum- 
ventus Poppo Trevir o r um archiepiscopus, frater marchionis (i. e. Heinrici), obtinuit a 
fratre suo, ut mitteret in Ungariam ossa beati Cholomanni; quae tarnen postea Ungari pesti- 
lentia et fame compulsi reddiderunt. — H. vero marchio decedens ipso anno (? quo ossa 
reddiderunt Ungari ?) filium reliquit Adalbertum, attavum vestrum." 

Auch in diesem Absätze beurkundet der Verfasser eine geradezu ausserordentliche Un- 
kenntniss in der Genealogie seiner Landesfürsten und der Geschichtsquellen, in denen er sich 
darüber hätte Raths erholen können. Erzählt doch Dietmar von Merseburg in seinem 
oberwähnten Chronicon, an welchem er bis wenige Wochen vor seinem Tode (1. December 
1019) gearbeitet und worin er somit die Ereignisse der letzten Jahre gleichzeitig mit ihnen, fast 
in der Art eines Tagesbuches, niederschrieb, zum Jahre 1018: „Heinricus, qui marcam inter 
Ungarios et Bawarios positam tenuit, VIII. calendas Julii fortiter armatus obiit 1 )". Wusste 
man doch in dem fernen Hildesheim nicht nur, dass Markgraf Heinrich I. im Jahre 1018 
gestorben war, sondern auch die Art seines Todes 2 ), abgesehen davon, dass in kaiserlichen 
Urkunden vom Jahre 1019 Heinrich's Bruder Adalbert als Markgraf erscheint. Es steht 
schlimm um die Glaubwürdigkeit eines Zeugen, der unter solchen Umständen den Tod des 
Markgrafen Heinrich's I. in irgend eines der Jahre zwischen 1038 und 1046, d. i. in die 
Regierungszeit des Königs Peter von Ungarn, versetzt, sein Leben der Wahrheit entgegen zum 
mindesten um 20 Jahre verlängert; eines Zeugen, der, um dem Werke die Krone aufzusetzen, 
auch noch den Bruder zum Sohne macht, während die Angaben so gewichtiger Zeugen, wie 
Hermann von Reichenau und des Babenberger Otto, Bischofs von Freising, Adalbert aufs be- 
stimmteste als den Bruder Heinrich's und Sohn Leopold's I. erkennen lassen. Die Fahrlässigkeit 



i) Mon. Germ. V, SS. III, p. 867. 

-i L. c. p. 95, Annal. Hildesheimensea z. J. 1018: „Heinricus marchio Bajoariorum subitauea morte praeventus obiit." 



Über das von Anselm Schuamb und Hiek. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Atjstriacum. 



55 



unseres Autors erscheint im vorliegenden Falle um so mehr zu rügen, weil eben die Chronik des 
Hermann's von Reichenau zum grössten Theil das Substrat war, welches den Melker 
Annalen im Jahre 1123 zu Grunde gelegt wurde und daher in Melk vorhanden war. (Vgl. 
Wattenbach's Angaben in den Mon. Germ. XL SS. IX. p. 480.) — Was die Nachricht von 
der Ausfolgung der Gebeine Colomann's durch die Vermittlung des Erzbischofs Poppo von 
Trier (geweiht am 1. Jänner 1016 [? 1017], gestorben am 16. Juni 1046) an den König 
Peter von Ungarn anbelangt, so schrieb sie unser Anonymus einfach aus der vom Abte 
Erchanfried (wohl nach dem Jahre 1123) verfassten Überarbeitung der älteren Legende 
des heiligen Colomann oder genauer aus dem, derselben von ihm beigefügten Anhange der 
durch sie erfolgten wunderbaren Heilungen u. dgl. ab. Die Legende selbst enthält nichts 
davon und Abt Erchanfried ist unser ältester und zugleich einziger Gewährsmann für seine 
eigene Angabe *). — Auch dieser ganze Absatz unseres Chronicons dient, wie die hier vor- 
stehenden, zum Beweise, dass der Autor, seiner Angabe getreu, sich wirklich nur an die, für 
seine Zwecke höchst unzureichenden Melker Annalen und Hausnachrichten gehalten habe. 

§. VIL 

„Hujus (i. e. Adalberti marchionis) industria dominicae crucis portio non minima, quae 
hactenus hic habetur et adoratur, ad locum istum delata est. — Ille cum filio suo L. (Liu- 
puldo) commissa pugna cum Ovone rege Ungarorum, qui Petro regi superpositus fuerat, maxi- 
mam partem exercitus ejus delevit, victor existens. — • Iste autem L. ante patrem obiit. — 
Petrus vero per H. regem, filium Chunradi regis, qui (i. e. Heinricus) primus fuit aequi- 
vocorum quinque sibi invicem in regno continue succedentium, suo regno restitutus Ovone 
rejecto, caecatus ab Ungaris successorem accepit Andream." 

Die Nachricht unseres Autors über den nach Melk vom Markgrafen Adalbert gestifteten 
Kreuzpartikel ist eine selbstständige desselben und zugleich die der Zeit nach älteste 
Beglaubigung dieser Thatsache. Auffallend bleibt es immerhin, dass die Melker Annalen 
von diesem, für ein geistliches Haus so wichtigen Ereignisse gar keine Erwähnung machen, 
selbst an dem Platze nicht, wo man darin den Tod des Adalbert angemerkt hatte. — Die 
Nachrichten über den Sieg Adalbert' s und seines jugendlichen Sohnes Leopold über die 
Ungern unter Ovo, den frühzeitigen Tod des Letzteren und so fort hat unser Autor fast 
wörtlich aus den Melker Annalen (Mon. Germ. XL SS. IX, p. 498) entlehnt, welche ihrerseits 
sie aus Hermann's von Reichenau Chronik entnommen haben, ohne es jedoch der Mühe werth 
zu finden, über die Zeit dieser Ereignisse das kleinste Wort zu verlieren, welche aus jener 
Chronik und dem eigenen Necrologium Melk's mit Leichtigkeit beizubringen gewesen wäre. — 
Das Räthsel, wie König Heinrich III., der Sohn König Konrad's, als der erste von fünf 
sich „invicem et continue" folgenden Königen des Namens Heinrich anzusehen sei, welches 
unser Autor aufgegeben, vermag ich nicht zu lösen. 



i) Dass auch Abt Erchanfrid mit der Chronologie es nicht immer allzu genau nahm , beweist Folgendes. Er sagt am 
angezeigten Platze: „Petrus rex Ungarorum est accensus (desiderio), quali modo posset hoc acquirere et in suum 
regnum traducere corpus (i. e. Colomanni). Haec eo meditante (Poppo) Trevirorum archiepiscopus, marchionis frater, 
ab Hierosolima rediens venit in regnum suum" etc. und lässt nun jene Angelegenheit sich abwickeln. Allein 
aus der Lebensbeschreibung dieses Erzbischofs wissen wir, dass er seine Pilgerfahrt nach Jerusalem, nach zuvor vom 
Papste Johann VIII. (1024 — 1033) eingeholter Zustimmung, im Jahre 1026 angetreten habe und im Sommer 1028 wie- 
der nach Trier zurückgekehrt sei, also lange bevor Peter König von Ungarn wurde. (S. Mon. Genn. X, SS. VII I, 
p. 175—181, insbesonders 176—177 und 179.) 



56 



Andreas von Meiller. 



§. VIII. 

„Adalbertus autem marchio moriens filium reliquit Ernist, abavum vestrum, qui post 
mortem patris anno X. in primo bello H. IV Ö . regis occisus est in Saxonia juxta fluvium Un- 
struth, anno XV . Altmanni Pataviensis episcopi." 

Nachdem jene Schlacht bekanntlich am 9. Juni 1075 stattgefunden, so wäre nach der 
Angabe unseres Melker Anonymus der Tod Adalbert's in einem der beiden Jahre 1065 oder 
1066 erfolgt, je nachdem am 9. Juni 1075 das zehnte Jahr nach Adalberts Tode eben 
vollendet wäre oder erst anfieng. Nun finden wir aber in den Melker Annalen selbst den Tod 
Adalbert's zum Jahre 1056 eingetragen, was zwar auch nicht ganz richtig ist, aber doch von 
dem wahren /Todesjahr 1055 nur um eine Einheit abweicht. — Ebenso unbegreiflich ist 
die weitere Angabe desselben, dass das in den Melker Annalen richtig angegebene Todes- 
jahr des Markgrafen Ernst, 1075, das 15. Pontificatsjahr des Bischofs Altmann gewesen sei, 
welches richtig gezählt um die Mitte des Jahres 1080 zu Ende ging, worüber wieder die 
eigenen Annalen seines Hauses ihm die sicherste Auskunft gegeben hätten , da in ihnen die 
Wahl Altmann' s ganz richtig beim Jahre 1065 angemerkt ist. — Die Nichterwähnung jener 
ansehnlichen Schenkung, welche Markgraf Ernst im Jahre 1074 dem Stifte Melk zuwendete 
und worüber die betreffende Urkunde noch heute das werthvollste Kleinod seines Archives 
bildet, darf uns bei der bis jetzt nachgewiesenen Oberflächlichkeit unseres Autors nicht mehr 
auffallend erscheinen. Er scheint es für genügend angesehen zu haben, dass bereits Andere 
anerkennender von der Wirksamkeit des Markgrafen Ernst gesprochen — »viri in regno cla- 
rissimi et multis saepe adversum Hungarios victoriis insignis", wie diesen Lambert von 
Hersfelden preist. 

§. IX. 

„Huic (Ernesto) successit filius ejus L. (Liupoldus II. [III.] ) proavus vester. — Eo 
tempore male pugnatum est in Maureberch anno Domini MLXXXII . — Ipso quoque favente 
ordo monachorum institutus est in Medilich sub abbate Sigiboldo , remotis videlicet inde 
canonicis anno domini MLXXXIX . — Qui (Liupoldus) post mortem patris (i. e. Ernesti) 
anno XXII . decedens filium reliquit L. (Liupoldum III. [IV.]) avum vestrum. " 

§. X. 

„Hic (Liupoldus III.) Agnetem, filiam Heinrici IV. regis duxit uxorem. — Et post haec 
anno VII°. terminos Ungariae potenter ingressus magnem caedem fecit et civitatem quamdam 
violenter captam exussit, inde cum pace regrediens. — Per eum quoque libertate donatus est 
locus Medelicensis et privilegio Pascalis papae II. confirmatus, dedicato videlicet priori anno 
monasterio ab episcopo (Pataviensi) Udalrico sub abbate Sigiboldo, qui praefuit primus 
nostrae ecclesiae annis XXVIH. — Mortuo autem ipso (i. e. Udalrico) et abbate Engelscalco 
de medio facto constituitur abbas Erchenfridus. Ille, marchione L. adhuc superstite, contra 
Reinmarum episcopum Pataviensem, qui jura ecclesiae Medelich voluit infirmare et decimas 
auft'erre, sedem Romanam adiit et auctoritate Innocentii papae (H.) privilegium antiquum reno- 
vavit et episcopi conamina eodem L. (marchione) favente frustravit. 

§. XL 

„Qui scilicet L. (Liupoldus III. [IV.]) post mortem patris anno XLI. decedens succes- 
sorem reliquit L. (Liupoldum IV. [V.]) patruum vestrum. Hic vir hic est, qui III", post mortem 



Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



57 



patris anno ejecto Heinrico, ducatum Bajoariae accepit. Sedbrevi, heu, duravit , quia post 
auctum honorem anno secundo superstitem atque successorem relinquens He inricum fratrem 
suum, patrem vestrum, vita minutus est. " 

§. XII. 

„Qui videlicet H. (Heinricus) accepta uxore Gertrude, filia Lotharii imperatoris, anno II , 
(matrimonii) viduatus est. — Hujus temporibus anno Domini MCXLVII . Chunradus rex, 
decimum in regno agens annum, etLudowicus Galliarum rex cum infinito exercitu Jerosolimam 
profecti, ipso quoque (Heinrico) comitante, adorato sepulchro domini tertio anno reversi sunt. 
In redeundo autem per Graeciam matrimonio sibi conjuncta est Theodora, filia clarissimi 
ducis, qui frater mit regis Greciae. u 

Alles bisher Gesagte ist eine fast wörtliche Abschreibung des in den Melker Annalen 
zu den Jahren: 1082, 1089, 1096, 1106, 1112, 1113, 1116, 1121, 1136, 1139, IUI, 
1147 und 1149 Eingetragenen; ohne dass unser Autor es auch nur im geringsten Masse ver- 
sucht hätte, diese an und für sich sowohl, als in Berücksichtigung der ihm gestellt gewesenen 
Aufgabe, dürftig zu nennenden Daten zu vermehren, von einer Verwerthung in einer, die- 
selben nicht blos aneinander reihenden, sondern ein gefälligeres Ganze bildenden Darstellung 
ganz zu schweigen. 

§. XIII. 

„Tertio dehinc anno defuncto C. rege cum Fridericus fratruelis ejus regno potiretur et 
hic ducem Saxoniae, quem expulsum superius diximus, in ducatum Bajoariae revocare decer- 
neret, iste H., pater vester, nomen et dignitatem, quam sua virtute adeptus fuerat, reportavit 
Austriae, scilicet ut deinceps non marchia, sed ducatus vocaretur et esset; dilatatis vide- 
licet terminis a flumine Anaso usque ad fluvium, qui dicitur Rotensala, addito et comi- 
tatu Pogen. " 

Mit dieser möglichst nüchternen, eben nur das Nöthigste und aller Welt ohnehin Bekannte 
wiedergebenden Erzählung fertigt unser Autor eine Angelegenheit von so eminenter Wichtig- 
keit für die Hausgeschichte der Babenberger sowohl, als für die Landesgeschichte Österreichs 
ab ; eine Angelegenheit , deren Entwicklung und endliche Beilegung in ganz Baiern und 
Osterreich, ja in ganz Deutschland mit höchster Spannung verfolgt und freudigst aufgenommen 
wurde und deren Schlussact er selbst der Wahrscheinlichkeit nach als Zeitgenosse vor sich 
gehen sah. — Diesem gewiss nicht unverdienten Tadel muss ich übrigens doch das, allerdings 
nicht allzu grosse Verdienst gegenüber halten, dass unser Autor, so weit meine Forschungen 
reichen, der erste und älteste Zeuge ist, welcher uns die „Rotensala" als westliche Grenze 
des neuen Herzogthums Osterreich gegen Baiern namentlich bezeichnet. Ich werde an 
einem andern Orte Gelegenheit haben, über diesen Gegenstand mich ausführlich auszusprechen. 
Die damals (1156) festgestellten neuen Landesgrenzen eingehender zu erörtern, wäre hier 
schon desswegen nicht am Platze, weil dies einen grösseren Raum einnehmen würde, als die 
gegenwärtige , ohnehin schon weit angewachsene Abhandlung dieser Untersuchung ein- 
räumen könnte. Nur so viel muss hier in dieser Richtung noch hinzugefügt werden, dass die 
Nachricht unseres Anonymus vom damaligen Anfalle der „Grafschaft Bogen" an das 
neue Herzogthum Osterreich durch andere directe Zeugnisse nirgends bekräftigt erscheint und 
die gewichtigsten Bedenken gegen sich hat. Das Wahre an der Sache dürfte meiner Ansicht 
nach Folgendes sein. Markgraf Leopold I. und seine nächsten Nachfolger waren bekanntlich 



Denkschriften der philos.-histor. Cl. XVIII. Bd. 



8 



58 



Andkeas von Meiller. 



einer Grafschaft im Donaugau, so wie einer solchen im Schweinachgau (einem Untergau des 
grossen, weit ausgedehnten Donaugaues) vorgestanden x ). Zu welcher Zeit die Babenberger 
die gräfliche Jurisdiction über jene Gegenden aufgegeben haben und unter welchen Umständen, 
ist uns nun zwar nicht bekannt, das aber wissen wir, dass sie noch mindestens bis gegen das Ende 
des XII. Jahrhunderts in der Gegend zwischen Osterhofen und Straubing Besitzungen, sowohl 
Allode als Reichslehen, hatten mit dem Hauptorte Plattling hart am linken Ufer der Isar. Aus 
den Grafschaften des Donaugaties aber entwickelte sich nach und nach die grosse Grafschaft 
Bogen, deren gräfliches Amtsgebiet auf beiden Seiten der Donau hinlief. Ich vermuthe nun, 
dass damals, als der Babenberger Heinrich zum Herzog erhoben wurde, seine allodial- oder 
reichslehenbaren Besitzungen in jenen Gegenden so zu sagen von der Landeshoheit des 
Herzogthums Baiern, respective der Jurisdiction der Grafschaft Bogen eximirt worden 
seien 2 ). — Wenn dies der Fall gewesen ist, dann steckt ein Körnchen Wahrheit in jenen 
Worten unseres Chronicons. 

§. XIV. 

„Post cujus (i. e. ducis Heinrici I.) reditum in Austriam ministeriales ejus, eo abseilte, 
munitum opidum Boemiae Podwin violenter captum incenderunt 1 '. 

Mit Ausnahme der Eingangsworte ist auch diese Stelle eine fast wörtliche Wiederholung 
der in den Melker Annalen zum Jahre 1158 eingetragenen Nachricht über die gewaltsame 
Einnahme dieser böhmischen Veste. Aber selbst in jenen wenigen Worten manifestirt sich 
die nonchalante Manier unseres Autors. Nachdem er im vorgehenden Absätze von dem im 
September 115 6 zu Regensburg abgehaltenen grossen Reichstage, welchem Herzog Heinrich 
persönlich beiwohnte, gesprochen, geht er unmittelbar auf ein im Jahre 115 8, zur Zeit als 
Herzog Heinrich mit seinem Contingente bei der Belagerung der Stadt Mailand von Oster- 
reich abwesend war, in der Heimat stattgefundenes Ereigniss über. Herzog Heinrich war nun 
aber nicht nur im September 115 6, sondern auch im Juli 1157 und im Jänner 1158 in 
Baiern; auf welches Jahr sich nun die Worte beziehen: „post cujus reditum in Austriam", 
darüber uns aufzuklären unterlässt unser Autor, wie er es auch nicht für nöthig findet, anzu- 
führen, dass jene absentia ducis Heinrici im Jahre 1158 dadurch veranlasst war, dass der- 
selbe dem Kaiser Heeresfolge auf seinem Zuge gegen Mailand leisten musste. — Wie in den 
früheren Absätzen liegt der einfache Erklärungsgrund für dieses Schweigen des Melker 
Anonymus auch hier darin, dass die Melker Annalen über die fraglichen Punkte auch Nichts 
enthalten und seine ganze Mühe lediglich darin bestand, diese abzuschreiben. 

Mit jenem Worte „incenderunt" bricht nun unser Chronicon in der zu Melk befindlichen 
ältesten Aufschreibung desselben ab, ohne dass bisher anderwärts eine Handschrift aufge- 
taucht wäre, welche dasselbe vollständiger oder gar mit einem Abschlüsse versehen enthielte. — 
Überblickt man dasjenige, was ich (gewissermassen als zweiten Abschnitt des Chronicons) 
in den §. IV. bis XIV. mitgetheilt und kurz besprochen habe, so ergibt sich als Resultat, dass 
unser Autor vom Jahre 10 5 6 bis zum Jahre 115 8 ohne irgend welche Zuthat aus anderen 
Geschichtsquellen lediglich die für jene Zeit noch dürftigen Annalen seines 
Klo sters abge schrieb en, Neues somit gar nichts beigebracht habe; für die frühere Zeit 



>) Meill er Kegg. d. Babenberg«-, p. 187 — 188, Note 1. 

-) Kitter v. Lnng's Veniiuthung (Baierns alte Grafschaften , p. 169 — 170j, dass hier an das sogenannte „Boigreich" lim 



heutigen V. 0. M. 1>. Umgebung von St. Bernhard) zu denken sei, erscheint bei näherer Untersuchung unstatthaft. 




Über das von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 59 

aber, vom Jahre 1056 bis 994 zurück, d. i. für die Periode der Markgrafen Adalbert und 
Heinrich, nicht nur fast durchaus Unrichtiges, den thatsächlichen Verhältnissen und 
der Chronologie Widersprechendes mitgetheilt, sondern auch eine gänzliche Unwissen- 
heit jener Geschichtsquellen beurkundet habe, welche er für seine Aufgabe zu Rathe 
ziehen konnte und zu Rathe ziehen musste. — Berücksichtigt man die Thatsache, dass das 
Chronicon unvollendet geblieben zu sein scheint, da es jedweden Schlusses entbehrt, daher 
auch des hier doch unbedingt nothwendigen Epiloges an den Auftraggeber, so drängt sich 
schliesslich unwillkürlich der Gedanke auf, der Autor sei auf irgend eine Weise, vielleicht 
durch Einsichtname und Prüfung seiner Arbeit von Seite eines geschichtskundigeren Ordens- 
bruders oder Freundes, zur Uberzeugung gelangt, es sei jedenfalls besser, er lasse es bei 
seiner bisherigen Leistung bewenden und lege dieselbe ad acta. — Wie dem nun auch immer 
sei, für mich steht das Ergebniss fest, dass das „Chronicon Conradi de Wizzenberg" als 
Geschichtsquelle fast werthlos zu nennen sei und jener alte Spruch auf dasselbe eine ganz 
passende Anwendung finde: das Neue darin ist nicht wahr und das Wahre nicht neu. Ergo 
requiescat in pace. 



60 



Andreas von Meiller. 



Anhang. 



i. 


889 


Anno dominicae incarnationis DCCCLXXXIX . gens Hungarorum ferocissima 
[et omni belua crudelior, retro ante saeculis ideo inaudita, quia nec nominata, a 
Scythicis regnis et a paludibus, quas Thanais sua refusione in immensam porrigit, 

egressa est J ). 

Beginonis (f 915) Chron. — Mon. Germ. I, 599. 


2. 


» 


Ungari ex Scythia egressi (Pannoniam ingrediuntur et) Hunos 2 ) ejiciunt. 
Annal. Salzburg, (saec. XII in.) ad ann. 889. — 1. c. XI, SS. IX, 770. 


3. 




Inde (i. e. e Scythia) gens Ungarorum a finitimis suis Pecenacis expulsa valedi- 

centes patriae primo per Pannoniarum et Avarorum solitudines venatu ac 

spatione victum quaerebant. 

Annal. Saxo (saec. XII med.) ad ann. 890. — 1. c. VIII, SS. VI, 587. 
Auctar. Cremifan. (saec. XIII— XIV) ad ann. 892. — 1. c. XI, SS. IX, 552. 


4. 


n 


Ungari ex Scythia egressi Pannoniam ingrediuntur. 

Auctar. Garsten, (saec. XII) ad ann. 889. — 1. c. XI, SS. LX, 565. 
Annal. Admont. (saec. XII) ad ann. 889. — 1. c. 573. 


5. 


892 ; im Juli 


Rex (Arnolfus) assumptis secum Francis, Bajoariis, Alamannis mense Julio Ma- 
ravam veuit. Ibi per quatuor ebdomadas cum tanta multitudine, Ungaris etiam 
ibidem ad se cum expeditione venientibus, omnem illam regionem incen- 
dio devastandam versabatur. 

Annal. Fuld. pars V. (saec. X ex.) 1. c. I, 408. 



1 ) In dem vom Erzbischofe Hincmar von Eheims (f 882) verfassten Theile der sogenannten Annal. Bertiani findet sich 
zum Jahre 862 die sonst nirgends vorkommende Notiz eingetragen: „hostes antea Ulis populis inexperti, qui Ungri 
vocantur, regnum ejusdem fd. i. König Ludwig's des Deutschen f 876) populantur". (M. G. I, 458.) Da die älteste 
bisher vorliegende Handschrift dieses Theiles der Annal. Bert, aus dem Anfange des XI. oder höchstens aus dem 
Ende des X. Jahrhunderts stammt (vgl. 1. c. p. 422), so ist es schon dadurch einleuchtend, dass wir es hier nur mit 
einer unrichtigen Einschaltung einer zu einem viel späteren Jahre gehörigen Nachricht zu thuu haben, welche einem 
Versehen des Schreibers der Handschrift zur Last fällt. 

3 ) Es sind hier bis um diese Zeit noch im Heidenthume verbliebene Beste des von Karl dem Grossen (791 — 797) 
unterjochten Volkes der Avaren gemeint , welche in den zwischen der Donau , der Drau und der Eaab gelegenen 
Landstrichen des heutigen Ungarns ansässig waren und von denen deutsche Geschichtsquellen zum Jahre 863 (862) 
die Nachricht geben: „nonnulli ex Hunis Christiani effecti sunt" (Herim. Aug. M. G. VII, SS. V, 106) oder „Huni Chri- 
stiani facti sunt" (Annal. Salzb. 1. c. XI, SS. IX, 770 und Annal. Admont 1. c. 573). Auf Kämpfe derselben mit den 
Deutschen scheinen die Angaben zu beziehen : „Huni Christianitatis uomen aggressi sunt , gens Hunorum nomen 
Christianitatis aggressa est". (Annal. Alam. 1. c. 1 , 80. — Annal. Forrnos. 1. c. VII , SS. V , 35. — Ekkeh. Chron. 
Wirzb. 1. c. VIII , SS. VI , 28. — Annal. Mellic. 1. c. XI , SS. IX , 496). Jener Theil des heutigen Ungarns gehörte 
nach der von Karl dem Grossen schon ursprünglich getroffenen und von seinem Enkel König Ludwig dem Deutschen 
(829) erneuerten Diöcesaneintheilung zur Diöcese Salzburg. Die Bekehrung jener Avarenreste fällt demnach zu- 
sammen mit der von den Erzbischöfen Liupram und Adalram in den Jahren 850—863 so eifrig betriebenen Christia- 
nisirung der dort unter dem Herzog Priwina um das Jahr 845 eingewanderten Slaven , neben und unter denen jene 
Avaren lebten, über welche Bekehrungen uns in der Conversio Carantanorum (1. c. XIII, SS. IX, p. 12—14) ausführ- 
lichere Nachrichten erhalten sind. 



Über das von Anselm Scheamb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



61 



10. 



11. 



12. 
13. 
14. 



892, im Juli 
893 

894 

894—895 



896 



899 



Arnolfus contra Maravenses pergebat etAgarenos, ubi reclusi erant, dimissit'). 

Annal. s. Galli major, (saec. X ex.) 1. c. I, 77. 
Factum est magnum bellum inter Bawarios et Ungarios 2 ). 

Annal. Hildesheim. (saec. X) 1. c. V, SS. III, 50. 
Annal. s. Lamberti (saec. X) 1. c. 51. 
Annal. Ottenburani — 1. c. VII, SS. V, 3. 

Avari, qui dicuntur Ungari, in bis temporibus ultra Danubium peragrantes, 
multa miserabilia perpetravcre. 

Annal. Fuld. pars V. (saee. X ex.j 1. c. I, 410. 

Circa haec tempora Zwentibold rex Marahensium Slavoruni, vir inter suos 
prudentissimus et ingenio callidissimus, diem clausit extremum ; cujus regnum filii 
ejus pauco tempore infeliciter tenuerunt, Ungaris omnia usque ad solum depopu- 
lantibus. 

Reginonis (f 915) Chron. — 1. c. I, 606. — Conf. Annal. Saxo (saec. XII) — 1. c. VIII, 
SS. VI, 589. 

Eodem anno Graecis cum vagantibus hostibus Ungariis pacem facientibus Bul- 

gari irati Graeciam invasam Constanlinopolim usque devastant. Interim Graeca 

astutia Ungarii inducti terram Bulgariorum ferro, praeda, igneque pessumdant. 

Bulgari reversi bis ab eis pugna victi et caesi terga verterunt. Tertio demum, divi- 

nam enixius gratiam praecati, XXmillibus suornm amissis, cruentam vix profligalis 

hostibus meruere victoriam. 

Herim. Aug. (f 1054) Chron. — 1. c. VII, SS. V, lll. — Conf. Annal. Fuld. pars V. 
(saec. X ex.) 1. c. I, 412. 

Ungri Italiam invaserunt. 

Annal. Alam. (saec. Xj 1. c. I, 53. 

Annal. Laubac. (saec. X) 1. c. 53. 

Annal. Augiens. (saec. X) 1. c. 08. 

Annal. s. Galli major, (saec. X) 1. c. 77. 

Annal. Beneventani — 1. c. VI, SS. IV, 174. 

Annal. Salzburg. — 1. c. XI, SS. IX, 771. 

Conf. Mariani Scotti Chron. — 1. c. VII, SS. V, 553. 

Ungri Italiam ingressi multa mala fecerunt. 
Annal. Besuens. (saec. XI) 1. c. II, 249. 

Belum inter Ungaros et Christianos in Italia. 

Annal. Einsidl. (saec. X— XI) 1. c. V, SS. III, 140. 
Ungarii hostes novi Italiam magna ex parte vastaverunt et conserto proelio 
victores XX millia ex Italis una die peremerunt. 

Herim. Aug. (f 1054) Chron. ad ann. 900. — 1. c. VII, SS. V, lll. 



1 ) Es wird für die Übertragung der uralten Sage von ehernen Pforten, hinter welche Alexander der Grosse die wilden 
Völker Gog und Magog eingesperrt habe, auf die Ungern gehalten, wenn Liutprand Bischof von Cremona (f c. 970) 
in seiner Autopodosis (M. G. VI, SS. IV, p. 776—784) von gewissen Befestigungen der Grenzen zuerst Meldung macht. 
Viele Chronisten und Historiker des XI. und XII. Jahrhunderts erwähnen übrigens diese Sache, z.B. Ekkehard in 
seinem Chronicon universale (1. c. VIII, SS. VI, p. 173), Sigebert in seiner Chronik (1. c. p. 345), der sächsische 
Annalist (1. c. p. 587) etc. „Quibusdam namque difiicillimis separata a nobis erat (gens Hunorum) interpositionibus, 
quas Clusas nominat vulgus , ut neque ad meridianam , neque ad occidentalem plagam exeundi habuerit facultatem", 
berichtet Liutprand. — Ich bin der Meinung, dass diese seine Angabe nicht in das Gebiet des Märchens zu verweisen 
sei und der Wirklichkeit entsprochen habe. (Vgl. z. B. p. 63, Nr. 22.) 

a ) Dieser Kampf, der Zeit nach der erste zwischen Baiern und Ungarn, muss eben desshalb an den östlichen Grenzen 
des von Kaiser Karl dem Grossen dem Reiche hinzugefügten Gebietes stattgefunden haben , somit wohl irgendwo 
am oder in der Nähe des Raabflusses. 



62 



Andreas von Meiller. 



15. 899 Gentes Pannonicae, quas Ungaros dicimus, Italiam depopulantur. 

Ekkehardi Chron. Wirzibg. (saec. XII in.) 1. c. VIII, SS. VI, 28. 
Annal. Mellic. — 1. c. XI, SS. IX. 496. 

16. „ Interea Ungrorum pagana et crudelissima gens Italiam veniens incendiis et 

rapinis cuncta devastans, maximamque multitudinem hominum interficiens, nonnullos 
etiam captivos reservavit. Contra qnos Berengarius rex direxit exercitum XV millia 
hominum. Sed pauci ex eis reversi sunt. Ungri vero, pertranseuntes Tar visin um, 
Patavinum, Brixiam, ceterosque fines, Papiam et Mediolanum venerunt 
et usque ad montemJob (der St. Bernhavdsberg) depopulantes cuncta. Sed et 
ad Venecia s introgressi cum equis atque pelliciis navibus primo civitatem novam 
fugiente populo igne concremaverunt. — Deinde Equilum, Finem ? Cloiam, 
Caputargelem ineenderunt, litoraque maris depopulaverunt. — Verum etiam 
temptantes Rivoaltum et Metamaucum (Malamoccum) ingredi per loca, quae 
Albiola vocantur, in die passionis ss. Apostolorum Petri et Pauli, tunc domnus 
Petrus dux navali exercitu dei protectus auxilio praedictos Ungaros in fugam 
vertit. Fuit namque haec persecutio in Italia et Venetia anno uno. — Rex igitur 
Berengarius, datis obsidibus ac donis, praedictos Ungros de Italia recedere fecit 
cum omni praeda, quam fecerunt. 

Joannis Chron. Venet. (saec. X ex.) 1. c. IX, SS. VII, 22. 

17. „ Ungaris Italiam depopulantibus rex Berengarius bello congressus miserabiliter 

vincitur. 

Sigeberti Chron. (saec. XI) 1. c. VIII, SS. VI, 345. 

18. 90O, an d. Enns Avari, qui dicuntur Ungari, tota devastata Italia ita ut, occisis episcopis quam 

plurimis, Italici contra eos debellare molientes in uno proelio, una die ceciderunt 
XXII millia; ipsi namque eadem via, qua intraverunt (Italiam), Pannoniam ex 
maxima parte devastantes, regressi sunt. — Missos illorum sub dolo ad Bajoarios 
pacem optando, (revera) regionem illam ad explorandam transmiserunt. Quod, proh 
dolor, primum malum et cunctis retro transactis diebus invisum dampnum Bajoarico 
regno contulit. Igitur ex improviso cum manu valida (et maximo exercitu) ultra 
Anesim fluvium regnum Bajoaricum invaserunt, ita ut per quinquaginta 
(? quinque) miliaria in longum et in transversum igne et gladio cuncta caedendo et 
devastando in una die prostraverint. Quod ut comperierunt ulteriores Bajo- 
arii, dolore compulsi contra festinare disponunt; sed Ungari hoc praecognoscentes 
cum bis, quae depraedaverunt, redierunt, unde venerant, ad sua in Pannoniam. — 
Interim vero quaedam pars de exercitu illorum de (? in) aquilonali parte 
Danubii fluminis, partem illam devastando, proruperunt. Quod ut Liupaldo 
comiti compertum foret, moleste hoc patiendum ferens contractis secum quibus- 
dam primoribus Bajoariorum, uno tantum Pataviensis sedis episcopo comi- 
tante, ultra Danubium eos insequendum se disposuit. Consertoque illico cum illis 
proelio, nobiliter dimicatum est, sed nobilius triumphatum. Nam in prima congres- 
sione belli tanta dei gratia Christianis occurrit, ut MCC gentilium inter occisos et 
qui se in Danubio merserant, perempti invenirentur. — — — et citissime in id 
ipsum tempus pro tuitione illorum regni validissimam urbem in litore Anesi 
; fluminis m uro obposuerunt. 

j Annal. Fühl, pars V. tsaoc. X ex.) 1. e. 1, 415. 



Üuer i>as von Anselm Schramb und Hier. Pez veröffentlichte Breve Chronicon Austriacum. 



63 



19. 


900, 


an 


d, Enns 


Norici cum Ungaris pugnaverunt et partem ex eis occiderunt. 
Annal. Alaman. (saec. Xj 1. c. I, 54. 


20. 


T) 




» " 


Iidem (Ungari) exploratam Bajoariam invadentes circa An es um flumen plu- 
rimas praedas abducunt. — Liutpaldus marchio quibusdam copiis Ungariorum 
cum paucis Noricorum congressus, uno tantum ex suis amisso, MCC peremit. — 
Item Pannonias depopulatas (Ungari) occupant. (Vgl. N. 22.) 
Herim. Aug. (f 1054) Chron. — 1. c. VII, SS. V, 111. 


21. 


V 




» n 


Ungari Bajoariam ingrediuntur et plus mille ex eis occiduntur. 

Ekkehardi Chron. Wirzibg. (saec. XII in.) 1. c. VIII, SS. VI, 28. 
Annal. Mellic. (saec. XII) 1. c. XI, SS. IX, 496. 
Annal. Salzburg, (saec. XII j ad ann. 901. — 1. c. 771. 


22. 


n 




n n 


Arnolfus imperator obiit (899, 9. Dec.) moxque eodem anno Ungarii morte illius 
audita collecto permagno exercitu Maravianorum gentem, quam illorum auxilio 
Arnolfus imperator sibi subdiderat, invadunt, sibique vendicant. Bajoariorum 
quoque fines occupant 1 ), castella diruunt, ecclesias igne consumunt, po- 

milnQ in mi lonf 11 f" yyi q 0*1 q +1 yyi o o n f n v inforTPnfru'iiTr» ooeo c* 11 rrii 1 n r^nf onf 
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Ekkehardi Chron univ fsapr XTT in i 1 VTTT SS VT 174. 

-1 J nlYl. J]/U UI , , III '.'II. Ulli T . \ O 1 1 <\ V, . j V 1 L III. J . \_ , I 1 1 1 . KJ • . • 1 J 1 l<i. 

Annal. Gradicenses. — 1. c. SS. XVII, 645. 

Conf. Adami Gesta Hamabg. archiep. — 1. c. IX, SS. VII, 301. 


23. 


901, 


Kärnthen 


Ungari Carentanum petentes comissa pugna victi, caesique fugerunt. 










Herim. Aug. Chron. (saec. XI) 1. c. VII, SS. V, Ul. 


24. 


!) 


11 


April 


Ungari Carentaniam invadunt et in sabbato (Paschae) commissa pugna occi- 
duntur. 

Ekkehardi Chron. Wirzibg. (saec. XII in.) 1. c. VIII, SS. VI, 28. 

Ekkehardi Chron. univ. — 1. c. 174. 

Annal. Saxo — 1. c. 590. 

Annal. Mellic. — 1. c. XI. SS. IX, 4SC. 

Annal. Salzburg, ad ann. 902. — 1. c. 771. 

Annal. Gradicenses — 1. c. SS. XVII, 645, mit: in sabbato Paschae. 


25. 


)5 






Ungari australem partem regni illorum (Bajoariorum) Carantanum devastando 
ineurrunt. 

Annal. Fuld. pars V. (saec. X ex.) 1. c. I, 415. 


26. 








Iterurn Ungari in Italiam. 

Annal. Alaman. (saec. X) 1. c. I, 54. 

Annal. Einsidl. (saec. X ex.) 1. c. V, SS. III, 140. 


27. 




Lo 


mbardie 


Anno dominicae incarnationis DCCCCP gens Hungarorum Longobardorum 
fines ingressa, incendiis ac rapinis crudeliter cuneta devastat. Cujus violentiae ac 
belluino furori, cum terrae incolae in unum agmen conglobati resistere conarentur, 
innumerabilis m